„Hellhörige Scheu vor dem Vergangenen“. Von Menschen und Mäusen oder: Jene zwanziger Jahre

Hegel, Hölderlin, Beethoven, Engels, Celan, Adorno

2020 – schönes Zahlenspiel, Zahlenmagie. Man kann auf solchen Datumsgrenzen zurückblicken. Aufs letzte Jahr und in diesem Falle gar auf das letzte Jahrzehnt und man kann Listen mit Büchern, Ausstellungen, Theaterstücken ausstellen: was war, was vorgeblich wichtig war oder auch nicht oder was ein Aufreger oder keiner war. Was man gelesen hat, was und wieviel. Undsoweiter. Aber solche Sichtung bleibt ohne Bezug und Kontext und damit im guten hegelschen Sinne abstrakt. Und wollte man diesen Kontext erzeugen, wuchtete sich der Text zu einem Essay über jenes Jahrzehnt aus. Insofern lieber mäandern.

Listen, Preise und Rankings mögen einen bestimmten Zeitgeist spiegeln und sie sind insofern soziologisch interessant. Doch übers ästhetisch Gelungene geben sie nur bedingt Auskunft. Weshalb ein Buch wie Anke Stellings „Schäfchen im Trockenen“ letztes Jahr den Leipziger Buchpreis erhielt, mögen die Götter oder die heutigen Bewohner des Prenzlauer Bergs wissen. Es gibt, so scheint es mir, Buchpreise, die nicht primär die ästhetische Qualität eines Textes, sondern dessen politische Haltung bepreisen: das unabdingbare Recht, innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings wohnen zu müssen. Und es sind das dieselben Leute, die heute jammern und klagen, wenn sie aus ihren Wohnungen gentrifiziert werden und denen es gestern am Arsch vorbeiging, wer da eigentlich vorher im Wins- oder Bötzow-Viertel wohnte, bevor sie in jene Wohnungen einzogen. Ossis waren Kollateralschaden und mußten halt dem neuen biederen Lebensstil weichen. Da machte es nichts, wenn es für den Vormieter ab in die Platte nach Hellersdorf ging. Da fragte niemand, da schrieb kaum einer was zu. Aber das ist inzwischen auch über zwanzig Jahre her. Und so möchte man auch heute mit maliziösem Lächeln jenen Klagenden entgegnen: Leben ist eben Veränderung.

Festhalten kann man freilich fürs letzte Jahrzehnt verschiedene Tendenzen: Die wichtigste findet sich wohl im Feld des Politischen und es ist dies in meinen Augen die traurigste, erschreckendste und gefährlichste: nämlich der Niedergang der Sozialdemokratie, einst eine Volkspartei. 2013 noch beging sie ihren 150. Geburtstag und selbst in jenem Jubeljahr samt Jubelfest hätte, trotz Rückschlägen und trotz Wählerschwund, wohl niemand daran gedacht, daß sich die gute alte Tante auf dem Weg einer 15 %-Partei befindet. An diesem Niedergang sind nicht nur die Medien schuld, vor denen es – insbesondere in der Springer-Presse – die SPD immer schon ein Stück weit schwerer als die bürgerliche CDU hatte – man denke nur an Steinbrücks Fuckfinger und der daraus abgeleiteten Kampagne, während man Asse- und Irakkrieg-Merkel ungehindert gewähren ließ, ebenso ihre unsolidarische Haltung, nicht nur in der Flüchtlingsfrage, vor 2015 gegenüber Ländern wie Italien und Griechenland, und wie jene Medien es dabei unterließen, irgendwas von diesen Dingen je aufs Zeitungspapier zu drucken. Doch trug vor allem die SPD selbst an diesem Niedergang erheblichen Anteil und es läßt sich dieser Wählerschwund nicht nur auf die mediale Berichterstattung reduzieren.

Eine weitere unheilvolle politische Tendenz lag darin, daß sich die Klientel linker Politik entscheidend veränderte. Große Teile der Linken verschrieben sich einer Identitätspolitik, die primär nur noch auf Partialeffekte und Gruppenidentitäten abzielte. Das Abklopfen nach Marginalisierungen wurde Lieblingsbeschäftigung, Opferquartett das Lieblingsspiel. Noch die Literatur wurde von jenen Literaturblasenevangelikalen nach der korrekten Darstellung von Minderheiten in Prosa und auf sprachliche Reinheit abgeklopft. Vom politischen Separatismus ganz zu schweigen. Kein Blick aufs ganze, keine Analyse von Strukturen und von Denksystemen. Stattdessen häufig kurzschlüssige Ideologiekritik oder Identitätspolitik.

Daß es zwischen dunkelhäutigen und weißhäutigen Arbeitern und Angestellten durchaus politische Gemeinsamkeiten geben könnte, geriet zunehmend aus dem Blick und ebenso geriet aus dem Fokus, wie man solche Gemeinsamkeiten gesellschaftlich und politisch sichtbar machen kann. Solche Abschottungen, zum Teil auch innerhalb der SPD und im Osten gegenüber dem klassischen Milieu der Linke-Wähler, waren mitverantwortlich dafür, daß da eine Partei am rechten Rand entstehen konnte, die Bedürfnisse und Wünsche auffing. Dies ist beileibe nicht die einzige Ursache, aber doch eine von vielen. Man betrachte sich die Wählerwanderungen.

(Gelingende) linke Politik ist heute kaum noch denkbar. Kluge Linke wie auch der Dialektiker im Grandhotel Abseits ziehen sich aufs Feld der Analyse und gerne auch der ästhetischen Abenteuer zurück – gleichsam dem einheimisch-dialektischen Reich der Theorie, worin Waldgänger, destruktive Charaktere und abenteuerliche Herzen ihren Platz haben und sich tummeln. Denn Gesellschaft zu verändern, bedeutet zunächst mal, sie überhaupt erst in ihren Mechanismen zu begreifen – manchmal auch von der Perspektive des Exzentrikers her, der beim heutigen Juste Milieu der evangelikalen Identitätslinken nachgerade verpönt ist, wie er es sonst nur beim Spießbürger war – und auch die komplexen Aspekte in den Blick zu bekommen und das, was uns als vermeintliche Naturform gespiegelt wird, als gesellschaftlich Gemachtes und damit auch als Veränderbares zu lesen.

Womit wir beim Jahr 2020 angelangt sind und damit bei den anstehenden Jubiläen, nämlich Hegels und Hölderlins 250. Geburtstag. Man kann solche Jubiläen belächeln und als bildungsbürgerlichen Scheiß abtun, nur sollte man dann auch etwas Besseres in petto haben als Partialphilosophie, Textethiken samt intellektueller Kleingeisterei, die auf Partialschwachsinn hinauslaufen.

Hegel wie Hölderlin dachten und begriffen ihre Zeit und sie realisierten die großen gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Umbrüche ihrer Epoche, die bis heute Auswirkung haben: der Einsatz von Maschinen zur Produktion von Waren, das Ausbilden einer bürgerlichen Schicht und damit korrespondierend einer pauperisierten, die Bedeutung der Arbeit und das

„Herabsinken einer großen Masse unter das Maß einer gewissen Subsistenzweise, die sich von selbst als die für ein Mitglied der Gesellschaft notwendige reguliert – und damit zum Verluste des Gefühls des Rechts, der Rechtlichkeit und der Ehre, durch eigene Tätigkeit und Arbeit zu bestehen -, bringt die Erzeugung des Pöbels hervor, die hinwiederum zugleich die größere Leichtigkeit, unverhältnismäßige Reichtümer in wenige Hände zu konzentrieren, mit sich führt.“

So Hegel im Paragraph 244 seiner „Rechtsphilosophie“. Dieser gesellschaftliche Wandel kulminiert bei Hegel unter den Begriffen Entzweiung und Entfremdung. Vor allem aber traf Hegel die zentrale Unterscheidung zwischen der sich herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat als Rechtsstaat, dem in diesen Konflikten eine zentrale Rolle zukam. Hegel dachte, so formuliert es Vieweg in seiner Hegel-Biographie, „über die Bedingungen für einen vernünftigen und freien Staat“ nach und dies eben ist eine Konstante in Hegels Philosophie. Bis heute aktuell. Bis heute zu realisieren.

Ebenfalls dachten Hegel wie Hölderlin die Bedeutung und die Macht der Kunst. Der Kunst kam zum einen eine gleichsam therapeutische wie auch verändernde Kraft zu, weil sie zum einen Möglichkeiten eines Anderen bereitstellte, das im Vorschein als Utopie aufblitzte oder in Rätselschrift sich als zu lesende Chiffre seinen Weg bahnte, wie in Hölderlins Dichtung, und zum anderen machte uns Kunst etwas anschaulich, was im Medium des Begriffs zunächst sich „verkapselt“, in der Kunst aber eine Form erhält, so daß Inhalte (sinnlich) zugänglich werden: in der Kunst schaut Gesellschaft sich selbst an. Gekonnt zeigt Hegel dies etwa in seinen Ästhetik-Vorlesungen anhand der niederländischen Genre-Malerei.

Kunst versinnlicht und darin liegt für das ausgehende 18. und das kommende 19. Jahrhundert zugleich eine Möglichkeit von umfassender Bildung, die nicht nur den Verstand, sondern ebenso die Sinne beansprucht: Jenes Programm ästhetischer Erziehung, das sich im Ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus von 1797 als Versinnlichung der Ideen und als ästhetische Aufklärung Bahn brach, um mittels einer neuen Mythologie und neuen Formen des Erzählens so etwas wie Volksbildung zu betreiben. Denn nur ein gebildetes Volk kann auch politisch sich beteiligen. Kunst besitzt, neben der Ausbildung ihrer Autonomie immer eine gesellschaftliche Funktion. Nicht im unidirektionalen Sinne und als Zeigefingerpädagogik, sondern qua ihrer Auseinandersetzung mit und der Aneignung von Gesellschaft. Noch ein einfacher Seitensprung im Eheleben, den Literatur in Darstellung bringt, hat gesellschaftliche Relevanz, ist auf ganz unmittelbarer Ebene gesellschaftlich genommen, und der (subjektive) Brief als Romanform, in der eine unglückliche Liebe zum Ausdruck kommt, ist ebenso gesellschaftlich vermittelt und wirkt qua ästhetischer Form wiederum auf Gesellschaft und die Möglichkeiten von Kunst zurück.

Zentral ist die Rolle der Kunst in der ästhetischen Moderne seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nicht mehr nur im Sinne der Bildung, sondern ebenso als Medium der Erkenntnis. Womit wir für das fatale und brutale 20. Jahrhundert bei einem dritten Jubiläum wären – das von Beethoven muß man freilich noch dazu nennen, denn ohne diesen wären die ästhetischen Brüche des 20. Jahrhunderts in der Musik, wären Mahler, Schönberg und Berg kaum denkbar. Nämlich dem 100. Geburtstag und gleichzeitig dem 50. Todestag von Paul Celan. Wohl in kaum einer Dichtung wurde das Grauen des deutschen Massen-Mordens im Zweiten Weltkrieg und insbesondere die Vernichtung ganzer Menschengruppen derart zum Ausdruck gebracht und zugleich ein anderes Sprechen als Schweigen und Andersdenken als Dichten derart bedeutsam. Die Linie Hölderlin – Celan dürfte bis heute hin aktuell und interessant sein. Man denke nur, was die bereits ganz unmittelbar genannten Bezüge angeht, an Celans „Tübingen Jänner“ und darin die schwimmenden Hölderlintürme samt jenem fremdseltsamen hölderlinschen Rätselwort „Pallaksch“:

Zur Blindheit über-
redetet Augen.
Ihre – „ein
Rätsel ist Rein-
entsprungenes“ –, ihre
Erinnerung an
schwimmende Hölderlintürme, möwen-
umschwirrt.

Besuche ertrunkener Schreiner bei
diesen
tauchenden Worten:

Käme,
käme ein Mensch,
käme ein Mensch zur Welt, heute, mit
dem Lichtbart der
Patriarchen: er dürfte,
spräche er von dieser
Zeit, er
dürfte
nur lallen und lallen,
immer-, immer-
zuzu.

(„Pallaksch. Pallaksch.“)

Jene aussetzende Sprache, das tauchende Wort; und aus der Sprachlosigkeit heraus, in einer Art Engführung, geschieht, fast musikalisch, ein neues Sprechen. Den wohl bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts gilt es dieses Jahr zu feiern. Bedeutsam deshalb, weil sich in der Kunst Möglichkeiten zeigten, solches Grauen in eine hermetische Sprache zu bringen, die nicht einfach mehr im Kunstgenuß sich erschöpft, sondern so etwas wie die ansonsten in der Philosophie beheimatete „Anstrengung des Begriffs“ auch für die Kunst erfordert. Destruktion von Sinn und Sinnhorizonten.

Und damit korrespondierend, nämlich unter anderem auch im Sinne einer Dichtung bzw. Kunst nach Auschwitz, aber ebenso in Fragen nach der Öffnung der ästhetischen Formen und dem Gelingen neuer, anderer Kunst, gilt es, die wohl bedeutendste Ästhetik des 20. Jahrhunderts zu feiern, nämlich 50 Jahre Adornos „Ästhetische Theorie“ – 1970 von Rolf Tiedemann und Gretel Adorno aus den einzelnen Textteilen, Notizen und Fragmenten Adornos in ein Buch gebracht.

Bis heute ist diese Kunsttheorie, die selbst mehr als nur Kunstphilosophie sein will, in den Debatten präsent. Bis heute umstritten, wenn es etwa um die Frage nach den Gattungsgrenzen, dem Einreißen von Grenzmarkierungen und einer radikalen Veränderung der Kunst geht. In einem Blog sind diese wissenschaftlich zu sichtenden Aspekte kaum thematisierbar. Aber zumindest lassen sie sich anspielen und einzelne Aspekte der Theorie zwischen all diesen gerade genannten Denkern und Dichtern können in eine Konstellation gebracht werden, so daß – vielleicht in einer Art von Benjaminschem dialektischen Bild – so etwas wie ein Szenario aufblitzt, das pointiert Möglichkeiten, Schwierigkeiten und auch die Aporien gegenwärtiger Kunst aufzeigt.

Spannend in jedem Falle bleibt, daß mit Hölderlin, Hegel, Beethoven, Adorno, Celan, aber auch mit dem 200. Geburtstag von Friedrich Engels ein Feld geschaffen werden kann, in dem Kunst und Gesellschaft ihren Ort haben. Auch in diesem Sinne zeugen Jubiläen von Zeitgenossenschaft. Vor allem besetzen Kunst und Gesellschaft samt jenen Rückblickjubiläen diesen Ort der zeitgenossenschaftlicher Reflexion in ihren Brüchen, was im Gegenwartsbezug eminent auch auf die Formfragen der Kunst am Ende abzielt – unter anderem bedeutet dieser Bruch, für den jene Namen stehen, das Auflösen klassischer oder überkommener Formen und zugleich eine plurale Erweiterung des Kanons.

Das „Meer des nie Geahnten“, welches sich den klassischen Avantgarden der 1910er Jahre auftat und „auf das die revolutionären Kunstbewegungen um 1910 sich hinauswagten, hat nicht das verhießene abenteuerliche Glück beschieden. Statt dessen hat der damals ausgelöste Prozeß die Kategorien angefressen, in deren Namen er begonnen wurde“ wie Adorno im Auftakt seiner Ästhetik schrieb: und so wurde in der Kunst zur Selbstverständlichkeit, daß nichts mehr selbstverständlich ist. Mit Hegel, Hölderlin, Beethoven und Celan haben wir ganz unterschiedliche Protagonisten für eine Bewegung, die bis heute anhält.

Namen in Jubiläen sind Schall und Rauch. Aber die mit den Namen verbundenen Theorien und die Dichtung sind es nicht. Und zu ihnen gesellt sich jener raue, harte, politische, neoklassische, affirmative, brutale Sound jener 1920er Jahre: zwischen Benn, Benjamin, Jünger und Brecht und am Ende Franz Kafkas wie auch Robert Walsers Prosa: eine Art von Verschwinden im Text, in Kunst, ein Kleinwerden, Verlust und die Frage, was eigentlich Kunst noch für jene seltsame Gegenwart sei und was sie bedeutet. Ähnlich der Weise wie es Kafka 1924 in seiner letzten Erzählung „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ schilderte:

„Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es sich mit dieser Musik eigentlich verhält. Wir sind doch ganz unmusikalisch; wie kommt es, daß wir Josefinens Gesang verstehn oder, da Josefine unser Verständnis leugnet, wenigstens zu verstehen glauben. Die einfachste Antwort wäre, daß die Schönheit dieses Gesanges so groß ist, daß auch der stumpfste Sinn ihr nicht widerstehen kann, aber diese Antwort ist nicht befriedigend. Wenn es wirklich so wäre, müßte man vor diesem Gesang zunächst und immer das Gefühl des Außerordentlichen haben, das Gefühl, aus dieser Kehle erklinge etwas, was wir nie vorher gehört haben und das zu hören wir auch gar nicht die Fähigkeit haben, etwas, was zu hören uns nur diese eine Josefine und niemand sonst befähigt. Gerade das trifft aber meiner Meinung nach nicht zu, ich fühle es nicht und habe auch bei andern nichts dergleichen bemerkt. Im vertrauten Kreise gestehen wir einander offen, daß Josefinens Gesang als Gesang nichts Außerordentliches darstellt.

Ist es denn überhaupt Gesang? Trotz unserer Unmusikalität haben wir Gesangsüberlieferungen; in den alten Zeiten unseres Volkes gab es Gesang; Sagen erzählen davon und sogar Lieder sind erhalten, die freilich niemand mehr singen kann. Eine Ahnung dessen, was Gesang ist, haben wir also und dieser Ahnung nun entspricht Josefinens Kunst eigentlich nicht. Ist es denn überhaupt Gesang? Ist es nicht vielleicht doch nur ein Pfeifen? Und Pfeifen allerdings kennen wir alle, es ist die eigentliche Kunstfertigkeit unseres Volkes, oder vielmehr gar keine Fertigkeit, sondern eine charakteristische Lebensäußerung. Alle pfeifen wir, aber freilich denkt niemand daran, das als Kunst auszugeben, wir pfeifen, ohne darauf zu achten, ja, ohne es zu merken und es gibt sogar viele unter uns, die gar nicht wissen, daß das Pfeifen zu unsern Eigentümlichkeiten gehört. Wenn es also wahr wäre, daß Josefine nicht singt, sondern nur pfeift und vielleicht gar, wie es mir wenigstens scheint, über die Grenzen des üblichen Pfeifens kaum hinauskommt – ja vielleicht reicht ihre Kraft für dieses übliche Pfeifen nicht einmal ganz hin, während es ein gewöhnlicher Erdarbeiter ohne Mühe den ganzen Tag über neben seiner Arbeit zustandebringt – wenn das alles wahr wäre, dann wäre zwar Josefinens angebliche Künstlerschaft widerlegt, aber es wäre dann erst recht das Rätsel ihrer großen Wirkung zu lösen.“

Auch darin steckt jene Frage, was eigentlich ein Kunstwerk zum Kunstwerk macht oder ob es nicht vielmehr am Ende doch ein ganz gewöhnliches Pfeifen ist – ein Geräusch, ein Ding. Zumindest eine Ahnung scheint beim Volk der Mäuse vorhanden und etwas ist da im Gesang der Josefine, was ein Mehr entläßt. Oder wie Adorno es in bezug auf die Kunst formulierte: „Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind.“ Für Adorno ist dies die Gestalt aller künstlerischen Utopie und darin eben liegt – unter anderem – die Aktualität von Adornos Ästhetik. Und man kann dies vielleicht mit Martin Heidegger ergänzen, wenn er in den Schwarzen Heften von 1931 die „Hellhörige Scheu vor dem Vergangenen“ beschreibt. Man muß dieses Rückgehen nicht als Regression fassen, sondern im Sinne eines Andenkens, eines Erinnerns und einer Form von Anamnesis. Und dazu eben dienen auch solche Jubiläen und Gedenktage, vielleicht im Celanschen und im Derridaschen Sinne einer Poetik des Datums. Einer Einmaligkeit und Singularität, die in eine wiederkehrende Struktur eingeschrieben wird.

***

Wer sich ansonsten in ästhetischen Fragen auf die zwanziger Jahre vorbereiten möchte, der lese dazu unbedingt Adornos Aufsatz „Jene zwanziger Jahre“ aus den „Eingriffen“, darin sich auch eine Kulturkritik des Revivals findet (besonders schön darin die Wendung von der Tapetenmusterkunst):

„Schlagworte machen sich verdächtig nicht bloß durch ihre Funktion, den Gedanken zur Spielmarke zu degradieren; sie sind auch Index ihrer eigenen Unwahrheit. Was das öffentliche Bewußtsein heute, zumal die Mode der Revivals den zwanziger Jahren zuschreibt, war damals, spätestens 1924, schon im Verblassen; die heroischen Zeiten der neuen Kunst lagen vielmehr um 1910, die des synthetischen Kubismus, des deutschen Frühexpressionismus, der freien Atonalität Schönbergs und seiner Schule.

[…]

Damit die gegenwärtige Kunst kein Aufguß der zwanziger Jahre werde, nicht zum Bildungsgut degradiere, was den Bildungsgütern absagte, müßte sie nicht nur der technischen Probleme, sondern auch der Bedingungen der eigenen Existenz sich bewußt werden. Sie hat zum gesellschaftlichen Schauplatz nicht mehr den sei’s auch zerfallenen Spätliberalismus sondern eine gesteuerte, überdachte, integrierte Gesellschaft, die »verwaltete Welt«. Was in dieser als Protest der künstlerischen Form sich regt – und keine künstlerische Form wäre länger denkbar, die nicht Protest ist -, fällt selber in das Geplante, dem sie widersteht, und trägt die Male dieses Widerspruchs. Die Kunstwerke werden dadurch, daß sie, nach der Emanzipation und allseitigen Aufbereitung ihres Materials, rein aus dem eigenen Formgesetz sich entwickeln, ohne alles Heterogene, potentiell zu einem Allzublanken, Ausgefegten, Gefahrlosen. Ihr Menetekel sind die Tapetenmuster.“ (Adorno, Jene zwanziger Jahre)

 

18 Gedanken zu „„Hellhörige Scheu vor dem Vergangenen“. Von Menschen und Mäusen oder: Jene zwanziger Jahre

  1. Politisch liest sich das ja fast wie der „Trost der Philosophie“. Gäbe es noch jene Linke der ich mich selbst immer noch zugehörig fühle würde jetzt im Augenblick in Deutschland Hunderttausende gegen den Ausbruch eines Krieges zwischen den USA und Iran demonstrieren und zu diesem Behuf Airbases blockieren.

  2. Celan als bedeutendster Dichter des 20. Jahrhunderts. Und was Sie aus Adorno „herausholen“ – Chapeau!

    Freue mich auf viele interessante Beiträge von Ihnen.

  3. @“Die Kunstwerke werden dadurch, daß sie, nach der Emanzipation und allseitigen Aufbereitung ihres Materials, rein aus dem eigenen Formgesetz sich entwickeln, ohne alles Heterogene, potentiell zu einem Allzublanken, Ausgefegten, Gefahrlosen. Ihr Menetekel sind die Tapetenmuster“ —– Daran anknüpfend schrieb, ich meine es wäre Eckhard Siepmann gewesen, in den Siebziger Jahren: „Die Entwicklung der Kunst zu dekorativen Zwecken lässt sich in einem Satz ausdrücken: Von Mondrian zu Persil.“

  4. So ist es che! Das ist heute in der Tat ein Problem der Linken. Heute geht man nicht auf die Straße dafür, sondern man macht irgendeinen Twittershitstorm – man ist quasi symbolisch und ereifert sich über Läppisches, weil Barbara Schöneberger es nicht mag, daß Männer sich schminken. Es ist so unendlich lächerlich.

    Adorno kritisierte in der Tat jene Tendenz, daß einstmals revolutionäre ästhetische Formen sich abnutzen und dekorativ bzw. zu Waren werden, Hotelzimmerbilder bzw. Tapettenkunst nennt er dies.

    @Gregor Keuschnig: Haben Sie vielen Dank! Auch ich hoffe auf viele (halbwegs) gelungene und ein paar wenige gute und sehr Essays und Texte.

  5. In Hinsicht auf Literatur bin ich ja ein Banause. Meine Lektüre besteht aus Sachbüchern, historischen Romanen, Science fiction, Fantasy und Satire, insofern kann ich zu den hier abgehandelten literarischen Betrachtungen sehr wenig sagen, lese das aber immer gerne. Das gilt ebenso für Gregor Keuschnig.

  6. Lustig @Bersarin, mit dem Barbara Schöneberger Beispiel wollte ich @Che auch gerade antworten;):
    Ho! Ho! Hoh(l)er Spatz!
    Die Hoher-Spatz-Linke und die Attitude-FeministInnen von heute in ihrer religiösen Verblendung sind wohl leider einfach viel zu beschäftigt, um sich um solche Nebensächlichkeiten wie „Krieg“ zu kümmern. Alle Resourcen werden doch viel dringender benötigt, um wie gesagt beispielsweise auf Barbara Schöneberger herumzuhacken, weil sie ohgottohgottohgott für sich p e r s ö n l i c h geschminkte Männer nicht so gerne mag, oder dafür unseren Jüngsten in Liedform einzutrichern, dass Oma eine alte „Umweltsau“ sei, nur um anschließend zu behaupten, dass es sich um die explizit benannte „Omi“ natürlich dann doch gar nicht handeln würde, sondern das mit „Oma“ ganz selbstkritisch der männliche Verfasser von sich sprechen würde…?!? Das versteht man offenbar nur, wenn man auch Menschen versteht, die seit Wochen für eine Veranstaltung im Sommer werben, in der man sich, wenn ich das richtig verstanden habe, trifft um sich offenbar politisch i r g e n d w i e einzubringen oder zusammen für i r g e n d w a s Petitionen zu unterschreiben…?!? Von so einem konkreten Quatsch wie „Krieg“ ist hierbei natürlich keinerlei Rede, das wäre dann wahrscheinlich wieder irgendwie nazimäßig und ihbähh Kenfmig, wie im Zweifelsfall alles, was die eigene Position nicht zu hundertprozent wiedergibt, aber die Influenzer tragen stolz Ihre Tränengräben der Rührung in die Öffentlichkeit, wenn sie in ihren „Insta-Stories“ salbungsvoll dokumentieren, wie Follower Karten für dieses Jahrhundertevent erstanden haben. Wie wird es erst werden, wenn wir in das gelobte Zeitalter der total angesagten Erwachsenen Windelträger kommen, in dem man dann wahrscheinlich in den Hungerturm kommt, wenn man sich unvorsichtig äußert und erwähnt, dass man ganz persönlich Windeln im Bett irgendwie als unsexy empfindet, weil man mit den eigenen Vorlieben natürlich Heeeeerscharen von Mitmenschen verletzten würde und auf deren Gefühlen herumtrampeln würde, ist doch total einleuchtend…

  7. Tja, und ich gehöre zu einer Generation, die Mottoparties veranstaltet hat wie „Auf die Yankees volles Rohr, Waffen für El Salvador!“ um das dort eingesammelte Geld zur Finanzierung der Guerrilla zu verwenden und die die Einnahmen unserer Straßenfeste in den eigenen Klamotten verborgen nach Kurdistan geschmuggelt hat. Für uns gehörte es zum Lifestyle und zur Attitude mit dem Schlagstock Naziglatzen zu jagen. Wer ohne Knüppel und Armschützer auf eine Demo ging war einfach erbärmlich uncool.

  8. Und als Kinder haben wir wenn wir krank waren zur Stärkung von Mutti Rotwein mit Ei bekommen, und im Sandkasten war Regenwürmer essen eine Mutprobe.

  9. @ Che Oh ha! Das waren ja krasse Mottoparties bei Euch! Ich war immer sehr harmlos und gewaltfrei und eher ein von 80er Jahre Albträumen geplagter Teenager… In der Grundschulzeit sind wir noch mit der Sammelbüchse für die Kriegsgräberfürsorge herumgelaufen und kaum bin ich auf’s Gymnasium gekommen, waren die Gänge zur Aula gepflastert mit selbst erstellten Diagrammen, die besagten, innerhalb wievieler Tage Hamburg nach einem Atomraketeneinschlag quasi komplett dem Erdboden gleich gemacht wäre – sprich, wie lange man noch mit einem Büschel Haaren herumlaufen würde, wenn man weit genug vom Zentrum gewohnt hätte und so… Als ich meinen Realschulabschluss gemacht hatte, konnte ich kaum üben weil ich so besorgt war wegen Tschernobyl… Und dann war ich auch noch in die Regenwolke gekommen, in die man nicht kommen sollte… Deswegen frag ich mich immer, was eigentlich los ist, dass die Physikerin Frau Merkel angeblich erst nach Fukushima auf die Erleuchtung gekommen sein soll, dass Atomkraft vielleicht doch so einige Tücken in sich bergen könnte.. Und das nachdem sie sich wieder besserer Beratung für die Asse Endlagerung fehlentschieden hatte. Zum Jahrtausendwechsel hatte Helmut Schmidt das letzte Jahrtausend in der Zeit resümiert und einen Bestand gemacht, wieviele Atomraketen sich noch auf unserem Planeten befinden, und die Summe war erschreckend gigantisch… Langer Rede kurzer Sinn, dadurch, dass ich die Bedrohung durch den Kalten Krieg in den Achtziger Jahren live miterlebt habe, hab ich es immer als ein riesengroßes Geschenk empfunden, dass es tatsächlich zum Mauerfall gekommen ist, und kann es eigentlich immer noch nicht fassen, wie man so bescheuert sein konnte, all die Hoffnung wieder zu zerstören!!! Und früher hatte man zumindest noch eine aufgeweckte Öffentlichkeit um sich herum, aber heute sind die Leute so berschränkt und verblendet, dass sie noch gegen Friedensdemos mobil machen und damit quasi die Drecksarbeit für schlimmste Kriegstreiber erledigen.. Diejenigen verklärten Antideutschen, die es schaffen, fast jede Anti Kriegs Demo heutzutage quasi unter Naziverdacht zu stellen, wo ist denn deren Beitrag zum Frieden???
    Ich war die letzten Jahre zumindest auf den Ostermärschen, weil ja nichts Anderes mehr zu- stande kommt, aber es ist traurig, wie wenige da zusammenkommen.
    Früher war sogar die Popmusik noch irgendwie politisch und hat die Welt weniger ideologieverzerrt dargestell… Meinst du, so ein Video wäre heutzutage noch mit Trump und Putin möglich ohne dass es ein ohrenbetäubendes Gekreische gäbe, dass man Putin und einen Amerikaner jawohl nicht auf eine Stufe stellen dürfte…?

  10. Was Antideutsche angeht, zu denen habe ich natürlich meine dezidierte Meinung https://che2001.blogger.de/stories/415434/

    aber im richtigen Leben habe ich nur Antideutsche kennengelernt die weit entfernt von der Bahamas-Fraktion waren, die Bleiberechtsdemos organisiert haben und deren Antinationalismus damit zusammenhing dass viele Nachnamen hatten die auf -ic endeten. Stark war natürlich die antideutsche Mobilisierungswelle 2001-2006 als direkte Reaktion auf 9.11, zeitlich danach kenne ich Antideutsche nur als Onlinephänomen und in Form der Zeitschriften bahamas, Phase 4 und konkret. Die Linken die ich so kenne sind entweder autonom in einem sehr engen Sinne, d.h. an den Schriftenreihen Autonomie Neue Folge, Materialien für einen neuen Antiimperialismus und Wildcat orientiert, man könnte vielleich Anarchokommunisten dazu sagen oder so die Richtung Friedensbewegung trifft Antifa. Als ich mal eine alte Göttinger Genossin fragte was für eine Rolle Antideutsche in der Göttinger linken Szene spielten bekam ich eine Antwort aus der hervorging dass sie noch nie von der Existenz der Antideutschen im engen Sinne gehört hatte: Für die waren Antideutsche Punks die mit Sprüchen wie „Deutschland verrecke damit wir leben können!“ unterwegs sind. Als ich ihr dann Links zu antideutschen Blogs zeigte war sie zunächst nicht zu überzeugen dass das keine Satire sei. Die glaubte allerdings auch nicht dass es Evangelikale gäbe die Schwule ermorden oder zu Heteros umerziehen wollten, das hielt sie für einen Internet-Hoax etwa wie die Spinne in der Yuccapalme.

    Dazu muss ich allerdings sagen dass mein Wahrnehmungshorizont stark, fast ausschließlich auf die Städte Braunschweig/Wolfsburg, Bremen, Hannover und Göttingen bezogen ist und die Linken die ich kenne entweder 40+ oder U25 sind, letztere fast ausschließlich IGM-Geschulte VW-MalocherInnen die sich als klassenbewusste Proleten sehen.

  11. Und die Ü40 wiederum fast ausschließlich studierte Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen. Mein engeres politisches Umfeld besteht aus Leuten die Flüchtlingssozialarbeit/Asylberatung machen und solchen die in der PatientInnenselbsthilfe aktiv sind.

  12. Na ja, die Linke oder was sich an verschiedenen Strömungen so nennt (und dazu gehören eben auch die Antideutschen), ist plural und heterogen und sie war es auch immer. Und wie immer gab und gibt es dort die Fahndung nach dem roten Stein der Weisen, den bisher niemand fand.

    Bei den Antideutschen gibt es solche und solche. Das Conne Island z.B. in Leipzig ist teils eine gute Sache und es waren dort wie auch im Freiburger Club White Rabbit in der Tat Linke, die zum ersten Mal und auch öffentlich ein heikles Thema zur Sprache brachten, das man eben nicht durch das bei Linken beliebte Verschweigen unter den Tisch kehren kann: Nämlich erhebliche sexuelle Übergriffe durch arabische Migranten sowie einen teils eher seltsam zu nennenden Umgang mit Frauen.

    https://www.conne-island.de/news/191.html

    Nach wie vor ist diese Art der Ehrlichkeit bemerkenswert, und das, ohne rechte und nationalistische Narrative zu bedienen. Gerade bei einer bestimmten Linken haben mich diese ganzen Lügen und Abwiegelungen nur noch genervt.

    Punk-Sprüche wie „Deutschland muß sterben …“ nehme ich als Pop-Polit-Attitüde. Auch das kann ein Staat aushalten. Ein starker Rechtsstaat sollte und muß auch mit Feinden des Staates umgehen können. Mir zumindest ist der gegenwärtige Staat mit all seinen Tücken und Macken und Fehlern allemal lieber als viele der linken Utopie-Konzepte, wo unterm Rock schon der Gulag für den Andersdenkenden hervorschaut. Insofern kann ich immer wieder nur auf Adornos Beginn der „Negativen Dialektik“ sowie auf seinen Essay „Marginalien zu Theorie und Praxis“ verweisen.

    „Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Das summarische Urteil, sie habe die Welt bloß interpretiert, sei durch Resignation vor der Realität verkrüppelt auch in sich, wird zum Defaitismus der Vernunft, nachdem die Veränderung der Welt mißlang. Sie gewährt keinen Ort, von dem aus Theorie als solche des Anachronistischen, dessen sie nach wie vor verdächtig ist, konkret zu überführen wäre. Vielleicht langte die Interpretation nicht zu, die den praktischen Übergang verhieß. Der Augenblick, an dem die Kritik der Theorie hing, läßt nicht theoretisch sich prolongieren. Praxis, auf unabsehbare Zeit vertagt, ist nicht mehr die Einspruchsinstanz gegen selbstzufriedene Spekulation, sondern meist der Vorwand, unter dem Exekutiven den kritischen Gedanken als eitel abzuwürgen, dessen verändernde Praxis bedürfte.“

    Der gegenwärtige Kapitalismus hat – und das nicht erst seit heute, sondern seit Jahrzehnten – einen derartigen Komplexitätsgrad erreicht, daß die meisten der sich seit Jahrhunderten und Jahrzehnten durchhaltenden Aktionsformen etwas Antiquiertes haben. Es müssen also neue Denkbestimmungen her, die die auch aufs politische und damit praktische Handeln Auswirkungen haben.

    Veränderungen in einem derart komplexen System, wie es in westlichen Staaten der Fall ist, lassen sich, gut systemtheoretisch mit Luhmann und dialektisch mit Hegel und Habermas gesprochen, nur über interne Regelungsprozesse und öffentliche Diskurse mithin über evolutionäre Veränderungen auf der Ebene des Politischen herbeiführen – dazu gehört sicherlich auch der Jugendprotest von der Straße. Die plurale FFF-Bewegung und teils auch die dezentralen XR hier in Deutschland zeigen Möglichkeiten von Protest, der auch an bürgerliches Denken teils anschlußfähig ist. Die Digitalmoderne zeigt aber zugleich einen hohen Grad an Trägheit. Den Menschen geht es gut, und wem es gut geht, der protestiert nicht gerne.

    Die Umweltdebatte etwa, im Gang von den 1970er Jahren, über die 1980er bis hin zu Gegenwart zeigt die Möglichkeit solcher systeminternen Möglichkeiten von Veränderung. Politik ist nicht die Fähigkeit zur Spaltung und zu absoluten Konfrontation, sondern etymologisch und ihrem Begriff nach die Fähigkeit zum Kompromiß von unterschiedlichen Interessen. Dieses Einstehen fürs Soziale leistete einmal die SPD. Und in diesem Sinne ist ihr Wegbrechen und teils auch das Schlechtschreiben von Positionen wie der Kevin Kühnert mehr als verhängnisvoll. In solchen Aspekten sehe ich in der Tat ein Problem.

  13. Das Conne-Island ist zunächst ein linksplurales Jugendzentrum wie das Göttinger JUZI oder die Antifacafes in Bremen und Braunschweig. Dort sind unter anderem Antideutsche aktiv. Bei Antideutschen denke ich eher an die Leute die am Gedenktag der Bombardierung Dresdens „Do it again, Bomber Harris!“ rufen oder sich vor ein muslimisches Kulturzentrum stellen und „Hub- Hub-.Hubschrauberangriff!“ skandieren, Leute wie Justus Wertmüller und Konsorten.

  14. Und wer mit derartig Parolen antritt und tausendfaches Elend rationalisiert, dem nehme ich auch seine vorgeblich moralisch huldvolle Haltung gegenüber Israel nicht ein Stück weit ab.

  15. Dass solche Gruppierungen im Osten so viel Wirkung erzielten hängt sicherlich damit zusammen dass dort einerseits Neonazis sehr stark sind und andererseits unter „links“ vor allem die SED-Tradition verstanden wird. Autonomie und Neuer Antiimperialismus, die aus den Neuen Sozialen Bewegungen in Westdeutschland und der Kritik an den K-Gruppen und der RAF entstanden sind sind dort völlig unbekannt, ihre Diskurse nicht nachvollziehbar. Ich halte diese allerdings für das Wertvollste, was von der deutschen radikalen Linken je entwickelt wurde.

  16. Gerade wieder einige Beiträge mit großem Vergnügen und Gewinn gesehen. Sie gehören zum Besten, was momentan so an Essays und Kulturbetrachtungen in D angeboten wird.

  17. Das ist sehr nett und freundlich von Ihnen. Aber einige andere und auch gute Autoren gibt es durchaus, wo es zu lesen lohnt. Aber ich freue mich auf alle Fälle über ihre Worte.

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