Zu Habermas‘ „Auch eine Geschichte der Philosophie“ sowie zu den doxographischen Engführungen von Philosophie

Nach all den, zumeist wohlwollenden, Kritiken zu Habermas‘ „Auch eine Geschichte der Philosophie“ – sie lasen sich ein wenig wie Grabreden über einen verdienten Philosophien, der über seinem Opus Magnum dahinsank und von dem man nun, ob des Werksumgangs im Ganzen, weil da auch Gutes dabei war, und da man doch im Angesicht des Alterswerkes nichts Schlechtes schreiben mag (de mortuis nil nisi bene, obwohl der Mann doch noch sehr lebendig ist) – denke ich mir, nach der Darstellung des Buchinhaltes, daß ich diese Werk nicht wirklich lesen möchte, weil es zum einen die Verengung der „Geschichte“ der Philosophie produziert und zum anderen und das ist das Resultat des einen, insofern aufgrund der doxographischen Verengung keinen Gewinn an Erkenntnis bietet. Wie schon „Der philosophische Diskurs der Moderne“, darin Habermas nicht im Ansatz der „französischen“ Philosophie gerecht wurde, sondern sie auf sein eigenes Konzept zurechtstutzte, läuft es, so vermute ich, auf eine Fehllektüre hinaus, die mehr Ärger als Freude über jene Geschichte der Philosophie erregt.

Bis heute müssen wir im übrigen jene Rebekka rügen, die ihm den „Neostrukturalismus“ (sic!) nahegebracht hat. Sie hat es nicht gut getan. Oder sie erzählte etwas, das Habermas dann in einen ganz anderen und leider falschen Kontext brachte.

Es mag zwar sein, daß Mitte der 1980er durch Habermas‘ „Der philosophische Diskurs der Moderne“ erstmals der sogenannte Poststrukturalismus – eine wie ich finde sowieso unglückliche Zuschreibung, weil es sich um eine Abbreviatur sehr unterschiedlicher Philosophen handelt –  auf einer breiteren Ebene akademischer Philosophie debattiert wurde – wobei in den Subzirkeln derer, die im Post-68 nicht einfach dogmatisch bei Marx und Freud verharren wollten, lange schon Foucault, Deleuze und Derrida auf dem Zettel standen, man denke nur an die Merve-Kultur, die Philipp Felsch im „Langen Sommer der Theorie“ schildert. Nur kommt es eben bei Habermas‘ Darstellung auch auf das Wie an. Und wenn dabei verkürzte Lektüren entstehen, wird die Angelegenheit problematisch.

Zumal diese Lesart von Foucault, Bataille und Derrida durch Habermas im deutschsprachigen Raum leider erhebliche und leider lektüretechnisch-hermeneutisch meist negative Auswirkungen hatte und bis in die Neunziger Rezeptionskonstrukte und zudem eine völlig überflüssige Frontstellung schuf: als ob da in Frankreich irgendwelche Neokonservativen mit zu viel Nietzsche und Heidegger im Gepäck herumirrationalisierten. Was schlicht nicht der Fall war. Den ganzen phänomenologischen Strang etwa bei Derrida und Lyotard wie auch der Bezug zu Hegel wurden abgeschnitten.

Was Derrida und Foucault taten, mag mit Habermas‘ Form der Vernunftkritik nicht unmittelbar kompatibel sein. Aber das bedeutet im Umkehrschluß nicht, daß es unvernünftig oder irrational ist, sondern bei so unterschiedlichen Philosophen wie Derrida, Foucault, Deleuze und Lyotard wird ebenso eine Kritik der Vernunft mit den Mitteln der Vernunft betrieben, wie dies auch Romantiker wie Novalis taten – indem sie im Philosophieren ebenso auf Formen von Literatur  zurückgriffen und poetische Verfahren ebenso einbezogen. Oder indem Denker wie Foucault auch das Subjekt selbst bzw. den Begriff des Subjekts in kritischer Absicht als eine historische Figur aufzeigten – ohne dabei irrationale Schubkräfte, vages Fühlen und Dräuen, Mythos und die Triebkräfte der Seele nun zu institutionalisieren. Ich denke, daß durch die Habermas-Rezeption leider lange Zeit ein falsches Bild, also ein Artefakt in Umlauf gebracht wurde, das diese Denker auf einer bestimmten Linie festschrieb. Und ich fürchte, daß auch im Falle dieser Philosophiegeschichte ähnliches geschieht – wobei ich mich, und insofern ist das hier keine verbindliche Einschätzung, gerne auch angenehm überraschen  lasse und alles ist anders.

Richtig ist aber, daß man sich an Habermas‘ „Der philosophische Diskurs der Moderne“ immerhin abarbeiten konnte. Und las einer Derrida und Foucault selbst, dann entdeckten er oder sie schnell, daß es sich doch etwas anders verhielt. So zumindest erging es mir 1988 bei der Lektüre einiger dieser Texte der French Philosophy.

Allerdings bin ich bei Philosophie-Geschichten, zumal solchen, die von Philosophen geschrieben werden, die systematisch arbeiten, und nicht von Philosophie-Historikern, sowieso vorsichtig und erinnere mich immer wieder gerne an die Worte meines Soziologie-Professors und -lehrers Gerhard Kleining: „Wenn Sie die Primärtexte nicht verstehen, werden Sie auch die Sekundärliteratur kaum begreifen. Fangen Sie also lieber bei den Primärtexten an, lesen Sie langsam und gründlich, sprechen Sie über den Text mit anderen.“

Das gilt auch für die Philosophietexte der Tradition: besser Platon, Aristoteles, Plotin, Augustinus, Duns Scotus oder Thomas von Aquin selbst zu lesen, als über sie etwas zu lesen. [Es harren noch so viele unentdeckte, ungelesene Texte, die warten.] Jene Texte über Philosophen – insbesondere wenn es sich bei den Autoren selbst um originäre Philosophen handelte, die ein eigenständiges Denken ausarbeiteten – waren meist ein Trauerspiel: schufen sie doch meist enge Grenzen der Auslegung und verengten einen komplexen Textkorpus hin aufs je Eigene. Eine der großen Ausnahmen scheint mir in diesem Falle Martin Heidegger zu sein: wenn er Heraklit, Anaxagoras oder Parmenides liest, so mag das eine Rezeptionsverengung bedeuten und doch öffnet Heidegger zugleich den Horizont für diese Philosophen, um sie tiefer oder anders zu lesen. Gerne auch anders als Heidegger es denkt. Ansonsten aber bleiben Philosophiegeschichten von Philosophen meist heikel. Was nicht heißt, daß sie schlecht sein müssen. Adornos „Philosophische Terminologie“, Hegels „Geschichte der Philosophie“ und auch Blochs „Leipziger Vorlesungen“ sind allesamt gute, weil anregende Philosophiegeschichten und auch vom Hirschberger will ich gar nicht abraten, geschweige vom Ueberweg. Dennoch: lesen Sie die Primärtexte, so geht mein ceterum censeo.

Denn mit den Philosophiegeschichten verhält es sich ähnlich wie mit Leuten, die wandern wollen. Das ist als spazierte man auf einer großen Landkarte statt in der Landschaft selbst. Um dort genauere Orientierung zu bekommen, können Landkarten allenfalls helfen. Aber sie ersetzen den Weg und das Suchen nach Wegmarken nicht. Und Philosophiegeschichten bzw. die Auseinandersetzungen von Philosophien mit anderen Philosophen sind oftmals nicht sonders wohlgeraten, sondern vielmehr wird der interpretierte Philosoph im Hinblick auf die eigene Philosophie gelesen.

Das kann produktiv sein, wenn man jenen Philosophen und sein Denken, in diesem Falle eben Habermas, genauer sichten will. Man muß sich eben nur hüten, solche Interpretationen und solche blickverengenden Lektüren für den Text des anderen Philosophen selbst zu nehmen. Das beste Beispiel sind Adornos Heidegger-Interpretationen. So sehr ich Adorno schätze, sind sie an vielen Stellen deutlich zu eng, wenn nicht sogar in großen Teilen falsch. Auch wenn sich selbst durch diese adornoschen Heidegger-Lektüren ein instruktiver Blick auf Adornos Philosophie werfen läßt

Diese Fehldeutung ändert nichts an der Qualität von Adornos Philosophie. Und so mag das auch bei Habermas sein. In vielen Aspekten halte ich seine Diskursethik und insbesondere auch „Faktizität und Geltung“, also seine Theorie zum Rechtsstaat für ungemein anregend und wichtig. Es ist dies also kein schlichtes Anti-Habermas-Bashing – worum es in der Philosophie sowieso nicht gehen sollte, irgendeinem Ismus aufzusitzen. Aus diesem Grunde konnte ich auch Kierkegaard neben Hegel, Nietzsche zusammen mit Marx und Heidegger mit Adorno lesen. Ein Verfahren übrigens, daß ich sowohl durch Derridas Texte wie auch mit Hegels Philosophie lernte.

31 Gedanken zu „Zu Habermas‘ „Auch eine Geschichte der Philosophie“ sowie zu den doxographischen Engführungen von Philosophie

  1. Hier kann man das Inhlatsverzeichnis und die Einleitung herunterladen: https://www.suhrkamp.de/buecher/auch_eine_geschichte_der_philosophie-juergen_habermas_58734.html

    Klingt schon nicht uninteressant, 98 € sind allerdings ein happiger Preis, kaufen werde ich mir das nicht. Das Inhaltsverzeichnis vermittelt den Eindruck, dass da wieder einmal Ein Philosoph über andere Philosophen schreibt, was ich eher uninteressant finde.

    Andererseits zeichnet sich Habermas ja dadurch aus, dass er einer der wenigen (zumindest deutschen) Philosophen ist, deren Horizont über (im wesentlichen idealistische und universitäre) Philosophie hinausreicht; es gibt da den recht lesenswerten Band „Zwischen Naturalismus und Religion“, in dem er sich mit den beiden bestimmenden Kräften unserer Zeit auseinandersetzt. Auch seine Diskussion mit Ratzinger ist recht interessant.

  2. So ist es, chairborne. Und zudem gibt es ja auch die Möglichkeit, das Buch sich auszuleihen, El Mocho. Zwei Bände Leinen mit Schutzumschlag bei fast 1800 Seiten: Da ist 98,00 EUR vom Preis her ok, sage ich mal so von der technischen Warte der Produktionskosten her.

    Ich kenne das Buch noch nicht. Aber daß ein Philosoph über andere Philosophen schreibt, ist per se erstmal kein Kriterium für Ablehnung oder Zustimmung. Denn das tun viele Philosophen, und zwar von Platon bis Rorty oder Brandom. Die Frage ist, in welcher Weise solches Über-andere-schreiben geschieht, ob es ein verengender Blick ist, der die eigene Philosophie in andere Texte hineinliest und dadurch die Mehrdimensionalität dieses Textes beschneidet oder ob eine Lektüre anderer Philosophen interessante und bisher so noch nicht entdeckte Aspekte freisetzt. Und die Weise, die ich bei Habermas vermute, kritisierte ich bereits in meiner Sicht

    Ansonsten ist es richtig, daß viele der Positionen von Habermas anregend sind und Anlaß zum diskutieren geben. Deinen Verweis auf die beiden Bände finde ich sogar mal richtig und gut. Daß die Philosophie im wesentliche idealistisch und universitär ist, stimmt nun gerade nicht. Was die Ausprägungen anbelangt, sind eigentlich alle Schulen an den Universitäten zu finden. Und ebenso feiert die Philosophie auch außerhalb der Universität ihre Urstände. Leider meist nicht zum Guten, weil da etwas so dargestellt wird, als könne man es mal eben schwarz auf weiß nach Hause tragen. Zu diesem Themenkomplex empfehle ich von Daniel Pascal Zorn das Buch. „Shooting Stars. Philosophie zwischen Pop und Akademie“

  3. Kennt jemand dieses Buch?

    Das ist das beste philosophische Buch, das ich seit längerem gelesen habe. Darin ist kaum von anderen Philosophen die Rede, aber viel von der Natur, von den Beobachtungen des Autors und den Forschungen verschiedener Biologen (und es bewegt sich im Rahmen der Evolutionstheorie). Und es behandelt ein altes philosophisches Thema: die Natur des Bewusstseins. Ich verstehe da jetzt einiges besser, ohne den Anthropozentrismus der herkömmlichen Philosophie.

    Das ist für mich Philosophie wie sie sein sollte. Habermas ist einer der wenigen deutschen Philosophen, die auch sowas zur Kenntnis nehmen.

  4. Das hat nun allerdings kaum noch etwas mit Habermas zu tun. Und die Fragen des Bewußtseins und die nach dem Denken lassen sich kaum naturalistisch auflösen. Dazu als Gegenposition Nagel, Thomas (2013), Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. Suhrkamp, Berlin

    sowie Felix Hasler: Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung Transcript Verlag, Bielefeld 2012

    Richtig ist, daß wir auch Natur sind, falsch ist, dies als dogmatischen Grund zu setzen. Das Gehirn macht biologisch etwas möglich, nämlich Denken, Empfinden, Fühlen, Wahrnehmen. Aber was es möglich macht, ist nicht selbst wiederum nur Gehirn. Das Gehirn ist biologisch eine notwendige Bedingung, aber Denken erschöpft sich nicht in dieser Bedingung. Logisches oder philosophisches oder mythologisches Denken braucht ein Gehirn, aber dieses Denken ist mehr als das Gehirn. Zum Laufen braucht es Beine, aber das menschliche Laufen reduziert sich eben nicht bloß auf die Beine. Das eben ist es, was auch Habermas konstatiert. Und natürlich kann und muß man sich gerade deshalb mit den Naturwissenschaften befassen.

  5. „Logisches oder philosophisches oder mythologisches Denken braucht ein Gehirn, aber dieses Denken ist mehr als das Gehirn.“

    Was für ein „mehr“ ist das denn? Das ist zunächst ein nicht weiter spezifizierte Behauptung. Klar ist, dass es ohne Gehirn kein Denken gibt.

  6. Genau: ohne Gehirn gibt es kein Denken. Aber im Gehirn erschöpft sich das Denken nicht, denn das Denken denkt ja nicht immerzu „Gehirn, Gehirn, Gehirn“, sondern durch Denken formen sich unterschiedliche Ausprägungen von Kultur, die wiederum aufs Denken zurückwirken und es bestimmen zugleich verändern und das genau ist das Mehr. Biologie ist für die biologischen Funktionen des Gehirns zuständig, die unterschiedliche Wissenschaften für die übrigen Ausprägungen – von der Physik, über die Ökonomie, Soziologie und Mathematik bis zur Philosophie. Sie allesamt haben mit Denken zu tun. Der Mensch ist also Natur- wie auch Kulturwesen. Das zeigt sich ebenso an den unterschiedlichen Eßkulturen: Zum Essen benötigen wir bestimmte körperliche Funktionen, sei es, daß wir kauen können oder daß wir Essen mit Werkzeugen „bearbeiten“ können und daß wir physiologisch dazu überhaupt imstande sind. Wie wir aber essen und welche Regeln wir dafür entwickeln, obgleich wir alle gleich ausgestattet sind mit jenen physiologischen Funktionen, unterliegt nicht einfach-kausal jenen Funktionen. Ebenso ist es mit dem Denken. Denken ist also nicht monokausal aufs Biologische zurückführbar.

  7. Man könnte es auch umdrehen: Denken, phänomenales Bewusstein, mentale Vorkommnisse, das Leben selbst sind emergente Phänomene. Das bestätigen auch Dennett und Godfrey-Smith: Warum sonst sollten sie nach der „Entsteheung“ des Bewusstseins fragen? Insofern kann man sagen, dass das Gehirn „weniger“ ist als des Denken. Es wird zwar versucht, „Gesetze“ zu finden, wie ein komplexes physikalisches System und seine Strukturelemente zu jenem irreduziblen emergenten Phänoemen in Verbindung stehen. Ich habe „Gesetze“ Anführungszeichen gesetzt, denn natürlich handelt es lediglich um Modelle, die dieses Gehirn sich ausdenkt. Das Bewusstsein kann natürlich nicht mit dem Gehirn identifieziert werden. Das Gehirn ist ein Modell! Dass diese Modelle als naturwissenschaftliche Erklärungen fungieren sollen, ist nun einigermaßen lächerlich, aus mehreren Gründen. Naturwissenschaftliche Erklärungen, also bestätigte, (noch) nicht widerlegte Hypothesen, kommen dadurch zustande, dass im Experiment nahezu deterministische Bedingunen hergestellt werden, um (relevante) kausale Faktoren auszusortieren, isolieren und in die richtige logische Kombination zu bringen. Entsprechende Hypothesen werden aufgestellt und im Experiment überprüft. Dennett und Godfrey-Smith tun jetzt so, als hätten sie das (in welchem Experiment?) bereits geleistet und stehen jetzt mit offenen Mündern da, wenn sie anfangen zu glauben, dass Oktopoden möglw. ein Bewusstsein haben könnten. Dabei nehmen sie die Biologie als Vehikel, um ihre Lieblichsmodelle zu präsentieren. Hier sollte man sich wirklich kein X für ein U vormachen lassen: Ein Modell ist keine Erklärung. Modelle werden ja erdacht, damit quasi „deterministisch“ kausale, logische Verhältnisse eindeutig dargestellt werden können, die dann – oh Wunder – lediglich im Modell funktionieren. Wäre es nun möglich und wäre es gelungen, mit den Bordmittel des logischen Positivismus, Empirie, Experiment und Logik, auf das Bewusstsein zu schließen, dann wüssten wir jetzt, was das Bewusstein ist, oder hätten wenigstens einen Begriff, mit dem ich mich zufriedengeben würde. Aber njente. Wissen Godfrey-Smitch und Dennett eigentlich, was sie modellieren? Sie schauen auf den Kraken und kommen aus dem Staunen nicht heraus.

    Man will einfach ein bisschen Gott spielen. Es gibt aber überhaupt keinen Grund anzunehmen, dass die Bedingungen, die natürwissenschaftliche Erklärungen (i.S. von Hempel) ermöglichen, nämlich die im Labor hergestellten idealen „deterministischen“ Bedingungen, weil die hierdurch ermöglichten Realisierungen der jeweiligen Modelle (also Technologie) sich als so erfolgreich gezeigt haben, im ganzen Kosmos und für alles und jeden gelten. Auf der einen Seite haben wir falsifizierbares Wissen (worauf in der Wissenschftstheorie immer so großen Wert gelegt wird – auf der anderen eine metaphysische Annahme. Ein direkter Zusammenhang ist nicht zu erkennen.

    Es ist auch eine Art typisch amerikanischer Phantomschmerz, wo man unter dem starken Einfluss des logischen Positivismus (bekanntlich gescheitert) glaubte, von Kant direkt zu Frege springen zu können und das 18. Jh. auszulasen.

    Die ganze Diskussion bei Godfey-Smith und Dennett um Sensitivität, die Ausbildung von Sinnesorganen, mehr oder weniger elaborierten Empfindungsgehalten, bis zum Bewusstsein sind alles alte Hüte. Man denke nur an v. Uexkülls „Welt“ (Tiere) und „Umwelt“ (Menschen), den übrigens auch Heidegger schätzte (bin dem aber noch nicht nachgegangen). Adolf Portmann nimmt überigens als allgemeineren Begriff angesichts der erstaunlichen Leistungen ziemlich kleiner Gehirne mit Sinnesorganen für die immerhin plausible Hypothese einer Art „phänomenalen Bewusstseins“ zumindest bei höheren Tieren das an, was er Innerlichkeit nennt.

    Der nun wieder würde morphologisch ein „Ausdruckswert“ korrespondieren – dort, wo die evolutionäre Tauglichkeit solcher Gestaltungen einfach nicht auszumachen ist. Wo z.B. bei höheren Tieren das usprünglich symmetrische Innere (Organe) diese Eigenschaft verliert, wird umso mehr eine opake Hülle hervorgebracht. Ansonsten bleiben sie in einigen Fällen durchsichtig. Dieser Entwicklungsprozess beginnt schon bei kleinen Tiefseekrebsen, die im Dunkel der Ozeane leben. Desto höer entwickelt, umso formenreicher wird die Außenhülle, und zwar nicht nur entwicklungsphysiologisch determiniert (hat sich halt so „ausgewachsen“).

    Mir gefällt an Portmann sein phänomenologischer Ansatz: Je besser es uns gelingt, in der Biologie kausale Erklärungen zu geben, desto mehr begeben wir uns ins Dunkel, in die Welt des mehr und mehr Unsichtbaren, mit Mikroskopen, dem Rasterlektronen-Mikroskop bis hin zum gänzlich Unsichbaren, wo, wie z.B. in der Genetik, nur noch indirekt – alledings sehr präzise – auf die Prozesse geschlossen werden kann. Sinn kann das aber für uns nur ergeben, wenn wir uns selbst als Betrchter nicht außer Acht lassen. „Man suche nur nichts hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre!“ lässt Goethe grüßen.

    Gegen diese ganze Neuromanie und Darwinits wendet sich auch Markus Gabriel in seinem Buch Ich ist nicht Gehirn. – das ziemlich polemisch und launig heruntergequatscht daher kommt, aber bei näherem Hinsehen sich als ziemlich vollgepackt mit Argumenten erweist. Fichte, auch Schelling kommen zu Wort: Im Menschen schlägt die Natur die Augen auf.

    Hier seine Rezension von Nagels Geist und Kosmos:

    https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/thomas-nagel-geist-und-kosmos-da-schlug-die-natur-die-augen-auf-12599621.html

  8. Ganz genau, zwischen Gehirn und Denken bestehen komplexe Verhältnisse und Denken löst sich nicht in Gehirn auf, so wie die ganze neurophysiologische Richtung gerne die Philosophie kapern möchte – in Unkenntnis der gesamten philosophischen Tradition meist. Davon ab, daß man zudem schauen muß, was überhaupt unter „Denken“ zu verstehen ist. Heidegger faßt darunter etwas völlig anderes als Schlick oder Neurath und Adorno und Benjamin wiederum etwas anderes als Heidegger und dieser wieder etwas anderes als Plessner oder Hannah Arendt, deren „Vita activa“ man immer einmal wieder anempfehlen kann. Insofern ist es in diesen Dingen zunächst mal Begriffsarbeit und vor allem ein Blick in die Geschichte der Philosophie gefragt. Da liegt ja auch das Problem der sogenannten Analytischen Philosophie, zumindest des Teils, die meint, auf diese Tradition verzichten zu können. Um dann den Nordpol ein zweites Mal zu entdecken.

    Was Denken ist, läßt sich freilich auch biologisch beschreiben. Aber eben: nicht nur. Die Erläuterung irgendwelcher neuronaler Strukturen und der Funktion von Reizen und Nerven sagt rein gar nichts darüber aus, weshalb Denken so denkt, wie es denkt. Und sobald man sich in diese Ebene der Begriffsanalyse und in den Bezirk der Begriffsgeschichte begeben hat, sieht man schnell, daß sich Denken keineswegs biologistisch erschöpft. Oder um es in einen schönen Vergleich zu packen: Für funktionierende (analoge) Uhren, ist Mechanik und deren Kenntnis nötig, um eben solche Uhren zu bauen. Was aber Uhren sind und was man alles mit Uhren machen kann, dafür nützt in der Betrachtung die Mechanik und deren Kenntnis nichts mehr. Bereits in diesem Sinne funktionieren also monokausale Ableitungen nicht. Zumal bei solchen Verhältnissen übersehen wird, daß eine bestimmte Quantität in eine neue Qualität umschlägt. In der Tat hat gerade die Philosophie des Deutschen Idealismus, mit Fichtes Ich-Philosophie und mit Schellings und vor allem Hegels Antworten darauf, gezeigt, was Denken zu leisten vermag, und daß, wenn man Fichte nimmt, der Theorie immer auch die Praxis inhäriert. Das (absolute) Ich ist bei Fichte (als Tathandlung) für Theorie wie Praxis das Grundprinzip, wenn man zunächst mal seine Wissenschaftslehre von 1794 nimmt – die er freilich immer wieder überarbeitete und neu faßte. Oder anders genommen: Die Kritik Spinozas (mithin seine Substanzlehre) an Descartes‘ Prinzip wiederholt sich dann in Hegels Antwort auf Fichte, freilich mit einem sehr viel deutlicheren Bezug auf Gesellschaft bei Hegel. Hier haben wir in zwei verschiedenen, aber doch aufeinander bezogenen Varianten, Ausprägungen und Möglichkeiten des Denkens. Spinozas „Monismus“ und Descartes „Dualismus“ (um hier ein wenig die doxographischen Zuschreibungen zu strapazieren) bzw. im weiteren Kants Lehre von den Grenzen und die Arbeit der darauf folgenden Deutschen Ideialisten, dies wieder einzuholen und in einen Verbund zu bringen – insbesondere bei Hegel, der eben das Setzen solcher Grenzen selbstreflexiv mitdenkt. Allesamt Bestimmungen, die weit weit über neurophysiologische Ansätze hinausgehen.

    Egal aber, von welcher Seite der Philosophie man sich dem Denken nähert: In der (philosophischen) Analyse scheint die basale Unterscheidung zunächst zwischen der (biologischen) Funktion einerseits (wofür die Naturwissenschaften zuständig sind) und den Ausprägungen dieses Denkens andererseits zu liegen, also die Frage nach dem, was Denken für den Menschen leistet –wobei auch der Begriff des „Leistens“ schon mit vielfältigen Bedingungen und Prämissen unbewußt konnotiert ist – ein Dialektiker, ein Zen-Buddhist oder ein Heidegger-Kenner würden stattdessen andere Verben einsetzen. Und im Fortgang solcher Untersuchung bemerkt man weiterhin, daß auch diese Unterscheidung keineswegs eine selbstverständliche, sondern vielmehr bereits eine durchs analysierende Denke abgeleitete ist. Sie entspringt einem bestimmten Kulturraum, einer spezifischen geschichtlichen und sozialen Konstellation, nämlich dem Raum der Mittelmeerantike, in dem das Denken des Denkens gedacht wird, und zwar nicht mehr einfach nur in mythologischen Bilder, Fabeln oder Erzählungen, sondern im Sinne einer rationalen Analyse, die wir mit dem Ausdruck „Philosophie“ bezeichneten. Dazu brauchen wir notwendigerweise das Gehirn, so wie wir für die Weitergabe dieses Wissens Archiv- oder Aufschreib- bzw. Reproduktionssysteme brauchen. Und wenn man diese Dinge weiter noch faßt, müßte man ebenfalls nach Indien und nach China schauen, wie zu dieser Zeit dort über das Denken gedacht wurde. Denken denkt in unterschiedlichen Horizonten und Denken findet auch dort statt, wo man nicht einmal übers Denken nachdenkt. Und in diesem Sinne ist auch die Biologie und die Neurophysiologie eine abgeleitete Angelegenheit.

    Daß man freilich die Leuten immer wieder aufs neue darin erinnern muß, daß neben Platon und Aristoteles auch Schelling und Hegel erhebliche Relevanz besitzen (und viele andere Philosophen, man nehme nur Spinoza und seine Lehre von den Affekten und ebenso Hölderlin und Novalis, wo sich Denken und Dichten in eine „Einheit“ bzw. zu einem anderen, übersteigenden Denken fügen), ist etwas, daß mich dann doch wieder maßlos ärgert. Es ist dies mein Reden, seit ich mich mit Philosophie befasse. (Nächstes Jahr begehen wir Hegels 250. Geburtstag, da wird dieser Blog sicherlich auch dazu was schreiben.)

  9. Das sind alles Paraphrasen der alten Behauptung.

    „ zwischen Gehirn und Denken bestehen komplexe Verhältnisse und Denken löst sich nicht in Gehirn auf“

    „Was Denken ist, läßt sich freilich auch biologisch beschreiben. Aber eben: nicht nur.“

    Wie genau denn nun eigentlich das Denken über das Gehirn hinausreicht und was die nicht biologisch beschreibbaren Bestandteile des Denkens sind, wie man sie untersuchen kann (und vor allem wie sie mit dem Gehirn und dem Körper zusammenhängen und interagieren können), könnt ihr genauso wenig erklären wie Descartes oder Kant oder Hegel usw. Im Grunde seid ihr nie über das Jahr 16421, als Descartes seine Meditationen veröffentlichte, hinausgekommen. Ihr unterscheidet immer noch die denkende und die ausgedehnte Substanz,die auf wundersame Weise zusammenhängen.

    Godfrey-Smith ist da schon viel weiter, denn er fragt sich, wie das Bewusstsein in der Evolution entstehen konnte. Sogar Bakterien reagieren auf Licht, Temperatur und chemische Veränderungen in ihrer Umwelt, und denen wird sicher niemand ein Bewusstsein zuschreiben, aber der Ausgangspunkt ist sicher dort zu suchen, und von da aus ging die Entwicklung weiter bis zum menschlichen Bewusstsein. Und zu dem des Kraken, das nicht nur im Gehirn sondern auch in den Tentakeln sitzt, die teilweise unabhängig vom Gehirn agieren können. Ganz ohne Sprache.

  10. El Mocho, das habe wir hier gerade elllenlang Dir erklärt, wie das Denken über das Gehirn hinausreicht. Niemand bezweifelt dabei die notwendigen biologischen Funktionen. Das Gehirn ist eine notwendige Bedingung – mehr nicht. Und selbst biologistische oder biologische Erklärungen über das Gehirn sind mehr als nur Gehirn.

    „Ihr unterscheidet immer noch die denkende und die ausgedehnte Substanz,die auf wundersame Weise zusammenhängen.“

    Leider ein Pappkamerad. Die Philosophie ist voll von monistischen und holistischen Theorien, die diese Unterscheidung genau nicht vornehmen. Ob das Spinoza oder ob das Leibniz oder ob das Hegel ist. Auch Heidegger kann man in diese Reihe rechnen, und selbst Philosophien, die nicht monistisch denken, arbeiten nicht mehr mit diesem Dualismus: kaum ein Philosoph der Gegenwart vertritt heute noch einen starren Dualismus zwischen ausgedehnter und denkender Substanz.

    Du beruft Dich auf Natur, mußt aber in diesem Bezug andauernd kulturelle Prämissen in Anspruch nehmen und formuliert ein Denksystem, das nur innerhalb eines bestimmten kulturellen Paradigmas möglich ist. Schon der Gebrauch von unterschiedlichen Sprachen weist weit übers Gehirn und über physiologische Aspekte hinaus. Und der Unterschied zwischen Tintenfischen und zwischen Menschen sollte eigentlich relativ schnell ins Auge springen. Im Unterschied nämlich zum Tintenfisch kann der Mensch diese Dinge analysieren, aufschreiben und auswerten. Und er kann zu dem seine eigene Geschichte erzählen. Diese Verhaltensweisen sind weder von Tintenfischen noch von Primaten bekannt

  11. Du hast sicher schon mal davon gehört, dass es in der Philosophie oft darauf ankommt, wie gut eine Frage gestellt ist.

    Wie „Denken“ in der Evolution „entstehen“ konnte? Das setzt voraus, dass du glaubst, dass es etwas gibt, das wir mit Recht Denken nennen. Es setzt auch voraus, dass es „enststeht“ – ich hatte oben behauptet, dass hier implizit gemeint ist, dass es sich um ein emergentes Phänomen handelt. Offenbar glauben ja auch Godfrey-Smith u. Dennett nicht, es gebe ein Denk-Gen. Also, warum sich diese Frage überhaupt stellen? In der Philosophie ist man übrigens etwas bescheidener, und fragt zunächst nach mentalen Zuständen, nach phänomenalem Bewusstsein usw. Es scheint keine leicht Frage zu sein …

    Natürlich kann man das Denken (mentale Zustände, Wahrnehmungen von Qualitäten usw.) einfach leugnen. Eine Variante ist der sog. eliminative Materialismus (die beiden Churchlands): Diese ganze folkpsychology, also unser ganzes verworrenes Geschwafel über Psychokram (einschließlich das der akademischen Disziplienen), wird irgendwann durch eine naturwissenschftliche Sprache, in der neurologische Zusände beschrieben werden, ersetzt werden.

    Das hat den Vorteil, dass man sich nicht zu fragen braucht, was Denken nun eigentlich sein soll. Ich tendiere sogar selbst eher zu reduktionistischen Varianten. Godfrey-Smith und Dennett haben hier aber ihre empirisch-logischen Hausaufgaben nicht gemacht. Sie wollen etwas erklären, von dem sie eigentlich wissen müssten, dass sie es mit ihren Bordmittel nicht erklären können. Wir haben nicht gesagt, dass das Denken über das Denken „hinausreicht“, sondern wir haben konstatiert, dass das Gehirn (was wir z.z. darüber wissen, neurologisch Zustände usw.) nicht als Erklärung für mentale Zustände ausreicht. Dennett etwa behauptet, dass unser Bewusstsein nur ein irgendwie neurolugisch hervorgerufene Illusion ist, nützlich, da eine Einheit vorgegaukelt wird, was uns handlungsfähig macht. Das ist aber eine petitio principii: Die eigentlich Frage ist nicht beantwortet, gesichert aber bleibt, dass ie Physis das einzig reale ist. D.h. er denkt sich ein Modell, dass aber bestenfalls für Teilaskpekte erklärungswert hat. Hinsichtlich des zu erklärenden ist das Gehirn ein Modell – alle bisherigen Modelle können nur als Indizien für das Funktionieren von Teilaspekten gelten. In der Hinsicht, wie wir uns das Gehirn als denkendes Organ denken, ist es eindeutig „weniger“.

    Wenn du dich mal ein bisschen mit Meditation beschäftigt hast (auch praktisch) – eine Möglichkeit, gewissermaßen in Intiospsktion phänomenologisch dem Denken auch die Spur zu kommen -, dann wird du bemerken, dass andauern ein Wasserfall von Dedanken dir durchs Hir rauschen, die du sonst überhaupt nicht bemerkst. Du versuchst, die Position des „reinen Beobachters“ beizubahalten – manchmal kann es dir so vorkommen, als seien es nicht unbedingt „deine“ Gedanken. Von solchen „Gedanken“ haben wir jeden Tag zig Tausende!

    Also gibt es da Denken (oder en Denkenden / die Denkense) dann doch nicht? Osho z.B. sagt (ich glaube, er führt auch an, vom wem dieses Bild stammt, leide rvergessen), dass du selbst, der, für den du dich hältst, mehr wie eine Verschmutzung auf einem Spiegel ist. Wahrheit ist die Erfahrung des „toten Spiegels“. Ich habe aber noch nie von einem tibetischen MEister gehört, der irgendwann ausrief: „Heureka“ Es sind die XY-Neuronen!“ Da wir schon in Indien sind, es gibt ja auch noch die Shiva-Option: Shiva ist schlicht ALLES! Geist UND Materie! Im Meditierenden soll Shiva sich seiner gewahr werden: Du denkst „ich bin Shiva“! (Identitätstheorie) Aber diese Wasserfallkaskade von Gedanken, die unablässig unbemerkt uns durchs Hirn rauschen, sind wohl nicht das, wonach wir fragen. Denken ist neben andem eine Möglichkeit, zu Wisen zu gelangen. (Hier ist Fichte nicht uninteressant!) Denken ist also zunächst Arbeit!

    Wie auch immer, in der Philosophie wird überwiegend davon ausgegangen, dass wir Erfahrungen haben. Den reduktionistischen Materialismus der Churchlands ist zwar einigermaßen Sympathisch, weil sie das Problem, das sich damit stellt, einfach wegdeifinieren. Manchmal ist das, was wir für Gedanken halten, schlicht ein Affekt, eine Art Meschnismus. Dann lieber wie Dionyos gleich ganz beim Körper bleiben … Eine Andere Möglichkeit ist es, auf einen Begriff des Denkens aus systematischen Gründen zu verzichten, dies aber nicht zugeben zu wollen. Godfrey-Smith und Dennett geben vor, eine Antwort auf eine Frage zu suchen, halten aber an einem, und nur einem, höchst spekulativen Modell fest. Denn Emergenz ist nichts weiteres als ein Wort für etwas, das nicht verständlich gemacht werden kann. Die Evolutionstheorie ist übrigens ebenfall nur ein Modell. Nur im Allerkleinsten ist sie bestätigt worden. Streng wissenschaftlich müsstest du eine Erde II von vor 4 Milliarden Jahren haben, 4 Mrd Jahre abwarten, sehen ob Leben und Denken enststeht, das wiederholen, um die Hypothese zu bestätigen. Die beiden arbeiten nicht an der Frage, wie das Denken „enstanden“ ist, sie wollen – ziemlich aussichtslos – die Evolutionstheorie ver beddern oder verfeinern. Das gibt Forschungsgelder – viel mehr ist dazu nicht zu sagen.

    Die Frage nach dem Enstehen des Denkens ist übrigens müßig, wenn das Hard problem of consciousness nicht gelöst ist, berühmterweis von David Chalmers (1995) formuliert. Die Kürzeste Version: The really hard problem of consciousness is the problem of experience. When we think and perceive there is a whir of information processing, but there is also a subjective aspect.

    Philosophen stellen sich die Frage eben philosophisch. Hierbei wird zumeist davon ausgegangen, dass mentale Zustande genuine Eigenschaften von (einigen) Organismen sind. Wie sind die nun entstanden. Wonach fragen wir?

    Nach einer neuen Eigenschaft insgesamt, die nicht lediglich „strukturell“ ist. Es gebe Käfte, die in gesetzen erkannt werden können, die die Verbindungen zw. einer komplexen physikalischen Struktur und der emergenten irreduziblen Eigenschaft beschreiben. – Das wäre Emergenz. Wie ich es sehe, wäre eine Lösung des hard problem die Lösung eines Emergenzproblems.

    Es gibt die verschiedensten Antworten: Wenn wir aus Materie wie jeder andere physiklischer Körper bestehen, alle Eigenschaften eines komplexen Organismus auf verständliche Weise von den Eigenschaften seiner Teile hergeleitet werden können (Emergenz), dann sind mentale Zustände nicht verständlich von physikalischen Eigenschaften allein herlgeleitet.

    Nagel leitet daraus (1979) eine Art Panpsychismus ab. Warum eigentlich nicht? K. Lorenz z.B. macht bei Darwin eine Anleihe und berichtet, wie sein Hund sich deutlch nach einem hefig stinkenden Furz schämte (Darwin erzält eine ähnliche Geschichte. Übrigens dachte Darwin selbst kurz vor seinem „Durchbruch“ für seine Theorie viel über Ähnlichkeiten im Verhalten zw. Mensch und Tier nach.) Hunde haben also mentale Zustäne. Und Katzen, der Kanarienvogel. Fische? (Es hält sich immer noch das Gerücht, Fische verspürten keinen Schmerz.). Usw., immer weiter ´runter. Godfrey-Smith geht einfach den umgekehrten Weg.

    Ach, und wenn wir schon bei den Tieren sind, es gibt natürlich noch die philosophische Anthropologie (Plessner), die eben auch aus Erkenntnissen aus der Biologie (Portmann, der eine ganze Reihe von Ergebnissen vorlegt, die einen eindimensionalen Reduktionismuis eigentlich verbieten müssten) entwickelt wurde. Wie Bersarin bereits andeutete, sprechen wir hier wahrscheinlich) wieder von einem bestimmten Begriff des Denkens.

    Neuerdings (etwas müde geworden ob hard probles) wird die These vertreten, dass Idealismus und Naturalismus nur die beiden Pole eines „epistemologischen Kontinuums“ Bsind – als Antwort auf die leidige „große Trennung“ (Bruno Latour u. Philipe Descola).

    Was hier bereits angesprochen wurde und wo es einigermaßen Konsens gab: Ohne materielle Basis geht´s nicht. Wir sprechen auch von „Supervenienz“. Also: in Sphäre A kann es keine Unterschiede geben, ohne dass in Sphäre B ebenfalls Unterschiede passieren (klingt etw. holprig, weil ich on the Fly aus dem Englischen übersetze). Mentale Vorkommnisse supervenieren über physikalischen Vorgängen. (Internmalismus) Es gibt jedoch auch in modernen Zeiten Externalisten (also in der analytischen Philosophie), das sind natürlich nicht alle Mystiker oder denkschwache Zeitgenossen. Dazu musst du dir denken, dass in der Philosophie und Soziologie eindrucksvoll gezeigt worden ist, dass die Subjektivität eine Geschichte hat. Sich etwas anderes vorzustellen wäre auch einigermaßen Lächerlich.

    Supervenienz ist in der Philosophie z.z. das prominenteste logische Modell, als zaghafter Anfang.

    Du kannst dich nicht darauf versteifen, dass es nur eine Quelle der Erkenntnis gibt, und dann allen anderen vorwerfen, sie würden sich dem Problem nicht stellen!

  12. Um diese Sache auch noch mal von der Struktur anzugehen: Das Problem Deiner Ausführungen, El Mocho – und das passiert bei Dir leider immer wieder – ist, daß Du eine Allgemeinbehauptung aufstellst, meist verbunden mit einem Strohmann-Argument – unter Ignorieren der kompletten philosophischen Tradition zudem – und das führt dann zu simplen, monokausalen Thesen. Das ganze zudem derart unspezifisch in der These bzw. der daran anschließenden Frage, daß man in diese Behauptung wie in einen Koffer alles und nichts hineinpacken kann. Philosophen jedoch (und auch Naturwissenschaftler) formulieren Fragen, die auf ein Problem deuten. Manchmal sehr spezifische Fragen, manchmal allgemeinerer Natur, wie z.B. die Frage, was Denken, was Bewußtsein oder was der Mensch ist. Grob zusammenfassen kann man solche philosophischen Fragen mit Kant, er unterteilt dies, sozusagen differenztheoretisch in vier Fragen, die er am Ende auf die nach dem Menschen zurückführt:

    „Denn Philosophie in der letztern Bedeutung ist ja die Wissenschaft der Beziehung alles Erkenntnisses und Vernunftgebrauchs auf den Endzweck der menschlichen Vernunft, dem, als dem obersten, alle andern Zwecke subordiniert sind und sich in ihm zur Einheit vereinigen müssen. Das Feld der Philosophie in dieser weltbürgerlichen Bedeutung läßt sich auf folgende Fragen bringen:
    1) Was kann ich wissen? —
    2) Was soll ich tun?
    3) Was darf ich hoffen?
    4) Was ist der Mensch?
    Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion, und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.“ (Kant, Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen)

    Daß für dieses Wissen eine physische Grundlage erforderlich ist, also ein materiales Substrat, vermittels dessen man diese Fragen überhaupt erst stellen kann, ist dabei zunächst trivial. Zum Gehen brauche ich Beine, zum Denken ein Gehirn und wie beides funktioniert, kann uns gut die Biologie beantworten. Nicht beantworten kann sie uns, was über diese biologischen Funktionen hinaus Denken noch ist und wie es strukturiert ist: was es heißt, etwas zu denken oder etwas wahrzunehmen und daran gekoppelt, wie wir uns in unserem Denken verstehen und was wir darunter verstehen. Eben z.B, aber nicht nur, die Frage nach den Erkenntnisbedingungen, die man auf sehr unterschiedliche Arten angehen kann. Und da reichen dann irgendwelche Überlegungen zu Neuronen nicht mehr heran. Zumal es ja nicht die Neuronen sind, die denken, und es sind auch nicht die Neuronen, die Vanille-Eis schmecken, sondern es sind Menschen, die das tun, und die dabei das eine oder das andere empfinden oder denken und die das in sozialen Horizonten tun.

    Wir alle besitzen die gleichen Kauwerkzeuge und dennoch essen wir je nach Kultur sehr unterschiedlich. Dies zu erklären oder zu verstehen, was da passiert, dazu reichen physiologische Erklärungen, wie Kauwerkzeuge funktionieren und was sie sind, nicht aus. Sie sind Bedingung fürs Essen im allgemeinen. Nicht mehr, nicht weniger.

    Ebensowenig sagt die notwendige physiologische Struktur fürs Denken und Wahrnehmen rein gar nichts über die Arten von Empfindung oder von Denken und schon gar nichts über die Entwicklung von Denksystemen aus, die genau solche Komplexionen zum Thema machen. (Alles Fragen also bei denen „Es ist das Gehirn“ nun gerade keine Antwort ist, sondern nur eine von vielen anderen Bedingungen nennt.) Und Anthropologen wie Gehlen oder Plessner gehen solche Fragen anders an als Biologen wie Portmann oder Jacques Monod oder Philosophen wie Heidegger, Adorno oder Spaemann oder Habermas oder Gadamer. Das bedeutet nicht, daß all diese Positionen irgendwie alle gleichrichtig sind – Philosophie prüft nicht nur deren Argumente, sondern auch die Hinsichten und Kontexte, in die solche Texte und Thesen eingebettet sind. Und insofern kommt es beim Abwägen und Prüfen auf genau diese Hinsichten an, die zu unterscheiden sind. Weshalb Gehlen, Portmann, Heidegger und Adorno auf ihren Gebieten jeweils bedenkenswerte Antworten auf die Frage des Denkens uns liefern können.

    In einer philosophischen Untersuchung oder auch in einem Seminar geht man die Sache derart an, daß man für solche Fragen und Überlegungen, was etwa das Denken sei, nicht mit einer bereits vorgefaßten Antwort kommt, sondern es werden verschiedene Positionen und Theorien gelesen und auf ihre Argumente geprüft. Das ist ein meist zeitaufwendiges Prozedere. Und da fallen die Antworten oft sehr unterschiedlich aus.

  13. Leute. ich will doch eigentlich nur wissen, was es denn nun ist, das sich am menschlichen Denken nicht naturalistisch erklären lässt, und welche alternative Erklärung sich da anbietet? Schon Descartes sah sich ja gezwungen, einen irgendwie unerklärlichen Zusammenhang von Denken und Körper in der Zirbeldrüse zu behaupten (ohne das irgendwie plausibel machen zu können). Weiter seid ihr auch nicht, ihr argumentiert rein defensiv.

    Ich möchte dann auch noch mal einen Philosophen für mich sprechen lassen:

    „Niemand hat bis jetzt die Werkstätte des Körpers so genau kennengelernt, um alle seine Verrichtungen erklären zu können; ganz abgesehen davon, daß man bei Tieren vieles beobachtet, was die menschliche Sinnesschärfe weit überragt, und daß Nachtwandler im Schlafe vieles tun, was sie im wachen Zustand nicht wagen würden. Das zeigt doch zur Genüge, daß der Körper an sich nach den bloßen Gesetzen seiner Natur vieles vermag, worüber sich sein eigener Geist wundert. – Es weiß ferner niemand anzugeben, auf welche Weise und mit welchen Mitteln der Geist den Körper bewegt, noch auch, wieviel Grade der Bewegung er dem Körper mitteilen könne und wie groß die Schnelligkeit ist, mit welcher er ihn zu bewegen vermöge.

    Daraus folgt, daß, wenn die Menschen sagen, diese oder jene Körpertätigkeit entspringe aus dem Geiste, welcher die Herrschaft über den Körper hat, sie nicht wissen, was sie sagen, und bloß mit blendenden Worten eingestehen, daß sie die wahre Ursache jener Tätigkeit nicht wissen, ohne sich über dieselbe zu wundern.“

    Spinozas Ethik, Teil 3, Anmerkung zu Lehrsatz 2

    Ich denke damit lassen wir es bewenden, wir werden uns gegenseitig nicht überzeugen.

  14. El_Mocho, selbst der Blog von „Spektrum der Wissenschaft“ gibt sich versöhnlicher: „Der Streit um die Evolutionstheorie wird oft mit unerbittlicher Härte und ideologischer Verbohrtheit geführt. Umso erfreulicher ist es, dass Thomas Nagel mit „Geist und Kosmos“ ein völlig unideologisches Buch geschrieben hat, in dem er nüchtern die Problematik analysiert und gänzlich auf Polemik verzichtet. Es wäre ein großer Fortschritt in dieser Diskussion, wenn alle Beteiligten, gerade auch die Vertreter der Naturwissenschaften, sich an seinem Stil orientierten.“

    https://www.spektrum.de/rezension/geist-und-kosmos/1213283

    Es ist schon eine steile These: Erst zu vermeinen, sich strikt an ein „naturwissenschaftliches“ Paradigma halten zu wollen, dann aber so tun, als hätte man noch nie etwas von seiner Methodologie gehört. Für letztere ist, ich wiederhole mich, die Reduktion wesentlich. Um überhaupt kausale Faktoren untersuchen zu können, um Kausalmodelle aufzustellen, die dann wiederholbar getesetet werden können sollen, muss ich mich zunächst auf einige wenige Faktoren konzentrieren, denn ich will ja herausfinden, in welchen logischen Beziehungen sie zueinander stehen (siehe INUS-Bedingung: „nichthinreichende aber notwendiger Teil einer nichtnotwendigen aber hinreichenden Bedingung“). Warum wohl werden Medikamente zuerst an Tieren getestet, oder an Bakterien, dann schrittweise an Lebewesen, bei denen immer mehr kausale Faktoren in Betracht kommen? So werden viele Untersuchungen auf diesem Gebiet zuerst an Männern durchgeführt, weil der weibliche Organismus ungleich komplexer ist (siehe die aktuelle Diskussion dazu).

    Zunächst also wird reduziert. Bei Erfolg hat man kausale Modelle. BTW, was eigntlich Kausalität ist, darüber hält die Diskussion bis heute an. Wir haben es mit induktiver Logik zu tun. Siehe hier aber auch das Induktinsproblem (Hume). Selbst das Falsifikationsprinzip wurde angezweifelt (denn die Falsifikations selbst läuft immer über Verifikation).

    Die methodologisch notwendige Reduktion funktioniert manchmal so gut, dass die entsprechenden Modelle technologisch umgesetzt werden können. Denke an Nanorebotik. Es kann doch nicht so schwer sein, zu verstehen, dass es eine Ausgangssituation gegeben haben muss, die reduziert worden ist. Reduktion impliziert etwas das reduziert wird oder reduziert worden ist.

    Du führst hier eine Auseinandersetzung weiter, über die die Community in Teilen längst hinaus ist. Die ersten Warnungen wg.der CRISPR/Cas-Methode stammen eben von diesen ForscherInnen, die sich damit befassen. Warnungen auch wegen einer transhumanen Zukunft, die sich abzeichnet.

    Nochmal: Reduktion impliziert etwas, das reduziert wurde. Und du jetzt: Nein, so etwas gibt es nicht! Dass es manchmal schwierige philosophische Fragen aufwirft, zu klären, was reduziert worden ist, heißt nicht, dass die naturwissenschaftliche Methode falsch ist (d.h., von einer Ausgangssituation her reduktionistische vozugehen). Selbst John Desmond Bernal (1901–1971), einer der führenden Biofuturisten des 20. Jahrhunderts, der z.B. Computer/Gehirn-Schnittstellen voraussah, bemühte sich ausführlich um die Frage, was Leben sei, mit dem Ergebnis, dass sich diese Frage nicht klären ließe. Bereits vor hundert Jahren war man weiter. Er hat ja gerade nicht verkündet, dass es das Leben nicht gebe, die Option, die zu wählen du offenbar gewillt bist.

    Hier wird deutlich, wie gefählich falsche Verallgemeinerungen sind: Es kann nur das geben, was als Ergebnis meiner notwendigen wissenschaftlichen Reduktion vorliegt. Das ist eine metaphysische These und es gibt keinen Grund, sie anzunehmen.

    Es ist ganz einfach ein Fehler. Nur weil ich nicht frage, was ich reduziere, in kausale Faktoren zerlege, um Kausalmodelle aufzustellen, heißt das nicht dass, es das nicht gibt.

  15. Es geht nicht um unterschiedliche Ansichten, El Mocho, sondern es geht um die vertretenen Thesen samt der Begründung. Davon einmal abgesehen, daß man zunächst mal Descartes‘ Text überprüfen und genau lesen muß, um keinen Rezeptionsartefakten aufzusitzen, die sich bei bestimmten Positionen leider kontinuierlich durch die Philosophiegeschichte ziehen.

    Der Lehrsatz 2 im dritten Teil lautet:

    „Der Körper kann den Geist nicht zum Denken bestimmen und der Geist nicht den Körper zu Bewegungen und Ruhe …“

    Wogegen Spinoza sich wendet, ist nicht der Aspekt, daß Denken mehr als nur Gehirn ist, sondern zum einen gegen die Hybris des Subjekts und zum anderen zeigt er, daß Körperfunktionen ein eigenständiger Bereich sind. Nur eben: so wie Körpertätigkeiten nicht einfach aus dem Geist entspringen, so bringen umgekehrt Körpertätigkeiten den Geist eben auch nicht hervor. Und gegen diess Hybris des Subjekts wendet sich Spinoza. Alle Modi des Denkens haben Gott zur Ursache heißt es weiter im Beweis. (Womit wir bei Spinozas Substanzlehre sind, die es dann zu verstehen gilt.) Und an dieser Stelle kommt zudem Spinozas Attributenlehre ins Spiel: „Noch deutlicher ist dies aus dem in der Anmerkung zu Lehrsatz 7, Teil 2, Gesagten ersichtlich, wonach Geist und Körper ein und dasselbe Ding sind, welches bald unter dem Attribut des Denkens, bald unter dem der Ausdehnung begriffen wird. Daher kommt es, daß die Ordnung oder Verkettung der Dinge dieselbe ist, ob die Natur unter diesem oder unter jenem Attribut begriffen wird und folglich auch, daß die Ordnung der Tätigkeiten und der Leiden unseres Körpers von Natur aus der Ordnung der Tätigkeiten und der Leiden unseres Geistes genau entspricht.“

  16. Nur wenn von einem nicht sterblichen Wesen die Rede ist das ohne Körper existiert kann überhaupt von Geist gesprochen werden ;-)

  17. Nein, El Mocho, das ist leider falsch und schon wieder eine Voraussetzung, die Du einführst. So wie Liebe ja auch nicht einfach Körper ist, auch wenn in gewissen Stunden und Szenen der Körper dazu nötig ist. Weiterhin, El Mocho, ist es klug, daß man Begriffe mit einer langen Tradition nicht einfach unreflektiert in den Raum wirft, sondern schaut, was konkret darunter befaßt ist. Und Philosophie ist es eben nicht, irgendwelche Thesen herauszuhauen und für diese Thesen dann irgendwelche Texte instrumentell zu benutzen. Sondern wenn man Texte nimmt, muß man zunächst mal sehen, was überhaupt darin steht, wie der Autor seinen Begriffe nicht nur verwendet, sondern auch entwickelt. Und aus diesem Grunde ist Philosophie eben Arbeit und nicht das Meinen und Wähnen von irgendwas. Dazu sind dann auch die in diesem Falle luziden Ausführungen von ziggev wesentlich, der ganz inhaltlich und anhand von philosophischen und naturwissenschaftlichen Positionen auf den Problemhorizont verweist.

  18. Nach dieser Paralogik könnten wir auch gleich die Phänomenologie des Geistes durch die Phänomenologie des Körpers ersetzen oder die Geisteschichte durch die Körpergeschichte (die es als Bestandteil der Alltagsgeschichte bzw. der Historischen Anthropologie durchaus gibt, von der El Mocho aber ganz sicher noch nie etwas gehört hat), entscheidend ist aber: Hier werden platteste Textbausteine des Sozialbiologismus so zusammengewürfelt dass eine Kitschversion der weltanschaulichen Standpunkte von Konrad Lorenz, Hans Eysenck, Denett und Jensen dabei herauskommt, an sich schon Gedankengut der Neuen Rechten. Hier aber in der BIldzeitungsversion.

  19. Wenn wir schon bei der „Phänomenologie des Geistes“ sind: Hegel selbst hat dieses Verhältnis von Körper, Denken und Geist sehr schön in dem Kapitel zur beobachtenden Vernunft im Teil C zusammengefaßt, darin er zum einen die Schädellehre und die Physiognomik scharf aufs Korn nimmt – zwei empirisch-naturalisierende Tendenzen dieses Zeitalters, vertreten durch Lavater, Franz Joseph Gall oder Ludwig Friedrich Froriep – und zum anderen einen damit verbundenen kruden Empirismus/Naturalismus. Hegel nennt dieses Vorgehen begriffsloses Beobachten (und für alle Schlaumeier: das heißt nicht, daß das Beobachten ohne Begriffe ist, sondern hier kommt Hegels Lehre vom Begriff zum Tragen und in diesem Sinne ist dieses Beobachten dann begriffslos und nicht in der Weise, wie es er normale Verstand wähnt):

    „Dieses [begriffslose Beobachten] weiß sich nicht anders zu fassen und auszusprechen, als daß es unbefangen den Knochen, wie er sich als sinnliches Ding findet, das seine Gegenständlichkeit für das Bewußtsein nicht zugleich verliert, für die Wirklichkeit des Selbstbewußtseins aussagt. [Also der Schädel und die Physiognomie als pars pro toto: so sehen Verbrecher aus, so schaut die Ethnie X aus und hat diese und diese Merkmale! Hinweis Bersarin] Es hat aber auch darüber, daß es dies sagt, keine Klarheit des Bewußtseins und faßt seinen Satz nicht in der Bestimmtheit seines Subjekts und Prädikats und der Beziehung derselben, noch weniger in dem Sinne des unendlichen, sich selbst auflösenden Urteils und des Begriffs. [Hier kommt Hegels Lehre vom Begriff und vom Urteil zum Tragen, die er an anderer Stelle entwickelte und die hier als Argument in Anspruch genommen wird. Hinweis Bersarin] – Es verbirgt sich vielmehr aus einem tiefer liegenden Selbstbewußtsein des Geistes, das hier als eine natürliche Honettetät erscheint, die Schmählichkeit des begrifflosen nackten Gedankens, für die Wirklichkeit des Selbstbewußtseins einen Knochen zu nehmen, und übertüncht ihn durch die Gedankenlosigkeit selbst, mancherlei Verhältnisse von Ursache und Wirkung, von Zeichen, Organ usw., die hier keinen Sinn haben, einzumischen und durch Unterscheidungen, die von ihnen hergenommen sind, das Grelle des Satzes zu verstecken.

    Gehirnfibern u.dgl., als das Sein des Geistes betrachtet, sind schon eine gedachte, nur hypothetische, – nicht daseiende, nicht gefühlte, gesehene, nicht die wahre Wirklichkeit; wenn sie da sind, wenn sie gesehen werden, sind sie tote Gegenstände und gelten dann nicht mehr für das Sein des Geistes. Aber die eigentliche Gegenständlichkeit muß eine unmittelbare, sinnliche sein, so daß der Geist in dieser als toten – denn der Knochen ist das Tote, insofern es am Lebendigen selbst ist – als wirklich gesetzt wird.“
    Ähnliche verdingliche komplexe Prozesse sowie monokausale Ableitungen geschehen auch bei jener Reduktion des Denkens aufs Gehirn. Es ist dies für Hegel das in seiner Vorstellung verbleibender Bewußtsein. Denken und damit korrespondierend der Begriff aber treibt dieses Bewußtsein über diese bloße Vorstellung hinaus.

    „Der Begriff dieser Vorstellung ist, daß die Vernunft sich alle Dingheit, auch die rein gegenständliche, selbst ist; sie ist aber dies im Begriffe, oder der Begriff nur ist ihre Wahrheit, und je reiner der Begriff selbst ist, zu einer desto alberneren Vorstellung sinkt er herab, wenn sein Inhalt nicht als Begriff, sondern als Vorstellung ist, – wenn das sich selbst aufhebende Urteil nicht mit dem Bewußtsein dieser seiner Unendlichkeit genommen wird, sondern als ein bleibender Satz, und dessen Subjekt und Prädikat jedes für sich gelten, das Selbst als Selbst, das Ding als Ding fixiert und doch eins das andere sein soll.“

    Hier kommen zudem der Aspekt der Sprache ins Spiel: Der Begriff ist als solcher Begriff und rekurriert doch auch auf eine Sache und hat damit eine zweifache Struktur, die mitzudenken ist:

    „Die Vernunft, wesentlich der Begriff, ist unmittelbar in sich selbst und ihr Gegenteil entzweit, ein Gegensatz, der eben darum ebenso unmittelbar aufgehoben ist. Aber sich so als sich selbst und als ihr Gegenteil darbietend und festgehalten in dem ganz einzelnen Momente dieses Auseinandertretens, ist sie unvernünftig aufgefaßt; und je reiner die Momente desselben sind, desto greller ist die Erscheinung dieses Inhalts, der allein entweder für das Bewußtsein ist oder von ihm unbefangen allein ausgesprochen wird.“

    Wir haben es an dieser Stelle einmal wieder mit der bei Hegel bekannten Entzweiung zu tun, bei der nicht stehenzubleiben ist, auch nicht im Sinne eines Körper/Geist-Dualismus. Zentral für Hegel ist dabei, nicht einfach ein einem Punkt dieses Erkenntnisprozesses stehenzubleiben. Denn Philosophie ist eben keine Naturwissenschaft, sondern denkt ebenso das Tun einer solchen Wissenschaft mit, ist mithin reflexiv.

    „Das Tiefe, das der Geist von innen heraus, aber nur bis in sein vorstellendes Bewußtsein treibt und es in diesem stehenläßt, – und die Unwissenheit dieses Bewußtseins, was das ist, was es sagt, ist dieselbe Verknüpfung des Hohen und Niedrigen, welche an dem Lebendigen die Natur in der Verknüpfung des Organs seiner höchsten Vollendung, des Organs der Zeugung, und des Organs des Pissens naiv ausdrückt. – Das unendliche Urteil als unendliches wäre die Vollendung des sich selbst erfassenden Lebens; das in der Vorstellung bleibende Bewußtsein desselben aber verhält sich als Pissen.“

    Sehr schön hier diese Stelle, wo das Organ des Denkens und das Organ des Pissens analogisiert werden, wenn man diese Frage rein physiologisch angeht.

    Insofern würde ich das, was El Mocho sagt, zunächst mal nicht unbedingt rassistisch aufladen, wenngleich Lavater und Gall Vorläufer einer problematischen Lehre waren. Doch hat zumindest Lavater diesen kruden Empirismus zunächst in aufklärerischer Absicht getätigt. Und solche Empirie erkennt auch Hegel an. Was er hingegen kritisiert: Bei ihr stehenzubleiben und sie in den Dogmatismus münden zu lassen.

  20. ja, netbitch, das Wort lag mir auch schon auf der Zunge: Weltanschauungs –. Weltaunschauungsfolklore, weltanschauliche Märchenstunde .. etwas in der Art. Für die, die ohnehin dieser Weltanschauung anhängen, verzweifelt in dem Irrtum befangen, dass der evolutionäre Materialismus uns etwas zu sagen hätte. – BTW, Nagel nennt genau diesen Begriff (*im Org. deutsch):
    „… eine bestimmte naturalistische Weltanschauung*, die eine hierarchische Beziehung unter den Gegenständen dieser Wissenschaften [Biologie, Chemie und Physik] postuliert und durch ihre Vereinigung die grundsätzliche Vollständigkeit einer Erklärung für alles im Universum geltend macht.“

    hier der Link zu seinem Buch (seltsamerweise funktioniert der nur mit Tor-Browser ..;)

    http://xfmro77i3lixucja.onion/search/?q=Nagel%2C+Thomas

    Ich sehe auch eine Rechtsgefahr, weil es sich um Antiaufklärung handelt.

  21. Philosophen kommen eben nie aus ihrer Studierstube heraus und kreisen ewig um sich selbst.

    Hingegen schreibt sehr treffend der Neurologe Antonia Damasio über Spinoza:

    „Der Geist entsteht aus oder in einem Gehirn,, welches sich im „eigentlichen“ Körper befindet und mit diesem interagiert; dass der Geist durch Vermittlung des Gehirns im „eigentlichen“ Körper verwurzelt ist, dass sich dieser Geist im laufe der Evolution durchgesetzt hat, weil er dem Überleben des „eigentlichen“ Körpers zuträglich ist, und das der Geist aus der in biologischem Gewebe entsteht -den Nervenzellen- , das die gleichen Eigenschaften hat wie anderes lebendes Gewebe im Körper.“ (Der Spinoza-Effekt, S. 222)

    Er schreibt weiter über einen Patienten, der das Gefühl für seinen eigenen Körper teilweise verloren hatte und berichtete, „dass merkwürdige Empfindungen vom Leib zum Hals wandern, woraufhin Bewusstlosigkeit einsetzt. … Mit der Aufhebung der Präsenz des Körpers im geist wurde diesem gewissermaßen der Boden unter den Füßen weggezogen.“ S. 223./24

    Körper und geist sind eben untrennbar, nur zwei Aspekte der gleichen Sache.

  22. „Philosophen kommen eben nie aus ihrer Studierstube heraus und kreisen ewig um sich selbst.“

    Da Philosophen sich in der Regel mit Texten und mit Argumenten befassen, müssen sie das auch nicht. Der Philosoph hat nämlich seine Werkzeugkiste im Kopf. Und um zu bestimmen, was Denken ist, muß er keinen Körper und kein Gehirn sezieren. Da findet er nämlich kein Denken, sondern nur Knochen, Blut, Hirnmasse und Nervenbahnen, und um die zu interpretieren und zuzuordnen, ist Denken erforderlich. Für die Frage, wie solche Denksysteme entstehen, die den menschlichen Körper als eine Möglichkeit zur Anatomie und zum Aufschneiden und zum Untersuchen betrachten, ist nicht die Biologie zuständig, sondern die Philosophie. Nur sie kann sagen, wie sich eine solche Möglichkeit entwickelt hat.

    Zu der Passage, daß der Geist im Gehirn entsteht, hat Hegel oben Entsprechendes geschrieben und ansonsten ist diese Aussage lediglich trivial und damit: geistlos. Zum Laufen brauche ich Beine: stimmt! Eine recht einfache Erkenntnis. Daß ansonsten Körper und Geist zusammengehören, hat hier auch niemand bestritten. Ein Denken ohne Körper ist zwar denkbar, nämlich der Geist Gottes, aber für den Menschen zunächst mal nur eine Vorstellung – mithin Denken. Zu dem man, wie zum Laufen die Beine, eben einen Körper benötigt.. Wenn man aber die Gegenstandsbereiche zu unterscheiden vermag, dann ist für das, was an Abläufen im Gehirn geschieht, die Biologie oder die Medizin zuständig, nur ist damit noch nichts über das Denken gesagt und schon gar nichts über das Denken des Denkens. Und insofern ist für das, was das Denken in Gehirn in der Welt bewegt, unter anderem die Philosophie zuständig.

  23. Was an den Neurologen definitiv nervt, ist ihre Hybris: Sie glauben den Geist zu erkennen, da sie imstande sind, den „On“-Knopf auf dem MRT zu finden. Dabei sind ihnen nicht vertraut: die Gödelschen Gesetze, Kants „Spontaneität des Geistes“, Aristoteles‘ „enhyle logos“.
    Vor 2500 Jahren waren wir, die Erkenntniskritiker, schon weiter, als ElMocho je es wäre.

  24. Witzig ist die Galerie Großer Neurologischer Geister, die ElMocho paradieren läßt. Obzwar ich seit Dezennien die Neurogang in meinem Zielfernrohr scharfstelle, war mir doch nicht bewußt – Dank an Mocho -, welche Viehwaggonladungen an religiös durchgeknallten Metaphysik-Hatern unterwegs sind.
    „Körper und Geist sind das gleiche, mein Reden“, sagt ElMocho.
    Pech für ihn, daß das der empirischen Falsifikation verfiel: Im Experiment gelingt es dem Oran Utang, ein Feuer zu entzünden, indem er ein Streichholz der Schachtel entnimmt und es ansteckt, da man ihm zuvor zeigte, wie das geht. Er lernt durch Imitation. Was der Primat jedoch seit was explizit Jahrzehntausenden nicht vermochte, ist die Entdeckung des Feuers.

    Als der Stagirit im Eingang seiner „Metaphysik“ den Platon ohne ihn zu nennen, seiner immanenten Widersprüche überführt, hat Aristoteles, den Thomas von Aquin ohne Namensnennung als „der Philosoph“ bezeichnet, das Modell der Kritik gestellt.
    Im Altgriechischen heißt „krino“ Unterscheidung. Aristoteles demonstriert, wie die in sich unterschiedene erkenntnistheoretische Position Platons an ihren immanenten Widersprüchen scheitert.
    Was lernen wir von Aristoteles: 1. Erkenntniskritik beruht auf dem Studium der Tradition. 2. Kritik wird nicht von außen an den Gegenstand herangetragen. Sie erfolgt immanent, indem sie die inneren Widersprüche der Sache thematisch macht.

    Während Aristoteles umfänglich auf Platon sich bezieht, stürzt der Dödel gleich ab: „…dass der Geist durch Vermittlung des Gehirns im „eigentlichen“ Körper verwurzelt ist“, sagt, dass Gehirn und Geist unterschieden sind. Bizarr, wie eben dies dann bestritten wird, was man gerade zugestand: Wenn das Gehirn den Geist „vermittelt“, dann sind das, was vermittelt, und das, was vermittelt wird, unterschieden. Die Differenz von Vermitteldem und Vermittelden ist nicht auszutreiben, da der von ElMocho zitierte Autor es selber sagt.

    Netbitch hat es dir politisch erklärt. Bersarin hat es dir logisch erklärt. nun schaltete noch der Supraleiter der Tradition sich ein.

    @Elmocho: Gebrauche deinen Kopf. Werde ein anderer.

  25. Korrekturen:
    In Ches Blog gibt es die Funktion „bearbeiten“. Hier leider nicht.
    „nun schaltete“ >> „Nun“ in Großschreibung
    „Was der Primat jedoch seit was explizit Jahrzehntausenden nicht vermochte,“ >> „was explizit“ ist zu löschen

  26. Nörgler brutal
    Fatalfall Habermas – der Verderber der Jugend

    Habermas!
    Welch Fanal europäischer Politik und Kultur ward uns durch ihn! Die CSU hat die Alpen erfunden, Habermas Europa.

    Was aber tat nun Habbi, wie nicht einmal seine Freunde ihn nennen, um die Jugend zu verderben? Propagierte er de Sade-kompatible Sexualpraktiken? Hetzte er – verzeihlich – zu kommunistischen Aufständen? Hasste er – unverzeihlich – Jazz, Minigolf und die Aufführung Alter Musik mit sog. „Original“-Instrumenten?

    Zu den Gründen, aus denen er je schon in den rejektorischen Gemütszustand mich versetzt, zählt seine disruptive Wirkung auf die Gehirne der akademischen Jugend: Der Darreichungsmodus seiner Publikationen ist getragen durch Myriaden von Autorennamen, darunter auch solche, deren Untergang mit dem Brand der Bibliothek von Alexandria als gesichert galt. Es gelingt ihm, zitatorische Textquantitäten aufzurufen, deren Lektüre er zur Zeit Ramses des Dritten hätte beginnen müssen; er hechelt auf einer Buchseite mehr Autoren durch, als die Seite Zeilen hat.
    Indes vollzieht er das in einer Weise distinkter Definitorik. Sein Sprachgestus ist unwiderstehlich. Wenn Habermas sagt, der Autor X sei A, dann wird jedem, der bis dahin glaubte, der Autor X sei B, die Einsicht in die maximale Insuffizienz seiner Geistestätigkeit nahegelegt.

    Das faszinierte die die Student/*_*\Innen. Mit Habermas, dem Maschinengewehr des Zettelkastengottes, befanden seine ernsthaften Jünger sich in Namensgewittern, denen sie nicht mehr entkommen wollten:

    „Viele Bücher, lass doch das.
    Lies einfach nur den Habermas.“

    Was in nuce dem H. ich ankreide, ist, wie er kompletten Studentengenerationen das süße Gift der Abbreviation einträufelte.

    Dabei war ihm die Affirmation nicht an der Wiege gesagt:
    Erstmals trat der junge Habermas hervor mit einer satirischen Analyse von Bekanntschaftsanzeigen, witzig und intelligent. Da war er wirklich gut. Zu der Zeit hatte Walter Benjamin seinen GOttesringkampf des „Passagenwerks“ schon nicht mehr gewinnen können, aber so wichtig war dann nicht mehr die Frage dass und warum noch „Paris die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ war; warum Benjamin es zuende nicht brachte, und warum niemand danach es noch zuende brachte. Außer Adorno hat dafür niemand sich interessiert. Hätte H. damit sich befaßt, wäre er am Scheideweg in die richtige Richtung abgebogen.

    Habermas verfügte über das Privileg, im Umfeld intellektuell-radikaler Titanen geistig aufzuwachsen.
    Schade, dass er von diesem Privileg nicht den rechten Gebrauch machte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.