Zu Habermas‘ „Auch eine Geschichte der Philosophie“ sowie zu den doxographischen Engführungen von Philosophie

Nach all den, zumeist wohlwollenden, Kritiken zu Habermas‘ „Auch eine Geschichte der Philosophie“ – sie lasen sich ein wenig wie Grabreden über einen verdienten Philosophien, der über seinem Opus Magnum dahinsank und von dem man nun, ob des Werksumgangs im Ganzen, weil da auch Gutes dabei war, und da man doch im Angesicht des Alterswerkes nichts Schlechtes schreiben mag (de mortuis nil nisi bene, obwohl der Mann doch noch sehr lebendig ist) – denke ich mir, nach der Darstellung des Buchinhaltes, daß ich diese Werk nicht wirklich lesen möchte, weil es zum einen die Verengung der „Geschichte“ der Philosophie produziert und zum anderen und das ist das Resultat des einen, insofern aufgrund der doxographischen Verengung keinen Gewinn an Erkenntnis bietet. Wie schon „Der philosophische Diskurs der Moderne“, darin Habermas nicht im Ansatz der „französischen“ Philosophie gerecht wurde, sondern sie auf sein eigenes Konzept zurechtstutzte, läuft es, so vermute ich, auf eine Fehllektüre hinaus, die mehr Ärger als Freude über jene Geschichte der Philosophie erregt.

Bis heute müssen wir im übrigen jene Rebekka rügen, die ihm den „Neostrukturalismus“ (sic!) nahegebracht hat. Sie hat es nicht gut getan. Oder sie erzählte etwas, das Habermas dann in einen ganz anderen und leider falschen Kontext brachte.

Es mag zwar sein, daß Mitte der 1980er durch Habermas‘ „Der philosophische Diskurs der Moderne“ erstmals der sogenannte Poststrukturalismus – eine wie ich finde sowieso unglückliche Zuschreibung, weil es sich um eine Abbreviatur sehr unterschiedlicher Philosophen handelt –  auf einer breiteren Ebene akademischer Philosophie debattiert wurde – wobei in den Subzirkeln derer, die im Post-68 nicht einfach dogmatisch bei Marx und Freud verharren wollten, lange schon Foucault, Deleuze und Derrida auf dem Zettel standen, man denke nur an die Merve-Kultur, die Philipp Felsch im „Langen Sommer der Theorie“ schildert. Nur kommt es eben bei Habermas‘ Darstellung auch auf das Wie an. Und wenn dabei verkürzte Lektüren entstehen, wird die Angelegenheit problematisch.

Zumal diese Lesart von Foucault, Bataille und Derrida durch Habermas im deutschsprachigen Raum leider erhebliche und leider lektüretechnisch-hermeneutisch meist negative Auswirkungen hatte und bis in die Neunziger Rezeptionskonstrukte und zudem eine völlig überflüssige Frontstellung schuf: als ob da in Frankreich irgendwelche Neokonservativen mit zu viel Nietzsche und Heidegger im Gepäck herumirrationalisierten. Was schlicht nicht der Fall war. Den ganzen phänomenologischen Strang etwa bei Derrida und Lyotard wie auch der Bezug zu Hegel wurden abgeschnitten.

Was Derrida und Foucault taten, mag mit Habermas‘ Form der Vernunftkritik nicht unmittelbar kompatibel sein. Aber das bedeutet im Umkehrschluß nicht, daß es unvernünftig oder irrational ist, sondern bei so unterschiedlichen Philosophen wie Derrida, Foucault, Deleuze und Lyotard wird ebenso eine Kritik der Vernunft mit den Mitteln der Vernunft betrieben, wie dies auch Romantiker wie Novalis taten – indem sie im Philosophieren ebenso auf Formen von Literatur  zurückgriffen und poetische Verfahren ebenso einbezogen. Oder indem Denker wie Foucault auch das Subjekt selbst bzw. den Begriff des Subjekts in kritischer Absicht als eine historische Figur aufzeigten – ohne dabei irrationale Schubkräfte, vages Fühlen und Dräuen, Mythos und die Triebkräfte der Seele nun zu institutionalisieren. Ich denke, daß durch die Habermas-Rezeption leider lange Zeit ein falsches Bild, also ein Artefakt in Umlauf gebracht wurde, das diese Denker auf einer bestimmten Linie festschrieb. Und ich fürchte, daß auch im Falle dieser Philosophiegeschichte ähnliches geschieht – wobei ich mich, und insofern ist das hier keine verbindliche Einschätzung, gerne auch angenehm überraschen  lasse und alles ist anders.

Richtig ist aber, daß man sich an Habermas‘ „Der philosophische Diskurs der Moderne“ immerhin abarbeiten konnte. Und las einer Derrida und Foucault selbst, dann entdeckten er oder sie schnell, daß es sich doch etwas anders verhielt. So zumindest erging es mir 1988 bei der Lektüre einiger dieser Texte der French Philosophy.

Allerdings bin ich bei Philosophie-Geschichten, zumal solchen, die von Philosophen geschrieben werden, die systematisch arbeiten, und nicht von Philosophie-Historikern, sowieso vorsichtig und erinnere mich immer wieder gerne an die Worte meines Soziologie-Professors und -lehrers Gerhard Kleining: „Wenn Sie die Primärtexte nicht verstehen, werden Sie auch die Sekundärliteratur kaum begreifen. Fangen Sie also lieber bei den Primärtexten an, lesen Sie langsam und gründlich, sprechen Sie über den Text mit anderen.“

Das gilt auch für die Philosophietexte der Tradition: besser Platon, Aristoteles, Plotin, Augustinus, Duns Scotus oder Thomas von Aquin selbst zu lesen, als über sie etwas zu lesen. [Es harren noch so viele unentdeckte, ungelesene Texte, die warten.] Jene Texte über Philosophen – insbesondere wenn es sich bei den Autoren selbst um originäre Philosophen handelte, die ein eigenständiges Denken ausarbeiteten – waren meist ein Trauerspiel: schufen sie doch meist enge Grenzen der Auslegung und verengten einen komplexen Textkorpus hin aufs je Eigene. Eine der großen Ausnahmen scheint mir in diesem Falle Martin Heidegger zu sein: wenn er Heraklit, Anaxagoras oder Parmenides liest, so mag das eine Rezeptionsverengung bedeuten und doch öffnet Heidegger zugleich den Horizont für diese Philosophen, um sie tiefer oder anders zu lesen. Gerne auch anders als Heidegger es denkt. Ansonsten aber bleiben Philosophiegeschichten von Philosophen meist heikel. Was nicht heißt, daß sie schlecht sein müssen. Adornos „Philosophische Terminologie“, Hegels „Geschichte der Philosophie“ und auch Blochs „Leipziger Vorlesungen“ sind allesamt gute, weil anregende Philosophiegeschichten und auch vom Hirschberger will ich gar nicht abraten, geschweige vom Ueberweg. Dennoch: lesen Sie die Primärtexte, so geht mein ceterum censeo.

Denn mit den Philosophiegeschichten verhält es sich ähnlich wie mit Leuten, die wandern wollen. Das ist als spazierte man auf einer großen Landkarte statt in der Landschaft selbst. Um dort genauere Orientierung zu bekommen, können Landkarten allenfalls helfen. Aber sie ersetzen den Weg und das Suchen nach Wegmarken nicht. Und Philosophiegeschichten bzw. die Auseinandersetzungen von Philosophien mit anderen Philosophen sind oftmals nicht sonders wohlgeraten, sondern vielmehr wird der interpretierte Philosoph im Hinblick auf die eigene Philosophie gelesen.

Das kann produktiv sein, wenn man jenen Philosophen und sein Denken, in diesem Falle eben Habermas, genauer sichten will. Man muß sich eben nur hüten, solche Interpretationen und solche blickverengenden Lektüren für den Text des anderen Philosophen selbst zu nehmen. Das beste Beispiel sind Adornos Heidegger-Interpretationen. So sehr ich Adorno schätze, sind sie an vielen Stellen deutlich zu eng, wenn nicht sogar in großen Teilen falsch. Auch wenn sich selbst durch diese adornoschen Heidegger-Lektüren ein instruktiver Blick auf Adornos Philosophie werfen läßt

Diese Fehldeutung ändert nichts an der Qualität von Adornos Philosophie. Und so mag das auch bei Habermas sein. In vielen Aspekten halte ich seine Diskursethik und insbesondere auch „Faktizität und Geltung“, also seine Theorie zum Rechtsstaat für ungemein anregend und wichtig. Es ist dies also kein schlichtes Anti-Habermas-Bashing – worum es in der Philosophie sowieso nicht gehen sollte, irgendeinem Ismus aufzusitzen. Aus diesem Grunde konnte ich auch Kierkegaard neben Hegel, Nietzsche zusammen mit Marx und Heidegger mit Adorno lesen. Ein Verfahren übrigens, daß ich sowohl durch Derridas Texte wie auch mit Hegels Philosophie lernte.