Bamberg, im Juni – All der rote Mohn

Schnell noch, bevor der Sommer vergeht, diese Photographien aus Bamberg gezeigt. Die meisten Bilder stammen von der Halbinsel ERBA, dem ehemaligen Gelände der Bamberger Textilindustrie, der übrige Teil aus den Gewerbegebiet im Nordwesten der Stadt. Die ERBA, das Silbenkurzwort steht für Erlangen-Bamberg, war eine der großen Baumwollspinnereien Europas. Reste der Industrieanlagen finden sich noch heute auf dieser Landzunge zwischen dem linken und dem rechten Regnitzarm. 2012 fand auf der ERBA-Insel die Gartenschau statt und dafür wurde das Gelände gehörig umgebaut. Es ist eines dieser seltsam-modernen Flächen: viel Grün, Wohnhäuser, auch Teile der alten Industriegebäude sind noch zu sehen. Leider habe ich es versäumt, diese Anlagen zu photographieren. Im Gesamt, in der Totale eines Bildes hätten sie nicht gewirkt, ich hätte mir also fürs Ablichten etwas anderes ausdenken müssen, wozu ich nun wieder keine Lust hatte, weil ich lieber beim freien Schlendern photographiere und ich zudem einen großen Faible für diese lieblichen Kleingartenanlagen habe – diese seltsame Form von Natur, heute fast schon antiquiert. Es ist aber dieser Trug von heiler Welt vielleicht doch der letzte Rest einer tatsächlich irgendwie noch intakten Welt und Auswuchs der längst abgelebten 70er-Jahre-Moderne.  Es fehlt nur noch das HB-Männchen, was in die Luft geht und dann beim Rauchen seine Ruhe findet, wir hören, daß Strahlerküsse besser schmecken, Plantschi einfach prima ist, schmecken Ernte 23 und betrachten das Bärenmarke-Bärchen wie es durch eine Hügellandschaft tapst, samt dem lustigen, dicken, grünen Hustinetten-Bär, der das Leben nicht so schwer nimmt.

Vom Wesen des Parks her bildet die ERBA ein Gegengewicht zu dem herrlichen naturbelassenen Bamberger Hain, weit im Süden der Stadt. (Ich schrieb an dieser Stelle über diesen wunderbaren Ort, damals im Winterzauber, wo der kalte Prinz den Frost verströmte und zwischen kahlen Bäumen und Statuen spazierte.) Beide Orte haben für sich ihren Reiz – im Sommer wie im Winter. In den Hain gelangt man vermutlich etwas leichter und eher, wenn man aus den Gassen der schönen Altstadt kommt und dann am linken Regnitzarm an der der Künstlervilla Concordia vorbeispaziert, die, stadtauswärts gegangen, rechts des Flusses auf der anderen Seite des Mühlwörths liegt. Und wenn man später abends nahe der Wälder aufmerksam schaut und lauscht, so kann es geschehen, daß der Abendwanderer dem sprechenden Hund Berganza begegnet.

Im Juni aber ging es zur anderen Seite hinaus, in jenen Kunstpark, dem man seine Künstlichkeit sehr viel deutlicher ansieht als dem scheinbar naturbelassenen Hain. Es geht in die Kleingartensiedlungen zuerst, wenn man vom Regensburger Ring her kommt. Ich denke an jene wunderschöne braunhaarige Frau, die mir vor meiner Abreise ein üppiges Frühstück brachte. In Dänemark übrigens weht bei jedem Ferienhaus der Dannebrog – nur für alle, die sich über deutsche Flaggen mokieren oder wundern. Mir ist’s egal, wer’s will, mag’s vorm Ferienhaus oder der Datscha machen. Ich brauche es nicht, auch keine von irgendwelchen vorgeblich widerständigen Fußballvereinen aus Hamburg. Geh ich eh nicht hin, sind mir zu viele Werber aus der Schanze da. Die einzige Fahne, die ich mag, ist die von Weißwein.

Und nun Photographien aus Bamberg, bevor der Winter kommt, von der Hegelwoche in Bamberg. Ich wette, Sie werden keinen einzigen Bezug dort auf den Bildern zu Hegel entdecken. Wer einen findet, kriegt vielleicht einen Weißwein. Oder eine Fahne.

 

5 Gedanken zu „Bamberg, im Juni – All der rote Mohn

  1. Was den roten Mohn angeht – es war genau dieser auf Industriebrachen gedeihende Klatschmohn, den Helmut Kohl meinte, als er den Ossies blühende Landschaften versprach. Man hat das missverstanden.

  2. Das Schild „Gegenverkehr“ kann man als jemand, der nur flüchtig mit der Philosophie bekannt ist, als die Andeutung einer Hegelschen Denkfigur interpretieren: Behalte die entgegengesetzte Richtung (deines Gedankens) im Sinn. In einer nicht minder halbernsten Auslegung kann auch die Ton-Maske mit dem die Zunge herausstreckenden Bacchus an die assoziationsreiche und prominente Textstelle mit dem „bacchantischen Taumel“ erinnern. Aber veritable Hegel-Bezüge sind das natürlich nicht.

    Dann schon eher der kalte, fast abstrakte Blick, den Du vornehmlich auf Deine Motive wirfst. Nichts wird so fotografiert, dass es die Augen umschmeichelt oder das Gemüt bewegt. Die Mauern bleiben opak, die Parzellen streng getrennt, die Gärten menschenleer, die Zwerge eingehegt, der Mohn im Zaun gefangen, und das Licht liegt eher matt auf den Dinge, glanzlos. Von der hypostasierten Idylle im Gartenreich ist nur wenig zu spüren, heimelig oder gar einladend wirkt hier allenfalls das Pflanzen- und Buschwerk mit seinem unverfänglichen Grün.

    Martin Parrs Kleingärten-Foto-Porträts operieren ja mit der Kombination / Konfrontation des Gartens mit seinen Besitzern, wodurch sich Korrespondenzen, Kontraste, sprechende oder humorige Details, ja sogar Analogien ergeben. Bei Dir fehlen die Menschen und damit der mögliche anekdotische Gehalt. Zu sehen sind nur die liebevoll zugerichteten Orte, quasi die Futterale.

    Gruß, Uwe

  3. Ich schätze ja die Landschaften und Städte ohne Menschen oder es ist so, daß jene Personen irgendwo am Rand als Verschwindendes auftauchen.

    Der Hegel-Bezug mit dem Gegenverkehrs-Schild gefällt mir gut – da ist zumindest ein Anklang. Der bacchantische Taumel aus der „Phänomenologie“ ist hier in Bamberg auf der ERBA aber eher eine Fratze – gleichsam eine Hegel-Karikatur.

    Die Beziehung von Kleingärtner und Garten ist auf alle Fälle interessant, wobei das eben auch einiges an Arbeit macht – man muß die Leute ansprechen – die meisten waren zu der Zeit nicht da, als ich Photos machte – man muß Termine vereinbaren. Im ganzen einiges an Arbeitsaufwand und nichts für den Spaziergänger. Aber als Projekt und Bildband-Idee scheint mir das, was Parr macht, interessant. Sowieso bin ich von ihm inspiriert, was die Kälte des Blicks betrifft. Nur eben bei mir ohne Menschen. Ich muß dazu sagen, daß der Ort, als ich dort spazierte, tatsächlich sehr verlassen war. Anders als in Städten, wo ich manchmal für ein Photo lange warten muß, bis kein Mensch mehr zu sehen ist. Oder ich muß mir Zeiten suchen, wo niemand unterwegs ist.

  4. Unter dem Bild 803, wo das Schild mit dem Bamberger Bier zu sehen ist, postete karu02 folgenden Hinweis (ich stelle es hier ein, weil Kommentare direkt unter den Bildern in der Seitenleiste nicht angezeigt werden):

    „Bier treibt auf Urin.
    Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831), deutscher Philosoph
    Quelle: Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, 1817“

    Die scheint mir in der Tat ein interessanter Hegel-Hinweis zu sein, dem auch empirisch einmal nachgegangen werden müßte. Zumal das Fränkische Bier wirklich sehr lecker ist. Und wer gerne ein sprudelndes Wässerchen trinkt, daß schmeckt als hätte jemand in Bier ein Stück Räucherschinken zehn Wochen liegengelassen, der nehme das Bamberger Rauchbier zu sich. Nach dem dritten Glas schmeckt es.

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