Margarete Stokowski und Kurt Tucholsky

Eine Kombination im Titel bereits, die Leserin und Leser erschaudern lassen werden. Was um alles in der Welt haben diese beiden Menschen miteinander zu tun? Nichts, rein gar nichts. Der eine ist ein Essayist, Satiriker, Gesellschaftskritiker und Schriftsteller, die andere ist Kolumnistin bei SpOn. Dennoch: Margarete Stokowski wird der Tucholsky-Preis verliehen. Ein Gott, der Tintenteufel oder sonstwer mag wissen weshalb. An ihrer ausgefeilten Sprache kann es nicht liegen, an ihrem Witz ebensowenig und auch nicht an ihrer eloquenten Art zu sprechen – man schaue sich das Gespräch mit Svenja Flaßpöhler über MeToo an. Es muß also wohl an der Jury liegen, die hier im Link einzusehen ist. Man sehe auf die Namen und man wisse.
Ich selbst wäre eher dafür, Margarete Stokowski den Karl-Kraus-Preis, genauer gesagt, den von Karl Kraus ausgeschriebenen Preis zu verleihen, fürderhin nicht mehr zu schreiben und mit dem Geld besser einen für die Gesellschaft nützlichen Beruf zu ergreifen. Kraus sagt es so:

„Das Preisrichterkollegium hat sich vor der Fülle konkurrierender Genies nicht anders helfen können als für jedes Gebiet je drei Preise à 1000 Schilling festzusetzen. Sie sollten zwar ursprünglich jener »Aufmunterung« dienen, die auf sämtlichen Gebieten der Kunst schon so viel Unheil angerichtet hat, während Abschreckungspreise, geknüpft an die Bedingung, nichts dergleichen mehr zu tun, sondern einen nützlichen Beruf zu ergreifen, ein wahrer Segen wären.“
(Karl Kraus, Die Fackel, Nr. 726-729, Mai 1926)

48 Gedanken zu „Margarete Stokowski und Kurt Tucholsky

  1. Wir wissen, wie der Markt funktioniert – und um den geht es, ging es schon lange, vielleicht seit je. Ich könnte auch an den Döblin(!!!)-Preis für Katja Lange-Müller erinnern, den Kleist-Preis für Dirk v. Petersdorff oder gar den Hölderlin(!!!!)-Preis für Marcel Reich-Ranicki. Wenn die Namensgeber der Preise nicht mehr gefragt werden können, werden sie geschändet, wie es der Mainstream irgend nur hergibt.

  2. Damit sprechen Sie allerdings ein zentrales Problem an – nämlich das der Preisvergaben. Daß Jurys auch und gerne nach einer bestimmten Gefälligkeit urteilen mögen – nicht alle, aber einige und hier bei Stokowski scheint mir der Teilnehmerkreis doch augenfällig, – mag der Fall sein und ist der Fall. Wenn wenigstens noch Autorinnen und Autoren dabei herauskommen, die man vielleicht nicht unbedingt ästhetisch schätzt, aber denen man doch eine gelungene Literatur nicht absprechen kann.

  3. Ihr „wenigstens“, lieber Bersarin, ist bereits ein Rückzug, der das Land ein für alle Mal verliert. Aus ihm, dem „wenigstens“, folgt mit im Wortsinn N o t-Wendigkeit alles übrige bis zum jetzigen Tucholsky. (Freilich, es gab auch gute Preisvergaben: Leonce und Lena an Katharina Schultens, Döblin an Kurzek usw.; auch Büchner an Rainald Goetz hatte entschieden etwas für sich und paßte.)

  4. Na ja, ich bin manchmal schon mit etwas zufrieden, was nicht wirklich im Olymp ist, aber doch ästhetisch stimmig gemacht – das alles ist bei Stokowski eben nicht gegeben, nicht weil ich ihre politische Haltung völlig ablehne, sondern weil bei ihr insgesamt die Form nicht sitzt und die Art ihrer Texte ein Teil des Problems ist, das sie zu bekämpfen vorgibt. Der Bücher-Preis bei Goetz, da bin ich einverstanden – auch das wäre übrigens ein solcher Autor, der ins „wenigstens“ bei mir fällt Den „Holtrop“ fand ich mißlungen und teils auch plakativ – aber darüber kann man streiten. Über anderes wieder nicht, da bleibe ich konsequent und ablehnend. Gerade die Debatte jetzt um Karen Köhlers neuen Roman zeigt, wie sehr es mit der Literatur im argen liegt. Was ich über das Buch und aus dem Buch bisher gelesen habe, erfüllt mich mit Schrecken, ihr Erzählungsband „Wir haben Raketen geangelt“ vom Feuilleton vielfach gut besprochen, ist eine Ansammlung von Kitschszenen und Klischeebildern.

    Wie sozusagen gute Literatur und die Einschätzung von Literatur auseinanderklaffen, scheint mir Katharina Schultens‘ Einschätzung von Köhlers Buch auf Facebook exemplarisch zu zeigen und ebenso ihre Äußerungen zu feministischen Themen. Wer mit Male gaze und Mansplaining argumentiert, will nicht an die Sache heran, sondern vielmehr sich gegen Kritik immunisieren. Das alles freilich ändert nichts an ihren literarischen Texten. Es zeigt aber, wie ästhetischer und empirisch-lebensweltlicher Charakter auseinanderklaffen.

  5. Schultens‘ Argumentaton auf Facebook kenne ich nicht; insgesamt habe ich die Auseinandersetzung um Köhler nur am Rande mitverfolgt. Schlechte Bücher werden ja nun auch von Männern geschrieben, und zwar egal, welche erotische Neigung sie haben. Ganz sicher argumentiert es in Schultens aber nicht nur mit Male Gaze etc., sonst hätte sie schwerlich zugesagt, mit ausgerechnet mir aufs Podium zu kommen, um zu moderieren und zu sprechen, wenn ich am 26.9. im Buchhändlerkeller den großen Lyrikabend habe. Es bin ja nun exemplarisch ich, dem als vermeintlichem Macho fast der Haß der Genderkorrekten gilt.
    Aber dies nur am Rande.

    Daß sehr gute Autorinnen und Autoren auch mal danebenschreiben, scheint mir übrigens einfach nur menschlich zu sein. Wichtig ist, wo sie trafen – und d a ß sie es taten und tun.

  6. So ist es, schlechte Bücher richten sich nicht nach dem Geschlecht, wie auch die Richtigkeit von Argumenten sich nicht nach dem Geschlecht richtet. Letzteres habe ich auch Frau Schultens zu erklären versucht – offenbar vergebens. Aber manchmal sind Dispute eben auch von der Situation abhängig, wobei eben auch das nicht für die Gültigkeit von Argumenten gilt. Insofern bin ich ob Schultens‘ Abwehrhaltung ein wenig verwundert gewesen.

    Egal wie: Gerade das „Danebenschreiben“ bei den guten Autorinnen und Autoren finde ich deshalb interessant, weil sich hier bei ein und demselben Schriftsteller eben die Diskrepanz aufzeigt, und es ist dabei ebenso zu sehen, wie schwierig und welch harte Arbeit es ist, ein gelungenes Werk zu komponieren. Wobei freilich das (normative) Kriterium für „gelungen“ und „ästhetisch stimmig“ zunächst einmal erwiesen werden muß, damit es keine petitio principii wird. Was ja die Arbeit der Literaturkritik wie auch der ästhetischen Theorie ist, jenes Spiel, jene Dialektik von Kriterien und Kritik (Kritik eben auch im etymologischen Sinne der Bedeutung im Griechischen als „unterscheiden“.) Insofern muß (in diesen Fragen) mit der Kritik der gegenwärtigen Literatur ebenso eine Kritik der Literaturkritik einhergehen. Ich bin nach wie vor der Ansicht, daß man die Qualität eines Romanes nicht auf 4500 oder 9000 Zeichen abhandeln kann.

  7. Zustimmung, auf alle Fälle. Vor allem aber halte ich Gefälligkeitspreise, weil da jemand vorgeblich ach so angarschiert ist, für verhängnisvoll. Stokowskis Texte sind nicht die Lösung für jene Probleme, die sie häufig anprangert, sondern diese Texte gehören genau in jenes Problemfeld hinein.

  8. In der Titanic gab es mal die Rubrik die 7 peinlichsten Persönlichkeiten, da würde die Stokowski eine gute Figur machen.

  9. Ja, das ist leider so. Und es wäre für eine emanzipierte, kritische und kluge Linke schön, wenn sich Autorinnen und Autoren fänden, die eines solchen Preises würdig wären. Vor allem sprachlich und vom Erkenntnisniveau her.

  10. Leider habe ich kein Geld. Sonst würde ich einen Margarethe-Stokowski-Preis stiften und mit ihm meinen kleinen Bruder ehren für seine Verdienste um das feministische Fäuleton.

    …aus Rache für die Respektlosigkeit Kurt Tucholskys Namen gegenüber.

  11. Ich habe bei der Stokowski immer so den Eindruck die ist wie etliche meiner Kommilitoninnen in ihren frühen 20er waren, als Leute wie ich aber aucxh gerade die älteren Genossinnen meinte „Na ja, die haben Adolszenzprobleme, das wächst sich noch raus:“ Und das ist das Problem, insofern ließe sich auch die Kritik an den „Alten weißen Männern“ diametral umdrehen: Da wird etwas als engagierter Journalismus hofiert, das man und auch frau in den 80ern als Postpubertätsproblem abgetan hätte.

  12. In der Tat haben wir bei Leuten wie Stokowski ein Problem mit mittelalten weißen Frauen. Das Problem ist ja nicht, daß sie schreibt: Meinetwegen kann Stokowski in irgendeiner WG-Zeitung wirken oder im Internet einen Blog vollschreiben, daß solche Minderleistung aber einen solchen Preis bekommt, ist eben der Skandal und daß solche Leute ernsthaft Kolumnen in einer Zeitung bekommen und sei es auch nur SpOn,wo man nicht wirklich arbeiten möchte. Wenn ich mir allerdings einige der Personen da in der Jury anschaue, dann ist es vielsagend. Mich würde sehr die Begründung dafür interessieren.

  13. Na ja, sie ist 33 Jahre. Jung ist das nicht mehr und es fällt nicht mehr in die Pubertät oder die Roaring Twenties – wenngleich ihr Schreiben in jener Pubertät immer noch seine Wurzeln zu haben scheint. Aber die Bewertung des Alters ist sicherlich auch eine Frage der Relationierung. Kant soll mit Ende 50, Anfang 60 bereits angesprochen worden sein als „ehrwürdiger Greis“.

  14. Erinnert das nicht alles ein wenig an das, was man heute (plakativ) als 68er (oder, genauer, 67er) bezeichnen kann? Auch damals wurde Kompromisslosigkeit und Ignoranz Argumenten gegenüber praktiziert und, um es salopp zu formulieren: Mainstream. Anderes oder Ausgleichendes wurde mit Vokabeln wie „revanchistisch“ abgetan und in den fiktiven Mülleimer entsorgt. (Ohne hier genau Bescheid zu wissen denke ich dabei an die Auseinandersetzungen mit Adorno und Habermas und der APO.) Auch damals waren doch die Meinungsfenster nur in eine Richtung geöffnet und intellektueller Durchzug galt als Apostasie. (Fast wie eine Widerlegung meiner These ist der Büchner-Preis 1968 für Golo Mann – aber das hat womöglich mit der Jury zu tun?)

    Und dann muss man sich so manchen „radikalen“ Vertreter von damals – sofern sie noch leben – in der Gegenwart ansehen. Neulich sah ich ein (eher schlechtes) Suhrkamp-Portrait auf 3sat. Gezeigt wurden u. a. Martin Walser und auch Enzensberger, wie sie auf einem Podium über die Notstandsgesetze und die damalige Große Koalition sprachen. Das muss ihnen doch heute eher peinlich sein.

    In den 1970ern begann das sozialdemokratisch inspirierte Bewusstsein in alle Gesellschaftsschichten einzusickern. Später kamen die Grünen noch dazu (kannibalisierten teilweise die Sozialdemokatie). Machtpolitisch setzte sich dieses Modell in Deutschland überraschenderweise erst Ende der 1990er Jahre durch. Der Aufbruch blieb aus; die Zeit war enttäuschend. Die intellektuelle Trägheit, die unter Kohl eingesetzt hatte, setzte sich fort. Das wurde mit Merkel nicht anders. Die Institutionen waren erobert. Es ging jetzt um die Rentenvorsorge.

    Der Muff unter den Talaren zeigt sich für die nächste Generation (die im Wohlstand aufwuchs, ohne es zu bemerken) im Bild vom alten, weißen Mann. Daher ist nicht der Tucholsky-Preis für Stokowski ist das interessante. Möglich wurde dies erst durch die Nominierung einer Jury, die dann das macht, was alle Jurys machen: sie bepreisen diejenigen, die ihrer politischen oder ästhetischen Richtung nahe sind. Die Kanonisierung schreitet voran. (Und merkwürdig, ich denke zuweilen an Variationen von „Fahrenheit 451“.)

  15. Unter mittelalt würde ich 40 – 60 verstehen, wobei die Argumentationsmuster die sie gebraucht so etwa um 2010 sich etabliert haben, und deswegen würde ich sie im doppelten Sinne als jung bezeichnen, vielleicht bezüglich der pubertären Schreibe sogar im dreifachen Sinne. Ansonsten ist den Keuschnigschen Überlegungen zuzustimmen. Politische Bewusstseinsbildung vollzieht sich nach dem Muster der Langen Wellen, leider waren Kohls Kinder schon der Mainstream als die 68er an die Macht kamen, vielleicht war die Zeit auch deswegen so enttäuschend. Wäre die Dynamik der Ära Brandt bruchlos in eine rotgrüne Reformwelle übergegangen hätte das eine fast revolutionäre Umwälzung in Gang setzen können, aber 20 bleierne Jahre dazwischen töteten jeden wirklichen Reformimpuls ab. BTW was an solchen „Feministinnen“ wie Stokowski, Wizorek, Lantzsch und Co. so erschreckend ist ist ihre Geschichtslosigkeit. Von den stattgefundenen und zum Teil sehr erfolgreichen Kämpfen der Feministinnen der 70er, 80er und 90er Jahre wissen sie nichts mehr und wollen nichts mehr wissen und also wiederholen sie sie – nichts als gesellschaftliche Kämpfe, sondern als Posen.

  16. Naja, aber was ist, wenn die „Posse“ nicht mehr als solche wahrgenommen, sondern, im Gegenteil, Ernst genommen und zu neuen intellektuellen Bewertungen führt? Dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken. (En passant: Warum werden eigentlich Komiker in politische Parlamente und sogar in Machtpositionen gewählt? Sonneborn bekommt in D ja nur 2%, aber immerhin… Und was ist mit Italien, Ukraine? Was, wenn die Possenreisser nicht mehr als solche erkannt werden?)

  17. Naja, wenn man die Politik als Posse erkannt hat, kann man auch gleich die Possenreißer wählen. Das ist doch nur konsequent, oder?

  18. Zum Feminismus der der 70er, 80er und 90er erfährt man in der Posse „Allein unter Frauen“ von Sönke Wortmann mehr als in allen Online-Diskussionen.

  19. Und was ist mit Italien, Ukraine?

    Ukraine ist ein anderer Fall. Die armen Ukrainer hatten alle anderen Kandidaten so derart satt, daß sie sogar nichts mehr dagegen hatten, den Kandidaten, der ihnen von einer PR-Aktion eines von Kolomojskis Privatsendern vorgesetzt wurde, zu wählen. Die Partei, die außerhalb dieser PR-Aktion über keine soziale Basis verfügt, und
    erst aus Amateuren aufgebaut werden mußte, fanden die Ukrainer immer noch vertrauenswürdiger als jeden der gestandenen politischen Kräfte.

    [Kolomojski ist zweitreichster Oligarch der Ukraine, der Gewaltige von Dnipr, wie Dnepropetrowsk neuerdings heißt, eher ein Spitzbube, ein Ganove, der selbst im Volk so umstritten ist, daß er sich nicht wie Poroschenko selbst zur Wahl stellt. Poroschenko war übrigens der Wirtschaftsminister der vorangegangenen Janukowitsch-Regierung. Angeblich des korruptesten, was es je gegeben hat in seinem Lande, und Poroschenko in ihr angeblich der korrupteste Minister.]

  20. Die letzte Regierung in Italien war, auf deutsche Verhältnisse übertragen so, als ob Piraten, Grüne, FDP, AFD und NPD miteinander koalieren würden, und jetzt hat Mozzarella halt die Faschos raus und die Sozen mit ins Boot genommen. Das erinnert leicht an die Notverordnungskabinette am Ende von Weimar.

  21. Die Sendung über den Suhrkamp-Verlag war in der Tat nicht besonders gelungen. Interessant hier aber die Sache mit Walser: ich halte das was man da aus seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche herauslas, nach wie vor für eine künstlich hochgezüchtete Skandalisierung seiner Aussagen. Insofern, und auch wenn ich an die Jenninger-Rede 1988 denke, sind diese Dinge, wie wir sie heute inflationär erleben, nichts Neues. Ebensowenig wie das Niederschreien anderer Meinungen in Hörsälen.(Heute bedienen sich solcher Protestformen auch die identitären Rechten.) Nur hat sich qua neuer sozialer Medien eben die Dimension geändert. Heute ist es möglich, prinzipiell zu jedem und noch anhand einer beliebigen Äußerung des kleinsten und unbedeutendsten Users einen Scheißesturm über den Inkriminierten wegbrausen zu lassen. Selten, daß Diskussionen mit Argumenten bestritten werden.

    Was die Radikalität im Denken betrifft, Gregor Keuschnig, würde ich die Zeitspanne und die Differenz zwischen den jungen und den übrigen Jahren zugutehalten. Auch ich habe Anfang der 1980er noch sehr viel anders gedacht. Gewalt gegen Sachen und teils auch gegen die Polizei befand ich als richtiges Mittel. All das sehe ich heute ein wenig anders. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat – aus guten Gründen und selbst da, wo nicht immer alles zum besten steht, wie beim Hamburger Kessel 1986 oder bei den Protesten in der Sternschanze, wo 2014 ohne Rechtstitel von der Polizei ein Gefahrengebiet eingerichtet wurde. Einzige Ausnahme: Wenn Situationen wie 1992 in Rostock-Lichtenhagen entstehen und die Polizei ihren Arsch nicht in die Mannschaftswagen bekommt, weil da irgendwer nicht will, daß die Einsatzhundertschaften flugs vor Ort sind. (Von den BGS-Kommandos in Bad Bramstedt und Lüneburg hätten in einer Stunde die erste Hundertschaft vor Ort sein lönnen. Bereits wenn 2 Puma SA 330 J und 5 Bell UH-1 einfliegen und luftgelandet wird, macht das auf die meisten Menschen einen gewissen Eindruck.) Wenn Asylheime angegriffen werden und niemand schützt, dann ist es Aufgabe des Bürgers für den Schutz dieser Menschen zu sorgen.

    Insofern: Man ändert sein Denken, das würde ich auch Walser und Enzensberger nicht übelnehmen und in manchem war man womöglich naiv oder alarmistisch. Solche Dinge zeigen jedoch, daß man sein Denken immer wieder überprüfen sollte, egal zu welcher Phase, und nichts für dogmatisch absolut setzen sollte.

    Ansonsten ist es leider ein politisches Problem, zumindest fürs radikale Denken, das erlischt, wenn es dann zu den Futtertrögen drängt. Solche wie Stokowski sitzen da längst und Autoren wie die von der Mädchenmannschaft haben sich in irgendeiner Privat-Diskriminierungs-Blase verstrickt, die für normale Menschen kaum noch erreichbar ist und die man allenfalls mit einem bestimmten Alter und sehr viel Zeit erklären kann. Darüber, an wen Preise vergeben werden, wundere ich mich eigentlich schon lange nicht mehr. Und es gehört das Verwundern und Debattieren in einem gewissen Sinne ja auch zur öffentlichen Kommunikation mit dazu.

    Die Geschichtslosigkeit und der Verlust von Wissen und Kenntnissen ist in der Tat ein Problem, netbitch. Aber ich denke, diesen Leuten sind solche komplexen Zusammenhänge sowieso egal. Es geht ihnen um eine Form des Agenda Settings, der Vereinfachung. Nicht einmal mehr verfängt bei jenen Leuten der Gedanke, daß sie instrumentelle Vernunft mit instrumenteller Vernunft bekämpfen. Sie bemerken dies nicht einmal mehr. Dies ist der gegenwärtige Stand des Bewußtseins. Und daraus kann nichts Gutes erwachsen. Daß Stokowski Philosophie studiert haben soll, scheint mir inzwischen unglaubwürdig und eher eine Marketing-Gag.

  22. Na jà, wer Philosophie studiert, ist deshalb noch lange nicht Philosophin oder Philosoph. Das ist nun eine schon sehr alte Wahrheit und unterscheidet dieses Fach von nahezu allen anderen Fächern. Dies ist nun mal etwas, das sich gegen die junge Dame nicht ins Feld führen läßt oder allenfalls rhetorisch und damit unlauter. – Was Enzensberger angeht, erinnere ich mich mit immer noch währendem Schauder ein sein öffentlich ausgerufenes Lob der Mittelmäßigkeit. Und er war es, der, als sich Autoren über das kaum mehr tragbar gesunkene Zeilenhonorar der FAZ beschwerten, den Satz prägte, es sei eine Ehre, für diese Zeitung zu schreiben. Das müsse genügen.

  23. @gregor keuschnig: „(Ohne hier genau Bescheid zu wissen denke ich dabei an die Auseinandersetzungen mit Adorno und Habermas und der APO.) “ —– Das hatte zum Teil doch ein ganz anderes Niveau. Da kritisierte Habermas zu einer Zeit in der reihenweise Altnazis in Amt und Würden waren und die Springerpresse die Anwendung von Waffengewalt und autoritärstaatlichen Mitteln gegen die APO forderte verbale Faschismusvorwürfe und das Ausprobieren möglichst provokanter neuer Protestformen seitens der APO für unangemessen, schließlich lebe man in einem demokratischen Rechtsstaat. Darauf erwiderte Dutschke: „Ihr begriffsloser Formalismus erschlägt das zu emanzipierende Subjekt“, und was an theoretischer Tiefe und Komplexität und auch visionärer Sichtweise in dieser Antwort lag wird der größte Teil der heutigen „Diskutanten“ gar nicht mehr ermessen können.

  24. Enzensberger war auch mal bei den Peinlichsten Persönlichkeiten in der Titanic als Trans-Magnus Enzensberger, der Hans Atlantik.

  25. @ Alban Nikolai Herbst: Dies habe ich auch nicht behauptet: ich schrieb nicht, daß Stokowski eine Philosophin sei – von dieser Ansicht bin ich weit, weit entfernt, sie ist nicht einmal eine gute Kolumnistin –, sondern meine Aussage zielte in die Richtung, daß die Philosophie bzw. zunächst einmal das Studium der Philosophie zu einer gewissen Form des logischen Denkens und auch zum Argumentieren befähigen sollte. Es sollte zudem die Fähigkeit zum differenzierten Denken schulen und daß man bei einer Sache unterschiedliche Aspekte und Hinsichten unterscheiden sollte, was sich dann wiederum auf die Texte, die man produziert, auswirken sollte.

    Womit ich, in puncto der Hinsichten, bei Enzensberger bin: er läßt sich nicht auf einen oder zwei Aspekte reduzieren. Mag sein, daß es einiges an ihm zu kritisieren gibt. Daß er in der „Titanic“ bei den peinlichsten Persönlichkeiten steht, sagt nicht unbedingt etwas über den Sachgehalt aus. Es ist Satire. Sein Lob der Mittelmäßigkeit muß man sich im Kontext ansehen und in einer bereits in den 1980er Jahren sich ankündigenden Gesellschaft der Narzißten, Selbstoptimierer und Selbstinszenierer scheint mir dieser Ratschlag von heute her nicht uninteressant. Enzensberger schrieb mach Gutes, auch Schlechtes vermutlich, sein Text jedoch über „Die Aporien der Avantgarde“ von 1962 ist bis heute hin noch treffend:

    „Das Gesetz der zunehmenden Reflexion ist unerbittlich. Wer sich ihm zu entziehen versucht, endet im Ausverkauf der Bewußtseins-Industrie. Jede heutige Avantgarde ist Wiederholung, Betrug oder Selbstbetrug. Die Bewegung als doktrinär verstandenes Kollektiv, vor fünfzig oder dreißig Jahren erfunden, um den Widerstand einer kompakten Gesellschaft gegen die moderne Kunst zu sprengen, hat die historischen Bedingungen, die sie hervorgerufen haben, nicht überlebt. Konspiration im Namen der Künste ist nur möglich, wo sie unterdrückt werden. Eine Avantgarde, die sich staatlich fördern läßt, hat ihre Rechte verwirkt.“

    Besonders der letzte Satz. Das mag, wie vieles von Enzensberger, provokant sein, doch es trifft in der Polemik zumindest eine Tendenz.

  26. @Che: Na ja, Habermasʼ Vorwurf traf schon einen zentralen Aspekt jener Studentenbewegung, der APO, die ich lange nicht so golden sehe. Nämlich ihren teils autoritären Ton, ihren Dogmatismus und ein gehöriges Maß an ideologischer Verblendung und vor allem an Selbstgefälligkeit. Und wer damals Maoist war: wie will so einer Heidegger seine Rektoratsrede vorhalten, wie einem Mitläufer im NS-Regime oder einem Parteimitglied wie Kissinger seine Mitgliedschaft?

    Ich sag es mal so: Wer Redebeiträge massiv stört und andere an der Darstellung einer Position hindert, verliert selbst sein Recht auf Rede, weil er sich in einen performativen Widerspruch verstrickt. Solche Züge würde ich nicht faschistisch nennen, aber sie sind doch Ausdruck eines autoritären Denkens. Rechts wie links. Übrigens hat Habermas seinen Vorwurf später revidiert. Dutschkes Antwort freilich ist von einer gewissen Phrase nicht frei: keine Emanzipation des Subjekts ohne Rechtsstaat und da hat er eben seinen Hegel nicht besonders gut gelesen. Und daß der der BRD am Ende vielleicht kein Erfolgsmodell war, aber doch eine Möglichkeit, wie sie in wenigen Ländern der Erde gegeben ist, zeigten ja auch die Wege zahlreicher Akteure der APO und der 68er. Insofern lese ich Habermas‘ Aussage eher aus dem Geist der Zeit und den sehr aggressiven Diskursstrategien jener Studenten, auch von Adornos Lieblingsschüler Krahl.

  27. @Bersarin: „Jede heutige Avantgarde ist Wiederholung, Betrug oder Selbstbetrug.(…) Avantgarde, die sich staatlich fördern läßt, hat ihre Rechte verwirkt.“ Daß die Polemik eine Tendenz trifft, will ich gar nicht bestreiten. Dennoch übersieht sie die neue historische Situation. Es gibt ja, von Ausnahmen abgesehen, so gut wie keine Förderung der Künste mehr, die nicht staatlich wäre, also aus Steuergeldern finanziert. Über die Zuwendungen entscheiden dann wieder Jurorinnen und Juroren, die aus dem gleichen Säckel bezahlt werden, aber sich freilich gerieren, als wären sie diejenigen, die auch ein Risiko tragen. Wobei, daß jede heutige Avantgarde Wiederholung etc sei, ist natürlich eine ausgesprochen dumme Aussage; es lassen sich, etwa Pynchon, schnell Gegenbeispiele finden – und vor allem gibt es Gegenbeispiele, die eben deshalb,weil sie nicht gefördert werden, überhaupt erst gar nicht rezipiert werden, etwa Christopher Ecker. Die Frage ist ja außerdem, was denn Avantgarde sei, gerade dann, wenn wir den militärischen Ursprung des Begriffes nehmen. Zumal schrieb Enzensberger dies aus einer längst gesicherten Position, durchdrungen vom „Geist“ der Sozialdemokratie. Einiges von Faßbinder war ganz sicher Avantgarde, einiges von Syberberg ebenso, um nur in Deutschland zu bleiben. Unter den großen Autorinnen fällt mir als allererstes Christa Reinig ein. Auch Thomas Hettches Werk, vom Erstling „Ludwig muß sterben“ bis etwa zu „Nox“ dürfte zur Avantgarde zählen (späteres dann nicht mehr); Enzensberger hat das schlichtweg übersehen oder sehen nicht wollen. Wahrscheinlich frühstückte er grad, wie später Hettche dann auch, mit Gerhard Schröder, dessen Wahlhelfer Kumpfmüller Grass sozusagen im selben Atemzug zum Döblin-Preisträger nobilitierte. Womit sich der Kreis zu Tucholsky wieder schließt.

  28. @bersarin: „…ihren teils autoritären Ton, ihren Dogmatismus und ein gehöriges Maß an ideologischer Verblendung und vor allem an Selbstgefälligkeit“ – Die Beschreibung der APO ist doch verblüffend nahe am „ZeitgeIst“. Oder?

    Enzensberger sehe ich nicht so kritisch. Er ist natürlich immer auf einer Welle mitgeschwommen, hat sich aber auch schnell wieder gedreht. Bei Raddatz kann man das nachlesen: Er war nie das Chamäleon, sondern derjenige, der das Chamäleon zum Farbenwechsel inspiriert hat. Dass er dabei häufig übers Ziel hinausschoß, gab er mehr als einmal zu. Die Grandezza hatte er, weil er eigentlich immer sakrosankt war.

    Die Aufregung um Walsers Paulskirchenrede habe ich auch nie verstanden. Insofern sind Jenninger und diese Sache Belege dafür, dass mutwilliges Missverstehen (warum eigentlich?) auch früher schon Existenzen hat ins Wanken bringen können. Ich erlebe auf Twitter heutzutage, wie provokative Aussagen von Nutzern, die 30 oder 40 Follower haben durch geschicktes Weiterverbreiten plötzlich einen repräsentativen Status erhalten. Dafür braucht man gar keine Bots. Das ist das Neuartige und – wenn man so will – auch Gefährliche: die, wie man in den 80ern sagte, Stimmungsmache, die aus einer Mücke eine Elefantenherde lostreten lässt.

  29. @ ANH: Beim Begriff Avantgarde muß man schauen, was Enzensberger damit verbindet. Ihm ging es in seinem Essay zunächst mal vor allem um die politischen Implikationen und um das, was man als Souveränität der Kunst, in Absetzung vom Begriff der Autonomie, bezeichnen kann. Zum einen. Zum anderen ging es ihm um eine Kritik am Kollektivismus von Avantgarden. Ihm schwebte bei der Frage nach Souveränität, Politik und Kollektiv wesentlich der Surrealismus vor und die daraus sich ergebenden Bewegungen, ebenso das, was Duchamp mit seinen Ready Mades tat und was dann in gewissem Sinne Warhol wiederholte, wenngleich durch das Thema der Reproduzierbarkeit und durch die damit verbundene Kultur des Pop diese Dinge dann auch wieder eine andere Richtung nahmen und auf etwas wiesen, was mehr war als nur die Wiederholung des Duchampschen Prinzips – was sich sicherlich auch bei Warhol findet: Es nachzuahmen, aber mit einem anderen Dreh doch versetzt.

    Daß Kunst an ihr Ende gekommen sei, so wie der Enzensberger-Satz das nahelegt, kann man wohl kaum in einem strikten Sinne sagen. Aber es hat sich doch erheblich die Emphase verschoben und auch das Zusammenspiel von Politik und Kunst, wie es in den unterschiedlichen Formen der italienische Futurismus, der russische Konstruktivismus, der Surrealismus und die De Stijl-Gruppe forcierten, ist für die Gegenwart Enzensbergers zum Beginn der 1960er Jahre dahin. Enzensberger führt dies auf der Ebene der Theorie eher grob aus, da gebe ich Ihnen recht. Ausgefeilter und der Frage nach dem ästhetischen Fortschritt um einiges mehr gerecht wird dem dann Peter Bürger in seiner rund 10 Jahre später erscheinenden und bis heute lesenswerten Abhandlung „Theorie der Avantgarde“. Auch die erfuhr erhebliche Kritik. Und auch da gab es erhebliche Debatten. Der von Adorno geborgte Aufsatztitel und damit dann auch der Text selbst „Vom Altern der Moderne“ ist in diesem Sinne als instruktive Ergänzung zu lesen. (Ich kann die Gedankengänge hier nicht im Detail wiedergeben, das sprengt den Rahmen hier.)

    Worum es Enzensberger in seiner Kritik an der Kunst zu gehen scheint, ist eine gewisse Hybris, die da in den 1960er Jahren antrat, wenn immer noch vollmundig der Begriff der Avantgarde in den Mund genommen wurde, obwohl viele Dinge bereits lange schon gegessen waren und die ästhetischen Formen ausprobiert und auch das Moment des Politischen und des damit verbundenen Aufbruchs verbraucht:

    „Wer die terminologischen Tricks und die doktrinären Paravents zerstört, mit denen die heutige Avantgarde sich zu decken sucht, erspart sich damit nicht die kritische Prüfung dessen, was sie hervorbringt: er macht eine solche Prüfung allererst möglich. Auf ihr ist um so entschiedener zu bestehen, je avancierter ein Werk sich gibt; und je eifriger es sich auf ein Kollektiv beruft, desto eher muß es sich als Einzelnes behaupten. Jeder Heimatfilm verdient mehr Schonung als eine Avantgarde, die zugleich arrogant das kritische Urteil überrumpeln und ängstlich die Verantwortung für ihre eigene Arbeit loswerden möchte.“ (Enzensberger)

    Enzensberger scheint hier also vor allem auch eine gewisse kollektive Kunst jener Jahre ins Visier zu nehmen, die er kritisiert..

    Ohne Frage existieren bis heute Romane, die ästhetisch den Formkanon zu erweitern trachten, Pynchon ist da zu nennen, auch Goetz und sicherlich auch Ihre Bücher. Und es hat das, was sich Postmoderne nennt, auch dazu geführt, daß scheinbar abgelegte Formen des Erzählens wieder möglich sind. Die normativen Kriterien für Kunst haben sich erweitert und verschoben, auch gegen Adornos Satz vom avanciertesten Stand des ästhetischen Materials. Enzensbergers Avantgarde-Kritik lese ich vor allem als eine Kritik an jenem Fortschrittsoptimismus dieser Jahre.

    Zudem – und in diesem Sinne sind Sie da vermutlich ein wenig ungerecht gegenüber Enzensberger, aber da Sie sich nun einmal auf das von mir genannte Zitat bezogen, ist ihre Reaktion ja nicht ganz falsch, wenn man dieses Zitat isoliert nimmt, ich hätte es nicht derart eliptisch positionieren sollen – sollte man bei Enzensbergers Text vor allem sehen, daß es ihm auch um eine Kritik am Ismus all der Kunstbewegungen und immer wieder neu geschaffenen Namen ging: Tachismus, Informel, neuer Expressionismus etc.: „“Literatur- und Kunsthistoriker, die bekanntlich leidenschaftlich gern „Strömungen“ und Ismen aufzählen, weil sie das der Sorge ums Detail enthebt, haben allzuviele derartige Gruppennamen für bare Münze genommen, statt sich ans Einzelne der jeweiligen Werke zu halten; ja sie haben sogar a posteriori solche Bewegungen gleichsam erfunden. So wurde der deutsche Expressionismus zu einer kollektiven Erscheinung hypostasiert, die es in Wirklichkeit gar nicht gegeben hat: viele Expressionisten haben das Wort Expressionismus, von Hermann Bahr 1914 in die Literatur eingeführt, nie in ihrem Leben gehört; Heym und Trakl sind gestorben, ehe es aufkam; Gottfried Benn hat noch 1955 erklärt, er wisse nicht, was darunter zu verstehen sei; Brecht und Kafka, Döblin und Jahnn haben sich nie einer „Bewegung angeschlossen“, die diesen Namen geführt hätte.“

    Bei Hettche hat sich im Erzählen etwas verändert, allerdings, wobei ihm mit „Pfaueninsel“ ein außerordentlicher und schön erzählter Roman gelang. „Postmodern“, um dieses Schlagwort zu gebrauchen vielleicht darin, daß er die klassische Erzählform aufgreift, freilich bei einem außerdordentlichen Sujet, rückversetzt in die Zeit, daß man sich auch erzählerisch in jenem rasanten 19. Jahrhundert wähnt.

  30. @Gregor Keuschnig: Danke für diese Enzensberger-Ergänzungen, die ich ganz ähnlich sehe und einschätze. Die Raddatz-Tagebücher sind da schon sehr lustig: böse zwar, aber auch treffend und doch schmälert das nicht die Größe von Enzensberger. Bis heute übrigens für den politischen Diskurs, auch in Sachen Migration, lesenswert: „Versuche über den Unfrieden“. Man muß da nicht jede These teilen, aber es sind Texte, die Anlaß zu Debatten geben, ähnlich wie der Avantgarde-Texte, in dem Band „Einzelheiten II: Poesie und Politik“. Und dafür schätze ich Enzensberger, auch wenn der Avantgarde-Text nicht durch philosophische Exaktheit glänzt, nennt er doch Probleme nicht nur ästhetischer Art.

    Die Beschreibung der APO ist einerseits, was die Formen des Störens betrifft, dicht am Zeitgeist, wenngleich ich dem che darin recht gebe, daß die Situation der 1960er Jahre doch eine deutlich andere war und auch die Eliten jener Zeit deutlich anders strukturiert waren als es heute der Fall ist. Die Macht heute ist sehr viel subtiler und unschärfer wahrzunehmen, könnte man sagen und was damals noch als klarer Feind oder Spießer zu erkennen war, das trägt heute Joschka-Fischer-Turnschuhe.

  31. Deine Einschätzung von Dutschke in Deinem Blogkommentar ist instruktiv. Ich würde sie aber doch um Habermas wieder ergänzen, der dieses wichtige Moment des Ausprobierens dann in der „Theorie des kommunikativen Handelns“ als Konzept von Lebenswelt gegen die Systemwelt und gegen jene instrumentelle Rationalität weiterdachte und insofern auch von Dutschke und diesen neuen Protestformen inspiriert wurde. Insofern: Guter Kommentar und eigentlich noch mal für eine Debatte zu den 1968ern vorzuholen und zu einem Blogtext zu machen. Auch ich will mich in meiner Art, wo diese 60er Jahre nun 50 Jahre später ausklingen, ebenso an einen solchen Text machen. Woodstock, Manson, Altamont. Das Ende der Beatles, RAF und neue Innerlichkeit. K-Gruppen, Spontis, Esoterik, Schnellfick.

    Leider kann aus solchen Lebensregeln, Lebensfragen und aus dem moralischen Aspekt – und da sind wir dann auch bei jenen Kommentaren von Momorulez in dem von Dir Verlinkten – ein Vorschriftenrigorismus erwachsen, der jegliche Freiheit, die einmal angepeilt war, in de Orkus stößt und ins Gegenteil kehrt. Das, was sich linke Identitätspolitik nennt. Dialektik der Aufklärung eben auch bei jenen, die dieses Buch einst lasen: wie 68, wie 2009. Diesen Umschlag also werden wir nicht so einfach los. Vielleicht eben doch weniger Marx und Foucault, sondern eine gewisse (politische) Demut bei Spinoza lernen? Ich weiß es nicht. Man muß sehr Unterschiedliches lesen. Vor allem aber ist Begreifen auch eine Praktik. Theoria eben im emphatischen Sinne.

  32. Dieses Befreiungsmoment bei 1966 pp. und auch dieses Moment des Ausbruchs halte ich, neben dem Repressiven, das man sicherlich ebenfalls mitnennen muß, für wesentlich. Dazu paßt vielleicht die manchmal etwas sentimentale, aber doch sehr gute und diese Zeit darstellende Biographie über Gudrun Ensslin von Ingeborg Gleichauf: „Poesie und Gewalt: Das Leben der Gudrun Ensslin“ Es schildert diese Zeit mit ihren Einschränkungen und auch ihren heimlichen Freiräumen, die man sich schaffte, sehr gut.

  33. @Bersarin Klar, dass ein Vergleich ’68 und heute nicht deckungsgleich ist. Aber in der Konsequenz des Freund-Feind-Schemas sind die Parallelen unverkennbar, auch wenn der „Feind“ oder „Spießer“ nicht mehr an der Kleidung identifizierbar ist. Die Skepsis den aktuellen Institutionen nebst den Funktionseliten gegenüber ist längst kein spezifisch „rechtes“ Phänomen mehr, wie sich das am Klimaaktivistentum und Netzfeminismus zeigt. Hier wird alles diffamiert, was nicht bei drei den Kotau geleistet hat. Damals waren es die Alt-Nazis, die aus ihren Positionen verdrängt werden sollten (wobei streng genommen die Aufarbeitung des Nazismus kein spezifisches Merkmal der 68er war – es war eher rhetorisch als historisch), heute werden selbsternannte Politik- und Gesellschaftsentwürfe für absolut erklärt. Dabei gilt: Souverän ist, wer über die Medien den Ausnahmezustand proklamiert. Aber ich schweife ab. Sorry.

  34. @“wobei streng genommen die Aufarbeitung des Nazismus kein spezifisches Merkmal der 68er war – es war eher rhetorisch als historisch“ —- Na geht so. Ohne den Auschwitz-Prozess und die Fischer Kontroverse hätte es die von Evangelischen Akademien und Leuten wie Fetscher und Abendroth angestoßenen Theorieseminare nicht gegeben in denen ein intellektueller Nucleus der 68er wurzelte, und einige der bedeutendsten, zumindest produktivsten HistorikerInnen die sich mit der Verbrechensgeschichte des NS beschäftigten wie Ahrlich Meyer, Götz Aly und Susanne Heim waren 68er.

  35. Ansonsten gilt Eckhart Henscheid: „Er war der Hauptfaschist des Ortes (völlig unzutreffende redensartliche Bezeichnung für etwas biedere Mitbürger die zu jener Zeit üblich war).“

  36. Es wäre mal spannend die 81er (Leute wie che2001 und workingclasshero) zu würdigen bzw. als Bewegung zu beschreiben. Stichworte Punks und Headbanger gegen AKWS, NATO-Nachrüstung und FJS, Häuserkämpfe, Weserstadion und Krefeld, Neue Deutsche Welle.

  37. Naja, @che2001, die Auschwitzprozesse begannen 1963 bzw. 1965. Und Götz Aly besuchte 1968 die Journalistenschule. Seine Verdienste sind unbestreitbar, aber ein 68er war er nicht. Da spielt viel Idealisierung eine Rolle: Die NS-Aufarbeitung wurde von den meisten Protagonisten nicht aktiv betrieben. Sie diente höchstens zur rhetorischen Munitionierung.

  38. Na ja, che, die Auschwitzprozesse fanden vor 1967 stand und ebenso die Debatte um die Verjährung von NS-Verbrechen. Beides wurde in den Zeitungen ausgiebig dargestellt. Die 68er konnten also an eine bereits vorhandene Diskussionskultur zu den NS-Verbrechen anknüpfen und diese dann in der Tat forcieren. Zu dieser Sache Martin Stallmann „Die Erfindung von „1968“. Der studentische Protest im bundesdeutschen Fernsehen 1977-1998“. Darin wird auch die Aufarbeitung der NS-Verbrechen besprochen. Richtig ist aber, daß diese Thema dann durch die 68er an Fahrt aufnahm. Im öffentlichen Diskurs aber war es lange vor den 68ern

    @Netbitch: Das wäre sicherlich eine interessante Geschichte, zumal es ja auch meine Jugend war. Aber wie es bei allen Dingen ist: Man muß es machen: ich erinnere mich an die häßliche Hafenstraße und die nicht minder schäbige Rote Flora, wo eine Frau, die ich ziemlich erotisch fand (und die emanzipiert genug war, sexy Unterwäsche zu tragen und sich gerne sinnlich zu zeigen), ihre Einkäufe beim Biokollektiv tätigte. Es sahen die Waren aber so schlimm aus, daß ich sagte, wir sollten wohl lieber beim Spar-Supermarkt einkaufen. Ich denke an die vielen Demos, die ich teils photographierte. Ja, diese Geschichten, vor allem aus den Szenezusammenhängen, in denen ich mich freilich niemals bewegte, weil das nicht meine Welt war, wären sicherlich interessant zu lesen. Für manche zumindest und für heutige Linke. Andererseits kann es eben auch schnell passieren, daß man in die Haltung gerät: „Jetzt erzählt Opa wieder von Stalingrad!“ Nur daß es bei uns eben Brokdorf und Bonn, Weltwirtschaftsgipfel war.

  39. Ich habe geschrieben dass der Auschwitz-Prozess (1963) und die Fischer-Kontroverse (1962-71, da ging es um die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg) Diskussionsprozesse anstießen, insbesondere Theorieseminaren Inhalte gaben, ohne die 1967 nicht denkbar gewesen wäre. Von zentraler Bedeutung in der Ideenvermittlung waren hier Lehrende wie Wolfgang Abendroth, Ossip Flechtheim und Ihring Fetscher und die Evangelischen Akademien. Und der zeitliche Abstand 1962/63 – 1967 ist nun wirklich gering genug um, hier von einem Kontinuum zu sprechen.

  40. Genau, che und das sagte ich ja auch: Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ist nichts, was durch die 68er in Gang gesetzt wurde. Der immer einmal wieder kolportierte Mythos, daß erst mit den 68ern eine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit einsetzte, stimmt nicht. Die 68er konnten an eine bereits vorher bestehende Diskussion anknüpfen, auch von der Theorie her, wenn man etwa Adornos Texte dazu nimmt, etwa „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?“ (1959). Das steht zwar einerseits in einer Linie, aber eben auch in Brüchen, so wie man Adornos Kritische Theorie nicht umstandslos mit den Studentenprotesten in eins setzen konnte.

    Stallmann schreibt in „Die Erfindung von „1968“. Der studentische Protest im bundesdeutschen Fernsehen 1977-1998“:

    „Die Triebkräfte des Wandel beim Umgang mit dem ‚Dritten Reich‘ waren nicht die Protestierenden der späten 1960er Jahre, sondern die spektakulären NS-Prozesse zwischen 1958 und 1965, die Bundestagsdebatten um Verjährung von Mord und Totschlag in den Jahren 1960/61 und 1965 sowie die breite dazugehörige Medienberichterstattung. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen thematisierte nicht nur die aktuellen Prozesse, sondern erzählte bereits Anfang der 1960er Jahre in zahlreichen Dokumentarfilmen von der nationalsozialistischen Zeit.“

    Dabei bezieht Stallmann sich auf Christoph Classens Studie „Bilder der Vergangenheit. Die Zeit des Nationalsozialismus im Fernsehen der Bundesrepublik Deutschland 1955-1965“ (Köln 1999)

    Stallmann weiter:

    „Eine kritische, inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen hatte Ende der 1960er Jahre kaum stattgefunden. Die Protestbewegung radikalisierte und emotionalisierte das Sprechen über die nationalsozialistische Geschichte, wobei sie diese Vergangenheit jedoch auch verallgemeinerte und enthistorisierte. Ihre schrille Rhetorik und Aufmerksamkeit erregende Protestaktionen verwiesen zwar auf die Kontinuitätslinie zwischen nationalsozialistischer Zeit in der Bundesrepublik, standen laut Wilfried Mausbach ‚einer angemessenen Aufarbeitung allerdings im Wege.‘ Gleichwohl haben sich Protestakteure der späten 1960er Jahre intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandergesetzt und auch zur wissenschaftlichen Diskussion beigetragen. Dies geschah jedoch verstärkt in späteren Lebensphasen – vor allem ab den frühen 1980er Jahren. Der Beitrag von Angehörigen der ‚68er Generation‘ an der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sowie die Erforschung der nationalsozialistischen Zeit soll dafür nicht in Abrede gestellt werden, jedoch muss man aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive fragen, wann sich ehemalige Protestakteure kritisch mit der nationalsozialistischen Geschichte beschäftigten.“

    Diesen Befund Stallmanns würde ich in seiner Schärfe so nicht teilen, allenfalls die Bewertung, daß jene Auseinandersetzung nicht von den 1968ern (um mal dieses unglückliche Kollektivsingular weiter zu gebrauchen, Stallmann untersucht vor allem, wie es zu diesem Narrativ kam) losgetreten wurden. Daß die 68er wesentlich diese Debatte bewegten, erweist sich, so Stallmann, als Projektion der späten 70er Jahre. Was die Konstitution der 68er und darin das Element der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit betrifft, so scheint Stallmann das anders zu gewichten. Der Fokus dieser Bewegung lag nicht auf einer (qualifizierten) Auseinandersetzung mit jenen Jahren. Sie waren Thema zwar, aber kein zentrales. Ich selbst würde hier von einem Kontinuum sprechen, das sich bis hin dann in die 1968er zog, die diese Fragen radikalisierten und damit leider oft auch simplifizierten. Eine der Linien und politisch-ökonomischer Kritik am Faschismus war der insbesondere von Horkheimer geschriebene Satz aus den 1930 Jahren, daß, wer über den Kapitalismus nicht sprechen will, vom Faschismus dann doch schweigen möge, so daß durch diese Koppelung plötzlich die Gesellschaftsordnung der BRD im ganzen zur Disposition stand, ohne die (Habermassche und zum Teil auch Adornosche) Einsicht, daß dieser neue Rechtsstaat zugleich auch Chancen bot. (Horkheimer war dieser Satz dann in der BRD gar nicht mehr so recht und Eckhart Henscheid witzelte in seinem Anekdoten-Buch über die Kritische Theorie dann von den Kisten auf dem Dachboden des Instituts für Sozialforschung, wo die verborgenen Schriften lagerten.)

    Das Problem in diesen Fragen ist sicherlich, daß es sich bei der Sache „68“ eben auch um eine narrated community handelt, vieles gelangte eben erst im Rückblick, wenn eine Gestalt alt geworden und die Geschichte ihr grau in grau malt, zur Deutung und da entsteht schnell auch manche Legende.

    Alys Schriften zumindest mögen Ausfluß der 68er-Debatten gewesen, seine zentralen Bücher entstanden jedoch allesamt erst in den 1980er und1990er Jahren, also weit nach 1968.

  41. Von seinen zentralen Büchern kann vor Mitte der 90er gar nicht die Rede sein, bis dahin waren das Gemeinschaftswerke mit Susanne Heim und Karl Heinz Roth mit Detelf Hartmann als spritus rector im Hintergrund, fast möchte ich sagen eine Art Auskopplung der Schriftenreihen Autonomie Neue Folge und Materialien für einen neuen Antiimperialismus.

  42. Na ja, che, das bestätigt durchaus meine These, daß diese Fragen weit nach 1968 erst auf den Tisch kamen. In den 1980er Jahren fingen seine Veröffentlichungen zu diesem Themenkomplex an, als Gemeinschaftsarbeiten, und dann Ende der 1990er und in den 2000er und 2010er Jahren folgten weitere Arbeiten dazu. Stark debattiert nicht nur bei Historikern, sondern auch im Feuilleton dann „Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus“ von 2005. Alles weit nach 68.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.