Die Textspur zum Sonntag

Ich verlinke selten auf fremde Blogs, hier aber, auf dem Blog „pestarzt. Berlin ist nicht Haiti“ finden wir den Text zum Sonntag. Böse und polemisch, von jenem Blogger Pestarzt geschrieben, gegen jenes neue, sich links dünkende Juste Milieu gerichtet, das sich in Dauererregung und wohlfeilem Moralisieren ergeht. Säkulare Calvinisten. Das reicht hin bis zu Twitter-Literaturwissenschaftlern, die Kunstwerke nach Reizwörtern abklopfen, die Autoren dazu auffordern, mittels „Sensitiv Reading“ (ja diese Internet-Seite gibt es tatsächlich) diskriminierungsfreie Literatur zu produzieren, und gerne erregt man sich auch bei Brüsten und bei Fruchtsaftwerbung – nur heißt „erregen“ eben nicht mehr am Schönen von Busen und Brüsten sich zu erfreuen, so wie Gott oder Evolution sie den Frauen gaben, sondern es wird in jeder Regung Sexismus gewittert. Und wenn die FAZ schreibt:

„Interview mit Ärztin : „Es gibt einen Transgender-Hype“.
Auf Identitätssuche: Junge Menschen, die ihr biologisches Geschlecht in Frage stellen. Immer mehr Jugendliche glauben, sie lebten im falschen Geschlecht. Ein Gespräch mit der Ärztin Annette Richter-Unruh über schwierige Diagnosen und Reue nach Hormontherapien.“

dann brüstet sich eine Margarete Stokowski damit, daß sie diesen Artikel bei Facebook als Hetze gemeldet habe. Eine andere Sicht wird heute kaum noch ausgehalten, es wird nicht debattiert, sondern es wird „Verbieten, verbieten“ gekreischt. Was nicht in den eigenen Horizont paßt, wird eliminiert. Wer sich freilich mit Jugendpsychologen einmal unterhält und einen Blick in die therapeutische Praxis wirft, wird bemerken, daß jene Sicht der Ärztin nicht ganz falsch ist und daß wir ein Problem mit sexueller Identität haben, und daß, wenn umoperiert oder mit Hormonen behandelt wurde, ein Kind oftmals heftig in den Brunnen gefallen ist, wenn es am Ende eben doch nicht das Geschlecht war, sondern ein deutlich tiefer sitzendes Problem – und das ist in den Praxen von Jugend-Psychologen anzutreffen. Probleme bekommt man nicht in den Griff, indem man sich wieʼs Kind die Augen zuhält und ruft „Da ist nichts, da ist nichts!“.

Und wenn ein Musiker wie Herbert Grönemeyer auf einem Konzert gegen rechts und damit gegen das Anwachsen der AfD spricht [unbedingt anzuhören hier auf Youtube], kann er das gerne machen: „Da liegt es an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat!“. Wenn das allerdings im Tonfall einer Hitler-Rede ins Publikum geschrien wird, dann gerät die Angelegenheit widersinnig, und es ist solches Geschrei auch nicht dazu angetan, Mensch wie mich für den Kampf gegen rechts einzunehmen. Der beste Ort ist immer noch außerhalb dieser Positionen, Und es steht zu befürchten, daß sich beide Lager ähnlicher sind, als es ihnen lieb ist. [Für diesen Hinweis auf das Grönemeyer-Video geht mein Dank an den Autor und Journalisten Holger Fuß – dessen Buch zur Krise der SPD gerade erschienen ist: „Vielleicht will die SPD gar nicht, dass es sie gibt. Über das Ende einer Volkspartei“]

Solche Fetzen des Alltags, wie man sie allgegenwärtig in den sozialen Medien wie auch im öffentlichen Diskurs findet, wären ein gefundenes Fressen für Kritiker wie Karl Kraus. Dessen Polemik gegen diese selbstgefällige Rechtschaffenheit wäre neu zu schreiben.

Wie dem auch sei: Der Pestarzt bringt diese Irrnisse jener derangierten „Linken“ ganz gut, wenn auch polemisch auf den Begriff. Ich zitiere ein wenig als Appetitmacher, aber es lohnt sich, diesen Blogtext ganz zu lesen.

„Ihr seid so doof. Was ihr nicht merkt ist, dass die Dinge bröckeln. Auf die Gängelung durch eine selbstherrliche Obrigkeit hat die Mehrheit nicht den Hauch von Bock und reagiert darauf im Moment mit vielen Dingen, die ihr gar nicht seht. Geht doch mal wieder in eine verrauchte Kneipe, hinten am Bahnhof zum Späti auf ein Bier an eine dieser speckigen Stehtonnen oder auf so ein garantiert unveganes Dorfest außerhalb des S-Bahn-Rings, auf dem der Pöbel feiert, dessen Lebensstil ihr so leidenschaftlich verachtet, aber das könnt ihr gar nicht, weil ihr gar nicht wisst wo der Pöbel überhaupt zu finden ist. Lieber sitzt ihr feist und satt auf eurem begrünten Balkon über Berlin-Friedrichshain, Ingwer-Zitronengrastee auf dem Tisch und einen getrockneten Apfelschnitz in der Hand, während der Pöbel unten bei 32 Grad die Straße neu teert. Euren Bürgersteig pflastert. Eure Couscousbrösel für euer Taboulé in den Bioladen liefert. Und euren Wohlstandsmüll zur Deponie fährt. Um danach mit dem Regionalexpress wieder raus nach Brandenburg zu fahren. Sprecht doch mal mit einem von denen. Die hassen euch alle inzwischen. Und ihr merkt nichts da oben auf eurem Balkon, auf dem ihr alt werdenden Vetteln vor dem Macbook immer noch wie 2010 über dem nächsten Hashtag für die neueste Empörung brütet. Und von wo aus ihr nicht seht wie sich der Wind dreht, wie eure Onlinekampagnen nicht mehr verfangen, die Leute sich ermüdet bis angewidert abwenden nach der hunderttausendsten beliebigen Empörungswelle, die aus irgendeinem Grund immer noch jedes Mal tagelang durch eure angeschlossenen Funkhäuser genudelt wird.

Als wäre immer noch 2010.

Was ihr auch nicht merkt, weil ihr die alle geblockt habt: Unter eurem Radar hat Rechts dazugelernt. Massiv. Erfolgreich. Professionell. Und seit neuestem reichweitenstark. In kürzester Zeit. Kommt jetzt young, fresh, urban, hip daher. Ist frech. Naseweis. Bärtig. Trägt Hoodie. Und verarscht euch. Macht sich lustig. Über die Bräsigkeit. Das Superkorrekte. Klerikale. Glückwunsch. Alles falsch gemacht. Da habt ihr sie. Das ist jetzt eure Opposition. Der Protest gegen euch. Da nutzt auch euer Löschen nix. Die laden das einfach neu hoch, vernetzen sich über Telegram, vk, dtube, reddit, alles Orte, an die ihr nicht rankommt, während ihr immer noch emsig Löschanträge bei YouTube stellt, als würde das Löschen irgendwas bringen, außer sie zu Zensurmärtyrern zu machen, was ihnen jedes Mal noch eine Schippe mehr Anhänger sichert, die inzwischen nicht mal halb so alt sind wie ihr und Oberlehrer samt Bräsigkeit schon seit der Schulzeit nicht leiden können.“

 

20 Gedanken zu „Die Textspur zum Sonntag

  1. Im größeren Zusammenhange der Frage nach der soziologischen Funktion der Charakterbildung müssen wir unser Interesse auf den zwar bekannten, aber in seinen Details noch wenig durchschauten Tatbestand richten, daß bestimmten gesellschaftlichen Ordnungen bestimmte durchschnittliche Strukturen der Menschen zugeordnet sind, oder anders ausgedrückt, daß jede Gesellschaftsordnung sich diejenigen Charaktere schafft, die sie zu ihrem Bestande benötigt.

  2. Sehr fein, bis auf das: „Die hassen euch alle inzwischen.“ Richtig wäre: Die wissen gar dass es Euch gibt. Das allerdings wird sich mit solchen Aktionen wie einer Anti-IAA-Demo wahrscheinlich rapide ändern.

  3. @fabsefab: Ja, das ist wohl so. Es haben sich innerhalb einer bestimmten Linken die Parameter erheblich verschoben. Statt einer Auseinandersetzung mit der Sache, statt Kritik der Ökonomie tritt das Gemaule, tritt die Empfindlichkeit, es entsteht eine Wohlfühl- und Moralisierungslinke, Menschen halten Widersprüche und unterschiedliche Konzepte nicht mehr aus, sondern verkriechen sich im Safer Space. Die kleinste kritische Regung oder sogar beliebige Äußerungen werden als Mikro-Aggression bezeichnet, um sich gegen Kritik zu immunisieren. In der Tat hat diese Entwicklung auch gesellschaftliche Ursachen und kann als Spiegel oder zumindest als Reaktion auf gesellschaftlichen Wandel gedeutet werden. Man kann da spekulieren, was die Ursachen sind. Eine davon mag sein, daß in westlichen Ländern – zumindest nach dem bisherigen Stand der Dinge – kaum noch mit einer revolutionären Situation zu rechnen ist, sondern daß Veränderungen evolutionär geschehen, ein anderer Aspekt mag in der individualistischen Fokussierung aufs Selbst liegen. Die Ausbildung des Selbst als Heautonomie und das Gnothi seauton und das, was Heraklit in einem seiner Fragmenten als die Fähigkeit umschreibt „Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken“ und was bis in die Aufklärung der Neuzeit reicht, schlug in einer Form von Hybris und Selbstüberschätzung und Narzißmus um.

    @ che: Tja, damals kämpfte man gegen die konservative und prüde CSU für Freizügigkeit, heute gegen die säkularen Calvinisten und ihre neue Prüderie. Leider nicht im kirchlichen, sondern im linken Lager. Am Ende aber ist die beste Reaktion immer noch: Auslachen. Und wenn man mir sagt, ich solle meine Privilegien checken: Nun ja, da lassen sich treffliche Witze machen. Das ist quasi mein Privileg, das ich genieße.

    „Die wissen gar nicht, daß es euch gibt“ ist in der Tat der richtige Blick. Erzähle ich von solchen Grotesken in einem bestimmten Umfeld, und das gilt auch außerhalb Berlins und in ländlichen Regionen und sogar in kleineren Städten wie Bamberg, werde ich nur verwundert angeschaut und man glaubt es mir kaum.

    In diesem Sinne muß man den Leuten dann immer wieder auch sagen, daß es durchaus auch noch eine andere Linke gibt – die man unter anderem auch bei Dir auf dem Blog finden kann, che.

  4. Ein nicht unerheblicher Teil der Linken mit denen ich so zu tun habe ist neben Autonomen und Altkommunisten die Gewerkschaftsjugend und die IGM-Basis, und die sind nach wie vor sehr traditionell klassenkämpferisch.

  5. Ich denke auch, daß es Linke gibt, die deutlich anders ticken. Daß nur leider qua der neuen sozialen Medien solche Leute wie Strohkowski, Mario Sixtus und viele andere weniger Prominente den Ton des Diskurses angeben (man lese nur auf Twitter, wie da mutwillig Leuten, die alles andere als Rassisten und Rechtsextreme sind, Rassismus und Rechtssein reingesemmelt wird) und daß sich inzwischen eine Hermeneutik des Verdachts im öffentlichen Diskurs etabliert hat, wo eine einzelne Aussage herausgebrochen wird und daran dann persönliche und freischwebende Assoziationen angeknüpft werden – prominent könnte man das an dem Gomringer-Gedicht sehen, wo hochsensible, verschüchterte Studentinnen und Studenten von einem Gedicht sich verunsichert fühlen. Oder wie es der Kolumnisten Barbara Eggert erging, die aufgrund eines Ratschlages in einer Kolumne, über den man streiten mag, ihren Job loswurde. Plötzlich werden Menschen mit anderen Ansichten zum öffentlichen Abschuß freigegeben. Aber dies alles, und auch solche Gruppen wie Mädchenmannschaft und andere Blogger/innen aus diesem Umfeld: Das alles hat mit links nichts mehr zu tun, wenn man an eine Linke denkt, deren Anliegen einst die Freiheit des Denkens, die Freiheit des Menschen auch in praktischer Hinsicht und eine Aufklärung im Sinne von Menschenwürde war. Der Fall von Barbara Eggert zeigt sehr deutlich, wie Kritik in Inquisition umkippte.

    https://www.sueddeutsche.de/medien/westfalen-blatt-kolumnistin-barbara-eggert-ich-kann-nichts-homophobes-an-meinem-text-finden-1.2491169

  6. Linke Diskussion heisst für mich auch immer noch: Man sitzt in einem Raum und diskutiert zusammen. Und normalerweise ohne Medien, man will ja auch den Verfassungsschutz nicht dabei haben. Klassische Ansage von einer Diskussion: „Erstmal sollten alle Bullen undV-Leute den Raum verlassen.“ Solche Diskussionen finden sich nicht in Blogs.

    BTW: Lesenswert: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/die-gruenen-verbieten-luftballons-erst-das-framing-macht-das-verbot/25009028.html?utm_source=pocket-newtab

  7. Diskussion kann vieles heißen. Und Diskussion heißt eben auch Öffentlichkeit und sie findet in verschiedenen Sphären statt. Die Qualität einer Diskussion hängt allerdings von ihren Teilnehmern ab – da ist dann der Ort fast egal. Was ich in linken Uniplena an „Diskussionen“ teils mitbekam, insbesondere jene Bezichtigungen – die Linke wird ihren Stalin nicht los –, ließ mich irgendwann fernbleiben und es schien mir sinnvoller, mich ausschließlich der Theorie zu widmen.

    Für die Sphäre des Politischen sind Diskussionen insofern entscheidend, weil darin unterschiedliche Positionen ausgehandelt werden, was dann auch in den Entscheidungen Relevanz besitzt und aus diesem Grunde halte ich in solchen Fragen immer noch Habermasʼ Theorie für zentral. Man muß ihr nicht in allem zustimmen, aber sie gibt Hinweise, wie solche Situationen auszugestalten sind – was auch bedeuten könnte, sie mit einer doch sehr unterschiedlichen Theorie wie der von Emmanuel Lévinas korrespondieren zu lassen und ebenso mit Adornoschen Einsichten. (Über Umwege kann man das vielleicht auch für die konkreten Debatten und Diskussionen fruchtbar machen.) In diesem Sinne von politischen Entscheidungen ist es dann wieder wichtig, daß nicht nur innere Zirkel und Filterblasen miteinander diskutieren, sondern möglichst heterogene Gruppen. Idealbild wäre sicherlich die griechische Polis und die Agora – nur besitzen wir diese in jener Form nicht mehr, es müssen also andere Institutionen und Formen und auch Regeln gefunden werden, wie zu debattieren ist.

    Diskussion sollte übrigens, wenn man es im platonischen-sokratischen Sinn nimmt, ebenso bedeuten, daß eine Meinung nicht feststeht, sondern, gerade weil es, auch im Hegelschen Sinne, nur ein Meinen ist, sich ändern kann und durch Argumente sich wandelt.

    Was den Artikel betrifft: mit den Verboten und der Empfehlung von Verboten ist das immer so eine Sache. Etwas zu empfehlen, es zu verbieten, ist zwar noch kein direktes Verbot, aber sofern sich die Empfehlung durchsetzt, wird es dann zu einem Verbot. Andererseits sollten Journalisten, wenn sie einen Sachverhalt mitteilen, diesen auch genau und mit den nötigen Details schreiben und nicht ins Blaue hinein. Sinnvoller als Verbote ist es, eine Sache über den Preis zu regulieren. Etwa indem auch soziale Kosten eingepreist werden.

    Bezüglich des Themas Diskussion noch: Dieses Gespräch scheint mir interessant, insbesondere die Position von Svenja Flaßpöhler:
    „Moral und Empfindlichkeit. Sind wir zu sensibel für die Demokratie?
    Svenja Flaßpöhler und Nils Markwardt im Gespräch mit Stephanie Rohde
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/moral-und-empfindlichkeit-sind-wir-zu-sensibel-fuer-die.2162.de.html?dram:article_id=458795

    Deutlich hier auch noch einmal zu sehen: Argumente können nur mit Argumenten widerlegt werden und nicht mit Befindlichkeiten, die von einigen als Waffe und Immunisierung gegen jegliche Kritik eingesetzt werden. Zwar sind, da hat Markwardt recht, bestimmte Minderheiten Anfeindungen ausgesetzt, aber das kann eben nicht bedeuten, deren Äußerungen bzw. die Äußerungen von konkreten Personen von Kritik freizuhalten.

  8. In diesem Fall sind die Öffentlichkeiten linker Kreise zunächst einmal Diskussionsrunden in denen lokalpolitisch oder kampagnenbezogen arbeitende Linke über ihre Essentials, oder über Theorie, oder über praktische Handlungfsfragen diskutieren, und es gibt allerlei gute Gründe, warum solche Öffentlichkeiten in dem Sinne begrenzte Öffentlichkeiten sind in dem nur Leute die in bestimmten Diskussiuonsprozessen drinstecken an ihnen teilnehmen. Nicht alles was existiert ist auch online abgebildet.

  9. Kürzlich hörte ich einen Radiobeitrag wo es darum ging den Alkoholkonsum in dieser Gesellschaft einzudämmen. Es dürfte nicht angehen dass Alkohol 24 Stunden mal 7 in der Woche kaufbar sei, Alkhoholwerbung müsste verboten werden, und es müsste Offlimits-Zeiten geben in denen Kneipen keine alkoholischen Getränke mehr ausschenken. Alkoholverkauf an Tankstellen müsste verboten werden. Aber das sei ja nicht durchsetzbar mit Politikern die auf Volksfesten Bierfässer aufschlagen. So von jemandem der sich an den Fridays for Future beteilgt und linksgrün verortet. Sicher ist es sinnvoll eine Diskussion um Suchtkrankheiten zu führen, aber dieser Beitrag hatte etwas von Reinheitsideologie und dem sich Erheben über den Pöbel.

    In meiner Generation war Linkssein mal mit Sex and Drugs and Rock´n Roll konnotiert und ist es immer noch.

  10. Sicherlich muß man unterschiedliche Öffentlichkeiten unterscheiden. Solche, die einen eingeschränkten, eher privaten Charakter haben – das kann von Lesekreisen bis hin zu philosophischen oder politischen Debattengruppen reichen, die dann freilich im größeren Kontext genommen dennoch zu einer umfassenden politischen Öffentlichkeit gehören und indirekt an dieser partizipieren. (Anders eben als in totalitären Regimen, wo solche Zirkel schlichtweg verboten sind oder sich eben nach außen tarnen müssen.) Und natürlich kann es sinnvoll sein, Strategien und Aktionen abseits der großen Öffentlichkeit zu debattieren. So wie es ja auch im Internet geschlossene Foren und Blogs gibt.

    Verbote sind in der Tat ein zweischneidiges Schwert. Über Süchte muß man sprechen, aber es gibt in keiner Gesellschaft eine Rundumsorglosversicherung. Es gibt eben auch ein Recht auf Scheitern, und davor kann einen kein Verbot der Welt bewahren. Insofern: Verbote, da wo es nötig ist und objektiv Menschen geschädigt werden können, die das nie wollten – so etwas bei Giftstoffen in der Nahrung, beim Umweltschutz, im Straßenverkehr. Bei Drogen ist es zweischneidig. Hier kommt es eben auch auf die gesellschaftlichen Konventionen und wie diese jeweils ausgelegt und praktiziert werden – und da sind wir wieder bei der Sphäre des Politischen, in der solche Fragen immer wieder neu zwischen den Beteiligten ausgehandelt werden –

    Ja, linkssein war einmal mit einem freien Leben konnotiert, mit dem Ausbrechen aus Konventionen, vielleicht auch um neue Konventionen oder erweiterte Konventionen und neue Lebensmodelle zu schaffen. Heute scheint es bei vielen damit verbunden zu sein, anderen einen Lebensstil aufzuzwingen. Ich denke hier nur an das No-Border-Camp und die Frage nach den Rasta-Zöpfen.

  11. @“ Heute scheint es bei vielen damit verbunden zu sein, anderen einen Lebensstil aufzuzwingen. Ich denke hier nur an das No-Border-Camp und die Frage nach den Rasta-Zöpfen.“ —– Selbst das ist jetzt 7 Jahre alt und auf diesem Blog schon wieder ein Insider unter Hardcore-Usern. So wie anderswo Murmeltiere.

  12. Ich bin ja auch kein Freund des Komasaufens, aber wie künstliche Verknappung des Angebots und der Verfügbarkeits-Zeitspanne das Kampftrinken erst noch fördert, kann man ja schön in England und in skandinavischen Ländern studieren.

    Mir scheint, dass der linke Tugendfuror nicht rastet und nicht ruht, bis er wirklich alle Lebensbereiche (siehe Thema Sex in Schweden) unter der Knute hat. Mit dem Klimawandel lassen sich auch alle möglichen Gängeleien rechtfertigen. Man fragt sich, was für ein langfristiges Gesellschaftsmodell diesen Leuten vorschwebt – Agrargesellschaft und Killing Fields wie unter den Roten Khmer? Oder zumindest eine abgeschwächtere Variante davon?

  13. Und „siehe Thema Sex in Schweden“ ist noch mal insofern speziell als dass Schweden mal als DAS Land der sexuellen Libertinage galt. Meine große Schwester hatte mir seinerzeit geraten, wenn ich ein sexuelles Urlaubsabentuer suche solle ich nach Sandinavien reisen. Und ich habe auch Schwedinnen entsprechend souverän-versaut in Erinnerung, z.B. eine Matrosin die in südlichen Ländern in verschiedenen Häfen ihre Kerls sitzen hat oder eine die mich auf einer Bergtour anflirtete mit „I need a Lover“.

  14. Das Problem bei diesen Dingen ist, daß eine eigentlich gute und richtige Sache, Frauenrechte, Minderheitenrechte und die Art so zu leben, wie man es mag, inzwischen ins Absurde und Abstruse gedriftet sind. Aber auch das ist Teil eines gesellschaftlichen Diskurses – wobei man immer dazu sagen muß: es sind diese Tugendfuroristen eine Blasenweltminderheit und wenn man ins Leben sich bewegt, wissen die wenigsten Menschen von solchen Debatten und schütteln lachend den Kopf – eben so, wie es der Pestarzt beschrieb und auch wie che es sagte. Das Problem ist in der Tat auch hier aber die Erzeugung von Aufmerksamkeit und wie man diese gut hinbekommt. Ein Thema wie Trans- und Intersexualität, das auf alle Fälle wichtig ist, aber eben auch nicht so zentral, daß man in Berlin daran ganze Debatten über Klotüren knüpfen sollte, denn diese Stadt hat ganz andere Probleme und Nöte, betrifft gerade einmal 0,1 bis 0,6 Prozent der in der BRD lebenden Menschen. Das heißt nicht, daß diese Fragen unwichtig wären, es zeigt aber zugleich die Diskrepanzen zwischen öffentlicher Debatte und tatsächlicher Anzahl der Betroffenen.

  15. Richtig, Schweden war tatsächlich mal das gelobte Land der sexuellen Freizügigkeit, das gerät heutzutage allzuleicht in Vergessenheit. Danke dafür, das nochmal in Erinnerung zu rufen. Wäre aber auch mal interessant, nachzuvollziehen, wie das letztlich gekippt ist. Ich bin sicher, das auch damals nicht alle Frauen mit dem subtilen gesellschaftlichen Druck zur Verfügbarkeit glücklich waren, während andere eher die Chance ergriffen, selbstbestimmter zu handeln und sich zu nehmen, was frau wollte. Letztlich läuft es bei der Regulierung der Sexualität immer auf die Machtfrage hinaus, das war schon so, als die Kirche noch das Sagen hatte. Nur war damals eher die weibliche Sexualität des Teufels, während heute immer mehr Aspekte traditioneller Männlichkeit als „toxisch“ deklariert werden (und das nicht mal immer völlig zu Unrecht).

  16. Oder wie es der Kolumnisten Barbara Eggert erging, die aufgrund eines Ratschlages in einer Kolumne, über den man streiten mag, ihren Job loswurde.

    Neben den bescheuerten Auslassungen und Moraltheologien durchgeknallter Gendertröten gibt es tatsächlich noch gesellschaftliche Ablehnung von Homosexualität. Oder, wie man es irreführend nennt, Homophobie. Eine Phobie ist ja eine unbewußte Angst, von der derjenige, der von ihr befallen ist, genau weiß, daß sie unbegründet ist. Darum handelt es sich hier ja nicht. Frau Eggert meinte, daß soziale Ausgrenzung von homosexuellen Familienangehörigen in Ordnung geht. Volker Beck meinte hingegen, daß sei homophob. Sein Vorwurf war gut begründet. Wenn man sich jetzt unbedingt über den Rauswurf von Frau Eggert beklagen möchte, dann sollte man das bei dem Wurst- und Käseblatt tun, in dem ihr Artikel erschienen ist. Denn dieses Blatt hat Frau Eggert hinausgeworfen und nicht Volker Beck. Volker Becks Meinungsäußerung oder Kritik hätte diesem Blatt keinen Schaden zufügen können, wenn die betreffende Zeitung und ihre Konsumenten nicht von selbst darauf kommen, wie problematisch Frau Eggerts Ratschläge sind. Andreas Gabalier schadet es ja beruflich auch nicht, wenn man sich über seine homosexuellenfeindlichen Auslassungen beschwert.

  17. Was das „früher“ angeht: Dass eine 26 jährige Schwedin mich 50er auf einem Klettersteig in der Brenta anbalzte geschah 2016. Auffällig war allerdings dass die schwedische Seilschaft im Gegensatz zu ItalienerInnen, Deutschen, KroatInnen und Galliern keinerlei Alkohol trag und ihre Freizeit mit Kartenspiel und Ringelpieztanzen verbrachte.

  18. @neumondschein:
    Denn dieses Blatt hat Frau Eggert hinausgeworfen und nicht Volker Beck.
    Das ist formal betrachtet natürlich völlig richtig. Aber wir wissen beide, dass der Rauswurf ein Bauernopfer war, um den zu erwartenden Shitstorm ausschließlich auf die Autorin umzuleiten. Chefredaktion und Ressortleitung haben das strittige Stück ja wohl durchgewunken und stahlen sich dann aus ihrer presserechtlichen Gesamtverantwortung. Insofern ist da Käseblatt tatsächlich die erste Adresse für Kritik. Aber es sagt schon etwas über das gesellschaftliche Gesamtklima aus, wenn eine Autorin für einen danebenen Ratschlag der geifernden Meute zum Fraß vorgeworfen wird. Das ist das gleiche Klima, in dem an Unis unliebsame Dozenten und Gastredner hinausgebuht werden, weil die übersensibilisierten Studis mit abweichenden Sichtweisen nicht mehr klarkommen. Und wo ein Grönemeyer, der im Übrigen in London lebt, sich in Sportpalast-Manier für eine diktierte Mainstream-Demokratie heiserbrüllt. Ich kann seinen Punkt inhaltlich ein Stück weit unterschreiben, aber die gewählte Form lässt mich gruseln. Max Goldt hat mal sinngemäß geschrieben: „Nun ist in jeder Gesellschaft die Mehrheit die allergrößte Plage, weil sie ihre normativen Kräfte nicht im Zaum zu halten weiß.“

  19. Auf den Punkt gebracht, das sehe ich ähnlich, Mark! Die Art, wie diese „Kritiker“, teils mobbingartig und mit Unterstellungen, mit Barbara Eggert umgegangen sind, sagt mehr über diese Leute aus als ihnen lieb ist. Menschen, die vorgeblich für eine „freie“ Gesellschaft eintreten, bedienen sich jener Methoden, die einer freien Gesellschaft spotten. Das eine ist es, die Antwort von Eggert zu kritisieren – sie war nicht besonders glücklich, aber sie war eben nicht homophob, ebensowenig wie die Anfrage des besorgten Vaters -, das andere ist es, in einem solchen Übermaß zu reagieren. Auch das sagt viel über das, was hier in dieser Gesellschaft im argen liegt. Homophobie läge vor, wenn der Vater gesagt hätte: Meine Kinder gehen nicht zu der Hochzeit, basta. Aber irgend etwas scheint diesen Mann ja dabei zu quälen, er ist nachdenklich und mit dieser Entscheidung nicht ganz glücklich. (Nebenbei: In einer pluralen Gesellschaft müssen wir auch solche Ablehnung von Homosexualität akzeptieren, solange diese Ablehnung sich lediglich in Ansicht und Gesinnung niederschlägt. Und überzeugen wird man einen solchen Mann nur in Gesprächen und Argumenten. In diesen SInne hätte Eggert freilich eine klügere Antwort geben können)

    Interessant ist allerdings die Reaktion der Redaktion: Sie ist leider ziemlich typisch für die heutige Zeit: Leute ohne Rückgrat, Unirektoren, die keinen Arsch in der Hose haben und anstatt Studenten, die Vorlesungen stören, von der Polizei herausholen zu lassen und ggf. sofern das gesetzlich möglich ist, von der Universität zu verweisen, Rektorinnen einer Kunsthochschule, die klein beigeben, wenn Künstler bedroht und Kunstwerke angegangen werden, weil diese Werke politisch nicht genehm sind. Wir sollten uns von solchen, die ihre Diskriminierungserfahrung als instrumentelle Spielmarke einsetzen, nicht länger in Geiselhaft nehmen lassen. Linke Politik heißt Aufklärung und nicht Repression und kleingeistiges Denken. Und Schuld an diesem Zustand sind wesentlich auch die, die solche repressiven Studentinnen und Studenten gewähren lassen. Und wenn che zu recht schreibt, daß man zu diesen Leuten ein pädagogisches Verhältnis entwickeln muß, dann schließt das eben auch ein paar Backpfeifen nicht aus. Metaphorisch gesprochen versteht sich.

    Ansonsten, neummondschein: Ja, es gibt immer noch eine Menge Homophobie

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