Die Textspur zum Sonntag

Ich verlinke selten auf fremde Blogs, hier aber, auf dem Blog „pestarzt. Berlin ist nicht Haiti“ finden wir den Text zum Sonntag. Böse und polemisch, von jenem Blogger Pestarzt geschrieben, gegen jenes neue, sich links dünkende Juste Milieu gerichtet, das sich in Dauererregung und wohlfeilem Moralisieren ergeht. Säkulare Calvinisten. Das reicht hin bis zu Twitter-Literaturwissenschaftlern, die Kunstwerke nach Reizwörtern abklopfen, die Autoren dazu auffordern, mittels „Sensitiv Reading“ (ja diese Internet-Seite gibt es tatsächlich) diskriminierungsfreie Literatur zu produzieren, und gerne erregt man sich auch bei Brüsten und bei Fruchtsaftwerbung – nur heißt „erregen“ eben nicht mehr am Schönen von Busen und Brüsten sich zu erfreuen, so wie Gott oder Evolution sie den Frauen gaben, sondern es wird in jeder Regung Sexismus gewittert. Und wenn die FAZ schreibt:

„Interview mit Ärztin : „Es gibt einen Transgender-Hype“.
Auf Identitätssuche: Junge Menschen, die ihr biologisches Geschlecht in Frage stellen. Immer mehr Jugendliche glauben, sie lebten im falschen Geschlecht. Ein Gespräch mit der Ärztin Annette Richter-Unruh über schwierige Diagnosen und Reue nach Hormontherapien.“

dann brüstet sich eine Margarete Stokowski damit, daß sie diesen Artikel bei Facebook als Hetze gemeldet habe. Eine andere Sicht wird heute kaum noch ausgehalten, es wird nicht debattiert, sondern es wird „Verbieten, verbieten“ gekreischt. Was nicht in den eigenen Horizont paßt, wird eliminiert. Wer sich freilich mit Jugendpsychologen einmal unterhält und einen Blick in die therapeutische Praxis wirft, wird bemerken, daß jene Sicht der Ärztin nicht ganz falsch ist und daß wir ein Problem mit sexueller Identität haben, und daß, wenn umoperiert oder mit Hormonen behandelt wurde, ein Kind oftmals heftig in den Brunnen gefallen ist, wenn es am Ende eben doch nicht das Geschlecht war, sondern ein deutlich tiefer sitzendes Problem – und das ist in den Praxen von Jugend-Psychologen anzutreffen. Probleme bekommt man nicht in den Griff, indem man sich wieʼs Kind die Augen zuhält und ruft „Da ist nichts, da ist nichts!“.

Und wenn ein Musiker wie Herbert Grönemeyer auf einem Konzert gegen rechts und damit gegen das Anwachsen der AfD spricht [unbedingt anzuhören hier auf Youtube], kann er das gerne machen: „Da liegt es an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat!“. Wenn das allerdings im Tonfall einer Hitler-Rede ins Publikum geschrien wird, dann gerät die Angelegenheit widersinnig, und es ist solches Geschrei auch nicht dazu angetan, Mensch wie mich für den Kampf gegen rechts einzunehmen. Der beste Ort ist immer noch außerhalb dieser Positionen, Und es steht zu befürchten, daß sich beide Lager ähnlicher sind, als es ihnen lieb ist. [Für diesen Hinweis auf das Grönemeyer-Video geht mein Dank an den Autor und Journalisten Holger Fuß – dessen Buch zur Krise der SPD gerade erschienen ist: „Vielleicht will die SPD gar nicht, dass es sie gibt. Über das Ende einer Volkspartei“]

Solche Fetzen des Alltags, wie man sie allgegenwärtig in den sozialen Medien wie auch im öffentlichen Diskurs findet, wären ein gefundenes Fressen für Kritiker wie Karl Kraus. Dessen Polemik gegen diese selbstgefällige Rechtschaffenheit wäre neu zu schreiben.

Wie dem auch sei: Der Pestarzt bringt diese Irrnisse jener derangierten „Linken“ ganz gut, wenn auch polemisch auf den Begriff. Ich zitiere ein wenig als Appetitmacher, aber es lohnt sich, diesen Blogtext ganz zu lesen.

„Ihr seid so doof. Was ihr nicht merkt ist, dass die Dinge bröckeln. Auf die Gängelung durch eine selbstherrliche Obrigkeit hat die Mehrheit nicht den Hauch von Bock und reagiert darauf im Moment mit vielen Dingen, die ihr gar nicht seht. Geht doch mal wieder in eine verrauchte Kneipe, hinten am Bahnhof zum Späti auf ein Bier an eine dieser speckigen Stehtonnen oder auf so ein garantiert unveganes Dorfest außerhalb des S-Bahn-Rings, auf dem der Pöbel feiert, dessen Lebensstil ihr so leidenschaftlich verachtet, aber das könnt ihr gar nicht, weil ihr gar nicht wisst wo der Pöbel überhaupt zu finden ist. Lieber sitzt ihr feist und satt auf eurem begrünten Balkon über Berlin-Friedrichshain, Ingwer-Zitronengrastee auf dem Tisch und einen getrockneten Apfelschnitz in der Hand, während der Pöbel unten bei 32 Grad die Straße neu teert. Euren Bürgersteig pflastert. Eure Couscousbrösel für euer Taboulé in den Bioladen liefert. Und euren Wohlstandsmüll zur Deponie fährt. Um danach mit dem Regionalexpress wieder raus nach Brandenburg zu fahren. Sprecht doch mal mit einem von denen. Die hassen euch alle inzwischen. Und ihr merkt nichts da oben auf eurem Balkon, auf dem ihr alt werdenden Vetteln vor dem Macbook immer noch wie 2010 über dem nächsten Hashtag für die neueste Empörung brütet. Und von wo aus ihr nicht seht wie sich der Wind dreht, wie eure Onlinekampagnen nicht mehr verfangen, die Leute sich ermüdet bis angewidert abwenden nach der hunderttausendsten beliebigen Empörungswelle, die aus irgendeinem Grund immer noch jedes Mal tagelang durch eure angeschlossenen Funkhäuser genudelt wird.

Als wäre immer noch 2010.

Was ihr auch nicht merkt, weil ihr die alle geblockt habt: Unter eurem Radar hat Rechts dazugelernt. Massiv. Erfolgreich. Professionell. Und seit neuestem reichweitenstark. In kürzester Zeit. Kommt jetzt young, fresh, urban, hip daher. Ist frech. Naseweis. Bärtig. Trägt Hoodie. Und verarscht euch. Macht sich lustig. Über die Bräsigkeit. Das Superkorrekte. Klerikale. Glückwunsch. Alles falsch gemacht. Da habt ihr sie. Das ist jetzt eure Opposition. Der Protest gegen euch. Da nutzt auch euer Löschen nix. Die laden das einfach neu hoch, vernetzen sich über Telegram, vk, dtube, reddit, alles Orte, an die ihr nicht rankommt, während ihr immer noch emsig Löschanträge bei YouTube stellt, als würde das Löschen irgendwas bringen, außer sie zu Zensurmärtyrern zu machen, was ihnen jedes Mal noch eine Schippe mehr Anhänger sichert, die inzwischen nicht mal halb so alt sind wie ihr und Oberlehrer samt Bräsigkeit schon seit der Schulzeit nicht leiden können.“