Weißensee (Ost-Orte) – sowie die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg

Ost-Orte, so denke ich mir, nenne ich diese Serie von Photographien – vielleicht auch, um verstärkt solche Regionen in Ostdeutschland einmal wieder zu bereisen und zu photographieren. Hier also der  Bezirk Weißensee, Berlin Nord Nord Ost. Kurz hinter der Kunsthochschule Weißensee liegen die Kleingartenanlagen, man biegt in die Straße „Am Steinberg“ und kommt, wenn man die Hochschule verläßt, in eine andere Welt, und da ist man dann in einer Mischung aus Wohngebiet mit 20er-Jahre-Häusern, parkenden LKWs, Strommasten, Kleingartengrün. Seltsamer und interessanter Ort für die Kunst – ob diese seltsame Verbindung von Wohnen, Gärtnern und Kunst wohl auch in die Kunstproduktion der jungen Menschen eingeht und darauf reflektiert wird? Was sich heute in Kreuzberg oder auf dem Tempelhofer Feld so modisch Urban Gardening nennt, ist uralt. Es heißt Schrebergarten. Diese Kombination aus Kunst und Schrebergarten, aus Exzeptionellem und Gewöhnlichem, aus Alltag und Ausbruch finde ich spannend. Beides, Kleingärtnern und Kunst, machen etwas, das abseits der gesellschaftlichen Arbeitsrationalität liegt – zumindest sofern sie es mit Emphase tun. Es sind Formen der Ausflucht, manchmal auch Eskapismus, und eine Suche nach anderem. Wir stehen in solchem Tun aus der gewöhnlichen Zeit heraus, wir erfahren  eine andere Form der Arbeit, des Tuns. Vita activa als vita contemplativa. Davon also zeugen auch diese unten gezeigten Photographien. Selbst das Photographieren und das Suchen nach Motiven in Kleingartenanlagen ist in gewissem Sinne wie Gärtnern.

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Gestern die Wahlen in Sachsen und Brandenburg. Interessant, daß all das sogenannte „Engagement“, indem man pauschal Wähler als Nazis, Nazi-Versteher oder als Rassisten bezeichnet hat (wie das leider vielerorts in Debatten getan wurde), und ebenso die unteilbar-Demos und Rock-gegen-Rechts-Konzerte, zu nichts, zu rein gar nichts geführt haben. Im Gegenteil. Mit böser Zunge könnte man sagen, es dient das als eine Selbstvergewisserung der eigenen Haltung. Ist auch wichtig, reicht aber nicht aus. Allenfalls kann man sich noch freuen, daß die AfD nicht die stärkste Kraft wurde.

Und dazu gesellen sich Berufstwitterer, die ihre gute Gesinnung bzw. ihre eigene Gefühligkeit und damit ihre abstrakte Subjektivität samt dem vorgeblichen Antifaschismus als Mantra und als Selbstvergewisserung des politisch (vermeintlich) richtigen Denkens vor sich hin und vor anderen her twittern, doch scheinen sie wohl ebenso wenig etwas bewirkt zu haben. Haltung mag wichtig sein, Engagement ebenso. Dort aber, wo es zur Selbstgefälligkeit gerinnt, versagt auch das und bleibt im wohlgefälligen Selbstbezug kleben. Die Waffe der Kritik ersetzt eben nicht die Kritik der Waffen. Wer das Wahlverhalten ändern will, muß die Leute erreichen und überzeugen – die bisherigen Methoden dieses Antifa-Sprechs bestimmter Leute – häufig leider im journalistischen Milieu anzutreffen – schienen nicht besonders zielführend. Wir leben in Blöcken und Blasen. Vielleicht sollten die politischen Akteure sich also besser andere Wege überlegen. Und nein: es sind nicht alle Leute Nazis, die gegen die Migrationspolitik von 2015 sind. Der Twitterer Dr Atomreisfleisch schrieb:

„Die #AfD konnte deshalb groß werden, weil es in der Flüchtlingsfrage eine Repräsentationslücke gab. Jetzt ist sie da. Und sie wird bleiben. Weil solche Parteien ein europäisches Phänomen sind.“

Wenn für einen Mann wie Hans-Georg Maaßen in der CDU kaum noch Platz ist, bekommt das politische Spektrum innerhalb einer Volkspartei ein Problem. Daß gute Leute wie Heinz Buschkowsky (ehemals SPD-Bezirksbürgermeister von Neukölln) nicht mehr tätig sind, ist ebenfalls ein Problem. Wenn eine Volkspartei wie die CDU und ehemals die SPD nicht mehr die konservativen oder auch rechten Wähler oder solche, die der gegenwärtigen Migrationspolitik skeptisch gegenüberstehen, über längere Zeit binden können, dann ist eine Partei wie die AfD die Folge. Damit muß man leben, damit muß der politische Diskurs umgehen, sofern andere und etablierte Parteien nicht die Kohäsionskräfte entwickeln, und wenn eine Partei wie Die Linke sich „No-border-no-nation“-Parolen auf die Fahnen schreibt, so kann sie das machen. Sie muß dann in Brandenburg und Sachsen nur mit den Konsequenzen leben. Und so zeigt sich auch hier im nachhinein, wie sehr Sahra Wagenknechts Weg der sinnvollere gewesen wäre: eine linke und soziale Politik zu gestalten, ohne migrationsfeindliche Parolen zu fahren, wie die AfD. Man wollte Wagenknecht bei der Linken nicht mehr, stattdessen ein Kipping-Kurs, und da kippte das dann beim Wahlergebnis der Linken im Osten eben.

Die AfD ist da, in allen Landesparlamenten, im Deutschen Bundestag. Dieser Erkenntnis muß man sich stellen und das eben heißt, daß wir politisch und in den Parlamenten in Zukunft deutlich kontroversere Debatten führen werden. Vielleicht, wie es früher einmal war, ich erinnere mich noch an die Zeiten in der alten BRD in den 1980er Jahren, als es eine Dregger-CDU gab und den rechten „Bayernkurier“, eine schwer konservative „Welt“ und als der Bayerische Rundfunk ein hochkonservativer Sender war und in Bayern Strauß Ministerpräsident. Wir müssen lernen, eine neue Streitkultur zu etablieren, und die funktioniert nicht über Parolenproduktion und Antifa-Bekenntnisse wie seinerzeit von Margarete Stokowski bei SpOn, wenn in einem Artikel implizit zu politischer Gewalt aufgerufen wird, indem man genehmigte Demonstrationen blockiert und auf diese Weise zu verhindern versucht. Man sollte sich, vor allem im Sinne der politischen Rationalität und auch im Sinne eines nicht bloß taktischen Agierens, sondern strategisch auf lange Sicht der Erkenntnis stellen, daß die AfD Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland sein wird und bereits ist. „Nazi, Nazi!“-Rufe sind da nur der Ausdruck hilfloser Empörung. All das Klagen darüber und das Schimpfen auf diese Wähler hat die AfD nicht schwächer gemacht – ganz im Gegenteil. Es verstärkte die Lagerbildung. Das Aubrechen solcher Mentalitäten des politischen Lagers – auf beiden Seiten übrigens – und damit die Erweiterung des politischen Diskurses als Debatte ist wohl eine der schwierigsten Aufgaben für die Gegenwart. Strukturwandel der Öffentlichkeit. (Ich werde demnächst mehr Hannah Arendt lesen.  Ergänzt um Adorno kann das ein spannendes Denken ums Politische ergeben – auch wenn sich beide politisch wie philosophisch nicht besonders gut gesonnen waren. Aber solche Konflikte, eben gegen das Lagerdenken – sollten einen nicht abhalten, bestimmte Ideen und Theorien miteinander in Bezug zu setzen.)

Ein anderes Gedankenspiel von mir geht so, und doch bin ich damit nicht ganz glücklich, weil am Ende niemand die Folgen absehen kann. Aber: Vielleicht wäre in diesem Sinne, als Herausforderung, in Sachsen sogar eine bürgerlich-rechte Koalition aus CDU und AfD nicht schlecht. Dann nämlich müßte die AfD in die politische Arbeit und damit in Leistung treten und der Wähler sieht, was ihm da beschert wird. Bei der nächsten Wahl kann er dann entscheiden, ob er diese Ergebnisse so will oder nicht. Auch für die SPD und den hochgeschätzten Martin Dullig wäre das womöglich auf lange Sicht eine Chance. Daß die SPD zeigt, daß sie mehr kann als nur Opposition oder Kleinwinzig-Partner in einer Koalition. Freilich kann das auch ein Spiel mit dem Feuer sein. Andererseits sind auch der AfD aufgrund von Gewaltenteilung und einer starken kritischen Öffentlichkeit gewisse Grenzen gesetzt.

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9 Gedanken zu „Weißensee (Ost-Orte) – sowie die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg

  1. Es ist bezeichnend, dass ich bei „Weißensee“ nie an Berlin sondern immer an Kärnten denke, und als die gleichnamige Serie gezeigt wurde dachte ich zunächst „Was hat Österreich mit der Stasi zu tun?“.

  2. Zu den Fotos:
    Merkwürdigerweise mache ich bei dem Wort Schrebergarten meist einen Tippfehler und schreibe Strebergarten. Nun denn, vielleicht ist es die oft strenge Pflanz-, Mäh- und Pflege-Ordnung, die den Gärtnern in diesen Siedlungen abverlangt wird. Aber es gibt immer Ausbrecher, anarchische Individualisten, die sich entziehen, aber eben auch selbstgerechte Hüter des Status Quo- ganz wie in der Kunstsphäre.
    Beide, der Kleingärtner und der Künstler, da gebe ich Dir recht, bestellen ihr im Idealfall zweckfreies und der Muse verpflichtetes Feld. Wo die Kunst im emphatischen Sinne jedoch Ordnungen aufzuheben und Grenzen zu sprengen versucht, lässt sich der Schrebergarten eher auf den hortus conclusus zurückführen, und bekanntlich funktioniert dieser nur in strenger Abgrenzung zum Diesseitigen, quasi als ein exterritorialer Ort inmitten der Um-Welt, eine Fluchtoase, die das Glück in der Beschränkung (und auf Zeit) bietet.

    Diese Beschränkung zeigen Deine Fotos deutlich mit den Zäunen, den Grenzmarkierungen, wohingegen die Strommasten in ihrer kompromisslosen Monumentalität die ver- und gesuchte Enge der Gartenidylle überragen und mit ihren die Parzellen überwölbenden Leitungen zumindest optisch auf eine Weite hindeuten. Ein sprechender Kontrast, den Deine Fotos nochmals hervorheben.

    Mein Favorit ist das vorletzte Bild: hier wird die Ödnis zum Schauobjekt erklärt, indem man vor dieser unnachahmlich trögen Fassade Bänke platziert, auf die man sich setzen und länger verweilen können soll.

    Gruß, Uwe

  3. @ che: Ging mir früher ebenso, da wir in der Kindheit in Kärnten waren und dort auch die Gemeinde Weißensee bereisten. Lebt man nicht in Berlin, so kann einem in der Tat auch den Österreich-Bezug in den Sinn kommen. Die Serie hat mir im übrigen ganz gut gefallen. Psychologisch fein gezeichnete Figuren, bestimmte Typen – was wesentlich auch an den Schauspielern lag – und eine spannende Geschichte mit unterschiedlichen Charakteren, deren Handeln unterschiedliche Motive zugrunde lagen.

    @Uwe: Ich bin ja ein großer Fan solcher Kleingartenanlagen und vor allem dieser Interieurs. Wäre auch ein weiteres Photoprojekt, die Leute zu fragen, ob sie einem den photographischen Einblick in ihre Gartenlauben gewähren. Ein Riesenfan bin ich zudem von den Gartenwichteln.

    Diese Bank vor dem Haus, vor dieser unwirklichen Rasenfläche fand ich ebenfalls faszinierend, und ich dachte mir, wer sich wohl dort hinsetzen mag: mit Blick auf einen gemähten, häßlichen Rasen, ohne Abwechslung und Bewegung, anders als bei einer Wiese eben, und dazu noch der Blick auf die (Neben)Straße samt Zaun.

  4. Im NRW-Forum in Düsseldorf läuft gerade die große Martin Parr Retrospektive, begleitet von einer Unterausstellung mit neuen Photos. Die heißt „Kleingärtner“ – Kritiker meinen, der often unterstellte Zynismus Parrs (bin mir da nicht so sicher) wäre am Garten-Gatter hängen geblieben. Könnte was sein für Bersarin…

  5. Danke für den Hinweis. Ich bin bei Parrs Photos gespalten: Einerseits schätze ich sie sehr, finde sie inspirierend und diese Kälte (auch des Lichtes, erzeugt durch spezielle Blitze) dient mir als Vorbild, andererseits kann man beim Betrachten leicht dazu neigen, sich über die abgebildeten Leute zu erheben. Als Dokumente eines bestimmten Lebensstils – den man ja auch faszinierend oder zumindest interessant finden kann – halte ich diese Photographien für wichtig. Wenn sie dazu dienen, sich über die Leute zu erheben und mit dem Blick des erhabenen Ironikers darauf zu sehen, ist es problematisch. Wenn man diesen Effekt jedoch mitdenkt und Parrs Bilder damit auch als selbstreflexiv registriert, daß sie auf das Denken des Betrachters sehen, dann sind es sehr kluge Photographien, die die ganze Spannbreite des Sozialen und auch die „feinen Unterschiede“, die wir alle mehr oder weniger machen, mitdenken. Solche Photographien sagen uns etwas über die anderen wie auch über uns selbst. Und diese Achsen des Gesellschaftlichen sind in Parrs Kunstwerken mit angelegt.

  6. Was „spannendes Denken ums Politische“ betrifft empfehle ich dieses Buch:

    https://en.wikipedia.org/wiki/The_Righteous_Mind

    Ich habe grade mit Entsetzen festgestellt, dass es noch nicht ins deutsche übersetzt ist, aber es gibt ein ganz gutes Interview mit dem Autor im Spiegel: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-90438239.html

    Grade auch in bezug auf die aktuelle Situation, den Aufstieg der AfD, Trump usw. höchst aufschlussreich.

  7. Jonathan Haidt ist leider ein Teil des Problems – nämlich des nicht-rationalen, empiristischen Herumgestocheres.

    Ein Psychologe als Spezialist für Moral klingt zunächst einmal nicht überzeugend, so wie ein Kneipenwirt qua Ausschank in einer Wirtschaft keinesfalls die Expertise besitzt, ein Betriebs- oder Volkswirt zu sein. Ethik bzw. Moralphilosophie lassen sich nicht einfach durch kognitive Prozesse erklären. So wie Begründungslogik nicht durch Psychologie, sondern nur durch Logik erläutert bzw. begründet werden kann. Metábasis eis állo génos.

    Das Interview von Haidt aber ist in der Tat interessant und man kann viel daraus lernen: Nämlich z.B. wie man auf keinen Fall argumentieren sollte und welche Fehler sich in Darstellungen einschleichen, wenn man biologistisch argumentiert und zudem kann man in der Analyse sehen, welche Fehler sich vermeiden lassen.

    Ganz sicher steht am Anfang einer moralischen Handlung nicht die Intuition. Sie steht nicht einmal am Anfang von gewöhnlichen Handlungen wie „Bier holen“, „Abwasch machen“, „Fenster putzen“, „Ehefrau versohlen“, sondern solche Handlungen werden von zahlreichen teils rationalen, teils eben auch emotionalen Momenten bestimmt, die wiederum alles andere als intuitiv sind. Auch Emotionen sind ganz wesentlich kulturell antrainiert. Und schon indem ich, wie dies bei den meisten Tätigkeiten der Fall ist, über eine Handlung nachdenke („Ach, ich gehe heute doch nicht zur Arbeit und bleibe im Bett“), treten voluntative Momente hinzu. Bereits diese Vereinseitigung im Erkenntnisprozeß läßt erhebliche Zweifel an der Kompetenz von Haidt in Sachen Philosophie und Moral aufkommen.

    Der Mensch ist Teil der Natur, aber es lassen sich seine Handlungen darauf eben nicht reduzieren. Bereits die Inanspruchnahme von Sprache und die Mechanismen von Beschreibung sind Kultur. Emotionen sind kulturell gesteuert: Bei Jungs damals: Indianerherz kennt kein Schmerz. Mädchen dürfen ruhig weinen. Sind ja Mädchen.

    Die Intuition ist nicht Basis von moralischen Handlungen, schon gar nicht von solchen komplexerer Natur, der diskursive und argumentative Prozesse oder politische Debatten vorausgehen. Da fängt der erste Selbstwiderspruch solcher naturalistischen Konzepte an: Man behauptet einen Aspekt einer Sache (hier die Intuition, ein schwammiger Begriff zudem, den man praktisch in die Blaxbox packt und mit dem dann im Dunkel der Begriffsunklarheit vermeintliche erste Ursachen evoziert werden), verallgemeinert diesen Aspekt unzulässig und legt ihn über sämtliche Ausprägungen, auch solche von komplexer Natur. Darin liegt der Sophismus von Leuten wie Haidt.

    Davon einmal abgesehen, daß große Teile des Interviews ein Kuddelmuddel sind oder eben einfach eine Ansammlung von Gemeinplätzen, was die Beispiele betrifft und von Fehlern in bezug auf die Thesen:

    „Ich glaube in der Tat, dass der Rationalismus, der eine lange und komplexe Geschichte in der Philosophie bis in die Gegenwart hinein hat, eine Täuschung ist. Moralisches Wissen steht nicht am Ende einer Kette vernunftgeleiteter Überlegungen, die uns zur Einsicht in das allgemeine Sittengesetz führen. Kants kategorischer Imperativ ist im Grunde ein logisches Gesetz, kein moralisches.“

    Einmal davon abgesehen, daß bereits beim ersten Satz dieses Zitates ein Psychologie schnell auf die Idee kommen könnte, bei Haid eine Form von Größenwahn und damit auch Narzißmus zu diagnostizieren: Kant geht es um eine Begründung von Moral und nicht um die Untersuchung von konkreten Handlungen. Und ein logisches Urteil ist, wie Kant in der KdrV und der KdpV zeigt, anders strukturiert als ein moralisches Urteil. Hier bereits fängt Haidt an, die Ebenen, auf denen er agiert, durcheinanderzubringen, und er baut zudem einen Strohmann auf, „widerlegt“ etwas, das bei Kant in dieser Weise nicht vorkommt und auch gar nicht Thema ist. Psychologen sind eben keine Philosophen. Und in diesem Sinne, von Haidt falsch dargestellt, hat nun gerade Kant nicht gesagt, daß die Vernunft dominiere. Ganz im Gegenteil. Man denke an Kants Satz, daß der Mensch aus krummem Holz ist. Kant wußte genau um die Tücken des Menschen, um seine Fehler und Schwächen. Nur sind die nicht Thema von Kants Philosophie, weil er, anders als die empiristischen oder psychologistischen Philosophen wie Burke oder teils Hume, eben nicht die Empirie zur Begründung heranzieht. Wenn man wie Haidt nicht fähig ist, die Ebenen zwischen Empirie und Begriff bzw. zwischen empirischer und transzendentaler (und damit begründungslogischer) Ebene zu unterscheiden, kann eben auch nur solcher Unfug herauskommen.

    Und ich könnte hier noch Satz für Satz dieses Interview auseinandernehmen. Nur ein weiteres Beispiel:

    „Argumente haben eine begrenzte Überzeugungskraft, weil in ihnen stets ein Stück Selbstgerechtigkeit steckt: Je konfrontativer wir sie vertreten, umso hartnäckiger der Widerstand, auf den wir stoßen.“

    Daß dem nicht so ist und auch nicht so sein muß, zeigen zahlreiche Debatten und wer es ganz anschaulich in schriftlicher Form haben will, wieso dieser Satz in dieser Apodikitk mit Allaussage („Argumente haben …“) schlicht falsch ist, für den wären hier gerade die Dialoge Platons zielführend, exemplarisch die „Politeia“, wo ein gewisser Thrasymachos (nomen est omen) auftritt und sich teils mit Großspurigkeit, teils mit Gewalt dem Recht des Stärkeren verschreibt und dieses als Argument für eine gute Staatsführung in Anschlag bringen will, nämlich als Plädoyer für den Tyrannen.. Sokrates nun überführt ihn anhand seiner eigenen Aussagen und verwickelt Thrasymachos in immer neue Widersprüche. Als dieser sich immer mehr in die Ecke gedrängt sieht und sich der Debatte mit Gewalt entziehen will, wird er jedoch vom Publikum aufgefordert, zu bleiben und sich diesen Argumenten zu stellen und etwas zu erwider.

    Ich empfehle jedem Leser diesen Dialog, denn er ist ein Musterbeispiel auch für Diskussionen im Feld des Politischen. Ob Thrasymachos am Ende von Sokrates überzeugt wurde, mag fraglich sein. Aber im performativen Effekt können alle, die zuhörten, registrieren, daß sich Thrasymachos in Selbstwidersprüche verwickelte, die er nicht aufzulösen vermochte. Somit können Thrasymachosʼ Aussagen keine Geltung beanspruchen. Auch wenn ein Sprecher einen anderen nicht überzeugt, weil dieser sich weigert, logische Begründungen zur Kenntnis zu nehmen, können die Zuhörer erkennen, wo die Fehler liegen. In diesem Sinne gilt Haidts Satz nur bedingt und schon gar nicht kommt ihm irgendein Absolutheitsanspruch zu. Vom performativen Widerspruch mal ganz abgesehen: Denn wenn allen Aussagen stets ein Stück Selbstgerechtigkeit zukommt, dann gilt das aus für Haidts Aussage. Zudem: Fürs Argument und dessen Richtigkeit sind psychologische oder emotionale Zusätze nicht von Bedeutung. 2 x 2 = 4 wird nicht dadurch falsch, weil einer gerade wütend ist und die goldene Regel gilt nicht deshalb, weil einer der für sie plädiert, ein besonders liebenswürdiger Mensch ist. Und in diesem Sinne haben Argumente eben keine begrenzte Überzeugungskraft, wenn sie stimmig und richtig formuliert sind.

    Sinnvoller wäre es also, wenn Haidt seinen Satz anders formulierte, dann nämlich enthielte er einen richtigen Ansatz. Das könnte z.B. so aussehen: „Wer argumentiert, muß damit rechnen, daß seine Behauptung, trotzdem einer guter Gründe beibringt, nicht fruchten und auf Ablehnung stoßen können. Unter einer bestimmten Rhetorik, wenn z.B. ein Argumentierender hart in der Sache ist, weil sein Argument korrekt ist, kann es sogar geschehen, daß ein richtiges Argument vom anderen nicht angenommen wird, weil er statt der Sachebene die Beziehungsebene ins Spiel bringt und so den Sachgehalt nicht erkennen kann.“ Wie man solche Situationen auflösen kann, können einem übrigens wiederum die platonischen Dialoge zeigen. Zum Argument gehört in der Tat auch die Darstellung, also die Rhetorik: sie kann zur Überzeugung beitragen. Aber ein gutes und richtiges Argument kann niemals durch Rhetorik ersetzt werden, so wie ein falsches Argument, das z.B. auf dogmatischen Voraussetzungen fußt, wie eben Haidts Ansatz, durch Rhetorik oder Sophistik nicht zu einem richtigen Argument werden kann. Und da eben liegt auch das Problem mit der AfD und denen, die sie bekämpfen. Sie bedienen sich keiner Argumente, sondern der Schablonen und Zuschreibungen: Ihr Ossis, ihr abghängten, ihr heteronormativen alten weißen Männer. Dort, in solcher rein rhetorischen Situation macht man es der AfD leicht und sie kann mit genau der gleichen Rhetorik antworten: Ihr linksgrünversifften Gutmenschen, die nichts von unseren Nöten wißt. Und genau das trägt exemplarisch zur Lagerbildung bei.

    Auf alle Fälle kann aber das Haidt-Interview dazu dienen, zu veranschaulichen, wie man komplexe philosophische Fragen in ein populistisches Gewand kleidet und damit leider zugleich die Probleme, um die es im Diskurs des Politischen wie auch des Moralischen geht, zu verschleiern. Vermeintliche Klarheit, die Haidt anstrebt, schafft genau das Gegenteil. Sie verschleiert und qua seiner Verabsolutierungen kippt die Angelegenheit in Sophistik.

  8. Einmal wieder greift El Mocho dergestalt in einen Thread ein dass er völlig am Thema vorbei seine eigene Agenda einzubringen versucht.

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