Die Tonspur zum Sonntag – Sei der Regen!


Es ist dieser Song von Neil Young zwar leicht ökologischer Kitsch und übliche Industrie. Aber der Blogbetreiber und Herr übers Grandhotel Abgrund ist nun einmal ein großer Fan von Neil Young und hört von Zeit zu Zeit diese Musik gerne, und so läßt er also auch solche Inhalte von minderer Lyrik durchgehen, und wenn man die Maßstäbe beim Pop nicht in unendlichen Höhen hängt, sondern diese Stücke auch als Alltagsgebrauch nimmt, dann geht es. Und wenn der Song zudem, in schöner Korrespondenz, zu einer Photographie paßt, die ich gestern beim Sichten der digitalen Bilderalben entdeckte und da mir dann dieser Young-Song in den Sinn kam und Alaska sowieso, dann mache man daraus einen Text mit Bild. Die Photographie stammt aus Bamberg – an einem jener Tage im April. Schöne Geschichten, in Bildern, auf Mauern und mit Fahrrädern. Stahl und Stein. Flanieren und fotografieren ist besser noch in den kleinen Städten möglich, wo nur wenige Menschen laufen und die Sicht versperren.

Bamberg, im Juni – All der rote Mohn

Schnell noch, bevor der Sommer vergeht, diese Photographien aus Bamberg gezeigt. Die meisten Bilder stammen von der Halbinsel ERBA, dem ehemaligen Gelände der Bamberger Textilindustrie, der übrige Teil aus den Gewerbegebiet im Nordwesten der Stadt. Die ERBA, das Silbenkurzwort steht für Erlangen-Bamberg, war eine der großen Baumwollspinnereien Europas. Reste der Industrieanlagen finden sich noch heute auf dieser Landzunge zwischen dem linken und dem rechten Regnitzarm. 2012 fand auf der ERBA-Insel die Gartenschau statt und dafür wurde das Gelände gehörig umgebaut. Es ist eines dieser seltsam-modernen Flächen: viel Grün, Wohnhäuser, auch Teile der alten Industriegebäude sind noch zu sehen. Leider habe ich es versäumt, diese Anlagen zu photographieren. Im Gesamt, in der Totale eines Bildes hätten sie nicht gewirkt, ich hätte mir also fürs Ablichten etwas anderes ausdenken müssen, wozu ich nun wieder keine Lust hatte, weil ich lieber beim freien Schlendern photographiere und ich zudem einen großen Faible für diese lieblichen Kleingartenanlagen habe – diese seltsame Form von Natur, heute fast schon antiquiert. Es ist aber dieser Trug von heiler Welt vielleicht doch der letzte Rest einer tatsächlich irgendwie noch intakten Welt und Auswuchs der längst abgelebten 70er-Jahre-Moderne.  Es fehlt nur noch das HB-Männchen, was in die Luft geht und dann beim Rauchen seine Ruhe findet, wir hören, daß Strahlerküsse besser schmecken, Plantschi einfach prima ist, schmecken Ernte 23 und betrachten das Bärenmarke-Bärchen wie es durch eine Hügellandschaft tapst, samt dem lustigen, dicken, grünen Hustinetten-Bär, der das Leben nicht so schwer nimmt.

Vom Wesen des Parks her bildet die ERBA ein Gegengewicht zu dem herrlichen naturbelassenen Bamberger Hain, weit im Süden der Stadt. (Ich schrieb an dieser Stelle über diesen wunderbaren Ort, damals im Winterzauber, wo der kalte Prinz den Frost verströmte und zwischen kahlen Bäumen und Statuen spazierte.) Beide Orte haben für sich ihren Reiz – im Sommer wie im Winter. In den Hain gelangt man vermutlich etwas leichter und eher, wenn man aus den Gassen der schönen Altstadt kommt und dann am linken Regnitzarm an der der Künstlervilla Concordia vorbeispaziert, die, stadtauswärts gegangen, rechts des Flusses auf der anderen Seite des Mühlwörths liegt. Und wenn man später abends nahe der Wälder aufmerksam schaut und lauscht, so kann es geschehen, daß der Abendwanderer dem sprechenden Hund Berganza begegnet.

Im Juni aber ging es zur anderen Seite hinaus, in jenen Kunstpark, dem man seine Künstlichkeit sehr viel deutlicher ansieht als dem scheinbar naturbelassenen Hain. Es geht in die Kleingartensiedlungen zuerst, wenn man vom Regensburger Ring her kommt. Ich denke an jene wunderschöne braunhaarige Frau, die mir vor meiner Abreise ein üppiges Frühstück brachte. In Dänemark übrigens weht bei jedem Ferienhaus der Dannebrog – nur für alle, die sich über deutsche Flaggen mokieren oder wundern. Mir ist’s egal, wer’s will, mag’s vorm Ferienhaus oder der Datscha machen. Ich brauche es nicht, auch keine von irgendwelchen vorgeblich widerständigen Fußballvereinen aus Hamburg. Geh ich eh nicht hin, sind mir zu viele Werber aus der Schanze da. Die einzige Fahne, die ich mag, ist die von Weißwein.

Und nun Photographien aus Bamberg, bevor der Winter kommt, von der Hegelwoche in Bamberg. Ich wette, Sie werden keinen einzigen Bezug dort auf den Bildern zu Hegel entdecken. Wer einen findet, kriegt vielleicht einen Weißwein. Oder eine Fahne.

 

Fridays for Future (Teil 2)

Hier der angekündigte zweite Teil der Photographien.

 

 

 

Fridays for Future – Zur Klima-Demo in Berlin

Menschen strömen in den S-Bahnhof Rathaus Steglitz: Kinder, Erwachsene, Jugendliche, auch Lehrer sind mit dabei, es scheinen ganze Schulklassen auf den Beinen. Solche Szenen sah ich eigentlich nur bei Großveranstaltungen oder den großen Friedensdemonstrationen Anfang der 1980er Jahre. Sogar die Berliner S-Bahn beteiligt sich am Klima-Streik. Sie tut, was sie am besten kann: nicht fahren und nicht funktionieren. Die S 7 und andere Züge fielen bis zum Mittag wegen eines Stellwerkfehlers aus. Und wie üblich ließ die S-Bahn ihre Züge im zeitgedehnten Zehn-Minuten-Takt gondeln, während es auf dem Bahnsteig voller und voller wurde und an vielen Stationen die Leute einfach auf dem Bahnsteig warten mußten und auch im nächsten Zug vermutlich nicht mitkamen, weil der nämlich genauso voll war. Damit man einmal auch das Gefühl bekommt, wie es wohl in Tokio sein könnte. In der S-Bahn quetschten sich die Menschenkörper. Irgendein 13jähriger meinte in jenem Penälerhumor trocken „Wenn jetzt jemand furzt, stirbt der ganze Waggon.“ Fast alle wollten zum Brandenburger Tor, viele hatten Plakate und Transparente dabei.

Ein anderer junger Schüler, er mochte 15 oder 16 Jahre sein, erzählte von seinen Reisen in den Hambacher Forst, wie sie von der Polizei schikaniert wurden, wie ihnen die Übernachtung schwierig gemacht wurde, indem das Gelände, wo die Zelte stehen sollten, mit schwerem Gerät umgepflügt wurde, erzählte von Widerstand und Protest und sprach mit Emphase und ein wenig altklug, wie junge Menschen, die gerade die Politik für sich entdecken, manchmal sind. Ich kam mit ihm ins Gespräch. Der Junge schilderte, wie er und Genossen ein Denkmal mit politischen Parolen beschmiert hätten, allerdings mit Kreide, und wie dann die Polizei kam. Der junge Lehrer sagte mit einem süffisanten Lächeln. „Das will ich jetzt lieber nicht gehört haben.“ Eine schöne Atmosphäre, mir lächelte irgendeine Frau zu, so wie an diesem Tag ich häufig von Frauen Ende 30 angelächelt wurde. Ich weiß nicht weshalb, vielleicht lag es an meiner schwarzen Lederjacke und meinem harten Reporterblick. Vielleicht wollten sie auch einen vom Alter her gut situierten Mann. Sie waren bei mir an der falschen Stelle. Kriegsberichterstatter sind einsam. Und sie bleiben es. Wer jetzt keine Nikon hat, der hat sie nimmermehr.

Am Potsdamer Platz stiegen wir alle aus. Es herrschte auch dort ein Drängeln und Schieben. Alle strömten sie hin zum Brandenburger Tor. Massen und immer mehr an Menschen hier in Berlin. Kinder, Jugendliche, Eltern, aber auch Alte und jene Altachtundsechziger und auch Altachtziger wie ich, die schon damals bei den großen Protesten der BRD dabei waren. Fehlt nur noch, daß jemand die Graswurzelrevolution oder die UZ verteilte oder einem die Mitgliedschaft in der SDAJ aufschwatzen will. Linke aber genauso Bürgerliche gehen bei dieser Demo mit, politisch ganz unterschiedliche Menschen kamen hier und heute zusammen, um irgendwie mit ihren Mitteln ein Zeichen zu setzen.

Parolen wie „Ich sag Kohle, ihr ruft ‚Ausstieg‘“ sind ganz und gar nicht meine Sache, ebensowenig die Mitmachprogramme mit Herumhüpfen und Hände heben. Irgendwann sang von der Bühne Dota Kehr. Ich mag viele ihrer Lieder, auf den Text habe ich nicht gehört, aber die Melodie und die Art des Singens klangen schön. Ich hoffe, es war kein politisches Lied, denn da sind die Texte leider oft garstig-gräßlich und entbehren nicht eines gewissen Kitsches. Leider waren die Reden der unterschiedlichen Redner viel zu lang. Manche Zuhörer begannen schon mit den Füßen zu scharren.

Amüsant auch die Ansage vom (separaten) Lautsprecherwagen der Intersektionalisten und Queerfeministinnen: Bis sie zu Anfang ihrer politischen Ansprache all die Minderheiten aufgezählt hatte, war die Demo fast schon wieder vorbei. Ich wollte noch dazurufen: „Ihr habt Schlitzäugige vergessen und Menschen mit schiefen Zähnen“ ließ es aber dann doch um des lieben Friedens willen bleiben und weil ich weiß, daß man als Photograph am besten ungestört Photos macht, wenn man sich neutral verhält und ins politische Geschehen nicht weiter sich einmischt.

Eigentlich bin ich bei Demos immer unbehelligt geblieben, sei es von Seiten der Demonstranten oder der Polizei. Diesmal aber erwischte es mich, und das ausgerechnet auf einer solchen Veranstaltungen. Ich gehe seit 39 Jahren auf Demonstrationen, ich photographiere dort, ich habe Heftiges erlebt, ich kam in manche bedrohliche Lage, etwa wenn neben mir Polizisten zu Boden gingen, weil sie von Feuerwerkskörpern getroffen wurden oder wie ich in Bonn 1985 hinter einer Polizeikette lief und in einen Stein- und Tomantenhagel von Autonomen geriet, ohne daß mich was traf, zum Glück. Heute jedoch, bei einer Demo mit vielen Kindern, mit Erwachsenen, Lehrern, Angestellten, jungen und alten Menschen unterschiedlichster Prägung ist es mir passiert, daß ein Jugendlichen-Black-Block, es waren fast noch Kinder, mich beim Thomas-DehlerHaus, also der Parteizentrale der FDP, erwischte. Mit einem Farbbeutel, der neben mir aufschlug. Die gute Nikon D 600 schmutzig, die Hose rotrosa gesprenkelt, die Lederjacke fleckig. Na ja, dafür habe ich dann zehn Minuten später eine Verhaftung veranlaßt. Die Männer vom Greiftrupp wissen immer gut, wen sie holen müssen. (Nein, war ein Spaß – ich habe nur weiter aufmerksam beobachtet und bin mitgelaufen bis zum Ende und dort, wo es spannend sein könnte, daß abends dann die Knochen weh taten.)

Ich kann nicht ganz verstehen, wieso auf einer friedlichen Demonstration mit vielen Kindern ein Black-Block, diesmal in Grün-Lila allerdings, Bengalos zündet, mehrfach, bis dann ab dem Holocaust-Mahnmal ein Zug Bereitschaftspolizei den Block begleitet. Woraufhin sich in Rufen und Lautsprecherdurchsagen über die „Bullen“ und deren aggressive Art beschwert wird. Protestler, die ein Transparent wie „SUV-Macker abfackeln“ mit sich führen: mir ist nicht ganz klar, wie und inwiefern sich solche Personen mit Argumenten gegen rechtes Hatespeech positionieren wollen. Und wenn dann beim FDPHaus gerufen wird „Ganz Berlin haßt die FDP!“, so kann man das machen, wenn man das glaubt. Ich hätte denen am liebsten erwidert „Hier in Berlin werde ich sie bei der nächsten Wahl wählen!“ Es war ein ärgerlicher, selbstgefälliger und naiver Block. Vielleicht kann man diese Dummheit ihrem Jugendlichsein zugutehalten und dem damit verbundenen politischen Überschwang. Die Welt ist für sie schwarz/weiß, Differenzierungen und unterschiedliche Farben und Töne existieren in diesem Denken nicht – ich weiß eigentlich gar nicht recht, wie dieses instrumentelle Denken mit der Lektüre von Foucault und Adorno zusammengehen soll: wo man bei der Gesellschaft eine Differenziertheit einfordert, die man selbst jedoch nie bereit ist zu leisten. Verwunderlich ist das freilich nicht, das ragt bis in die Mitte, wenn Fernsehclowns wie Jan Böhmermann sich engagieren. Jedoch: zu meiner Zeit war es nicht anders. Aber ich schweife ab.

Wenn dann Gegenstände und Farbbeutel in Richtung des FDP-Hauses fliegen, fingen mit dem Krawall nun freilich nicht die „Bullen“ an, sondern der Jung-Black-Block. Sich hinterher darüber beschweren, daß Greiftrupps jene Leute, die solche Dinge machen oder ebenso im Zug gegen das Vermummungsverbot verstießen, später zu einem geeigneten Zeitpunkt herausholen, scheint mir nicht ganz unwahrscheinlich und irgendwie auch berechenbar. So zog der Zug sich hin. Zum Glück war diese Form des Protestes nur ein sehr kleiner Ausschnitt und allüberall bei dieser Demonstration ging es friedlich zu.

Im Anschluß an jene Fridays for Future-Proteste gab es vom Potsdamer Platz ausgehend noch eine Demonstration der Berliner Club-Betreiber. Unter dem Motto „No future no dancefloor“. In ihrem Aufruf zum Rave-Aufstand hieß es:

„Wir feiern viel, gern und verschwenderisch. Aber statt rassistischen Unsinn von Überbevölkerung zu labern, lieben wir es eng, laut, stickig und voll. Statt nationale Ausgrenzung wollen wir alle dabeihaben, egal woher sie kommen, wie sie lieben, begehren oder aussehen.

Unsere Nebelmaschinen ballern bis es von der Decke tropft und wir tanzen wie entfesselt. Aber wir sind nicht so vernebelt zu glauben, dass unser hedonistischer Ausnahmemoment die Welt zugrunde richtet und nicht der allesfressende kapitalistische Normalzustand.

Für nachhaltigen Feierexzess recyceln wir den letzten Schrott.“

Daß jene Leute das Klima retten wollen, scheint mir unglaubwürdig. Ich denke, die Raver samt ihren Gästen bekommen nicht einmal die basale Hygiene auf einer ihrer Club-Toiletten in den Griff.

Ansonsten aber, das muß man unbedingt dazu schreiben: Es war eine gute, eine wichtige und auch eine mächtige Demo, die da um 12 Uhr vorm Brandenburger Tor stattfand und dann über viele Stunden durchs Regierungsviertel zog. Und sie war vor allem friedlich. Und eben nicht nur in Berlin, sondern auf der ganzen Welt fanden diese Proteste statt. Man sollte keinem Alarmismus huldigen. Aber wenn eine Situation ernst ist, sollten man den Ernst der Lage nicht nur kennen, sondern auch benennen und sichtbar machen. Solche Aktionen sind symbolisch, sicherlich, und es konfligieren dabei unterschiedliche Ansätze und Forderungen; von Veganern über Bürgerlich-Liberale bis hin zu harten Kapitalismuskritikern und eben Kindern und Jugendlichen, die ganz einfach Angst um ihre Welt haben. Solch bunte Gemengelage ist nichts Neues, es gab sie bei den 1968ern schon, 1982 zu Friedensdemo-Zeiten gegen den Nato-Beschluß und sie existierte beim Anti-AKW-Protest jener 70er und 80er Jahre in Wyhll am Kaiserstuhl, in Brokdorf an der Elbe und in der Oberpfalz in Wackersdorf, als Bürger und Autonome zusammen demonstrierten, und auch zu der großen Fukushima-Demo 2011 in Berlin warʼs der Fall. Gerade dieser Protest lieferte 2011 ein wichtiges politisches Zeichen. Schön, daß so viele Menschen heute weltweit auf der Straße waren. Bei bei solchen Protesten geht es nicht unbedingt darum, Fachfragen zu debattieren. Sie sollen vielmehr politisch ein Zeichen setzen. Gehen genügend Menschen hin und sind es wie in Berlin gut 200.000 Menschen, dann muüssen auch SpOn und die Tagesschau darüber berichten. Schön wäre es, wenn man auch für Julien Assange, Edward Snowdon und Chelsea Mannings derart viele Menschen auf die Beine bekäme, denn auch dann müßte die „Macht um acht“ über solches berichten.

[Eine zweite Serie mit Photographien kommt morgen.]

 

Margarete Stokowski und Kurt Tucholsky

Eine Kombination im Titel bereits, die Leserin und Leser erschaudern lassen werden. Was um alles in der Welt haben diese beiden Menschen miteinander zu tun? Nichts, rein gar nichts. Der eine ist ein Essayist, Satiriker, Gesellschaftskritiker und Schriftsteller, die andere ist Kolumnistin bei SpOn. Dennoch: Margarete Stokowski wird der Tucholsky-Preis verliehen. Ein Gott, der Tintenteufel oder sonstwer mag wissen weshalb. An ihrer ausgefeilten Sprache kann es nicht liegen, an ihrem Witz ebensowenig und auch nicht an ihrer eloquenten Art zu sprechen – man schaue sich das Gespräch mit Svenja Flaßpöhler über MeToo an. Es muß also wohl an der Jury liegen, die hier im Link einzusehen ist. Man sehe auf die Namen und man wisse.
Ich selbst wäre eher dafür, Margarete Stokowski den Karl-Kraus-Preis, genauer gesagt, den von Karl Kraus ausgeschriebenen Preis zu verleihen, fürderhin nicht mehr zu schreiben und mit dem Geld besser einen für die Gesellschaft nützlichen Beruf zu ergreifen. Kraus sagt es so:

„Das Preisrichterkollegium hat sich vor der Fülle konkurrierender Genies nicht anders helfen können als für jedes Gebiet je drei Preise à 1000 Schilling festzusetzen. Sie sollten zwar ursprünglich jener »Aufmunterung« dienen, die auf sämtlichen Gebieten der Kunst schon so viel Unheil angerichtet hat, während Abschreckungspreise, geknüpft an die Bedingung, nichts dergleichen mehr zu tun, sondern einen nützlichen Beruf zu ergreifen, ein wahrer Segen wären.“
(Karl Kraus, Die Fackel, Nr. 726-729, Mai 1926)

Die Textspur zum Sonntag

Ich verlinke selten auf fremde Blogs, hier aber, auf dem Blog „pestarzt. Berlin ist nicht Haiti“ finden wir den Text zum Sonntag. Böse und polemisch, von jenem Blogger Pestarzt geschrieben, gegen jenes neue, sich links dünkende Juste Milieu gerichtet, das sich in Dauererregung und wohlfeilem Moralisieren ergeht. Säkulare Calvinisten. Das reicht hin bis zu Twitter-Literaturwissenschaftlern, die Kunstwerke nach Reizwörtern abklopfen, die Autoren dazu auffordern, mittels „Sensitiv Reading“ (ja diese Internet-Seite gibt es tatsächlich) diskriminierungsfreie Literatur zu produzieren, und gerne erregt man sich auch bei Brüsten und bei Fruchtsaftwerbung – nur heißt „erregen“ eben nicht mehr am Schönen von Busen und Brüsten sich zu erfreuen, so wie Gott oder Evolution sie den Frauen gaben, sondern es wird in jeder Regung Sexismus gewittert. Und wenn die FAZ schreibt:

„Interview mit Ärztin : „Es gibt einen Transgender-Hype“.
Auf Identitätssuche: Junge Menschen, die ihr biologisches Geschlecht in Frage stellen. Immer mehr Jugendliche glauben, sie lebten im falschen Geschlecht. Ein Gespräch mit der Ärztin Annette Richter-Unruh über schwierige Diagnosen und Reue nach Hormontherapien.“

dann brüstet sich eine Margarete Stokowski damit, daß sie diesen Artikel bei Facebook als Hetze gemeldet habe. Eine andere Sicht wird heute kaum noch ausgehalten, es wird nicht debattiert, sondern es wird „Verbieten, verbieten“ gekreischt. Was nicht in den eigenen Horizont paßt, wird eliminiert. Wer sich freilich mit Jugendpsychologen einmal unterhält und einen Blick in die therapeutische Praxis wirft, wird bemerken, daß jene Sicht der Ärztin nicht ganz falsch ist und daß wir ein Problem mit sexueller Identität haben, und daß, wenn umoperiert oder mit Hormonen behandelt wurde, ein Kind oftmals heftig in den Brunnen gefallen ist, wenn es am Ende eben doch nicht das Geschlecht war, sondern ein deutlich tiefer sitzendes Problem – und das ist in den Praxen von Jugend-Psychologen anzutreffen. Probleme bekommt man nicht in den Griff, indem man sich wieʼs Kind die Augen zuhält und ruft „Da ist nichts, da ist nichts!“.

Und wenn ein Musiker wie Herbert Grönemeyer auf einem Konzert gegen rechts und damit gegen das Anwachsen der AfD spricht [unbedingt anzuhören hier auf Youtube], kann er das gerne machen: „Da liegt es an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat!“. Wenn das allerdings im Tonfall einer Hitler-Rede ins Publikum geschrien wird, dann gerät die Angelegenheit widersinnig, und es ist solches Geschrei auch nicht dazu angetan, Mensch wie mich für den Kampf gegen rechts einzunehmen. Der beste Ort ist immer noch außerhalb dieser Positionen, Und es steht zu befürchten, daß sich beide Lager ähnlicher sind, als es ihnen lieb ist. [Für diesen Hinweis auf das Grönemeyer-Video geht mein Dank an den Autor und Journalisten Holger Fuß – dessen Buch zur Krise der SPD gerade erschienen ist: „Vielleicht will die SPD gar nicht, dass es sie gibt. Über das Ende einer Volkspartei“]

Solche Fetzen des Alltags, wie man sie allgegenwärtig in den sozialen Medien wie auch im öffentlichen Diskurs findet, wären ein gefundenes Fressen für Kritiker wie Karl Kraus. Dessen Polemik gegen diese selbstgefällige Rechtschaffenheit wäre neu zu schreiben.

Wie dem auch sei: Der Pestarzt bringt diese Irrnisse jener derangierten „Linken“ ganz gut, wenn auch polemisch auf den Begriff. Ich zitiere ein wenig als Appetitmacher, aber es lohnt sich, diesen Blogtext ganz zu lesen.

„Ihr seid so doof. Was ihr nicht merkt ist, dass die Dinge bröckeln. Auf die Gängelung durch eine selbstherrliche Obrigkeit hat die Mehrheit nicht den Hauch von Bock und reagiert darauf im Moment mit vielen Dingen, die ihr gar nicht seht. Geht doch mal wieder in eine verrauchte Kneipe, hinten am Bahnhof zum Späti auf ein Bier an eine dieser speckigen Stehtonnen oder auf so ein garantiert unveganes Dorfest außerhalb des S-Bahn-Rings, auf dem der Pöbel feiert, dessen Lebensstil ihr so leidenschaftlich verachtet, aber das könnt ihr gar nicht, weil ihr gar nicht wisst wo der Pöbel überhaupt zu finden ist. Lieber sitzt ihr feist und satt auf eurem begrünten Balkon über Berlin-Friedrichshain, Ingwer-Zitronengrastee auf dem Tisch und einen getrockneten Apfelschnitz in der Hand, während der Pöbel unten bei 32 Grad die Straße neu teert. Euren Bürgersteig pflastert. Eure Couscousbrösel für euer Taboulé in den Bioladen liefert. Und euren Wohlstandsmüll zur Deponie fährt. Um danach mit dem Regionalexpress wieder raus nach Brandenburg zu fahren. Sprecht doch mal mit einem von denen. Die hassen euch alle inzwischen. Und ihr merkt nichts da oben auf eurem Balkon, auf dem ihr alt werdenden Vetteln vor dem Macbook immer noch wie 2010 über dem nächsten Hashtag für die neueste Empörung brütet. Und von wo aus ihr nicht seht wie sich der Wind dreht, wie eure Onlinekampagnen nicht mehr verfangen, die Leute sich ermüdet bis angewidert abwenden nach der hunderttausendsten beliebigen Empörungswelle, die aus irgendeinem Grund immer noch jedes Mal tagelang durch eure angeschlossenen Funkhäuser genudelt wird.

Als wäre immer noch 2010.

Was ihr auch nicht merkt, weil ihr die alle geblockt habt: Unter eurem Radar hat Rechts dazugelernt. Massiv. Erfolgreich. Professionell. Und seit neuestem reichweitenstark. In kürzester Zeit. Kommt jetzt young, fresh, urban, hip daher. Ist frech. Naseweis. Bärtig. Trägt Hoodie. Und verarscht euch. Macht sich lustig. Über die Bräsigkeit. Das Superkorrekte. Klerikale. Glückwunsch. Alles falsch gemacht. Da habt ihr sie. Das ist jetzt eure Opposition. Der Protest gegen euch. Da nutzt auch euer Löschen nix. Die laden das einfach neu hoch, vernetzen sich über Telegram, vk, dtube, reddit, alles Orte, an die ihr nicht rankommt, während ihr immer noch emsig Löschanträge bei YouTube stellt, als würde das Löschen irgendwas bringen, außer sie zu Zensurmärtyrern zu machen, was ihnen jedes Mal noch eine Schippe mehr Anhänger sichert, die inzwischen nicht mal halb so alt sind wie ihr und Oberlehrer samt Bräsigkeit schon seit der Schulzeit nicht leiden können.“

 

Zur Aktualität Adornos und zu seinem 116. Geburtstag – nachträglich

Kürzlich erschien bei Suhrkamp jener Vortrag Adornos „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“, gehalten am 6. April 1967 in Wien, darin er sich mit den Bedingungen und dem Nährboden solcher Einstellungen auseinandersetzte. Instruktiv nicht wegen möglicher Parallelen zur Gegenwart – die Zeit schritt in diesen über fünfzig Jahren erheblich voran –, sondern vielmehr wegen der Bestimmungen, die sich zumindest in eine Analogie bringen lassen, insbesondere was die Fragen des Ökonomischen und der sozialpsychologischen Struktur von gesellschaftlichem Bewußtsein betrifft. Und ebenso, zu diesem Thema passend, erschien von Adorno vor einigen Tagen bei Suhrkamp „Bemerkungen zu ‚The Authoritarian Personality‘ – und weitere Texte“.

Ich weiß nicht, inwieweit es mit Adornos Buch „Studien zum autoritären Charakter“ identisch ist, das in der ersten Auflage 1973 erschien. Jene von den Forschern entwickelte F-Skala wurde von Soziologen-Kollegen methodisch zwar erheblich kritisiert. Dazu müßte man freilich im Detail nachsehen und das läßt sich auch nicht im Überflug behandeln. Dennoch brachte diese Studie Einsichten zu Bewußtsein, die manchen lieber verborgen geblieben wären. Die Frage nach einer autoritären Gesinnung – sie findet sich übrigens nicht minder auf der linken Seite! – bleibt bis heute virulent und in diesem Sinne auch der soziologische und gesellschaftskritische Ansatz Adornos.

Aber nicht nur der, sondern genauso dessen Philosophie insgesamt, die ja durchaus mit diesen Dingen zusammenhängt. Nichts ist bei Adorno isoliert zu betrachten. Auch seine Ästhetik nicht, die wie die Hegels, konkret in gesellschaftliche Mechanismen eingebettet und mit ihnen verschränkt ist. Auch ex negativo, wenn gelungene Kunst sich gerade als Aussparen des Gesellschaftlichen erweist. Was jedoch unmittelbar draußen scheint, taucht mittelbar vermittelt im Kunstwerk wieder auf. In diesem Sinne ist Kunst – bis heute – eine Reaktion auf die Gegenwart; gelungene Kunst ist immer zeitgenössisch, selbst da, wo sie sich der Zeitgenossenschaft verweigert. Freilich nicht, im Sinne des banalen Engagements, wie es sich teils Schlingensief und vor allem aber das „Zentrum für Politische Schönheit“ und sein Vertreter Philipp Ruch in einer eher simplen und einfältigen Form vorstellen.

Kunst und Gesellschaft korrespondieren. Auch darin bleibt Adorno aktuell, wenngleich man mit Juliane Rebentisch fragen kann, inwiefern die Adornosche Ästhetik noch Antworten auf das Phänomen der Entgrenzung der Künste bieten kann und wie sich dieser Umstand mit Adornos Begriff vom Fortschritt des ästhetischen Materials und vom Fortschritt der Materialbeherrschung decken läßt.

Im Tagesspiegel vom 08.09.2019 (online Version) erschien ein Artikel über die frappierende Aktualität Adornos, insbesondere im Hinblick auf die beiden oben genannten neu erschienenen Werke und damit also auf die gesellschaftlichen Fragen. Darin heißt es unter anderem:

„Das Gesellschaftliche wird für Adorno gerade dort interessant, wo die Ausfallserscheinungen der spätkapitalistischen Ordnung Einblick gewähren in die Maschinerie, die Menschen als gesellschaftskompatibel zurechtstanzt. Gerade die zunehmende Verrohung im Alltag, der Rechtsextremismus und der florierende Verschwörungswahn dieser Tage sind hierbei nicht voneinander unabhängige Phänomene, sondern Objekte einer Alltagsempirie, die Adorno zur Analyse gesellschaftlicher Gegensätze und Brüche empfiehlt. Sie ist heute dringlicher denn je.

Beispielsweise das Lachen sagt für Adorno viel über eine Gesellschaft aus. Das harsche, laute Prusten der Fahrgäste, wenn jemand unbeholfen in der Zugtür stecken bleibt oder das Feixen, wenn psychisch Kranke, heutzutage von Passanten gerne mit dem Handy abgefilmt, auf der Straße randalieren, sind Momente, in denen „individuelle Reaktionsweisen zugleich gesellschaftliche Aggressivität kanalisieren“, die sich an den nächst Schwächeren austobt. „Leicht verbünden die von sozialem Druck Deformierten sich mit der Gewalt, die sie zurichtete“, schreibt Adorno zum kollektiven Lachen. „Sie halten sich schadlos für den gesellschaftlichen Zwang, der ihnen selbst widerfuhr: an denen, die ihn offenbar zur Schau tragen“, notiert Adorno in seinen „Anmerkungen zum sozialen Konflikt heute“.“

Solche Beobachtungen und solche Blicke aufs Detail, auf konkrete Reaktionen, auf unmittelbare und für das normale Auge kaum noch wahrnehmbare gesellschaftliche Deformationen, lieferten wesentlich Adornos „Minima Moralia“. (Wobei eben, dies sei an eine bestimmte Linke der Hermeneutik des Verdachts gesagt, diese Beobachtungen gerade keinen Anlaß zu abtrakten und leeren Bezichtigungen und zu „Rassist!“-Rufen geben, sondern insbesondere die dialektische Differenziertheit erfordern, die es bei Adorno immer gab.) Es sind jene „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“, wie ihr Untertitel heißt. Solche Beobachtungen aus einem Leben, das zwar lebt aber doch irgendwie immer leblos wirkt, bleiben aktuell, auch wenn sich im Strukturwandel der Gesellschaft manches verschoben hat. Ein Fußballspiel kann man in ganz unterschiedlicher Perspektive betrachten, es muß nicht immer der Ausdruck von Nationalismus sein. Die vertrackte gesellschaftliche Dialektik sollte man nicht allzusehr ins Schwarz-weiß-Schema strapazieren und zugleich sollte man die Subversionen, die auch in der sogenannten Normalität oder im Approbierten wie auch im Pop und der Kulturindustrie liegen können, nicht naiv als Ein-und-alles ontologisieren. Warum Gruppen, Gemeinschaften und Gesellschaften jedoch Fremdes und Eigenes scheiden, was bis hin zu den Spielen der Nationalmannschaften reicht, und wie sich solche Differenzierungen von Einschluß und Ausschluß entwickeln, bleibt nicht nur ethnologisch interessant.

Der Blogger und tell-Autor Hartmut Finkeldey schrieb zu diesem Artikel im Tagesspiegel:

„Gutes Gegengift gegen den allzu hurtig erhobenen Vorwurf, bei Adornos Grand Hotel Abgrund handele es sich bloß um folgenloses dialektisches Gelaber, das sich im Rechthaben gefalle.“

Diese Beobachtung sieht der Hausherr im Granhotel Abgrund ganz ähnlich, man kann es nicht oft genug wiederholen, und er nennt und schreibt über diese nach wie vor anhaltende Aktualität Adornos, die anscheinend gegenwärtig gerade wiederentdeckt wird, eigentlich seit Bestehen dieses Blog immer einmal wieder und er sah diese Aktualität bereits in den 1980er Jahren, als der Bewohner des Grandhotel Abgrund mit der Philosophie begann. Gesellschaftlich wie auch von der Philosophie her konnte dies, konnte man die Aktualität Adornos schon lange wissen und oder wenn nicht dies dann doch ahnen. Wer Adorno intensiv liest und studiert – aber eigentlich reicht für diese Einsicht bereits ein einfaches Lesen –, kommt nach der Lektüre der „Dialektik der Aufklärung“, den „Minima Moralia“, der „Negativen Dialektik“ wie auch der zahlreicher Aufsätze sei es zur Kunst oder zur Gesellschaft, wie sie in den Bänden „Prismen“, „Noten zur Literatur“, „Stichworte“, „Eingriffe“, „Ohne Leitbild“ (vom Titel her, besonders auch für eine bestimmte Linke heute aktueller denn je) schnell zu der Einsicht, daß es in Adornos Philosophie um eminent praktische Dinge geht, daß seine Philosophie eine materialistische ist – selbst in Fragen der Kunst am Ende.

„Das Negierte ist negativ, bis es verging. Das trennt entscheidend von Hegel. Den dialektischen Widerspruch, Ausdruck des unauflöslich Nichtidentischen, wiederum durch Identität glätten heißt soviel wie ignorieren, was er besagt, in reines Konsequenzdenken sich zurückbegeben. Daß die Negation der Negation die Positivität sei, kann nur verfechten, wer Positivität, als Allbegrifflichkeit, schon im Ausgang präsupponiert.“ (Adorno, Negative Dialektik, S. 162)

Das mag methodisch problematisch sein – denn wer bestimmt und sagt, was negativ sei? Und auch die Sicht auf Hegel scheint mir verkürzt oder aber wegen der Sache eher elliptisch dargestellt. Philosophen sind nicht immer die besten Ausleger anderer Philosophen. Nimmt man den Wirklichkeitsbegriff Hegels, insbesondere von der „Wissenschaft der Logik“ her, dann ist die Wirklichkeit gerade nicht das, was unmittelbar empirisch so da ist, wie es ist, und was dann deshalb auch vernünftig ist, wie eine Lesart zum reduzierten Nennwert es in bezug auf jene bekannte Stelle aus der Rechtsphilosophie unternimmt. Richtig ist aber die Einsicht Adornos, daß jene Positivität eben nicht einfach antizipiert werden kann. In diesem Sinne betont Adorno vor allem das Prozeßhafte solcher gesellschaftlich-materialen Dialektik. Und es ließe sich an solchen Stellen bei Adorno zugleich von einer Art moralischer Empfänglichkeit, von einem ästhetisch-moralischen Sensorium sprechen, wie wir sie auch über Schopenhauers Mitleidsethik finden, und in diesem Sinne scheinen mir gerade in bezug auf Adorno und die „Probleme der Moralphilosophie“ auch Ernst Tugendhats „Vorlesungen über Ethik“ interessant und für diese Fragen wesentlich. Solches ästhetisch-moralische Sensorium kann man immer wieder aufs neue und welthaltig ansetzen, die „Minima Moralia“ machen es vor: Wo auf der Welt noch Menschen verhungern oder in großer Zahl bettelt oder wo sie aus ihrer Heimat fliehen müssen wegen Krieg und Hunger, da stimmt etwas nicht und diese Welt ist nicht in Ordnung. Oder wie Walter Benjamin es einmal im „Passagenwerk“ schrieb:

„Solange es noch einen Bettler gibt, solange gibt es noch Mythos.“

Eine weitere Ähnlichkeit zwischen den Beobachtungen Adornos und dem Blick von uns Zeitgenossen scheint mir, bei allen Unterschieden im Lebensstandard, dort gegeben zu sein, wo Adorno mit seinem mikrologischen Blick in den „Minima Moralia“ solche Details wie einen Türknauf oder das alltägliche Geduze in den Blick nimmt. Man sollte solche Dinge nicht eins-zu-eins analogisieren, aber methodisch kann man es übertragen und auch für heute eine solche Mikrologie entwickeln und gleichsam mit Benjamin ebenfalls eine Art von Passagenwerk schreiben, wenn man durch unsere Konsum- und Einkaufszonen schlendert.

„Das Interieur ist nicht nur das Universum sondern auch das Etui des Privatmanns. Wohnen heißt Spuren hinterlassen. Im Interieur werden sie betont. Man ersinnt Überzüge und Schoner, Futterals und Etuis in Fülle, in denen die Spuren der alltäglichsten Gebrauchsgegenstände sich abdrücken. Auch die Spuren des Wohnenden drücken sich im Interieur ab. Es entsteht die Detektivgeschichte, die diesen Spuren nachgeht.“
(Walter Benjamin, Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts, in: Passagen-Werk, Erster Band)
Diese Beobachtung Benjamins gilt bis heute, Adorno potenzierte sie und machte sie zu einem der Momente seiner Philosophie.
Die Aktualität Adornos übrigens in gesellschaftskritischer Hinsicht bedeutet nicht, alles eins-zu-eins von Adorno zu übernehmen und schon gar nicht, einen Autor einfach nur nachzubeten und zu denken, daß es damit dann irgendwie getan sei. Vorbilder im Denken und Schauen geben Anlaß zu weiterer Reflexion und auch um neue Weisen und neue Formen der Kritik zu entwickeln. Dem Wirklichkeitssinn Kritischer Theorie korrespondiert der Möglichkeitssinn von Dialektik.

 

 

Gender Trouble für die Theaterbubble – Katie Mitchells „Orlando“

Eine Bühne, die wie ein Requisitenlager oder ein Filmset ausschaut. Der Raum verbirgt nicht, daß zum Theater Schminke, Kleider und Perücken gehören. Links am Rand ist im Dunkeln der Tisch für all diese Dinge zu sehen, es werkelt und packelt und wuselt da das Bühnenpersonal. Mikrophon-Träger und Filmleute huschen über die Bühne, fahren auf Schienen Kameras, laufen mit Handkameras umher, von Szene zu Szene, die Schauspieler abfilmend, so daß oberhalb des Live-Geschehens auf einer Leinwand die Spiel-Szenen von der Bühne dupliziert und per Video eingespielt werden. Es zeigt sich gleichsam eine fünfte Wand: die zur Inszenierung nämlich: daß Theater zugleich eine Illusion ist, und will ein Regisseur diese Illusion erzeugen, so sind dazu zahlreiche Gegenstände und Helfer nötig: eben auch jene Requisiten, Maskenbildner, Bühnenarbeiter. Katie Mitchells Aufführung verbirgt diese Dingen nicht. Vom Bühnenbau bis zum Umkleiden. Auch die Techniker und die Gewerke sind Teil der Aufführung, schwarz gewandet, mit dem Hintergrund verschmelzend und doch unabdingbares Personal. Hier ganz sichtbar.

Für das Spiel mit den Geschlechterrollen, wie es Virgina Woolf in ihrem 1928 als Biographie tituliertem Roman „Orlando“ konzipiert, ist es keine schlechte Idee, den inszenatorischen Charakter solcher Theater-Szenen hervorzuheben. Wenn schon Geschlecht auch auf Konventionen und nicht nur auf der Biologie beruht, so auch unsere Gesellschaftsinszenierungen, wozu eben genauso das Medium Theater gehört – kleiner ironischer Seitenhieb. Der Text wird aus dem Off von einer Sprecherin (Cathlen Gawlich) gelesen, die neben der Leinwand in einer Art Studiokasten hinter einer Scheibe sitzt und ins Mikrophon spricht. Gawlich liest ihn in hohem Tempo, so daß der Gang durch die Jahrhunderte wie auf Schnelldurchlauf gesprochen oder im Zeitraffer wirkt. Die Prosa kommentiert die Bilder und Szenen, gelegentliches Beiseitesprechen schafft eine Komplizenschaft mit den Zuschauern. Das erzeugt im Publikum manchmal eine gewisse und auch beabsichtigte Komik.

Teils kostümprächtig sehen wir auf der Bühne eine Zeitreise vom elisabethanischen Zeitalter des 16. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert. Die Zeit vergeht im Fluge. Brüste der Königin Elisabeth, Männer, die Frauen sind, oder auch Männer, die Männer sind, umwerben Damen. Und Damen, die Männer oder auch Frauen sind, umwerben Männer, die Damen sind. Ein weiter Reifrock, der in seiner Breite nicht durch die Tür paßt, viel des Sinnlichen ist, Erotik, Dichtung und die Frage nach dem, was Mann und was Frau ist und ausmacht. Wandel der Konventionen und sogar das Klima wandelt sich, von der Kältezeit im Elisabethanischen Zeitalter hin zum Warmen. Auf dieser Reise begleiten wir den jungen Adligen Orlando (Jenny König), der all das erlebt. Ein Dichter, ein Sensibler, der seine Empfindungen und seine Sexualität auslebt, erst Mann, dann Frau. Klassenmäßig kann er sie es sich leisten. Erlaubt ist, was gefällt. Er verfällt einer russischen Fürstin, die ihn bezirzt. Sie versetzt aber Orlando, dieser versinkt in Schwermut. Vorabgefilmte Szenen dienen auf der Leinwand als Einspieler, ein Ritt auf dem Pferd, Schneelandschaft und ein Mohnfeld auf der Leinwand wechseln mit Bühnenszenen. Manchmal ist es witzig zu sehen, wie von der Technik her die Anschlüsse von der Out-Door-Realität zur In-Door-Szenerie des Theaters gut gelingen.

Orlando betäubt sich in Dichtung, in süßlicher Symbolik, Woolf-Text wie Gustave Moreau-Gemälde. Die Theaterbilder versuchen durch Überdramatisierung und Schnelligkeit immer einmal wieder den Woolf-Text ironisch zu brechen. Am türkischen Hof, wohin sich Orlando als Gesandter flüchtet, um sich schließlich einer aufdringlichen Verehrerin zu entziehen, gerät er in eine Revolution. Er fällt in eine Ohnmacht, wacht als Frau auf und muß als Frau fortan leben: in Frauenkleidern und mit den Zwängen von Frausein. „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es.“ Dieser emblematischen Satz aus Simon de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ ist sicherlich Folie auch für diese Inszenierung.

Das alles, das Spiel mit Geschlechterrollen wie auch mit der Theaterpraxis, den Bühnenraum als Bühnenraum sichtbar zu machen, wären eine interessante Idee gewesen, leider wurde der gute Ansatz zugunsten einer Aufführung mit vielen Klischees preisgegeben. Das Thema „Geschlecht“ zerspielt diese Inszenierung im Banal-Humor und die mal ironische, mal witzig-derbe Gender-fluidity wirkte oft nicht lustig und spielerisch, sondern oberlehrerhaft und bemüht. Flaue Witzchen, Männer, die als Tunten oder Frauen über die Bühne stöckeln, hach und huch kreischt die Lady Harriet (Konrad Singer), wild werden Partys gegeben, Adelstanz zu Technostampf. Da zuckt die Adelsmeute zu wilden Rhythmen.

Die Rückfahrt vom Osmanischen Reich nach Merry Old England geschieht nicht per Schiff, sondern im engen Flieger in der Touristenklasse. Irgendein männlicher Fluggast neben Orlando schwafelt wie Männer schwafeln und kreischt in Perücke. Ein Orlando immerhin, der gekonnt die Geschlechtsidentität wechselt, wenngleich mich die Spielkunst von Jenny König nicht recht überzeugte, zu outriert, zu gestelzt, zu gestanzt das Sprechen, zu oft reißt sie erstaunt über das alles, was ihr da widerfährt, die Augen auf. Es wirkt stellenweise laienhaft, als spielte eine Jugendliche Theater. Ob das Absicht ist, weiß ich nicht, aber mir scheint dieser Ton samt Mimik nicht geglückt und auch nicht amüsant und auch mit der leicht ironischen Tonlage werde ich nicht warm. Der Sprechtext der Figur findet gegenüber dem sprachlichen Original des Woolf-Textes nicht die nötige Souveränität. Mir gefiel’s nicht, wie König diese Rolle verkörperte. Ebensowenig der Humor dieses Stückes, er hatte etwas Verdruckstes. Bemüht, bestellt, nicht abgeholt. Wir sind so frei, hahaha. Witze an Klischees werden irgendwann selber zu Klischees. Irgendwie, so dachte ich mir, paßte dazu auch Carolin Emcke im Premierenpublikum und mein Grollen verstärkte sich.

Die in sich manchmal durchaus sinnigen, sinnlichen und zuweilen auch gelungenen einzelnen Szenen und Bild-Sentenzen wirken durch den Schnelldurchlauf in ihrem Zusammenhang jedoch inkonsistent. Es könnte alles genausogut auch anders sein, die Bilder in ihrer Abfolge sind beliebig, ästhetische Stimmigkeit geht anders. Mich überzeugt diese Anordnung von Bildern nicht. Selbst der Brexit darf im Stück nicht fehlen, als Filmeinspielsel eingeblendet auf die schöne Leinwand sehen wir Pro-Europa-Demonstranten, und in einer anderen Szene dann Eisberge, die im Meer treiben. Sie werden wohl bald schmelzen. Ob traurige Eisbären durchs Bild trotten, ob gleich Greta Thunberg auftaucht oder Orlando ein Schild ins Publikum hält: „Skolstrejk för klimatet“?

Vielleicht ist dies ein generelles Problem bei der Inszenierung von Romanen auf Theaterbühnen, so wie das in den letzten Jahren zur Mode wurde, von Melle über Zeh bis Strunk: eine narrative Erzählordnung in eine bildliche Narration samt Dialogen überführen zu müssen. Erzählerstimmen aus dem Off, die den Originaltext nachsprechen, sind da nur ein Notbehelf. Konsequent immerhin von Mitchell durchgehalten und damit eines der konsistenten Theatermittel ist die Idee, den Romantext (in Übersetzung von Alice Birch) über die knapp zwei Stunden mit den Theaterbildern zu konfrontieren. Wobei mir an einigen Stellen die Übersetzung problematisch schien. Auch da müßte man mit dem Original gegenlesen, ob mancher Over-Schwulst so da steht.

Da auf der Bühne die Spiel-Szenen oft schwierig zu erkennen sind, schaut der Theaterbesucher meist auf die Leinwand. Grob gesagt: Man hätte diese Sache ebensogut verfilmen können. Dabei verloren gegangen wäre allenfalls das Spiel zwischen Theater-Illusion und der Entlarvung der Illusion als Illusion. Nichts Festes ist. Aber vielleicht hätte es für diesen Trick dann beim Film gereicht, ein Mikro oder einen Kameraständer ins Filmbild ragen zu lassen, wie das schon John Waters in „Hairspray“ tat. Auf der Bühne zumindest entfalten die Szenenbilder nicht ihre Kraft, und die Filmeinspieler retten nicht die Theaterszenen.

Die Figur des Kritikers Nicholas Greene wurde freilich gut und auch inspirierend gespielt von Carolin Haupt – eine der wenigen tatsächlich lustigen Szenen, weil sich die Inszenierung an dieser Stelle der Spielfreunde und dem Witz von Texten überließ und das Lehrhafte in jenem Spiel unterging. Wenn dann in der Inszenierung dieser Greene den Orlando um seinen Erfolg als Dichter betrügt, indem er die Poesie als eigene ausgibt – anders als im Roman, dort sorgt er für jenen Erfolg – so mag das als Regieeinfall ein Seitenhieb auf die Kritikerkaste und die der Literaten sein, zeigt aber zugleich ein Problem: Die Inszenierung trägt zu dick auf, sie wedelt mit dem Zeigefinger. Männer, die tumb und trottelig wirken. Komödien sind eben doch schwieriger zu gestalten als Tragödien. Gerade beim Witz muß das Timing stimmen. In Mitchells „Orlando“ funktionierte er nicht. Berechenbarer Humor. Daß auch Derbes subtil sein und somit ein Spiel zwischen verschiedenen Polen entfalten kann, kommt der Inszenierung nicht in den Sinn.

Immerhin gibt es einen guten Aspekt an dieser Aufführung zu nennen: Sie dauert gerade mal 1 ¾ Stunden. Spielfilmlänge. Dann ist es vorüber und ausgestanden.

Es war erwartbar, erwartbares Theater war es. Wenn ich Lustiges oder Tiefsinniges zu den Geschlechterrollen sehen will, schaue ich mir am liebsten immer noch Édouard Molinaros herrlichen Film „La cage aux folles“ oder Wilders „Some Like it Hot“ an. Den Gang in die Schaubühne kann man auch lassen.

Weißensee (Ost-Orte) – sowie die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg

Ost-Orte, so denke ich mir, nenne ich diese Serie von Photographien – vielleicht auch, um verstärkt solche Regionen in Ostdeutschland einmal wieder zu bereisen und zu photographieren. Hier also der  Bezirk Weißensee, Berlin Nord Nord Ost. Kurz hinter der Kunsthochschule Weißensee liegen die Kleingartenanlagen, man biegt in die Straße „Am Steinberg“ und kommt, wenn man die Hochschule verläßt, in eine andere Welt, und da ist man dann in einer Mischung aus Wohngebiet mit 20er-Jahre-Häusern, parkenden LKWs, Strommasten, Kleingartengrün. Seltsamer und interessanter Ort für die Kunst – ob diese seltsame Verbindung von Wohnen, Gärtnern und Kunst wohl auch in die Kunstproduktion der jungen Menschen eingeht und darauf reflektiert wird? Was sich heute in Kreuzberg oder auf dem Tempelhofer Feld so modisch Urban Gardening nennt, ist uralt. Es heißt Schrebergarten. Diese Kombination aus Kunst und Schrebergarten, aus Exzeptionellem und Gewöhnlichem, aus Alltag und Ausbruch finde ich spannend. Beides, Kleingärtnern und Kunst, machen etwas, das abseits der gesellschaftlichen Arbeitsrationalität liegt – zumindest sofern sie es mit Emphase tun. Es sind Formen der Ausflucht, manchmal auch Eskapismus, und eine Suche nach anderem. Wir stehen in solchem Tun aus der gewöhnlichen Zeit heraus, wir erfahren  eine andere Form der Arbeit, des Tuns. Vita activa als vita contemplativa. Davon also zeugen auch diese unten gezeigten Photographien. Selbst das Photographieren und das Suchen nach Motiven in Kleingartenanlagen ist in gewissem Sinne wie Gärtnern.

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Gestern die Wahlen in Sachsen und Brandenburg. Interessant, daß all das sogenannte „Engagement“, indem man pauschal Wähler als Nazis, Nazi-Versteher oder als Rassisten bezeichnet hat (wie das leider vielerorts in Debatten getan wurde), und ebenso die unteilbar-Demos und Rock-gegen-Rechts-Konzerte, zu nichts, zu rein gar nichts geführt haben. Im Gegenteil. Mit böser Zunge könnte man sagen, es dient das als eine Selbstvergewisserung der eigenen Haltung. Ist auch wichtig, reicht aber nicht aus. Allenfalls kann man sich noch freuen, daß die AfD nicht die stärkste Kraft wurde.

Und dazu gesellen sich Berufstwitterer, die ihre gute Gesinnung bzw. ihre eigene Gefühligkeit und damit ihre abstrakte Subjektivität samt dem vorgeblichen Antifaschismus als Mantra und als Selbstvergewisserung des politisch (vermeintlich) richtigen Denkens vor sich hin und vor anderen her twittern, doch scheinen sie wohl ebenso wenig etwas bewirkt zu haben. Haltung mag wichtig sein, Engagement ebenso. Dort aber, wo es zur Selbstgefälligkeit gerinnt, versagt auch das und bleibt im wohlgefälligen Selbstbezug kleben. Die Waffe der Kritik ersetzt eben nicht die Kritik der Waffen. Wer das Wahlverhalten ändern will, muß die Leute erreichen und überzeugen – die bisherigen Methoden dieses Antifa-Sprechs bestimmter Leute – häufig leider im journalistischen Milieu anzutreffen – schienen nicht besonders zielführend. Wir leben in Blöcken und Blasen. Vielleicht sollten die politischen Akteure sich also besser andere Wege überlegen. Und nein: es sind nicht alle Leute Nazis, die gegen die Migrationspolitik von 2015 sind. Der Twitterer Dr Atomreisfleisch schrieb:

„Die #AfD konnte deshalb groß werden, weil es in der Flüchtlingsfrage eine Repräsentationslücke gab. Jetzt ist sie da. Und sie wird bleiben. Weil solche Parteien ein europäisches Phänomen sind.“

Wenn für einen Mann wie Hans-Georg Maaßen in der CDU kaum noch Platz ist, bekommt das politische Spektrum innerhalb einer Volkspartei ein Problem. Daß gute Leute wie Heinz Buschkowsky (ehemals SPD-Bezirksbürgermeister von Neukölln) nicht mehr tätig sind, ist ebenfalls ein Problem. Wenn eine Volkspartei wie die CDU und ehemals die SPD nicht mehr die konservativen oder auch rechten Wähler oder solche, die der gegenwärtigen Migrationspolitik skeptisch gegenüberstehen, über längere Zeit binden können, dann ist eine Partei wie die AfD die Folge. Damit muß man leben, damit muß der politische Diskurs umgehen, sofern andere und etablierte Parteien nicht die Kohäsionskräfte entwickeln, und wenn eine Partei wie Die Linke sich „No-border-no-nation“-Parolen auf die Fahnen schreibt, so kann sie das machen. Sie muß dann in Brandenburg und Sachsen nur mit den Konsequenzen leben. Und so zeigt sich auch hier im nachhinein, wie sehr Sahra Wagenknechts Weg der sinnvollere gewesen wäre: eine linke und soziale Politik zu gestalten, ohne migrationsfeindliche Parolen zu fahren, wie die AfD. Man wollte Wagenknecht bei der Linken nicht mehr, stattdessen ein Kipping-Kurs, und da kippte das dann beim Wahlergebnis der Linken im Osten eben.

Die AfD ist da, in allen Landesparlamenten, im Deutschen Bundestag. Dieser Erkenntnis muß man sich stellen und das eben heißt, daß wir politisch und in den Parlamenten in Zukunft deutlich kontroversere Debatten führen werden. Vielleicht, wie es früher einmal war, ich erinnere mich noch an die Zeiten in der alten BRD in den 1980er Jahren, als es eine Dregger-CDU gab und den rechten „Bayernkurier“, eine schwer konservative „Welt“ und als der Bayerische Rundfunk ein hochkonservativer Sender war und in Bayern Strauß Ministerpräsident. Wir müssen lernen, eine neue Streitkultur zu etablieren, und die funktioniert nicht über Parolenproduktion und Antifa-Bekenntnisse wie seinerzeit von Margarete Stokowski bei SpOn, wenn in einem Artikel implizit zu politischer Gewalt aufgerufen wird, indem man genehmigte Demonstrationen blockiert und auf diese Weise zu verhindern versucht. Man sollte sich, vor allem im Sinne der politischen Rationalität und auch im Sinne eines nicht bloß taktischen Agierens, sondern strategisch auf lange Sicht der Erkenntnis stellen, daß die AfD Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland sein wird und bereits ist. „Nazi, Nazi!“-Rufe sind da nur der Ausdruck hilfloser Empörung. All das Klagen darüber und das Schimpfen auf diese Wähler hat die AfD nicht schwächer gemacht – ganz im Gegenteil. Es verstärkte die Lagerbildung. Das Aubrechen solcher Mentalitäten des politischen Lagers – auf beiden Seiten übrigens – und damit die Erweiterung des politischen Diskurses als Debatte ist wohl eine der schwierigsten Aufgaben für die Gegenwart. Strukturwandel der Öffentlichkeit. (Ich werde demnächst mehr Hannah Arendt lesen.  Ergänzt um Adorno kann das ein spannendes Denken ums Politische ergeben – auch wenn sich beide politisch wie philosophisch nicht besonders gut gesonnen waren. Aber solche Konflikte, eben gegen das Lagerdenken – sollten einen nicht abhalten, bestimmte Ideen und Theorien miteinander in Bezug zu setzen.)

Ein anderes Gedankenspiel von mir geht so, und doch bin ich damit nicht ganz glücklich, weil am Ende niemand die Folgen absehen kann. Aber: Vielleicht wäre in diesem Sinne, als Herausforderung, in Sachsen sogar eine bürgerlich-rechte Koalition aus CDU und AfD nicht schlecht. Dann nämlich müßte die AfD in die politische Arbeit und damit in Leistung treten und der Wähler sieht, was ihm da beschert wird. Bei der nächsten Wahl kann er dann entscheiden, ob er diese Ergebnisse so will oder nicht. Auch für die SPD und den hochgeschätzten Martin Dullig wäre das womöglich auf lange Sicht eine Chance. Daß die SPD zeigt, daß sie mehr kann als nur Opposition oder Kleinwinzig-Partner in einer Koalition. Freilich kann das auch ein Spiel mit dem Feuer sein. Andererseits sind auch der AfD aufgrund von Gewaltenteilung und einer starken kritischen Öffentlichkeit gewisse Grenzen gesetzt.

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