Die Tonspur zum Sonntag

Meine Wahl für Sachsen, am 1.9.2019, wenn ich dort wählen dürfte: AISTHESIS positioniert sich selten, aber: Geht wählen, geht SPD wählen, wählt Martin Dulig! Eine große Koalition ist nie bis selten dolle. Hier aber ist sie wichtig, nötig, dringlich.

Der unauslöschliche Eindruck eines Bildes – dem Herrn Geheimrat Goethe zum 270. Geburtstag

Ach ja, die Geburtstage – die runden, die eckigen, die verwunschenen, die heiteren, die traurigen, die trüben. Und die eines Genius. Goethe darf man nicht übergehen. Keinesfalls. Wer etwas lesen möchte zum kruden Faktum Geburt, hinter das keiner, der je einmal geboren wurde, wieder zurück kann – wir müssen die Erde umrunden und eine Reise um die Welt tun, denn das Paradies ist verriegelt und so müssen wir reisend und lebend irgendwie sehen, „ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist“ – samt einer damit verbundenen mehr oder weniger glücklichen Fügung der Stunde, also einer Art literarischem Kairos, wer dazu also lesen mag, der beginne mit „Dichtung und Wahrheit“:

„Am 28sten August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig, Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.

Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wußten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein: denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte. Dieser Umstand, welcher die Meinigen in große Not versetzt hatte, gereichte jedoch meinen Mitbürgern zum Vorteil, indem mein Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor, daher Anlaß nahm, daß ein Geburtshelfer angestellt und der Hebammen-Unterricht eingeführt oder erneuert wurde; welches denn manchem der Nachgebornen mag zu gute gekommen sein.“ (Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit)

Nicht nur jene Spiel von Sternen als geglückte Konstellation der Himmelskörper – oder eben eine Großwetterlage im Jahre 1913, wie Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ auftaktete, worin ein Vorausblick auf ein krachendes, in sich zusammenfallendes Jahrhundert getan wird –, sondern zugleich eine Biographie-Prosa, die flott erzählt und voranschreitet: allein der Titel dieses Buches bleibt nach wie vor unabgegolten: denn so geht es fast jedem Dichterleben – ob Jörg Fauser oder Christa Wolf, ob Max Frisch oder Maxim Biller. Wie da bei Goethe ein Künstler-Individuum und zugleich ein Bürger mit dem großen Ganzen in einem Einklang schwingt, einerseits, und sich zugleich doch ein Moment des Brüchigen und Fragilen einschleicht, zeigt bereits dieser Anfang.

Daß für Goethe das Maß und nicht die euphorische Verausgabung eines Dionysos wesentlich schien, mag man bereits aus solchen Zeilen herauslesen. In dieser Autobiographie thematisiert Goethe ebenfalls jenes Puppentheater, das er zum Geschenk bekam und Thomas Mann war rund 130 Jahre später hochbeglückt über diese Analogie: die Nähe zum großen Meister: daß auch er ein solches Puppenspiel zum Geschenk erhielt. Die Geburt des Autors aus dem Geist des Handpuppenspiels. Solches Spielen setzt Phantasie voraus. Der künftige, noch kindliche Autor fabuliert vor seinem kleinen Familienpublikum, denkt sich kleine Geschichten aus, die er den anderen vorspielt.

Was nun die Frage nach dem heutigen Nutzen von Autoren wie Goethe anbelangt, das ewige Für und Wider des gravitätischen Klassikers – aber was interessiert es die Eiche, wenn sich deutsche Terrier daran wetzen? – und ob solchen Klassikern nicht etwas gar Altbackenes anhaftet, so sei daran erinnert, daß Literatur keine Autoritätssimulation ist und auch keine Caféteria, wo man sich das herauspickt, was einem gerade intuitiv gefällt, und daß Vergangenes niemals vergangen ist – schon gar nicht im Feld der Kunst. Und es sei daran erinnert, daß das Gravitätische eben auch dadurch entsteht, weil wir einen Autor als unhintergehbare Autorität betrachten, anstatt ihn als Anregung zu begreifen, als Anlaß für eigene Phantasien wie auch als Anlaß für Analyse von Gegenwart. Im Faust II ist Goethe gegenwärtiger als manchem lieb sein mag, in seiner „Dialektik der Aufklärung“ zeitgemäßer als mancher gegenwärtige Berlin-Autor, der das immergleiche Klischee doch nur beliebig in der Reproduktionsschleife hält. Man betrachte sich, was die Möglichkeiten, „Klassiker“ zu aktualisieren betrifft, nur die geniale Faust-Interpretation von Frank Castorf, (Kritik dazu siehe Link), 2017 an der Volksbühne.  Es liegt also viel an uns und es ist all dies nicht die „Schuld“ eines Goethe oder Schiller, wenn es altbacken und vergangen klingt. Buc, Kopf, Leser. Auch über Migration und Revolution weiß Goethe zu berichten. Man lese die „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“.

Wer etwas über die Bildung des Individuums und über die Tücken solcher Bildung wissen will, der kommt um den Wilhelm Meister nicht herum – nicht bloß als zentrale Referenz, um andere Bildungsromane wie Flauberts sarkastisch-böse „L’Éducation sentimentale“, Stifters „Nachsommer“, Kellers „Grüner Heinrich“ oder Thomas Manns „Zauberberg“ angemessen zu lesen. Den Frühromantiker Friedrich Schlegel faßte es in Athenäum-Fragment Nummer 216 derart zusammen:

„Die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre, und Goethes Meister sind die größten Tendenzen des Zeitalters. Wer an dieser Zusammenstellung Anstoß nimmt, wem keine Revolution wichtig scheinen kann, die nicht laut und materiell ist, der hat sich noch nicht auf den hohen weiten Standpunkt der Geschichte der Menschheit erhoben. Selbst in unsern dürftigen Kulturgeschichten, die meistens einer mit fortlaufendem Kommentar begleiteten Variantensammlung, wozu der klassische Text verloren ging, gleichen, spielt manches kleine Buch, von dem die lärmende Menge zu seiner Zeit nicht viel Notiz nahm, eine größere Rolle, als alles, was diese trieb.“

Goethes „Wilhelm Meister“ wurde für die Jenaer Frühromantiker zum Fixpunkt. An ihm entzündete sich die Frage nach einer neuen Form von Literaturkritik. Ernst Behler beschreibt das in seinem Buch über die Frühromantik wie folgt:

„Dabei bezogen sich die Frühromantiker in erster Hinsicht auf Goethes Romankunst, vor allem auf seinen Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre. Der Grund für die hohe Anerkennung der poetischen Qualität des Wilhelm Meister lag in Goethes ausgebildeter Erzähltechnik, mit der er durch Spiegelungen, Korrespondenzen, Kontrastierungen, Antizipationen, Symbolisierungen, Steigerungen, Retardationen und Ironie dem Werk eine poetische Einheit verlieh, die von der prosaischen Erzählweise der Romane aus dem achtzehnten Jahrhundert wie durch eine Kluft getrennt war.“ (Behler, Frühromantik)

Und nicht nur das. Mit dem Mitteln der Literatur selbst, also als Kunst, sollte es eine neue Form von Literaturkritik geben, gleichsam als Autoreflexivität. Durchs Erzählen selbst wurde in einer potenzierten Weise ein anderes Werk in die literarische Kritik genommen. In zahlreichen Notizen und Fragmenten arbeitete sich etwa der frühromantische Dichter Novalis an jenem Wilhelm Meister ab, reflektierte auf eine andere Form von Literatur, war von Goethe inspiriert und zugleich schreckte ihn etwas an dieser Prosa. Die anfängliche Faszination kippte:

„Wilhelm Meisters Lehrjahre sind gewissermaaßen durchaus prosaïsch – und modern. Das Romantische geht darin zugrunde – auch die Naturpoësie, das Wunderbare. – Er handelt blos von gewöhnlichen menschlichen Dingen – die Natur und der Mystizism sind ganz vergessen. Es ist eine poëtisierte bürgerliche und häusliche Geschichte. Das Wunderbare darinn wird ausdrücklich als Poesie und Schwärmerey behandelt. Künstlerischer Atheismus ist der Geist des Buchs.

Sehr viel Ökonomie; mit prosaischem, wohlfeilem Stoff ein poetischer Effekt erreicht.
Meistern geht es wie den Goldmachern – Sie suchen viel und finden zufällig indirekt mehr.“ (Novalis, Fragmente und Studien)

„Gegen Wilhelm Meisters Lehrjahre. Es ist im Grunde ein fatales und albernes Buch – so pretentiös und pretiös – undichterisch im höchsten Grade, was den Geist betrifft – so poëtisch auch die Darstellung ist. Es ist eine Satyre auf die Poësie, Religion usw. Aus Stroh und Hobelspänen ein wolschmeckendes Gericht, ein Götterbild zusammengesezt. Hinten wird alles Farçe. Die Oeconomische Natur ist die Wahre – Übrig bleibende.

Göthe hat auf alle Fälle einen widerstrebenden Stoff behandelt. Poëtische Maschinerie.“ (Novalis, Fragmente und Studien)

Das Moderne und zugleich der kalte Klang der Ratio. Goethes Gegenwart. Sie hält an. Und Goethes Prosa wie auch seine Lyrik gehören auf alle Fälle mit zu dieser Moderne. Solche Gegenwärtigkeit als Zeitgenossenschaft betrifft „Dichtung und Wahrheit“ ebenso wie die Sesenheimer Lieder, 1770/71 in Straßburg und in Sessenheim im Elsaß entstanden, darin stürmerisch-drängerisch die Jugend auf eine Weise gestaltet wurde, wie es der höfisch-galanten Rokoko-Dichtung der Zeit niemals möglich gewesen ist. Es gab für dieses Phänomen der Jugend keine literarische Ausdrucksform, zumindest nicht im Rokoko. Zentral zeigen solche Werke den Wandel an. Deshalb auch die Notwendigkeit eines Kanons, um solche Übergänge zu verstehen – ohne diesen Begriff des Kanons starr und statisch zu halten, ein Kanon ist ein fluider Organismus. Und ebenso gehört die lange Zeit von der Forschung als Nebenwerk gehandelte Novelle „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“, darin auch das Märchen enthalten ist, in diesen Kanon. Gerade im Märchen findet sich jenes Spiel: Bilder bilden sich heraus, sie fixieren sich und lösen sich zugleich wieder auf – ein Reigen. Das also, was Literatur im Spiel der Phantasie leistet und was dann insbesondere bei den Frühromantiker zum Thema wird, nämlich die Fixierungen wieder aufzubrechen, wird in dieser Geschichte selbstreferentiell, und das heißt also in Literatur vorgeführt.

Und dazu lese man gleichsam als Gegenlektüre dann Novalis‘ romantischen Bildungsroman „Heinrich von Ofterdingen“. Und zuvor den „Wilhelm Meister“. Den „Heinrich von Ofterdingen“ kann man, was das Feld der ästhetischen Kritik betrifft, eben auch als eine Reaktion auf Goethes Meister lesen – so wie es Novalis und eben auch die Gebrüder Schlegel konzipierten. Und zwar als eine Literaturkritik in Form von Literatur und nicht bloß diskursiv. Was für Möglichkeiten von Kritik taten sich hier auf! Ganz nach dem Schlegelschen Programm einer transzendentalen Universalpoesie. Eine derart spannende Zeit, dieses Jahre um 1800 – nicht nur ästhetisch. Und leider vieles davon im Betrieb der feuilletonistischen Literaturkritik verschüttet.

Aber diese Gegenwart. Was tun? Viele schreiben über Karen Köhler oder über irgendwelche Debütromane mit Internet. Heute zu Goethes 270. Geburtstag las ich aufgrund eines Kommentars hier in meinem Blog in Kindlers Literaturlexikon noch einmal den Artikel zu seinen „Wahlverwandtschaften“. Interessant ist der Roman, aufregend geradezu in der Form und der Weise des Erzählens, wenngleich meine Lektüre über 25 Jahre her ist: zum einen von den Gesellschaftsschichten her, ein abgelebter Adel in der Bürgerwelt und doch ist diese Kultivierung von Nutzlosigkeit herrlich, denn frei sind diese Menschen vom Fron der bürgerlichen Arbeit. Zum anderen wird in den „Wahlverwandtschaften“ ein Konzept von (freier) Liebe zum Thema, das für diese Zeit doch ungewöhnlich ist – wobei Goethe eben auch die Aporie solcher Konstellation vorführt: „Warum Liebe weh tut“. Lieben und Entsagen. Freiheit und Notwendigkeit, Natürliches und Kultur. Also im Grunde Themen, die bis in die Gegenwart reichen: Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit,

Sogleich war ich beim Lesen des Lexikontextes wieder angefixt und begeistert von dieser Geschichte, erinnerte mich an die Szenerien, und ich sehe, daß vermeintlich Altes eben nicht alt ist, sondern nach wie vor interessant und ich frage mich, was von der Gegenwartsliteratur in 50 oder in 100 Jahren bleibt. Viel wird es nicht sein, so vermute ich. Man soll zwar nicht das Alte gegen das Neue ausspielen, aber bei vielen Gegenwartsromanen bleibt eben doch ein schaler Nachgeschmack – „Wozu das ganze?“, frage ich mich – oder sie geraten ganz einfach in die Vergessenheit. Auch eine spannende Frage für die Literaturkritik und für den sogenannten Kanon: Was bleibt? Was wird wieder neu entdeckt? Jan Philipp Reemtsma hatte seinerzeit in den 1990er in Hamburg immer wieder auf Wieland aufmerksam gemacht. Und heute würde ich, was den Witz, die Trauer und auch die Reflexivität von Ich und Erzählen betrifft, dringend zu Jean Paul raten und für die Verschränkungen von Freiheit und einer fatalen Notwendigkeit als Zwang im Menschen zu Kleist.

In dem Gespräch zwischen Wilhelm und dem seltsamen Fremden zum Ende des Ersten Buches heißt es in der Rede jenes Fremden:

„Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch ein Gott der Erde genannt zu werden. Wehe dem, der sich von Jugend auf gewöhnt, in dem Notwendigen etwas Willkürliches finden zu wollen, der dem Zufälligen eine Art von Vernunft zuschreiben möchte, welcher zu folgen sogar eine Religion sei. Heißt das etwas weiter, als seinem eignen Verstande entsagen und seinen Neigungen unbedingten Raum geben? Wir bilden uns ein, fromm zu sein, indem wir ohne Überlegung hinschlendern, uns durch angenehme Zufälle determinieren lassen und endlich dem Resultate eines solchen schwankenden Lebens den Namen einer göttlichen Führung geben.“

Gerne legt man die manchmal unbequemen und schwierig auszusprechenden Gedanken einem Fremden in den Mund, man denke nur an Platons „Politikos“.

Goethe war Spinozist. Oder eben Hegelianer.

Weimar, Gartenhaus und Klopapier

Johann Wolfgang von Goethe zu lesen, lohnt sich. Immer wieder – allein aufgrund der Vielfalt seiner Texte. Seien das seine Gedichte, des Wilhelm Meisters Lehrjahre, der West-östliche Divan, das Theater, insbesondere die „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ – eine Parabel auch auf die Tücken und die Schrecken der Revolution, ein Lehrstück über Öffentlichkeit, Kommunikation und Geselligkeit mit schönem, geistreichen Gespräch, wenn man auf der Flucht ist. Für Schüler lohnt es sich sowieso und erst recht für Erwachsene, deren Blick zuweilen verschlossen ist. (Das nicht nur heimliche, sondern geradezu öffentliche und von allen anerkannte Oberhaupt dieser illustren Runde ist übrigens eine Frau, eine Baronesse – für all die der Literatur nur schlecht kundigen Verdachtsschnüffler angemerkt.)

Literatur ist kein Entweder-Oder und auch keine Cafeteria, wo man sich leckere Küchlein wählt oder worin nett harmonisierende Dinge geschrieben stehen – da sollte die vorgeblichen Feministinnen dann doch besser Utta Danella lesen. Daß (sexuelle) Gewalt in manche der Goethe-Texte „eingeschrieben“ sei – ein dummes Wort, dieses „eingeschrieben“, es gehört, seit die kläglichen Adepten des Poststrukturalismus sich allüberall einschrieben, von Diskurs bis Text, in die Verbannung: eingeschrieben ist man allenfalls an der Uni. Daß also in Literatur Gewalt Thema sein kann, bedeutet nicht, daß Prosa oder Lyrik Gewalt affirmieren – man lese Goethe, man lese Curzio Malaparte. Und selbst da, wo es so scheint, daß dies der Fall ist – man lese genügend Kleist, den herrlichen Kleist und so geht mein Rat: immer wieder Kleist lesen -, besitzt der Text unterschiedliche Ebenen. Differenziertes Lesen gelingt nicht jedem und der Unterschied zwischen Realität und Fiktion scheint nicht jedem geläufig. Manche picken nach den Trauben des Zeuxis.

Die Kinder vom Gartenhaus des Goethe in Weimar tun niemandem was. Sie sind lustig. Wir haben damals als Benjamin-Ästhetik-Punks Goethes Provokationen geschätzt – so z.B. im „Faust“, mit Mephisto gegenfeuern:

„Für euch sind zwei Dinge // Von köstlichem Glanz: // Das leuchtende Gold // Und ein glänzender Schwanz. // Drum wißt euch, ihr Weiber, // Am Gold zu ergetzen // Um mehr als das Gold // Noch die Schwänze zu schätzen!“

Teuflisch gut der Goethe, und wer je die Szene mit Philemon und Baucis im „Faust II“  las, wußte als Schüler sofort, daß da die „Dialektik der Aufklärung“ harrt. Einem Teil der heutigen Linken sind nicht einmal mehr die basalen Momente der Bildung vertraut. In restringierter Form fahnden die Hermeneutiker des Verdachts in Gedichten herum, ohne je die subtilen Töne und insbesondere die Kritik Goethes gerade auch an einer solchen menschenvernutzenden Figur wie dem Faust mitzulesen – spät erst schaudert es ihm. Bildung setzt eben Kenntnis und vor allem gründliche Lektüre voraus und nicht das Reiz-Reaktion-Schema.Dieses gilt es nämlich gerade zu überwinden. Vor allem aber bedeutet es, den Sinn für subtile Töne in Literatur zu entwickeln. Und dazu leistet Goethe einen erheblichen Beitrag. Sie aber sehen das, was im eigenen Kopf schwirrt und kommen derart über den eigenen Horizont nicht hinaus.

Die Aktion der leseunlustigen Frankfurter Rotzlöffel hat etwas Gutes: Immerhin kann ich auf diese Weise ein paar Photographien aus dem schönen Weimar zeigen.

Krise der Kritik?– Kritik der Krise. Zu einer Debatte um Karen Köhlers „Miroloi“

Von Zeit zu Zeit flammen in der Literaturkritik Debatten um die Funktion oder um die Maßstäbe der Literaturkritik auf – meist verbleibt das im inneren Resonanzraum des Betriebes, selten nur, wie im Falle Martin Walsers beim „Tod eines Kritikers“ oder Fassbinders „Die Der Müll, die Stadt und der Tod“ dringt es über die literarische Sphäre hinaus. Und von Zeit zu Zeit wird die Frage nach dem, was Literatur leisten kann, anhand eines konkreten Romans zum Thema: Ob das Knausgards autobiographisches Schreiben samt einer hemmungslosen Ich-Suada ist oder 1990 der Disput um Christa Wolfs „Was bleibt“ – der freilich mehr eine politische als eine literaturtheoretische Auseinandersetzung war. Nun brach es über Karen Köhlers neuem Roman „Miroloi“ herein – Verrisse im Deutschlandfunk von Jan Drees, in der taz von Moritz Baßler, in der „Zeit“ dieser Woche von Burkhard Müller. Inzwischen wurde der Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert. Und da stellt sich umso mehr die Frage über die Qualität eines Buches und über die Maßstäbe der Literaturkritik, und es stand da plötzlich auch die Frage im Raum, weshalb ein solches Werk auf der Liste landet. All of old, nothing else ever.

Karen Köhlers Erzählungen „Wir haben Raketen geangelt“ aus dem Jahr 2014 fand ich belanglos bis schlimm: und so beendete ich meine Kritik mit dem Satz: „Wir haben uns durch die Prosa gehangelt.“ Den neuen Roman kenne ich nicht. Es geht mir in meinem Text hier mehr um die Mechanismen einer Literaturkritik, die allzu schnell mit Krisenszenarien bei der Hand ist und Grundsatzfragen aufmacht, die ihren Grund eigentlich gar nicht so sehr im Roman, sondern in völlig anderen Mechanismen haben. Solche Romane wie von Köhler sind da bloß eine Art Katalysator – so schlecht oder so gelungen sie auch sein mögen.

Unter der Überschrift „Neue Maßstäbe der Gegenwartsliteratur. Schönheit, Stil und Geschmack“ schreibt Moritz Baßler in der taz:

„Wenn das aber Literatur ist, und so sieht’s ja wohl aus, dann hat sich der Literaturbegriff in den letzten Jahren radikal gewandelt und wir brauchen neue Maßstäbe der Schönheit, des Stils und des Geschmacks. Sie müssten uns helfen zu klären, womit und in welcher Hinsicht ein Buch wie „Miroloi“ überhaupt zu vergleichen wäre und wie man dann entsprechend werten könnte.

Vielleicht sind diese Maßstäbe auch längst vorhanden oder werden zumindest ausgehandelt, aber eben in den Lese-Communities, in den Netzwerken der Leserinnen selbst und nicht bei den Expertinnen und Experten, die ihre Begriffe akademisch an dem geschult haben, was, wie Robert Musil einmal formulierte, „durch ungefähr hundertfünfzig Jahre als die Dichtung, als die Dichtung der großen und Urmaße gegolten hatte“.

Auf diese Kritik von Baßler reagierte im „Freitag“ Marlen Hobrack mit einem Artikel, der  „Kriterienkrise“ betitelt ist. Jedoch: Das ist alles kein neues Problem, der Befund scheint mir eher trivial. Alle ein, zwei oder drei Jahre schreibt einer eine Krise der Literaturkritik oder der Literatur herbei, die letzte große Debatte zu den Möglichkeiten und Grenzen der Literaturkritik war 2015, nachzulesen im „Perlentaucher“. Handke konstatierte in Princeton bei der Gruppe-47-Tagung 1966 Beschreibungsimpotenz, regelmäßig schimpft Biller über Schlappschwanzliteratur (den Ausdruck fürs weibliche Geschlecht und die Suche danach spare ich hier), auch ist die Causa Tarkis Würger etwa ein halbes Jahr alt, und wenn es keine Krise ist, dann wenigstens ein kleines Grummeln, womöglich ob eines Simon Strauß-Romans im Januar 2018, wo sich ein Taz-Redakteur als Anbräuner betätigte.

Die sogenannten Halbwertzeiten für Literaturkrisen sinken wie die Zinsen für Spareinlagen und scheinen sich auf einen Halbjahresrhythmus herabgebrochen zu haben. Ob ausgerechnet Köhlers Roman zu solchem Befund taugt, bezweifele ich – aber sei’s drum. Baßler hängt die Sache zu hoch. In diesem Aspekt hat Hobrack recht – in ihrer Verteidigung von Köhler weniger. Dem Hanser Verlag aber mag es gefallen, es ist wie bei Kreislers „Musikkritiker“: „Je schlechter, um so mehr freun sich die Leut.“

Ein Problem ist allerdings, wenn Literatur am Reißbrett geschrieben wird. Die Dialektik tagespolitischer Aktualität und des gesellschaftlichen Engagements: Autoren wollen ein aktuelles Thema aufgreifen, zugleich wissen manche, daß bei Verlagen und in Lektoraten gerne auch Bücher verkauft werden, daß es weniger gut gelitten ist, wenn sie als Remittenden zurückkehren und daß mit gefälligen Mitteln mehr Effekt erzielt wird als mit einer experimentellen und artifiziellen Literatur, die noch irgendwie versucht, die avancierten Standards und die Fragen ästhetischer Form mit zum Thema zu machen. Wie man jedoch auf eine Short- oder Longlist gelangt: Das läßt sich dann am Ende so einfach doch wieder nicht planen. Zu den Möglichkeiten solcher Bücher schrieb 2018 Jörg Magenau ein spannendes Sachbuch: „Bestseller. Bücher, die wir liebten – und was sie über uns verraten“.

Ob solches Reißbrettverfahren bei Köhlers Roman der Fall ist, weiß ich nicht und darum soll es hier auch nicht gehen. Sondern vielmehr um die Mechanismen, die hinter solchen Szenen stecken, wenn immer einmal wieder das Krisenszenario ausgerufen wird. Und da hilft es dann auch nicht, wie Hobrack vorschlägt, den Begriff der „Frauenliteratur“ zu „reclaimen“: Mißlungene Prosa bleibt mißlungene Prosa – egal unter welchem Label ich rubriziere und welches Etikett ich aufs Buch klebe. Ob ein Roman aber mißlungen ist, muß sich am Text selbst erweisen und da nützen keine Proklamationen pro oder contra Köhler, sondern man muß zeigen: Show, don’t tell. Der Schreibschulenrat für Autoren gilt ebenso für die Zunft der Kritik.

Wer zudem die Geschichte der Literaturkritik ein wenig kennt – was leider nicht mehr so selbstverständlich ist –, der wird sich noch an Debatten um die Pop-Literatur Ende der 1990er Jahre erinnern oder an Günter Grassens „Weites Feld“. Und vom Hörensagen vielleicht an Martin Walser oder Ingeborg Bachmanns „Malina“ oder an die Dispute um die literarische Qualität von Texten aus dem Resonanzraum der „neuen Subjektivität“ in den 1970ern. Man kann das immer wieder, von Jahr zu Jahr neu durchexerzieren. Der deutsche Kritiker, die deutsche Kritikerin ist soldatisch – sozusagen eine zeitungsmäßige Ein-Mann-oder-Frau-Kaserne.

Das Feld der Literatur ist ein weites und seine Grenzen haben sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts erheblich ausgedehnt. Ein irgendwie nur halbwegs verbindlicher Kanon an ästhetischen Kriterien jedoch existiert schon lange nicht mehr und hat in der Ästhetik für die Moderne eigentlich seit der „Querelle des Anciens et des Moderns“ nicht existiert, sondern vielmehr entzündeten sich an solchen Fragen nach der ästhetischen Norm die heftigsten Dispute, und Ende des 18. Jahrhunderts mündete dies, was die Literatur der Moderne betraf, in Schillers „Über naive und sentimentalische Dichtung“ und zeitgleich 1795 erschien Friedrich Schlegels „Über das Studium der griechischen Poesie“, das sich mit ganz ähnlichen Fragen befaßte: Was ist modern und wie stehen wir zur Tradition? Und jedes Mal meinen Kritiker, den Nordpol neu auszumachen. Dem ist aber nicht so, denn meist stoßen sie bloß auf eine uralte Frage. In der Literaturkritik geraten unterschiedliche Literatur-Konzepte, Stilempfindungen, vielfach auch bloß subjektive Präferenzen aneinander. Begründungen bleiben oft vage und sind ins nebulöse Orakel des Kritikers gehalten. Und leider macht auch Moritz Baßler seine Eindrücke, so gerne ich sie teilen würde, wenn ich an das schreckliche „Wir haben Raketen geangelt“ denke, nicht an Zitaten fest, sondern muß proklamieren: Das ist die eigentliche Schwachstelle seiner Kritik, Marlen Hobrack nennt sie leider nicht.

Freilich ist die Literaturkritik im Alltagsgeschäft der Zeitungen keine ästhetische Theorie, wo es ans Grundsätzliche geht und ästhetische Kategorien und Kriterien abwägend, reflexiv oder analytisch-ordnend geprüft werden. Und wenn der Raum dafür nicht gegeben ist, sollte sie auch nicht so tun, als sei es an ihr, die Grundsatzfragen zu stellen, ohne das im Detail einlösen zu können. In solcher grundsätzlicher Kritik nämlich geht es dann nicht mehr darum, ob Raymond Carvers Kurzsatzstil präzise-treffend, gefällig oder simpel ist oder ob ein aus der Kindersicht geschriebener Roman tatsächlich infantil sein muß. Marcel-Reich Ranicki merkte dazu einmal trefflich an, die hohe Kunst der Literatur bestehe eben darin, aus der Kinderperspektive heraus nicht kindlich zu schreiben. Und wenn die Kinderperspektive dann nur dazu dient, im Stil herabzudimmen, weil der Autor es in Sprache nicht besser kann, dann funktioniert ein Text nicht.

Literaturkritik sichtet, teils tagesaktuell, schaut, ob ein Plot klug erzählt ist, schaut auf Tricks, Ticks und Stil, belegt das Urteil, wenn es gut läuft, in der Rezension mit Zitaten, vergleicht mit anderen Texten. Auf dieser Ebene können Kritiker gar nicht einig sein, sofern sie es nur bei ihren Empfindungen belassen – und sie müssen es auch nicht, denn weshalb sollte Einigkeit per se ein Kriterium sein? In solcher Subjektivierung liegt das Problem, das eine von der Ästhetik her inspirierte Literaturkritik anzugehen und zu lösen versucht, indem sie zumindest die Stilkriterien in einen umfassenden Rahmen ordnet. „Wer, wie, was. Wieso weshalb warum?“ Die alte Sesamstraßenfrage, ästhetisch ins Grundsätzliche gewendet. Kluge Kritiker, wenn man ihnen den Raum an Zeichen gibt, und das geht meist nicht unter 12.000 oder besser noch 18.000 Zeichen, können eine solche Verortung vornehmen, die etwas mehr als nur ein subjektives Geschmacksurteil bedeutet. Dafür ist freilich heute in den Feuilletons kaum noch Raum. Man vergleich nur die „Zeit“-Literaturkritiken aus den 1980er und dann die aus den 2000er Jahren, was die Zeichenzahl betrifft. Und in diesem Sinne sind diese Fragen nach der Literaturkritik vielfach Scheindebatten oder laue Lüftchen in Blasen- oder Scheibenwelten.

Wir haben keine Krise der Literaturkritik, sondern eine der (ästhetischen) Begründungen, und weil das ein so grundsätzliches Problem ist, flammt es, selbst zu den nickeligsten Anlässen immer wieder einmal auf und tarnt sich als Krise – Adorno übrigens faßte das in seiner „Ästhetischen Theorie“ unter dem Terminus der nominalistischen Situation in der Kunst und versuchte doch, dieser Situation qua Reflexion irgendwie Herr zu werden.

Damit komme ich zu einem zweiten Aspekt. Denn solche Debatten, auch die manchmal hart geführten Dispute und solch unterschiedliches Einordnen und Werten von Büchern sind nämlich ein Teil des literarischen Diskurses und gehören damit zur literarischen Öffentlichkeit. Und in diesem Sinne lese ich solche immer einmal wieder aufflammenden Auseinandersetzungen nicht als Krise der Literaturkritik oder der Literatur und ihrer Kriterien – man erinnere sich auch noch ans Jahr 1987, als es um den Simmel-Roman „Doch mit den Clowns kamen die Tränen“ ging –, sondern als essentiellen Bestandteil des Mediums Literaturkritik – auch um immer wieder aufs neue  das Besteck zu schärfen, denn die Waffe der Kritik kann nicht die Kritik der Waffen ersetzen. Bei Simmel etwa stand klar die Frage nach E- und U-Literatur und auch die nach dem politischen Engagement von Literatur im Raum und wie man dieses Fragen des Politischen ästhetisch verpackt. Oder auch die Debatte zum Echolot von Kempowski: Ob das bloße Aufsammeln und Anordnen von geschichtlichem Material bereits Literatur sei.

Eine Krise der Kritik wie der Literatur hätten wir, wenn Literatur keinerlei Reaktion, keinen Disput mehr hervorbrächte, wenn wir Kritiker oder wir Leser die Bücher nähmen, läsen und wortlos beiseite packten.

Solches Hervorheben der Notwendigkeit des Streits ist übrigens kein Plädoyer für Relativismus oder eine herabgesunkene Form des De gustibus non est disputandum, sondern es geht einer guten Kritik ja gerade um das Ringen von Kriterien und teils auch um normative ästhetische Maßstäbe, die mal gut, mal weniger gut begründet sind und die im öffentlichen Raum immer wieder neu ausgehandelt werden. Sichtbar wird diese Frage nach einem normativen Rahmen in puncto Literatur an solchen Disputen wie dem Zürcher Literaturstreit zwischen Emil Staiger und Max Frisch oder die doch sehr unterschiedlichen Auffassungen über die Literatur der Avantgarde bei Adorno und Georg Lukács oder aber 2015 im Streit ums autobiographische Schreiben eines Knausgard. All das ist keine Krise der Kritik, sondern zeigt, daß diese Kritik höchst lebendig ist und daß die Möglichkeiten oder eben Unmöglichkeiten von Literatur immer wieder neu ausgehandelt werden.

Gelingendes Philosophieren – zum Wirken des Lehrers Werner Nitt am Hansa Kolleg und weit darüber hinaus

Es gibt Menschen, die prägen die Philosophie, und doch gehen sie mit ihrem Namen niemals in ihre Geschichte ein, stehen niemals in einem Lehrbuch oder in einer Philosophie-Darstellung. Wenn die letzten Zeugen, die sich erinnern, verstorben sind, so ist auch dieser besondere Philosoph verloschen. Ein gesteigerter, ein moderner Sokrates im wahrsten Sinne, einer der nicht schrieb, von dem nichts überliefert ist außer jenen Legenden oder Geschichten, wie ich sie hier aufschreibe. Einer dieser Philosophen, der nicht in den Kanon eingehen wird – „eingehen“ vielleicht auch im dialektischen Wortsinne genommen. Geist, der sich unmittelbar im Gespräch verströmte, der ins Denken anderer Menschen einwanderte und ihren Umgang mit Philosophie veränderte; Geist eines Menschen, der insofern bleibt, solange Schüler sind, die es weitertragen wollen. Und doch verstummt all das nach einer Generation oder wird allenfalls zu einer schönen Erzählung. Der Mythos vom Philosophenglück ohne Ende.

Schreiben möchte ich von einem außergewöhnlichen Lehrer, der viele junge Menschen prägte und ihnen eine Welt eröffnete. Menschen, die aus der Arbeitswelt kamen, Menschen, die keinerlei kulturelles Kapital mitbrachten und die doch hinaus aus dem Joch und jene Mühle verlassen wollten. Adorno, Bloch und Novalis fast: einen Ausweg aus der verhängnisvollen Immanenz weisen. Wir sind, aber wir haben uns nicht – dieses so scheinbar simple Diktum machte Werner Nitt deutlich. Nitt zeigte in seiner Art, philosophische Texte zu lesen und zu kommentieren, eine Lebenswelt, die den meisten Menschen ohne diesen Mann vermutlich verschlossen geblieben oder sich zumindest auf eine andere Weise und nicht in dieser Emphase aufgetan hätte.Philosophie als Lust am Lesen und Lust aufs Denken, vor allem auch gegen das Bleierne, gegen steinerne Verhältnisse, gegen die Bleikammern.

Werner Nitt (27. Oktober 1931 – 3. Juli 2009) war Lehrer am Hansa Kolleg – einer Institution in Hamburg, wo Arbeiter und Angestellte auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur und auch ihre Mittlere Reife machen konnten. Ich lernte Werner Nitt Mitte der 1990er Jahre kennen – in seiner Barmbeker Wohnung, vollgestellt mit Büchern und weil das nicht ausreichte, wurde für die Bücher, so ging die Legende, sogar noch eine zweite Wohnung gemietet. Ein Kommilitone lud mich ein, an einer seiner abendlichen Arbeitsgruppe teilzunehmen. Dort wurde akribisch Hegels „Enzyklopädie“ gelesen. Satz für Satz. Es durfte geraucht und vor allem durfte beim Lesen Hegels Bier getrunken werden. Das gefiel mir. Man mußte freilich aufpassen – zu viel Bier war schädlich und lenkte ab, aber das Trinken stellte Nitt in die Autonomie der Teilnehmer. Richtig nahe kam ich ihm allerdings nicht, auch weil der Weg nach Barmbek weit war und eine Rückfahrt nachts um viertel vor eins doch beschwerlich, wenn man dann erst um halb zwei zu Hause aufschlug und sich anschließend nachts vor lauter Hegel und Text-Bezügen der Kopf drehte: Ausflüge in die Geschichte der Philosophie, von Platon über Aristoteles zu Suarez und Spinoza – Fixpunkt sicherlich Hegel und ebenso Schelling.

Da eine Studienfreundin seinerzeit am Hansa Kolleg ihr Abitur machte, erfuhr ich über diesen faszinierenden Mann bereits Ende der 1980er Jahre im Einführungsseminar Germanistik, wo wir einander kennenlernten, vieles. Jene Freundin erzählte voll Emphase und Leidenschaft: von einem Denker, der an der Philosophie und nicht an Positionen interessiert war, folglich war ihm jeglicher Ismus fremd und es käme ihm kaum, wie manchem Professor an Hochschulen, in den Sinn zu behaupten „Ich als Kantianer“. So vermochte es Nitt Adorno mit Heidegger und Luhmann mit Adorno und Habermas zu lesen, um wiederum mit Hegel gegenzusteuern, was am Ende auf Aristoteles hinauslief, allerdings unter Berücksichtigung vom Heiligen Thomas und auch von Suarez, um über Spinoza und Jacobi zu Platon und von dort zum Cusaner und zu Plotin zu gelangen und das fundamentum inconcussum sowie die coincidentia oppositorum immer wieder in anderen Ausfaltungen in den Blick zu bekommen – bis einem ganz und gar schwindelig wurde und man begriff: Abstrakt lernt man denken nur durch abstraktes Denken. Was nach Namensprotzen klingt, wurde bei Nitt durch fundierte Textkenntnis eingelöst. Man wußte, daß man nichts wußte und war zugleich begierig, wissen zu wollen. Pädagogischer Eros schlechthin: Was für ein Wunder ereilte einen da?

Das Plausible, so Nitt, ist nicht plausibel, sondern oft höchst fragwürdig. Plausibel kommt vom lateinischen „plaudere“, so Nitt: Beifall klatschend. Philosophie bestimmt sich aber nicht qua Akklamation, sondern durch den Gang des Gedankens und durch Argumente – manchmal auch ästhetische. Solches In-Frage-stellen des anscheinend und zugleich scheinbar Selbstverständlichen formte.

In dieser Art, so dachten und wünschten wir, wollten wir ebenso philosophieren und lernen. Das Personal der Hamburger Universität am Philosophischen Seminar bot dazu freilich nur bedingt Anlaß – allenfalls solche Lehrer wie Bernhard Taureck öffneten einem Türen in andere Welten, Bartuschat immerhin war ein gründlicher Arbeiter im Weinberg des Herrn Spinoza. Künne dagegen betrieb doxographische Philosophieverengung und war somit zu vergessen. Schnädelbach ging 1991 nach Berlin, um mit den Ostprofessoren aufzuräumen, seine eigene Gefolgschaft unterzubringen und bekam schon in Hamburg, wenn er nur den Namen Hegel nannte, den hochroten Hähnchenkopf. Immerhin aber, das muß man ihm zugute halten, ließ er sich auf Hegel ein und hielt eine Vorlesung über ihn. Verstanden hatte er ihn freilich nur aus seinem eigenen Referenzrahmen mit Ressentiment. Und das ist am Ende zu wenig.

So einen Lehrer wie Nitt wünschte ich mir an die Universität, so dachte ich, so diskutierten wir in unseren Arbeitsgruppen über die Mangellage in Hamburg: mit diesem Wissen und vor allem mit diesem pädagogischen Eros und zugleich dem Bewußtsein, daß Philosophie Arbeit ist. Ja, Arbeit, harte Arbeit sogar, bei der man im Denken an seine Grenzen stoßen kann, um zu verzweifeln. Aber es war dieses Lesen und Denken doch eine freie Arbeit: frei gewählt. Freiheit ist nicht einfach. An solchen Gabelungen, wo Denken sich zu verrennen droht, helfen Lehrer. Ein solcher war Werner Nitt.

Esther Clodius, eine Nitt-Schülerin, sagte in ihrer Totenrede auf der Trauerfeier am 17. Juli 2009 (entnommen ist die Rede dem Buch von Gerhard Jürs: „Wilhelm Flitner, ein Humanist in bewegten Zeiten“):

„Werner Nitt war ein Mensch, der uns eine Welt eröffnete, die vielen von uns verschlossen geblieben wäre, hätten wir ihn nicht gekannt. Ich spreche von der Welt des Geistes, in die er uns als Lehrer geführt hat, die er vor unseren Augen lebendig entfaltet hat. Seine Liebe galt dem Leben. Das Leben ist kein factum brutum, es ist Möglichkeit. Er entfaltete alles auf seine Möglichkeiten hin. Wir haben bei ihm nicht Philosophie gelernt, sondern das Leben geistig zu erfahren. Er hat uns das Denken gelehrt. In seiner Entfaltung eines philosophischen Werkes wurde der geistige Gehalt dieser Werke und seiner Schöpfer lebendig. Er hat uns nicht geschont, nie versucht das Schwierige leicht zu machen, uns in Strenge und Liebe geleitet. Verfestigtes Denken ist Mimesis ans Tote. So müssen Werke, die ohne Abschluss nicht sein können, immer wieder ins Leben gebracht werden. (…)“

Was für wunderbare und tiefe Worte, denen man kaum etwas hinzufügen kann. In der Sehnsucht nach solchen Menschen schwelgt das Denken.

Auf Facebook liefert Ulf Matthias Engberg eine schöne, gelungene und auch poetische Skizze zu Werner Nitt. Weil sie lesenswert ist und aus der Subjektivität des Blickes dennoch ein gutes Bild vermittelt, zitiere ich sie:

„Der Ansturm der Philosophen auf mein Bücherregal hatte mit meiner Aufnahme ans „Hansa-Kolleg“ begonnen, (…). Dort wurde neben dem obligatorischen Unterricht ein Philosophiekurs auf freiwilliger Basis angeboten, zu dem alle (damals siebzig) „Kollegiaten“ herzlich eingeladen waren. An meine ersten Sitzungen kann ich mich noch gut erinnern.

Zweimal die Woche fand sich ein knappes Dutzend Gleichgesinnter nach dem Abendessen im ansonsten ungenutzten Fernsehraum ein. Der Sessel unmittelbar vor der Glotze, mit der Lehne vor der dunklen Scheibe des Bildschirms war dem Dozenten vorbehalten. Eine unausgesprochene Übereinkunft im Auditorium sorgte dafür, daß dieser Platz reserviert blieb. Werner Nitt, so war der Name des Dozenten und Englischlehrers, las die ‚Phänomenologie des Geistes‘ von Hegel. Mit seiner tiefen, ein wenig verschnupft klingenden Stimme interpretierte er Satz für Satz, dabei in unregelmäßigem Abstand den Kopf zurückwerfend, um die verschwitzten, bis auf die Schultern hängenden Haare aus dem Gesicht zu entfernen. Werner Nitt hatte die Vierzig überschritten und huldigte neben der Philosophie dem Gott Lucull. Von mächtiger Statur und trägem Gemüt erinnerte die Tapsigkeit seines Ganges an einen Zirkusbären. Auf hängenden Schultern thronte ein fleischiges Gesicht, dessen Profil eine frappante Ähnlichkeit mit Oskar Wilde aufwies.

Während er die Seiten seiner gebundenen Felix-Meiner-Ausgabe mit dem linken Daumen auseinander hielt, qualmte in seiner Rechten eine Gitanes ohne Filter, die er genußvoll inhalierte, ihren Rauch an die Lungenflügel delegierte, um ihn nach scheinbar endlosem Verweilen an diesem unsichtbaren Ort durch den doppelten Schlot der Nase unübersehbar in den Fernsehraum zu entlassen. Je weiter die Zigarette abbrannte, desto stärker verschob sich die Aufmerksamkeit des Auditoriums von der ‚Phänomenologie des Geistes‘ auf das phänomenale Fingerspitzengefühl, mit dem Werner Nitt seinen geliebten Glimmstengel bis zur bitteren Neige auskostete. Die Grazie, mit der er – den Tabakstummel pinzettengleich zwischen die langen, braun gebeizten Nägel klemmend – einen tiefen Lungenzug tat, sich dabei weder Finger noch Mund verbrennend, das manierierte Abspreizen der unbeteiligten Extremitäten, das küßchenhafte Schürzen der Lippen und die allgemeine Spannung, die sich an der unausgesprochenen Frage aufbaute, ob dies sein definitiv letzter Zug an der winzigen Kippe wäre, all das wölbte sich wie ein Glocke über die Versammlung, ein Dunstglocke, welche die weitschweifigen Assoziationen über Hegels ‚Phänomenologie des Geistes‘ auf ein überschaubares Maß begrenzte und die mit jeder entzündeten cigarette manifester wurde.

Es bedurfte keiner drei Hegelabende, bis auch die Neuzugänge (mit Ausnahme von mir als überzeugtem Nichtraucher) Gitanes ohne Filter qualmten und sich Zeigefinger- und Daumennagel wachsen ließen, als spielten sie Zupfinstrumente. Im Text dagegen ging es nur langsam voran. Das Schlußkapitel vom „absoluten Wissen“, das wie eine Verheißung aus weiter Ferne lockte, ward in den dreieinhalb Jahren, die ich fürs Abitur brauchte, nicht annähernd erreicht.

In den ersten Sitzungen erschien mir der mit Fremdwörtern gespickte Vortrag deshalb nicht weniger nebulös als das verqualmte Fernsehzimmer. Erst ab dem Kapitel „Selbstbewußtsein“ glaubte ich zu wissen, wovon die Rede war. Der Dunst, der alle bisher gefallenen Begriffe verhüllt zu haben schien, begann sich zu lichten, und ließ Wörter wie alte Bekannte in vornehmer Gewandung daraus hervortreten, Wörter wie:

‚Selbständigkeit und Unselbständigkeit,

Herrschaft und Knechtschaft‘

Hegels romantische Vorstellung, daß die praktische Arbeit den Grundstein für das bildet, was er ‚wahres Selbstbewußtsein‘ nennt, deckte sich in befriedigender Weise mit meiner Erfahrung und wurde zu meinem Entzücken von Werner Nitt aufs Vornehmste bestätigt, und wenn ich ihm in meiner Unwissenheit eine Frage stellte, dann kleidete er sie zunächst in die Formulierung des Wissenden, um in seiner Sprache darauf zu antworten, so daß ich doppelt lernte und mein Interesse an Hegel nachhaltig geweckt wurde.

‚Geliebt wirst Du einzig dort,
wo schwach Du Dich zeigen kannst,
ohne Stärke zu provozieren.‘

An diesen Aphorismus von Adorno musste ich oft denken, wenn Werner Nitt auf die mehr oder weniger klugen Fragen seiner Schüler einging. Ungestraft konnten sie ihm ihre Unwissenheit offenbaren. Er verstand es, das Beste daraus zu machen.“

Schöner und liebenswerter kann man einen Lehrer nicht würdigen, und hier eben zeigt sich, daß gelingende Philosophie, gelingendes Philosophieren zugleich auch eine Lebenspraktik ist und damit gelingendes Leben. In diesem Sinne lebt, im Geist der Philosophie, das Wirken eines Werner Nitt fort – nicht in Unendlichkeit vielleicht, aber doch solange es Menschen gibt, die sich aufs Denken einlassen und sich nicht mit Phrasen oder Parolen abspeisen lassen wollen. Obwohl ich Nitt kaum kannte, begleitete mich seine Gestalt, seine Art mit Texten umzugehen bis heute. Die direkten Wirkungen auf mich, wenn ich diesem Mann öfters begegnet wäre, mag ich mir kaum ausmalen.

Wie unendlich traurig andererseits, daß solches Leben irgendwann in die Vergessenheit geht und daß nichts mehr bleibt. Nicht einmal die Erinnerungen. Viele Menschen haben diesem Werner Nitt unendlich viel zu verdanken. Auch ich – mittelbar.

 

#dichterdran. Masculin – Feminin oder: nicht mehr die Kinder von Marx, sondern von Coca-Cola

Bei den Literaturtwitterfrauen ist Hashtag-Alarm, da schreiben unter dem Slogan #dichterdran interessante Frauen aber leider auch teils skurrile Gestalten über die Abwertung von Frauen im Literaturbetrieb, in dem man Schriftstellerinnen aufs äußere reduziert. Sie schreiben Tweets über männliche Autoren in der Form wie Literaturkritiker über Autorinnen schreiben, wenn sie deren Reize betonen. Mich betrifft das alles nicht, denn ich lese fast nur Männer: Jean Paul, Herder, Wieland, Heinse, Tieck, Friedrich Schlegel, Melville, Dickens, Sterne, Goethe, Ingeborg Bachmann und George Eliot. Aber Scherz beiseite.

Was ist der Hintergrund? Der Kritiker Martin Ebel schrieb über die Autorin Sally Rooney sowie ihren neuen Roman und eben auch über das Bild  der Frau (zu sehen auf der Verlagshomepage von Luchterhand) belustigt, daß sie blicke „wie ein aufgeschrecktes Reh mit sinnlichen Lippen“. Böse vielleicht, muß nicht sein, trotzdem es ein seltsames Photo ist, und es ist das Aussehen in der Tat kein Kriterium für Kritik am Werk. Sehr wohl aber kann es dann zum Kriterium werden, wenn es um die Autoreninszenierungen geht – das eine ist die Literatur als solche, das andere die sozialen Mechanismen, unter denen sie verbreitet wird.

Man muß schauen, auf welchem Feld man sich bewegt. Und da kann man in der Manege des Betriebes Thomas Glavinic eben genauso kritisieren und sich betrachten wie Sibylle Berg, wenn Berg etwa in einem bestimmten Modus in einem Literaturhaus auftritt und die „Welt“ dann schreibt „Der gewalttätigste Lidstrich Deutschlands“. Solche Überschrift ist eine Ermessensfrage, ich halte sie nicht per se für schlimm und vor allem sollte man aufpassen, daß man berechtigte Kritik – was eben auch bedeutet: zu sichten und zu unterscheiden – nicht mit simplem Gejammer verwechselt. Man kann solchen Satz eben auch als Kompliment deuten. Je nachdem, wie sich eine Frau verortet. Allen recht wird man es niemals machen. Hier zumindest wurde das Kraftvolle an Berg betont.

Wenn wir über Menschen und deren Auftritte im öffentlichen Raum schreiben, kommen Äußerlichkeiten ins Spiel: Man google Thomas Glavinic, ein Autor, der wegen solcher Dinge ebenfalls hart angegangen wurde.

Es gibt eine richtige Tendenz bei solchen Hashtags, die Sexismus oder Abwertung von Frauen im Literaturbetrieb markieren wollen, sie weist auf ein Problem, und es gibt zugleich einen ungeheuren Popanz, der da gemacht wird, Kleinigkeiten werden aufgeblasen,  aus Petitessen wird mit Absicht ein Skandal versucht zu inszenieren. Aber gerade solche Autorenportraits sind vielschichtig: Einerseits den Mehrwert solcher sinnlichen Photographien in Verlagsvorschauen oder auf der Autorinnen-Homepage einfahren und aus Marketing-Gründen den Lolita-Blick posen, andererseits, wenn das jemand bemerkt und darauf sich in einer Weise wie der Kritiker Martin Ebel äußert, in den Meckermodus verfallen. Da entsteht zugleich so ein bißchen Double-Bind. Mit dem Weibchenschema spielen und dieses als geldwerten Vorteil in Anschlag bringen, und springt dann jemand darauf an, unschuldig oder pöbelnd: „Hups, ich doch nicht!“ machen. Gerne mobilisiert sich dann auch eine Followerschaft unter jenem Hashtag und eine Verlegerin entdeckt die Sache als gutes Geschäftsmodel: Sie macht einfach aus solchen Twitter-Texten ein Büchlein. Kommunikation im Kreiselmodus.

Durchaus existiert teils solch anmaßender Ton, der Frauen aufs Fleisch oder auf anderes äußerliche zurückbricht, wenngleich ich meine, daß es besser geworden ist und nicht jeder Satz, der in den einen Ohren schief klingt (siehe der Lidschatten) ist auch schief und kritikwürdig und sexistisch. Wenn ich in der „Zeit“ oder auch in der FAZ und der Berliner Zeitung Buchkritiken lesen, in denen Bücher von Frauen besprochen werden, sehe ich nicht, daß Frauen aufgrund ihrer Äußerlichkeiten beurteilt werden, sondern es geht in die Literatur hinein. Mich würden da schon Beispiele interessieren, wo solche Fälle im Feuilleton vorkommen. Ebel mag in diesem Falle extrem sein, aber er weist eben auch auf den Mechanismus solcher Inszenierungen hin. Und zugleich muß man eben auch sagen, daß es Sätze von Kritikern gibt, die sind dumm, die haben nichts mit dem Buch zu tun. Andererseits finde ich es in einem Interview nicht allzu verwerflich, eine Autorin zu fragen, was sie denn gerne koche. Nicht die Frage, sondern der Ton der Frage macht die Musik und die Art wie das Interview insgesamt geführt wird.

Und allerdings gibt es Bilder von Autoren und Autorinnen, da fragt man sich: Wer in Gottes Namen sucht solche Photographien aus, gibt es keine kompetente Bildredaktion? Muß eine Autorin wie eine Blödsinnige gucken, als wäre sie gerade einem Geist begegnet? Allerdings sind das auch wieder Äußerlichkeiten. Das Ding nennt sich Marketing.

Ich erinnere mich Ende der 1990er noch gut an das „deutsche Fräuleinwunder“ in der Literatur. Da wurde gerne mitgespielt und der Werbevorteil eingefahren. Frauen posierten da in einem Spiegel-Artikel, wenn ich mich recht erinnere. Kann man alles machen und die Sache geriet irgendwann in den 2000ern dann auch wieder zu recht in Vergessenheit. Die Autorinnen überzeugten oder eben überzeugten nicht durch ihre Prosa.

Literatur ist eben nie nur die schöne Literatur, sondern Bücher bewegen sich auf einem Markt und da ziehen die Mechanismen des Marketing, die auch im Fall von Rooney (und ebenso bei Glavinic oder Berg) eine Rolle spielen. Wenn man sich in einer bestimmten Pose präsentiert, dann will man das als Autorin (oder Autor) auch irgendwie so, sei es, weil man ein Klischee bedient und sich auf diesem Ticket gut das Buch verkauft, sei es, weil es einem egal ist – es gibt da viele Möglichkeiten und Zwischentöne. Die Autorin Ronja von Rönne präsentiert sich sinnlich uns sexy, sie will das so und ich mag diese Bilder, man kann das genießen, aber es gibt einem das kein Anrecht auf sexistische Bemerkungen. Allenfalls kann man die Mechanismen kritisieren, die hinter solchen Inszenierungen stecken. Aber die betreffen eben genauso Stefanie Sargnargel oder Helene Hegemann.

Und ich kann das in einem gewissen Umfang nachvollziehen, es kommt eben auch aufs Äußere an, nicht nur bei Frauen übrigens, keiner will verhungern, jeder Autor braucht eine gewisse Aufmerksamkeit, denn er lebt von seinen Büchern undsoweiterundsofort. Und ohne jenen attraktiven Frauen, die ihr Aussehen nutzen, zu nahe treten zu wollen: Aber denken sie alle einmal und fragen sich, ob jene Frauen bei selber Qualifikation diese Medienpräsenz hätten, die sie haben und die diese Frauen auch weidlich nutzen, wenn diese attraktiven Frauen aussähen wie, nun ja, sagen wir Helga Feddersen – eine tolle Schauspielerin übrigens, man sehe nur ihre Rollen in ernsten Filmen und es ist ein Irrsinn, daß diese Frau als Ulknudel vermarktet wurde und sich so auch vermarkten ließ. (Aber wir alle haben vermutlich Hunger und verdurstet auf der Bühne mit großen Worten sterben ist nicht jedermanns Ding.)

Man sollte freilich diese Dinge nicht einfach individualisieren, denn hinter dieser Auswahl stecken grundsätzliche Mechanismen. Und die haben wesentlich etwas mit der Waren- und Verwertungslogik zu tun und mit einem System, das genau diese Logik andauernd forciert. Es muß verkauft werden und diese Akkumulation von Kapital samt Reinvestition und Wertzuwachs zwingt alle Beteiligten auf ein Rad und in ein System, in dem sie allesamt mitspielen. Man dünkt sich frei und ist es ganz und gar nicht. All das wird sich nicht durch immer neue Vorschriften und Regeln lösen lassen, und in diesem Sinne sind diese Konflikte dann von beiden Seiten auch wieder äußerlich. Denn wo heute das eine geregelt wird, kommt morgen das nächste Problem. Es ist dies nur eine Frage der Zeit, und all die Hashtag-Feminismen sind am Ende zugleich eine bequeme Form. Manchmal witzig, oft aber leider strunzendumm und ärgerlich, wenn sich daran Leute beteiligen, die sich selbst für Akademikerinnen oder Akademiker halten. Aber auch so kommt man eben in die Aufmerksamkeitsökonomie. Es gibt

Besser wäre es in der Tat, wenn Literaturkritik sich zum Werk äußert und nicht zu Äußerlichkeiten. Mich interessieren weder Peter Handkes Oberkörper noch Monika Rincks Unterwäsche, sondern deren Texte. Ansonsten aber bleiben wir doch lieber bei Eichendorff, dem „Marmorbild“ und seinem schönen Gedicht „Zwielicht“, das auch Adorno in seinem Eichendorff-Essay ansprach:

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken zieh’n wie schwere Träume –
Was will dieses Grau´n bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger zieh’n im Wald’ und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug’ und Munde,
Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neu geboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib’ wach und munter!

[Und damit wir uns nicht mißverstehen: das ist kein antifemistisches Manifest, sondern eine dialektische Kritik unter Einbeziehung der Marktverhältnisse.]

Adorno zum 50. Todestag. Von der Theorie als Lebensform: Grandhotel Abgrund und die bestimmte Negation

Es sind Aporien, gesellschaftliche, soziale, die sich übers Leben wälzen: „Das Leben lebt nicht“, so geht der Anfang von Adornos „Minima Moralia“ mit einem Zitat von dem weitgehend vergessenen österreichischen Schriftsteller Ferdinand Kürnberger – einer jener Sprachartisten, die Karl Kraus zum Vorbild dienten.

Todestage geben Anlaß zum Denken, besonders die runden. 50, 100, 200: wir kennen das aus dem Feuilleton. Blicke zurück, je nach Person geschieht das mal philosophisch, mal biographisch, mal literarisch oder eben als eine Mischung, indem Aspekte aufeinander bezogen werden, ohne freilich ein Werk in Biographismus zu ersticken – besser istʼs. Nun könnte ein gewiefter Leser, wenn er sich Adornos „Minima Moralia“ zur Hand nähme und sich an der Methode dieses Buches orientierte, mit dem Vergrößerungsglas zu arbeiten und Ungesehenes freizulegen, solche Form von Gedenken durchaus skeptisch hinterfragen: etwa weil die Sache zum Ritual wird: Gedenken verschließt sich zu einer Kranzabwurfstelle, wo Übliches abgesondert wird. Der Rückblick erledigt die Sache, statt sie leuchten zu lassen. Die bürgerliche Aura, die in solchen Veranstaltungen immer noch wirkt: undsoweiterundsofort.

Die Frage, was von einem Philosophen bleibt, ist in der Tat falsch gestellt und Ausdruck unphilosophischen Bewußtseins, wenn sie sich am Fortschrittsmodell naturwissenschaftlicher Erkenntnis orientiert und meint, bestimmte Aspekte zu den Akten legen zu können, weil sie inzwischen abgegolten sind. Mit Kopernikus mag das alte geozentrische Weltbild zu seinem Ende gekommen sein, in der Philosophie gehen die Uhren anders.

Philosophen und ihrer Philosophie jedoch sind nicht so leicht zu erledigen – und im Grunde auch nicht jene Naturphilosophien und Naturforscher, deren Theorien nicht mehr funktionieren. Ein Nachruf auf Aristoteles, Platon, Parmenides oder Anselm von Canterbury vermag es immer noch, Schätze zum Glanz zu verhelfen und Vergessenes hervorzuschürfen. Veraltet ist nichts, denn wir finden Fragen, um deren Lösung sich bis heute Philosophen streiten – alle Philosophie sei im Grunde nichts als ein einziger ontologischer Gottesbeweis, wie Hegel einmal gesagt haben soll – und gerade dazu, für die veränderte Konstellation und um eine vielleicht andere und ebenfalls originelle Perspektive zu finden, kann ein Blick zurück hilfreich sein, auch als Kritik – immer etymologisch zu lesen vom griechischen krinein, also dem Unterscheiden. Indem man eine Sache auftrennt und neu anordnet, kann solches Unterscheiden ebenso bedeuten, ihr eine andere Form zu geben und dadurch einen anderen Fokus zu liefern. Das, was als irgendwie naturgegeben und unvermeidlich erscheint, was scheinbar fest ist, wird liquid. Wird also liquidiert und damit flüssig. Dialektische Beweglichkeit. Adornos „Minima Moralia“ machen genau diese Bewegung. Sie zeigen uns etwas. Im Modus der Polemik, der Übertreibung, der Anekdote, ebenso aber als philosophische oder literarische Reflexion.

„Longtemps, je me suis couché de bonne heure.“

„Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal fielen mir die Augen, wenn die Kerze ausgelöscht war, so schnell zu, daß ich keine Zeit mehr hatte zu denken: ‚Jetzt schlafe ich ein.‘ Und eine halbe Stunde später wachte ich über dem Gedanken auf, daß es nun Zeit sei, den Schlaf zu suchen; …“

Was Proust da im Auftakt minuziös beschreibt, den Schlaf nicht nur zu finden, sondern ihn auch zu schreiben, jenes Hineindenken ins Fremde und jene Kraft zur Phantasie,  – „es kam mir vor, als sei ich selbst, wovon das Buch handelte“ – kommt dem recht nahe, was auch Adorno in den „Minima Moralia“ umtreibt: die Dinge und das, was uns umgibt, zu betrachten – bis hinein in ihre verborgenen Winkelzüge und ihre gesellschaftlichen Mechanismen, denen sie unterliegen. Evident wird dies in zahlreichen Aphorismen dieser philosophischen Prosa, etwa in jener Passage mit dem Titel „Nicht anklopfen“. Wenn Adorno aus den inzwischen durch Schiebetüren ersetzten Türklinken oder an den schönen Flügelfenstern, die durch Kippfenster ersetzt werden, zeigt, wie uns der Umgang mit Welt prägt und formt:

„Am Absterben der Erfahrung trägt Schuld nicht zum letzten, daß die Dinge unterm Gesetz ihrer reinen Zweckmäßigkeit eine Form annehmen, die den Umgang mit ihnen auf bloße Handhabung beschränkt, ohne einen Überschuß, sei’s an Freiheit des Verhaltens, sei’s an Selbständigkeit des Dinges zu dulden, der als Erfahrungskern überlebt, weil er nicht verzehrt wird vom Augenblick der Aktion.“

Wenn Adorno freilich Vergangenes zitiert und jene Verlusterfahrung konstatiert, so bedeutet solcher Rückblick nicht, in den Modus der Regression zu gleiten und sich nun mit all den mehr oder weniger schönen Dingen aus dem Manufactum-Catalog zu umgeben. Genau solchen falsch verstandenen Konservatismus kritisierte Adorno. Es ist Ideologie und es zeigt das Nachgemachte nur umso mehr, wie sehr eine Epoche versunken ist und unwiederbringlich vorbei: die letzten Bürger ruhen. Grandhotels sind untergegangen und selten gut ausgebucht.

Es ist vorbei: eine Welt starb. Unaufhebbar muß man dazu sagen, denn Adorno neigte in solchen Fragen nicht zur Restauration und zu einem damit verbundenen Essentialisierung, der Wesenheiten annimmt und in diesem Sinne unterscheidet sich sein Blick von dem Heideggers, wenn man seine Texte „Aus der Erfahrung des Denkens“ nimmt. So sehr Adorno sein Amorbach und die dort verlebte Kindheit in Ferienzeit als Hort von Erfahrung schätzte, war jene Zeit, die der beschleunigten und funktionalen Moderne wich, immer schon durchzogen von Zerstörung und damit bereits im Augenblick des Erfahrens eine abgelebte Zeit. Dem Kind schien, was doch realiter niemals war. Lediglich im Moment blitzte etwas auf und weist auf anderes: als Erinnerung eben, darin ist Adorno Proust in der Methode verwandt. Und dieses Konzept eines nicht-essentialisierenden Konservatismus – ohne dabei im politischen Sinne konservativ zu sein, muß man dazu sagen – unterscheidet Adornos Blick von dem Heideggers, wie wir ihn etwa in seinem Aufsatz „Schöpferische Landschaften: Warum bleiben wir in der Provinz“ finden – nebenbei ein durchaus lesenswerter Text Heideggers, trotz Adornos harschem Diktum dagegen in seiner „Philosophischen Terminologie“.

In diesem Sinne ist Konservatismus ein unspezifischer Begriff – er findet sich im linken, wie im rechten Lager, und nimmt man Adornos Begriff von Heimat, dann zeigt sich gut, wie sehr man solches Denken genauso für eine Sicht von links nutzen kann. In der Emigration, mitten in der Fremde nämlich, ging Adorno auf, was das Zu-Hause-sein bedeutet, und dies ohne Ressentiments gegen sein Gastland zu entwickeln oder in Heimattümelei zu verfallen. Sehr wohl zwar kritisierte Adorno das Leben in den USA, aber er haßte es nicht und schrieb nicht mit dem Ressentiment des vermeintlich Überlegenen darüber. Genau diese Haltung kulturkonservativer USA-Kritiker verfiel regelmäßig dem Verdikt Adornos. Kritik heißt eben: Unterscheiden, trennen, sichten:

„Schönheit der amerikanischen Landschaft: daß noch dem kleinsten ihrer Segmente, als Ausdruck, die unermeßliche Größe des ganzen Landes einbeschrieben ist.

In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden.“

Diese beiden Aphorismen stehen direkt untereinander, sie verweisen aufeinander und zeigen unterschiedliche Lebensmodelle. Sicherlich war Adorno ein deutscher (Groß)Bürger, er gehörte einer Klasse an, die es eigentlich schon lange nicht mehr gibt. Man kann dem heute nachtrauern. Aber der Ort des denkenden Intellektuellen, jener Denker, die nicht im tagesaktuellen Betrieb die Lieder singen, die gerade gefragt sind, ist und bleibt das Exil. Was Adorno über jene Jahre in der Emigration schrieb, mag zuweilen auch fürs Hiersein gelten und klingt nicht gar so fremd:

„Jeder Intellektuelle in der Emigration, ohne alle Ausnahme, ist beschädigt und tut gut daran, es selber zu erkennen, wenn er nicht hinter den dicht geschlossenen Türen seiner Selbstachtung grausam darüber belehrt werden will. Er lebt in einer Umwelt, die ihm unverständlich bleiben muß, auch wenn er sich in den Gewerkschaftsorganisationen oder dem Autoverkehr noch so gut auskennt; immerzu ist er in der Irre. Zwischen der Reproduktion des eigenen Lebens unterm Monopol der Massenkultur und der sachlich-verantwortlichen Arbeit herrscht ein unversöhnlicher Bruch. Enteignet ist seine Sprache und abgegraben die geschichtliche Dimension, aus der seine Erkenntnis die Kräfte zog. Die Isolierung wird um so schlimmer, je mehr feste und politisch kontrollierte Gruppen sich formieren, mißtrauisch gegen die Zugehörigen, feindselig gegen die abgestempelten anderen.“ (Adorno, Minima Moralia)

Adorno schrieb jene „Minima Moralia“ Mitte der 1940er Jahre im US-Exil, sie erschienen 1951. Er konzipierte sie, in Anspielung auf Nietzsche, als die „traurige Wissenschaft“ und er nannte sie im Untertitel „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Allerdings sollte man das, was Adorno angesichts von Faschismus, Stalinismus und einem hermetischen totalisierenden Kapitalismus sah, als einen Ausdruck seiner Zeit nehmen: insofern ist unreflektiertes Parallelisieren problematisch. Mag unsere Gegenwart, die wir als Zeitgenossen erleben, nicht minder durchdrungen sein von Verdinglichung und sind es immer noch die ökonomischen Verhältnisse, die gesellschaftliches Sein mit bestimmen, so gleichen sich Zeiten nicht. Man kann selbst heute, und das macht in der Tat den Reiz von Adornos wie auch Walter Benjamins mikrologischem Blick aus, durch die neuen Welt der Einkaufspassagen streifen oder den Potsdamer Platz in Berlin durchwandern, um zu entdecken, wie abgelebt bereits 20 Jahre später eine solche Art von Spätmoderne in Architektur ist. Dennoch haben sich entscheidende Parameter verschoben. Technik ist nicht nur Tücke, was freilich auch Adorno und Heidegger gut wußten, sondern immer auch eine Chance um die Produktionsverhältnisse zu ändern.

Ob dafür freilich zugleich generell eine Änderung in unserem metaphysischen Wesen und im Denken selbst erforderlich ist, das eben, was in Adornos Philosophie das Movens ist, nämlich die Fähigkeit zur Erfahrung, ist eine ganz andere Frage. Nicht eben bündig zu beantworten, denn darum kreist auch Adornos Denken und solche Frage nach dem scheinlosen Schein des Absoluten übersteigt bei weitem die bloß soziale Frage. Hält sie aber andererseits auch nicht schlicht draußen zugunsten höherer Dignitäten. Bei Adorno zumindest, nimmt man seine „Meditationen zur Metaphysik“ im besonderen, und als unsystematisches System dazu noch die „Negative Dialektik“, darin jene Meditationen den Schluß bilden, so zeigt sich im Text, daß jene beiden Bereiche eng aneinander gekoppelt sind. Das terminiert in jenem bekannten Schlußbild, mit dem das Buch endet:

„Die kleinsten innerweltlichen Züge hätten Relevanz fürs Absolute, denn der mikrologische Blick zertrümmert die Schalen des nach dem Maß des subsumierenden Oberbegriffs hilflos Vereinzelten und sprengt seine Identität, den Trug, es wäre bloß Exemplar. Solches Denken ist solidarisch mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes.“

Diese Aufgabe ist bis heute unabgegolten und dies sowie die Frage nach den Möglichkeiten von Kunst in Zeiten der Spätmoderne macht Adornos nach wie vor währende Aktualität aus. Zu leisten zumindest mit den Mitteln der Philosophie wie auch der Kunst ist eine phänomenologische Aufgeschlossenheit nicht nur hin zu den Dinge, sondern ebenso für die soziale Welt. Die „Minima Moralia“ zeigen uns, das ließe sich bis heute an diesem Text lernen, ganz in der Tradition von Marx und seinem Fetischismuskapitel aus dem „Kapital“, daß jene Verhältnisse, die uns naturwüchsig erscheinen, dies keinesfalls sind, sondern daß sie vielmehr gesellschaftlich verfaßt und gemacht sind – freilich ohne sich in einen halbgaren Kulturalismus aufzulösen und auf der Spielwiese identitärer Beliebigkeit zu zerfransen. Das gilt vom Phänomen der Sexualität, über die Liebe bis hin zu Institutionen und ebenso einem Begriff wie dem Volk, das von Rechtsaußen gerne essentialisiert wird. Kulturräume jedoch sind komplexe und wandelbare Gebilde – was freilich auch bedeuten kann, sie zu bewahren. Nicht alles Neue ist per se gut, nur weil es neu ist.

Mit diesem Aufschließen der Dinge und der sozialen Verhältnisse werden wir auch unserer selbst gewahr: nicht in einem absoluten Sinne und schon gar nicht in der Phrase von vermeintlicher Authentizität gedacht, aber doch in Zügen, in Ausprägungen und in immer neuen Schattierungen. In diesem Sinne sind die „Minima Moralia“ ein Buch im Geiste Prousts: der genaue Blick aufs Selbst und die Umgebung, das Verfahren ist ästhetisch inspiriert und doch erschöpft es sich nicht im Ästhetizismus oder im reinen Beobachten, und noch viel weniger ist es Literatur, selbst wenn Adorno immer wieder Anleihen von dort nimmt und der Stil Adornos literarisch zu nennen ist. Dieses Spiel von Literatur, Kunst und Philosophie zeichnet das Denken Adornos bis heute aus. In seiner Zueignung des Buches an Max Horkheimer heißt es zur Methode:

„Der spezifische Ansatz der Minima Moralia, eben der Versuch, Momente der gemeinsamen Philosophie von subjektiver Erfahrung her darzustellen, bedingt es, daß die Stücke nicht durchaus vor der Philosophie bestehen, von der sie doch selber ein Stück sind. Das will das Lose und Unverbindliche der Form, der Verzicht auf expliziten theoretischen Zusammenhang mit ausdrücken. Zugleich möchte solche Askese etwas von dem Unrecht wieder gutmachen, daß einer allein an dem weiterarbeitete, was doch nur von beiden vollbracht werden kann, und wovon wir nicht ablassen.“

Das Lose und Unverbindliche der Form mag so zu lesen sein, als schriebe sich hier ein Text, der aus der streng akademischen Philosophie fiele. Das ist einerseits richtig. Andererseits findet sich gerade im Überschuß solcher Reflexion das wieder, was wir mit dem Begriff Theorie bezeichnen: Geistig anschauen, betrachten und erkennen. Philosophie mithin. Theorie als Überschuß, ebenso übers rein Diskursive, ist eine Variante auch der akademischen Philosophie. Sie kann uns durch ein spielerisches, ein experimentierendes oder literarisches Verfahren Aspekte von Welt und von Selbst aufschließen, die in der bloßen Ratio verschlossen bleiben. Experimente im Denken – was allerdings kein Freibrief fürs Irrationale oder den Jargon poststrukturaler Eigentlichkeit ist, dessen sich langweilige Epigonen befleißigen, die in vermeintlicher Freiheit doch nur das Gleiche produzieren, was sie als Experiment tarnen, kulturindustrielles Gewäsch nämlich oder genauer gesagt die inzwischen eingeschliffene Phrase. Es kommt aber in der Theorie auf einen Blick an, der mehr auffaßt als das Arrivierte – schwierig zu leisten ist dies allemal, und es erfordert Anstregung, Arbeit und Formbewußtsein:

„Exakte Phantasie eines Dissentierenden kann mehr sehen als tausend Augen, denen die rosarote Einheitsbrille aufgestülpt ward, die dann, was sie erblicken, mit der Allgemeinheit des Wahren verwechseln und regredieren. Dem widerstrebt die Individuation der Erkenntnis. Nicht nur hängt von dieser, der Differenzierung, die Wahrnehmung des Objekts ab: ebenso ist sie selber vom Objekt her konstituiert, das in ihr gleichsam seine restitutio in integrum verlangt. Gleichwohl bedürfen die subjektiven Reaktionsweisen, deren das Objekt bedarf, ihrerseits unablässig der Korrektur am Objekt. Sie vollzieht sich in der Selbstreflexion, dem Ferment geistiger Erfahrung.“ (Adorno, Negative Dialektik, S. 56 f.)

Oder anders gedacht:

„Subjektiv befreite und metaphysische Erfahrung konvergieren in Humanität. Jeglicher Ausdruck von Hoffnung, wie er von den großen Kunstwerken noch im Zeitalter ihres Verstummens mächtiger ausgeht als von den überlieferten theologischen Texten, ist konfiguriert mit dem des Menschlichen; nirgends unzweideutiger als in den Augenblicken Beethovens. Was bedeutet, nicht alles sei vergebens, ist durch Sympathie mit dem Menschlichen, Selbstbesinnung der Natur in den Subjekten; allein in der Erfahrung der eigenen Naturhaftigkeit entragt der Genius der Natur.“ (Adorno, Negative Dialektik, S. 389)

Kunst kann der Statthalter solcher Wahrheit sein. Und auch darin, im ästhetischen Verfahren, mithin im Sinne des Formbegriffs, wie ihn Adorno auch in den „Minima Moralia“ praktiziert, liegt jene Hoffnung, die uns, wie es in Benjamins Wahlverwandtschaften-Buch heißt, gerade um des Hoffnungslosen willen gegeben ist. Am Ende eine Frage der ästhetischen Praktik. Adornos Gang ins Gebirg endete tödlich.

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Manche sagen, es hätte Adorno das Busen-Attentat den Rest gegeben. Andererseits können doch, so denke ich, diese Paare germanischer Titten kaum solchen Effekt zeitigen. Späte Rache des deutschen Ariers am jüdischen Intellektuellen. Germanische Brunftstuten, die sich als Erinnyen gebärden. Jene Studentinnen und Studenten zumindest, die aufs unmittelbar Praktische setzten, auch der heutige FR- und BLZ-Journalist Arno Widmann soll an der Planung dieses Angriffs beteiligt gewesen sein, hatten nichts, aber auch gar nichts von Adornos Denken begriffen und daß erotische Lust mehr ist als ein entblößter und bloßer Körper. Adorno tat gut daran, das Institut für Sozialforschung von der Polizei räumen zu lassen. Sein Schaudern und Erschrecken über solchen Auftritt bleibt bis heute wahr. Auch eine Lektion, die wir aus den „Minima Moralia“ herauslesen können. Idiosynkrasien können Seismographen sein. In einem ästhetisch geschulten Bewußtsein kommen sie zum adäquaten Ausdruck.

House of Love – Dialektik der Abklärung

 

Ich würde solche Sätze gerne öfter auf sozialen Medien wie Facebook, diesem Blog oder sonstwo teilen und ich halte sie für bedenkenswert, denn sie beschreiben einen richtigen Impuls. Allein die – sozusagen – kulturindustrielle Vernutzung eines guten Bewußtseins, das einen im Zitieren und Verbreiten solcher inzwischen zur Phrase herabgesunkener Gedanken irgendwie auch selber gut und authentisch macht, allein indem man es zitiert und damit einen klugen Satz zum Ranz bringt, verhindert bei mir jegliches Engagement in diese Richtung. Und so bleibe ich jene Ein-Mann-Kaserne: ästhetisch versteht sich und ohne stramme Haltung und für mich, mit mir und mit meinen Texten. Vielleicht trifft auch besser statt Kaserne die Bezeichnung „Wachlokal“, da steckt der Lokus, der Ort und vor allem das Lokal als Kneipe darin, wo das Man, das mein Ich ist, gerne einen Drink drinkt. Und trotzdem mit dem König Alkohol wachsam bleibt gegen das ubiquitäre Phrasengesickere – von rechts oder von links.

Gespräch im Gebirg, hin zum Abend, zur Nacht. Morgen haben wir Adornos 50. Todestag. Beim Aufstieg verstummt. Es bleibt viel zu lernen. Wir sollten uns nicht von den Anbräunern irritieren lassen. Vorwärts immer, rückwärts nimmer.  Oder vielleicht Krebsgang.