Zum 20. Juli 1944 und zu einem Artikel auf den „NachDenkseiten“

Am 26. Juli erschien auf den (ansonsten lesenswerten) NachDenkseiten ein Text mit dem Titel „Verschwörung in der Verschwörung“. Der Artikel stammt von Werner Rügemer und handelt vom Widerstand des 20. Juli sowie der Verquickung des OSS, also der Auslandsspionage der USA, und insbesondere geht es darin um die Aktivitäten des durchaus fragwürden Allen Dulles, in den frühen 1940er Jahren im Auftrag des OSS Gesandter in der Schweiz, mit guten Kontakten nach Deutschland und zum Widerstand, von 1953 bis 1961 Direktor des CIA und in dieser Zeit an zahlreichen politischen Aktionen wie der Ermordung des kongolesischen Präsidenten Lumumba und an Regimewechseln im Iran und in Guatemala beteiligt, außerdem Mitglied der Warren-Kommission, die zum Tod von JFK ermittelte. Keine angenehme Person. Gute Voraussetzungen also für steile Thesen und für ein geschichtliches Mischmasch.

Herausgekommen ist ein schlecht recherchierter Text. Argumentativ schwach dazu. Es wird ein simples Narrativ geboten, geschichtliche Fakten werden unterschlagen. So rührt der Autor einen kruden Brei. Dabei geht Rügemer der Frage nach, wieweit die westlichen Alliierten von Dullesʼ Wissen Gebrauch gemacht haben, um einen Regime-Sturz in Deutschland vorzubereiten beziehungsweise zu verhindern, wie der Autor nahezulegen versucht. Rügemer versucht zu zeigen, wie jene Regierungen von Großbritannien und den USA angeblich die eigene Bevölkerung darüber täuschten, in dem sie verbreiteten, alle Deutschen wären Nazis und dazu Dullesʼ Recherchen unterdrückten, es gäbe in Deutschland einen breiten Widerstand. Das gipfelt bei Rügemer in dem Satz:

„Merke, auch für heute: Regierungspropaganda und reales (Geheimdienst-)Wissen sind zwei sehr verschiedene Dinge! Fake information, fake production – sie kann auch darin bestehen, dass das Gegenteil von dem behauptet wird, was man weiß.“

Intuitiv würden diesem Satz manche zustimmen. Geheimdienste sind oft böse und die Regierungen ebenfalls. Mittels solcher vagen Konstrukte ist es leicht, der Leser nickt. Schaut man sich aber den Gang von Rügemers Argumentation an, kann man schnell merken, mit welchen rhetorischen Tricks er arbeitet und wie vermeintliche Argumente sich als Fehlschlüsse erweisen.

Warum dieser Aufwand und dieser lange Text? Ich will zum einen zeigen, daß vermeintlich Gutes mit unlauteren Methoden zum Schlechten gerät und nicht nur argumentativ, sondern auch von der Sache her schlecht ist, und ich will zeigen, daß die Abwägung verschiedener Hinsichten einer Sache (hier des Widerstands vom 20. Juli und der Reaktion der Alliierten darauf) und das heißt also die komplexe Entfaltung eines geschichtlichen Sachverhaltes besser ist als eine perspektivische Verengung des gesellschaftskritischen Blicks zugunsten einer im Kopf bereits vorab festgezimmerten These. Passiert solcher Tunnelblick, verrennt man sich wie Rügemer in dogmatische Verabsolutierungen, paßt mit Gewalt die Fakten an die eigene Ideologie an  – das also, was Rügemer „Fake information“ nennt und eben auch anderen vorwirft – und zieht unlautere Schlüsse, die sich bei umfassender Sichtung des Materials nicht ergeben hätten. Ob Rügemer dies in bewußt und in manipulierender Absicht macht oder ob er um die Fehlerhaftigkeit seiner Argumente nicht weiß, spielt dabei keine Rolle, da es hier nicht um die Intentionen eines Autors geht, sondern um die stringente Argumentation und die Rolle von historischen Ereignissen und Zusammenhängen. Insofern ist Rügemers Text darin auch wieder gelungen: denn er eignet sich immerhin als Beispiel, um zu studieren, was passiert, wenn im Denken eines Autors festgefahrene Thesen sich verabsolutieren und man dabei zu unsauberen Konstruktionen greift und nicht ins Gerüst passende Fakten unterschlägt, um seine These auf Teufel komm raus zu validieren.

Was Rügemers Text freilich ärgerlich und vor allem journalistisch unseriös macht, sind die polemischen Mittel und rhetorische Tricks, um bestimmte Denkmuster beim Leser zu installieren und mittels logisch falscher Übertragungen geschichtliche und politische Aspekte zu analogisieren, die nicht analog sind. Ärgerlich ist vor allem die methodisch unsaubere Arbeit des Autors sowie eine Guilty-by-Association-Logik, indem Aspekte, die nicht im selben Kontext stehen, auf Verdacht aneinander gekettet werden, um rhetorisch eine bestimmte „Stimmung“ zu erzeugen, die dann unbezüglich und qua eines Fehlschlusses durch Assoziation kurzerhand als Pauschalanwurf auf die Gegenwart umgebogen wird. Diese polemische Absicht, als bewußt rhetorische Verzerrung in diesem Artikel (eine von mehreren, nebenbei), zeigt sich kondensiert im letzten Satz des Textes, an dem ich dessen Mängel aufzeigen möchte:

„Wer das missglückte Attentat vom 20. Juli 1944 so als Vorbild feiert – und sich zudem auch noch die Beleidigung der Attentäter durch Churchill kommentarlos gefallen lässt – wie die diskreditierte herrschende Klasse in Deutschland, scheint bereit zu sein, vergleichbare Opfer auch heute hinzunehmen. Man ist ja schon mittendrin.“

Zunächst einmal: Etwas nicht zu erwähnen („sich […] kommentarlos gefallen lässt“), heißt nicht, es bereits zu goutieren (argumentum e silentio) – insofern läßt sich daraus zunächst mal gar nichts ableiten und der Satz bleibt eine sophistische Hülse. Churchills Äußerungen (so wie Rügemer sie wiedergibt: „Churchill: ‚Nur ein Kampf der Hunde untereinander‘“) entstammen zudem einer Zeit, in der Krieg herrschte. Und wer je von London oder Coventry hört – und davor Warschau, von der Wannseekonferenz im Januar 1942, die dann im Holocaust terminierte, ganz zu schweigen, alles Ereignisse übrigens, die vor der Operation Gomorrha stattfanden –, wird sich ein Bild machen können, in welchem Zustand sich Europa befand und was Churchills Äußerungen motivierte. Daß Churchill 1944, also nachdem Nazideutschland praktisch schon in Trümmern lag „not amused“ von dieser nacheilenden Tat war, kann man nicht nur aus historischer Perspektive, sondern vor allem aus Churchills Gegenwart heraus nachvollziehen und es ist ist von dort aus auch begründbar. Auch hier wirft Rügemer völlig unterschiedliche Perspektiven in einen Topf und verrührt diese, um daraus dann seine krude Sicht zu gewinnen.

Weshalb die „herrschende Klasse“ – wer immer das sein mag, Rügemer schweigt darüber, Genauigkeit ist seine Sache auch an dieser Stelle nicht – diskreditiert sein soll, der muß das schon belegen. Die, die heute den 20. Juli feiern, waren kaum mehr am NS-Regime beteiligt – durch die NS-Zeit kann diese „Klasse“ also kaum diskreditiert sein. Dadurch, daß sie die Attentäter feiert, ebenfalls nicht. Vielleicht ist sie aber einfach auch nur deshalb diskreditiert, weil sie Rügemers Ansicht nicht teilt. (Davon ab, daß solche Akte in der Regel symbolisch sind und zum Gedenken dienen. Sie sind nicht dazu da, Differenzen und Debatten von Historikern irgendwie zum Thema zu machen.)

Der Association Fallacy des „ vergleichbare Opfer auch heute hinzunehmen. Man ist ja schon mittendrin“, mit dem hier einfach Unverbundenes qua eines Tricks zusammengeschlossen wird, um zu diskreditieren, funktioniert ebenfalls nicht und erweist sich als Floskel, mit der rhetorische Effekte erzeugt werden sollen, um beim Leser eine Stimmung zu erzeugen. Welche Opfer das konkret sind, wird dann von Rügemer im Nebel des Unwissens gelassen: so kann dann jeder selbst in freier Assoziation hinzufügen, was ihm gerade an Opfern einfällt. Der Sache ist das nicht dienlich, um es sehr höflich zu umschreiben.

Weiterhin müßte Rügemer Roß und Reiter nennen und sagen, wer hier was und in welchem Kontext als Vorbild feiert, sonst bleibt das nämlich Ausdenk-Internetz. Und wo man „schon mittendrin“ ist, möchte ich als Leser dann ebenfalls gerne wissen. Wenn man solche Sätze liest, scheint es dem Autor insofern mehr um Polemik zu gehen statt um sachliche Auseinandersetzung mit dem 20. Juli, und dazu greift man gerne in die rhetorische Trickkiste und verquickt manches mit manchem.

Auch der Auftakt des Textes bereits in problematischem und sophistischem Modus:

„In BILD, ZEIT, Süddeutsche, ARD, ZDF, bei der Bundeskanzlerin und auch in der aufklärerischen junge Welt: Bei allen Würdigungen des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 blieb auch zum 75. Jahrestag ein Beteiligter verbissen ausgeblendet: Der US-Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS).“

Davon einmal abgesehen, daß all die genannten und sehr unterschiedlichen Medien den 20. Juli in ganz unterschiedlichen Aspekten beleuchteten, ist nicht ersichtlich, weshalb für diese Betrachtung ausgerechnet der OSS zentral bzw. erwähnenswert sein sollte. Weil eine Sache X für Rügemer interessant ist, muß sie es nicht für andere sein und es lassen sich durchs „Nichtnennen“ ebensowenig irgendwelche Verschleierungstendenzen ableiten („verbissen ausgeblendet“). Woher nimmt Rügemer das „Verbissen“? Saß er mit in den Redaktionen und blickte in verkniffene Gesichter?

Rügemers erwähnt also den OSS. Dazu muß man freilich einige Aspekte ergänzen: Daß Geheimdienste notwendige Aufklärungsarbeit leisteten, insbesondere der OSS, in dem auch manche der vor den Faschisten geflohenen Emigranten mitarbeiteten, um gegen Hitler zu kämpfen, und daß solche Geheimdienste in der militärischen Arbeit gegen das faschistische Deutschland unerläßlich waren, sollte man hier noch als weitere These beifügen. Dazu gehören dann auch die erwähnten Kontexte und die Kontakte zum deutschen Widerstand. Dann bekommen die Ausführungen von Rügemer ein doch etwas anderes Licht als diese polemische und rhetorisch Volte, und es zeigt sich, wie notwendig Dullesʼ Arbeit der Informationsbeschaffung war, um nicht nur ein faschistisches Deutschland zu besiegen (und vor allem zu beseitigen!), sondern auch, um die Gefahren einer nicht minder brutalen Diktatur von Stalin zu bannen und im Zaum zu halten.

Daß es Stalin ganz gut auch mit anderen Diktaturen aushalten kann, zeigte der Hitler-Stalin-Pakt von 1939. Und daß für Stalin auch mit einem eher national-rechts-deutschen, nicht-demokratischen Deutschland der Widerständler politisch sich besser leben ließe als unter einer liberalen und zudem kapitalistisch organisierten Demokratie im Stile der USA oder Großbritanniens, ist eine Annahme, die ebensowenig auszuschließen ist und deshalb nicht unerwähnt bleiben sollte, wenn man die Beziehungen der Sowjetunion zu den Deutschen im Dritten Reich sich betrachtet, wie Rügemer das in seinem Artikel macht. Und womöglich ist es auch leichter, ein von der rechten Diktatur infiziertes Volk nun für eine „linke“, stalinistische Diktatur umzubiegen.

Weiterhin: Wenn, wie Rügemer schreibt, Dulles konstatiere, es gäbe einen breiten Widerstand, dann muß er dies schon genau zeigen. („Aber Dulles konstatierte: Es gab einen breiten Widerstand.“) Denn selbst wenn Dulles das konstatiert, muß es deshalb nicht richtig sein. Insofern ist es erforderlich, daß Rügemer zeigt, wie dieser „breite Widerstand“ ausgesehen haben soll bzw. was Rügemer unter dem Wort „breit“ versteht, wenn er diese Dulles-These als Grundlage seiner eigenen These verwendet. Insofern ist der Text auch an dieser Stelle schwach argumentiert. Stürzt diese These stürzt nämlich die gesamte Argumentation des Textes.

Öffentlicher Protest der Deutschen gegen Hitler und damit politisch größerer Widerstand in verschiedenen Formen kann mit dem Wort „breit“ nicht gemeint sein. Denn der Straßenprotest und der Widerstand gegen Hitler um 1933 und auch die Jahre danach und als dann zunehmend Juden sowie politische Gegner drangsaliert und am Ende liquidiert wurden, blieb nicht nur weitgehend, sondern fast vollständig aus. Er fand allenfalls im privaten Kreis statt. Wenn wir es durchzählten vielleicht ein paar zehntausend Menschen – von etwa 80 Millionen Reichsbürgern, von denen man Kinder und Alte abziehen muß, so daß man vielleicht bei 50 Millionen Menschen ist. Breiter Widerstand wäre dann, wenn mindestens die Hälfte wenn nicht mehr Menschen auf die Barrikaden gegangen wären. Sind sie aber nicht.

Hier vom „breiten Widerstand“ zu sprechen, bedeutet, den Begriff „breit“ in eigenwilliger Weise zu gebrauchen. Der überwiegende Teil der Deutschen tat mit, war begeistert oder schwieg eben aus Angst. Das NS-Regime wurde von großen Teilen der Bevölkerung getragen – so wie es Churchill und Roosevelt eben auch sagten und wie es Franz Neumanns „Behemoth“, den Rügemer zitiert, und auch zahlreiche weitere Forschung nahelegt. Das Regime um Hitler wurde getragen von Menschen, die aus der Arbeitslosigkeit und aus Krisenjahren kamen und die jene Versorgungsdiktatur goutierten und mehr als das: die soziale Fürsorge durch den NS-Staat wurde akzeptiert und manches andere ebenso. Wo der breite Widerstand gegen Hitler war, das müßte uns Werner Rügemer schon zeigen.

Vor diesem Hintergrund erscheinen solche Sätze dann in einem etwas anderen Licht und es wird gut die polemische und verzerrende Absicht dahinter deutlich:

„Damit zeichnete der Geheimdienstler [Dulles] ein ganz anderes Bild als damals die US-Regierung und vor allem das State Department öffentlich propagierten: Ganz Deutschland sei im Griff der Nazis, alle Deutschen seien Nazis, der Terror seit total. Dulles schickte seine Berichte unter dem Codewort breaker (Brecher) nach Washington. Aber Roosevelt und seine Generäle logen weiter, Churchill machte begeistert mit: Alle Deutschen sind Nazis!“

Davon ab, daß man sich für diese Aussagen von Roosevelt und Churchill Quellenbelege und den Kontext wünscht, in dem diese Sätze gesagt worden sind: Nach dem Stand der Dinge bzw. der Forschung kann man sagen, daß Deutschland ein tief vom Germano-Faschismus durchdrungenes Land war. Die paar zehntausend Leute bildeten eben kein Gegengewicht. Und von „breitem Widerstand“ kann schon gar nicht die Rede sein.

Daß die westlichen Alliierten und insbesondere die britische Regierung 1944 und bereits schon Ende 1941 nicht mehr an Umsturzplänen interessiert waren, dürfte ebenfalls naheliegend sein: Deutschlands militärische Niederlage zeichnete sich zunehmend ab. Der Verstoß in Nordafrika kam zum Erliegen und auch an der russischen Front lief es nicht wie gewünscht. Und bereits Sir Winston Churchills seit 1940 anhaltender Widerstand gegen Hitler, obwohl er mit ihm nach dem Fall Frankreichs durchaus ein Agreement hätte aushandeln können, zeigt die konsequente Haltung dieses Staatsmannes. Churchills Worte, am 13 Mai 1940 in Westminster:

“Sir, to form an Administration of this scale and complexity is a serious undertaking in itself, but it must be remembered that we are in the preliminary stage of one of the greatest battles in history, that we are in action at many points in Norway and in Holland, that we have to be prepared in the Mediterranean, that the air battle is continuous and that many preparations have to be made here at home. In this crisis I hope I may be pardoned if I do not address the House at any length today. I hope that any of my friends and colleagues, or former colleagues, who are affected by the political reconstruction, will make all allowances for any lack of ceremony with which it has been necessary to act. I would say to the House, as I said to those who have joined the government: „I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat.“

We have before us an ordeal of the most grievous kind. We have before us many, many long months of struggle and of suffering. You ask, what is our policy? I will say: It is to wage war, by sea, land and air, with all our might and with all the strength that God can give us; to wage war against a monstrous tyranny, never surpassed in the dark and lamentable catalogue of human crime. That is our policy. You ask, what is our aim? I can answer in one word: victory. Victory at all costs, victory in spite of all terror, victory, however long and hard the road may be; for without victory, there is no survival. Let that be realised; no survival for the British Empire, no survival for all that the British Empire has stood for, no survival for the urge and impulse of the ages, that mankind will move forward towards its goal.”

Ein großer Politiker, ein Staatsmann und in Europa der einzige Politiker, der gegen Hitler, gegen die deutschen und die italienischen Faschisten vehement Widerstand leistete. Während der blutige Diktator Stalin, in dessen Land die Menschen verschwanden, mit Hitler paktierte.

Auch aus den Erfahrungen des ersten Weltkrieges heraus, lag es nahe, es nicht noch einmal zu solch einer desolaten Situation kommen zu lassen und das besiegte Land nicht zu besetzen: Das Deutsche Reich bestand 1918 weiter, die alten Kräfte konnten nicht nur subkutan wirken, sondern sie taten es bis in die Regierungsebene hinein. Bis auf das Rheinland und das Saarland stand Deutschland 1919 nicht unter alliierter Militärverwaltung. Das, was aus dieser Situation damals erwuchs, wollte man sich für ein zweites Mal ersparen, auch im Hinblick auf zwei Weltkriege, die von Deutschland ausgingen. Insofern kam nur die bedingungslose Kapitulation, wie sie 1943 auf der Konferenz von Casablanca von den westlichen Alliierten beschlossen wurde (Stalin war ebenfalls eingeladen, aber reiste nicht an) infrage. Auch dieses Motiv der westlichen Alliierten ist mitzunennen. Die Alliierten waren nicht an einem konservativ-rechts-nationalen Deutschland interessiert und in diesem Sinne konstatierte Churchill ganz richtig, daß es nur ein Kampf der Hunde untereinander war. Ende 1943 dann, auf der Konferenz von Teheran wurde zwischen den drei Alliierten (dem sowjetischen Diktator Stalin sowie dem Präsidenten Roosevelt und dem Premierminister Churchill) neben der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands ebenso die Aufteilung Deutschlands beschlossen.

Rügemer hingegen mutmaßt:

„Der Widerstand durfte keinen Erfolg haben, denn der hätte nur „den Russen“ genützt und möglicherweise zu Friedensverhandlungen geführt. Die Feindschaft des Westens gegen die Sowjetunion mit der Gefahr eines neuen Krieges hatte spätestens schon 1943 begonnen – eine Kontinuität bis heute.“

Wenn es darum ginge, die UdSSR unter Stalin kleinzuhalten und es ausschließlich auf ein Wettrennen der unterschiedlichen Blöcke ankäme, wie Rügemer nahelegt, und wenn es das Ziel wäre, eine kommunistische Diktatur sowjetisch-stalinistischen Vorbilds in Mitteleuropa zu verhindern (was glücklicherweise für den westlichen Teil Deutschlands immerhin gelang. Leider nicht für Polen, Ungarn, Ostdeutschland, die Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien), dann bleibt es unverständlich, weshalb in Teheran ein gemeinsames Vorgehen der Alliierten abgestimmt wurde und es bleibt unklar, weshalb die USA das Lend-Lease-Programm  für die Sowjetunion erst am 12. Mai 1945, also einige Tage nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches, auslaufen ließen.

Ohne den Treibstoff der USA wäre kaum ein sowjetisches Flugzeug geflogen und nur wenig Panzer gefahren. Die Kriegswende 1942/43 ist auch durch die umfangreichen Lieferungen an Logistik, Panzern, Flugzeugen, Schiffen, Lokomotiven, LKWs, Stahl, Lebensmitteln bis hin zu Soldatenstiefeln erklärbar. Diesen Umstand sollte der Artikel ebenfalls erwähnen. Da er aber einseitig den Blick auf einen konservativen Geheimdienstmann richtet, geraten Rügemer solche Aspekte aus dem Blick und er muß durch solche Perspektivenverengung dann zu einer monolithischen und verkürzten Darstellung gelangen. Von der „Verschwörung in der Verschwörung“ bleibt jedoch am Ende nicht viel übrig, wenn man sich die historischen Fakten genauer betrachtet.

Solche polemischen Sätze insbesondere zeigen dann gut, wohin die Reise von Rügemer geht:

„Ebenso wurden im weiteren Verlauf des totalen westlichen Krieges die ungleich zahlreicheren Kriegsopfer auf ziviler und militärischer Seite hingenommen: Unconditional surrender!“

Davon ab, daß die „Logik“ einer solchen Argumentation ebenso von einem Funktionär der NPD stammen könnte, schön unter Aufgreifung von Goebbels totalem Krieg als Triggerwort, besteht der rhetorische Trick zunächst einmal darin, Täter und Opfern zu vertauschen und weiterhin zu unterschlagen, daß die bedingungslose Kapitulation Deutschlands durch die Widerständler und die verbleibenden Generäle sofort die Einstellung der Kriegshandlungen nach sich gezogen hätte. Darüber aber wollten viele der Generäle, die unter Hitler dienten, nicht verhandeln, ebensowenig die Widerständller, und die westlichen Alliierten wollten sich auch nicht auf einen Separatfrieden einlassen, bei dem das Deutsche Reich dann weiter gegen die UdSSR gekämpft hätte, wie von Teilen der Generäle angedacht. Soviel nur zu dem herbeikonstruierten Narrativ, den westlichen Alliierten ginge es darum, bereits 1943, also inmitten des 2. Weltkrieges auf Konfrontationskurs zur Sowjetunion zu gehen. Solche Passagen und Insinuierungen Rügemers geben dem Thema eine mehr als bedenkliche Note.

Daß übrigens – zum Abschluß – die lesenswerte und bis heute bahnbrechende Studie „Behemoth“ von Franz Neumann zwar „den Terrorapparat [schilderte], ohne auf die frühe Förderung Hitlers durch die großen Kapitalisten wie Ford und Krupp einzugehen“ bedarf eigentlich keiner Erwähnung, denn es war eben letzteres gar nicht die Absicht der Studie, den militärisch-industriellen Komplex vor Hitler auszuleuchten, sondern „Behemoth“ befaßt sich in soziologischer Absicht mit den internen Funktionsabläufen des NS-Staates. Man merkt es dem Artikel noch in den kleinsten Stellen, selbst in einer Fußnote an: Auch hier wieder wird Rhetorik eingestreut, um eine bestimmte Richtung zu insinuieren. Daß übrigens Werner Rügemers Text nicht auf die Verbrechen Hitlers und den Völkermord Stalins eingeht, bedürfte wohl ebensowenig einer besonderen Erwähnung. Insofern frage ich mich, was die Absicht solcher von außen an eine Sache herangetragener Sichtweisen ist.

[Franz Neumanns „Behemoth wurde kürzlich wieder neu aufgelegt, dazu auch Herwig Finkeldey auf „tell“ mit einem guten Lektüretip.]

Mit all dem tut Rügemer dem Thema keinen Gefallen – und auch den NachDenkseiten am Ende nicht. Gegen Rügemers Text spricht sein methodisch ungenaues Arbeiten und seine Verabsolutierung einer These zu einer Seite hin – bereits im Titel zeigt sich die Schlagseite des Textes. Durch solche systematische Verzerrungen bekommt ein historischer Aspekt eine erhebliche Schieflage. Bezieht man jedoch all die von mir genannten unterschiedlichen Hinweise mit ein, bekommt diese Angelegenheit eine doch etwas breitere Perspektive und ist deutlich komplexer als eine bloße Geheimdienstgeschichte samt verschwörerisch-böse US-Staatsmänner sowie einem böse-finsteren Churchill. Die Ironie dieser Sache ist dabei: Das was Rügemer den USA und Churchill vorwirft, betreibt er genau in dem selben Maß: nämlich die Produktion von Ideologie. Es ist jedoch wichtig, gerade an solchen doch relativ simplen Texten zu zeigen, wie die Produktion von gesellschaftlichem Schein und von falschem Bewußtsein funktioniert.

 

[Photographie, Quelle: Wikipedia, gemeinfrei]

24 Gedanken zu „Zum 20. Juli 1944 und zu einem Artikel auf den „NachDenkseiten“

  1. Auf den „NachDenkseiten“ steht manch Lesenswertes – leider aber nicht immer. Seit Wolfgang Lieb die NachDenkseiten verließ, finden sich dort immer mal wieder solche Artikel wie von Rügemer. Das tut diesem kritischen Portal nicht gut. Zumindest aber bekommt man dort immer noch kritische Informationen und Hintergründe, die es woanders nicht gibt. Es gilt also, eine Vielzahl an Medien zu lesen. Und bei Themen, die einen interessieren, sich mit möglichst vielen Perspektiven zu beschäftigen und zu prüfen, was und wie es der Autor schreibt.

    Beim Lesen von Texten, ist es wie folgt: Man muß alles kritisch prüfen. Insbesondere gilt das für solche Artikel, die die eigene Sicht spiegeln und wiedergeben. Gerade bei solchen Texten ist man häufig blind. Man freut sich, daß da einer eine ähnliche Ansicht hat und das kann beim Lesen ungenau machen. Denn meist will man lieber bestätigt werden als daß einem widersprochen wird Doch gerade hier gilt: Um so exakter muß man schauen, wie die Argumente funktionieren. Und ob die funktionieren. Gerne liest man bei Texten, die einem nahe sind, über manchen Fehler hinweg. Bei Rügemers Text war es anders: er ist mir nicht nahe und er ist derart schlecht und unsauber gemacht, daß man es eigentlich auf den ersten Blick sieht. Interessant ist halt dabei zu sehen, wie seine Tricksereien funktionieren.

  2. Wenn es darum ginge, die UdSSR unter Stalin kleinzuhalten und es ausschließlich auf ein Wettrennen der unterschiedlichen Blöcke ankäme, wie Rügemer nahelegt, und wenn es das Ziel wäre, eine kommunistische Diktatur sowjetisch-stalinistischen Vorbilds in Mitteleuropa zu verhindern (was glücklicherweise für den westlichen Teil Deutschlands immerhin gelang. Leider nicht für Polen, Ungarn, Ostdeutschland, die Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien), dann bleibt es unverständlich, weshalb in Teheran ein gemeinsames Vorgehen der Alliierten abgestimmt wurde und es bleibt unklar, weshalb die USA das Lend-Lease-Programm für die Sowjetunion erst am 12. Mai 1945, also einige Tage nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches, auslaufen ließen.

    Mit der Logik nimmt es bersarin auch nicht so genau: Stalins Sowjetunion erbrachte den größeren Anteil an der Niederwerfung Hitlers. Also kann Stalin auch Anspruch erheben, die Nachkriegsordnung mitbestimmen zu können. Amerika erhebt denselben Anspruch. Da muß man halt „paktieren“, wie man es Stalin im Falle des Hitler-Stalin-Paktes auch andauernd vorwirft, als Hitler noch groß und stark war. Wenn zwei Konkurrenten, die dasselbe wollen, trachten, einander zu übervorteilen und auf der anderen Seite verhandeln, um die Kosten der Auseinandersetzung zu begrenzen, dann wäre das also kein Widerspruch, wie Du Rügemer unterstellst.

  3. Neumondschein, Du machst das, was Du am besten kannst: schlecht lesen. Ärgerlich ist mein Ton insofern, als das eben nicht das erste Mal ist. Du reimst Dir etwas zusammen, bei dem man gerade noch mit Mühe und Not begreift, was Du eigentlich konkret sagen willst. Machen wir es aber wieder im Detail:

    Die UdSSR, die Völker der Sowjetunion brachte im zweiten Weltkrieg Opfer. Das hat niemand bestritten. Wie groß diese Opfer waren, ist an dieser Stelle auch nicht das Thema gewesen. Und was daraus abzuleiten ist, steht zudem auf einem ganz anderen Blatt. Sicherlich nicht die Aneignung von Teilen Polens, wie dies 1939 mit dem Hitler-Stalin-Pakt geschah und ebensowenig die Annektierung der Baltischen Staaten, was die westlichen Alliierten stillschweigend billigten. (Die Besetzung des Baltikums durch die Russen hielt übrigens bis in die 1990er Jahre an.)

    „Stalins Sowjetunion erbrachte den größeren Anteil an der Niederwerfung Hitlers. Also kann Stalin auch Anspruch erheben, die Nachkriegsordnung mitbestimmen zu können.“

    Über die Ansprüche eines Stalins, der nun Hitler in wenig nachstand, kann man lange streiten, aber das ist eine andere Sache. Zumal es in diesem Kontext gar nicht die Frage gewesen ist und auch nichts, was als problematisch gesehen wurde, denn den Ansprüchen der Sowjets wurde ja nachgekommen, wie man unschwer nachlesen kann. [Zudem geht es hier nicht um moralische Ansprüche und das Verrechnen von Opfern, sondern um Vertragsgestaltungen, wie dies in Casablanca und Teheran beschlossen wurde.]

    Selbst wenn Du mich zitierst, schaffst Du es nicht, das in einem sinnvollen Kontext zu deuten, denn sofern Du meinen Text gründlich gelesen hättest, wärst Du bei der Konferenz von Teheran 1943 darauf gekommen, daß die westlichen und die östlichen Alliierten paktierten und daß der Westen seine Zusagen zur Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen einhielt. Insofern wurde der Anspruch der Sowjets bestätigt. Zu sehen an dem Umstand, daß die Aufteilung Europas als neue Nachkriegsordnung 1945 von den USA und den Briten hingenommen wurde. Vielleicht auch, weil in Asien der Krieg noch nicht zu Ende war und man die Sowjets als Partner brauchte. Rügemer insinuiert, daß der Westen den Wettlauf mit den Russen gewinnen wollte. Hätte der Westen das gewollt, hätte er schon während des Krieges anders gehandelt.

    „Wenn zwei Konkurrenten, die dasselbe wollen, trachten, einander zu übervorteilen und auf der anderen Seite verhandeln, um die Kosten der Auseinandersetzung zu begrenzen, dann wäre das also kein Widerspruch, wie Du Rügemer unterstellst.“

    Der logische Bezug und der Sinn dieses Satzes erschließt sich nicht. Du bringst hier Aspekte in einen Kontext, die in keinem Zusammenhang stehen. Zumal ich das, was Du im ersten Teil schreibst, wie man nachlesen kann (siehe Konferenz von Teheran, Aufteilung Europas) kaum in Zweifel gestellt habe. Was ich kritisiere, ist Rügemers Ableitung:

    „Der Widerstand durfte keinen Erfolg haben, denn der hätte nur „den Russen“ genützt und möglicherweise zu Friedensverhandlungen geführt. Die Feindschaft des Westens gegen die Sowjetunion mit der Gefahr eines neuen Krieges hatte spätestens schon 1943 begonnen – eine Kontinuität bis heute.“

    Genau diesen Aspekt kritisierte ich. Von der geschichtlichen Fehldeutung des Satzes mal ganz abgesehen, denn selbst wenn das Attentat Erfolg gehabt hätte, hätte die Wehrmacht gegen die Russen weitergekämpft. Der Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben hatte für die Soldaten eine Aufruf vorbereitet, weiterzukämpfen, andere der Verschwörer wollten mit den Alliierten eine Separatfrieden aushandeln, um gegen die Russen weiterzukämpfen. Nichts davon also, daß die Friedensverhandlungen den Russen irgendwie genützt hätten. Im Gegenteil kann man sogar mutmaßen. Hier bereits im ersten Satz stecken Annahmen von Rügemer, die historisch nicht gedeckt sind. Sollte es andere Dokumente als die bisherigen geben, müßte Rügemer die zeigen. Die westlichen Alliierten ließen sich weiterhin nicht darauf ein, einen Separatfrieden auszuhandeln. Hätten sie es gewollt, wäre es ein leichtes gewesen, Teile der noch gut intakten Wehrmachtsverbände im Westen 1944 nach Osten zu verlagern und dort die frischen Armeen ins Feld zu schicken. Es war bis 1945 nicht gegeben, daß die USA ihre Macht gegen die Russen ausspielte. Hätte sie dies gewollt, hätte zudem noch das Einstellen des Lend-Lease-Paktes erhebliche Einbußen für die Sowjets bedeutet. Ohne die Lieferungen der USA an Panzern, Treibstoff etc. wäre kaum ein russisches Flugzeug abgehoben. Zusammen mit einem deutschen Separatfrieden mit dem Westen, wäre dies Stalins Ende gewesen. [Hier wäre also vielmehr das Gedankenspiel angebracht, weshalb die USA nicht so handelten? Waren kommunistische Stalin-Verschwörer im Pentagon, so könnte man nun im Rügemer-Ton raunen.)

    Merke also, neumondschein: nicht es wie Rügemer machen und Dinge aus dem Kontext zerren, um dann einseitig zu verabsolutieren und etwas zu behaupten, das die ich nirgends schrieb.

  4. Der nächste historische Schmarren bzw. Rügemers Märchenstunde findet sich hier:

    „Die Verschwörer kamen aber nicht voran, weil sie immer noch gutgläubig auf die US- und die britische Regierung hofften. Die aber blockierten absolut.“

    Die Verschwörer kamen nicht voran, weil die Attentate davor scheiterten. Aus dem Umfeld der unterschiedlichen Verschwörer gab es von 1939 bis zum Attentat vom 20. Juli insgesamt 10 oder 11 Versuche Hitler zu beseitigen. Diese Versuche scheiterten aus unterschiedlichen Gründen. Und daran war kaum der OSS schuld, sondern zum Teil funktionierten Zünder nicht oder Hitler disponierte Terminpläne um.

  5. Ebendieses Foto von Churchill, nur um die Zigarre ergänzt, kam in einem Puzzle vor, das ich vor einem Jahr mal gespielt habe.

  6. Viel bemerkenswerter finde ich die Äußerungen von Frau Merkel anlässlich dieses Jubiläums.
    „Die Widerstandskämpfer seien Vorbilder. Ihre „klare Haltung, ihr Mut“ müssten „uns auch heute leiten“, sagte Merkel. Ihr Vorgehen bleibe eine Mahnung. „Sie mahnen uns, wachsam zu sein. Sie mahnen uns, Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus in all ihren Erscheinungsformen entschieden entgegenzutreten.“

    https://www.spiegel.de/politik/deutschland/stauffenberg-attentat-merkel-wuerdigt-widerstandskaempfer-a-1278246.html

    Stauffenberg als Mahner gegen Rassismus und Antisemitismus ist schon ein starkes Statement. Immerhin gibt es von ihm die Äußerung über Polen: „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt.“

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/hitler-attentat-am-20-juli-1944-so-antisemitisch-war-der.1079.de.html?dram:article_id=360880

    Ich halte den und seine Mitkämpfer für wenig vorbildlich. Sein Fall zeigt eigentlich nur, dass man durchaus ein Rechter sein kann und trotzdem zu moralischem Handeln fähig. Aber nach heutigem Verständnis sind ja alle Rechten Nazis.

  7. Böse Zungen behaupten ja, Stauffenberg habe recht. Aber Scherz beiseite: Solches Gedenken ist symbolisch. Gewürdigt wird weniger die inhaltliche politische Ausrichtung, sondern der Geste, daß überhaupt Widerstand geleistet wurde. Die Widerständler vom 20. Juli waren heterogen. Es gab darunter Sozialdemokraten, Konservative und Rechts-Konservative. Daß Stauffenberg und die Mitwiderständlier nicht unbedingt das Grundgesetz geschaffen hätten, kann man ihnen nicht vorwerfen. Sein Antisemitismus ist nicht zu goutieren, man muß ihn aber aus der Zeit heraus lesen. In diesem Sinne kommt es hier also auf die Details an, denn ansonsten befleißigt man sich einer ex-post-facto-Deutung.

    Allerdings kann man durchaus kritisieren, daß es ebenso andere Formen des Widerstands gab, sei das die Rote Kapelle – die übrigens nicht kommunistisch gelenkt war, dies ist eine Legenden – und Georg Elser, und daß diese Leute kaum genannt werden. Erst spät gelangte Elser ins Bewußtsein. Daß auch Konservative gegen ein Unrechtsregime Widerstand leisten, sollte selbstverständlich sein. Widerlich wird es, wenn Leute wie Götz Kubitschek sich die Widerständler vom 20. Juli auf ihre Fahnen schreiben und diesen (rechtskonservativen Widerstand) dann mit der Gegenwart vergleichen und sich selbst dazu analogisieren.

    Wenn man die Ebenen differenziert, bekommt man wenig Probleme mit Stauffenberg: Seine politische Haltung ist für die Gegenwart kaum noch vorbildwürdig, sehr wohl aber seine Tat als Widerstand – auch wenn der spät erfolgte. Insofern: Wenn man nicht unter der Optik von „alles“ blickt und nicht meint, daß das Gegenteil von „alles“ sei „nichts“, sondern indem man realisiert, daß es „nicht-alles“ ist, dann kann man zu einer differenzierten Bewertung gelangen. Wenn man zudem sieht, daß kaum ein Mensch in allen Aspekten gut ist, sondern in der Regel und meist nur in einigen, dann bekommt man ebenfalls ein facettenreicheres Bild. Wenn man also all diese Sätze beachtet, dann kann man Angela Merkel in dieser Sicht durchaus zustimmen:

    „“Es gibt Momente, in denen Ungehorsam eine Pflicht sein kann“, sagte die CDU-Politikerin am Samstag beim feierlichen Gelöbnis von 400 Rekruten in Berlin. […]
    In einigen Momenten habe „der Einzelne die moralische Pflicht“, zu widersprechen und sich zu widersetzen, fuhr Merkel in ihrer Ansprache an die Soldaten fort und verwies auf das im Grundgesetz verankerte Recht zum Widerstand.“

    Und wenn man diesem Satz zustimmt, bei Abwägung dessen, was der Bezug zum Grundgesetz inhaltlich konkret nun bedeutet, dann damit ist eben kein Gesetzesbruch gemeint und auch nicht das, was Kubitschek annimmt, dann muß man eben deshalb noch lange nicht anderen Sätzen Merkels zustimmen.

  8. @“„Der Widerstand durfte keinen Erfolg haben, denn der hätte nur „den Russen“ genützt und möglicherweise zu Friedensverhandlungen geführt. Die Feindschaft des Westens gegen die Sowjetunion mit der Gefahr eines neuen Krieges hatte spätestens schon 1943 begonnen – eine Kontinuität bis heute.““ ——– Da sollte man mal Roosevelt kennen. Im Gegensatz zu Goebbels Sportpalast- und Churchills Blut-Schweiss-und-Tränen-Rede ist seine Rede vom August 1941 heutzutzage und hierzulande wenig bekannt, in der es hieß: „Der Angriff der faschistischen Achsenmächte auf die demokratische Sowjetunion hat mich persönlich beleidigt. Ich habe deshalb die Boeing-Flugzeugwerke mit dem Bau von Langsteckenbombern beauftragt.“

    Der Wandel vollzog sich erst mit seinem Tod und dem Wechsel zu Truman, bis dahin war Stalin für die GIs „Joe“.

  9. Auch wenn es ein Einzelfall war, gleichsam ein herausgegriffenes Ereignis: Man denke nur an die Begegnung und freudige Begrüßung der Amerikaner und der Russen 1945 in Torgau. Da war nichts von Haß gegen Russen, sondern es waren bis dahin noch Waffenbrüder.

    Ob man Roosevelts etwas seltsame Einschätzung von Stalin teilen sollte, steht auf einem anderen Blatt, aber es zeigt diese Rede zumindest, daß da keine politischen Ressentiments vorlagen.

  10. Es wird leider viel zu häufig deduktiv von hinten zurückgedacht und auf dieser Basis Geschichtsklitterung betrieben. Die absolute Härte war es, als seinerzeit Dr. Dean behauptete, der Kieler Matrosenaufstand von 1918 sei „moskaugesteuert“ gewesen und Luxemburg und Liebknecht Agenten der Sowjetunion.

  11. Welch ein Blödsinn vom Dr. Dean. Kann man alles bei Haffners lesenswertem Buch zu 1918 herausbekommen, daß es so nicht war. Ebenfalls bei Wehlers Deutscher Geschichte.

  12. Ich denke Kubitschek kann sich durchaus aus Stauffenberg berufen. Dessen letzte Worte vor der Erschießung waren bekanntlich „Es lebe das heilige Deutschland“. Und auf den beruft sich Merkel, die Deutschland am liebsten in der EU auflösen und von Brüssel aus regieren würde.

    Die AfD hat ihrerseits ein Mitglied ausgeschlossen, das Stauffenberg als Verräter bezeichnete.

    https://www.welt.de/politik/deutschland/article195167253/Stauffenberg-Aeusserungen-AfD-schliesst-Lars-Steinke-aus.html

  13. Der Unterschied zwischen einem faschistischen Regime, das nicht nur einen Weltkrieg anzettelte, sondern die eigene Bevölkerung jüdischen Glaubens und Herkunft ermordete und zudem Europa mit Vernichtungskrieg und Völkermord überzog und einer demokratisch gewählten Regierung sollte eigentlich jedem selbst intuitiv einleuchten – ohne größere Kenntnis der politischen Fakten. Kubitschek beruft sich auf Stauffenberg, weil es ihm um den Widerstand gegen diesen Staat – einen demokratischen Rechtsstaat nebenbei – geht. Sein Argument ist also ein Popanz, sofern er sich selbst mit Stauffenberg vergleicht. Selbst ohne tiefere Kenntnisse der Geschichte, dürfte einem einleuchten, wie lächerlich ein solcher Vergleich ist. Kubitschek lebt vom aufgeplusterten Pathos und von Phrasen. Hakt man nach und sticht in den Blähballon entweicht all die heiße Luft.

    Merkel beruft sich auf Stauffenberg nicht wie Kubitschek, sondern im Sinne des Widerstands gegen ein Unrechtsregime. Widerstand aller demokratisch denkenden Menschen sollte man auch gegen solche Leute wie Kubitschek und gegen die AfD mobilisieren: Nämlich mit Worten und mit Argumenten, um zu zeigen, wo deren Programme tricksen und manipulieren und im Argument Verabsolutierungen vornehmen. Angefangen bei einem „Wir“ als Volksgefühl und als Volk, das es in dieser Form nicht gibt.

    Die Neue Recht fährt eine andere Strategie als die Altnazis oder die NPD – zumindest nach außen. Bei gleichzeitigem Herunterspielen und Relativieren der NS-Verbrechen (siehe Gaulands „Fliegeschiß“ und Höckes „Mahnmal der Schande“) wird politisch nicht mehr explizit an den Führerstaat angeknüpft, sondern eher an Leute die Orban, Putin oder Erdogan: starke Führer unter Abschaffung und Verringerung einer pluralen Gesellschaft. Insofern fällt es diesen Leuten auch weniger schwer, sich auf die teils national-konservativen Widerständler vom 20. Juli zu berufen. Im Grunde passen sie gut zusammen, wenn man Stauffenberg als solchen nimmt. Karlauf in seinem Buch versucht eine solche rechtskonservative Lesart von Stauffenberg zu liefern. Was nicht zusammenpaßt, ist, daß man die Situation von damals mit der von heute vergleicht und daraus den Rekurs auf Stauffenberg ableitet. Und solche Parallele eben insinuieren Leute wie Kubitschek, die sich als die heimlichen Widerständler und die aufrechten Gesellen bewerben.

    Was Du zu Merkels Europa schreibst, ist leider falsch. Merkels Europapolitik geht es nicht um die Gemeinschaft der Länder, sondern um eine deutsche Dominanz unter Herbeiführung einer neoliberalen und marktkonformen Wirtschaftspolitik. Man nehme nur ihren Umgang mit Griechenland und mit Portugal. Ebenso mit Italien vor 2015. Da war nichts von europäischer Solidarität und einem Appell an Gemeinsamkeit.

  14. Nur fürs Protokoll: Stauffenbergs letzte Worte lauteten: „Es lebe das geheime Deutschland!“, eine kleine verschworene Gemeinschaft rund um Stefan George der Stauffenberg angehörte.

  15. Die deutsche Europapolitik ist nichts als Imperialismus, eine Klientelpolitik für die Interessen des deutschen Großkapitals.

  16. Ich meine mich grob zu erinnern, dass Thomas Karlauf in seinem Buch über Stauffenberg darauf hinweist, dass es gar nicht so klar ist, welche letzten Worte er wirklich gesagt haben soll, wie übrigens vieles von dem, was man über ihn erfährt, auf Hörensagenbasis nach dem Krieg weitergegeben wurde, die Quellenlage erweist sich allzu oft als sehr dünn. Leider bin ich gerade unterwegs und ich habe das Buch von Karlauf nicht parat, sonst hätte ich da mal nachgeschlagen, er thematisiert das am Schluss.

  17. In bezug auf Karlauf und Stauffenberg wäre in der Tat die Quellenlage interessant. Ich habe das Buch leider noch nicht. Danke aber für diese Hinweise, chairborne.

  18. Ich meine da gelesen zu haben er hätte „Es lebe das …… Deutschland“ gerufen, das vierte Wort sei im allgemeinen Getöse nicht zu verstehen gewesen, die Zeugen hätten es als das heilige verstanden, da er aber zum geheimen Deutschland gehört hatte wäre dies die spätere Interpretation gewesen.

  19. Schwierig herauszubekommen und vermutlich eine Angelegenheit für jene, die sich im Detail auskennen. Zumindest aber ein Bekenntnis zu einem anderen Deutschland – wie immer das auch ausgesehen haben mag. Der Einfluß des George-Kreises dürfte sicherlich prägend gewesen sein.

  20. Am Ende seiner George-Biografie von 2007 gab Karlauf die Äußerung wieder als „Es lebe das geheime Deutschland!“. In einer Fußnote begründete er seine Entscheidung damit, dass Peter Hoffmann 1969 in Widerstand, Staatsstreich, Attentat die Variante „Es lebe das heilige Deutschland!“ angegeben habe, aber in seiner Stauffenberg-Biografie von 1992 zu „Es lebe das geheiligte Deutschland!“ umgeschwenkt sei. Brieflich habe Hoffmann seinen Wortlautwechsel mit dem Bildungsstand der Ohrenzeugen begründet, wollte allerdings einen Hörfehler auch nicht mehr ausschließen. Karlauf nun entscheidet, dass es vom geheiligten zum geheimen „nur eine halbe Silbe“ sei – „lig“ ist eine ganze, die entfällt, und aus „ten“ wird „men“ – und der Begriff „geheiligtes Deutschland“ sei ganz und gar unsinnig, daher spekuliert er, dass das „geheime Deutschland“ nicht nur das Gemeinte (dann könnte Stauffenberg sich noch versprochen haben), sondern auch das Gesagte gewesen sei. Die Ohrenzeugen, die keine Kenntnis von der Losung des George-Kreises gehabt hätten, hätten es verkehrt emendiert.

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