Mondsüchtig – Flüchtige Skizzen, auch im Hinblick auf die Jenaer Frühromantik

„Wir sind auf einer Mißion: zur Bildung der Erde sind wir berufen.“
(Novalis, Blüthenstaub)

„Der Mond ist nichts als eine Hypothese beim
Schreiben eines alltäglichen Gedichts in diesem alltäglichen
Gefängnis aus Seitenstraßen, Straßenecken, verstaubten kleinen Buden, …“
(Rolf Dieter Brinkmann, Westwärts Teil 2)

Es landete die Fähre, es tat der Astronaut seinen ersten Schritt. Ich erinnere nur, daß ich geschlafen habe, und auch das erinnere ich nicht, weil ich eben schlief. Ich erinnere, daß ich ein Kind war und daß am Morgen die Eltern aufgeregt und voll von Euphorie sprachen: Es sei ein Mensch auf dem Mond. Ich begriff es nicht ganz mit meinen vier Jahren. Es war doch hell schon, was hatte der Mond damit zu tun? Für mich war der Mond ein poetischer Gegenstand, er beschien nachts die lieben Häschen, die Rehe und den Fuchs auf der Waldwiese, auch in unserem Zaubermärchenwald schien er nachts und beleuchtete die Geschöpfe. In seinem Licht tanzte das Rumpelstilzchen und es sagten sich dazu Fuchs und Hase gute Nacht, es ein Ort, wohin der Maikäfer Herr Sumsemann in „Peterchens Mondfahrt“ reiste, und es war ein verschrobener, aber irgendwie auch gemütlicher alter Mann, der dem kleinen Häwelmann ins Gesicht leuchtete und ihn ob seines Ungestüms rügte. Und als es der dumme kleine Häwelmann zu bunt trieb, strafte der Mond ihn und ließ sein Licht verlöschen. Später dann war der Mond eben Frau Luna: die schöne Bleiche, die ätherische Frau. Daß „Mondlicht in einem Baugerüst“ eines der von mir geschätzten Gedichte werden sollte, ahnte ich am 20. Juli 1969 nicht.

Mondlicht in einem Baugerüst
am Ende des 20. Jahrhunderts, einfach wie
Mondlicht in einer übriggebliebenen
Allee, schön wie ein langes Klaviersolo Lennie Tristanos,
ein Bücherregal mit noch nicht gelesenen

Büchern, kräftig wie ein Güterzug, flache Schatten,
Entzückungen: voller Mond im September über der
Seitenstraße in der Innenstadt abends 9 Uhr. Das Wort
Mondlicht erinnert mich u.a. an Mondlicht und

nachts im leeren Gang eines Schnellzuges am Fenster
zu stehen und hinauszublicken auf eine Landschaft,
über der das Mondlicht ausgebreitet ist, offen,
gewöhnlich und unsentimental wie eine dunkle

Tankstelle in der sonst menschenleeren Weite,
oder wie Sonntagnachmittag drei Uhr „hang on,
sloopy“ zu hören und auf einen leeren Park
Platz zu schauen, wo ein umgekippter emaillierter

Elektroherd liegt.

Irgendwo eine Seitenstraße in Köln oder in Hamburg eine normalbefahrene Straße im Randbezirk nahe den Hochhaussiedlungen, am 20. Juli. Es war dieses Gedicht an diesem Tag auch noch nicht geschrieben.

Ich zitiere mich gerne selbst, aus meinem Text zu Yoko Ono und John Lennon, darin auch eine Reise zum Mond vorkommt:

1969 war das Jahr von Woodstock und in Altamont kam die vermeintliche Utopie zum Ende, wie es pop-lehrbuchhaft so schön hieß, als die Hells Angels beim Konzert der Rolling Stones einen Neger erstachen. Aber diese Differenz zweier Festivals ist nur eine Illusion. In Woodstock, im Pop, ist Altamont immer schon angelegt. Irrungen, Wirrungen. 1969 zeigte die Risse. Die Reise zum Mond. Utopie nach Ins-Außen, als Reise, in den Weltenraum. Enterprise. Noch in der Grundschule spielten wir dies, als die neue Aula eröffnet wurde, als Kinder, auf der Bühne nach: die Klassenfahrt zum Mond hieß das Stück. Ich war zum Glück nur der Tagesschau-Sprecher, der aus einem Fernsehkasten links von der Bühne auf das Publikum glotze und nachdem die alte Titelmelodie der „Macht um acht“ tönte, verkündete, daß eine Schulklasse zum Mond geflogen sei. Ich brauchte zum Glück mit den widerlichen Kindern nicht mitzureisen, sondern durfte deren Landung verkünden. Leider kamen sie auch wieder zurück, nichts ging schief und ich mußte am nächsten Tag wieder mit ihrem naseweisen Geschwätz im Klassenraum dasitzen. Die blonde Klassenlehrerin hatte ganz zu recht mich als Außenposition des Sprechers von Ereignissen, die zu Nachrichten wurden, gewählt. Distanz als Lebensmodus schon als Kind. Ich schätze die Ferne. „Die größte Kraft ist deine Phantasie“. Deren Reisen lagen in der Ferne. Unter dem Pflaster. Journalist, wie ich immer dachte, wurde ich nicht. Besser war es.

Und ich erinnere mich, daß es damals als Spielzeug Mondfähren und Mondroboter gab, Airfix hatte im Sortiment der Miniaturfiguren auch die Mondfahrer, was mich wenig interessierte – ich mochte die richtigen Soldaten lieber, dann damals Anfang der 1970er Jahre, mit vier gab es nur Ritterschwert und Indianerkostüm. Zum Glück ohne sinnlose Debatten von Cultural confussed People.

Vor allem aber im Krämerladen beim neuen Einkaufszentrum, in der Ecke beim Naschkram zu kaufen, gab es jenen Mondstaub. Das war ein weißes Pulver. Es schmeckte süß. Und es bestand aus Kokosraspel. Nicht schlecht, dachten wir und schleckten aus von der Handfläche. Aber in den Zeiten der rational-entzauberten Welt ist echter Mondstaub wohl eher gefährlich. Solche Phantasien von Verheißung und Seltsamkeit gab es wohl nur im schönen Kinderland oder in der Einbildungskraft der Dichter.

Das Wissenschaftliche dieser Mission hatte mich schon als Kind wenig gereizt und Reisen hatten für mich nur Sinn, wenn es an Orte ging, wohin man am Ende auch gelangen konnte. Der Mond war kein realer Ort, der Mond war ein Sehnsuchtsort, der unser Denken bestimmt, weil er die Einbildungskraft anregt:

„Der Mond stand in mildem Glanze über den Hügeln, und ließ wunderliche Träume in allen Kreaturen aufsteigen. Selbst wie ein Traum der Sonne, lag er über der in sich gekehrten Traumwelt, und führte die in unzählige Grenzen geteilte Natur in jene fabelhafte Urzeit zurück, wo jeder Keim noch für sich schlummerte, und einsam und unberührt sich vergeblich sehnte, die dunkle Fülle seines unermeßlichen Daseins zu entfalten.“ (Novalis, Heinrich von Ofterdingen)

Was für herrliche Zeilen! Novalis ist ein Vorläufer der künstlichen Paradiese und der surrealistischen Überschreitungen, und in diesem Sinne taten die 68er-Studenten dem philosophisch-literarischem Denken des Friedrich von Hardenberg unrecht,  wenn sie die Wände der Universität mit roter Farbe schrieben: „Macht die blaue Blume rot –
Schlagt die Germanistik tot.“ Sie verkannten, daß die Situationisten im Pariser Mai mit ihren Wandparolen genau diese Phantasie an die Macht bringen wollten, man lese nur deren Parolen – ganz im Geist des Surrealismus als Politik. Ob sowas als poetische Politik funktioniert und am Ende wohldurchdacht ist, wenn die Ebenen verschleifen, sei dahingestellt. Das Denken auf Einheit in Differenz zumindest, daß die literarische Romantik befleißigte, fand freilich unter ganz anderen Voraussetzungen statt. Nämlich im Anschluß an die Philosophie Kants und die dort offen gebliebenen Fragen sowie der daraus resultierenden, nicht ganz einfach zu tilgenden Brüche zwischen theoretischer und praktischer Vernunft, oder wie Friedrich Wilhelm Joseph Schelling im Januar 1795 in einem Brief es an Hegel schrieb:

„Die Philosophie ist noch nicht am Ende. Kant hat die Resultate gegeben: die Prämissen fehlen noch. Und wer kann die Resultate verstehen ohne die Prämissen?“

Eine Theorie des Selbstbewußtseins, ein Denken des ordo inversus. Der Mond ist ein Ort, um die Ferne anzuzeigen und wie sehr sich das Leben auf unserer der Erde, von Mond aus betrachtet, seltsam ausnimmt und wie klein all dieses Treiben scheint, wenn es durch fremde Augen betrachtet wird. So schreibt Franz Kafka in einem Brief an Oskar Pollak vom 9. November 1903:

„Lieber Oskar!
Ich bin vielleicht froh, daß Du weggefahren bist, so froh wie die Menschen sein müßten, wenn jemand auf den Mond kletterte, um sie von dort aus anzusehen, denn dieses Bewußtsein, von einer solchen Höhe und Ferne aus betrachtet zu werden, gäbe den Menschen eine wenn auch winzige Sicherheit dafür, daß ihre Bewegungen und Worte und Wünsche nicht allzu komisch und sinnlos wären, solange man auf den Sternwarten kein Lachen vom Monde her hört.“

Kafka setze in seiner Prosa jenen fremden Blick vom anderen Ort her vielfach in die literarische Szene.

Für jene Mondsüchtigen, wie ich es bin, gibt es heute vom Bayrischen Rundfunk eine Auswahl wunderschöner Musik zum Mond: Es sind dies allesamt feine (und abwechslungsreiche) Stücke. Mein Liebling ist „Breakfast at Tiffany’s“ und „Der Mond ist aufgegangen“, so wie überhaupt im deutschen Volkslied der Mond eine herrliche Stellung einnimmt. Und im Hinblick auf „Stellung“ fällt mir auch wieder jenes Mondlichtgedicht ein – eben wie bei Brinkmann, zum Ende des Gedichtes, im Vers in der Mitte:

Und mir ist egal, ob das Mondlicht paßt oder nicht,
das Mondlicht fällt in den Supermarkt, es macht

die Dinge einfach mehr weniger, und zu fragen,
nach wieviel Stößen kommst du unterm Mondlicht ist Schwachsinn
unterm Mondlicht, und es macht gar keinen Sinn, das Mondlicht
anders zu beschreiben als mit Mondlicht. Und wenn ich sage,

das Mondlicht ist eine Türklinke im Mondlicht, heißt das,
das Mondlicht ist schön wie Mondlicht; und es ist Zeit;
mit den Vorschriften aufzuhören.

 

 

 

 

 

 

12 Gedanken zu „Mondsüchtig – Flüchtige Skizzen, auch im Hinblick auf die Jenaer Frühromantik

  1. Ich verfolgte das Geschehen am Schlüsselloch. Da ich 40 Fieber hatte durfte ich die Mondlandung nicht mitansehen, also hing ich während der gesamten Sendung am Schlüsselloch. Damals war für mich klar dass ich Astronaut werde.

  2. Im Unkontrollierten Nachwort auf Seite 313 oben thematisiert Brinkmann kurz das Entstehen seines Mondgedichts und sein Wegwischen der Bedenken. Auch dieses Meta unbedingt lesenswert.

  3. @ che: Seltsam, das war nie mein Wunsch, ich blieb doch eher irdisch, himmlisch allein im Phantasieren. Obgleich ich Raumschiff Enterprise schon gerne sah, war ich nie ein Science Fiction-Fan – auch in der Literatur nicht.

    @ Holio: Der Brinkmann-Sound ist ganz wundervoll und auch sein Changieren und ein Umtreiben zwischen Welt und Text und Pop. Ein großartiger wunderbarer Dichter – bis heute hin.

  4. Ich habe Jahrzehnte fast nur Science-fiction- und Fantasy-Romane angeht was Belletristik angeht und als Jugendlicher auch eine SF-Romanserie geschrieben, die Muka-Serie. Unterscheidet sich von Perry Rhodan, Ren Dhark, Raumpatrouille Orion oder Star Trek dadurch dass aus der Perspektive von Außerirdischen erzählt wird und die Konflikte zwischen Ugilern, Usanern, Drwrnkltz, Gelenogariern und Alabrickern im Mittelpunkt stehen, während Erde und Menschheit nur eine sehr periphere Rolle spielen (ein Sonnensystem am Rande, das zwischendurch mal erobert und unterworfen wird, für die kosmischen Imperien etwa so wichtig wie Moesien für Rom).

    Mainstream-Literatur, also alles was weder SciFi noch Fantasy noch Underground oder Comic ist nehme ich hingegen nur zur Kenntnis wenn sie im Radio gelesen wird. Dafür lese ich selbst auf dem Laufband im Fitnessstudio die neuesten Erkenntnisse der Astro- und Quantenphysik.

  5. Mainstream-Literatur ist ein eher problematischer Begriff. Es gibt gute und es gibt schlechte Literatur. Es gibt gute Literatur, die von vielen gelesen wird und umgekehrt. Und es gibt gute und schlechte, mithin triviale Science Fiction, die sich an ein breites Publikum richtet und solche, die gekonnt erzählt sind. Romane, selbst solche von Fauser und die der realistischen Sorte, werden eher von wenigen gelesen. Warum ich mir aber ein Liebesgeschichte samt Ehebruch zwischen einem neunköpfigen Onker und einer siebenhäutigen Raga vom Planeten Tiranus20XG durchlesen sollte, muß man mir noch genauer erläutern. Ich lese dann doch lieber Madame Bovary und Anna Karenina, weil da Zustände beschrieben werden, die den Menschen nahe sind – davon ab, daß die meisten Geschichten aus dem Weltraum am Ende doch sehr down to earch und eben auch nur eingekleidete Parabeln sind. Einen Stoff in einen Science Fiction zu verpacken, muß also schon formal und von der gestalterischen Konstruktion in irgendeiner Form motiviert sein – bei Dietmar Daths „Die Abschaffung der Arten“ etwa scheint dies der Fall zu sein.

  6. Die von Dir genannten Romane, ähnlich wie z.B. Effi Briest, sind dadurch interessant weil sie historische Sittengemälde sind und an der herrschenden Moral ihrer Zeit Kritik übten. Liebesgeschichten an sich interessieren mich nicht, viel eher Stories deren Plot eine Queste darstellt, wie der Herr der Ringe. Was die Science fiction angeht interessieren mich deren eher poetische Formen (z.B. Ray Bradbury) oder solche die ernsthaft philosophische Fragen thematisieren bzw. sich mit der Möglichkeit außerirdischer Intelligenz in einer nichtanthropomorphen Form beschäftigen (etwa Lems Solaris und die Werke der Brüder Strugatsky) bzw. satirische oder burlesk-überdrehte Sci Fi wie Lems Sterntagebücher, Adams Per Anhalter durch die Galaxis oder die Werke Gaymans und Pratchetts.

  7. Ich würde es noch nicht einmal als Kritik sehen, sondern, wie bei Flaubert, Tolstoi und Fontane, tatsächlich als Bild der Zeit, und eben auch als ästhetischer Ausdruck, Lebensformen erzählerisch auf den Prüfstand zu stellen.

    Interessant sind prinzipiell alle Themen, selbst das Ausbaggern einer Baugrube kann Sujet einer Prosa sein – es ist nur eben dann die Frage, wie solches angegangen und erzählt wird. Für Utopien mag der Science Fiction gut geeignet sein, und wenn ich an Lems „Solaris“ denke, auch für philosophische Überlegungen, ohne daß solcher Text nun gleich erzählte Philosophie ist. Die Wahl der Form und der Gattung, die ein Autor wählt, hängt es eben auch davon ab, wie er erzählen will. Bei einer Parabel oder einer gleichnisartigen Darstellung bieten sich sicherlich andere Formate an, als realistische oder experimentelle Prosa. Die Frage ist am Ende immer die, wie ein solches Gebilde intern gemacht ist. Ähnlich ist es ja mit dem Krimi: Chandler, Hammet, Faulkner, Léo Malet erzählen zwar spannende Kriminalfällt, aber darin ist zugleich eben auch eine Sicht auf Gesellschaft und damit auch eine Darstellung von Gesellschaft „verpackt“. Chandlers Los Angeles der 1930er Jahre ist zugleich auch eine Sozialkritik, ohne in Sozialkitsch abzudriften.

  8. Du sagst es sehr exakt. Joyce wäre noch zu nennen als ein Autor, der mit Ulisses und Finnegans Wache erzählende Prosa, keltischen Humor und experimentelle Sprachspiele einzigartig vereint hat.

  9. Ja, Kafka genauso, Döblin, Faulkner, André Gide, aber auch Thomas Mann, die in spezifischer Weise und als Vertreter der Klassischen Moderne in neuen Formen etwas erzählen.

  10. interresant ist hier Adornos Bemerkung am Anfang seiner Antwort auf die Frage, was deutsch sei. „In den westlichen Ländern, wo die Spielregeln der Gesellschaft den Massen tiefer eingesenkt sind, wäre er [Hitler] dem Lachen verfallen.“ Mit dem Grad der Zivilisation steig auch das Bewusstsein davon, dass die Regeln, der sie gehorcht, Regeln sind von etwas, das durchaus als bloßes Spiel aufgefasst werden und damit dem Gelächter preisgegeben werden kann. Wo einem das Lachen vergeht, dafür möchte ich nur exemplarisch nur Horvath nennen. Nur wenn jedenfalls solche Spielregeln überhaupt noch bestehen, kann interessant noch in der Literatur Gesellschaftskritik betrieben werden. Deswegen ist Proust oder Sei Shōnagon für uns noch heute interessant; um wieviel weniger etwa Effi Briest, Madame Bovary, die so wenig zu lachen hatten.

    An Lem ist interessant, dass sich rein philosophisch seit ihm in der Szience-Fiction so gut wie nichts mehr interessantes getan hat. Lem war offensichtlich mit den Werken der Utopisten vom Anfang des 20. Jh. vertraut, kannte sich aus, etwa auch was Feynmann und seine Spekulationen über zukünftig Nana-Szenarien aus den End-50ern betrifft. 1964 dann bereits Lems „Der Unbesiegbare“. Überhaupt ist Lem hier rückblickend schier unausschöpfbar. In „Eden“ geht es etwa – unter anderem – um die Folgen genetischer Manipulation. Oder etwa das Gelächter, das er einem Forscher aus einem fiktiven 2050 in den Mund legt über vorige Forschergenerationen, die KI-Systeme zuentwickel trachteten, ohne an die Möglichkeit (nano)-maschineller Evolution zu denken. (Was insbesondre die Forschungsergebnissse der frühen Spekulationen über die Entstehung des Lebens nahelegen, an denen etwa auch Fachleute die J. D. Bernal oder Haldane beteiligt waren, führende Tranhumanisten jener Zeit und jedenfalls noch in den 20ern (britische) Kommunisten.) Das ist interessant, weil die Idee der maschinellen Evolution (siehe „Der Unbesiegbare“ von 1964) Feynmanns Idee der Singulatität impliziert.

    Wenn Lem gesellschftskritisch zu lesen ist, dann dort, wo er sich über den Wissenschftsbetrieb lustig macht. Der jedoch eher in einer zukünftigen USA angesiedelt zu sein scheint. (Wieder Bezug auf Bernal, der den Kapitalismus für unfähig hielt, die andererseits unvermeidiche tranhumanse Zukunkt von uns anständig auf den Weg zu bringen – siehe auch Solaris, dessen Verfilmung aus bloßem Geldmangel zur Kritik an der sozialistischen Bürokratie geriet.) Er äußert sich selber kritisch zu seinem „Tranfer“, wo seine Zeichnung der ProtagonistInnen ihm selbst zu geschlechtsstereotytisch geriet (Triebe werden durch Drogen heruntergeregelt)

    Wenn etwa sein „Futurologischer Kongress“ als gesellschaftskritisches Statement mit bezug auf Huxley gelesen wird, und damit als ein Nachahmerwerk, so wirdüber sehen, dass Huxley stark unter dem Eindruck der Ideen jener (kommunistischen) Tranhumanisten und Utoopisten, also z.B. Bernal und Haldane, stand. Lem war jedoch – im Gegensatz zu Huxley – wissenschaftlich informiert.

    Bernal sah z.B. bereits 1929 imlpementierte Computer-Gehirn-Schnittstellen voraus; so prognostizierte er auch eine biomorphe Technologie. Lem, dem das alles bekannt gewesen sein dürfte, bereitet uns heute nur ein Deja-vu, wenn wir an die heutigen Diskussionen denken.

    Wieder, genauso wie die immer noch nicht wirklich stattfinden Diskussion um CRISPR zuerst alarmierend von den Wissenschaftlern angestoßen bzw. dringlichst gefordert wurde, finden wir auf der Website der European Molecular Biology Organization den Aufruf „Back to the Future“, also den Aufruf, angesichts der heutigen Diskussionen um Genmanipulation, Eugenik usw. uns mit den britischen biopolituischen Futuristen der 20ger Jaher zu beschäftigen.

    Seltsamen Schweigen der Sozialwissenschaften (Abgesehen von Sloterdijks vollkommen abstrusen „Menschanpark“, wo er so kenntnisbefreit wie nur möglich (unbeabsichtigt) Ideen Heideggers mit Motiven aus Lens „Futorologischem Kongress“ vermixt.

    Bleibt zu bemerken, dass Biologen in der (zeitlichen) Folge von Darwin in England, also Darwin selbst in „The Decent of Man“, auch (Thomas Henry) Huxley, Herbert Spencer, Wiliam James gerade nicht die sozialdarwinistische „Konsequnz“, wie etwa Heackel, den Darwin dann auch bekanntlich schnitt, zogen, sondern, anders als Friedrich von Bernhardi (als Vorläufer Hitlers), nicht an eine darwinistisch gerechtfertigten Krieg dachten, stattdessen am Glauben an die Zivilisation festhielten (der Krieg müsste überwindbar sein), wie Michael Ruse bemerkt.

    Darwins Theorie wie auch das Doppelhelix-Modell der DNA sowie die ersten Überlegungen zur entsehung des Lebens (20er Jahre, die bis heute Einfluss haben) und die Utopien der an letzteren beteiligten Biofuturisten standen unter dem Einfluss bzw. bewirkten eher Spekulationen (möglw. etwas naiv) in humanistischem Geiste.

    All das mus man mitbedenken, wenn man Lens Ironie verstehen will – er heute aktueller ist denn je.

  11. Na ja, bei Lem wären dann noch die Sterntagebücher als beißend-ironische Science-fiction-Gesellschaftssatire und Vorgriff auf Adam´s „Per Anhalter durch die Galaxis“ zu erwähnen, wo die Haldane- und Huxleyschen genetischen Menschenverbesserungsutopien völlig veralbert werden (Menschenverbesserung durch vergrößerte Gehirne, die nicht mehr in den Kopf passen sondern einen eigenen Zweitkörper auf separaten Beinen benötigen, den „Folger“, später dann Separatgehirne in zusätzlichen „Nachfolgern“ und „Vorgängern“, schließlich stationäre Superintelligenzen mit tonnenschweren Gehirnen die ihre Umgebung durch Telepathie und Telekinese steuern, immer ausschweifendere sexuelle Dienstleistungen bis hin zur „Agonanie“, SM mit tödlichem Ausgang und anschließender Wiederbelebung z.B. in Form der „beiligen Sodomie“ mit Enthauptung und anschließender Behauptung, wechselweises Hin- und Herrichten und später dann in „Lokaltermin“ die Erklärung dass es sichbei den hier geschilderten Phänomenen nur um eine Art Vergnügungspark gehandelt habe weswegen der eigentliche Planet noch einmal besucht wird. Dieser Besuch beinhaltet dann eine extrem übersteigerte Satire auf Realsozialismus und Kapitalismus – Menschen die in galeerenähnlichen Strafkolonien in Form bewohnter Dinosaurier, den „Kurdeln“, leben und eine dekadente Luxuswelt in der eine künstliche Umwelt, die „Ethosphäre“, jede Art von gesellschaftsschädlichem Verhalten durch Eingreifen von Controllingsystemen bis runter zur molekularen Ebene unmöglich macht.

    Der Lem´sche Humor ist ein Mikrokosmos an sich.

  12. Ich denke, ziggev, es geht nicht einfach nur ums Lachen – das ist ein Aspekt, aber eben nicht der einzige –, sondern um Formen der Darstellung in der Literatur und zugleich immer auch darum, diese Formen der Darstellung selbst wieder innerhalb der Literatur zu reflektieren – siehe den Don Quijote. Das Lachen oder etwas dem Gelächter preiszugeben ist kein ausschließliches Kriterium für Kritik. Natürlich wäre „Madame Bovary“ immer noch eine Kritik der bürgerlichen Gesellschaft und des bürgerlichen Bewußtseins, selbst wenn sie nicht komisch wäre (was nicht der Fall ist) – unter anderem auch der Heuchelei und der Bigotterie. „L’Éducation sentimentale“ und „Madame Bovary“ sind zwei Seiten einer Medaille. Und, nebenbei gesagt, enthält auch dieser Roman zahlreiche komische Aspekte, freilich subtil, so wie überhaupt Flaubert sich über die bürgerliche Gesellschaft köstlich amüsierte: in Madame Bovary sowie auch in „L’Éducation sentimentale“. Allerdings ist es nicht primär die Aufgabe von Literatur, unmittelbar die Gesellschaft zu kritisieren – da kommt dann meist nur schlechte Literatur heraus und man schreibt dann besser einen Traktat. Sondern dies geschieht, wie insbesondere bei Flaubert, auf verschlungenen Pfaden, etwa indem man zunächst einmal Mechanismen darstellt.

    Adornos Essay „Was ist deutsch?“ ist bis heute noch aktuell – einerseits ist es Kritik der Gesellschaft und eben kein plumpes Abwatschen eines Heimatbegriffs, wie wir es leider in Teilen der Dumpf- und Ohne-Kopf-Linken finden, sondern die dialektische Arbeit des Begriffs. Die zunehmend verloren geht. Und damit geht eben am Ende auch die Kritik flöten und das Denken gerät zu einem Reiz-Reaktionsschema. Auf alle Fälle aber ist das ein interessanter und wichtiger Text. Dazu könnte man noch seinen Eichendorff-Essay aus den „Noten zur Literatur“ lesen.

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