Jörg Fauser, zum 75. Geburtstag. (Aus der Rubrik „Ungelöste Kriminalfälle“)

Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen, aber ich habe dir das Kellerverließ angeboten. Du hast das nicht gewollt. Ich habe dich dennoch dort hineingepackt. In einer Kleingartensiedlung unter der Erde habe ich dich 14 Jahre aufbewahrt und gelagert wie einen guten Wein. Du warst enttäuscht. Sag nicht, daß du nichts gewußt hättest, Sahra!

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„In diesem Sommer waren Drogen billiger als Bücher, es sei denn, man schrieb sie selbst.“ (Jörg Fauser, Rohstoff)

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Einer der seltsamen Vorausnachrufe zu Fauser wurde auf dem Blog 54 books geschrieben. Gnade Gott, wenn der gendersensible Mann zur Tastatur greift:

„Und der im Herzen konservative Spießer wäre er wohl auch heute noch, wenn er nicht so früh und tragisch verstorben wäre. Gerade deswegen wundert es umso mehr, dass das Feuilleton ihn immer wieder für seine Grenzüberschreitungen feiert. Seine Literatur, seine Reportagen und Essays sind voller rassistischer Ansichten, Homophobie und Misogynie, da werden Männer als Schwuchteln beschimpft und Frauen sind grundsätzlich Sexobjekte. Fauser, der sich selbst als unpolitisch betrachtete, würde heute wohl gegen ‚politische Korrektheit‘ wettern und sich ‚weder rechts noch links‘ oder ‚Freidenker‘ in die Twitterbio oder die Selbstbeschreibung auf Facebook schreiben.
(…)
Jörg Fauser wurde gerade erst im Lesenswert Quartett besprochen, bekommt die dritte Werkausgabe und wird zu jedem Todes-, Geburtstag und wieder aufgelegtem Text aufs Neue als der dreckige Undergroundschriftsteller besungen. Mit ein Grund, warum Fauser wieder und wieder hervorgeholt wird, dürfte sein, dass Authentizität im aktuellen Literaturbetrieb groß geschrieben wird. Und männliche Authentizität bedeutet in vielen Fällen immer noch eine vermeintlich harte Männlichkeitsprosa. Dazu passt das landläufige Bild von Fauser als kultiger Kneipenliterat dann wie die Faust aufs Auge. Das ist viel der Ehre, nur leider die falsche.“

Davon einmal ab, daß der konservative Spießer in bestimmten Mainstream-Milieus saturierter Kulturlinker inzwischen der Revolutionär ist: Mir ist diese – vermeintlich – harte Männlichkeitsprosa Fausers samt den Rezeptionskonstrukten mittelalter Männer immer noch lieber als das Weinerlichkeitsgeseiche säkularer Calvinisten oder der Negerwortschnüffler vom Wörthersee, die gerne eine saubere Literatur hätten, es sei denn, man klagt darin Diskriminierung an und mosert unmittelbarkeitsbetroffen über Gesellschaft. Schon Brecht ist ihnen zu hoch – und hatte der nicht auch etwas mit Frauen? Mit vielen gar? Hat er sich nicht sogar im Baumarkt Kabelbinder geholt?

Aber solcher Vorbehalt gegen solche Art von Kritik ist jetzt erst einmal nur ein (subjektives) Geschmacksurteil. Es läßt sich freilich auch literaturkritisch einiges an dieser Art von Kritik aussetzen, die vermeintlich die Fauser-Rezeption meint und doch über Bande den Autor treffen will. Vor allem zeichnet sich hier eine schlimme Tendenz innerhalb einer bestimmten Art von Literaturkritik ab: Kunst auf Befindlichkeiten einzudampfen. Unter anderem ist es die Tendenz, daß politische Korrektheit als ästhetisches Kriterium ausgegeben wird, um Texte oder deren Rezeption nach Mißliebigem abzuklopfen. Das reicht hin bis zu Menschen, die mit Literatur und Kunst ansonsten wenig am Hut haben. Eine Kuchenbloggerin namens KatjaBerlin schreibt:

„lieber den 1000. text daüber schreiben, wieso kunstwerke unabhängig vom künstler zu sehen seien, als einmal darüber nachdenken, wieso so viele nazis, vergewaltiger und despoten als künstlerische genies gelten.“

Daß es zwei Ebenen sind und ein Werk mehr als sein Autor bedeutet und daß biographische Deutungen meist aus der Ferne geschehen und in der Regel unter sehr verschiedenen Perspektiven erfolgen können, je nachdem, auf welchen Aspekt der Person man fokussiert, kommt KatjaBerlin kaum in den Sinn. Selbst in einer Vita gibt es keine einfachen Antworten und das Richtig-oder-falsch ist oft einfach der Denkbequemlichkeit geschuldet. Faßbinder mag ein problematischer Mensch gewesen sein, Pasolini mag seltsame Vorlieben gehabt haben: Beide machten gute Filme. Vielleicht sollte man, das wäre ein Anfang des Denkens, weniger in Torten und Diagrammen schematisieren, dann ginge einem an Poesie und Prosa mehr auf als nur die Logik des Verdachts. Ein angehender Literaturwissenschaftler twittert anläßlich von Castorfs Hamsun-Inszenierung „Hunger“, vor einem Jahr bei den Salzburger Festspielen:

„Nazisymbole und McDonalds… Verschimmelte Modernekritik vom berühmten Kulturkraftkerl F. Castorf, dessen kürzliche Eskapaden hier mit keinem Wort erwähnt werden. Stattdessen die übliche Vergötterung.“

Was hier eher verschimmelt und gammelig wirkt, sei in den Raum gestellt. Nicht die ästhetische Qualität eines Werkes, sondern Rezeptionsverhalten oder schlimmer noch die Vita eines Künstlers wird zurück aufs Werk gebogen. Oder Äußerungen zu Frauen im Theaterbetrieb, die Castorf in einem Interview machte, werden auf Verdächtiges abgeklopft. Daß Casorf genau diesem saturiert-fetten Milieu vor den Koffer scheißt, kommt dem Autor solcher Tweets nicht in den Sinn.

Wobei solches Vita-Schnüffeln andererseits gar nicht schlecht ist: öffnet doch dieses Verfahren ein Geschäftsfeld von DFG-Sonderforschungsbereichen an den Germanistischen Seminaren und denen für Literaturwissenschaft: R.D. Brinkmann und das Fluchen: Titten, Thesen, Temperament: neuer SFB an der Uni Greifswald. Goethe und der Fleischkonsum: Vulpius und Vulva. Hegel und der Wein: Treatment, Tresen, Tübingen. Fauser und die Frauen: Cut up, Ficken, Vogelflug.

Kritik jedoch, im emphatischen Sinne und etymologisch genommen – auch die der Literatur –, hat ihr Maß an der Sache. Sie ist nicht in einer irgendwie von außen herangetragenen Referenz oder in beliebiger und austauschbarer Ansicht von Privatmeinungen gegründet. Morgen klopfen wir Texte darauf ab, ob darin Umweltsünden beschönigt oder ob darin Roboter diskriminiert werden. Die Anlässe für die Hermeneutiker des Verdachts sind unendlich. Wem hier die Büßer-Sekte des Hohen Spatz in „Game of Thrones“ in den Sinn kommt, der liegt nicht ganz falsch.

Man muß Leuten wie Benjamin Stuckrad-Barre oder Franz Josef Wagner nicht zustimmen, wenn sie Fauser mögen, und man kann durchaus eine bestimmte Form von Rezeption kritisieren, weil einem die Haltung dahinter fragwürdig erscheint. Man sollte nur nicht die Rezeption mit dem Autor verwechseln und über Bande spielen, um den Autor auszukegeln, und man sollte sich vor normativen Schlüssen hüten, die das Werk betreffen.

Andererseits frage ich mich inzwischen: was ist an Männern schlecht, die gerne Männer sind? „Toxische Männlichkeit“ ist kein Kriterium, sondern oft bloß fadenscheiniger Vorwand – off von solchen vorgebracht, die ansonsten nicht müde werden, das pauschale Schema zu kritisieren, mit dem man bestimmte Gruppen angeht. Und die Kritik der Rezeption kann zudem durch die Kritik der Kritik der Rezeption kritisiert werden, den solche Kritik ist ja selbst wiederum nur eine bestimmte Rezeptionsweise. Man kann sie also kritisieren, indem einer halt irgendwas anderes Äußerliches in Anschlag bringt, und so kann die Sache ad infinitum fortgeschrieben werden. Die Rezeption von Kunst hat sicherlich auch etwas mit einem bestimmten Habitus zu tun – wenngleich in solchen Haltungen immer auch etwas Amusisches liegt, egal von welcher politischen Seite das kommt: Das gilt für den Ernst Jünger-Fanboy ebenso wie für die Jelinek-Gemeinde. Diesen Habitus kann man soziologisch ausleuchten: Sei das die Gruppe der Negerwortfahnder vom Wörthersee oder aber männlichkeitserprobte Strategen im Literaturkampf, die sich mit einer bestimmten Pose in Seminaren herumtreiben oder solche die Literatur mit Pop-Musik verwechseln und gerne Hitparaden-Ranglisten veröffentlichen. Aber das Leben ist bunt. All solches Posieren sagt nichts über das Werk, sondern nur über soziale Rahmen. Ein wenig ist es da, wie in der Pop-Musik. Das Rezeptionsverhalten korrespondiert mit der Zugehörigkeit zu bestimmten Milieus.

Literatur aber liefert keine Lebensmodelle, sondern zeigt Szenen und Situationen im Modus des Als-ob: Literatur schildert eine fiktive Vita: „Rohstoff“, das sind Drogen, das ist Text, das ist Leben in der Bundesrepublik Ende der 1960er Jahre. Das kann auch Dreck sein. Da finden wir aus der Mitte der 1980er Jahre eine Reaktion aufs autobiographische Schreiben und auf die Neue Subjektivität, teils von ihrer häßlichen Seite, teils das Krude und Harte betonend – ein literarischer Sound, der auf eine bestimmte gesellschaftliche Stimmung reagiert. Und von dieser Art von Sprache bei Fauser sind zunächst einmal ganz unterschiedliche Leute beim Lesen fasziniert. Oder halt abgestoßen. Unabhängig zunächst davon, ob die Sicht literaturkritisch gut begründet ist oder nicht. Damals war der saturierte Literaturbetrieb vor den Kopf geschlagen ob des harten Tons, der Leben zu verdoppeln schien: eine etablierte Kritik sah neue Zeiten kommen und ihr schwante nichts Gutes dabei. Mochte man Bernhards Aufsteigerungen und diese musikalische Wut literarisch irgendwie noch goutieren, zumal, weil seine Texte einen teils lyrischen Ton trugen, so war das mit Fausers Hard-Boiled-Realismus anders.

Fauser kann schreiben und er kann Szenen beschreiben: den Drogendruck in Istanbul und wie in Berlin, in Göttingen und in der Landkommune eine Beziehung zerfließt: Darin liegt das faszinierendes Moment seiner Literatur. Fauser kam zu einer Zeit, als auch Autoren wie Rainald Goetz und später dann Werner Schwab den Betrieb aufmischten und eine andere Art von Schreiben ins Spiel der Literatur brachten. Wieweit das nach über 30 Jahren noch trägt, darüber kann man streiten. Die Themen und die Stilschattierungen haben sich in der Moderne der 1970er Jahre geweitet: Es geht Goetz und Handke, es geht Rolf-Dieter Brinkmann ebenso wie Botho Strauß. Selbst Handke galt in den 1960ern als Neuerer: Beschreibungsimpotenz attestierte er der Gegenwartsliteratur 1966 in Princeton. Und Rezeptionen werden – trivialerweise – immer auch von gesellschaftlichen Haltungen und Strömungen getragen: Das gilt für die eine wie für die andere Seite. Nur lassen sich solche Rezeptionen nicht aufs Werk zurückbiegen. Solange man diese Differenz ziehen kann, hat man auch keine Probleme mit der Musik von Richard Wagner oder der Prosa von Louis-Ferdinand Céline.

„Rohstoff“ ist ein bis heute ein lesenswerter Roman im Genre posthippiesker On the Road-Literatur, die das Scheitern als Prinzip bereits in sich trägt. Und es ist ein Versuch, über das Schreiben und über Beziehungen zu Menschen im Schreiben Auskunft zu geben. Heute schreiben wir anders. Mein Plädoyer zumindest geht hin zu einer toxischen Literatur der Grausamkeit. There Will Be Blood!

28 Gedanken zu „Jörg Fauser, zum 75. Geburtstag. (Aus der Rubrik „Ungelöste Kriminalfälle“)

  1. Im Sinne von Hervorhebung oder im Sinne von Umschreibung?

    —– Der Fehlschluss, inhaltliche politische Korrektheit sein ein Qualitätskriterium für Literatur hatte ja schon mal zu Konflikten mit gewissen Blogdiskussionspartnern geführt. Was dahinter steht ist Identitätslogik. Die Identitätslogik der Pegida- Leute und ähnlicher ist im Grunde Antisemitismus im Adornoschen Sinne, mit dem austauschbaren Juden, es kann ja jeder Mißliebige und Geotherte sein. Für Pegida der Muselmann aber ev. auch der Besserwessi, für den Nazihool kollektiv Ausländer, Schwule, Lesben, Feministinnen, Linke.

    Die Identitätslogik der Linken ist anders, sie richtet sich zunächst einmal nach innen. Da wird, und zwar ganz ohne Institutionen und Chefs, ein bestimmtes Menschenbild quasi vorgegeben. Ein linker Mann benutzt kein Rasierwasser – das ist ekliger Machismo – ein linker Mann liest/schaut keine Pornos, eine linke Frau schminkt sich nicht und trägt keine High Heels, Linke machen keine Karriere in der Wirtschaft, fahren keine schnellen Autos, wohnen nicht komfortabel und haben politisch korrekten Sex, d.h. zum Beispiel kein BDSM, es sei denn sie sind lesbisch, dann muss, oder gay, dann darf es sein.

    Diese Identitätslogik wird dann nach außen gekehrt: Ein fast ordensgeistlicher Tugendkanon den bestimmte linke Milieus sich selbst verordnet haben wird mit völliger Selbstverständlichkeit in einem zweiten Schritt der gesamten Gesellschaft bzw. der Literaturwelt übergestülpt. Da ist dann ein Graffito mit einem Gedicht eine Vorform eines sexistischen Angriffs, Leute wie Deniz Yüzel (!!!) und Sarah Kuttner werden wegen ihres Nicht-Einverstandenseins mit der N-Wort-Vermeidungshysterie zu Rassisten erklärt. Wobei mein Kumpel Lloyd aus Gambia sagt das Wort Neger bedeute wörtlich Schwarzer er wüsste nicht was daran verletztend sei solange man nicht Nigger sage, ich kenne eine Schwarze die ständig sexuelle Anspielungen um sich schmeisst und Sprüche bringt wie „Die Negerin will immer nur das Eine“, nur um politisch korrekte Linke zu foppen weil es Spaß macht die auf die Palme zu bringen.

  2. Emphase im Sinne von nachdrücklich.

    Inhaltlich und in den politischen Vorstellungen gibt es zwischen rechten und linken Identitären freilich Unterschiede. Ähnlich sind sie in den Mustern des Denkens. Es ist ein verdinglichtes Denken, das auf Ausschluß und Abschottung beruht, indem ein bestimmter Mechanismus herausgegriffen wird: Haupfarbe, eine nationale oder eine sexuelle Eigenschaft.

    Die Frage nach der linken Identitätspolitik ist interessant, insbesondere weil sie am Ende ebenfalls zu Ausschlüssen führt. Der eigenen Gruppe wird qua abstrakter Order eine moralische Überlegenheit attestiert. Linke Identitätspolitik manifestiert sich in der Gruppenzugehörigkeit: Man nimmt nicht mehr die Gesellschaft als Ganze und als Totalität ihrer Bezüge wahr, sondern sucht nach immer neuen vermeintlich Marginalisierten. Meist sind es dann auch noch recht weiße oder recht privilegierte Farbige, die sich als Sprecher für alle aufschwingen und einen Alleinvertretungsanspruch geltend machen.

    Eine sehr schöne Ausführung zur Identitätspolitik findet sich bei Simon Strauß:

    „Identität ist das Schlagwort der Stunde. Was früher die Konfession war, später die Ideologie wurde, ist heute die Identität: das erfolgversprechendste Mittel, um Zugehörigkeit zu signalisieren. Identität ist ein Begriff, der auch deshalb im bedrohlich unübersichtlichen 21. Jahrhundert eine solche Anziehung entwickelt, weil er einen Anspruch auf besonderen Schutz geltend macht. Er lässt sich einsetzen wie ein Schild, hinter dem man sich verschanzen und angegriffen fühlen kann. Denn gegen Identität lässt sich nur schwer argumentieren. Angesiedelt in einer „Zwischenzone zwischen Selbstauskunft und Fremdbeschreibung“[3] behauptet der Begriff, Tatsache zu sein, ohne auf seinen transitiven Status verzichten zu wollen: Jede Identitätsbehauptung ist durch faktische Entwicklungen sowie durch ein komplexes Sprachspiel der Identitätszuschreibungen konstituiert. Damit ist Identität an sich eine offene Bestimmung, etwas, „das noch nicht ganz oder noch nicht genug da ist und das vervollständigt werden muss“.“ (Simon Strauß, Bürgerliche Bekenntniskultur statt Identitätspolitik – Essay )

    Strauß argumentiert zwar vom Standpunkt einer bürgerlichen Position aus. Aber selbst dieses Denken scheint mir inzwischen deutlich progressiver zu sein als die linken Sektenzirkel und ihr Marginalisierungs-Bingo samt Opferquartett. Angefangen bei jenen Fauser-Bezichtigungen – natürlich ohne irgendwelche Belege.

    Ebenfalls aufschlußreich das Interview mit Mark Lilla in der „Zeit“

    https://www.zeit.de/2018/03/mark-lilla-identitaetspolitik-interview/komplettansicht

    Im Grunde ist dies linke Identitätspolitik Auswuchs des neoliberalen Individualismus. Die Linksidentitären können Gesellschaft nur noch vom Standpunkt irgendwelcher Marginalisierter denken und auch dort gibt es inzwischen schon Zoff in den eigenen Reihen: Weiße Schwule seien bereits privilegiert und hätten damit nichts mehr zu melden. Etc. pp. Das alte Spiel. Wohl jenen Schwulen, die sich von diesen identitären Hanseln niemals in Geiselhaft nehmen ließen.

    In der Tat kann man diese Leute mit bestimmten Sprüchen gut auf die Palme bringen, und es gibt zudem in der Linken ja immer noch einige, die zwar Diskriminierung sehen, aber nicht das Marinalisierungsbingo spielen, sondern immer noch auf die ökonomischen Verhältnisse einer Gesellschaft blicken. Wie übrigens auch Adorno in seiner Rede von 1967 zum Rechtsextremismus. Gesellschaft nicht aus Partialperspektive zu betrachten.

    Und immer wieder empfehlen kann ich natürlich in dieser Sache Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“.

  3. Auch die klassische Linke denkt/dachte identitär, aber auf ein anderes Subjekt bezogen, nämlich die Arbeiterklasse. Solange es gewachsene bodenständige Arbeitermilieus gab funktionierte das alles – die Abstraktion, sich über die entfremdete Arbeit als Mitglied einer multifokal zusammengesetzten Klasse zu fühlen bringt hingegen kaum jemand auf. Um es mit Maria Perzil zu sagen: „Die Abstraktion ist nicht genug. Ihr fehlt der Geschmack von Eisen und Blut.“

  4. Ja, nur war das in der klassischen Linken seinerzeit ein anderes Denken, und es war auch in der Theorie anders gegründet. Schon Horkheimer/Adorno erkannten freilcih, daß es mit der alten Arbeiterklasse, die noch Georg Lukács in der Schrift „Geschichte und Klassenbewußtsein“ vorschwebte – ein zentrales Referenzwerk zur frühen Kritischen Theorie nebenbei -, problematisch sei. Das Bewußtsein des Arbeiters hatte inzwischen dem den Kapitalisten qua Bewußtseins- bw. Kulturindustrie nichts mehr voraus, so Adorno. Teile der Arbeiterschaft resignierten 1933 oder fühlten sich von der anfänglichen Volksfürsorge des Dritten Reiches (siehe dazu die These von Götz Ally) gut aufgehoben. Andere Modelle mußten her. Und inzwischen sind wir in der Kuschelecke linker Selbstgefälligkeit angekommen. Man definiert sich als Opfer, jammert und glaubt, es interessiert jemanden. Man erpreßt moralisch und wundert sich, weshalb die Leute scharenweise davonlaufen – übrigens auch ein Grund für die Ironie-Attitüde der Generation Golf und des postmodernen Spotts Anfang der 90er Jahre. Ich mochte diese Schnösel-Spießer nicht, aber am Ende waren sie mir vermutlich näher als ein bestimmtes linkes Moralspackentum – ich weiß, Du hast andere Szenezusammenhänge erlebt, che. Aber auch das wäre aufgrund des Kollektiven nichts für mich. In meiner Sicht waren diese linken Anklage-Rituale Ende der 1980er der Grund, mich von dort zu verabschieden und das große Auslachen zu starten.

    Vor allem aber geht es in dem Ländern Westeuropas den Leuten viel zu gut als daß sie rebellieren wollten. Und die revolutionäre Situation, so fürchte ich, die steht uns heute vermutlich – gnade uns Gott – eher von rechts vor der Tür. Andererseits ändern sich Zeiten schnell, und wer weiß schon, was in 10 Jahren ist.

  5. In Bezug auf reale Existenznot in Ländern in Afrika oder Asien würde ich sagen, daß dort der Modus des Kampfes und auch der Solidarität westlicher Linker samt der Angriffe auch auf die hier sitzenden Konzernzentralen gefordert und wichtig ist. Zunächst mal öffentlicher Druck auf solche Konzerne, die von Kinderarbeit leben und dann halt eine Gangart schärfer.

  6. @“Vor allem aber geht es in dem Ländern Westeuropas den Leuten viel zu gut als daß sie rebellieren wollten. “ —– Das gilt für Deutschland, für junge Langzeitarbeitslose in Spanien, Portugal und Griechenland – „Generation 400 Euro“, wie die sich selber nennen und zu denen viele der Randaleure beim Hamburger Gipfel gehörten gilt dies nicht. Auch nicht für Arme auf den Britischen Inseln, wo nach dem Brexit die nächste soziale Eruption zu erwarten ist.

  7. Ja, nur es geschieht eben nichts. Außer daß Dummköpfe in Hamburg sinnlos einen Stadtteil verwüsten oder eben irgendwelche eruptiven Situationen, bei denen meist eh nur Leute getroffen werden, die man eigentlich gar nicht treffen wollte und sollte. Klassenkampf und Protest sollte anders gehen. Er sollte vielleicht auch einen Witz haben, damit er positiv besetzt ist und auch Leute es vielleicht goutieren, die sonst nicht protestieren würden. Schwierige Sache.

    Woran liegt es, daß sich die einstmals so starke Arbeiterklasse in England derart hat aus dem Feld schlagen lassen. Vereinzelung ist sicherlich ein Aspekt. Wäre sozialgeschichtlich und soziologisch einmal interessant zu sehen, woher diese Verschiebungen resultieren. Ein paar Ahnungen hat man ja durchaus, wie sich in der neoliberalen Gesellschaft, in der jeder irgendwie seines Glückes Schmied zu sein hat, diese Dinge entwickelten

  8. @Auch die klassische Linke denkt/dachte identitär, aber auf ein anderes Subjekt bezogen, nämlich die Arbeiterklasse.

    Das galt auch für Feministinnen, die das Frausein so in den Mittelpunkt stellten dass es geradezu biologistische Züge annahm. Ingrid Strobl hatte zu diesem Thema ihrerzeit ein Buch mit dem Titel „Frau sein allein ist kein Programm“ geschrieben. Demgegenüber erscheint das heutige Rumgegendere als eine völlig neue Nummer.

  9. Es ist bei diesen Sichtungen immer eine Frage der Vermittlung. Und eine kulturalistisch-identitäre Linke, die ihren (dialektischen) Hegel nicht mehr intus hat, muß dann halt unterkomplex auf einzelne Aspekte sich kaprizieren, diese zugleich als richtige Lebensform im Falschen ansetzen und sich dann darin delektieren. Und zur Generierung von „Solidarität“ (im schlechten Sinne) wird opfergejammert. Anstatt im Park Kiss-Ins von Weibern, Lesben, Schwulen zu machen, jammert man bei Mädchenmannschaft über Heteros, die in der Öffentlichkeit knutschen. Wie so ein evangelikaler Wanderprediger. Ich frage mich immer, wen man mit solchen Jeremiaden gewinnen will.

  10. Als Feministinnen in den 80ern das lautstarke Empören begannen (Kampagnen wie „wir haben abgetrieben“ waren völlig jammerfrei und höchst couragiert gewesen) ging es um Dinge die der Empörung und der laustarken Wut wert waren: Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Mädchenhandel, Zuhälterei und Snuff-Pornos. Und ansonsten sahen wir uns als Teil einer antikapitalistisch-basisdemokratischen Bewegung, vereinfacht gesagt Marxismus ergänzt um eine subjektive Wir-Perspektive als Frauen. Der heutige Feminismus von MäMa und Co KG hat damit gerade mal den Namen gemeinsam.

  11. @“Wie so ein evangelikaler Wanderprediger.“ —– Ich würde da noch einen anderen Vergleich ziehen: Savonarola.

  12. Interessant wäre halt zu sehen, was die Gründe für solchen Wandel sind.

    Savonarola ist sehr passend. Säkulare Calvinisten. (Wahrscheinlich kriegt man bei diesem Begriff einen Sexismusvorwurf reingesemmelt, weil beim heutigen Bildungsstand die Weiber an Calvin Klein-Unterhosen denken.)

  13. und nicht mehr wissen dass die bürgerliche Moral auf einen Tiger und einen Jungen, Calvin und Hobbes zurückgeht.

  14. „Woran liegt es, daß sich die einstmals so starke Arbeiterklasse in England derart hat aus dem Feld schlagen lassen.“

    Das liegt daran, dass niemand mehr ihre Interessen vertritt, weil die ehemals Linken die Interessen von Migranten und sozialen Minderheiten für wichtiger halten. S. etwa hier:

    https://www.theguardian.com/politics/2019/jun/08/jeremy-corbyn-to-drop-social-mobility-as-labour-goal

    „Jeremy Corbyn is dropping the idea of social mobility as a goal for the next Labour government, saying he would instead create a “social justice commission” with the power to audit policy.”.
    (unnötig zu sagen, dass das bei der SPD schon lange geschehen ist)

    Soziale Aufstiegsmöglichkeiten für alle zu schaffen, egal wer die Eltern sind und was sie verdienen, das ist klassische sozialdemokratische Politik. Ich hätte wahrscheinlich kein Abi machen und studieren können ohne Bafög (unter Willy Brandt eingeführt).

    Stattdessen legt man den Akzent auf „soziale Gerechtigkeit“, wobei niemand so genau sagen kann, was das eigentlich sein soll. Aber man kann schön meckern und Forderungen stellen, ohne selber etwas tun zu müssen.

  15. Nein, El Mocho. Diese Destruktion fand in England weit weit vorher statt, und zwar unter der neoliberalen Ägide von Margaret Thatcher. Allerdings konnte auch Thatcher nicht im luftleeren Raum agieren. Wenn nicht durch verschiedene ökonomische und auch kulturelle Faktoren ein Grundstein gelegt worden wäre, hätte auch Thatcher nicht diese Möglichkeiten gehabt, die Gesellschaft in dieser Weise umzugestalten.

  16. Genauer gesagt hat Thatcher regelrecht Krieg gegen die Gewerkschaften geführt, die mit Tränengas, Gummigeschossen und Knast zerbrochen wurden. Das musikalische Gesamtwerk von Billy Bragg ist davon Zeugnis.

  17. So ist es. Es ging darum, die Gewerkschaften und die Arbeiterbewegung zu zerbrechen, zu individualisieren.Diese Arbeiterkultur und die Kritik an der Wirtschaftspolitik zeigt sehr schön Mark Hermans Film „Brassed Off“.

  18. Eat, eat, eat the rich haben wir damals als Demoparole gerufen. Da bekäme man heute Schwierigkeiten mit den Veganen.

  19. Dafür hatten wir ja auch um die Gurkenkinder zu veräppeln vegane Demoparolen: „Hinter dem Schlachthof steht das Kapital. Der Kampf um Befreiung ist interanimal!“, „Trauer und Wut. Milch ist weißes Blut!“

  20. Meine Devise ist: Je schwerer es Spott und Satire haben, desto besser ist es für die Satire und den Spott. Das Material liegt geradezu auf der Straße, man muß nur auf dem Pflaster suchen und ein paar Steine in die Hand nehmen. Metaphorisch versteht sich.

  21. Jetzt mal ganz unsatirisch das, was meine Freunde von der Komalah (revolutionäre Bewegung der Werktätigen in Kurdistan/Iran dazu zu sagen haben:

  22. Das ist nicht ganz meine Welt – bei den Kurden glaube ich, ist solcher (revolutionärer, sich gegen Unterdrückung wehrender) Widerstand notwendig.

    Aber schon in Spanien denke ich, daß innerhalb eines doch relativ geordneten Rechtsstaates und auch angesichts realer Mehrheitsverhältnisse einzig die sozialdemokratisch-linke Variante der Parteienpolitik einerseits (um parlamentarisch mitzumischen) und eben die Basisarbeit au lokaler Ebene übrigbleibt.

  23. Was Spanien angeht ist das ein Traditional das sich auf den Spanischen Bürgerkrieg bezieht und nicht auf heutige Verhältnisse. Allerdings denke ich dass sich politische Veränderungen nicht ohne die Straße erkämpfen lassen und dass dazu dosierte illegale Aktionen oft nötig sind.

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