Im Schatten mittlerer Männerblüte – Michel Houellebecq „Serotonin“

„Gepäck wie dieses, ob nun Zadig & Voltaire oder eben Pascal & Blaise draufstand, hatte nur in einer Gesellschaft Sinn, in der noch der Beruf des Trägers existierte.
Das war offenbar nicht mehr so, das heißt, eigentlich doch, dachte ich, während ich die beiden Gepäckstücke (einen Koffer und eine fast ebenso schwere Reisetasche, die zusammen die vierzig Kilo auf die Waage bringen mussten) nacheinander vom Förderband hob: Der Träger war ich.“

Nachdem nun in den sozialen Medien die üblichen Wellen aus Erregung und Geschnatter über Michel Houellebecqs neuen Roman „Serotonin“ abschwappten, kann man vielleicht zu einer Kritik finden, die sich jenseits von Daumen hoch, Daumen runter und verquaster Politlektüre bewegt, die den Autor mit seinen Figuren verwechselt. Ob Houellebecq neurechtes Denken reproduziert, weiß ich nicht, und es interessiert mich beim Lesen seiner Romane nicht, da ich von der politischen Haltung eines Autors grundsätzlich nicht auf die Texte eines Autors schließe: Es fiele sonst eine Menge Literatur aus dem Leseregal: ob Peter Hacks, Hermann Kant, Ferdinand Céline, Bert Brecht, Sascha Anderson oder Martin Heidegger. Texte sind in der Regel schlauer als ihre Verfasser. Sie führen ihr Eigenleben.

Nähme man aber den Modus Eins-zu-eins beim Wort und schaute auf den neuen Roman von Houellebecq, dann muß es um die neue Rechte schlecht bestellt sein. Ihr Zustand wäre in etwa so desolat wie der des Romanhelden mit dem Namen Florent-Claude Labrouste: A boy named Sue, ein mißratener Vorname: „Florent ist zu lieblich, zu nah an dem weiblichen Florence“, zu androgyn, wie Florent-Claude denkt – der ein eckiger, kerniger Typ ist, zumindest optisch in seiner Selbstbeschreibung, während dieser Name so gar nicht zu diesem markanten Gesicht paßt, ein männlicher Typ eben, wie ihm auch manche Frau bestätigte und so ganz und gar nicht „das Gesicht einer botticellihaften Schwuchtel“. 1:0. Gut eingelocht, man lacht. Das ist eine schöne Figurenrede aus der Ich-Perspektive, aus der dieser Roman erzählt wird. In solchen Mustern denken solche maskulinen Männer und sie sind zugleich ein Witz ihrer selbst. Doch ganz so einfach ist es mit diesem traurigen Don Quichotte, dem modernen männlichen Individuum von der tragischen Gestalt eben nicht. Florent-Claude Labrouste ist eine ambivalente Figur.

Houellebecq liefert zwar kaum psychologische Erklärungen für diesen Charakter oder eine Entwicklungsgeschichte gar, allenfalls der Blick ins Elternhaus mag da ein Motiv zutage fördern: ein Elternpaar, das in einer seltsamen Zweisamkeit ohne Bezug zu anderen Menschen lebt. Ein Kind, das nicht wirklich gewollt war, das sie aber auch nicht direkt ablehnten, so könnte man durch diesen rückblickenden Handlungsstrang, der uns aus der Perspektive Florents erzählt wird, annehmen. Er lief als Kind so mit, er unterbrach das symbiotische Leben der Eltern, er war einfach da. Und als das Kind aus dem Haus ging, konnten jene Eltern wieder ihre seltsame Symbiose führen, eine Zweisamkeit, bei der das Kind im Grunde bloß störte – eine der verstörenden und trotz der Tragik zugleich komischen Szenen dieses Romans. In diesem Sinne führt Houellebecq hier auf wenigen Seiten einen bestimmten Typ von Mann ein, deutet in dieser Skizze kurz an, ohne auszuwalzen. Diese Kunst des Andeutens und Anspielens ist überhaupt in diesem Roman die Stärke des Autors.

Nein, man muß diese Art Mann nicht mögen, man mag von seinen Ansichten halten, was man will, aber identifizierende Lektüre ist weder für den Literaturkritiker, den geübten Literaturwissenschaftler noch für den ästhetischen Theoretiker ein gangbarer Weg. Manche Kritiker warfen Houellebecq vor, die Figur des Florent-Claude eindimensional gezeichnet zu haben: einer der typischen Houellebecqschen Frauenverächter, ein Macho, ein Widerling. Doch wie sollte dieser Charakter sonst aussehen? Denken Leserinnen, daß Florent-Claude die Texte von Margarete Strohkowski liest? Daß er in der Ehe den Abwasch macht, bügelt und zum Einkaufen geht? Sicherlich nicht. Florent-Claude ist eine Type. Nicht immer eine angenehme, aber Romane sind nun auch nicht dazu da, dem Leser die Welt erbaulich zu gestalten.

Zwar ist diese Art von Mann jemand, der in Houellebecqs Romanen häufig auftritt, etwa in „Elementarteilchen“ jener Bruno, der sich durch die Gesellschaft ätzt bis zum Wahnsinn, und auch im Literaturwissenschaftler François aus „Unterwerfung“ finden wir diesen Typus des Hard-boiled-Weininger wieder – wenngleich hier im intellektuellen Milieu der Universitätsszene – immerhin nicht underfucked. Doch bei „Serotonin“ ist es anders. Diesen Mann, das sei bereits vorweg gesagt, zeigt uns Houellebecq nicht bloß als eine gescheiterte Gestalt, die am Ende irgendwie doch weitermacht oder wenigstens in den Irrsinn kippt, sondern das Scheitern Florent-Claude Labroustes, dem Angestellten im französischen Landwirtschaftsministerium mit Außendienstprivilegien – er checkt sie nicht, sondern genießt sie -, wird konsequent bis zum fatalen Ende durchgespielt. Von Anfang an, schon zum Beginn des Romanes. Trostlos-Tristesse, noch beim Auto-Sex, nachdem er zwei bildhübsche Anhalterinnen mitnahm:

„Hätten wir und in einem Pornofilm befunden, wäre die weitere Handlung noch vorhersehbar, der Dialog aber wesentlich weniger wichtig gewesen. Alle Männer sehnen soch nach unverbrauchten, umweltbewusssten, einem Dreier gegenüber aufgeschlossenen Mädchen – oder zumindest fast alle Männer, ich in jedem Fall.

Wir befanden uns in der Realität, und darum fuhr ich nach Hause. Ich wurde von einer Erektion befallen, was angesichts des Verlaufs, den der Nachmittag angenommen hatte, nicht überraschend war. Ich rückte ihr mit den üblichen Mitteln zu Leibe.“

Die Kluft zwischen all den Fiktionen und dem, was real ist, bleibt unüberbrückbar. Ein Motiv, das sich durch den gesamten Roman zieht, in immer neuen Szenen. Sinngebung durch Sex – sie funktioniert nicht mehr, nicht einmal als Ersatzstoff. Das maskuline Begehren, die Träume, die männliche Irrsinnsannahme in einer Frau zu versinken, all dies könne die Rettung bringen – es funktioniert nicht mehr. Triebstruktur und Gesellschaft im Mindermodus.

„aber ich wäre mit der Brünetten glücklich gewesen, wobei die Glücksverheißungen in meinem Alter ein bisschen vage wurden, aber nach dieser Begegnung träumte ich mehrere Nächte hintereinander, dass die Brünette an meiner Tür klingelte. Sie war zu mir zurückgekommen, mein Umherirren auf dieser Welt hatte ein Ende gefunden, sie war zurückgekehrt, um in einem Handstreich meinen Schwanz, mein Dasein und meine Seele zu retten.“

Some of these days und als wir inmitten des Lustprinzips träumten. Und überhaupt: die Rettung wovor? Um hinterher immer wieder so weiter zu machen wie bisher? Um Frauen für Privat-Träume zu funktionalisieren? Nein, es geht nicht, es sind nur Momente – als Phantasien, von denen uns Florent berichtet. Und als Aporie im Mannsein. Insofern ist dies vielleicht Houellebecqs erster feministischer Roman. Nur eben aus der Perspektive eines Mannes erzählt. Von der idiotischen Unmöglichkeit nämlich. Idioten sind seltsame Privatiers. Houellebecq ist Dialektiker und Spötter genug, dies zu  realisieren und in Literatur zu gestalten. Die Einsamkeit des Untergehers und das wunschlose Unglück in einem langen Brief zu einem langen Abschied. Man könne diesen Text gleichsam als Brief-Tagebuch lesen. Als Einsicht ins Scheitern, von der sich Florent Rechenschaft gibt. Szene um Szene. Seiner großen Liebe Camille reist er hinterher. Er verlor sie wegen eines Seitensprungs, der zudem noch völlig überflüssig und sinnlos war. Er beobachtet Camille in ihrem neuen Leben, mit dem Fernglas, wie sie in ländlicher Region zusammen mit ihrem Sohn lebt. Eine abgelegene Region, weniger an Frankreich, denn an Norwegen oder Kanada erinnernd, wie es im Roman heißt. Ein Voyeuer liegt auf der Lauer, so wie überhaupt der Voyeuerismus bei Houellbecq eine große Rolle spielt, und betrachtet sich das, was für ihn nie mehr zu erreichen ist.

Es ist, so sei vorweg verraten, ein für Houellebecqsche Verhältnisse milder, ja fast elegischer, ein trauriger Roman. Geunkt wird zwar und manches mal deklamiert in jenem Houellebecq-Ton, den wir kennen, vielleicht eine Frage des Geschmacks, ob man es nach dem sechsten Roman immer noch originell findet, aber das ist eine Frage, die sich auch bei der Prosa von Thomas Bernhard stellt:

„…, ich hasste nicht nur Beaugrenelle, ich hasste ganz Paris, diese von umweltbewussten Kleinbürgern verseuchte Stadt widerte mich an, ich mochte selbst ein Kleinbürger sein, aber umweltbewusst war ich nicht, ich fuhr einen Diesel-Geländewagen – ich hatte nicht viel Gutes getan in meinem Leben, aber zumindest würde ich meinen Teil zur Zerstörung des Planten beigetragen haben – und ich sabotierte das von der Gebäudeverwaltung eingeführte Mülltrennungssystem, indem ich leere Weinflaschen in die Tonne für Papier und für Verpackungsmüll warf und verderbliche Abfälle in den Glascontainer.“

Aber all dies Deklamieren, was zugleich Zerrbild dieser Figur ist, nützt nichts. Es bleibt eine Höllenfahrt auf Trip, von der der Erzähler weiß, daß sie nicht gut ausgehen wird. „Der unerträgliche Leere meiner Tage zum Trotz …“.

„In Wirklichkeit war gar nichts gut; mein zweiter Befreiungsversuch war soeben fehlgeschlagen.“

Hauptakteuer dieses Romans ist jedoch nicht  nur jener Florent-Claude Labrouste, sondern ebenso das titelgebende Serotonin: einerseits ein Gewebshormon und Neurotransmitter, und es ist für Stimmungen und Glücksgefühle zuständig. Andererseits ist es ein sedierendes Psychopharmaka, das gegen Depressionen eingesetzt wird. Hinzu kommt die sexualhemmende Wirkung dieses Stoffes, was den Protagonisten in einige Nöte bringt. Gleich der erste Roman-Satz beschreibt das Medikament Captorix: „ES IST EINE KLEINE WEISSE, ovale teilbare Tablette“. Schöner Auftakt. „Still out on those pills“ sangen die Sex Pistols. Darin liegt einige Wahrheit.

Aber was geschieht in diesem Roman? Laut Klappentext dies:

„Als der 46-jährige Protagonist von SEROTONIN (…) Bilanz zieht, beschließt er, sich aus seinem Leben zu verabschieden – eine Entscheidung, an der auch das revolutionäre neue Antidepressivum Captorix nichts zu ändern vermag, das ihn in erster Linie seine Libido kostet. Alles löst er auf: Beziehung, Arbeitsverhältnis, Wohnung. Wann hat diese Gegenwart begonnen? In der Erinnerung an die Frauen seines Lebens und im Zusammentreffen mit einem alten Studienfreund, der als Landwirt in einem globalisierten Frankreich ums Überleben kämpft, erkennt er, wann und wo er sich selbst und andere verraten hat.“

Diese Auflösungen erzählt der Roman – quasi auch als einen Roadtrip, eine Reise durch Frankreich, on the road, aber nicht als Hippie, sondern ein Aussteiger von trauriger Gestalt. Wie schon in „Unterwerfung“ geht hier ebenfalls die Tour hinaus aufs Land, von Paris weg in die Provinz. Dort trifft Florent jenen alten Freund, gerät als Beobachter in die gewaltsamen Proteste der Landwirte, einige haben sich bewaffnet. Es geht nicht gut aus. Ob hier die Gelbwesten vorweggenommen werden oder nicht, ist für ein ästhetisches Gebilde freilich irrelevant. Houellebecq geht es um etwas Grundsätzliches, um soziale Verwerfungen, um ein soziales Panorama, das in den Roman zwar einfließt, aber keineswegs bestimmend ist, allenfalls liefern diese Szenen, als gesellschaftlicher Abriß, den Rahmen  – ein Rundblick, vor dessen Hintergrund das Individuelle oder was davon noch übrig blieb, um so krasser hervortritt.

Der letzte Mensch, den Nietzsche im „Zarathustra“ und in der „Fröhlichen Wissenschaft“ entwirft, ist der Begleiter dieser Literatur. Es sind Nihilismus-Szenen, manchmal vielleicht ein Stück zu durchschaubar. Philosophisch liefe sicherlich mehr, wenn man intensivierte und die Gänge ausführe, und es könnte in den Details härter zur Sache gehen. Manchmal wünsche ich, eine Literatur käme, die uns in die Debatten von Friedrich Heinrich Jacobi und Johann Gottlieb Fichte führte, nur eben vom Jetzt her und nicht als historischer Roman. Es wälzten solche Bücher Grundlegendes und die nicht nur transzendentale Obdachlosigkeit der Moderne blitzte als Geschoß und Pfeil. Große Wünsche, doch am Ende wird solche Prosa des Grausens immer nur am Detail und der Erzählstärke zu messen sein. Houellebecqs Nihilismus ist von kleinerem Kaliber. In seinen guten Momenten jedoch funktioniert er.

Egal wie: es ist dieser letzte Mensch bei Houellebecq vor allem eins, er ist ein Mann. Doch es macht sich dieser letzte Mensch nicht etwa behaglich in seinem Dasein, sondern vielmehr – das ist das Zerr- und Gegenbild – zerfrißt jene kalte Moderne ihre Protagonisten. Dieses Stahlgehäuse aus Rationalität, Arbeit, Frauen, Alkohol, Freizeit, modernité, in seiner Unbezüglichkeit bietet Möglichkeiten zum Überleben, auch zum Luxus, wie etwa jene Boutique-Hotels, deren Komfort und Eleganz Florent genießt. Doch auch solcher Waren-Tand, der Individualität beim Übernachtungsurlaub antäuscht, hilft nichts.

Und Rettung naht ebensowenig im Augenblick höchster Gefahr, und aus der Seinsvergessenheit steigen weder Zarathustra noch ein Über-Mensch heraus – wie man ihn vielleicht in Houellebecqs Cyborg-Roman „Möglichkeiten einer Insel“ annehmen könnte, jene Ewig-Lebenden. Doch auch dort kommt keine Rettung durch Technik oder Bewußtseinstraining: in jener Zone, wo Menschen unendlich fortleben können und sich immer weiter mittels Technik updaten und aus sich selbst heraus neu programmiert, Selbstfortpflanzung betreiben, ohne Sexualität freilich: doch die alten Probleme harren, der alte Adam wird sich nicht los, weil immer wieder das menschenmögliche und damit eben auch – zum Glück – fehlbare Bewußtsein in uns Menschenwesen implantiert ist.

In „Serotonin“ rückt das Leben des Protagonisten in die objektlose Innerlichkeit eines Menschen, der jeglichen Reiz von außen als Anlaß für die Reflexionsschleifen nimmt. Glück gibt es nicht auf Pillen-Rezept. Dies weiß Florent im Grunde von Anfang an, als er beginnt, seine Geschichte zu erzählen, etwa während der Fahrt von Paris in die Banlieus, wenn die ersten Ausläufer in Sicht kommen,

„…, dann durch Sarcelles, dann durch Pierrefitte-sur-Seine, dann durch Saint-Denis gefahren war, wenn ich gesehen und gehört hatte, wie um mich herum die Bevölkerungsdichte und die Plattenbauten Stück für Stück anstiegen, wie die Gespräche im Bus aggressiver wurden und das Maß der Gefährlichkeit zunahm, hatte ich jedes Mal das starke Gefühl gehabt, in die Hölle zurückzukehren, und zwar in eine von Menschen nach ihren Wünschen gebaute Hölle. Jetzt war es anders, ein nicht besonders bravouröser, aber annehmbarer sozialer Aufstieg hatte mir erlaubt, dem physischen und sogar visuellen Kontakt mit den gefährlichen Schichten hoffentlich endgültig zu entkommen, ich war jetzt in meiner eigenen Hölle, die ich mir nach meinen eigenen Wünschen gebaut hatte.“

Es gerät der Ausbruch aus der verdrehten Moderne zur Flucht in pure Innerlichkeit, die kaum noch Korrektive kennt. Selbst ein Gespräch unter Freunden läuft leer, niemand erreicht sich oder gar den anderen. Heautonomie als Farce. Zen-Phantasien gleichsam, im Steingarten:

„Ich musste weiter hinunter, noch weiter nach Süden, musste jede Hoffnung auf ein mögliches Leben weit von mir weisen, sonst würde ich nicht zurande kommen, und in dieser geistigen Verfassung begann ich die Hochhäuser zu besichtigen, die sich von der Porte de Choisy bis zur Porte d’Ivry erstreckten. Ich musste nach der Leere suchen, nach dem Unbeschriebenen, Blanken; die Umgebung entsprach dieser Suche in nahezu idealer Weise, in einem dieser Hochhäuser zu wohnen, hieß, im Nichts zu wohnen, nicht wirklich im Nichts, sagen wir, in der unmittelbaren Nachbarschaft des Nichts.“

Man muß zugleich ein wenig lächeln, in der Nachbarschaft wenigstens dieses Nichts zu wohnen. Es bleibt freilich nicht mehr viel. Diese letzten Hochhaus-Szenen, zusammen mit den Captorix, die noch für zwei Monate reichen, haben etwas faszinierend Verstörendes. Und in jenem kurzen Kapitel zum kurzen Abschied (es umfaßt zwei Seiten), das genau mit dem gleichen Satz wie der Romananfang beginnt, zeigt sich vor allem Houellebecqs Talent als Lyriker, der er ebenfalls ist: nämlich eine Szene knapp  zu verdichten und in Sprache zu pointieren. Eine Kälte und auch eine Verlassenheit bricht sich da Bahn, die durch keinen Zynismus mehr gemildert werden kann. Fast bekommt man mit Florent so etwas wie Mitleid. Auch wenn immer einmal wieder dieses sattsam bekannte Houellebecq-Schema durchbricht, das in seiner Häufung eben auch ermüden kann, fährt der Autor im Schluß ein gelungenes Finale. Vorspiel dazu ist der kalte Stein:

„Die Hochhäuser glichen sich alle, und die Einzelzimmerwohnungen glichen sich ebenfalls, es scheint mir, als hätte ich die leerste, ruhigste und blankeste in einem der anonymsten Hochhäuser ausgewählt, dort war zumindest gesichert, dass mein Einzug unbemerkt vonstattengehen, dass er nicht den geringsten Kommentar hervorrufen würde – ebensowenig wie mein Tod“

Die Ich-Erzählerin in Bachmanns „Malina“ verschwand in der Wand. Florent-Claude Labrouste verschwindet in einem seltsamen Nichts aus Tabletten, Hochhaussiedlung und dem Nichts der Liebe Christi. Unio mystica pharmaceutica.

Michel Houellebecq: Serotonin. Roman, DuMont Verlag, Köln 2019 ISBN 9783832183882, Gebunden, 330 Seiten, 24,00 EUR

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