Zeiträume zeitraffen: Seiffen – Neuhaus, Nußknackermuseum

Ich bin arg, so arg in Zeitnot, so muß es statt der Texte Bilder geben. Aus dem Innenraum. Heimat und Provinz. Orte als Reisender zu sichten: My oh my: a song  to say good buy. Kaufen Sie Holzfiguren! ! Für unsere Kaltzonen, auch im Sommer. Anmut der Schieferzonen. Ich mag das.

Jürgen Habermas – zum 90. Geburtstag. Der lange Nachsommer der Theorie

So ganz mag ich nicht in den Jubelchor der Gratulanten einstimmen. „Die Zeit“ widmete Habermas mehrere Seiten des Feuilletons – eine Art Hagiographie, aber so ist das wohl, wenn einer der letzten großen Intellektuellen des Zeitalters seinen 90. Geburtstag feiert. Denn Jürgen Habermas ist einer der wenigen philosophischen Intellektuellen, die das Bild der alten wie auch der neuen Bundesrepublik prägten und immer noch prägen. Habermas trug durch seine Bücher einen Teil dazu bei, daß einmal von einer Suhrkamp-Kultur gesprochen werden konnte; einer, der sich einmischt in die Politik und dabei dennoch nicht den Fehler so vieler Intellektueller beging, das eigene Denken mit der politischen Wirklichkeit verwechseln zu wollen und die eigene Philosophie als politische Lehre  bzw. das eigene philosophische Denken zu inthronisieren. Genannt seien als warnende Beispiele Heideggers kurzes Intermezzo und Sartre: Philosophen nahe amHerrscherthron oder von dem Wunsch beseelt, den Führer lenken zu wollen, sind gefährlich, wenn ihre Geisterträume wahr werden. Und auch Verneigungen, Parteinahme und der Hofknicks vor totalitär Herrschenden stehen Intellektuellen nicht gut an und hinterlassen im nachhinein einen schalen Geschmack. Das spricht nicht gegen Heideggers oder Sartres Philosophie, sehr wohl jedoch gegen ihr politisches Sensorium.

Diese Gefahr bestand bei Habermas nicht. Man mag ihm diese Zurückhaltung zuweilen als mangelnde Leidenschaft auslegen. Allenfalls sein Plädoyer für Europa schuldet sich einer Prise politischer Pragmatik. Partei nahm er freilich für das, was man Verfassungspatriotismus nennt, nämlich das Prinzip des demokratischen Rechtsstaats. Im Gegensatz zu seinem französischen Antipoden Foucault bewahrt einen solche Zurückhaltung zuweilen davor, im Überschwang des Gefechtes sich zum politisch gut Gemeinten hinreißen zu lassen. Maoismus war Habermas Sache nicht. Nicht einmal als Spiel. Diese berechtigte Zurückhaltung teilte er mit Derrida.

Geschuldet mag die Zurückhaltung, dieser Rückbehalt von Leidenschaft in der politischen direkten Parteinahme für das Extreme jenen Erfahrungen der 1929er-Generation sein, und dies ließ Habermas eine gesunde Skepsis entwickeln. Aber längst nicht jeder dieser Generation war gefeit vor den totalitären Versuchungen jener Aufbruchszeit der 60er.

Sicherlich geht es der Philosophie Habermas‘ nicht nur um das reine Denken und Reflektieren als Selbstzweck, dazu war Habermas viel zu sehr mit der Soziologie befaßt, und so wird er mitunter als Sozialphilosoph in den Karteikästchen geführt. Immer stand für ihn das Handeln von Menschen, mithin die Praxis, am Ende des Philosophieprozesses. Insofern ist der Titel eines seiner frühen Bücher „Theorie und Praxis“ durchaus programmatisch und nicht nur als Reflex auf Adornos Eingangssatz der „Negativen Dialektik“ zu verstehen. Und das große, die 80er Jahre beherrschende Werk deutscher Philosophie heißt „Theorie des kommunikativen Handelns“.

Ganz gewiß galt seine Parteinahme, wenn man es denn mit diesem Wort sagen mag, in der Praxis eher einem sozialdemokratischen Ansatz von Politik als dem konservativen oder FDP-liberalen Konzept. Habermas gehörte nicht zu jenen, die den Nationalstaat als Fetisch anbeten und ihr politische Heil allein dort suchen, sondern er versucht – bis heute – in seinem Denken immer wieder, diesen verengten Blickwinkel auszuweiten, auch auf ein einiges Europa hin. In manchem sicherlich idealtypisch. Doch in seinem Blick auf Europa lag am Ende dann auch seine Berührung und Aussöhnung mit Jacques Derrida.

Die Sichtungen von Habermas‘ Denken sind vielfältig: der Soziologe, der Diskursethiker, der Rechtsphilosoph, der politische Intellektuelle, der den Historikerstreit in Fahrt brachte und wider die Relativierung der NS-Verbrechen stritt. Habermas war einer der Philosophen, die kontinentales und US-amerikanisches Denken sowie Sprachphilosophie, Hermeneutik und Kritische Theorie zusammenbrachte. Das Projekt der Moderne war für ihn, anders als seine postmodernen Kollegen, zumindest in der Sicht Habermas‘, noch lange nicht vollendet. Vor allem aber wird er immer noch als einer der letzten Vertreter der Frankfurter Schule wahrgenommen, so die einen, oder aber als ihr Totengräber, so die anderen. Zugegeben: ich sehe Habermas eher kritisch und bin mit vielem nicht einverstanden. Seine Sicht auf Derrida, Foucault, Adorno, Luhmann und Heidegger in „Der philosophische Diskurs der Moderne“ (1985) halte ich für problematisch, um es höflich zu formulieren.

In der großen Auseinandersetzung der 70er Jahre mit Luhmann („Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie“) überzeugte mich die (holistische) Position Luhmanns sehr viel mehr. Und kritische Philosophie ist seit den 80er Jahren vermehrt aus Frankreich zu uns herübergeweht. Kritische und ästhetische Theorie ließen eher mit Derrida und Foucault als mit Habermas sich betreiben und in eine neue Gestalt überführen. Insbesondere Habermas‘ Auseinandersetzung in dem Band „Der philosophische Diskurs der Moderne“ mit der Philosophie des sogenannten Poststrukturalismus (um hier einen Terminus als Abbreviatur zu benutzen) beinhaltet eine reduktive Lesart dieser Philosophie. Der Vorwurf des Konservatismus gegenüber den Positionen Foucaults und Batailles ist schlichtweg Unfug, und ich vermute stark, daß Habermas hier keinerlei Zugang zu dieser Art des – ganz anderen – Denkens fand. Ihm stand mit der vielfältigen französischen Philosophie ein Denken gegenüber, das ihm in seiner Methode und in seiner Form fremd blieb. Daß Derrida die Grenze zwischen Literatur und Philosophie aufheben wolle, um Philosophie zu ästhetisieren bzw. zu literarisieren, ist ein Gerücht über Derrida. Mit dessen Denken hat es nicht viel zu tun. Ebensowenig, daß mit Derridas Dekonstruktion ein Ende der Philosophie heranbräche.

„Gleichviel unter welchem Namen sie jetzt auf tritt, ob als Fundamentalontologie, als Kritik, als; Negative Dialektik, Dekonstruktion oder Genealogie – diese Pseudonyme sind keineswegs Verkleidungen, hinter denen die Traditionsgestalt der Philosophie zum Vorschein käme; eher schon dient der Faltenwurf der philosophischen Begriffe als die Bemäntelung eines nur notdürftig verhohlenen Endes der Philosophie.“

Diese Denkfigur von der Aufhebung der Philosophie als Endspielfigur trifft weder das Denken von Foucault, noch von Adorno, Heidegger oder Derrida, sondern vielmehr findet sich in allen vier (unterschiedlichen) Positionen eine Reflexivität, ein Blick auf Philosophie als Kritik und auch als Selbstkritik – mithin eine erweiterte und plurale Vernunft, die sich selbst in die Kritik nimmt.

Allenfalls kann man solche Fehllektüren noch mit dem Geist jener Zeit der 1980er Jahre entschuldigen. Das von Nietzsche, Husserl und Heidegger geprägte französische Denken war einem auf rein-rationale Aufklärung fixierten Denken nicht ganz geheuer, der für Ästhetik nicht eben sensibilisierte Habermas mißtraute einem Denken, das, wie bei Adorno, auch ästhetische und rhetorische Motive in Anspruch nahm und diese gleichberechtigt zur diskursiven Rationalität bzw. einer rational operierenden Vernunft setzte. Daß auch bei Derrida und Foucault ein hochrationaler Untergrund herrscht, entging Habermas. Trotzdem und trotz allen Einspruchs: wir haben es mit einem der großen Philosophen zu tun, an dem kein Weg vorbeiführt, insbesondere im Hinblick auf seine Theorie des demokratischen Rechtsstaates – bei allen Tücken und Problemen, die ihm inhärent sind.

Ich möchte mich aber trotz der vielfältigen Ausrichtungen der Habermaschen Philosophie auf diesen Aspekt des Scharniers zwischen alter Frankfurter Schule und der kommunikationstheoretischen Wendung der Kritischen Theorie beziehen, welche er ihr geben wollte, um den Fortbestand kritischen und eingreifenden Denkens zu sichern. Allein schon aus Gründen der Sentimentalität, um eine Zeit zu beweinen, in der Mitte der 1980er Jahre solche Diskussionen als Residuum der 60er Jahre noch möglich waren, um kritisches Philosophieren über Gesellschaft in größerem Stil ein letztes Mal herüberzuretten und in der auch eine Soziologie diesseits der (von dem Autor dieses Blogs durchaus auch geschätzten) Systemtheorie möglich war. In der alten BRD der 1980er Jahre – selige Zeiten noch vor Bologna-Reform und Lernpunkte sammeln – geschah diese Kritik der Systemrationalität gerade in studentischen Kreisen insbesondere im Verbund von klassischer adornoscher und benjaminscher Kritischer Theorie sowie der French Theory, an die jene kritischen Diskurse andockten. (Einen melancholischen Ausblick und Ausklang lieferte da Philipp Felschs „Der lange Sommer der Theorie.)

Die Seite einer eher rationalen Sicht, wie man sie bei Habermas fand, ging in den intellektuellen Scharmützeln Neu-Frankfurt gegen Paris vielfach verloren, und leider gab es eben auf der Seite der French-Theory-Adepten zugleich einen arg-dummen Jargon der Eigentlichkeit, wo man sich in Dekonstruktionsphrasen und Lacan-Nachsprech überbot und dabei vielfach bloß leer quatschte. Oft diente der Jargon lediglich dazu, daß jene, die ihn benutzten, eigentlich kaum etwas von den Dingen verstanden hatten. (Oder wie es Heidegger einmal in seinem Seminar gesagt haben sollte: „Hier wird nicht geheideggert!“).

Und ich sehe im philosophischen Seminar immer noch jene Frau mit den dunklen Haaren am Boden hocken und irgendwelche Plakate malen. Sie reckte unter der engen Jeans so herrlich ihren wunderbar geformten Arsch in die Höhe. Ich fragte, was sie da machte: „Na etwas zu Foucaults „Dispositive der Macht“ und „Überwachen und Strafen“ wegen des Foucault-Seminars“. „Und wieso Plakate?“ „Wegen der Freilassung der Gefangenen in Santa Fu.“ Ich hielt dies für einen Scherz, aber es war keiner. Den Satz „Vergewaltiger, wir kriegen euch. Mit Danone kriegen wir euch alle“ verkniff ich mir.

Das alles sagt nichts gegen die Theorien Foucaults Derridas oder Lacans, wohl aber etwas gegen die falschen Jünger. In Anlehnung an Adornos Bach-Essay muß man wohl davon sprechen, den Poststrukturalismus gegen seine Liebhaber zu verteidigen. Vom Denken Habermas‘ zumindest führte diese Abzweigung erheblich weg. Was im Blick solcher französischen Neuausrichtung zugleich zu doxographischen Verengungen führte. Doch Philosophie ist keine Entweder-Oder-Veranstaltung und auch keine Caféteria, wo man sich Kuchensorten aussucht. Daß Studenten  sowohl Habermas, Derrida, Heidegger und Adorno lesen könnten, kam in jenen laubewegten 1980er und 1990er Jahren wenigen nur in den Sinn. In den Seminaren herrschten teils Grabenkämpfe. Die Fronten waren verhärtet, um es in militärischer Sprache zu sagen. Zwischen den Habermasianern und den poststrukturalen Adorniten hockten irgendwo die Sprachphilosophen der analytischen Philosophie. Erkauft wurden solche Verengungen mit dem Verlust an Komplexität und Perspektivität. Zum Glück freilich gab es in den Seminaren auch Ausnahmen und solche, die freier dachten. Habermas zumindest war zentral – auch über seine Diskursethik, die in jenen Jahren heiß debattiert wurde.

Sicherlich, im Zusammenhang mit Habermas und seiner Philosophie sind der bedeutsamen Themen viele, und kritisch ließe sich an manchen Stellen einhaken: man könnte über die Schwierigkeiten der Diskursethik sprechen, über das Problematische von Begriffen wie „herrschaftsfreier Diskurs“ oder „zwangloser Zwang zum besseren Argument“, die Problematik von „Faktiziät und Geltung“ ließe sich aus der Perspektive der Rechtstheorie erörtern, und es gab zu all jenen Aspekten durchaus kontroverse Debatten – insbesondere in der Jurisprudenz kritisierten Juristen wie Werner Krawietz scharf. Aber große Philosophen zeichnen sich eben auch dadurch aus, daß sie zum Disput  einladen. Habermas, so heißt es, sei ein geduldiger Zuhörer und nahm Kritik immer auf, entgegnete und begegnete ihr. Er tat also das, was Diskurs und Argument im Idealfall bedeuten.

Liest man aus der „Theorie des kommunikativen Handelns“ das Kapitel zur „Kritik der instrumentellen Vernunft“ bleibt allerdings die Frage übrig, ob Habermas es am Ende tatsächlich vermochte, den Fortbestand kritischen Philosophierens als Kritischer Theorie mit und über Adorno hinaus zu sichern. Dies halte ich für fraglich. Daraus wurde vielmehr ein ganz anderes Projekt der Philosophie. Kritische Theorie ist tot, wie Peter Sloterdijk – mit einer gewissen Schadenfreude – konstatierte. Oder neutraler gesprochen: Sie hat ihre Achse verschoben und ist mit Autoren wie Honneth oder Menke pragmatischer geworden, und Nachfahren in Frankfurt wie Martin Seel kann man im Grunde nur noch bedingt dazuzählen. Wenn man diesen Wandel der Zeiten und des Denkens mit einer gewissen Entspannung registriert, läßt sich auch Habermas lesen: kritisch eben und in changierender Perspektive. Einerseits sind seine Überlegungen zum Rechtsstaat basal, wir haben keinen anderen und keinen bessern und die nächste Revolution fällt aus – zum Glück muß man wohl sagen, wenn man an die vorhergehenden des 20. Jahrhunderts denkt.

Und dennoch: Radikal sein hieß einmal, an die Wurzel einer Sache zu gehen. An den bürgerlichen Rechtsstaat jedoch und an sein Prinzip, eine kapitalistisch organisierte Wirtschaftsordnung, mag heute kaum einer mehr Hand anlegen – auch Adorno tat dies nicht, nebenbei geschrieben, aber er zeigte zumindest, im Sinne einer Aporie auch und als Denken in Konstellationen, grundsätzliche Probleme auf, die diese Verkehrsform mit sich brachte: fürs Denken, fürs Handeln und für das, was sich Kommunikation nennt – ein bei Adorno perhorreszierter Begriff nebenbei. Dieses kritische Denken sollte man sich bewahren, gekoppelt mit Nietzsches Vernunftskritik, Marxens Kritik der politischen Ökonomie sowie Derridas und Foucaults (teils phänomenologischer) Gesellschaftskritik. Denn das eine zu negieren und zu kritisieren, muß nicht bedeuten, das Ganze komplett zu negieren. Aber das eben sind die alten Fragen von Revolution und Evolution der Gesellschaft.

Da heute in den Feuilletons zahlreich gejubelt wird, möchte ich mit einem eher skeptisch gestimmten Zitat von Peter Trawny enden:

„Habermas‘ Projekt, die aktuelle Frankfurter Schule überhaupt, ist ein Diskurs von Professoren, der sich nur insofern ein besonderes Profil verleihen kann, als er in Exzellenz-Initiativen erfolgreich ist. Theorie um ihrer selbst willen wird ausgestattet mit großzügigen Posten. Damit aber erlangt der Diskurs noch keine gesellschaftspolitische Relevanz. Im Gegenteil. Er wird nicht weniger esoterisch als das von Habermas so häufig abgekanzelte Heideggersche Denken. Was universitätspolitisch äußerst effektiv funktioniert, ist ‚lebensweltlich‘ irrelevant geworden.“ (Peter Trawny, Was ist deutsch?)

Und vielleicht ist es Zeit jenen 1989 im zu Klampen Verlag erschienen Band „Unkritische Theorie. Gegen Habermas“ einmal wieder in die Hand zu nehmen. Er gehörte für uns damals zur Grundausstattung.

Nun, gut, gratulieren wir Jürgen Habermas zum 90. Geburtstag. Seltsam, daß der Hausherr des Grandhotel Abgrund bisher und für heute abend keine Einladung an den Starnberger See erhielt. Aber vielleicht gibt es ja ein Rezensionsexemplar zu jener bald im September erschienenden „Auch eine Geschichte der Philosophie. Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen. Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen.“ Spannend bleibt es und wir warten auf dieses große Alterswerk. Es wird wohl sein letztes Hauptwerk sein und im Titel immerhin auch eine schöne Anspielung auf eine frühe Schrift Hegels und auf Herders Geschichtsphilosophie. Immerhin mit 90 Jahren ein Werk von solcher Wucht. Dies und derart im Gespräch zu bleiben, dürfte auf der Welt nur wenigen Philosophen vergönnt sein.

(Bei diesem Text handelt es sich um eine überarbeitete und erweiterte Fassung aus dem Jahr 2009. Da ich im Augenblick nicht allzu viel Zeit für neue Blogartikel habe und sich an meiner Sicht auf Habermas nicht allzuviel geändert hat.)

Im Schatten mittlerer Männerblüte – Michel Houellebecq „Serotonin“

„Gepäck wie dieses, ob nun Zadig & Voltaire oder eben Pascal & Blaise draufstand, hatte nur in einer Gesellschaft Sinn, in der noch der Beruf des Trägers existierte.
Das war offenbar nicht mehr so, das heißt, eigentlich doch, dachte ich, während ich die beiden Gepäckstücke (einen Koffer und eine fast ebenso schwere Reisetasche, die zusammen die vierzig Kilo auf die Waage bringen mussten) nacheinander vom Förderband hob: Der Träger war ich.“

Nachdem nun in den sozialen Medien die üblichen Wellen aus Erregung und Geschnatter über Michel Houellebecqs neuen Roman „Serotonin“ abschwappten, kann man vielleicht zu einer Kritik finden, die sich jenseits von Daumen hoch, Daumen runter und verquaster Politlektüre bewegt, die den Autor mit seinen Figuren verwechselt. Ob Houellebecq neurechtes Denken reproduziert, weiß ich nicht, und es interessiert mich beim Lesen seiner Romane nicht, da ich von der politischen Haltung eines Autors grundsätzlich nicht auf die Texte eines Autors schließe: Es fiele sonst eine Menge Literatur aus dem Leseregal: ob Peter Hacks, Hermann Kant, Ferdinand Céline, Bert Brecht, Sascha Anderson oder Martin Heidegger. Texte sind in der Regel schlauer als ihre Verfasser. Sie führen ihr Eigenleben.

Nähme man aber den Modus Eins-zu-eins beim Wort und schaute auf den neuen Roman von Houellebecq, dann muß es um die neue Rechte schlecht bestellt sein. Ihr Zustand wäre in etwa so desolat wie der des Romanhelden mit dem Namen Florent-Claude Labrouste: A boy named Sue, ein mißratener Vorname: „Florent ist zu lieblich, zu nah an dem weiblichen Florence“, zu androgyn, wie Florent-Claude denkt – der ein eckiger, kerniger Typ ist, zumindest optisch in seiner Selbstbeschreibung, während dieser Name so gar nicht zu diesem markanten Gesicht paßt, ein männlicher Typ eben, wie ihm auch manche Frau bestätigte und so ganz und gar nicht „das Gesicht einer botticellihaften Schwuchtel“. 1:0. Gut eingelocht, man lacht. Das ist eine schöne Figurenrede aus der Ich-Perspektive, aus der dieser Roman erzählt wird. In solchen Mustern denken solche maskulinen Männer und sie sind zugleich ein Witz ihrer selbst. Doch ganz so einfach ist es mit diesem traurigen Don Quichotte, dem modernen männlichen Individuum von der tragischen Gestalt eben nicht. Florent-Claude Labrouste ist eine ambivalente Figur.

Houellebecq liefert zwar kaum psychologische Erklärungen für diesen Charakter oder eine Entwicklungsgeschichte gar, allenfalls der Blick ins Elternhaus mag da ein Motiv zutage fördern: ein Elternpaar, das in einer seltsamen Zweisamkeit ohne Bezug zu anderen Menschen lebt. Ein Kind, das nicht wirklich gewollt war, das sie aber auch nicht direkt ablehnten, so könnte man durch diesen rückblickenden Handlungsstrang, der uns aus der Perspektive Florents erzählt wird, annehmen. Er lief als Kind so mit, er unterbrach das symbiotische Leben der Eltern, er war einfach da. Und als das Kind aus dem Haus ging, konnten jene Eltern wieder ihre seltsame Symbiose führen, eine Zweisamkeit, bei der das Kind im Grunde bloß störte – eine der verstörenden und trotz der Tragik zugleich komischen Szenen dieses Romans. In diesem Sinne führt Houellebecq hier auf wenigen Seiten einen bestimmten Typ von Mann ein, deutet in dieser Skizze kurz an, ohne auszuwalzen. Diese Kunst des Andeutens und Anspielens ist überhaupt in diesem Roman die Stärke des Autors.

Nein, man muß diese Art Mann nicht mögen, man mag von seinen Ansichten halten, was man will, aber identifizierende Lektüre ist weder für den Literaturkritiker, den geübten Literaturwissenschaftler noch für den ästhetischen Theoretiker ein gangbarer Weg. Manche Kritiker warfen Houellebecq vor, die Figur des Florent-Claude eindimensional gezeichnet zu haben: einer der typischen Houellebecqschen Frauenverächter, ein Macho, ein Widerling. Doch wie sollte dieser Charakter sonst aussehen? Denken Leserinnen, daß Florent-Claude die Texte von Margarete Strohkowski liest? Daß er in der Ehe den Abwasch macht, bügelt und zum Einkaufen geht? Sicherlich nicht. Florent-Claude ist eine Type. Nicht immer eine angenehme, aber Romane sind nun auch nicht dazu da, dem Leser die Welt erbaulich zu gestalten.

Zwar ist diese Art von Mann jemand, der in Houellebecqs Romanen häufig auftritt, etwa in „Elementarteilchen“ jener Bruno, der sich durch die Gesellschaft ätzt bis zum Wahnsinn, und auch im Literaturwissenschaftler François aus „Unterwerfung“ finden wir diesen Typus des Hard-boiled-Weininger wieder – wenngleich hier im intellektuellen Milieu der Universitätsszene – immerhin nicht underfucked. Doch bei „Serotonin“ ist es anders. Diesen Mann, das sei bereits vorweg gesagt, zeigt uns Houellebecq nicht bloß als eine gescheiterte Gestalt, die am Ende irgendwie doch weitermacht oder wenigstens in den Irrsinn kippt, sondern das Scheitern Florent-Claude Labroustes, dem Angestellten im französischen Landwirtschaftsministerium mit Außendienstprivilegien – er checkt sie nicht, sondern genießt sie -, wird konsequent bis zum fatalen Ende durchgespielt. Von Anfang an, schon zum Beginn des Romanes. Trostlos-Tristesse, noch beim Auto-Sex, nachdem er zwei bildhübsche Anhalterinnen mitnahm:

„Hätten wir und in einem Pornofilm befunden, wäre die weitere Handlung noch vorhersehbar, der Dialog aber wesentlich weniger wichtig gewesen. Alle Männer sehnen soch nach unverbrauchten, umweltbewusssten, einem Dreier gegenüber aufgeschlossenen Mädchen – oder zumindest fast alle Männer, ich in jedem Fall.

Wir befanden uns in der Realität, und darum fuhr ich nach Hause. Ich wurde von einer Erektion befallen, was angesichts des Verlaufs, den der Nachmittag angenommen hatte, nicht überraschend war. Ich rückte ihr mit den üblichen Mitteln zu Leibe.“

Die Kluft zwischen all den Fiktionen und dem, was real ist, bleibt unüberbrückbar. Ein Motiv, das sich durch den gesamten Roman zieht, in immer neuen Szenen. Sinngebung durch Sex – sie funktioniert nicht mehr, nicht einmal als Ersatzstoff. Das maskuline Begehren, die Träume, die männliche Irrsinnsannahme in einer Frau zu versinken, all dies könne die Rettung bringen – es funktioniert nicht mehr. Triebstruktur und Gesellschaft im Mindermodus.

„aber ich wäre mit der Brünetten glücklich gewesen, wobei die Glücksverheißungen in meinem Alter ein bisschen vage wurden, aber nach dieser Begegnung träumte ich mehrere Nächte hintereinander, dass die Brünette an meiner Tür klingelte. Sie war zu mir zurückgekommen, mein Umherirren auf dieser Welt hatte ein Ende gefunden, sie war zurückgekehrt, um in einem Handstreich meinen Schwanz, mein Dasein und meine Seele zu retten.“

Some of these days und als wir inmitten des Lustprinzips träumten. Und überhaupt: die Rettung wovor? Um hinterher immer wieder so weiter zu machen wie bisher? Um Frauen für Privat-Träume zu funktionalisieren? Nein, es geht nicht, es sind nur Momente – als Phantasien, von denen uns Florent berichtet. Und als Aporie im Mannsein. Insofern ist dies vielleicht Houellebecqs erster feministischer Roman. Nur eben aus der Perspektive eines Mannes erzählt. Von der idiotischen Unmöglichkeit nämlich. Idioten sind seltsame Privatiers. Houellebecq ist Dialektiker und Spötter genug, dies zu  realisieren und in Literatur zu gestalten. Die Einsamkeit des Untergehers und das wunschlose Unglück in einem langen Brief zu einem langen Abschied. Man könne diesen Text gleichsam als Brief-Tagebuch lesen. Als Einsicht ins Scheitern, von der sich Florent Rechenschaft gibt. Szene um Szene. Seiner großen Liebe Camille reist er hinterher. Er verlor sie wegen eines Seitensprungs, der zudem noch völlig überflüssig und sinnlos war. Er beobachtet Camille in ihrem neuen Leben, mit dem Fernglas, wie sie in ländlicher Region zusammen mit ihrem Sohn lebt. Eine abgelegene Region, weniger an Frankreich, denn an Norwegen oder Kanada erinnernd, wie es im Roman heißt. Ein Voyeuer liegt auf der Lauer, so wie überhaupt der Voyeuerismus bei Houellbecq eine große Rolle spielt, und betrachtet sich das, was für ihn nie mehr zu erreichen ist.

Es ist, so sei vorweg verraten, ein für Houellebecqsche Verhältnisse milder, ja fast elegischer, ein trauriger Roman. Geunkt wird zwar und manches mal deklamiert in jenem Houellebecq-Ton, den wir kennen, vielleicht eine Frage des Geschmacks, ob man es nach dem sechsten Roman immer noch originell findet, aber das ist eine Frage, die sich auch bei der Prosa von Thomas Bernhard stellt:

„…, ich hasste nicht nur Beaugrenelle, ich hasste ganz Paris, diese von umweltbewussten Kleinbürgern verseuchte Stadt widerte mich an, ich mochte selbst ein Kleinbürger sein, aber umweltbewusst war ich nicht, ich fuhr einen Diesel-Geländewagen – ich hatte nicht viel Gutes getan in meinem Leben, aber zumindest würde ich meinen Teil zur Zerstörung des Planten beigetragen haben – und ich sabotierte das von der Gebäudeverwaltung eingeführte Mülltrennungssystem, indem ich leere Weinflaschen in die Tonne für Papier und für Verpackungsmüll warf und verderbliche Abfälle in den Glascontainer.“

Aber all dies Deklamieren, was zugleich Zerrbild dieser Figur ist, nützt nichts. Es bleibt eine Höllenfahrt auf Trip, von der der Erzähler weiß, daß sie nicht gut ausgehen wird. „Der unerträgliche Leere meiner Tage zum Trotz …“.

„In Wirklichkeit war gar nichts gut; mein zweiter Befreiungsversuch war soeben fehlgeschlagen.“

Hauptakteuer dieses Romans ist jedoch nicht  nur jener Florent-Claude Labrouste, sondern ebenso das titelgebende Serotonin: einerseits ein Gewebshormon und Neurotransmitter, und es ist für Stimmungen und Glücksgefühle zuständig. Andererseits ist es ein sedierendes Psychopharmaka, das gegen Depressionen eingesetzt wird. Hinzu kommt die sexualhemmende Wirkung dieses Stoffes, was den Protagonisten in einige Nöte bringt. Gleich der erste Roman-Satz beschreibt das Medikament Captorix: „ES IST EINE KLEINE WEISSE, ovale teilbare Tablette“. Schöner Auftakt. „Still out on those pills“ sangen die Sex Pistols. Darin liegt einige Wahrheit.

Aber was geschieht in diesem Roman? Laut Klappentext dies:

„Als der 46-jährige Protagonist von SEROTONIN (…) Bilanz zieht, beschließt er, sich aus seinem Leben zu verabschieden – eine Entscheidung, an der auch das revolutionäre neue Antidepressivum Captorix nichts zu ändern vermag, das ihn in erster Linie seine Libido kostet. Alles löst er auf: Beziehung, Arbeitsverhältnis, Wohnung. Wann hat diese Gegenwart begonnen? In der Erinnerung an die Frauen seines Lebens und im Zusammentreffen mit einem alten Studienfreund, der als Landwirt in einem globalisierten Frankreich ums Überleben kämpft, erkennt er, wann und wo er sich selbst und andere verraten hat.“

Diese Auflösungen erzählt der Roman – quasi auch als einen Roadtrip, eine Reise durch Frankreich, on the road, aber nicht als Hippie, sondern ein Aussteiger von trauriger Gestalt. Wie schon in „Unterwerfung“ geht hier ebenfalls die Tour hinaus aufs Land, von Paris weg in die Provinz. Dort trifft Florent jenen alten Freund, gerät als Beobachter in die gewaltsamen Proteste der Landwirte, einige haben sich bewaffnet. Es geht nicht gut aus. Ob hier die Gelbwesten vorweggenommen werden oder nicht, ist für ein ästhetisches Gebilde freilich irrelevant. Houellebecq geht es um etwas Grundsätzliches, um soziale Verwerfungen, um ein soziales Panorama, das in den Roman zwar einfließt, aber keineswegs bestimmend ist, allenfalls liefern diese Szenen, als gesellschaftlicher Abriß, den Rahmen  – ein Rundblick, vor dessen Hintergrund das Individuelle oder was davon noch übrig blieb, um so krasser hervortritt.

Der letzte Mensch, den Nietzsche im „Zarathustra“ und in der „Fröhlichen Wissenschaft“ entwirft, ist der Begleiter dieser Literatur. Es sind Nihilismus-Szenen, manchmal vielleicht ein Stück zu durchschaubar. Philosophisch liefe sicherlich mehr, wenn man intensivierte und die Gänge ausführe, und es könnte in den Details härter zur Sache gehen. Manchmal wünsche ich, eine Literatur käme, die uns in die Debatten von Friedrich Heinrich Jacobi und Johann Gottlieb Fichte führte, nur eben vom Jetzt her und nicht als historischer Roman. Es wälzten solche Bücher Grundlegendes und die nicht nur transzendentale Obdachlosigkeit der Moderne blitzte als Geschoß und Pfeil. Große Wünsche, doch am Ende wird solche Prosa des Grausens immer nur am Detail und der Erzählstärke zu messen sein. Houellebecqs Nihilismus ist von kleinerem Kaliber. In seinen guten Momenten jedoch funktioniert er.

Egal wie: es ist dieser letzte Mensch bei Houellebecq vor allem eins, er ist ein Mann. Doch es macht sich dieser letzte Mensch nicht etwa behaglich in seinem Dasein, sondern vielmehr – das ist das Zerr- und Gegenbild – zerfrißt jene kalte Moderne ihre Protagonisten. Dieses Stahlgehäuse aus Rationalität, Arbeit, Frauen, Alkohol, Freizeit, modernité, in seiner Unbezüglichkeit bietet Möglichkeiten zum Überleben, auch zum Luxus, wie etwa jene Boutique-Hotels, deren Komfort und Eleganz Florent genießt. Doch auch solcher Waren-Tand, der Individualität beim Übernachtungsurlaub antäuscht, hilft nichts.

Und Rettung naht ebensowenig im Augenblick höchster Gefahr, und aus der Seinsvergessenheit steigen weder Zarathustra noch ein Über-Mensch heraus – wie man ihn vielleicht in Houellebecqs Cyborg-Roman „Möglichkeiten einer Insel“ annehmen könnte, jene Ewig-Lebenden. Doch auch dort kommt keine Rettung durch Technik oder Bewußtseinstraining: in jener Zone, wo Menschen unendlich fortleben können und sich immer weiter mittels Technik updaten und aus sich selbst heraus neu programmiert, Selbstfortpflanzung betreiben, ohne Sexualität freilich: doch die alten Probleme harren, der alte Adam wird sich nicht los, weil immer wieder das menschenmögliche und damit eben auch – zum Glück – fehlbare Bewußtsein in uns Menschenwesen implantiert ist.

In „Serotonin“ rückt das Leben des Protagonisten in die objektlose Innerlichkeit eines Menschen, der jeglichen Reiz von außen als Anlaß für die Reflexionsschleifen nimmt. Glück gibt es nicht auf Pillen-Rezept. Dies weiß Florent im Grunde von Anfang an, als er beginnt, seine Geschichte zu erzählen, etwa während der Fahrt von Paris in die Banlieus, wenn die ersten Ausläufer in Sicht kommen,

„…, dann durch Sarcelles, dann durch Pierrefitte-sur-Seine, dann durch Saint-Denis gefahren war, wenn ich gesehen und gehört hatte, wie um mich herum die Bevölkerungsdichte und die Plattenbauten Stück für Stück anstiegen, wie die Gespräche im Bus aggressiver wurden und das Maß der Gefährlichkeit zunahm, hatte ich jedes Mal das starke Gefühl gehabt, in die Hölle zurückzukehren, und zwar in eine von Menschen nach ihren Wünschen gebaute Hölle. Jetzt war es anders, ein nicht besonders bravouröser, aber annehmbarer sozialer Aufstieg hatte mir erlaubt, dem physischen und sogar visuellen Kontakt mit den gefährlichen Schichten hoffentlich endgültig zu entkommen, ich war jetzt in meiner eigenen Hölle, die ich mir nach meinen eigenen Wünschen gebaut hatte.“

Es gerät der Ausbruch aus der verdrehten Moderne zur Flucht in pure Innerlichkeit, die kaum noch Korrektive kennt. Selbst ein Gespräch unter Freunden läuft leer, niemand erreicht sich oder gar den anderen. Heautonomie als Farce. Zen-Phantasien gleichsam, im Steingarten:

„Ich musste weiter hinunter, noch weiter nach Süden, musste jede Hoffnung auf ein mögliches Leben weit von mir weisen, sonst würde ich nicht zurande kommen, und in dieser geistigen Verfassung begann ich die Hochhäuser zu besichtigen, die sich von der Porte de Choisy bis zur Porte d’Ivry erstreckten. Ich musste nach der Leere suchen, nach dem Unbeschriebenen, Blanken; die Umgebung entsprach dieser Suche in nahezu idealer Weise, in einem dieser Hochhäuser zu wohnen, hieß, im Nichts zu wohnen, nicht wirklich im Nichts, sagen wir, in der unmittelbaren Nachbarschaft des Nichts.“

Man muß zugleich ein wenig lächeln, in der Nachbarschaft wenigstens dieses Nichts zu wohnen. Es bleibt freilich nicht mehr viel. Diese letzten Hochhaus-Szenen, zusammen mit den Captorix, die noch für zwei Monate reichen, haben etwas faszinierend Verstörendes. Und in jenem kurzen Kapitel zum kurzen Abschied (es umfaßt zwei Seiten), das genau mit dem gleichen Satz wie der Romananfang beginnt, zeigt sich vor allem Houellebecqs Talent als Lyriker, der er ebenfalls ist: nämlich eine Szene knapp  zu verdichten und in Sprache zu pointieren. Eine Kälte und auch eine Verlassenheit bricht sich da Bahn, die durch keinen Zynismus mehr gemildert werden kann. Fast bekommt man mit Florent so etwas wie Mitleid. Auch wenn immer einmal wieder dieses sattsam bekannte Houellebecq-Schema durchbricht, das in seiner Häufung eben auch ermüden kann, fährt der Autor im Schluß ein gelungenes Finale. Vorspiel dazu ist der kalte Stein:

„Die Hochhäuser glichen sich alle, und die Einzelzimmerwohnungen glichen sich ebenfalls, es scheint mir, als hätte ich die leerste, ruhigste und blankeste in einem der anonymsten Hochhäuser ausgewählt, dort war zumindest gesichert, dass mein Einzug unbemerkt vonstattengehen, dass er nicht den geringsten Kommentar hervorrufen würde – ebensowenig wie mein Tod“

Die Ich-Erzählerin in Bachmanns „Malina“ verschwand in der Wand. Florent-Claude Labrouste verschwindet in einem seltsamen Nichts aus Tabletten, Hochhaussiedlung und dem Nichts der Liebe Christi. Unio mystica pharmaceutica.

Michel Houellebecq: Serotonin. Roman, DuMont Verlag, Köln 2019 ISBN 9783832183882, Gebunden, 330 Seiten, 24,00 EUR

Dem Hausidol des Grandhotel Abgrund zum Todestag: Karl Kraus

„Ein einzelner Mensch kann einer Zeit nicht helfen oder sie retten, er kann nur ausdrücken, daß sie untergeht.“ (Kierkegaard, Tagebuch 1849)

Dieser Satz diente Karl Kraus als Motto für sein Nachkriegsdrama „Die Unüberwindlichen“.

(Meine Würdigung  zu seinem 80. Todestag findet sich an dieser Stelle.)

 

Von den Opferfiktionen und ausgedachter Vita – Zum Fall Read on

Neu ist dieses Phänomen nicht: daß sich Menschen, die keine Juden sind, eine jüdische Identität andichten, wie etwa kürzlich Wolfgang Seibert in dem Städtchen Pinneberg im Nordwesten Hamburgs. Seibert log über seine jüdische Herkunft. Oder es präsentierten Menschen sich als Opfer des Holocaust, obgleich sie es nicht sind – prominent etwa beim Fall Binjamin Wilkomirski zu sehen, der tatsächlich unter dem Namen Bruno Dössekker aufwuchs und nie in einem KZ saß. Unter dem Namen Wilkomirski dichtete er sich zum KZ-Überlebenden um und schrieb mit „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948“ eine bei Suhrkamp veröffentlichte Autobiographie. Ähnlich gelagert der Fall Misha Defonseca, die ihre Vita fälschte.

Nun ist freilich nichts dagegen zu sagen, wenn sich Menschen Geschichten ausdenken oder sich ein anderes Leben erfinden, mithin Fiktionen produzieren. Sofern jedoch die Fiktion als eigene Vita ausgegeben wird und solchermaßen ein Stück der faktischen Realität wird, dann fängt es an problematisch zu werden, insbesondere wenn daraus ein moralischer Mehrwert geschlagen wurde oder man mit seinem eignen Leben als Beispiel anderen eine Mahnung sein will. Gut gemeint vielleicht, aber schlecht gemacht. Daß das Spiel zwischen Literatur und Wirklichkeit durchaus auch eine literarische und damit auch eine ästhetisch legitime Dimension hat, indem bis ins Empirisch-Faktische hinein die Rollen von Autor, Romanfigur und Lebensensemble ins Schwimmen geraten, ist uns schon früh von der Literatur her bekannt, gehört zum Repertoire der Moderne, nicht nur der ästhetischen, man nehmen bereits im frühen 17. Jahrhundert den Don Quichotte oder dann im 20. Jahrhundert Flann O’Brian, Raymond Queneau oder Italo Calvino, wo Romanfiguren ihren Büchern entsteigen und sich sogar mit ihrem Autor anlegen, oder eben Woody Allens „The Purple Rose of Cairo“: ein Filmheld durchbricht die vierte Wand.

Freilich bleiben all diese Fälle in ihrem Medium. Selbst wer das Buch im Buch verläßt, tut dies im Buch. Gleiches beim Film. Und selbst in einem, wie man mutmaßen kann biographischen Roman wie „Vielleicht Esther“ bleibt es am Ende für die Lektüre unerheblich, ob Katja Petrowskaja hier tatsächlich die Vergangenheit ihrer Familie schilderte, tief in die deutsche Geschichte und damit bis nach Nazi-Deutschland reichend, oder ob das eine Fiktion ist. Petrowskaja betreibt kein Spiel mit den Ebenen, sondern sie erzählt uns eine spannende, verwickelte Geschichte. Auch zu den Fragen, was eigentlich Authentizität im Umgang mit unserer Vita bedeutet. Für das, was man in der Literatur den Plot bzw. den Inhalt nennt, ist der Bezug zur empirischen Wirklichkeit gleichgültig. Kann sein, daß die Geschichte tatsächlich so stattfand, kann auch nicht sein.

Primär geht es im literarischen Kunstwerk um ästhetische Stimmigkeit, um ästhetische Wahrheit und nicht um biographische Wahrhaftigkeit. (Das Thema „neuer Biographismus“ als Phänomen der Belletristik, also die Frage nach dem autobiographischen Schreiben bilden hier einen besonderen Bereich, intensiv diskutiert seinerzeit 2016 an den Phänomenen Knausgård, Melle und auch beim Popton von Stuckrad-Barre, führt aber von dem Thema fort, wieweit Fiktion in tatsächlich biographischen Texten oder Blogs erlaubt ist. Denn im Genre Literatur kommt es eben nicht auf faktische Wahrheit an, sondern deren Stimmigkeit ist eine andere. Selbst bei einem (vermeintlich) durch und durch autobiographischem Text wie Max Frischs „Montauk“, wo ein Autor es genau so schreiben will, wie es war.)

Anders sieht dieses Spiel mit der Referenz im Medium Internet aus, nicht nur, was die Kunst und künstlerische Inszenierungen betrifft. Dort finden wir eine neue Form von Darstellung, die den Begriff der personalen Authentizität ins Schwimmen bringt und kritisch hinterfragt. An solcher Stelle wird es postmodern, weil nämlich herkömmliche Unterscheidungen in den Zweifel gezogen bzw. auf ihren Grund befragt oder einfach simuliert oder parodiert werden. Wobei man freilich philosophiekritisch immer mit dazu sagen muß: zieht man die Differenz zwischen Schein und Wirklichkeit komplett ein und nimmt beides als unterschiedslos, so setzt bereits diese Entgrenzung bzw. das Vertauschen der Vorzeichen immer schon voraus, daß es so etwas wie eine Wirklichkeit gibt, die dem Schein entgegensteht und an der die Verschiebung gemessen werden kann. Ansonsten hätte der Begriff des Scheins keinen Sinn und auch der der Wirklichkeit nicht. Solche Spiele sind also dialektisch verfaßt.

Im Ästhetischen, das sich in die Lebenswelt als Trug, als Posse oder als schöne Lüge und sogar als reale Fiktion oder fiktive Realität einschleicht, ergibt das Spiel von Realität und Fiktion, von Schein und Wahrheit literarisch spannende Konstellationen und Geschichten. Prominent und als einer der erster Autoren, die dieses Changieren betrieben, ist Alban Nikolai Herbst und sein Blog „Die Dschungel.Anderswelt“ zu nennen. Bis heute hin wurde dieses Spiel zwischen realer Person, fiktivem Autor und literarischem Einschlag in seinem Blog und teils auch in seiner Literatur durchgehalten. Oftmals mit anregenden, klugen, witzigen Texten, die auch den Leser mit ins Spiel ziehen. Denn im Dschungel können wir Teil der Literatur werden. Herbst spricht, so etwa in seiner Heidelberger Poetikvorlesung, vom Kybernetischen Realismus. Parallelwelten, Echtzeitwelten, Schnittstellen.

Literatur darf das und wer sich auf Herbsts Blog einläßt, weiß auch, daß gespielt wird. Man wäre geneigt zu sagen: geschwindelt, aber es trifft dieser Begriff es nicht exakt. Literatur schwindelt nicht: ihr Fiktives ist real. Ähnliches seinerzeit mit der Schriftstellerin Aléa Torik (Claus Heck): eine junge rumänische Studentin, die in Berlin lebt. Ein spannendes Spiel der Ebenen zwischen ausgedachter Autorenvita und Roman, zwischen Leben und Netz, wo sich 2013 Leben und Literatur in einem seltsamen Strudel bewegten. (Meine Rezensionen zu ihren Büchern „Das Geräusch des Werdens“ und „Aléasʼ Ich“ finden sich hier im Blog.)

Langer Abschweif, kurzer Sinn: jetzt ist am Wochenende herausgekommen, daß die unter dem Namen Fräulein Read on bloggenden Historikerin Marie Sophie Hingst eine jüdische Vita sich ausdachte. Freilich war sie mir als Historikerin bisher nicht geläufig, sondern lediglich als Bloggerin. Mit Aplomb enttarnte der „Spiegel“ jenes Phänomen von biographischer Dichtung und genealogischer Wahrheit und konfrontierte sie in einem (fingierten) Interview mit den recherchierten Erkenntnissen. Leider wieder einmal in der stilisierten, typischen Spiegel- Dramaturgie, was in der Darstellung den üblichen Beigeschmack hinterläßt

„In die­sem Mo­ment muss Ma­rie So­phie Hingst er­kannt ha­ben, dass ihre Par­al­lel­welt nicht län­ger Be­stand ha­ben wür­de. Eine ge­fähr­li­che Si­tua­ti­on: für ihr Selbst­bild – das of­fen­bar mit der fik­ti­ven Iden­ti­tät fast de­ckungs­gleich ge­wor­den war –, für ihre In­te­gri­tät und na­tür­lich auch für ih­ren Job als Pro­jekt­ma­na­ge­rin ei­nes in­ter­na­tio­na­len IT-Kon­zerns in Dub­lin, den sie im ver­gan­ge­nen Au­gust an­ge­tre­ten hat.“

Hingst betreibt – oder besser: betrieb muß ich schreiben – den Blog „Read on my dear, read on“. Inzwischen ist der Blog geschlossen. Fräulein Read on wurde 2017 zur Bloggerin des Jahres gekürt. Was ich von solchen Preisen halte und auch von den unsäglichen Reden, die dort abgesondert werden, brauche ich hier nicht groß zu schreiben. Dennoch habe ich den einen oder den anderen Artikel in ihrem Blog gerne gelesen, etwa zur „Stasi am Küchentisch“, wo es um den Mißbrauch von Vertrauen ging: wenn der, der in deiner Gegenwart sitzt und dir zuhört, brühwarm es ans Ministerium berichtet.

Nun also das. Und wie immer die Frage nach dem Glashaus und nach den inhaltlichen Kriterien: die doppelten Standards. Darf man faken? Darf man das in einem Blog? Ja, grundsätzlich schon. Aber eben nur, sofern man gewisse Ansprüche und Standards durchhält. Beim Täuschen gibt es Grenzen. Nicht immer leicht auszumachen, fallabhängig oft. In diese Sache aber ist einiges gründlich schief gelaufen, eine Inszenierung lief aus dem Ruder, weil ihre Autorin auf der Wahrheit dieser Inszenierung pochte. Insbesondere deshalb hat die Sache mehr als nur eine Schieflage, weil mit solchem Judentum und einer Holocaust-Vita ein bestimmter Anspruch verbunden ist.

Ob ich mich als Ästhetiker Bersarin im Grandhotel Abgrund mit Riesling und Büchern oder als rumänische Schriftstellerin fiktionalisiere, tut in der Regel niemandem weh und richtet keinen Schaden an. Solange ich in meinem Blog bleibe, solange meine Realitätsansprüche bescheiden sind. Wenn ich schriebe, daß ich im Club Berghain heftigst abtanzte, so tut das niemandem weh, wenn ich in Wahrheit zu Hause im gemütlichen Ohrensessel saß, Apfelsaft trank und für die Berghaingeher nur Lachen übrig hatte. Hinter den Internet-Namen ist es wie unter einer Burka: es könnte dein eigener Onkel darunterstecken, wie einmal eine Afghanische Burka-Punkband kritisch gegen den Repressionsstoff ansang.

Nun also wieder ein ausgedachter Jude. Es wäre freilich, auch literarisch genommen, interessant, ob es ebenso den umgekehrte Fall gibt: Sich eine Täterfamilien-Vita zu stricken, als Nachkomme eines Täters zu bloggen, Lagerarztgeschichten von Opa, Polizeibataillon Ost. Jonathan Littels „Die Wohlgesinnten“, nur diesmal für den Blog und damit auch die Wirklichkeit. Ich habe solches Ausdenken von Nazi-Horror manchmal heimlich in der Phantasie zum Spaß gemacht und mir solche Dinge im Kopf zurechtgelegt. Aber solch Makaberes kann man nicht wirklich öffentlich erzählen oder am Ende sollte eben die Fiktion doch als solche irgendwie kenntlich sein. Also Literatur. Es scheint Grenzen zu geben, zumindest intuitiv, so empfinden wir. Es scheint in bestimmten Erzählungen auch eine moralische Schranke zu existieren.

Nein, neu ist dieses Phänomen in der Tat nicht, man sehe auf die oben geschilderten Fälle. Ich frage mich allerdings, was diese Bloggerin geritten hat und wie sehr man sich in seine eigene Geschichte verstricken kann. Ich las zwar bei „Read on“ selten, doch es war ein durchaus angenehmer Blog, teils gut geschriebene Texte, manchmal freilich zu zuckerig, wenn ich mich recht erinnere. Und ich frage mich, was jetzt in Fräulein Read on vorgehen mag. Wie sitzt man da, was denkt man? Das interessiert mich mindestens genauso wie die psychologischen oder biographischen Motivationen, sich eine solche Geschichte auszudenken. Es mag dies mit einer übermäßigen Opferidentifikation zu tun haben, vielleicht auch mit einer Selbsterhöhung oder einer missionarischen Ader, die Leute vor etwas zu warnen, vielleicht auch bezieht man einen hohen Teil seines Selbstwertgefühls aus solcher Mission. Viele Motive sind möglich, es bleibt Spekulation.

Doch das Davor scheint mir zumindest von der Struktur her klar: Jemand verstrickt sich in ein Netz aus Geschichten. Ein wenig auch Narzißmus, eine Geschichte, die langsam in den Kopf einsickert und man merkt nach den ersten Reaktionen der Leser: es fährt sich gut damit, die Leute wollen das. Relotius ist ebenfalls ein solcher Typus. Und man möchte nicht wissen, wie viele Juden, die keine Juden sind, sich in Foren wie haGalil bewegen und in moralischem Verve gegen den Goj, gegen den Schmock auftrumpfen. Aber was machen diese Leute danach? Was tun sie, wenn die Chose aufgeflogen ist? Was geht in Marie Sophie Hingst vor? Eigentlich bräuchten Hingst oder Relotius doch sofort eine professionelle Hilfe. Eine Welt, in der man bisher gut lebte, ist gebrochen. Für die Öffentlichkeit ist man unmöglich geworden. Weshalb ich, wo alle „Kreuzigt ihn!“ rufen, eine Tendenz zum Moderaten habe, sofern jemand sich im Gang der Dinge doch über seinen Fehlgriff klar wird. Ich finde das Danach sehr viel tragischer. Da beginnt für mich die eigentliche Geschichte. Manche schaffen es ja wieder nach draußen, ins Öffentliche. Tom Kummer etwa, der dieses Jahr in Klagenfurt lesen wird. Manche regt das auf, ich aber möchte schon noch die Ebenen unterschieden wissen. Und wenn für jemanden, der aus dem Knast kommt, gilt, daß er seine Strafe verbüßt habe, sollte dies auch für Personen gelten, die sich anderer Verfehlungen schuldig machten. Es gibt ein Recht auf Neuanfang.

Ich will damit das Verhalten nicht entschuldigen, denn willig sahnte man die Preise ab, ließ sich belobhudeln, sonnte sich im Glanz, der anderen eben nicht zuteil wurde: sei es Relotius, sei es Hingst – so unterschiedlich ihre Fälle ansonsten auch sind, der von Relotius ist zumindest für den Journalismus deutlich dramatischer und zeigt eine unheilvolle Tendenz, wie man in Redaktionsstuben gerne die Texte haben wollte, teils auch wieder in der Spiegel-Enthüllung zu lesen. Dennoch: beim Steine-Schmeißen macht es sich diese Gesellschaft viel zu leicht. All die Leser (oder zumindest viele) bekamen genau die Geschichten, die sie lesen wollten. Da hatten sich zwei gefunden. Rührseliger Opferschmonzes, so zumindest denkt man hinterher, dramatisch aufgepeppte Szenen. Texte fürs Gefühl – hätte ich in den Blog tiefer hineingelesen, wäre mir da ganz sicher aufgestoßen. Gegen den Kitsch der guten Gesinnung und das Eiapopeia mit Juden oder mit Negern bin ich grundsätzlich allergisch. Wir müssen lernen, kritisch zu lesen. Aber gegen Lügen, die glaubwürdig präsentiert werden, hat es eben auch das kritische Lesen schwer. Da lobe ich mir dann doch wieder die Literatur. Sie darf alles, sie kann alles. Nur eben darf sie nicht ästhetisch mißlingen.

Antisemiten, Islamisten und Israelhaß in Berlin – der jährliche Al Kuds-Marsch

Nun marschierten in Berlin wieder unzählige Menschen durch die City-West, vom Adenauer- zum Wittenberg-Platz. Es ist, zum Ende des Ramadan, heute wieder der unsägliche, vom Iran ins Leben gerufene Al Kuds-Tag, wo arabische, persische, rechtsextremistische und linksradikale Antisemiten in Berlin und in anderen Städten Europas den politischen Islam wie auch den Antisemitismus auf die Straßen tragen und eine Religion samt ihren Riten instrumentalisieren. Meist marschieren diese Leute im Verbund mit NPD-Funktionären, Mitgliedern des maoistischen Jugendwiderstands und der antisemitischen BDS-Bewegung, die zum Boykott jüdischer Produkte aufruft: Kauft nicht bei Juden, kauft nicht von Juden, kauft nichts aus Israel! Sie werden sicherlich auch keine französischen Weine vom Gut der Rothschilds trinken.

Ich bin im Augenblick leider zu beschäftigt, um auf dieser Ansammlung zu photographieren, insofern zeige ich einige Photographien von 2014, die ich schon einmal auf dem inzwischen entschlafenen Photo-Blog Proteus Image präsentierte. Schon damals reihten sich in diesen Zug auch deutsche Antisemiten ein, so die Rapperin Dee Ex und einige andere Rechtsradikale. Und da alles also beim alten ist, kann ich ebensogut auch  die alten Photographien zeigen.

Der Al Kuds Tag wurde im August 1979 von Ajatollah Khomeini ins Leben gerufen, um „den Usurpatoren und ihren Unterstützern die Hände abzuhacken“, um sozusagen mit den „muslimischen Palästinensern“ Solidarität zu zeigen. Interessant ist vor allem, wie seit 1979 über den Al Kuds-Mythos der (persische) Iran politisch und geostrategisch auf den jüdischen und arabischen Raum übergreift. Unter anderem auch mittels Finanzierung von Terrororganisationen wie Hisbollah und Hamas. Daß, nebenbei, für den politische Arm der Hisbollah in Europa kein Verbot existiert (die PKK hingegen ist verboten), scheint mir ein weiterer Skandal zu sein. Das ist in etwa so, als teilte man die italienische Mafia in einen kriminellen und einen kulinarischen Arm auf, dem man dann erlaubt, Essen zu servieren.

Und um es klarzustellen: Es ist sehr wohl möglich, die Politik Israels zu kritisieren, es gibt manches zu kritisieren, wenngleich Deutsche aus ihrer Geschichte heraus den Ball ein wenig flacher halten sollten. Solche Kritisieren geschieht in diesem einzigen demokratischen Staat im Nahen Osten, in dem es freie und geheime Wahlen gibt, auch durch viele Israelis: so wie man ebenso Trumps Politik in den USA oder Xi Jinpings Politik in  China und die von Putin in Rußland kritisieren kann oder eben die der Machthaber im Kongo oder in Syrien – seltsam freilich, daß es im Sprachgebrauch keine Saudi-Arabien-Kritik, keine Syrien-Kritik, keine Libanon- oder Jordanien-Kritik gibt, obwohl auch in diesen eher kleinen Ländern es einiges zu kritisieren gibt. (Aber das ist wieder ein anderes Thema.)

Was freilich nicht möglich ist und wo es antisemitisch wird, ist eine Kritik, die sich auf alle Juden, auf alle Israelis samt ihrem Staat kapriziert, die Israel als Grundübel der Welt ausmacht oder die den gesamten Staat Israel in seiner Existenz in Frage stellt, ihn mit Terror bedroht oder ihn von der Landkarte tilgen will. So wie eben an jenem vom Iran initiierte Al Kuds-Tag der Staat Israel als ganzer in Frage gestellt wird – auch auf den Demonstrationen. Offen formulieren es diese Leute dort nicht, aber insgeheim ist dies genau das Begehren. Ich habe mit einigen damals gesprochen – wenn man ein wenig auf deutschen Nazi macht, ist man bei ihnen wohlgelitten. Sie zeigen nach außen ein freundliches Gesicht, daß man bloß gegen den Zionismus und nicht gegen die Juden sei. Aber das eben sind Worte, die man zur Schau stellt, damit die ganze Chose nicht sofort verboten wird. Spricht man mit den Leuten direkt, kommt teils Erschreckendes zum Vorschein, nicht von allen zum Glück, aber leider von einer Vielzahl. Dennoch: Trotz all dieser widerlichen sich dort abspielenden Dinge. Das Demonstrationsrecht gilt auch für diese Leute. Ums so wichtiger ist der immer stärker werdende Gegenprotest. Parteiübergreifend.

Hier also noch einmal einige Photographien vom 25.7.2014.

(Sofern in diesem Beitrag unqualifiziert oder trollend kommentiert wird, schalte ich den Kommentar gar nicht erst frei bzw. lösche ihn ad hoc und ohne weitere Erklärungen. Ebensowenig bin ich bereit, generelle Israel-Anfeindungen hier zu diskutieren.)