Kein Elefant mehr im Paul Celan-Laden: Zum Tod von Wiglaf Droste

Böse und mit spitzer Zunge ging Droste die eigene Polit-Szene an: das Muff-Milieu, jene Trieftrinen-Linke, ihre moraline Gesinnung, ihre Doppelmoral, ihren Ranz. Unaushaltbar und deshalb unbedingt dem Spott preiszugeben: Spießer, die auf Spießer schimpfen. Mir alles gut aus den 80er und 90er Jahren bekannt von der Hafenstraße und einem bestimmten Uni-Milieu. Let there be rock: Satire und beißender Witz hilft, um sich zu wehren. Das große Auslachen starten. Ja, so sind die bösen alten weißen heteronormativen Männer: toll toxisch maskulin. Warum auch nicht? Droste höhnte, schlug zu. Immer ein Treffer. Es sprach mir aus der Seele schon damals: da waren sie wieder, die guten, frühen alten Titanic-Jahre, wo Droste von 1989 bis 1991 wirkte.

Nicht immer fein kamen Drostes Texte daher, nicht mit dem Florett, sondern oft focht er mit dem Säbel, den er freilich mit Esprit zu führen verstand und wie einen Degen gebrauchte. Wortscharfer Meister der Sprache. Mit bösem Spott schnitt er in die linke Seelengemütlichkeit. Aber nicht nur gegen das Fleisch vom eigenen Fleisch, jenes Jammertal-Links-Milieu zog er an, denn Droste ist selber links, sondern es ging ebenso gegen die Spießigkeit einer rechten und biederen Haltung, die es sich im Simplen gerne gemütlich machte: Patriotismus, Papst, Vaterland. In Abwandlung des Adorno-Zitates hieß es bei Droste:

„Wer sonst gar nichts hat, der hat doch ein Vaterland. Patriotismus ist die Religion der ganz armen Schweine.“

Ich verhehle es nicht: Ich bin nicht nur traurig, sondern Leute wie Droste sprachen mir, wie man so im Kitsch und Klischee vor sich hin sagt, aus der Seele. Droste hätte darüber, übers „Sprechen aus der Seele“, Wendungen aus dem Wörterbuch der Phraseologie oder der Gemeinplätze, vermutlich einen Witz gerissen: über jenes raunende Delirieren. Es gab eben wenige solcher Streiter und Polemiker, die mit Bosheit und Witz ihre Umwelt bedachten. Spottdrossel-Dichter, Sprachmeister in Wort und Klang, zugleich aber auch, man denke an Robert Gernhardt, in der Dichtungs-Tradition der „Titanic“, für die er einst schrieb. (Inzwischen ist dieses „Magazin“ ein Schatten seiner selbst und leider viel zu häufig siedelt es in Betulichkeit. Leute wie die humorbefreite Zone Leo Fischer waren der Tod dieses Blattes.) Erotische Gedichte halt, wo heute eine derangierte Linke vor Schreck und Scham die Hände hochreißt: Gottseibeiuns! Sie würden am liebsten Laken über die Erotik decken, Statuen verhüllen und Bilder aus Museen abhängen. Doch diese Lustfeindlichkeit machte Droste nicht mit:

DICHTERREGEL
Nach dem Sex und vor dem Essen
schöne Lyrik nicht vergessen!
(Womit man noch besser fährt,
hält man es auch umgekehrt.)

Fein auch solche Buchtitel: „Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv. Neue Sprachglossen“. Man lacht bereits beim Titel und dichtet sich schon vorm Lesen das Buch im Kopf zurecht, denkt und sinnt, was darin wohl an Glossen vorkommen mag.

In der FR heute lese ich dieses Zitat, es stammt aus dem Gedicht „Männergruppensong in dem Band „Bombardiert Belgien!“: „Frauen nicht mehr klammern / In der Gruppe jammern / Männergruppe gründen / Gründe dafür finden“. Es paßt so unendlich gut. Besonders das gruppenbezogene Menschenfeindlichkeitsgejammere einer identitären, intersektionalen, nun ja, nennen wir sie „Linke“. Bekloppt bis ins Mark.

Wer hören will, was ich meine, auch hinsichtlich des Sprachklangs und der Wortmelodie, also nicht bloß politkomisch genommen, kann das – nicht nur im Blick auf Kreuzberg im Grunde – in diesem kleinen, feinen YouTube-Stückchen machen: „Der Schokoladenonkel bei der Arbeit“. Eine Persiflage auf die Täterjagd, auf eine aufgeheizte, undifferenziert agierende Meute, Leute „die im Leben immer nur eins sein wollen, nämlich Opfer, und das natürlich im warmen Mief der Gruppe; und die diese superkonservative Attitüde als schwer fortschrittlich juchheissen“. Aktuell bis hin zum Heute, zum Hashtag- Engagement derer von Bückdich und Strohkowski. Herrlich und auf den Punkt gebracht: Geschosse des Grauens!

Aktuell bis heute hin ist diese Satire. Zu jenem Text, der erheblichen Anstoß zu erregen schien, schrieb Droste in der taz:

„Wegen meines Textes „Der Schokoladenonkel bei der Arbeit“ lauerten mir 1995 Leute im Dreidutzendpack bei Lesungen auf und brüllten „Täterschützer!“ und „Faschist!“ Vermummt und mit Knüppeln bewaffnet gingen sie auf mich los, im Namen des Feminismus drangsalierten sie weibliches Publikum. Sie versuchten, Lesungen mit Buttersäure zu sprengen, spuckten, sprühten Tränengas in Gesichter und entblößten durch das Ausbringen von sorgfältig gehütetem Eigenkot auch den Inhalt ihrer Köpfe.“

Im Westen nichts Neues, und das reicht bis in die Gegenwart. Säkulare Calvinisten, die (literarische) Texte nach Reizwörtern durchforsten. Jene, die eine von Zwängen befreite Gesellschaft erkämpfen wollen, sind in ihrem Willen und Vorgehen zwanghafter noch als jener gestörte Zwangscharakter, den sie zu bekämpfen vorgeben und man möchte von jenen Miefern besser niemals befreit werden und wünscht dann doch, daß diese Gesellschaft besser so bleibt wie sie ist, als daß jene mit ihren vermeintlichen Utopien je zur Macht gelangten. Man weiß nicht wie, es bleibt die Aporie.

Droste wußte das, und er wehrte sich insofern mit Heftigkeit gegen jenes Milieu. Das mochte auch manche Überreaktion bei ihm provoziert haben. Mir ist solches Verhalten des Überreagierens gut vertraut, und insofern ist mir Droste auch aus diesem Grunde nahe. Mit Leuten, die eigentlich nicht reden wollen, sollte man in der einzigen Sprache sprechen, die diese Leute verstehen: Böser Spott und kräftiges Auslachen. Dies alles konnte Droste und beherrschte die Töne. Vor allem aber spießte er in jenem Stück die Hysterie und die Hermeneutik des Verdachts auf. Diese Variante des Linken wird ihren alten Stalin nicht los.

Aber Droste konnte eben auch anders: Poetisch fast und an Heine oder Jandls Sprachwitz erinnernd sein 2015 erschienener Gedichtband „Wasabi dir nur getan?“, erschienen im Verlag Antje Kunstmann und von mir unbedingt zum Kauf empfohlen.

„Bring die Psyche zum Schuster
Neuer Absatz, neues Muster.
Lass die Seele dir besohlen
und dann sage: Gott befohlen …!“

Das Gedicht heißt „Anfang“, und es steht am Ende dieses schönen Buches.

Am 15. des wonnigen Monats Mai verstarb Wiglaf Droste in Pottenstein, im herrlichen, hügligen Franken. Provinz und ein feiner, sehr feiner Ort (ich kenne ihn gut) – allemal besser und schöner zum Sterben als der furchtbare Kreuzberg-Ranz – aus dem immerhin Droste einige Inspiration bezog, wenn auch vielfach ex negativo. Fleisch vom eigenen Fleisch eben oder das, was die Linke Selbstkritik nennt, Denken kann auch durchs Spiegeln entstehen. Aber der pädagogische Effekt ist zugleich auch wieder Nebensache, denn es geht ja vor allem darum, lachen zu können. Wenn schon nicht die Gesellschaft befreit werden kann, so befreit eben Lachen das Subjekt und läßt für Momente vergessen. Ja, ja Kreuzberg. Und sofern man sich jemanden wie die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann vorstellt, ist es irgendwie auch wieder leicht, Spott in Wort und Text zu gießen, so denke ich mir. „Aber hier leben? Nein danke“ sage ich mir mit Tocotronic und denke ans schöne Franken, ans märchenhafte Pottenstein mit seinen fränkisch-dunklen Wäldern und Höhlen, denke an den Witz des Oberfranken Jean Paul und an den Spottspaß des im Westfälischen geborenen Droste. Er wurde 57 Jahre alt.

Es verstarb ein großartiger Polemiker, ein Essayist, ein Satiriker, der insbesondere dem eigenen Milieu einen Spiegel vorhielt und der zudem zeigte, daß Genuß und Hedonismus eben auch Bestandteil linker Politik sein können. Wer statt des Gebrauchswerts nur auf den Tauschwert blinzelt, verfehlt das beste. Und wer in genießender Manier, wie Droste, gerne den einen oder den andren Wein süffelt, der greife zu seinem bei DuMont erschienenen Buch „Wein“ darin sich herrliche Glossen finden, auch zum Bier:

„Spätestens in meinem Jahr als Titanic-Redakteur in Frankfurt am Main aber war ich vorsichtig geworden: Bindingbrühe und „Aans is sischä – Lischä!“ hatten mich leiden lassen und einen Notwehrreim provoziert:

In Frankfurt spült der Bahnhofsstricher
Nach dem Blow-Job mit Licher.“

Alles im Leben geht zu Ende, manches zu früh. Ein Abschiedsgedicht also noch, melancholisch und von einer Lebenslust getragen, lakonische Herbstnotiz von Droste, nun im Mai, aus dem wunderbaren Gedichtband „Wasabi dir nur getan?“

DEUTSCHLAND IM HERBST
Der Sommer ist vorbei.
Es folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.
Mir ist so müd zumute, und entsetzlich leer.
Wie? Sagte ich zumutʼ? – Mut hab ich keinen mehr.
Oh, es hebt an ein großes Weh und Klagen:
Der Sommer ist vorbei.
Ihm folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.

Der Sommer ist vorbei.
Nun folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.
Die Pfahlbau-Zeit, Triumph der fahlen Knöchelstümpfe,
fatal, Final, Brutal, wie abgeschnittʼne Strümpfe.
Ich werf mich auf den Totentisch, den Schragen:
Der Sommer ist vorbei.
Nun kommt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.

Der Sommer ist vorbei.
Jetzt ist die Zeit, da Frauen Leggins tragen.
Sie sagen: Ist doch sexy und bequem zugleich!
Wie allen Uhren wird Big Ben der Zeiger weich.
Ich weiß: Ich rede mich um Kopf und Kragen:
Der Sommer ist vorbei,
Jetzt ist die Zeit, da Frauen Leggins tragen.

Der Sommer ist vorbei.
Es folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.
Plastik-Elastikhaftes soll mich deprimieren;
wer jetzt kein Frauenbein hat, der wird lange frieren.
Ich kann es nur in diesen Worten sagen:
Der Sommer ist vorbei.
Es folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.

Mach’s gut, Wiglaf Droste und möge da oder dort oder wo auch immer ein gut gefüllter Weinkeller bereitstehen.

(Die Photographie entnahm ich der Seite vom Magazin Capriccio im Bayerischen Fernsehen.)

9 Gedanken zu „Kein Elefant mehr im Paul Celan-Laden: Zum Tod von Wiglaf Droste

  1. Die guten, frühen Titanic-Jahre waren für mich eher 1982-1989, und zu Droste habe ich ja wie bekannt ein eher zwiespältiges Verhältnis. Abgesehen davon ist er leider viel zu früh von uns gegangen.

  2. Ich – oh, das wußte ich gar nicht… Zuletzt ein paar seiner Spuren verfolgt in Michael Rutschkys oberlakonischem Abschiedsbuch „Gegen Ende“, und in Gerhard Henschels witzigem Erfolgsroman, der ja ebenfalls oft aus Kahtarina und Michael Rutchkys Wohnung auf das (überwiegend szenige) Berlin schaut.

    (Die Titnic ist nicht mehr witzig, sondern bemüht, aggressiv und verbissen. Scheints kann einer Zeitschrift der Witz ausgehen).

    Die Vorstellung von Wiglaf Drostes frühem Ende in der Fränkischen Provinz ist traurig. Ich vermute, wenn ich mehr darüber wüßte, wäre sie noch trauriger. – Er schlammere sunft…

  3. Vielen Dank!

    @Dieter Kief: Na gut, Rutschkys Abschiedsbuch nun doch mal auf meine Leseliste gesetzt, wenngleich ich vom ersten Drittel des „Mitgeschrieben“ nicht so angetan war. (Ihren doppelten Kommentar habe ich gelöscht, ist vermutlich aus Versehen doppelt

  4. Die guten Titanicjahre waren in der Tat von 1980 bis 1989, Droste brachte das noch einmal zum Nachglühen, die mittleren 90er gingen auch noch. Dann wurde es leider oft öde und irgendwann las ich nicht mehr.

  5. Pingback: Hinweise des Tages – Die Welt

  6. Ist es betuliches Befindlichkeitsgeseiere, wenn ich mich an Droste biographisch erinnere? Mitte der 90er Jahre gab es in meiner westdeutschen Kleinstadt zwei Kioske, an denen man ab und zu eine taz bekommen konnte. Also nichts wie hin, vor allem – wie ich bald lernte – Freitags, wenn ein lustiger Mann mit einem seltsamen Namen Sachen schrieb wie „Frauen, die rauchen, sind klasse“. So etwas hatte ich noch nie gelesen, auf Deutsch schon gar nicht. Da schien einer das richtige zu hassen, und es tat meiner Provinzteenagerseele doch sehr gut, zu wissen, dass es Alternativen zu dem kulturellen Angebot gab, das Lehrer einerseits und Fernsehen andererseits machten, vor allem aber zu dem Ton, der überall herrschte. Ob es meinen Schreibversuchen für die Schülerzeitung guttat – naja. Später dann, irgendwann vor dem Abi, mit Mutters Golf in die Landeshauptstadt gefahren, um Droste auf der Lesebühne zu applaudieren – vorher noch eine Craven ‚A‘ im Café geraucht, die gibt es ja auch nicht mehr.

    Ich ging dann erst gut 15 Jahre später wieder zu einer Droste-Lesung; ich hatte schon gewisse Befürchtungen, aber die Karten waren mir wohlmeinend geschenkt worden. Ein ungemein charismatischer Vortragskünstler war er immer noch, doch manche der Gags kamen mir doch schon aus älteren Texten bekannt vor, und das Gehasse wirkte mitunter verbiestert, die Ziele zu billig. (Auch ich war keine 18 mehr, klar.) Es stimmt wohl, dass die Kolumne als Form ihm allmählich zur Gewohnheit wurde, während er als Lyriker zu sich fand und darin das Gold seines Spätwerks zu finden ist. Der auch innerliche Abschied von Kreuzberg – denn Kreuzberg ist eine Lebensform, die unter humoristisch schreibenden Deutschen verbreitet ist – hat ihm offensichtlich gutgetan.

    Danke für den schönen Nachruf. Wiglaf Droste scheint vielen Menschen, zumal in meinen Social-Media-Kreisen, viel bedeutet zu haben, und das ist eine Art Trost – wenngleich genau die Art Trost, die er ganz gewiss abgelehnt hätte.

  7. @“und das Gehasse wirkte mitunter verbiestert, die Ziele zu billig. “ —— Das ist exakt auch meine Wahrnehmung, dies aber schon 1995. In den Dauergefechten in denen er ab dieser Zeit stand verlor er die Leichtigkeit die den frühen Droste auszeichnete.

  8. Danke für diese schöne Erinnerung, Joe!

    @che und Joe: Da ist sicherlich etwas dran. Der reine Bezug durch Negativität verdirbt irgendwann den Blick und man verengt sich, wird gleichsam monothematisch und im Bezug zur Sache ist die Arbeit nur noch ex negativo. Dieses Verhaltenist wie das zu lange Lesen auf sozialen Medien wie Twitter oder Facebook, wenn man die eine oder die andere der Blasenseiten immer wieder rezipiert und sich über die Ignoranz ärgert. Die (berechtigte) Wut läuft langsam leer.

    Auch ich denke, daß Droste am Ende in den Gedichten, in seinen Glossen auch zum Wein und zu den gesellschaftlichen Beobachtungen als Satiriker besser aufgehoben war als in jener seltsamen Kreuzberger Welt. Die Witze wiederholen sich eben auch deshalb, weil sich diese Art von linken Strukturen perpetuieren. Nur heute eben durch die sozialen Medien noch deutlich verstärkt.

    Und gut tut auf alle Fälle auch der räumliche Abstand. Gerade beim Verweilen in der sogenannten Provinz oder in kleineren Städten bemerkt man schnell, daß die Welt zugleich doch eine andere ist und die Themen fokussieren sich an jenen Orten doch etwas anders als im Kreuzberger Kiez.

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