Gottfried Benn zum Geburtstag: dem Gegenglück, dem Geist

„Ich bin kein Menschenfeind. Aber wenn Sie mich besuchen wollen, bitte kommen Sie pünktlich und bleiben Sie nicht zu lange.“

Ansonsten halte ich es ebenso mit dem Titel jenes Bandes ausgewählter Briefe, erschienen bei Klett-Cotta/Wallstein:

„Absinth schlürft man mit Strohhalm, Lyrik mit Rotstift.“

Schöne Sentenzen, klangvoll, ein wenig markig auch, apodiktisch, aphoristisch sowieso. In solchen Aphorismen blitzt die Erkenntnis auf. Sie zeigen auf etwas, das sich nicht in langen Abhandlungen sagen läßt, sondern ein Gedanke, der auf den Punkt geht. Benn ist einer dieser großen Dichter, die im Lakonischen Wesentliches sagen. Der genau beobachtende Arzt. Mit Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten.

Aber was weht einen an, in dieser Prosa, dieser Lyrik? Die Kälte der Morgue, die Welt als Versuchsanstalt für den Weltuntergang – frei nach Karl Kraus -, die Kühle des Blickes bei doch feurigem Herz, Drachenkälte und Eisesfeuer: das ist auch die Haltung des Hausherren im Grandhotel Abgrund. Und er hat sich einmal wieder ein neues Schildchen für die Haustür mit einem neuen Motto für den Besuch gravieren lassen.

Ich blättere in der angegilbten und tatsächlich schon mit einer Art von Alterflecken versehenen Taschenbuchausgabe der Gedichte, bei Fischer erschienen, November 1982. Trunkenes Schiff, wie da die Gedanken aufsteigen, an alte Zeit, an „Café“ und „D-Zug“: die Gesinnungsfahndung des Tugendwächterrates jener Twitter-Literatur“wissenschaftler“ wäre ob dieses Gedichts und des Frauenanteils darin gar sehr aus dem Häuschen. Daß Kunst autonom  ist, haben sie vergessen, Texte werden nach dem Modus Eins-zu-eins abgeklopft. Daß Kunst böse und grausam sein darf, es sogar manchmal sein muß, geht nicht in den bolognisierten Kopf halbgebildeter Nachwuchsakademiker. Mehr Benn wagen, denke ich mir.

D-Zug

Braun wie Kognak. Braun wie Laub. Rotbraun. Malaiengelb.
D-Zug Berlin-Trelleborg und die Ostseebäder.-

Fleisch, das nackt ging.
Bis in den Mund gebräunt von Meer.
Reif gesenkt. Zu griechischem Glück.
In Sichel-Sehnsucht: wie weit der Sommer ist!
Vorletzter Tag des neunten Monats schon!-

Stoppel und letzte Mandel lechzt in uns.
Entfaltungen, das Blut, die Müdigkeiten,
Die Georgiennähe macht uns wirr.-

Männerbraun stürzt sich auf Frauenbraun:

Eine Frau ist etwas für eine Nacht.
Und wenn es schön war, noch für die nächste!
Oh! Und dann wieder dies Bei-sich -selbst-sein!
Diese Stummheiten! Dies Getriebenwerden!
Eine Frau ist etwas mit Geruch.
Unsägliches! Stirb hin! Resede.
Darin ist Süden, Hirt und Meer.
An jedem Abhang lehnt ein Glück.-

Frauenhellbraun taumelt an Männerdunkelbraun:

Ich sehe die blassen Hemdchen und Hemdch*Innen vor mir. T-Shirt-Feministen. Es ist lächerlich, wenn es mit diesen Leuten nicht so traurig wäre. Da werden die Neuerscheinungsverzeichnisse der Verlage nach Frauenquote und Diversenanteil durchgeforstet. Benn hätte sein Freude, Kraus auch.

Halte mich! Du, ich falle!
Ich bin im Nacken so müde.
O dieser fiebernde süße
letzte Geruch aus den Gärten.-

So endete Benns D-Zug. Jene Wissenschaftler geraten ins hysterische Kreischen. Es fällt mir zu jenen Leuten da, ich nenne keine Namen, der Satz Adornos ein: Halbbildung ist nicht die Hälfte der Bildung, sondern deren Gegenteil. (Zitieren aus dem Kopf zu später Stunde.)

Hätte ich bereits früher und nicht erst heute abend gelesen, daß Gottfried Benn Geburtstag hat, schriebe ich sicherlich einen schönen Text zu Benn. Allein es sollte nicht sein, deshalb eines jener Gedichte, die ich von Jugend an mochte, womit ich in gewisser Weise auch wieder bei jenem Blogthema wesentlicher Bücher der Jugend bin, jener zentralen Dichtung, die einen jungen Mann bewegte und prägte, im Denken, wie im Handeln, in jenen Nächten, da man zwar vielleicht nicht Kokain nahm, aber doch andere Drogen, die eine Blutverteilung in Gang brachten. Der Benn-Sound drang ins Blut und zirkulierte, mit Brecht und Benn zur selben Zeit, Exzeß bei unterkühlter Temperatur mit wohltemperiertem Wein im Grandhotel Abgrund – gerne auch auf der Terrasse. Das schätzte ich immer. Auch in jenen Augusttagen. Man ist gerne und ißt gerne bei sich selbst.

Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde – im Gelände
die roten und die goldenen Brände,
doch wo ist deiner Gärten Lust?
Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?
Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge −:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

15 Gedanken zu „Gottfried Benn zum Geburtstag: dem Gegenglück, dem Geist

  1. Johannes R. Becher schrieb hierzu „Gottfried Benn? Muss i denn?“, was Erich Mühsahm kommentierte mit „Nie war ein Dichter frecher als der Dichter J.R. Becher.“

  2. Es einte sie in jenen frühen Jahren der expressive Gestus. Wobei dieser bei Benn deutlich subtiler und von der poetischen Qualität nicht nur differenzierter ausfiel, sondern eigentlich gar nicht vergleich bar ist. Benn dichtete in einer anderen Liga. An die reichte Becher nicht heran. Benn dichtete den Großstadtsound. In diesem Kälteton war Benn moderner und vor allem schnörkelloser und bereits dem George-Stil entronnen.

    Daß Politik das Dichten verderben kann, zeigte sich bei beiden Charakteren gleichermaßen. Während es sich bei Benn am Ende jedoch bzw. nach kurzem Irrweg zum Guten ausschlug, geschah dies bei Becher hinfort nicht mehr.

  3. Über den frühen Becher schrieb wiederum Erich Mühsam: „Nie war ein Dichter frecher als der Dichter J.R: Becher.“

  4. Da muß man nun sehen, was Mühsam mit „frech“ meint und also, wie bei den meisten Texten, den Kontext mitlesen. Lob oder Tadel? Egal wie aber, Benn war ästhetisch deutlich weiter als Becher und seiner Zeit voraus, wenn man die Morgue-Gedichte nimmt und teils auch Alaska – was nicht heißt, daß der frühe Becher schlecht war. Manche sagen, es war dies noch seine beste Phase.

  5. Es war lobend gemeint und bezog sich auf den frühen Becher. Wenn ich es richtig im Kopf habe schrieb Mühsam das in der Haft Anfang der 20er.

  6. Kannst Du kurz beschreiben, was das an der Qualität der Kunstwerke ändert? Kannst Du kurz begründen, woher Du Dein Wissen nimmst, daß Benn Nazi war?

    Verwunderlich nicht, daß Du nicht einmal den basalen Unterschied zwischen einem Kunstwerk und der politischen Haltung eines Künstlers zu realisieren vermagst. Ist Dir das tatsächlich nicht bewußt oder ist solches Unwissen eine Methode? Aber gut: mit der inhaltlichen Auseinandersetzung in bezug auf Texte und Thesen hast Du es nicht so, wie Du hier und auch bei che und anderswo schon mehrfach zeigtest.

  7. Es gibt einen Text von Benn in dem er sich an Klaus Mann wendet, der ihn nach seiner Haltung zum Nationalsozialismus gefragt hatte (Antwort an die literarischen Emigranten, 1933, Ges. Werke Bd.7, S. 1695ff.) Darin hießt es z.B (unter Bezug auf den neuen nationalsozialistischen Staat).: „Wollen Sie, Amateure der Zivilisation und Troubadoure des westlichen Fortschritts, endlich doch verstehen, es handelt sich hier nicht um Regierungsformen, sondern um eine neue Vision von der Geburt des Menschen, vielleicht um eine alte, vielleicht um die letzte großartige Konzeption der weißen Rasse, wahrscheinlich um eine der großartigsten Realisationen des Weltgeistes überhaupt.“ Und später: „Eine herrschaftliche Rasse kann nur aus furchtbaren und gewaltsamen Anfängen hervorwachsen.“

    Ich denke das reicht, um aufzuzeigen, wie der Poet damals dachte Hat er später natürlich alles bereut, und sogar öffentlich. Was ihn durchaus ehrt, Heidegger hat es ja niemals für nötig gehalten, sich von seiner Nazi-Vergangenheit öffentlich zu distanzieren.

    Interessant dazu: https://www.deutschlandfunk.de/antidemokrat-gottfried-benn.700.de.html?dram:article_id=82768

    Über die Qualität der Kunstwerke habe ich mich übrigens in keiner Weise geäußert, ich zweifle sie auch nicht an. Aber es ist doch auffällig, dass sich Poeten, Philosophen. Ästheten so häufig auf politische Irrwege verlaufen.

  8. Dieser Text von Benn ist allgemein bekannt, aber bis 1930 hatte der sich für Politik überhaupt nicht interessiert, sogar Becher für dessen politisches Engagement kritisiert und eine l´art pour l´art – Haltung vertreten. Insofern ist es nicht auffällig, dass sich Poeten, Philosophen. Ästheten so häufig auf politische Irrwege verlaufen sondern vielmehr, welch enorme ideologische Sogwirkung totalitäre Systeme generell auf Menschen haben. Massenzustimmung hatte der Nationalsozialismus erst in seiner Regimephase, dann aber nicht zu knapp. Wobei da neben echter Begeisterung immer auch Korruption und simple Anpassung mitschwang. Mein Opa väterlicherseits etwa hasste die Nazis und hatte sogar mal kurzfristig deshalb im Knast gesessen. Da er aber arbeitslos war trat er in die SA ein um einen Job zu bekommen und da ihn die ganzen Aufmärsche nervten dann in die Partei wo er seine Ruhe hatte. Mein Vater war begeisterter Hilterjunge und später Kriegsfreiwilliger bei den Wehrwölfen, das war für ihn aber ein jugendlicher Erlebnistrip, während sein Vater 1939 sagte: „Jetzt hat Dein Hitler einen Krieg angefangen. Wir werden schon sehen was wir davon haben, das geht böse aus.“

    Der andere Opa saß zwei Jahre wegen „staatsgefährdender Beziehungen zu Juden“ im Knast, meine Mutter war mit der Tochter des geradenoch rechtzeitig nach New York emigrierten Rabbiners befreundet. Diese unterschiedlichen Hintergründe spielten für die Liebe meiner Eltern nach dem Krieg keine Rolle.

  9. Nun hat aber eben eine private oder politische Haltung nichts mit der dichterischen Qualität eines Autors zu tun. Um diese Qualität ging es aber in meinem Text, und das ist hier in diesem Kontext die Frage gewesen. Du kamst dann mit jenem Hinweis aufs Politische bei Benn und schreibst dann: „Über die Qualität der Kunstwerke habe ich mich übrigens in keiner Weise geäußert, ich zweifle sie auch nicht an.“ Entweder hast Du dann also gar nicht meinen Text verstanden, daß Du hier mit einem völlig anderen Thema antanzt (das ist dann Doofheit) oder aber Du willst bewußt eine Themenumlenkung betreiben. Was rhetorisch durchschaubar ist. Hätte ich über Benns politische Haltung schreiben wollen, hätte ich eben genau darüber einen Text gemacht. Insofern hat Dein Einwurf im Kontext meines Beitrages keinen Sinn. Genauso hättest Du kommentieren können: aber Gottfried Benn lebte in Berlin und Berlin ist eine Ranzstadt. Mag alles sein. Hat nur ebenfalls nichts mit dem Thema zu tun.

    Du solltest, El Mocho, in Diskussionen lernen, Dich auf das zu beziehen, was geschrieben wurde und nicht das einfach heraushauen, über das Du persönlich gerne schreiben möchtest.

    Weiterhin:

    „Aber es ist doch auffällig, dass sich Poeten, Philosophen. Ästheten so häufig auf politische Irrwege verlaufen.“

    Du nennst hier zwei oder drei Beispiele. Und es lassen sich genauso viele Gegenbeispiele hinzufügen. Die meisten Künstler nämlich emigrierten aus Deutschland. Aber auch das ändert nichts der Qualität der Kunst, was man an Klaus Manns sehen kann. Ein redlicher Mensch, der leider einen kitschigen Roman schrieb, nämlich die „Symphonie Pathétique“. Daß er emigrierte, schwul war und auch sonst vielleicht in netter Kerl macht seinen Roman nicht besser. Und Benns Lyrik eben nicht schlechter. Im ästhetischen Urteil betrachten wir nicht den Sozialcharakter, sondern das Werk. Diesen Unterschied sollte man bei seinen Äußerungen immer mit im Kopfe haben, dann entstehen da auch keine Verwirrungen.

  10. Schon wieder: Du begreifst nicht, daß es sich hier um zweierlei Aspekte handelt. Man kann das eine goutieren und das andere kritisieren. Stell es Dir mal so vor: Du schreibst oft krudes Zeugs, aber trotzdem darfst Du hier im Blog kommentieren.

    Der gute Künstler ist nicht gehalten, ein guter Mensch zu sein. Schön, wenn er es ist, aber es ist dies keine notwendige und auch keine hinreichende Bedingung, um gute Kunst zu machen. Ich muß, was die Kunst betrifft, jemanden als Mensch nicht gut finden und kann dennoch dessen Texte interessant finden. Wenn Du lernen würdest, Aspekte und Hinsichten in der Analyse zu trennen, würden Dir auch in Deinen politischen Urteilen mancher Fehler nicht unterlaufen.

  11. Benn war unpolitisch, er fiel, wie viele andere auch, kurzfristig auf Hitler herein und korrigierte das schnell. Sein Werk ist elegisch, seine Lebensstimmung war depressiv.

  12. Dem ersten Satz würde ich zustimmen: Benn irrte sich, im Strudel dieser Zeiten, wie so viele andere auch – übrigens auch auf der linken Seite, all jene, die ihre Hoffnung auf solche wie Thälmann setzen. Dem zweiten Satz nur bedingt: es gibt zunächst mal elegisch anmutende Passagen bei Benn, aber vielles kann man auch als Kälte nehmen. Einen elegisch-melancholischen Grundton kann man aber auf alle Fälle festhalten. Wenngleich sich Benns Dichtung darin nicht erschöpft. Depressiv ist eine klinische Diagnose. Bei solchen Zuschreibungen bin ich vorsichtig. Müßte man dann mal anhand der Benn-Biographie-Forschung näher eruieren.

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