Hamletmaschinen, Schauspielzeit, Ichsalat

Es gibt in seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“ einen schönen Satz von Heiner Müller über Schauspielschüler. Der ist insofern bemerkenswert, als er sich mit meinen Erfahrungen deckt. Auch ich hatte einstmals Mitte der 80er Jahre kurz die Ambition, an einer der deutschen Schauspielschulen mich zu bewerben. Und ich bin heute immer noch der Meinung, daß ich mit ein wenig Unterricht Lars Eidinger locker an die Wand spiele – zumal es ja nicht so schwierig ist, immer wieder denselben Typus zu darzustellen und besonders wenn dieser Charakter einem sozusagen im Blute liegt. (Die hohe Kunst des wahren Schauspielers ist es, jenen Charakter darzustellen, der einem diametral entgegengesetzt ist.) Aber ich will nichts gegen Eidinger sagen: Ich schätze ihn, es ist ein guter Schauspieler.

Allerdings: Bei der (teils zwiespältigen) Hamlet-Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne mit Eidinger als Hamlet, sprach Eidinger in Figuren-Rede – sei es die des Prinzen Hamlet oder die des Eidingers – einen Menschen aus dem Publikum an, einen jungen Mann zudem, der Eidinger nicht im mindesten gewachsen war und ich bebte und wartete darauf, daß er dies auch einmal und am besten mit mir probierte. Das wäre der wohl spannendste Abend an der Schaubühne geworden. Und da ich niemandem verpflichtet bin, grundsätzlich nicht, – anders als die armen Schauspieler, die da mit Eidinger zusammen spielen und sich  von ihm gezwungenermaßen an die Wand spielen lassen müssen, auch das ist ein weiteres Manko dieser Inszenierung -, hätte ich freie Bahn, hochfahrend in der Rolle als böser Zuschauer zu extemporieren. Nein, als Hamlet spielte Eidinger nur bedingt gut. Einen ganz herunter und nicht ganz so die Rampensau gegeben, wäre für die Qualität der Aufführung besser gewesen.

Wie dem auch sei. Müller schrieb in seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“:

„Die ‚Hamletmaschine‘ 1986 in New York war strenger, präziser als in Hamburg, weil die Studenten in New York einen härteren Arbeitsmarkt vor sich haben. Die sind disziplinierter und kommen nicht auf die Idee, daß sie Persönlichkeiten sind. Aber jeder Schauspielstudent in Hamburg ist eine Persönlichkeit. Dadurch gibt es Unreinheiten, das Private verwischt die Kontur. Das ist Wilsons Problem mit westdeutschen Schauspielern.“ (Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht)

Ähnlich meine Beobachtung, als ich seinerzeit am größten deutschen Sprechtheater arbeitete und als Student beim Bühnenaufbau half. Rau ging es dort auf und hinter der Bühne zu. Aber das störte mich weniger, zumal ich nicht das Opfer war, was mich wunderte, denn meine genial-tolpatschig-dilettantische Art überzeugte die Arbeiter nicht. Mit Werkzeugen wie einem Akuschrauber umzugehen oder auch das Tragen meterhoher Kulissenteile geriet mir nicht wirklich gut und überzeugend. Oder vielleicht dachten sie auch, ich spielte den Clown und den Tolpatsch nur. Sie ignorierten mich. Der geniale Kulissenfahrer Uwe schrie manchmal irgendeinen der studentischen Hiwis an: „Du dumme Sau, beeil dich endlich und beweg den Arsch. Studentenschwein!“ Roh schallte es über die Bühne: „Holgäääär, hol den Schrauhbär!“ Es hämmerte, es schlug, es ging zack-zack und Jürgen rannte mit Turmhohen Teilen, Holger schraubte, Uwe frotzelte und mittendrinn auch die studentischen Aushilfen, einige davon Schauspielschüler. Sie waren allesamt nett und sie stellten zugleich sowohl bei der Arbeit wie in den Pausen im Bereitschaftsraum ihre Ambitioniertheit zur Schau. Jeder dieser Schüler eine Persönlichkeit. Jeder eine besondere Rolle. Diese Beobachtung ließ sich in der Kantine ebenfalls bei Jungschauspielern fortsetzen, die Stolz wie Bolle waren, am größten deutschsprachigen Sprechtheater aufzutreten. Und sei es auch nur in dem Weihnachtsmärchen „Unsichtbare Freunde“. (Mit der bezaubernden Andrea Lüdke.) Soviel zu Heiner Müllers Beobachtung und in Ermangelung eines anderen Textes für diese Woche.

43 Gedanken zu „Hamletmaschinen, Schauspielzeit, Ichsalat

  1. Sozialstaat (und die Subventionstheater als eine seiner Emanationen) und der allgegenwärtige Narzissmus verlieren gegen Professionalität und kalte Konkurrenz, so raffe ich Müllers Beobachtung zusammen.

  2. Nicht der Sozialstaat, aber sehr wohl eine Mitnahmementalität und die Überindividualisierung. Die einem ein guter Regisseur schnell austreibt. Die hat es weder bei Brecht noch bei Castorf gegeben. Davon ab: gutes Theater und ein freier Theaterbetrieb sind nur durch Subventionen zu bekommen. Anders als ein Maler oder ein Autor, die gerade mal Pinsel, Leinwand, Stift als „Produktionsmittel“ benötigen, braucht ein Theater einen großen Apparat an Ausstattung. Konnte man gerade auch an der guten Brecht-Dokumentation (nicht dem Film!) im Anschluß an den Film sehen: „Brecht und das Berliner Ensemble“. Ein technischer Direktor, die unterschiedlichen Gewerke: all das lebt nicht von Luft und Liebe. Die deutsche Theaterlandschaft ist ein Erfolgsmodell. Und sie bringt ganz unterschiedliche Theater, Intendanten, Regisseure und Stücke hervor.

  3. Heiner Müllers eiskalte Hundenase schnürt aber in Ihrem Beispiel gerade in eine andere Richtung: Dass das Subventionsmodell unterliegt. Müller war der Ansicht, Robert Wilson sei ein guter Regisseur – es nutzt aber selbst – d a s – nichts: Wenn die Subventionsmentalität sich mit dem Narzissmus paart sind sie eine schwer einnehmbare Bastion der Blasiertheit, der Faulheit und der Ignoranz und können vom – ebenfalls sehr kalten – US-Modell durchaus geschlagen werden. Ich empfehle an dieser Stelle habituell Enzensbergers glänzenden Aufsatz „Über die Inoranz“ – eines der treffendsten Sittenbilder aller Zeiten (in „Mittelmaß und Wahn“).

  4. Nur gäbe es ohne dieses Modell eben kein Müller-Theater. Insofern schnürte damit Müller sein eigenes Theater ab, sofern er denn dieses Subventionsmodell im ganzen kritisierte. Davon ab, daß er in diesem Zitat nichts Negatives über das Subventionsmodell als solches sagt – täte er es, so müßten Sie das aufzeigen -, sondern lediglich über die Haltung von bestimmten Schauspielern. Die sicherlich ebenfalls nicht auf alle hochzurechnen sind. „Einige“ ist nicht „alle“.

    Was die beiden Modelle betrifft, so kann man sich ja mal die Vielfalt von Stadttheatern und Inszenierungen bspw. in Detroit und in Stuttgart angucken. Da bekommt man sicherlich einen guten Eindruck. Wie gut übrigens, daß jene Blasiertheit und Faulheit insbesondere im neoliberalen Hollywood so ganz gar nicht anzutreffen sind.

    Kultur kostet nun einmal Geld. Ein Staat, der das nicht ausgeben will, sieht dann halt auch so aus, wie das Dritte-Welt-Land USA. Wobei gegen die Slums dort die fehlenden Theater noch das geringste Übel sind.

  5. Ähh – es geht um ein Beispiel. Dieses Beispiel haben Sie selber ausgegraben, Bersarin. Müller war ein kühler Irrender. Er liebte den Irrtum des Soffes wegen – selbst den großen, schrecklichen Irrtum, im Nachhinein. Das ist wie ein Wettrennen über eine Rasierklinge. Erinnert mich an Kafkas Trapezkünstler.

  6. Ja, es geht um dieses Beispiel. Nur sagt das Beispiel nicht das, was Sie formulierten. Das Beispiel handelt von der Attitüde und dem Arbeitsverhalten von Schauspielern. Als Intuition oder Reflex nicht ganz falsch, aber nicht verallgemeinerbar.

  7. Bersarin – ich habe es nicht verallgemeinert. Ich habe es in einen größeren Zusammenhang gestellt, das ist richtig, aber daraus zu schließen, ich hätte es verallgemeinert ist nicht mehr richtig. Im einen Fall k u c k t man vom Besonderen ins Allgemeine, im andern Fall behauptet man, das Bsondere sei das Allgemeine. Aber wie gesagt – es war Ihr Beispiel. Und es ist natürlich der stets schwarz-vergnügte Heiner Müller.

  8. Ein großer Zusammenhang und der von Ihnen assoziierte Kontext („Subventionstheater“ – was ein wenig an den AfD-Sprech erinnert, aber geschenkt, vielleicht haben Sie diesen Bezug nicht gewußt und jetzt, wo Sie ihn wissen, sehen Sie, daß er falsch ist) und die daran geknüpften Assoziationen sind eine Verallgemeinerung. Eine grobe noch dazu.

  9. Nochmal: Einen Bezug herstellen bedeutet nicht etwas zu verallgemeinern. Es war – beim Himmel! – der von Ihnen ausgegrabene Heiner Müller, der das deutsche Stadttheater-System (hochsubventioniert, prego) dem US-Profitsystem gegenübergestellt hat, und es in seinem, Heiner Müllers aus mir langsam unerklärlich werdenden Gründen von haargenau Ihnen ins Spiel gebrachten Beispiel eindeutig den Unterlegenen geben ließ!

    Müller on the Rocks, Bersarin, eiskalt! – Es ist an sich nicht mein Bier, weil Sie ja dieses Faß aufgemacht haben,ne.

    Immerhin bin ich nicht Lars Eidinger, dass sie mich wenigstens nicht „an die Wand spielen“.

    Wo ist Doris Dörrie („Männer“), wenn sie mal brauchen könnte?

  10. Genau, man muß Müllers Aussage nehmen und sollte sie nicht verallgemeinern und auf Aspekte ausdehnen, die Müller dort nie nannte: nämlich eine Generalabrechung mit dem deutschen Theater und seiner Art der Finanzierung. Genau das schrieb ich die ganze Zeit über. Müller kritisierte nicht die Finanzierung im allgemeinen, und er schrieb auch nichts zum neoliberalen Kapitalismus in den USA oder der BRD. Die Aussage Müllers ging in die Richtung, daß es bei den Schauspielern zwischen bspw. New York und Hamburg einen Unterschied gibt. All das spricht bei Müller weder für noch gegen die Finanzierung der deutschen Theaterlandschaft. Von der auch Müller profitierte.

  11. Müllers Gegenüberstellung lautet schon: Schauspieler hier (=hochsubventioniert) vs. Schauspieler da: Eiskalte Profitmaschine / Theater in den USA. Hier schlecht – dort gut! – U. a. wg. falschen Fuffzigern (=“Persönlichkeiten“ (Müller)!) aufgrund der im Subventionsmilieu gedeihenden narzisstischen Wucherungen, die die hiesige darstellerische Professionalität aufzehren. Exakt so Heiner Müller, Bersarin, in Ihrem Beispiel. Das festzustellen bedeutet nicht, es zu verallgemeinern.

  12. Genau. Und all das sagt nichts über die Finanzierung des Theaters. Oder finden Sie in diesem Auszug den Begriff „hochsubventioniert“? (Zudem, wieder bei Ihnen, in eine Wertung gebracht durch die Beimengung „hoch“. Was hoch ist, liegt hier leider nur in ihrem privaten Ermessen. Für andere ist es niedrig.) Alles das, ist Ihre Zutat. Hier nochmal das Zitat, damit Sie es lesen:

    „Die ‚Hamletmaschine‘ 1986 in New York war strenger, präziser als in Hamburg, weil die Studenten in New York einen härteren Arbeitsmarkt vor sich haben. Die sind disziplinierter und kommen nicht auf die Idee, daß sie Persönlichkeiten sind. Aber jeder Schauspielstudent in Hamburg ist eine Persönlichkeit. Dadurch gibt es Unreinheiten, das Private verwischt die Kontur. Das ist Wilsons Problem mit westdeutschen Schauspielern.“ (Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht)

    Es geht hier also um den Arbeitsmarkt. Und es geht um Studenten. Auch das ist ein Unterschied ums ganze. Und daraus lassen sich keine normativen Aussagen ableiten. Das bleibt Ihre persönliche Zutat, weil Sie es sich drehen, wie Sie es gerne hätten. Bitte: Nehmen sie einfach mal die Texte selbst zum Anlaß. Wenn wir schon über Rezeption schreiben. Sie machen es wie die Alice-Salomon-Hochschüler und setzen ihr eigenes Empfinden als Maß.

    Aus diesem Satz übrigens könnte man genauso ableiten, daß dann an Westdeutschen Theatern eben wieder mehr Drill sein muß.

  13. Müller stellt zwei Systeme gegenüber, Bersarin, ich kanns nicht ändern, und das eine geht rein nach Profit, und das andere ist hochsubventioniert – einschließlich der Ausbildungsstätten.
    Und Müller sagt: In diesem Fall – in einem seiner Meinung nach eminenten Fall, nämlich dem Wilsons, zeitigt das amerikanische Profit-System bessere Ergebnisse, und das Deutsche System erzeugt keine für Wilson wirklich brauchbare Schauspieler, sondern Ego-Prätendenten (was man füglich, mein‘ ich, auch mit Narzissten übersetzen kann).
    Müller gefällt am Kapitalismus die Kälte, was kein Wunder ist, wenn man Heiner Müller ein bisschen kennt. – Insgesamt ist das sehr – – – – cool, wie ich – selbstredend, gleichsam – finde. Hehe.

    (cf. John Coltrane, Ballads, Too Young to Walk Steady – und zwar auf Platte, mit Knistern, jetzt gleich zum Frühstück!)

  14. Müller spricht dort vom Arbeitsmarkt. Und er spricht von Schauspielern und ihrer Ausbildung. Wenn Sie eine Stelle finden, wo Müller sich gegen das Subventionstheater ausspricht, müßten Sie die bitte nennen. Es geht in diesem Zitat nicht um Subventionen (die natürlich notwendig sind, um einen funktionierenden Theaterbetrieb mit gutem Theater hinzubekommen; wie es nicht geht, zeigen die USA mit ihrem Rumpeltheater), sondern das Zitat handelt von Schauspielern, genauer gesagt: nicht einmal von Schauspielern, sondern von Schauspielstudenten. Man kann also annehmen, daß Müller hier Aussagen über die unterschiedliche Ausbildung der Schauspieler trifft und auch über das, was sich Persönlichkeit nennt und Individualismus. Dieser ist die Crux des Zitates. Nicht das Subventionstheater, und damit ist Müller ganz auf sozialistischer Linie. Müller fasziniert am Kapitalismus die Kälte, aber eben nicht affirmativ, sondern als Kontrastfolie zum Sozialismus, für den Müller immer einstand. Auch unter der Diktatur. Diese war für ihn, anders als der Kapitalismus, in dem er nach der „Wende“ zu leben sich gezwungen sah, sogar ein Motor seiner Produktivität, wie er in einem der Interviews einmal sagte. Man lese seine Stücke und höre sich seine Aussagen zur BRD an und man denke darüber nach, weshalb Müller in der DDR blieb. Kapitalismus war für Müller die kalte Fratze des nichtmenschlichen Antlitzes. Und Müllers Lob der Kälte war eben eine Kritik jener Kälte als bürgerlicher Verhaltensweise.

    „Ohne die DDR als basisdemokratische Alternative zu der von der Deutschen Bank unterhaltenen Demokratie der BRD wird Europa eine Filiale der USA sein.“

    Und damit hat Müller zu großen Teilen bis heute leider recht. Für die Details kann man nachlesen in: Heiner Müller: „Für alle reicht es nicht“- Texte zum Kapitalismus.

  15. Müller sagte wiederholt, dass er in der DDR blieb wegen des Stoffes. Das war richtig, es gab da einen Stoff, aber es war eiskalt. Kein Wunder, dass er Jünger bewunderte.

    Unser Argumentationskarussell dreht sich um die Schauspieler im hochsubventionierten westdeutschen Theaterbetrieb (es gibt gar keinen anderen westdeutschen Theaterbetrieb als den hochsubventionierten), das ist Müllers Punkt, gegenüber dem rein kapitalistischen US-Betrieb: Spiel Satz und Sieg für das US System im Fall Wilson – sagt Müller. Die von Ihnen zitierte Passage ist eindeutig ein Systemvergleich Müllers zwischen hie Westdeutschland (hochsubventioniert) und da USA (rein profitorientiert) – was sollte es sonst sein?
    Für Müller war das habituell – denke alles von seiner schlimmsten Seite aus. – In diesem Fall war die schlimmste Variante die, dass der rheinische Kapitalismus schlechtere Theaterkunst lieferte als der nackte US-Kapitalismus. So sphinxhaft tickte der Müller – und alle hingen ihm immer an den Lippen, im Westen wie im Osten. Diese scheinbar übergeschichtliche Seherrolle war seine größte Leistung sozusagen. Er verwandelte sich im Laufe dieses Prozesses freilich tendenziell in eine Kunstfigur – wenn auch von eigenen Gnaden. – Ganz ähnlich wie Harald Schmidt, übrigens – und der Gilbert Shelton der Fabulous Furry Freak Brothers. Yep, Müller war komisch. Ständig lachte er leise. Ode lächelte doch wenigstens. Nichts ging ihm über seine mit großem Behagen gerauchten Zigarren, außer vielleicht das Vergnügen am (intellektuellen) #Witz (#Witz im Sinne Kants und Jean Pauls und Lichtenbergs und – ##Gottfried Gabriels) und eben der damit einhergehenden stupenden Geistesgegenwart.

    ## Gottfried Gabriel – Ästhetischer „Witz“ und logischer „Scharfsinn“ – Verlag Palme und Enke, Jena, 1996, 26 (!) Seiten

  16. Das Karussell läßt sich schnell beenden: Wo schreibt Müller „hochsubventionierten westdeutschen Theaterbetrieb“? Nennen Sie die Belegstelle! Ich kenne diese Wertungen „hochsubentioniert“ gegenwärtig eher aus dem AfD-Sprech – um mich hier mal Ihrer Methode zu bedienen und Lesarten des Überinterpretieren zu entwickeln, die nichts mit dem Gesagten oder Geschriebenen zu tun haben.

    Ansonsten: Ich denke vielmehr, daß die Gelder für Kultur viel zu gering sind. Also besser: der niedrigsubentionierte Theaterbetrieb.

    Müller spricht zudem von einem Regisseur und einer Inszenierung. Sie machen daraus: alle. Nein, Müller sagt nirgends „alle“. Er bezieht sich auf einen konkreten Fall. Nicht mehr und nicht weniger.

    Das schlägt sich in der Aussage „Die ‚Hamletmaschine‘ 1986 in New York war strenger, präziser als in Hamburg, …“ nieder.

    Dann kommt er auf den Arbeitsmarkt bei Studenten zu sprechen: „weil die Studenten in New York einen härteren Arbeitsmarkt vor sich haben. Die sind disziplinierter und kommen nicht auf die Idee, daß sie Persönlichkeiten sind.“

    Einmal abgesehen davon, ob diese These denn überhaupt so stimmt. Generalisieren zumindest kann man sie schon deshalb nicht, weil es sich hierbei um Müllers Beobachtung handelt.

    Und im letzten Satz kommt Müller auf etwas zu sprechen, was unter anderem mit dem Individualismus der BRD-Gesellschaft und auch der Schaupielerausbildung in der BRD möglicherweise zu tun haben könnte:

    „Aber jeder Schauspielstudent in Hamburg ist eine Persönlichkeit. Dadurch gibt es Unreinheiten, das Private verwischt die Kontur. Das ist Wilsons Problem mit westdeutschen Schauspielern.“

    Von einer Kritik am Theater im ganzen ist in dieser Aussage nicht ein Gramm enthalten.

  17. Die bierernste Kritik am Theater im ganzen ist Ihr Punkt Bersarin, nicht meiner, und ganz sicher nicht der Müllers. Ich sage nochmal: Müller zeigt hier ein (=1 !) Beispiel – und deutet in Richtung auf eine nteressante Differenz. So wie man sagen kann, dass der knallharte hire- and fire Kapitalismus in den USA manchmal freundlichere Verkäuferinnen hervorbringt, als der sozialstaatlich abgefederte Kapitalismus – Sie erinnern sich vielleicht, das ist eine Beobachtung Adornos, die wir mal hier diskutiert haben.

    Hochsubventioniert oder gering subventioniert ist natürlich Ansichtssache und relativ. Es steht freilich außer Frage, dass die beiden Theaterbetriebe einschließlich der Ausbildungsstätten, die Müller vergleicht, sich sehr unterscheiden im Hinblick auf die Subventionen, die da hineinfließen.

  18. Genau, Müller zeigt ein Beispiel: Schauspielschüler und deren Ausbildung und daraus resultierend an einem konkreten Fall die Art ihres Spielens. Daraus kann man folgern, daß die Ausbildung an deutschen Schauspielschulen anders laufen könnte, zumindest für diesen konkreten Fall. Und man kann ersehen, daß Müller mit dieser Art des Spiels bei westdeutschen Schauspielschülern nicht einverstanden ist. Über die Kritik an finanziellen Zuwendungen ist dort nichts zu lesen. Und um genau diesen Aspekt ging es hier. Und auch darum, Nebelkerzen zu vermeiden.

  19. Also ich gehe schon länger nicht mehr ins Theater, weil ich mich nicht mehr darüber ärgern möchte, wie irgendein Regisseur meint, die Werke von Shakespear oder Tschechow verbessern zu müssen, auf Staatskosten natürlich. Oper auch selten, aber sehr gerne Ballett und Konzerte.

  20. All das hatten wir schon einmal, El Mocho. Und da Dich niemand zwingt, ins Theater zu gehen, ist das halt Deine Privatsache. Wenn man übrigens zwischen Partitur/Text und Inszenierung unterscheiden kann und bemerkt, daß dies zwei gänzlich verschiedene Dinge sind, käme man auch nicht auf eine falsche Erwartungshaltung, sondern könnte sich von Inszenierungen überraschen lassen.

  21. ist halt die Frage wie man mit Texten umgeht. Wenn jemand in einer Mozart-Symphonie einfach Töne einfügt, die da nicht stehen und auch nicht zur Tonart passen, oder Piccoloflöten den Part der Hörner spielen lässt, dann würde man das nicht als geniale Inszenierung verstehen, sondern als Unsinn. Oder als ein neues Werk des Inszenierers, das aber keine Mozart-Symphonie mehr ist.

  22. Inszenierung meint aber genau das, und wenn diese Veränderung motiviert ist, ist es gelungen. Ansonsten steht es jedem frei, zu Hause Mozartpartituren zu lesen und dann die Aufführung im eigenen Kopf stattfinden zu lassen.

  23. Ansonsten: Partitur und Text setzen immer auch eine Aufführungspraxis voraus. Diese ist immer auch eine Interpretation. Die Frage dabei ist nicht, ob einem privat das ganze gefällt, sondern inwiefern das, was ein Regisseur tut, in sich selbst, also in seiner Inszenierung gelungen ist. Der 10.000ste Faust im Deutschen Märchenwald ist einfach nur langweilig, wie auch die 10.000ste Faust-Dekonstruktion einfach nur, um zu provozieren und es wie der geniale Castorf zu machen und am Ende dort doch nicht heranzureichen, ebenfalls langweilig ist. Es kommt also auf die Struktur und Art der Inszenierung an.

  24. Mutter Courage etwa im VW-Bulli mit aktuell ausgerüsteten Soldaten oder Lysistrata in die heutige Zeit versetzt macht durchaus Sinn.

  25. Auf den Punkt, che! Und es ist absurd und stinklangweilig, den Wallenstein in historischen Kostümen und altdeutscher Manier aufführen zu wollen, als wäre man in einem Heerlager des 17. Jahrhunderts. Das kann ein Regisseur allenfalls als Metareflexion oder Selbstreflexivität des Theaters und damit als ironische Volte gegen eine abgelebte Tradition derart ins Bild setzen. Oder er macht eben langweiliges Theater für irgendwelche Kulturbürger, die gerne das Bekannte als vermeintlich Erkanntes und als „kulturellen Besitz“ brav nach Hause tragen. Kunst aber ist das Gegenteil davon. Sie geht eigene Wege.

  26. El_Mocho – Ihr Vergleich mit den umbesetzten Instrumenten in Symphonien ist interessant. Das macht man nicht – warum eigentlich?

    Die Langeweile im Theater, Bersarin, ist sozusagen ubiquitär. Sie kommt sicher auch daher, dass der Betrieb oft einfach zeitgeistig vor sich hinnudelt – von keinem Markt gebremst. Die Überproduktion und der Überdruss ist eine der nimmermüden Plagegeister von dieserlei Kunstbeamtentum. Deswegen muss man es nicht gleich abschaffen, bon. Aber durch Ignoranz wird man d i e s e Erynnien auch nicht los.

    Dass der deutsche Theaterbetrieb von der Wiege (Schauspielschule) bis zur Bahre hochsubventioniert ist, lasse ich mir nicht nehmen. Hätte sich auch Müller nicht nehmen lassen, wie ich vermute, – nicht einmal von der AfD, hehe.

  27. Und was meinen Sie mit dem Markt? Das gesunde deutsche Volksempfinden in Sachen Kunst? Woher nehmen Sie die Annahme, daß ausgerechnet der Markt diese Dinge regeln sollte?

    Mein Vorschlag: Auch die Verteidigungsausgaben eines Landes über den Markt regeln und jeder Bürger gibt, was er geben will.

  28. In einem Punkt haben Sie allerdings recht: Für ein Theater, das unter anderem vom Staat finanziert wird, sollten die Karten für Hartz-IV-Bezieher und für Geringverdiener frei sein bzw. für einen symbolischen Obolus von 5 Euro ausgegeben werden.

  29. @ Dieter Kief

    „Das macht man nicht – warum eigentlich?“

    Weil das Werk eine eigene Struktur hat, auf der seine Wirkung beruht; Melodie, Harmonie Rythmus, instrumentation, und wenn man die willkürlich verändert, ist sie hin und niemand hat Lust sich das noch anzuhören.

    Das gleiche Mozart-Klavierkonzert gespielt von Daniel Barenboim oder Alfred Brendel klingt u.U. ziemlich anders, aber es fiele keinem von Beiden ein, besagte Struktur zu ändern und Panflöten oder Zwölftonreihen einzufügen.

  30. Ganz genau, ein Werk hat eine eigene Struktur – was die Wirkungen betrifft, wird die Sache dann noch komplexer. Und aus diesem Umstand ergeben sich auch unterschiedliche Aufführungspraxen. In einem Musikstück wird in der Regel kein Teil fortgelassen oder derart verändert, daß es nichts mehr mit der Partitur zu tun hat. Außer vielleicht im Radio, wo Symphonien teils nach ihren Highlight-Melodien gespielt werden. Das meinte ich mit der Aufführungspraxis allerdings nicht. Doch in der Regel werden bei Musikaufführungen die Partituren nicht verändert, nicht einmal bei der Oper. Sie werden interpretiert und deshalb klingen Barenboim und Brendel unterschiedlich.

    Anders verhält es sich bei einer Opern- oder Theater-Inszenierung. Hier herrscht eine sehr viel größere interpretatorische Freiheit: Was auch daran liegt, daß Theater nicht nur Klang ist, sondern auch Raum, Bewegung, Bildlichkeit, Kostüm. (Diese Begriffe gibt es zwar auch für die Musik, aber in ganz anderem Kontext.) In dieser Kombination herrscht eine deutlich größere Freiheit und das bedingt dann auch unterschiedliche Inszenierungen. Sätze im Theater haben einen Bedeutungsraum, der vom Regisseur ausgelegt wird. Und in diesem Sinne muß man eben Werk und Aufführung auseinanderhalten.

  31. Bersarin, waren Sie es nicht, der mir hier zustimmte, dass es haufenweise gedankenleere und prätentiöse Inszenierungen gibt, immer auf der Suche nach dem nächsten dekonstruktivistischen Gender-Dreh?

    Rätsel: Ich war schon oft mit Sozialbezügern im Theater. – Diese Aussage – trifft die eher auf Sie oder auf mich, oder auf uns beide zu, was würden Sie sagen?

    PS
    Kulturetat von Konstanz, Subventionen: Stadttheater und Philharmonie zusammen 60% + wenn ich mich recht erinnere. – Fördertopf für freie Kuturinitiativen: 60 000 Euro/Jahr derzeit.
    Wird schon ewig so gemacht. Bezahlt nicht zuletzt mit den erheblichen (!) Steuereinnahmen (!) aus den Veranstaltungen der Populärkultur (Rockkonzerte usw.) übrigens. Unterm Strich sieht das so aus: Die Unterschicht und untere Mittelschicht finanziert die Subventionskultur der unteren Mittlschicht bis in die Oberschicht… Unser Steuerstaat…

    Aber wenn die Zuschauer im Theater weiter schwinden wie bisher, wird das zunehmend schwierig werden. – Jetzt fällt mir ein Theaterbesuch in Chemnitz ein, Shakespear, Richard III – wir wurden am nächsten Tag zu unserer Verwunderung, muss ich sagen, unterwegs wiederholt gegrüßt – von Schaupsielern, denen offenbar die neuen Gesichter im Zuschauerraum aufgefallen waren – die Zuschauerränge waren – an einem Samstag Abend, sehr leer. Durchschnittsalter des Publikums: 65+. Das kann so nicht weitergehen. Wird es auch nicht.

    Die Zuzüger interessieren sich übrigens nicht die Bohne fürs Deutsche Statdtteater. Das wird sich auch nicht groß ändern. Ganz unabhängig davon, ob jetzt den Forderungen nachgegeben wird, vorwiegend auf Türkisch zu unterrichten in Deutschen Schulen. Obwohl das eine gewisse Logik hat, denn an etlichen Schulen gibt es ja kaum mehr deutschprachige Schüler.

    Achja der Richard III in Chemnitz – nicht der Rede wert. Überhaupt nicht. Bis auf das überambitionierte Bühnenbild – eine gigantische krude Schwermetall-Schweißarbeit, die freilich in der Tat etwas sehr sehr Streberhaftes ausstrahlte. Das Bühnenbild war der Hauptakteur – und das war in all‘ seinem die Rentner im Zuschauerraum vollkommen kalt lassenden dystopischen Bombast, durchaus komisch. Ein teurer Gag, aber immerhin ein Gag, mit Müllern zu lächeln.

  32. „Bersarin, waren Sie es nicht, der mir hier zustimmte, dass es haufenweise gedankenleere und prätentiöse Inszenierungen gibt, immer auf der Suche nach dem nächsten dekonstruktivistischen Gender-Dreh?“

    Ihr Problem, Dieter Kief, nicht nur in diesem Kontext, ist zum einen eine selektive Wahrnehmung von Sätzen (egal ob sie das nun in bewußter Absicht machen oder ob Sie diesen Fehler nicht bemerken) und zum anderen Ihre Neigung aus „einige“ „alle“ zu machen. Weil Sie in einigen Ihrer Aussagen Falsches schreiben, kann man nicht darauf schließen, daß das in allen Äußerungen der Fall ist. Merken Sie nun den Unterschied zwischen „einige“ und „alle“? Hinzu kommt, daß Sie meine Texte nicht gründlich lesen. In jenem Text oben beschrieb ich eine Tendenz. Nicht mehr und nicht weniger. Wie es aber für Dogmatiker üblich ist, machen Sie daraus eine proklamatorische Festsetzung für den ganzen Zusammenhang. Nur: Die steht bei mir nicht und Sie bauen hier also eine Strohmann auf. Weil einige Regisseure verhunztes Regietheater machen, heißt das im Umkehrschluß nicht, daß das alle es so tun und auch nicht daß Dekonstruktion und Regietheater pe se schlecht sind. Ich nannte eine Tendenz. Diese Tendenz aber betraf weder alle Regisseure, noch das Regietheater im ganzen und schon gar nicht die Finanzierung des Theaters durch den Staat. Nichts davon, was Sie unterschieben, findet sich in meinen Kommentaren und Texten.

    Auch was die Inszenierungen betrifft: Sie nennen ein einziges Beispiel, und zu diesem Beispiel lassen sich haufenweise Gegenbeispiele finden, die geradezu von der Qualität und der Vielfalt der deutschen Theaterlandschaft zeugen und damit ganz im Gegenteil beweisen, wie wichtig staatliche Finanzierung beim Theater ist.

    „Ich war schon oft mit Sozialbezügern im Theater. –„

    Nebelkerze. Denn das ist hier nicht die Frage: Die Frage ist, wer Zugang zum Theater hat. Die Leute können übrigens ganz gut allein ins Theater gehen, sie brauchen keine Begleitung. Und wer die will, kann einem der vielen Theaterclubs beitreten. Also: Ist hier nicht die Frage, Themenablenkung. Wichtig ist nicht, ob Geringverdiener ins Theater gehen, sondern daß sie die Möglichkeit haben.

    „Kulturetat von Konstanz, Subventionen: Stadttheater und Philharmonie zusammen 60% + wenn ich mich recht erinnere. – Fördertopf für freie Kuturinitiativen: 60 000 Euro/Jahr derzeit.“

    Weil die freie Szene unterfinanziert ist, ist dies kein Argument gegen die Finanzierung der großen Theater. Davon mal ab, daß ein kleines Theater mit 5 Mann anderen Finanzbedarf hat als ein Großtheater mit einer Vielzahl an Personal. Übrigens alles Arbeitsplätze. Ein Großteil davon Gewerke und Angestellte. Komplexes Theater erfordert komplexe Strukturen. Diese kosten Geld.

    „Unterm Strich sieht das so aus: Die Unterschicht und untere Mittelschicht finanziert die Subventionskultur der unteren Mittlschicht bis in die Oberschicht… Unser Steuerstaat…“

    Auch das ist hier nicht der Maßstab und zudem bloße Behauptung. Zumal auch die Unterschicht ins Theater gehen kann, wenn sie mag. Diese Aufführungen sind öffentlich und für jedermann zugänglich. Und in einem pluralen Staat wird es immer jemanden geben, der mit der Finanzierung von bestimmten Projekten nicht einverstanden ist. Warum sollten Radfahrer Autobahnen und Straßen finanzieren? Warum nehmen Autos in der Stadt derartig viel Raum ein? Warum werden bestimmte Industrien subventioniert und andere nicht? Weil der Staat, ganz zu recht, diese Dinge mitregelt. Denn der freie Markt ist eine nette Illusion entweder von Metaphysikern im schlechten Sinne oder von Ideologen.

    Zu Chemnitz: Die Qualität einer Inszenierung bemißt sich nicht an deren Auslastung durchs Publikum. Was Sie hier bringen, ist ein Einzelbeispiel. (Davon ab, daß ich aus Chemnitz ebenso andere Berichte haben.) Was Sie beschreiben, beruht zunächst mal auf einer selektiven Wahrnehmung. Und auch hier wieder: Aus dem Einzelfall wird verallgemeinernd gefolgert.

    Auf meine Frage nach dem Markt und auf welche Inszenierungen Sie sich in Ihrer Kritik beziehen, haben Sie bisher keine ausreichende Antwort gefunden, sondern hier, wie leider sehr häufig, unterschiedlichste Aspekte hineingemischt, die mit der Ursprungsfrage nichts zu tun haben. Und das nenne ich dann: Nebelkerzen werfen. Sie vermengen und mischen Ebenen. Sie können das natürlich gerne weiter so mache. Allerdings werde ich dieses rhetorisch manchmal schwer durchschaubare Spiel hier auch regelmäßig Ihnen und den Lesern vorführen.

    Alles das, was Sie beschreiben, spricht nicht gegen die Finanzierung von Theatern („hochsubventioniert“ – auch eines dieser Nebelwörter, die etwas insinuieren wollen und damit durchschaubar als Rhetorik sind. Wir sind hier aber nicht bei Elisabeth Wehling), sondern solche Fragen sprechen dafür, zu überlegen, wie man Theater gestaltet. In ländlichen Regionen anders als in Großstädten. Und wechselnde Spielpläne sowie unterschiedliche Formate lassen sich z.B. durch Gastspiele in bestimmten Großverbundregionen gewährleisten. Was z.T. auch schon passiert. All das hat aber nichts mit der Finanzierung von Theatern zu tun.

  33. @Auch die Verteidigungsausgaben eines Landes über den Markt regeln und jeder Bürger gibt, was er geben will.—— So was hat es in anderer Weise schon mal gegeben, nannte sich Plündern, Brandschatzen und Beute machen.

  34. Und in China werden militärische Einrichtungen kommerziell genutzt indem die Armee Abschlepp- und Winterräumdienste, Autowerkstätten und Schrottplätze betreibt und sich das berappen lässt.

  35. Tja, der Markt regelt eben alles. In Engels‘ Zur Lage der arbeitenden Klasse in England“ finden sich wunderbare Beispiele wie das so geht. Aber man muß gar nicht so weit zurück in die Geschichte reisen. Man nehme nur Nigeria und google Shell. Und ich glaube, der che wird hier eine Menge weiterer Beispiele finden für die Segnungen des – hahahoho – ach so freien Marktes. Und alle nun im antiken Chor, viermal hintereinander gesungen: Es lebe der freie Markt. (Was mich daran erinnert, nun endlich einmal Karl Polanyis „The Great Transformation“ zu lesen.)

    Und sicherlich wird der freie Markt auch dem Theater gut bekommen. Da werden ihm endlich die kritischen Flausen ausgeprügelt.

  36. Das war einer der wenigen wirklich guten Auftritte des Zitterwolfs, als der in einer Runde enthusiasmierter Neoliberaler meinte, „In einer Stunde werdet ihr dann in aller Offenheit über die Freiheit der Sklavenmärkte diskutieren.“

  37. Auf den Punkt, che.

    Ansonsten, @Dieter Kief, habe ich gar nichts dagegen, daß man Stücke kritisiert, bsp wegen ihres virtue signaling oder weil da Gesinnungstheater gespielt wird. Aber die Wahrheit ist in solchen Fragen eben konkret und läuft nicht über eine abstrakte, pauschale und leere Kritik der Finanzierung von Theater. Sie wissen ebensogut wie ich, daß Opern und große Häuser in Hamburg, Berlin, Frankfurt, München, Stuttgart, Bochum ohne Finanzierung nicht überlebensfähig sind.

  38. Das gilt auch noch für Hannover, Braunschweig und andere Städte dieser Größe, die über recht differenzierte Theater, große mit angeschlossenen kleinen Häusern verfügen. Die Probleme beginnen in der Provinz, wo es keine festen Ensembles mehr gibt. Das sind im Westen Städte ohne Uni und mit weniger als 200.000 Einwohnern, im Osten hingegen alles außer Berlin, Dresden, Leipzig und Weimar.

  39. So ist es che, das ist auch meine Erfahrung. Mainz – zwar Landeshauptstadt, aber doch ein verschlafenes,kleines Nest – besitzt ein hervorragendes Theater. Was die Provinz betrifft, so wäre zu überlegen, wieweit man hier mit Gastspielen weiterkommt.

  40. „Wichtig ist nicht, ob Geringverdiener ins Theater gehen, sondern daß sie die Möglichkeit haben.“

    Der ist gut, Bersarin!

    Zu der Tatsache, dass die Populärkultur die Hochkultur mitinanziert – nichts. Dass die Unterschicht und die migrantische zumal nicht in den Theatern ist, ist vollkommen klar, die Daten sprechen eine deutliche Sprache, aber auch der Augenschein. Der Vorplatz des Deutschen Theaters, vor einer der sonntäglichen Matineen, wenn man alles haargenau sieht: Da tifft man – vielleicht ein Prozent halb- bis ganz verwahrloste Akademiker, die irgendwie als Unterschicht durchgehen könnten, und das wars. Es gibt da nix zu deuten. Dass das Theaterpublikum überdurchschnittlich alt ist, ist ebenfalls per Augenschein leicht allüberall festzustellen.

    Müller, in Ihrem Beispiel, Bersrin, hat das Kommerztheater dem – subventionierten Deutschen Theaterbetrieb gegenübergestellt. Ich fand Müllers Beisiel gut, Sie scheints weniger. Das ist Künstlerpech, wenn man bedenkt, dass sie dieses Beipiel ja selber vorgebracht haben. Mir gefällt es jedenfallsuasserordentlich – wie auch die einschlägige Beobachtung Adornos über die bessere Laune der Amerikanischen Verkäuferinnen.

    Wie Sie sagen – es geht häufig in solchen Dingen um Tendenzen. Was den Bezug auf konkrete Inszenierungen angeht, so habe ich hier derzeit klar die Nase vorne, wie mir scheint.

    Und wenn Sie Ihre ad hominems ließen?

  41. Und die Hochkultur finanziert die Populärkultur mit. Etwa beim Fußball. Gewöhnen Sie sich daran, daß in einem liberalen Rechtsstaat immer irgend etwas mitfinanziert wird, das einem nicht gefällt. Anderen mißfällt, daß von ihrem Geld die Bundespolizei, die Abschiebungen vornimmt, und Frontex mitfinanziert werden.

    Ich weiß nicht, wo Sie ins Theater gehen: In Chemnitz, in Dresden Festspielhaus Hellerau, in Berlin, in Hamburg ist das Publikum in den dort führenden Theatern keineswegs alt. Gehen Sie mal zur Volksbühne (damals unter dem großartigen Castorf und auch heute) oder gehen Sie zur Schaubühne Schaubühne. Und auch bei den sonntäglichen Matineen im Deutschen Theater treffe ich je nach Thema ganz unterschiedliche Menschen. Übrigens auch Deutsche mit migrantischem Hintergrund. Insofern sind Ihre Pauschalisierungen durch die Empirie nicht im Ansatz gedeckt.

    Müller hat unter einer bestimmten Hinsicht beide Systeme verglichen und dazu noch im Hinblick auf Schauspielschüler. Mein Tip an Sie, Dieter Kief: wenn man es lernt, Hinsichten und Aspekte zu unterscheiden, dann kommen auch nicht derartige Fehllektüren auf. Und wenn man diese Fehllektüren vermeidet, dann muß man auch nicht ein solches Faß im Hinblick auf DAS Subventionstheater aufmachen, sondern man kann sich die Dinge von Fall zu Fall anschauen. Das gilt nicht nur für das Thema Theater, sondern generell für alle Themen.

    Ansonsten: Wenn ich Ihnen zeige, wie sie aus dem Einzelfall, kein Allgemeines abgeleitet werden kann und wenn ich Ihnen zeige, wo Sie Nebelkerzen werfen und in Ihrem Vorgehen an der Grenze zum Unseriösen stehen, so ist dies nicht ad hominem, sondern ich beschreibe Ihre Vorgehensweise. Ihr Vorgehen, ihre Wahl. Und diese bestimmen meine Antwort.

  42. Das ist übrigens mit den sogenannten Gender-Studies nicht anders: Es gibt dort Gendergaga und es gibt sinnvolle und wichtige Forschungen, die alles andere als an den Haaren herbeigezogen sind. Also nochmal: Das Verneinen von „etwas“, heißt nicht daraus das Verneinen von „alles“ abzuleiten. Das ist leider nicht nur Ihr Irrtum, sondern auf Seiten der rechten, der liberalen, wie der linken ein weit verbreitetes Vorgehe und damit ein grundsätzlicher In- die-Irre-gehen.

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