Vom Lesen – drei Bücher. Franz Kafkas „Der Process“ (2): Der Prozeß vom richtigen Auffassen einer Sache und dem Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht wirklich aus

Fast ist er zu einer geflügelten Rede geworden – jener erste Satz aus Kafkas „Proceß“. Er ist vermutlich jedem Leser bekannt, selbst jenen, die bisher keine Kafka-Zeile gelesen haben:

„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

Nur eben, da liegt die Tücke, es ist das Bekannte noch lange nicht das Erkannte. Und es ist sinnvoll, bereits zum Anfang genau in diese Prosa hineinzulesen und beim Detail zu verharren, was nicht  nur bei der Lektüre Kafkas ratsam ist: Wir finden ein Modalverb („mußte“, als eine Möglichkeit) und einen Konjunktiv („hätte“). Es besteht also die Möglichkeit, daß es eine Verleumdung sein könnte, aber eben nicht zwangsläufig sein muß. Erstes Rätsel bereits, das Kafka auslegt. Und daß K. nichts Böses tat, bleibt eine Mutmaßung im Konjunktiv II („hätte“). Die Instanz, die da Josef K. verleumdet haben mußte, bleibt anonym. „Jemand“. Irgendwer. Das einzige, was in dieser heiklen Situation sicher scheint, was die Szene bestimmt und für den Fortgang des Romans die Konfiguration schafft, ist die Verhaftung Josef Ks. Die zweite Gewißheit ist, daß es der Tag der Verhaftung der seines 30. Geburtstags ist.

Solche Überlegungen klingen gescheit, wissenschaftlich, klug – was auch immer. Doch all dies dachte ich damals, Anfang der 80er Jahre nicht, als ich mich, obwohl es kein Schulstoff war, nach dem Unterricht in Kafkas „Proceß“ stürzte und las. Sondern im ersten Akkord bereits packte mich ganz und gar unwillkürlich ein Szenario: dort, in Josef Ks Schlafzimmer, morgens direkt nach dem Aufwachen, im Bett genauer gesagt, wo er allein lag, geschahen seltsame Dinge. Das irritierte. Weshalb verhaftete man ihn kurz nach dem Aufwachen, und wieso eine Verhaftung – aber ohne Haft? Wie konnten diese Menschen in jenen intimen Bereich der Schlafstätte so einfach eindringen, vor allem aber: mit welchem Recht? Welche Rolle spielte die rätselhafte Frau Bürstner? Diese Art von Prosa stellt bereits zum Anfang Fragen an den Leser. Sie verrätselt. Daß dieser Fragemodus jedoch etwas ist, was nicht nur den Leser bereits zu Beginn, sondern ebenso diesen Roman durchgängig bestimmen wird, zeigt sich im Lauf der weiteren Lektüre, ganz handfest in der Prosa selbst. (Mehr dazu im dritten Teil mehr.)

Es gibt solche Bücher, die einem die Lauf- und Leserichtung ändern. Kafkas „Proceß“ war solch ein Roman, weshalb ich ihn in die Reihe jener drei Bücher aufnehme, die ein Leseleben verändern können. Da war zunächst meine Faszination für eine Szene und dann noch eine und noch eine Szene, eine besser als die andere, eine verrückter als die andere, so dachte ich es mir damals. Aber diese Begeisterung kam nicht vom Himmel gefallen, sondern Maßgabe war der Text selbst und sein Zusammenspiel mit einer entgegenkommenden Haltung. Nicht für die Person Kafkas – ich wußte von ihr damals nur wenig, höchstens, daß er ein sonderbarer Einzelgänger zu sein schien –, sondern für diese eigentümlich-packende Art zu erzählen und wie da plötzlich ein Mensch überfallartig in einen ungeheuren Vorgang verwickelt wird. Am Ende mit letalem Ausgang.

„Der Proceß“ schildert solchen Wahnwitz in einer unaufgeregten Sprache: kein Engagement, keine Empörung, nur eine leichte Verstörung aus der Perspektive Ks. Im Erzählprinzip Kafkas, wo sich auktoriales und personales Erzählen, erlebte Rede und Distanz des Erzählerbetrachters immer wieder durchdringen und ergänzen, kommt diese Geschichte erst zum Tragen. Wir spüren als Leser einerseits diese Bedrohung und andererseits blicken wir fast wie im Film aufs Geschehen. (Zu Kafka und dem Kino sei der Text von Peter-André Alt empfohlen: „Kafka und der Film: über kinematographisches Erzählen“.) Diese Perspektivität damals und wie Kafka damit den Effekt der Verstörung erzeugte, gefiel mir, sie erfaßte psychologisch und sozial einen Mechanismus von „Überwachen und Strafen“ im Modus literarischer Rede. Die Einspannung des Subjekts ins Gesellschaftliche wie auch eine Entäußerung von Inneneffekten. Nur eben hier in einer radikal negativen und bedrohlichen Weise.

Die Sprache Kafkas dabei: lakonisch und ohne Schnörkel eine Szene in dieser Form in Sprache dazustellen, in dieser Art und Weise sie zu erzählen: die Spannung, die sich aufbaut, weil etwas aus der Bahn gerät und wie die Existenz des normalen Lebens bereits zu Beginn des Szenarios nicht mehr zu funktionieren scheint: die Bedrohung, und dazu etwas, daß einerseits ganz und gar unrealistisch anmutete und zugleich völlig real erschien. Eine Ambivalenz. Wir kennen jenes bekannte Zitat bzw. jene Anekdote von Georg Lukács, jener Lukács, der Kafka im Expressionismusstreit der 30er Jahre einen Formalisten scholt und als der Genosse Lukács dann in den 50er Jahren von den eigenen Genossen je verhaftet wurde, eben doch bekennen mußte: Kafka war Realist. Aber das sind später, sehr viel später hinzutretende Referenzen einer Prosa, die den sozialistischen Realismus als Totalitarismus beschreibt.

Mich riß damals aber nicht das Soziale aus meinem Schlummer linker Politisierung, sondern eine eminent ästhetische Position. Es changierte in dieser Prosa ständig etwas. Ortlos, bodenlos. Nie ist man sich einer Szene ganz sicher. So die Szenen vor dem Gericht auf dem Dachboden oder wenn K. mit seinem Onkel und dem Advokaten Huld spricht, der ihm im Prozeß helfen soll, man glaubt sich zu zweit im Gespräch und ist es doch nicht. Eine Szene wie im Film noir, vom Spiel des Lichts getragen, das den Spannungsbogen aufbaut. Wir betreten mit den Augen des Helden (persönliche Perspektive) und zugleich mit der Kamera, die registriert (also noch eine Form des Auktorialen) einen düsteren Raum: Die Vorhänge zugezogen, kaum Licht, fast ein Höhlengleichnis:

„Im Licht der Kerze, die der Onkel jetzt hochhielt, sah man dort, bei einem kleinen Tischchen, einen älteren Herrn sitzen. Er hatte wohl gar nicht geatmet, daß er so lange unbemerkt geblieben war. Jetzt stand er umständlich auf, offenbar unzufrieden damit, daß man auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Es war, als wolle er mit den Händen, die er wie kurze Flügel bewegte, alle Vorstellungen und Begrüßungen abwehren, als wolle er auf keinen Fall die anderen durch seine Anwesenheit stören und als bitte er dringend wieder um die Versetzung ins Dunkel und um das Vergessen seiner Anwesenheit. Das konnte man ihm nun aber nicht mehr zugestehen.“

Ein Bild, wie aus der mythischen Vorzeit, die bei Kafka immer wieder in den Alltag einbricht. Bereits in solchen knappen Sentenzen – wie wir sie auch in Kafkas Tagebüchern und Briefen oft finden – bricht sich sein der Wille zur Gestaltung Bahn. Eine Szenerie weniger psychologisch ausgerichtet, sondern vielmehr phänomenologisch zu beschreiben, was ist und in diese Phänomenologie doch zugleich auch eine Deutung, eine Sichtweise einzuarbeiten. Diese Kombination von Darstellung und Deutung finden wir auch in jener in den Prozeß-Roman eingebauten Parabel „Vor dem Gesetz“ und der Szene im Dom. Sie erzählt etwas und liefert dabei zugleich eine Deutung von Ks eigener Sache. Kafka baute in den „Proceß“ immer wieder solche Spiegelungen ein.

Man weiß nicht, wie einem geschieht, das, so vermute ich, war es, was mich in jenen Jahren ansprach. Dieser Taumel macht sich schon in der ersten Szene bemerkbar. Es war da etwas Intuitives, es geschah, ich geriet beim Lesen sofort und unmittelbar in den Text, kein Anfangszögern, kein häsitieren, sondern eine Begeisterung steigerte mich auf. So wie einen jungen Mann der Anblick des einen und nicht des anderen Mädchens reizt, so wie den jungen Mann der Schwung des Armes, die unwillkürliche Geste des Mädchens beim Sprechen, das Wippen der Brüste unterm T-Shirt und der Blick auf Brustwarzen entfacht. Es waren das für mich Prosa-Sätze mit Wucht, fatal auch, aber das allein reicht nicht, es zog nicht nur das, was bei Kafka dann nach dem Auftakt folgte, mich irgendwie in den Bann, sondern der ganze Bau dieses Romans faszinierte mich. Die Dachbodenszenen in den Mietskasernen, die seltsamen, befremdlichen Kinder. Die Prüglerszene da in einem Hinterraum im Büro. Sicherlich: Türen des Unbewußten werden da geöffnet, dachte sich der naive Jungsleser und war von den surreal-realen Effekten begeistert.

Das Gericht, das auf den Dachböden tagt. Doch ist das Gericht selbst ist nicht etwa, wie bei bedeutenden Staatsgebäuden üblich, mitten in der Stadt angesiedelt, sondern in den grauen Vorstädten, wo anscheinend wichtige Behörden sich verborgen halten, inmitten der Mietskasernen, Proletariermilieu, wo zwischen den Fenstern, Wäsche zum Trocknen hängt. Hier bereits die ersten Chiffren von Intimität. Und topographisch eine Region des Abseits. Kafka schildert den Weg zum Gericht:

„Aber die Juliusstraße, in der es sein sollte und an deren Beginn K. einen Augenblick lang stehenblieb, enthielt auf beiden Seiten fast ganz einförmige Häuser, hohe graue von armen Leuten bewohnte Miethäuser. Jetzt, am Sonntagmorgen, waren die meisten Fenster besetzt, Männer in Hemdärmeln lehnten dort und rauchten oder hielten kleine Kinder vorsichtig und zärtlich an den Fensterrand. Andere Fenster waren hoch mit Bettzeug angefüllt, über dem flüchtig der zerraufte Kopf einer Frau erschien. Man rief einander über die Gasse zu, ein solcher Zuruf bewirkte gerade über K. ein großes Gelächter. Regelmäßig verteilt befanden sich in der langen Straße kleine unter dem Straßenniveau liegende, durch ein paar Treppen erreichbare Läden mit verschiedenen Lebensmitteln. Dort gingen Frauen aus und ein oder standen auf den Stufen und plauderten. Ein Obsthändler, der seine Waren zu den Fenstern hinauf empfahl, hätte, ebenso unaufmerksam wie K., mit seinem Karren diesen fast niedergeworfen. Eben begann ein in besseren Stadtvierteln ausgedientes Grammophon mörderisch zu spielen.“

Ein detailgetreues Bild von den Vorstädten, am Ende überschießend durch das Spiel des Grammophons. Kafkas Roman ist, wie der Kafkaforscher Heinz Politzer bemerkt, ebenfalls ein Großstadtroman in der Tradition des frühen 20. Jahrhunders. (Ähnliches schon in „Der Verschollene“.)

Solche Vorstädte als Chiffre für die Moderne finden wir paradigmatisch ebenso in der Prosa-Miniatur „An alle meine Hausgenossen“ aus den Oktavheften, Anfang 1917 geschrieben:

„In unserm Haus, diesem ungeheuern Vorstadthaus, einer von unzerstörbaren mittelalterlichen Ruinen durchwachsenen Mietskaserne, wurde heute am nebligen eisigen Wintermorgen folgender Aufruf verbreitet!“

(Daß dieser Aufruf zugleich auch mit einer Revolution oder zumindest Revolte zu tun hat, darauf wird vielleicht noch im dritten Teil einzugehen sein.)

Jener Schulfreundin mit der lila Latzhose war diese Prosa in ihrer Negativität unerträglich. Ich widersprach damals heftig. Wir stritten, insbesondere über die Legende vom Mann vor dem Gesetz. Sie fand dieses Warten entmutigend und in seiner Fatalität schlimm. Ich entgegnete ihr, daß der Mann doch einfach nur durch das Tor hätte treten müssen, denn es war nur für ihn, einzig für ihn, für jenen Mann vor dem Gesetz bestimmt. Wir waren beide jung und wir waren naiv und voller Emphase für Texte. Ich hingegen nahm diese Texte als Leben, anders als das schöne, blonde Mädchen in der lila Latzhose und ihrem weiten T-Shirt, ihren feinen Brüsten. Sie lebte. Ich las. [Daß dann später in meiner Lektüre jene „Briefe an Felice“ hinzukamen, machte die Sache des Literarisierens und eines Lebens, um des Schreibens willen, nicht besser.] Gelungene Literatur ist grausam und sie ist Exzeß. (Für die heutigen Literaturwissenschaftler und Leser kann man nur raten: Mehr Dionysos wagen!)

(Ende des zweiten Teils)

Weltpinguin-Tag

Is auch wichtig und Zeit für den Zoo in Bildern, denke ich mir, heute am Weltpinguin-Tag. Und da die lustigen Pinguine (besonders die Brillenpinguine), zusammen mit den freundlichen Eseln, meine Lieblingstiere sind, muß das gewürdigt werden. Was mich daran erinnert, bald einmal wieder in den Berliner Zoo zu gehen – und auch in den Zoo meines geliebten Leipzigs. Derweil stelle ich hier ein paar ältere Photographien aus dem Jahr 2014 ein.

Der versehrte Körper

„Es stand aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, des Kleophas Weib, und Maria Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn! Darnach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Darnach, da Jesus wußte, daß schon alles vollbracht war, daß die Schrift erfüllt würde, spricht er: Mich dürstet! Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Isop und hielten es ihm dar zum Munde. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.“ (Joh. 19:25-29)

Passend zum Karfreitag einige Überlegungen zum Körper – freilich aus nichttheologischer Perspektive geschrieben, mit dem Schwerpunkt auf die Bildlichkeit -, und zwar über den in seiner physischen Beschädigung auch medial inszenierten Körper. Den in der Marter im Bild dargebotenen Körper als eine Weise der Repräsentation von Gottesfurcht und Dasein Gottes im dunklen Moment seiner (scheinbaren) Abwesenheit, einem Moment, der mit Notwendigkeit erfolgen muß – religio. Daß sich die Schrift erfülle. [Und um dieser Erfüllung willen ist auch eine Person wie Judas religionsdramaturgisch notwendig.]

Zugleich bleibt dieser Körper jedoch – trotz medialer Darbietung, insbesondere in der christlichen Ikonongraphie – akzidentell. Er ist Bild geworden. Eine Paradoxie in der Bildlektüre zeigt sich hier: einerseits verweist der bildlich dargestellte, gemarterte Körper auf ein bloßes Moment im Prozeß: Passionsgang, Marter, Zerschindung, Verklärung und Auferstehung als Geist. Das Zentrum des Bildes ist jedoch, trotz Kreuzestod, nicht die Marter. Andererseits kann sich jener Geist, die Aufhebung des Opfers, das trinitätische Wesen nicht in Abstraktion oder Ornament entäußern und präsentieren, sondern muß (womöglich mit Notwendigkeit) auf die ganz und gar sinnliche Form zurückgreifen. Der Geist und das Wesen Gottes bleiben auf die irdische Repräsentation samt den Repräsentationsmedien und damit auch: auf den Körper als Träger angewiesen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

In jenem Körper des Gekreuzigten verbinden sich – zumindest in den meisten Bild-Inszenierungen des Abendlandes – Marter, Qual, Verklärung und Verzückung im Schmerz, so wie ihn die zahlreichen und vielschichtigen Gemälde von der Kreuzigung Christi zeigen, über jenes Kreuzigungsbild von Lucas Cranach d. Ä., aber auch El Grecos semi-expressive Leidverzückung in düsterroter Farbe. Oder wie später dann der (biblische) (Hollywood-)Film den Körper (als lesbares Zeichen) ausstellt – ob nun „Das Gewand“ oder „Ben Hur“ und in aller Drastik vielleicht bei Mel Gibsons „Die Passion Christi“. Aber auch Filme, die dem kulturindustriellen Strom entgegenstehen, wie „Montana Sacra“ von Alejandro Jodorowsky oder Pasolinis „Das 1. Evangelium – Matthäus“, präsentieren einen unter dem Zeichen der Religion gekerbten und versehrten Körper. Bei Pier Paolo Pasolini vielleicht durch die Schlichtheit der Darstellung und weil dort keine Überhöhungen  als kulturindustrieller Film-Kitsch und damit im Grunde eine Erniedrigung der Passion stattfinden, vielleicht noch am drastischsten. Die Leidensgeschichte kommt in einer ganz und gar unaufgeregten Form daher. Italienische Bauern als Laiendarsteller.

Eine der kunstgeschichtlich wohl heftigsten Darstellung des Leidens Christi während des Kreuzestodes findet sich in der Bildenden Kunst beim Isenheimer Altar in Colmar, so wie es das Tafelbild von Matthias Grünewald zeigt.

11_08_18_D_300_11137

Dieser Körper der Marter, grün fast, wie von Schimmel überzogen, wird erst in der Auferstehung zum Leib verklärt, und an diesem Leib sind dann alle Zeichen der Entstellung, der Folter und des Vergänglichen getilgt – elevatorische Transformation alles Irdischen und gegen alle Gesetze der Physik, umgeben von der Aureole. Eine herrliche Darstellung, die man sich unbedingt im Original betrachten muß. Das läßt sich in keiner Reproduktion erfassen.

11_08_18_D_300_11150

Ein (mögliches) Pendant zu jeglichem Kreuzigungsbild – inspiriert vom Dada – in satirisch-zuspitzender Absicht, und zugleich als eine komplexe Materie im freilich bereits abgelebten Gestus der Provokation und (notwendig) simplifizierend, zeigt uns Martin Kippenberger. Religion als Farce und dennoch provoziert solche Kunst bis heute:

martin_kippenberger_froesche_skn__0

Das Bild  entstammt folgender hier verlinkter  Quelle.

Im biblischen Hollywoodfilm hingegen verweltlicht sich in monetärer Absicht der Aspekt der Marter und des Schmerzes. Der Kreuzestod geriet säkular und zur Produktion der Studios. Der Kalvarienberg und die Schädelstädte (des Geistes), auch hier eine Masseninszenierung, wenngleich in anderer Qualität als jene Gemälde und Altarbilder. Doch das Lebendige des Geistes ist nicht im Toten zu suchen oder gar zu fixieren, so wußte es bereits Hegel in seinen Vorlesungen über die „Philosophie der Geschichte“, wenn er im Hinblick auf die christlichen Kreuzzüge formuliert:

„Von Christus selbst konnte man keine Reliquien haben, denn er war auferstanden: das Schweißtuch Christi, das Kreuz Christi, endlich das Grab Christi wurden die höchsten Reliquien. Aber im Grabe liegt wahrhaft der eigentliche Punkt der Umkehrung, im Grabe ist es, wo alle Eitelkeit des Sinnlichen untergeht. Am Heiligen Grabe vergeht alle Eitelkeit der Meinung, da wird es Ernst überhaupt. Im Negativen des Dieses, des Sinnlichen ist es, daß die Umkehrung geschieht (…) Das Prinzip eurer Religion habt ihr nicht im Sinnlichen, im Grabe bei den Toten zu suchen, sondern im lebendigen Geist bei euch selbst. Die ungeheure Idee der Verknüpfung des Endlichen und Unendlichen  haben wir zum Geistlosen werden sehen, daß das Unendliche als Dieses in einem ganz vereinzelten äußerlichen Dinge gesucht worden ist.“ (Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte)

Im Prozeß von Moderne und Medien ist der gemarterte Körper zugleich als inszeniertes Ereignis und Spektakel und als eine Art Unterhaltungsnarrativ bedeutsam. Und zugleich weisen gelungene filmische oder überhaupt bildliche Darstellung auf mehr als nur Religiöses: nämlich auf die Folter. Auf eine Folter, die ohne Wenn und Aber und ohne Einschränkungen nicht sein darf. In den vier Evangelien finden sich z.B. keine nennenswerten Hinweise auf Gewalt am Körper Jesu, nichts an Gewalt wird dort in extenso ausgemalt, die Via Dolorosa ist kein Ort für bildliches Theater, für Passionsspiele und Filmeffekt, sondern allenfalls Zeichensprache. Die Gewalt am Körper um der Darstellung von Gewalt willen ist den Evangelien fremd, ihr zentrales Moment ist vielmehr das letzte Opfer des Menschen- und Gottessohnes als Ende jeden Opfers.

Anders der Hollywood-Film, der diese Gewalt am Körper im Extrem und als bereits fetischhafte Obsession inszeniert und in überbordenden, teils auch reißerischen Bildern darbietet, am drastischsten wohl in Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“, den man weniger als einen religiösen Film, sondern als eine Orgie der Selbstdestruktion lesen kann – von der darin sich manifestierenden politischen Bildsprache einmal ganz abgesehen. Religion geschieht hier eben auch um des Effektes willen, dient möglicherweise gar der Produktion von Ideologie qua Bildsprache. Was nicht ausschließt, daß man bei „Die Passion Christi“ auch eine dekonstruktive Lesart wählen kann, die die Formen der Sexualisierung darstellt. [Jeder Fesselung wohnt ein Reiz inne. Sei’s der an den Felsen gefesselte Prometheus, sei’s der ans Kreuz geschlagene Jesus: formschöne, gezeichnete Männerkörper. Die Linie Jesus, Justine, Juliette ziehen. Was man als These dann wiederum konkret am Film selbst überprüfen müßte, auch sein ideologisches Moment, ich will mich hier nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Aber ich denke, daß solche Assoziationen aufschlußreich sein können.]

Verklärung des Leids oder Exzeß der Verausgabung?: „– Hat man mich verstanden –? Dionysos gegen den Gekreuzigten!“, wie es im letzten Satz von Nietzsches letzter Schrift heißt: „Ecce homo“. Oder eben Brot und Wein, wie wir es bei Hölderlin finden.

Die Grenze zwischen Lust, Erotik, Gewalt, Schmerz und Religion sind fließend: der kaum bekleidete, gemarterter Körper eines Mannes, den Blicken dargeboten, der Beckenbereich mit einem Schamtuch verhüllt und der warme, der heiße Schmerz durchfährt jede Faser des Körpers. Die Selbstgeißelung und auch die Fremdgeißelung, die sich im Akt des Religiösen ereignet, maskiert ein im Grunde sexuelles Spiel. (Und insofern wird mich auch Ulrich Seidls Film „Paradies: Glaube“ interessieren.)

Die Lust am versehrten Körper hängt einerseits mit einer Form von Gewalt zusammen, die eine absolute Macht darstellt, (der so ausgesetzte Subjekt-Körper als Homo sacer im Sinne Agambens), aber diese Lust ist nicht unbedingt nur totalitarismus- oder faschismuskompatibel, und es hat seine Gründe, weshalb Breker und Riefenstahl lediglich den makelloses Körper in Skulptur und Film umsetzten, von dem alle Spuren der Entstellung durch Mord und Folter getilgt wurden – man betrachte nur diese speer- und diskuswerfenden Männer in Riefenstahls Olympia-Film „Fest der Völker“. Man müßte diese Bilder neben Francis Bacons und Lucien Freuds Gemälden plazieren und zusammendenken. Mich haben immer schon die Gegensätze interessiert.

Der Körper aber, der bei der Kreuzlegung dann gebettet wird, ist aber versehrt. Soviel ist richtig. Doch diese Versehrung bildet keineswegs das zentrale Motiv der Passion.

„Und es war um die sechste Stunde, und es ward eine Finsternis über das ganze Land bis an die neunte Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels zerriß mitten entzwei. Und Jesus rief laut und sprach: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt, verschied er.“ (Lukas 23:44-46)

Man lese diese Stelle parallel mit Kafkas „Die Strafkolonie“. Der gemarterte Körper eines Gefangenen, bei Kafka, mit einer Schrift versehen, die zugleich Tat und Strafe zum Inhalt hat: der Körper als inszenierter Text. So und nicht anders haben wir Verfechter des Textes es gerne. Auch am Karfreitag. Und so geht die Rede des strafenden Offiziers:

„Es darf natürlich keine einfache Schrift sein; sie soll ja nicht sofort töten, sondern durchschnittlich erst in einem Zeitraum von zwölf Stunden; für die sechste Stunde ist der Wendepunkt berechnet. […] Begreifen Sie den Vorgang? Die Egge fängt zu schreiben an; ist sie mit der ersten Anlage der Schrift auf dem Rücken des Mannes fertig, rollt die Watteschicht und wälzt den Körper langsam auf die Seite, um der Egge neuen Raum zu bieten. Inzwischen legen sich die wundbeschriebenen Stellen auf die Watte, welche infolge der besonderen Präparierung sofort die Blutung stillt und zu neuer Vertiefung der Schrift vorbereitet. Hier die Zacken am Rande der Egge reißen dann beim weiteren Umwälzen des Körpers die Watte von den Wunden, schleudern sie in die Grube, und die Egge hat wieder Arbeit. So schreibt sie immer tiefer die zwölf Stunden lang. Die ersten sechs Stunden lebt der Verurteilte fast wie früher, er leidet nur Schmerzen. Nach zwei Stunden wird der Filz entfernt, denn der Mann hat keine Kraft zum Schreien mehr. Hier in diesen elektrisch geheizten Napf am Kopfende wird warmer Reisbrei gelegt, aus dem der Mann, wenn er Lust hat, nehmen kann, was er mit der Zunge erhascht. Keiner versäumt die Gelegenheit. Ich weiß keinen, und meine Erfahrung ist groß. Erst um die sechste Stunde verliert er das Vergnügen am Essen. Ich knie dann gewöhnlich hier nieder und beobachte diese Erscheinung. Der Mann schluckt den letzten Bissen selten, er dreht ihn nur im Mund und speit ihn in die Grube. Ich muß mich dann bücken, sonst fährt er mir ins Gesicht. Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja weiter nichts, der Mann fängt bloß an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund, als horche er. Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen Wunden. Es ist allerdings viel Arbeit; er braucht sechs Stunden zu ihrer Vollendung.“

Doch das Szenario, von dem der Offizier so angetan ist, mißlingt:

„Die Egge schrieb nicht, sie stach nur, und das Bett wälzte den Körper nicht, sondern hob ihn nur zitternd in die Nadeln hinein. Der Reisende wollte eingreifen, möglicherweise das Ganze zum Stehen bringen, das war ja keine Folter, wie sie der Offizier erreichen wollte, das war unmittelbarer Mord. Er streckte die Hände aus. Da hob sich aber schon die Egge mit dem aufgespießten Körper zur Seite, wie sie es sonst erst in der zwölften Stunde tat. Das Blut floß in hundert Strömen, nicht mit Wasser vermischt, auch die Wasserröhrchen hatten diesmal versagt. Und nun versagte noch das letzte, der Körper löste sich von den langen Nadeln nicht, strömte sein Blut aus, hing aber über der Grube, ohne zu fallen. […] Hierbei sah er [der Reisende, Hinw. Bersarin] fast gegen Willen das Gesicht der Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des großen eisernen Stachels.“

Es war Mord.

(Bei diesem Text handelt es sich um eine leicht überarbeitete Fassung vom 29.3.2013)

„Game oft Thrones“ – Die neue Staffel acht

„Ich bin Daenerys Sturmtochter vom Blut des alten Valyria, und ich nehme mir, was mein ist! Mit Feuer und mit Blut werde ich es mir holen!“ (Daenerys Targaryen)

Nun kommt sie also: Die endgültige, die letzte Staffel von „Game of Thrones“. Es wird sich zeigen, wer den Eisernen Thron besteigt. Es werden bereits Wetten angenommen.

Spät erst bin ich in diese Serie eingestiegen, nämlich vor einer Woche und eigentlich nur angefixt durch die Auflösung all der Verwicklungen von Macht, Liebe und Krieg, die sich in der letzten Staffel ergeben wird. Doch ich bin zu spät. Insofern ist mein Unterfangen, für die achte Staffel up to date zu sein, nicht realisierbar. Ich hätte die letzte Woche über 70 Stunden hintereinander „Game of Thrones“ schauen müssen – selbst für einen hartgesottenen Fan nicht ganz einfach.

Woher kommt es, daß mich diese Serie sofort ansprang? Ich komme nicht aus dem Bereich des Fantasy, ich bin nicht von der Serien-Sucht befallen. Aber bereits nach den ersten 20 Minuten war ich begeistert und wurde mit dem Voranschreiten der Serie immer euphorischer, ob der Geschichte und der Bilder. Man möchte sich da gleich mit ins Getümmel stürzen. Wieso? Da ist im Auftakt diese Bildästhetik: der dunkle Wald mit dem Schnee, grau in grau gezeichnet, zwischen den Bäumen dämmert es: da im Norden diesseits des großen Walls aus Eis geht eine Wächter-Patrouille. Und was die dort sieht, ist nicht besonders erfreulich. Ja, es ist sogar schrecklich, einer überlebt und desertiert aus lauter Angst heraus. Und überlebt deshalb nicht, sondern wird vom Fürsten Ed Stark geköpft. Schnell begreift der Zuschauer: Es wird blutig werden. There will be blood.

Es sind solche Details, die den Betrachter in die Serie einführen und Lust erzeugen. Spannend erzählt und gefilmt, wie die Patrouille dort im Schneewald schreitet. Mit solchen – aufregenden – Anfängen eröffnet man ein Szenario, denn es geht in einer Serie schließlich (auch) darum, Zuschauer zu gewinnen. Und wenn es gut gemacht ist, bedeutet dies eine hohe Handwerkskunst – in den ersten beiden Staffeln übrigens ohne großen technischen Schnickschnack, alles pur und einfach gedreht und dennoch spürt man in keiner Minute, daß es sich hier um schlechten Billigtrash handelt. Lieber eine (zunächst) kleine, feine und handwerklich gut gebaute Serie, anfangs mit wenigen Mitteln produziert, als etwa mit viel Budget so etwas wie das technisch hochgerüstete „Babylon Berlin“ auf den Markt geworfen, das in den ersten vier Folgen verheißungsvoll anfing, um dann stark nachzulassen. (Allerdings immer noch besser, als schwach anfangen und stark nachlassen.)

Aber solche filmische Stimmigkeit und eine Atmosphere noir mit Eis, Schnee und teutonischem, herrlichem Wald, daß man sich mal wie im Märchen mit Wölfen und mal wie in Hobbits Auenland fühlt: das allein reicht nicht aus, es muß auch die erzählte Geschichte stimmen, die Figuren müssen in sich schlüssig gezeichnet sein und dabei doch genügend Spiel bieten, auch den Charakter wechseln zu können. Und das geschieht in „Game of Thrones“ häufig. Man ist vor Überraschungen nicht sicher, jeder kann prinzipiell alles sein, der Zuschauer soll sich niemals auf seinen ersten Eindruck verlassen: Gute werden Böse, Böse gut. Wer einem als Charakter zunächst freundlich gegenübertritt, kann später als ein ausgemachter Erzschurke sich erweisen. Oder umgekehrt. Dieses Changieren trägt viel zur Spannung des Films bei.

Und ebenso macht die Musik ihren Teil aus. Etwa die von Ramin Djawadi komponierte Titelmelodie der „Games“. (Deren Ähnlichkeit zu der Serie „Westworld“ sticht – sozusagen – ins Ohr, aber selbst das ist weder für „Westworld“ noch für „Game of Thrones“ störend.)  Auch diese Musik trägt zur Atmosphäre von der Serie bei. Besonders ist dabei auf die unterschiedlichen Musikstücke im Abspann zu achten. Hier gefiel mir vor allem dieser fröhliche Punk-Song zum Ende der dritten Folge der dritten Staffel: „The Bear and the Maiden fair“ von der Indie-Band „The Hold Steady“. Solche kleinen, witzigen Details machen „Game of Thrones“ liebenswert.

Aber nicht nur das: es wird wie im griechischen Epos – nur deutlich verschlungener, mit vielen Göttern und Gestalten – eine komplexe Geschichte von Menschen und Macht erzählt. Von den Charakteren übertrifft dieses Menschengewimmel die Komplexität eins Romans von Tolstoi oder Dostojewski bei weitem. Aber trotz der Vielzahl an Figuren und Bezügen wird es bei ein wenig Kontinuität im Sehen eigentlich nie unübersichtlich.

Von den Spielen der Macht her, fühlt man sich an Shakespeares Königsdramen erinnert, an die Rosenkriege zwischen den Häusern York und Lancester, und, was das Ränkespiel samt Mord und Magie betrifft, an Shakespeares „MacBeth“. Mystisches wird in „Game of Thrones“ ebenfalls bedeutsam. Epische Konflikte, in die tiefe Vorzeit reichend. Auch staatspolitisch ist „Game of Thrones“ fast schon ein Lehrstück – nicht nur über jene Außengrenzen, über die immer auch eine andere Welt einbrechen kann, sondern auch über Könige, Feudalherren, Warlords und die Welt des Mittelalters, in der die Winter und die Sommer über mehrere Jahre dauern können.

Böse könnte man zu solcher Art von Serien sagen, die Produkte der Kulturindustrie machen Werke der Kultur fungibel. Herabgesunkenes Bildungsgut. Und sogar das bereits der Tradition entstammende herabgesunkene Bildungsgut wie der Grusel- und Zombiefilm findet hier noch ihren Anschluß. Aber solche Ideologiekritik wird einer fein gearbeiteten Serie wie „Game of Thrones“ nicht gerecht, verkennt sie doch die komplexe Bauart samt dem erzählerischen Moment. Ebenfalls trifft der Vorwurf, daß hier bloße Technik und Kunsthandwerk zum Fetisch wird, die Sache nicht. Solche Kritik verfehlt die epische Qualität, die eine ganz eigene Sache und von eigener Qualität ist. Sie ist zu betrachten, und damit kommen solche Serien (teils) in den Rang des Gesellschaftsromans des 19. Jahrhunderts. Was Game of Thrones zusammenbringt – ähnlich übrigens, wie die großartige HBO-Serie „Westworld“ (über die hier ebenfalls noch geschrieben werden soll) – sind Emotionen und Reflexionen. Sinnlichkeit und Verstand. Philosophische Fragen, die sich in Geschichten und Figuren einkleiden. Besonders bei „Westworld“: Hochaktuell die Frage, was eigentlich Leben, Bewußtsein und Emotionen bedeuten; wem wir diese zusprechen wollen und wem nicht.

„Game of Thrones“ ist in diesem Sinne einer mehrfachen Lust an der Reflexion und an Emotionen großartiges Kino: Liebe, Verrat, Treue, Tragik und der Wechsel der Tonart und der Charaktere. Dazu gesellen sich all die schönen Frauen, die herrlichen Brüste, das Blut, das wir gerne vom Degen lecken, das Schwert, die Spannung. Ja, wie im Leben. Nur nicht ganz so langweilig. Das ganze zudem in sich schlüssig und spannend erzählt. Gegen Ende der zweiten Staffel, wenn Stannis Baratheon Königsmund mit Schiffen und Armeen angreift, fiebert man sogar schon mit den ganz und gar unsympathischen Lennisters, die den eisernen Thron an sich gerissen haben. Einziger Lichtblick bei den Lennisters (zumindest bis zur Mitte der dritten Staffel) ist der im ganzen doch humane Tyrion, der Zwerg und Außenseiter der Familie: der mit den zynischen Sprüchen, dem Witz, dem Scharfsinn und dem Geist und vor allem seiner Lust zu leben – auch was die Weiber betrifft. Schon das werden ihm die Puritaner nicht nachsehen. Man fühlt sich vielfach ans heute erinnert. Nur daß wir in der Gegenwart identitätspolitisch säkulare Calvinisten am Start haben, deren neue Religion die des Jammeropfers ist. Da lobe ich mir die Erotik, das Kopulieren, welches die Lust des Voyeurs ist, die große Tragik von Macht und Leben, jener Widerstreit zwischen Pflicht und Gefühl, das Drachenfeuer, und vor allem als Höhepunkt die Mutter der Drachen, Daenerys Targaryen.  Nackt ersteigt sie aus dem Feuer, nachdem sie sich mit ihrem Mann, dem Barbaren Khal Drogo, dem Fürst der Dothraki, hat verbrennen lassen. Da steht sie: im Anblick ihrer herrlichen Brüste und ihre Stärke. (Aber ich kann auch Frauen trösten: es gibt ebenso die schönen Körper von Männern und Schwänze zu sehen. In Game of Thrones wird mit Geschlechtsteilen nicht gespart.) Ja, es ist dies vor allem auch eine Serie der starken Frauen, die nicht einfach nur auf ihren Körper oder ihre Schönheit reduziert werden.

Aber auch Dialogwitz kennzeichnet diese Serie: Als die Prinzessin und spätere Mutter der Drachen, jene herrliche Daenerys Targaryen, deren Fan vermutlich die meisten Serienschauer sind, beim Khal Drogo für eine Wohltat sich bedanken will und da sie deren Sprache noch nicht beherrscht, den Dolmetscher fragt, was „Danke“ auf Dothrakisch heißt, bekommt sie zur Antwort, daß die Dothraki kein Wort für „Danke“ haben. Wegen solcher und vieler anderer Bonmots und wegen des Wortwitzes in den Dialogen, insbesondere auch zwischen der jungen erotischen Wildlingsfrau und Jon Schnee, liebe ich diese Serie. Jedes einzelne Element für sich freilich reicht nicht hin, um eine Serie gut zu machen: geschliffene Dialoge bei künstlich-öden Bildern machen keine spannende Serie, gute Bilder, aber schlaff gezeichnete Charaktere ebenfalls nicht. Erst wenn Bilder, Einstellungen, Ton, Musik, Dialoge, Plot, Charaktere, Technik, Schnitt und Montage in einer guten Konstellation zusammentreten, kann es gelingen. Bei der Einstellungsgröße etwa, bis hin zur italienischen Einstellung, wo nur noch das Auge des schwer verwundeten Tyrion Lennister zu sehen ist oder in einer anderen Szene die Klaffung einer Wunder gezeigt wird. All das ist technisch wie erzählerisch sauber gearbeitet: ästhetisch Stimmig eben. Bei Game of Thrones passen all diese Aspekte zusammen und insofern reicht diese Serie über die bloße Unterhaltung weit hinaus. Vor allem herrscht dort eine Leidenschaft in einzelnen Szenen, daß einen dies fast physisch anspringt. Etwa als die herrliche Daenerys Targaryen die Armee der 8000 Sklavenkrieger (jene „Unbefleckten) übernimmt, dann alle Sklavenhalter tötet und den sadistischen Stadtherren vom Drachen verbrennen läßt. Die Armee ist nun frei. Und noch besser als Sklaven dienen Freie, die um die einstige Sklaverei noch wissen. Dialektik der Macht, die diese Serie immer wieder in kleinen Szenen ausspielt.

In diesem Sinne bin ich von den ersten drei Staffeln, die ich bisher sah, angetan. Das gute daran, derartig weit noch in den Folgen zurück  zu sein, ist der Umstand, daß ich all das Schöne, Spannende, Grausame, all die Geschicke von Tyrion Lennister, Arya Stark, Daenerys Targaryen, Jamie Lennister, Jon Schnee, der königlichen Hofbeamten Lord Petyr Baelish (genannt Kleinfinger) und Lord Varys noch vor mir zu haben und gesagt werden muß, daß ich ebenfalls ein Fan der Schattenwölfe und der Telegramm-Raben bin, die in dieser Serie, gleichsam wie Brieftauben, die Botschaften und Nachrichten übermitteln. Feine Form der Telekommunikation. Und ich freue mich, daß auch die achte Staffel dann, wenn sie zu kaufen ist, noch auf mich wartet, wenn alle anderen schon diese Serie zu Ende geschaut haben werden.

Um nun am Ende doch noch die Produkte der Kulturindustrie zu streifen, habe ich zum Schluß sogar den „Game of Thrones“-Persönlichkeitstest mitgemacht, der vermutlich in Kleinfingers und Lord Varys Namen die Gepflogenheiten von uns normalen Erdenbürgern auf Facebook und Google ausforschen soll. Mit der Wahl von Arya Stark (der jungen und wildfanghaften Tochter des Herrn des Nordens, Ed Stark) bin ich zufrieden, wenngleich ich lieber Tyrion Lennister wäre. Zu der in der Tat ebenfalls herrlich gezeichneten und auch wunderbar gespielten Arya Stark steht dann:

„Ebenso wie die jüngste Tochter aus dem Hause Stark hattest du schon immer deinen eigenen Kopf. Regeln hast du zwar zur Kenntnis genommen, aber sobald du dich umgedreht hast, hast du sie wohlwollend ignoriert oder gebrochen. Ein echter Wildfang – das hast du sicher schon als kleines Kind oft zu hören bekommen. Oft wurdest du belächelt und unterschätzt. In Wahrheit bist du aber zielstrebig, neugierig und clever, jedoch auch unglaublich stur. Du hast deine Prinzipien, an denen man nur schwer rütteln kann. Das ist auf der einen Seite etwas Gutes, allerdings würde dir ein wenig Nachgiebigkeit hier und da nicht schaden. Denn auch wenn du dein Ziel klar vor Augen hast, musst du es nicht immer im Alleingang erreichen und darfst auch mal anderen Leuten vertrauen und musst sie nicht immer argwöhnisch beäugen. Dir macht man so zwar kein X für ein U vor, aber manche Menschen haben tatsächlich keine Hintergedanken und können dein Leben bereichern.“

„Du hast ja ein Ziel vor Augen“: Ich werde mir aber am Ende wohl einen eigenen Charakter erfinden und mich nun Lord Bitterfeld nennen: das ist so eine Mischung aus sozialistischem Realismus, mit Hang zur Leipziger Schule und zudem Schild und Schwer der Partei. Am Ohr des Volkes. Aber nicht, um es zu beschützen, sondern um seiner ästhetisch habhaft zu werden.

Nun muß ich weitergucken.

 

 

„Das Dunkel des gelebten Augenblicks“: Vom Lesen – drei Bücher: Franz Kafkas „Der Process“ (1)

Da thronen im Regal jene Lebensbücher, die wir nie wieder verlassen können. Einstmals, vor Jahren und Jahrzehnten in sie hineingezogen, springen wir nur unter Schwierigkeiten aus jenen Büchern wieder heraus und kommen als andere Menschen in der Lebenswelt wieder an: jene Welt, die man die normale nennt. In diesen Büchern wohnen wir gleichsam. Sie begleiten uns ein Leben lang. Ich schrieb bereits an dieser Stelle von jenem Text in der „Zeit“ letzten Jahres, wo der Autor Stephan Wackwitz das Projekt „Drei Bücher“ vorstellte, und zwar unter der Überschrift: „Ein Lichtfunke, der in mich fiel. Über Lenin, Norbert Blüm und das Erbe des Kolonialismus – wie drei Bücher meinen Blick auf die verworfene Welt verändert haben“. Ganz so dramatisierend wie in der Überschrift, bei zudem relativ trivialen Titeln, soll es in meinen Beiträgen nicht zugehen, sehr wohl aber interessiere ich mich für jene besonderen Bücher, also in etwa das, was mit Nietzsches Worten (freilich in leichter Abwandlung) als „Verzückungsspitze“ unseres Denkens (und damit auch unseres Handels am Ende) bezeichnet werden kann: also nicht nur die Frage, was wir mit einem Text tun, sondern, was der Text mit uns macht und vielleicht auch, weshalb er dies tut. Die gekonnten Texte sind eh schlauer als ihre Leser – insbesondere, wenn jene Leser noch jung und ungestüm sich gebärden.

Da es im Internet bereits in allem möglichen oder unmöglichen Formen eine Menge an Buchwettbewerben gibt – meist unter der Rubrik „Die 10 wichtigsten Bücher, kein Kommentar nur ein Bild“ – möchte ich den Vorschlag von Wackwitz hier auf AISTHESIS ebenfalls probieren und mir drei Bücher greifen – vielleicht werden es auch vier. Ich bin kein Prinzipienreiter, sondern mache, wie es kommt.

Mit solchen Büchern meine ich nicht jene Prosa, die junge Leser einst fesselten und in die sie sich stürzten und darin dann identifikatorisch versanken, etwa ein Abenteuer-Buch von Karl May, Alistair MacLeans Thriller in den Jungsjahren oder jene Romane, die „ganz nett“ sind oder einfach nur das Herz bewegen, also all die Bücher, die wir einst verschlangen, in deren Geschichten wir hineinglitten und die wir dann irgendwann wieder vergaßen, sondern vielmehr meine ich damit eine Literatur, die uns ein Leben lang begleitet – bis heute. Eine Literatur, die uns bereits beim ersten Lesen in den produktiven Schock versetzte, vielleicht eine Art Starre und ein anderes Denken in uns erzeugte. Prosa, die uns immer wieder aufs neue anspringt. Im guten wie im schlechten. Oder wie es Alban Nikolai Herbst in einem seiner Essays formulierte: „Gute Literatur muß grausam sein“. Wer je Curzio Malapartes Prosa, insbesondere „Die Haut“ und „Kaputt“ gelesen hat oder Celines „Reise ans Ende der Nacht“, aber auch Gides „Falschmünzer“, der weiß, was dieser Satz bedeutet. Man kann dazu auch jenes leider überreizte und deshalb aus dem Gebrauch gefallene Zitat Kafkas von der Axt und dem gefrorenen Meer nehmen. Aber ich denke, dieses Zitat paßt nur bedingt. Ein Buch erst macht die Schockgefrierung. Es taut das Herz nicht auf, sondern es verändert dessen Takt.

Um dabei aber diesem meist nur in Auszügen zitierten Satz Kafkas, den er in einem Brief an Oskar Pollak vom 27. Januar 1904 schrieb, Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, sollte man ihn komplett zitieren. Denn in dieser Form stimmt er, weil er auf jenes besondere Moment solcher besonderen Bücher hinweist:

„Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“

Ja, Malaparte gehört bei mir dazu und war einer dieser Autoren, die ich spät erst entdeckte. Die Freuden am Lesen ist es, daß immer wieder neue Bücher und Autoren auftauchen, die noch nie gelesen wurden und an denen der Geist neu und anders entflammt. Es gibt bis ins hohe Alter Literatur zu entdecken, wo neue Welten sich formen, wo in Sprache ein Szenario sich auftut, das wir bisher noch gar nicht auf dem Schirm hatten. Fritz J. Raddatz schrieb 2008 in den letzten Einträgen seiner legendären und lesenswerten Tagebücher – lesenswert deshalb, weil sie einen Blick auf den Literaturbetrieb der alten BRD wie auch des Nachwendedeutschlands eröffnen – in bezug auf die Bildende Kunst eine Notiz, die den Leser und Entdecker des Neuen melancholisch stimmen kann. Denn auch Schönes vergeht und gerinnt irgendwann für den Profi zur bloßen Routine:

„Ich habe so viele van Goghs, Vermeers, Picassos, Cézannes gesehen: Es BESTIMMT nicht mehr den inneren Wert, den Frieden meines Lebens, das 33. zu sehen. (Oder Brendel, Pollini, Schiff zu hören). Da ist etwas ‚ausgelebt‘, leer gegessen, der Sinn ist ausgeflossen.“

„Aber die geradezu erotische Glückseligkeit, die bildende Kunst für mich immer war: erloschen und tot. Glücksimpotent.

Nun auf zum großen Gala-Abend der SZ für Joachim Kaiser. Ich habe noch gar nicht die Krawatte gebunden – und bin schon enttäuscht.“

Vom Lesen selbst wäre zu schreiben, was da in diesem Akt in uns und mit dem Text und dann auch wieder im Text selbst geschieht, wie da ein strukturiertes Kunstwerk eine Welt öffnet, und auch vom Verlust dieser Emphase ist zu reden, weil da einer wie der Literaturkritiker Raddatz wie eine Kerze von zwei Seiten abbrennt. Darum aber geht es heute nicht, das wäre ein Thema für sich. Vielmehr war da zum Anfang der 1980er Jahre jene schöne blonde Frau mit der lila Latzhose, mit der ich zu Mittelstufe- und Oberschulzeiten gut befreundet war. Ich mochte es, wenn sie sich mit ihren weiten Hippie-T-Shirts tief vorbeugte, weil ihr Neigen einen Blick auf feine Brüste freigab und damit meine Neigung für Schönes beförderte. Selbst weiße Frotteeschlüpfer fand ich damals erotisierend. Jener Neigungswinkel des Daseins, wie ich im Nachklang – postexistenzialistisch verklärend – schreiben möchte, der ebenfalls unseren Blick und unser Begehren lenkt.

Aber auch um diese Blickachse des Schönen soll es nicht gehen, sondern daß diese Frau und ich im selben Deutschkurs einst in der Oberstufe saßen, uns eifrig beteiligten und hin und wieder uns schöne und manchmal auch böse Debatten lieferten. Als es zur Literatur der sogenannten „Klassischen Moderne“ ging (ich war und bin kein Freund solcher Festschreibung von Epochen, aber zum Orientieren hilft es manchmal, wenngleich man sie irgendwann auch wieder hinter sich bringe), ließ nun der Lehrer im Kurs das Lesepensum abstimmen – was ich bereits, obwohl damals noch links, durchaus seltsam fand, denn ich hielt den Geist der meisten Schüler nicht für derart gut ausgebildet, um zu beurteilen, was zu lesen wäre und dachte, mir, daß es in Bildungsdingen falsch ist, vermeintlich demokratisch abstimmen zu lassen.

Zur Wahl standen Hermann Hesse und Franz Kafka, und wie ich bereits im Vorfeld böse ahnte und insbesondere auch von der Hippiefrau so gestimmt, gewann Hesse den Kampf. Es wurde „Mist mit Goldrand“ gelesen. Allerdings konnte der Lehrer es am Ende denn doch nicht übers Herz bringen, keinen Kafka zu machen; oder die Abstimmung diente dem guten Mann einfach dazu, unsere Präferenzen auszuforschen, uns auszuspähen gar in unserem Treiben und Trachten. Oder der Lehrer ließ sich durch meinen vehementen Protest für Kafka und gegen Hesse nachhaltig beeindrucken: daß es nicht sein könne, auf einen Schriftsteller wie Kafka zu verzichten: es wurden also beide Texte gelesen. „Narziß und Goldmund“ sowie „Das Urteil“, samt „Die Verwandlung“.

Eigentlich geschah diese meine Erweckung durch die Kafka-Prosa spät. Ich hatte zwar schon einiges an Autoren der Moderne mit Lust gelesen: Brecht, Schiller, sofern man den noch dazurechnen mag, ein wenig Nietzsche, Sartre, Camus, Boris Vian, Alfred Jarry, Baudelaire, Raymond Queneau, Apollinaire, Aragon, Flaubert, viele viele Franzosen. Doch von diesem seltsamen Autor aus Prag hatte ich vorher noch keinen Text in der Hand gehabt, was eigentümlich war, denn ich las viel. Leider auch viel vom Polit-Kram: Texte zur Atomkraft, so etwa Holger Strohms umfangreiches Standardwerk „Friedlich in die Katastrophe“, las zu F.J. Strauß, zur Nato-Nachrüstung, zur RAF und von Meinhof die Essays, Aufsätze von Marx und mit Engelszungen (gut geklaut vom Biermann) redete ich immer mal wieder auf die Hippie-Frau ein, ebenfalls diese Texte zu lesen, vielleicht sogar ein konkret-Abo zu beziehen. Lauf ins Leere von politisierten Lederjackenmännern. Nein, es war dieser Knabe eher ein Jüngling, kein Mann. Zartverpeilt, hochnäsig.

Aber was faszinierte ihn damals an dieser Prosa von Franz Kafka, als er im Deutschkurs die ersten Zeilen las? Es ist schwierig, nach fast vier Jahrzehnten herauszubekommen, wie diese Empfinden eines jungen Mannes war und was man einmal vor einem solchen Prosatext empfand. Das, was bei Bloch das „Dunkel des gelebten Augenblicks“ heißt, in den hinabzutauchen, um zu sehen, wie es einstmals war, schwierig ist. Eine Erfüllung, die ebenso etwas mit einer Nachträglichkeit zu tun hat. Jetztzeit, die im Vollzug erlosch und die doch  nachwirkt – vielleicht auch als Theorie, die das eigene Leben teils strukturierte. Man braucht eine Mémoire involontaire, vielleicht der Geruch jener Hippiefrau und der nach den Zigaretten von damals und dem billigen Wein. Jene Jahre, die für die intellektuelle Biographie prägend waren.

Beim „Urteil“ war es vor allem diese Stringenz der Geschichte, die so harmlos und ganz normal begann, verräterisch fast, mit dem agilen Sohn und diesem seltsam-hilflosen, im Dunklen des Schlafzimmers abgelegten alten Vater im Bett, der am Ende riesenhaft wird. Es waren sicherlich die sprachlichen Bilder und der nüchterne Stil im Erzählen, mit dem Kafka diese Effekte erzielte. Das Ende dieser Erzählung, die im Grunde eine Novelle ist, nämlich eine unerhörte Begebenheit, ist den meisten bekannt:

„Georg fühlte sich aus dem Zimmer gejagt, den Schlag, mit dem der Vater hinter ihm aufs Bett stürzte, trug er noch in den Ohren davon. Auf der Treppe, über deren Stufen er wie über eine schiefe Fläche eilte, überrumpelte er seine Bedienerin, die im Begriffe war heraufzugehen, um die Wohnung nach der Nacht aufzuräumen. „Jesus!“ rief sie und verdeckte mit der Schürze das Gesicht, aber er war schon davon. Aus dem Tor sprang er, über die Fahrbahn zum Wasser trieb es ihn. Schon hielt er das Geländer fest, wie ein Hungriger die Nahrung. Er schwang sich über, als der ausgezeichnete Turner, der er in seinen Jugendjahren zum Stolz seiner Eltern gewesen war. Noch hielt er sich mit schwächer werdenden Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: „Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt“, und ließ sich hinfallen.

In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.“

Die Lakonie dieses Schlusses war es, die mich reizte und ich empfand dabei – in jenen jungen Jahren empfinden und fühlen die Adoleszenten in Dauerschleife, wenngleich ich durchaus vorhatte, diese Emotionen aus der Analyse herauszubekommen und ins Eiskristall zu bringen – eine Art von Vergnügen an diesem Satz. Vielleicht war es jener Kälteton, jenes Schockmoment, das mich faszinierte: wie nämlich eine eigentlich erwartbare Geschichte von einem in der Blüte seiner Jahre stehenden, im Leben gefestigten jungen Mann einen ganz und gar anderen Lauf nimmt und sich Zug um Zug da in der Vita Risse zeigen. Vor allem aber stand dieses Szenario im Kontrast zu der Seichtigkeit und dem, wie ich mich zu erinnern meine und wie es damals empfand, viel zu Lieblichen des „Narziß und Goldmund“. „Gebeißte Stimmungskunst“ wie Adorno solche Werke, in einem anderen Kontext freilich, nannte.

Dieses verstörende und zugleich mit Schönheit oder eher noch mit einem Reiz aufgeladene Moment in der Literatur vermerkte ich insbesondere dann bei jenem Roman, der mich bis heute begeistert und den ich für eines der gelungensten Bücher der Weltliteratur halte: Kafkas „Der Proceß“. Es setzte ob der Konstruktion und dem Gemachtsein dieses Werkes jene Lese-Euphorie ein, daß ich von jenem Kafka gar nicht mehr loskam.

Some of these days: nicht bei Sartres Kastanienwurzel im Park hatte ich diesen Eindruck, sondern bei Kafka schoß etwas ins Innere und zugleich entzog sich mir sein Text, nicht bei Camusʼ herrlich flirrendem Licht des Mittelmeers und dem Spiel zwischen solitaire und solidaire, nicht bei Vians und Queneaus bösem, gutem, lustbetonten Witz, den man heute wohl von #MeToo-Darstellern und den „säkularen Calvinisten“ des Literaturbetriebs in die Versenkung zensieren würde.

Diese Fluchtszene im „Urteil“, dieses plötzliche Aufbäumen des Vaters im Bett, wie er da fast an die Decke stieß, ebenso das Verhältnis zur Weiblichkeit in dieser Prosa. Vielleicht hing diese Intensität mit der Bildlichkeit der Erzählung zusammen, vielleicht mit meinem Faible für Photographie. Daß da eine Prosa Bilder wie in einem Stummfilm reihte und zugleich nicht ein Stück sentimental oder schwelgerisch-schwülstig auftrat. Kein Engagement, kein Pathos. Die Prosa Kafkas bereitete mich – anders als bei Sartre und den schlechteren Stücken von Brecht – auf eine Literatur vor, die realistisch war, ohne es aber im Gang des Erzählens und von der Handlung her doch zu sein; eine Literatur, die kein politisches oder soziales Engagement und keine unmittelbare Kritik zeigte, selbst die Daseinsmetaphern, wie man sie dann im „Proceß“ findet, sind kunstvoll gesetzt und wirken weder aufdringlich noch oktroyiert.

Kafkas Schreibszenen. Diesen Distanz-Erotiker gilt es ins Bild zu setzen, was ich dann im zweiten Teil meines Kafka-Textes tun möchte. (Es sollte dies eigentlich in einem Teil alles geschrieben werden. Doch ich kann mich – leider, ich bedauere es zutiefst – nie kurz fassen und schweife in mögliche, wirkliche und unmögliche Welten ab und es treibt mich mein „Ideengewimmel“ bunt herum.)

Wir verfallen, so dachte ich mir beim Lesen von Kafka – allerdings kam mir dieser Gedanke erst Jahrzehnte später in der Erinnerungsreflexion – nicht dem Zauber des Venusberges, wie wir etwa seinerzeit gerne einen Blick auf Frauen in lila Latzhosen warfen, sondern ich las damals jenen Abwehrtext, nahm ihn vielleicht als eine apotropäische Kraft: jenen Autor, der eine ungeheure Literatur schuf, und zwar eine solche, die ein unendlicher Kommentar ist und diesen unendlichen Kommentar als unendliche Deutung zugleich nach sich zieht, frei nach der Wahrheit jenes herrlichen Domgeistlichen im „Proceß“: „Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.“ Und diese Vielschichtigkeit und Offenheit des Textes eben erfordert diesen Strom an Deutungen und Geschichten, die sich an Geschichten anschließen. Und zugleich den Blick dafür, daß da eine Prosa ist, die all dies bewirkte und die Anlaß war. Anlaß auch und Beginn einer dialektischen Hermeneutik, einer dekonstruktiven Dialektik, die viel mit dem eigenen Leben zu tun hat. Franz Kafka war für dieses Denken wesentlich.

Photographie (Quelle): National Library of Israel https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Franz_Kafka_from_National_Library_Israel.jpg

Hamletmaschinen, Schauspielzeit, Ichsalat

Es gibt in seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“ einen schönen Satz von Heiner Müller über Schauspielschüler. Der ist insofern bemerkenswert, als er sich mit meinen Erfahrungen deckt. Auch ich hatte einstmals Mitte der 80er Jahre kurz die Ambition, an einer der deutschen Schauspielschulen mich zu bewerben. Und ich bin heute immer noch der Meinung, daß ich mit ein wenig Unterricht Lars Eidinger locker an die Wand spiele – zumal es ja nicht so schwierig ist, immer wieder denselben Typus zu darzustellen und besonders wenn dieser Charakter einem sozusagen im Blute liegt. (Die hohe Kunst des wahren Schauspielers ist es, jenen Charakter darzustellen, der einem diametral entgegengesetzt ist.) Aber ich will nichts gegen Eidinger sagen: Ich schätze ihn, es ist ein guter Schauspieler.

Allerdings: Bei der (teils zwiespältigen) Hamlet-Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne mit Eidinger als Hamlet, sprach Eidinger in Figuren-Rede – sei es die des Prinzen Hamlet oder die des Eidingers – einen Menschen aus dem Publikum an, einen jungen Mann zudem, der Eidinger nicht im mindesten gewachsen war und ich bebte und wartete darauf, daß er dies auch einmal und am besten mit mir probierte. Das wäre der wohl spannendste Abend an der Schaubühne geworden. Und da ich niemandem verpflichtet bin, grundsätzlich nicht, – anders als die armen Schauspieler, die da mit Eidinger zusammen spielen und sich  von ihm gezwungenermaßen an die Wand spielen lassen müssen, auch das ist ein weiteres Manko dieser Inszenierung -, hätte ich freie Bahn, hochfahrend in der Rolle als böser Zuschauer zu extemporieren. Nein, als Hamlet spielte Eidinger nur bedingt gut. Einen ganz herunter und nicht ganz so die Rampensau gegeben, wäre für die Qualität der Aufführung besser gewesen.

Wie dem auch sei. Müller schrieb in seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“:

„Die ‚Hamletmaschine‘ 1986 in New York war strenger, präziser als in Hamburg, weil die Studenten in New York einen härteren Arbeitsmarkt vor sich haben. Die sind disziplinierter und kommen nicht auf die Idee, daß sie Persönlichkeiten sind. Aber jeder Schauspielstudent in Hamburg ist eine Persönlichkeit. Dadurch gibt es Unreinheiten, das Private verwischt die Kontur. Das ist Wilsons Problem mit westdeutschen Schauspielern.“ (Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht)

Ähnlich meine Beobachtung, als ich seinerzeit am größten deutschen Sprechtheater arbeitete und als Student beim Bühnenaufbau half. Rau ging es dort auf und hinter der Bühne zu. Aber das störte mich weniger, zumal ich nicht das Opfer war, was mich wunderte, denn meine genial-tolpatschig-dilettantische Art überzeugte die Arbeiter nicht. Mit Werkzeugen wie einem Akuschrauber umzugehen oder auch das Tragen meterhoher Kulissenteile geriet mir nicht wirklich gut und überzeugend. Oder vielleicht dachten sie auch, ich spielte den Clown und den Tolpatsch nur. Sie ignorierten mich. Der geniale Kulissenfahrer Uwe schrie manchmal irgendeinen der studentischen Hiwis an: „Du dumme Sau, beeil dich endlich und beweg den Arsch. Studentenschwein!“ Roh schallte es über die Bühne: „Holgäääär, hol den Schrauhbär!“ Es hämmerte, es schlug, es ging zack-zack und Jürgen rannte mit Turmhohen Teilen, Holger schraubte, Uwe frotzelte und mittendrinn auch die studentischen Aushilfen, einige davon Schauspielschüler. Sie waren allesamt nett und sie stellten zugleich sowohl bei der Arbeit wie in den Pausen im Bereitschaftsraum ihre Ambitioniertheit zur Schau. Jeder dieser Schüler eine Persönlichkeit. Jeder eine besondere Rolle. Diese Beobachtung ließ sich in der Kantine ebenfalls bei Jungschauspielern fortsetzen, die Stolz wie Bolle waren, am größten deutschsprachigen Sprechtheater aufzutreten. Und sei es auch nur in dem Weihnachtsmärchen „Unsichtbare Freunde“. (Mit der bezaubernden Andrea Lüdke.) Soviel zu Heiner Müllers Beobachtung und in Ermangelung eines anderen Textes für diese Woche.