In schöner Ferne

Zum Beginn der Reise, in unerbittlicher Nacht, um halb vier, tritt der kalte Mann aus der Haustür seines Grandhotel Abgrund, pfeift, nein winkt ein Taxi sich heran, mit dem leicht erhobenen Finger, der schwingenden Hand, wie eine zaghafte Wortmeldung zum Morgen hin, während noch die Tropfen von Regen aus der Nacht heraus fallen und fallen. A hard rainʼs gonna fall. Doch nicht für mich, denn ich fahre in die schöne Ferne, die Fremde des Südens von Österreich, die in Wahrheit aber der Norden Italiens ist, sofern man neue Grenzen akzeptiert. Eine Taxe hält an. Der Taxifahrer spricht sogleich in aufgeregtem Atem und es schießt aus ihm heraus: er könne nicht wechseln, man habe ihm sein Portemonnaie geraubt, er sei Opfer eines Trickbetruges geworden. Ich steige in den Mercedes-Kombi und entgegne, daß wir die Sache des Bezahlens schon irgendwie hinbekämen, schließlich sind meine Taschen heute voller Gold. Aber man weiß nie: stimmt es oder ist es eine Ausrede, eine nette, gut erfundene Geschichte? Das Wissen, vielleicht selbst Opfer eines Trickbetrugs und damit verbunden Opfer der Mitleids-Masche geworden zu sein. Doch Glaube ist alles, dann Liebe, dann Hoffnung, dann nach der Nacht ein Morgen – mit Heidegger, Adorno und Hölderlin im Gepäck und den Gedanken an eine Fahrt in schöne Ferne. Feinere Gestade, Gebirgslandschaft. In seinem Gesicht steht Traurigkeit, er erzählt aufgeregt: daß Arme die Armen beklauen, sei eine Schande. Drei Fahrgäste waren es – der erste stieg aus und sagte, hinten im Reifen sei ein Nagel, der zweite Mann stieg ebenfalls aus und der dritte stahl im Trubel das Portemonnaie. Ich glaubte dem Mann. Selbst auf dem Weg zum Bahnhof waren seine Fahrkünste unsicher, so daß noch ich ihn am Ende dirigieren mußte und ihm sagen, wie man zum Südkreuz-Bahnhof gelange. Ich gebe viel Trinkgeld. Den Verlust der Nachtkasse muß der Mann aus eigener Tasche zahlen. Es waren 240 Euro. Geschichten aus der Arbeitswelt, kurz vor Morgen. Ich aber reise ins Philosophische: eine Woche Seminar über Adorno und Heidegger sowie deren Hölderlin-Deutungen. Dichten und Denken in dürftiger Zeit. Wir aber tun es in herrlichster Atmosphäre.

Der ICE ist pünktlich, das WLAN im Zug geht nicht, Vorspiel auf Kommendes und so wird diese Fahrt eine Reise in eine herrliche Zeit hinein, zu einer Abwesenheit von Internet. Denn auch auf dem Berghof hoch über dem Städtchen gibt es keinen Zugang zum Digitalen. Die Zugfahrt führt durchs ostdeutsche und dann das bayerische Regengebiet, es klatscht und prasselt gegen die Scheiben, ich bin froh, nicht mit dem Auto gereist zu sein, gen Süden, nach Bozen geht’s, ins schöne Südtirol, an die Etsch, nach Leifers. Geliebtes Österreich. Nein, es ist ja Italien. Mussolini siedelte in Südtirol, nach dessen Annexion 1919, Italiener an. Hinter München dann klart es auf, die Alpen liegen in guter Sicht. Vor dem Alpenblick zum Eingang ins Tal thront ein graues Gebäude. Ist es eine Burg oder doch nur ein Betonsilo, Industriebau als Kulisse? Im Gegenlicht und vorm Horizont der schimmernden Berge kaum auszumachen. Später dann gegen frühen Mittag ein schönes Panorama mit Sonnenlicht und hinein gondelt der Europa-City-Zug in die Pässe, durch die Täler, Schluchten, Wälder aus Fichten und manchmal sind Kiefern dabei. Innsbruck und Brenner. Die ragenden Gipfel, in der Höh und darüber, wo die Ruhe ist, wo kaum ein Mensch hingelangt. Die Zug-Abteile erinnern bereits an den Balkan: verschlissene Industrie-Moderne der 90er Jahre. So zumindest wirkt es. Die Gefilde werden südlicher. Bergtäler mit Fachwerk und vereinzelter Gewerbe, Ferienhäuser, Skihänge, meist aber ohne Schnee. Der liegt nur hoch oben bei den Gipfeln und an der kalten Brennerstation, wo Soldaten und Polizisten ihre Patrouille machen. Statt in Clemens Setz zu lesen, blicke ich aus dem Fenster und bewundere die Höhen, die Bergkämme, das karge Gestein. Moos und Gras.

Im Zug, kurz vor Bozen, ich hieve den Koffer von der Ablage, der Koffer gleitet aus der Hand, rutscht in die Schräge, schnellt herab und schlägt auf die ungünstigste Stelle, die es in einem Zug gibt, dort, wo kein Koffer am besten je aufschlägt: die Notbremse. Ein Ruck geht durch den Zug, langsamer die Fahrt, dann abruptes Halten. Es steht der Zug nun, es rappeln die Menschen, die Reisenden schauen irritiert und einer ist da: der weiß, wer es war: ich war es. Ich war das, und der Mißbrauch der Notbremse wird bestraft, so schieße es mir durch den Kopf. Ich zögere, ob ich den heiklen Vorfall melden soll. Ich tat es am Ende und die strenge Schaffnerin, die kein Wort von meinem geliebten Deutsch verstand oder aufgrund der Italienisierung der Region mit Absicht nicht verstehen wollte, wenngleich ich von ihrem Habitus zugleich vermutete, daß sie es tatsächlich nicht verstehen konnte, sprach mich italienisch an, mit Rüge und scharfem Ton, obwohl es in der autonomen Region Südtirol an ihr ist, deutsch zu sprechen und nicht an mir italienisch. Von ihrem schlechten Englisch, das noch ärmer als meines war, ganz zu schweigen. Am Ende akzeptierte sie in ihrem gebrochenen Katzelmacher-Englisch meine Entschuldigung, blickte dennoch böse und ich war kurz davor, mich bei der Bürgermeisterei oder sonstwo zu beschweren. In einer Region, in der deutsch gesprochen wird. Gleich zur Anreise erwachte bei mir so etwas wie Südtiroler Lokalpatriotismus: für diese schöne Sprache, diesen Dialekt, schwer zu verstehen zwar, wie ich dann im Laufe der Woche erfuhr, guttural, doch gemütlich. Ich denke an unseren Gärtner und Arbeitsmann, später, auf dem Berghof, der das Gepäck auf die große Höhe des Berghauses mit dem Pickup fuhr und bei der Rückreise dann wieder hinab brachte, während die Gruppe zum Wandern angehalten war: Erstes Erkenntnisziel für junge Studenten der Philosophie ist der Aufstieg. Dieser schwere und schöne Dialekt des Mannes, der wie der Bewohner einer feinen Zwergenwelt ausschaute: Freundlich, treu, bärtig, immer mit einem Lächeln und dazu eben jene seltsam-schönen Sprache. Ein Dialekt, der freilich noch viel ausgeprägter und noch viel fremder klang, wenn der Gärtner mit seinesgleichen sprach und nicht mit uns. Wir erlauschten dieses Reinsprechen des fremden feinen Bergvolkes einmal, als Otmar während der Arbeit mit einem seiner Kollegen auf dem Berghof babbelte. Es war eine Geheimsprache.

In Bozen fragte ich zwei ältere Frauen nach dem Weg, war auch unsicher: in welcher Sprache sie anreden? Am Ende in Deutsch und eine der Damen sagte: „Wir sprechen hier deutsch und wir haben uns diese Sprachautonomie hart erkämpft. Alles in Südtirol ist zweisprachig!“ Und: „Nein, wir sind keine Nazis, aber Deutsch ist in Südtirol unsere Heimatsprache!“ Ein Satz, der mich beeindruckte. Ein kluge, eine gute Antwort. Und zugleich sagte sie eben auch: Es sei natürlich trotzdem gut Italienisch zu lernen. Eine schöne Sprache. Stimmt, dachte ich mir. Und auch eine schöne Nationalhymne haben die Italiener. In nuce zeigen sich hier bis heute die Nachwirkungen eines grausamen Krieges und eine sinnlose Umsiedlungspolitik – was ebenso den Blick für manches Problem in Afrika schärfen könnte. Aber dies ist ein anderes Thema und weit weg von der schönen Bergwelt. Wenngleich auch in Bozen eine Vielzahl von Schwarzen zu sehen sind, die einem dies und auch das anbieten, wenn man dies oder das denn gerne möchte.

Unten in Leifers angekommen, trotz Notbremse, vom Berghaus gesehen tief unten der Ort, wenngleich Leifers eben doch 250 Meter über Null liegt. Eine Bar, eine Hauptstraße und davon abzweigend eine weitere, die in Richtung meines Ziels führt. Zwei Stunden vor dem großen Aufstieg zum Berghof. Das Städtchen im Tal ruht in der Wärme. Von nordischer Kälte, dem Regen über der brandenburgischen, sachsen-anhaltinischen, der thüringischen, der fränkischen, der bayerischen Landschaft ist hier nichts mehr zu spüren. Weit, weit weg und eine Welt des Südens tut sich auf, in Bergketten gerahmt: die Dolomiten. Hier ist alles ins milde Licht des Nachmittags getaucht. Die Gipfel der Berge ragen ins Blau des Himmels. Für den gelehrten Stubenhocker eine so ganz andere Blick-Welt. Ich stehe in Leifers mit meinem Koffer. Allein. Bewege mich an der Hauptstraße entlang auf mein Ziel zu, dort wo der Gärtner Otmar unsere Gruppe abholen wird. Bin aber deutlich zu früh. Zwei Stunden vor der Zeit liegt des Nordlichts Pünktlichkeit.

Aus der Kirche dringt eine Musik, ein Gesang ist es. Erhebend, sinnlich-aufreizend zu anderen Höhen strebt der Ton. Die Musik gefällt mir. Eine Chorprobe vielleicht. Ich bin neugierig und blicke in den Innenraum, ich betrete die Kirche. Ein Sarg steht vor dem Altar. Ja, es ist Beerdigung, die dritte und die letzte Hochzeit, zu der wir eine Kirche betreten. In jener letzten nicht mehr das Subjekt, sondern ein Ding, ein Objekt, aus dem aller Geist wich. Leblose Hülle. Substanz ohne Substanz. Und alles gelebte oder ungelebte Leben erlosch. Nicht zu korrigieren. Wir sind dieses uns vorauswerfende Dasein und wir sind es, die das irgendwann einmal nicht mehr sind. Ein Apeiron. Hypokeimenon. Manchmal braucht es keine Kastanienwurzel und eine Bank im Park. Es reicht die Bank vor der Kirche und ein Zufall, zu jener Zeit an jenem Ort zu sein.

Ich bewege mich wieder hinaus, setze mich draußen auf eine dieser Bänke bei der Kirche, in warmer Sonne und Milde des Südens, im Licht des Südens, um die traurige Zeremonie nicht zu stören. Ich denke an die Trauer auf einem Wäschedraht, irgendwann im Januar, diesen Zen-Moment in der Kälte Kölns und an einen anderen Moment, als sie dieses Gedicht vorlas – im Januar. Irgendwann. Irgendwann kamen Carabinieri und sperrten die Straße. Glocken schlugen und es verließ der Zug mit dem Sarg die Kirche, durchs Hauptportal, zog über die Straße und – ich ahnte es bereits, denn ich saß neben dem Friedhofstor – stieß direkt auf mich zu, als sei ich, ausgerechnet ich das Ziel dieses Zuges und Endpunkt dieser letzten Reise. Traurige Gesichter, würdevoll schreitend, vorne weg der Leichenwagen, dahinter in Trauer eingehakt die Angehörigen. Da saß nun ein bleicher fremder Gast mit einem großen Koffer, einer schwarzen Lederjacke und hellblauer Jeans, blaß wie die Nordmänner aus der tiefen Ebene halt blaß sind. Besser sich wenigsten zu erheben, dachte ich mir. Der Aufstieg in die luftige Höhe der Philosophie beginnt mit einem Begräbnis und mit dem Geläut der Glocken von Leifers.

33 Gedanken zu „In schöner Ferne

  1. Haben Sie vielen Dank! Ich mußte bei diesem Text allerdings und vor allem bei dieser Fahrt insbesondere an Ihre wunderbare „Sizilianische Reise“ denken und wie man plötzlich in eine andere Welt gleitet: da ruht auf dem Grund noch was anderes. Ich würde gerne einmal dieses Buch nachreisen, wenn ich denn reisefreudiger wäre, und dazu schreiben und photographieren.

  2. Nachreisen: Sie wären nicht der erste; einige Zeit lang bekam ich nach Erscheinen immer wieder mal einen Leser|innenbrief aus Sizilien, auch mit witzigen Bemerkungen, daß diese und jene Bar nicht mehr existiere usw. Allerdings ist es seit ein paar Jahren ruhiger mit sowas geworden, und de facto hat sich auf Sizilien gerade in den Städten einiges gravierend verändert – für die Bewohner sicherlich zum Vorteil.

    Ist eigentlich der Wanderer-Band bei Ihnen angekommen (Erzählungen Band I)? Ich habe Sie beim Verlag auf die (mögliche) Rezensentenliste setzen lassen.

  3. Oh, das ist sehr gut. Leider ist der Band bisher nicht angekommen. Ich hatte nämlich sowieso vor, bei Septime für ein Exemplar anzufragen. Da schreibe ich dann mal diese Woche gleich eine E-Mail.

  4. Sehr rund, Dein Fahrt- und Ankunftsbericht: am Anfang und am Ende steht ein Verlust, dazwischen der Nothalt und das schöne Fremdeln mit der Sprache, aber auch das versuchte Einhören in den ortsüblichen Dialekt, und zuletzt das Totengeläut, welches wie der Auftakt für die kommende Lektion erscheint, indem Du das darin sich zeigende Auslaufen der irdischen Zeit (auch in der Erinnerung an das Brinkmann-Gedicht) mit der philosophischen Reflexion engführst. Sehr rund, wie gesagt, abgezirkelt. Ein Text, der die Klausur erahnen lässt, in die Du in dieser Woche eingetreten bist.

    Gruß Uwe

  5. Vielen Dank! Ja, diese Auszeit tat gut. Und ebenfalls gab diese Abfolge der Erlebnisse sofort eine gute Geschichte. Der Erzähler muß das Erlebte nur zu formen verstehen – wobei solche Texte ja zunächst mal Skizzen sind, die immer wieder überarbeitet werden müssen.

    Auf Twitter brachte eine Leser auch sogleich die goldrichtige Anspielung auf Walter Benjamin: „Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“ Und Benjamin nennt einen Satz zuvor Marxens Diktum „Die Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte“. Unser Fortschritt ist in sich selbst brüchig geworden. Und so schrieb Benjamin in diesen Jahren an seinen „Geschichtsphilosphischen Thesen“ und Adorno und Horkheimer an der „Dialektik der Aufklärung“.

  6. Der Punkt ist dass diejenigen die an der Revolution Interesse haben müssten ihre Züge nicht einmal mehr davonfahren sehen obwohl ständig welche fahren.

  7. Es würde schon reichen, wenn Leute für ihre Belange kontinuierlich auf die Straßen gingen, aber eine Bewegung wie „Aufstehen“ ist relativ erfolglos gewesen und auch die Gelbwesten in Frankreich werden sich auslaugen. Und es wäre ebenfalls viel getan, wenn sich damals die Gewerkschaften massiv gegen die Agenda 2010 gestellt hätten. Das taten die aber nicht. Insofern: ich sehe da keine Züge und auch nicht viele Hoffnungen. Davon ab, daß ich von Revolutionen nichts halte. sondern ganz mit Goethe eher auf evolutionäre Veränderungen setze. Große Teile der heutigen Linken sind zudem nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Ich betrachte diese Leute nicht als Genossen, sondern als Gegner. (Von meinem Individualismus mal ganz abgehene, der es mir unmöglich macht, mich in Genossenkontexten zu bewegen.)

    Die Lager der europäischen Linken waren schon immer zersplittert, inzwischen sind sie vollständig desolat und auseinander. Zudem muß man wohl auch noch Europa und die Länder der sog. Dritten Welt unterscheiden, wo es immer noch eine Armut unbeschreiblichen Ausmaßes gibt und wo auch ich revolutionäre Gewalt für ein legitimes Mittel halte. Menschen, denen man die basalen Lebensgrundlagen wegnimmt, wehren sich. Oder sollten es. Aber selbst dort, wo Gegenwehr in Europa angebracht wäre – ich denke da in die widerliche Thatcher und ihre neoliberale Agenda: die Proteste versandeten. Es hätte eigentlich ein Aufstand durchs Land fegen müssen. Und da liegt ein weiteres Problem der Spätmoderne. Es fahren zu viele Züge, die Kurspläne haben sich multipliziert und die großen Dampfloks sind abgewirtschaftet. Insofern trifft der leicht melancholische Satz von Benjamin die Sache ganz gut.

  8. Unter Thatcher gab es heftige Revolten, zuletzt den Poll-Tax-Riot. An Widerstand waren die 1980er-Jahre nicht arm, es hat in Europa nur nie zu Volxaufständen gereicht und in Nordafrika wurden die niederkartätscht.

    Auch ich sehe eine bestimmte Art Leute auf der Linken als Gegner, das Establishment aber ist der Klassenfeind.

    Btw trotz stark ausgeprägtem Individualismus bin ich ganz und gar der Genosse und fühle mich dem Bewegungskontext in dem ich sozialisiert wurde noch immer verbunden. Das wird auch immer so bleiben.

  9. Ich würde auch sagen dass Klassenkämpfe noch immer der Motor der Geschichte sind, nur hat sich ihre Form teils völlig verändert. Denn auch krankfeiern, klauen auf der Arbeit, Sabotage ausüben um eine zusätzliche Pause zu schaffen oder im Büro im Netz herumdaddeln statt konzentriert und diszipliniert zu arbeiten sind Formen des Klassenkampfs in dem Sinne dass sie die Arbeitskraft verteuern, damit den tendenziellen Fall der Profitrate beschleunigen und das Kapital damit zu Innovationen und Rationalisierungen zwingen. Den Handelnden fehlt dafür nur zumeist jegliches politische Bewusstsein und die Fähigkeit das eigene Handeln strategisch sinnvoll einzusetzen.

  10. Über das, was in Großbritannien geschah, müßte man mal nachlesen, woran der Protest scheiterte: eine eigentlich starke und klassenbewußte Arbeiterschaft, die von Thatcher eingemacht wurde ins Weckglas.

    Was Du vorschlägst, che, ist schön und nett und klingt für junge Leute lustig. Nur: Jeder, der ein Reihenhaus oder ein Auto oder sonstwas abzuzahlen hat, schießt sich am Ende mit solchen Aktionen ins eigene Bein. Wenn nämlich das Unternehmen dichtmacht, ist es aus mit dem Lohn und damit auch aus mit dem aufgebauten Leben. Mit diesem verschärften Druck haben dann ja auch die SPD-Sozen-Hartzer „gearbeitet“. Schmerzlich mußten den Wegfall der Arbeit die Leute in der DDR erfahren: Wenn aus dem VEB plötzlich „Vatis ehemaliger Betrieb“ wurde.

    Was die sozialen Proteste und die Veränderungen betrifft, sehe ich es pessimistisch. „Klassensolidarität“ wird es nur dort geben, wo noch Arbeitsverhältnisse des frühen 20. Jhds und eine Form von Nicht-Individualisierung herrschen, die Menschen in Gruppenverbände bringt (oder treibt). Dazu bedarf es weiterhin einer sozialen Bewegung bzw. einer Gruppe, als Avantgarde, die diese Klassenzugehörigkeit irgendwie erzeugt. (Daß sich unterprivilegierte Gruppen auch anders als politisch binden können und sozial doch auch schlagfertig sind, zeigen die kriminellen Gangs in Süd-, Mittel- und Nordamerika und auch auf anderen Kontinenten. Hier scheinen elementare Formen der sozialen Organisation nicht zu funktionieren.) Wichtig ist jedoch, eine politisch schlagkräftige Organisation herzustellen.Selbst Marxens und Engels „Manifest“ war ja solch ein Versuch, eine einheitliche und kampfstarke Arbeiterklasse zu erzeugen, also aus einem heterogenen Gebilde von unterschiedlichen arbeitenden Menschen eine homogene politisch schlagkräftigen Verbund zu schaffen.

    Wir haben keine Glaskugel und können nicht hellsehen. Eruptionen und Aktionen können immer wieder aufbrechen, wir sahen dies in Frankreich oder im arabischen Großraum. Aber ob solche Proteste wirklich zu sozialen Revolutionen in einem guten Sinne führen, bezweifle ich. Und wenn ich mir die Schwarzen Blöcke hier auf Demos ansehe, bin ich froh, daß denen eine starke und mächtige Polizei gegenübersteht. All das sind realiter genommen BRD-Kinderspiele junger Leute, die die Revolution als Theater proben. Ich möchte solche Leute nicht an irgendeiner Regierung beteiligt sehen und ich möchte mit solchen Leuten auch keine Revolte. Mir graust davor. Insofern setze ich auf das Procedere eines funktionierenden Rechtsstaates und bin in diesem Sinne ziemlich dicht bei Habermas. Und was die allgemeine Kritik an einer Gesellschaft als eingreifendes Korrektiv betrifft ebenso bei Adornos umfassender Kritik, die sich realiter eben nur evolutionär und als theoretische Besinnung auf vertagte Praxis wird bewerkstelligen läßt. Die messianische Dimension des Besseren oder ganz Anderen ist vertag und der institutionalisierte Marxismus schlecht-säkularisierte Theologie.

  11. Und zur Dimension der Arbeit: Auch hier denke ich, daß eher durch den Wandel der Technik sich auch die Art der Arbeit ändern wird. Das wird freilich nichts am Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital ändern und da liegt auf alle Fälle ein zentrales Problem bzw. ein sich perpetuierender gesellschaftlicher Widerspruch. Wie dies zu lösen ist, dürfte wohl frei nach Walter Kempowski „Ein Kapitel für sich“ sein. Am Ende würde ich auch hier eher auf ein etatistisches Prozedere setzen als auf Massenaktionen. Zumal in einer global agierenden Wirtschaft. Aber das sind Überlegungen, die sich kaum in Blogkommentaren irgendwie angemessen und adäquat ausfalten werden können.

  12. Man müßte eh über diese Frage nach den Möglichkeiten und den Bedingungen der Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung länger nachdenken. In diesem Sinne bin ich auch auf Habermas‘ (vermutlich letztes) großes Buchprojekt gespannt.

  13. @“Was Du vorschlägst, che, ist schön und nett und klingt für junge Leute lustig. “ — Das ist weder nett noch für junge Leute lustig sondern eine Entwicklung die sich im Weltmaßstab abspielt und für die weltweiten Akkumuöationsprozesse entscheidend ist ohne dass irgendwelche Volkswirte das im Blick haben. Ich empfehle zu diesem Thema die Lektüre von Detlef Hartmann, Leben als Sabotage. Zur Krise der technologischen Gewalt.

  14. Das mag für prekäre Arbeit funktionieren, bei Leuten, die nicht viel zu verlieren haben, weil sie heute beim Pizzadienst und morgen bei McDonalds arbeiten oder bei der Post (weshalb da vieles inzwischen auch den Bach runter ist), aber im normalen Lohnsektor wird es schwierig. Wenn da die Arbeit weg ist, ist auch die Zukunft und das Reihenhaus weg. Zumindest wenn der Betrieb pleite geht. Ich weiß nicht, ob man mit 45 oder 50 heute leicht eine Arbeit findet. Davon ab, daß die meisten Leute eher konservativ denken, was ihre Arbeit betrifft. Insofern halte ich dieses Modell der Sabotage gesellschaftlich für wenig praktikabel.

  15. Als ich bei VW am Band gearbeitet habe ließ auf jeder Schicht einer von uns eine Unterlegscheibe ins Getriebe einer Hydraulikpresse fallen die sich dann festfraß. Dann kam der Einrichter der eingeweiht war und sich Zeit ließ. So hatten wir auf jeder Schicht eine halbe Stunde außerplanmäßige Pause. Als ich im Göttinger Klinikum arbeitete verschwanden jeden Monat zwei portable EKG-Geräte. Sei es dass sich jemand billig eine Praxis einrichtete, sei es dass die verhökert wurden. Dass ist die ganz normale moralische Ökonomie, mit der Leute sich in jedem fabrikmäßig organisierten Unternehmen für die entfremdete Arbeit schadlos halten.

  16. Und immerhin ist diese „moralische Ökonomie“ seit den Achtziger Jahren Gegenstand soziologischer, alltagshistorischer und kulturanthropologischer Forschung. Das ist nichts Randständiges.

  17. Nichts Randständiges? Na ja, wenn Du meinst. Bestimmt bricht bald der Kapitalismus zusammen. Oder VW geht nach China. Ich halte das eher für Räuber-und-Indianer-Spiele. Irgendwie nachvollziehen kann ich es noch bei Unternehmen, die Scheißlöhne zahlen. Das scheint mir aber bei VW nicht unbedingt der Fall. Ob sowas wirklich wesentlich am System kratzt, bezweifle ich allerdings. Aber klar, kann man machen, muß jeder selbst wissen.

  18. Vielleicht waren meine Beispiele unglücklich gewählt; persönliche Anekdoten die der biographische Zugang zu dem Thema für mich waren. Aber sie stehen pars pro toto für etwas das tagtäglich millionenfach und weltweit geschieht und hinsichtlich der Entwicklung des tendenziellen Falls der Profitrate von großer Bedeutung ist: Die unorganisierte, ungeplante und unstrategische Art und Weise, wie sich die Klasse gegen entfremdete Arbeit wehrt. Dass Fabrikarbeit an sich von den ihr unterworfenen als eine Gewalt erfahren wird die ihnen angetan wird und gegen die sie sich wehren kommt in kaum einem öffentlichen Diskurs vor, ist für die Betroffenen aber eine existenzielle Erfahrung. Gibt auch Forschung und Literatur zu dem Thema, hauptsächlich aus dem Umfeld des Max Planck Insituts für Geschichte, wobei dieses Werk hier von diskursprägender Bedeutung ist:
    https://www.dampfboot-verlag.de/shop/artikel/eigen-sinn

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  19. Na ja, die Frage ist schon, wie plausibel ist dies und wie sinnvoll sind solche Aktionen in den üblichen Arbeitsverhältnissen der BRD. Für prekäre Arbeit mag das funktionieren, und wer nicht viel zu verlieren hat, weil er morgen bei McDonald’s, übermorgen als Koch in der Kneipe und nächstens als Fahrradkurier arbeiten kann, für den mag diese Sabotage eine sinnvolle Optionen sein, da gehe ich ganz dʼaccord. Wer bei der Post keinen guten Lohn hat und mit der Angst lebt, morgen eh gefeuert zu werden, der schmeißt dann halt auch Briefe in die Tonne. Mehr als verständlich. Wo aber bei relativ gutem Lohn die Arbeiter sich gerecht behandelt fühlen, erlischt der Widerstand. Ich kenne bei denen, die seit 20, 30, 40 Jahren arbeiten, kaum jemanden in der Arbeitswelt, der – bei aller Unzufriedenheit – solche Sabotage-Aktionen praktizieren würde. Das Problem ist der eingezogene Wohlstand. Die Arbeiter in Europa haben im Hinblick auf ihre Daseinsvorsorge das erreicht, wofür sie im 19. Jahrhundert und bis ins frühe 20. Jahrhundert kämpften, wenn es ums unmittelbare Leben geht. Die Sozialpartnerschaft nach 1949 war eine Win-win-Situation zumindest in bezug auf den Wohlstand. Daß dieser Wohlstand einen Preis hat, der unter anderem in der Dritten Welt erwirtschaftetet wird, mag dabei unter den Tisch fallen. Solidarität jedoch geschieht in der Regel im Nahbereich. Wie die Solidarität zwischen einem Audi-Werk in Ingolstadt und einer Fabrik in Bombay herzustellen sei: dies erfordert Umdenken und viel Arbeit. Ich will nicht sagen, daß es unmöglich ist. Aber im Augenblick sieht es mir nicht danach aus.

  20. Na ja, ich habe einen Werksschutzmann bei VW kennengelernt der solche Aktionenn als üblich und alltäglich schildert, ebenso wie Diebstahl am Arbeitsplatz mit allen Übergangsformen zu Schattenwirtschaft. Das ist in Deuitschland nicht weniger ausgeprägt als in Brasilien.

  21. Sicherlich wird in Werk und Büro geklaut wie bei den sprichwörtlichen Raben. Dahinter vermute ich allerdings eher sowas wie den Mitnahme-Effekt. Davon ab, daß es in der Regel selbst für ein Stiftset im Warenwert von 3 Euro nicht einfach eine Abmahnung, sondern die Entlassung gibt, wenn man dabei auffliegt. Da kippt es bei den Leuten dann ins Irrationale.

  22. Das ist noch mehr. Was da geklaut wird sind Auspuffanlagen, Einspritzpumpen und Chipsätze. Ich kenne da auch jemanden der jahrelang krankgefeiert hat, immer rechtzeitig zur Lohnfortzahlung alle 6 Wochen wieder arbeitend melden und ein bis zwei Wochen später wieder krank, und in der Krankzeit einen eigenen Gewerbebetrieb betrieben – und damit durchgekommen. Und die betrachten das alle als so eine Art moralisches Recht das sie haben weil der Konzern so große Gewinne macht, Dinge wie Brasilien-Sause und Dieselskandal passiert sind und die Akkordmaloche am Band so Scheiße ist.

  23. Solche Verluste sind eingepreist, das wissen die Firmen. Erwischt einen der Werkschutz, fliegt man. Ich denke, diesem Risiko setzen sich die wenigsten aus. Und die meisten Arbeiter wissen auch, daß, wenn sie ihre Arbeit los sind, die Sache nicht mehr so lustig aussieht. Denn die Alternative ist nicht die soziale Weltrevolution, sondern die Arbeitslosigkeit. Davon ab, daß die SPD in ihren Hochzeiten ihre Wähler gerade durch den Arbeitsethos gewann. Man war eben zugleich auch stolz, VWler, Kruppianer oder Bergmann zu sein. „Ich bin Bergmann, wer ist mehr?“. Was Du schilderst, mag es geben. Es sind nur eben die Ausnahmen und nicht die Regel. Was ich aus der Arbeitswelt kenne, all die Leute: sie identifizieren sich – so seltsam es scheinen mag – mit ihren Arbeit. Selbst da, wo mal gemurrt wird, ist Sabotage die Seltenheit. Zum Dampfablassen gibt es dann den Stammtisch. Oder heute eben das Internet. Und wer das Reihenhaus und den Opel zu 30.000 EUR abzuzahlen , der überlegt sich seine Risiken recht rational.

  24. Wie ist es denn zu erklären, dass das BIP Deutschlands (mit 82 Millionen Einwohnern) 2018 4211,64 Milliarden Dollar betrug und dasjenige Brasiliens (209 Millionen Einwohner) 2138,92 Milliarden?

    https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157841/umfrage/ranking-der-20-laender-mit-dem-groessten-bruttoinlandsprodukt/

    Das macht in Deutschland 51361 Dollar Pro Einwohner und in Brasilien 10234 Dollar. Wenn wir genauso korrupt und destruktiv wären wie die Brasilianer müsste das wohl anders sein.

  25. Na ja, ich denke, in diesem Sinne hat es che sicherlich nicht gemeint. Davon ab, daß wir bei Brasilien eine ganz andere Sozialstruktur und eine andere Geschichte vorfinden. Auch dürfte der Kulturkreis sowie die Militärdiktatur und die immense Armut eine Rolle für die Entwicklung dieses Landes spielen.

  26. Nein, in dem Sinne habe ich das wirklich nicht gemeint. Es lohnt sich wirklich in dem Kontext Lüdkes Eigen-Sinn und Hartmanns Leben als Sabotage zu lesen. Ich werde etwas längeres und fundiertes dazu schreiben bei mir drüben wenn ich die Zeit dazu habe, das kann aber eine Weile dauern.

  27. @“ Solidarität jedoch geschieht in der Regel im Nahbereich. Wie die Solidarität zwischen einem Audi-Werk in Ingolstadt und einer Fabrik in Bombay herzustellen sei: dies erfordert Umdenken und viel Arbeit. Ich will nicht sagen, daß es unmöglich ist. “ —– Es hat mal einen internationalen Warnstreik aller Schauerleute in den europäischen Containerterminals gegeben, der durch das Internet koordiniert wurde. Und länderürbergreifende Streiks der TextilarbeiterInnen von Indien, Bangla Desh und Myanmar erscheinen mir nun auch nicht unbedingt utopisch.

  28. Hervorragend geschrieben. Nur ein Wort stört mich:

    “ .. die in Wahrheit aber der Norden Italiens ist, “

    Das Wörchen „ist“.

    Ich schreib das nicht, um zu meckern,

    LG PP

  29. Das ist schon ok, danke für die Anregung: manchmal kann aber, so dachte ich, ein Hilfsverb einen starken Satz zum klingen bringen, weil ein starkes Verb die kräftigen Substantive stört. Aber ich verstehe in etwa, was Du meinst, und ich muß dazu sagen, daß ein Blogtext bei mir meist recht schnell geschrieben und dann am nächsten Tag noch einmal überarbeitet wird. Macht man das alles allein, ohne Lektor, fehlt manchmal der letzte Feinschliff.

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