Skizzenhafte Szenen zu Agnès Varda

Es ist traurig, daß Agnès Varda gestern starb. Allerdings habe ich zu wenige Filme von ihr gesehen, um kompetent dazu etwas zu schreiben, „Vogelfrei“ z.B. liegt unendlich lange zurück, es muß wohl in einem anderen Leben gewesen sein, geschah in einer anderen Zeit im Schatten junger Jungensblütte, so ging es während der Autofahrt durch meinen Kopf, als ich die Nachricht von ihrem Tode höre und ich dachte mir zugleich auf meiner Reisefahrt in jene andere Stadt, daß ich dann doch wieder froh bin, daß es nun Varda und nicht meinen Heroen Jean-Luc Godard traf, denn zu dessen Tod hätte ich unbedingt und unabdinglich und sofort und nicht erst in einem Tag Verspätung etwas schreiben müssen, was mir aber, da ich im Reisemodus nicht gut schreiben und denken, sondern nur aufnehmen und in Notizen fassen kann, nicht gelungen wäre und da ich Nachrufe nicht im voraus in der digitalen Schublade habe. Insofern befiel mich bei dieser Nachricht und beim Gedanken an Godard eine gewisse Erleichterung. Und ich dachte mir zugleich, daß dies böse Gedanken sind, voll von Sünde und Hybris. „Aber so kennen wir Dich doch, mein Freund Bersarin!“, sprach da diese Stimme vom Himmel herab, oder war es aus dem Autoradio, aus dem ich vor wenigen Minuten noch die Nachricht von Agnès Vardas Tod vernahm?

In schöner Ferne

Zum Beginn der Reise, in unerbittlicher Nacht, um halb vier, tritt der kalte Mann aus der Haustür seines Grandhotel Abgrund, pfeift, nein winkt ein Taxi sich heran, mit dem leicht erhobenen Finger, der schwingenden Hand, wie eine zaghafte Wortmeldung zum Morgen hin, während noch die Tropfen von Regen aus der Nacht heraus fallen und fallen. A hard rainʼs gonna fall. Doch nicht für mich, denn ich fahre in die schöne Ferne, die Fremde des Südens von Österreich, die in Wahrheit aber der Norden Italiens ist, sofern man neue Grenzen akzeptiert. Eine Taxe hält an. Der Taxifahrer spricht sogleich in aufgeregtem Atem und es schießt aus ihm heraus: er könne nicht wechseln, man habe ihm sein Portemonnaie geraubt, er sei Opfer eines Trickbetruges geworden. Ich steige in den Mercedes-Kombi und entgegne, daß wir die Sache des Bezahlens schon irgendwie hinbekämen, schließlich sind meine Taschen heute voller Gold. Aber man weiß nie: stimmt es oder ist es eine Ausrede, eine nette, gut erfundene Geschichte? Das Wissen, vielleicht selbst Opfer eines Trickbetrugs und damit verbunden Opfer der Mitleids-Masche geworden zu sein. Doch Glaube ist alles, dann Liebe, dann Hoffnung, dann nach der Nacht ein Morgen – mit Heidegger, Adorno und Hölderlin im Gepäck und den Gedanken an eine Fahrt in schöne Ferne. Feinere Gestade, Gebirgslandschaft. In seinem Gesicht steht Traurigkeit, er erzählt aufgeregt: daß Arme die Armen beklauen, sei eine Schande. Drei Fahrgäste waren es – der erste stieg aus und sagte, hinten im Reifen sei ein Nagel, der zweite Mann stieg ebenfalls aus und der dritte stahl im Trubel das Portemonnaie. Ich glaubte dem Mann. Selbst auf dem Weg zum Bahnhof waren seine Fahrkünste unsicher, so daß noch ich ihn am Ende dirigieren mußte und ihm sagen, wie man zum Südkreuz-Bahnhof gelange. Ich gebe viel Trinkgeld. Den Verlust der Nachtkasse muß der Mann aus eigener Tasche zahlen. Es waren 240 Euro. Geschichten aus der Arbeitswelt, kurz vor Morgen. Ich aber reise ins Philosophische: eine Woche Seminar über Adorno und Heidegger sowie deren Hölderlin-Deutungen. Dichten und Denken in dürftiger Zeit. Wir aber tun es in herrlichster Atmosphäre.

Der ICE ist pünktlich, das WLAN im Zug geht nicht, Vorspiel auf Kommendes und so wird diese Fahrt eine Reise in eine herrliche Zeit hinein, zu einer Abwesenheit von Internet. Denn auch auf dem Berghof hoch über dem Städtchen gibt es keinen Zugang zum Digitalen. Die Zugfahrt führt durchs ostdeutsche und dann das bayerische Regengebiet, es klatscht und prasselt gegen die Scheiben, ich bin froh, nicht mit dem Auto gereist zu sein, gen Süden, nach Bozen geht’s, ins schöne Südtirol, an die Etsch, nach Leifers. Geliebtes Österreich. Nein, es ist ja Italien. Mussolini siedelte in Südtirol, nach dessen Annexion 1919, Italiener an. Hinter München dann klart es auf, die Alpen liegen in guter Sicht. Vor dem Alpenblick zum Eingang ins Tal thront ein graues Gebäude. Ist es eine Burg oder doch nur ein Betonsilo, Industriebau als Kulisse? Im Gegenlicht und vorm Horizont der schimmernden Berge kaum auszumachen. Später dann gegen frühen Mittag ein schönes Panorama mit Sonnenlicht und hinein gondelt der Europa-City-Zug in die Pässe, durch die Täler, Schluchten, Wälder aus Fichten und manchmal sind Kiefern dabei. Innsbruck und Brenner. Die ragenden Gipfel, in der Höh und darüber, wo die Ruhe ist, wo kaum ein Mensch hingelangt. Die Zug-Abteile erinnern bereits an den Balkan: verschlissene Industrie-Moderne der 90er Jahre. So zumindest wirkt es. Die Gefilde werden südlicher. Bergtäler mit Fachwerk und vereinzelter Gewerbe, Ferienhäuser, Skihänge, meist aber ohne Schnee. Der liegt nur hoch oben bei den Gipfeln und an der kalten Brennerstation, wo Soldaten und Polizisten ihre Patrouille machen. Statt in Clemens Setz zu lesen, blicke ich aus dem Fenster und bewundere die Höhen, die Bergkämme, das karge Gestein. Moos und Gras.

Im Zug, kurz vor Bozen, ich hieve den Koffer von der Ablage, der Koffer gleitet aus der Hand, rutscht in die Schräge, schnellt herab und schlägt auf die ungünstigste Stelle, die es in einem Zug gibt, dort, wo kein Koffer am besten je aufschlägt: die Notbremse. Ein Ruck geht durch den Zug, langsamer die Fahrt, dann abruptes Halten. Es steht der Zug nun, es rappeln die Menschen, die Reisenden schauen irritiert und einer ist da: der weiß, wer es war: ich war es. Ich war das, und der Mißbrauch der Notbremse wird bestraft, so schieße es mir durch den Kopf. Ich zögere, ob ich den heiklen Vorfall melden soll. Ich tat es am Ende und die strenge Schaffnerin, die kein Wort von meinem geliebten Deutsch verstand oder aufgrund der Italienisierung der Region mit Absicht nicht verstehen wollte, wenngleich ich von ihrem Habitus zugleich vermutete, daß sie es tatsächlich nicht verstehen konnte, sprach mich italienisch an, mit Rüge und scharfem Ton, obwohl es in der autonomen Region Südtirol an ihr ist, deutsch zu sprechen und nicht an mir italienisch. Von ihrem schlechten Englisch, das noch ärmer als meines war, ganz zu schweigen. Am Ende akzeptierte sie in ihrem gebrochenen Katzelmacher-Englisch meine Entschuldigung, blickte dennoch böse und ich war kurz davor, mich bei der Bürgermeisterei oder sonstwo zu beschweren. In einer Region, in der deutsch gesprochen wird. Gleich zur Anreise erwachte bei mir so etwas wie Südtiroler Lokalpatriotismus: für diese schöne Sprache, diesen Dialekt, schwer zu verstehen zwar, wie ich dann im Laufe der Woche erfuhr, guttural, doch gemütlich. Ich denke an unseren Gärtner und Arbeitsmann, später, auf dem Berghof, der das Gepäck auf die große Höhe des Berghauses mit dem Pickup fuhr und bei der Rückreise dann wieder hinab brachte, während die Gruppe zum Wandern angehalten war: Erstes Erkenntnisziel für junge Studenten der Philosophie ist der Aufstieg. Dieser schwere und schöne Dialekt des Mannes, der wie der Bewohner einer feinen Zwergenwelt ausschaute: Freundlich, treu, bärtig, immer mit einem Lächeln und dazu eben jene seltsam-schönen Sprache. Ein Dialekt, der freilich noch viel ausgeprägter und noch viel fremder klang, wenn der Gärtner mit seinesgleichen sprach und nicht mit uns. Wir erlauschten dieses Reinsprechen des fremden feinen Bergvolkes einmal, als Otmar während der Arbeit mit einem seiner Kollegen auf dem Berghof babbelte. Es war eine Geheimsprache.

In Bozen fragte ich zwei ältere Frauen nach dem Weg, war auch unsicher: in welcher Sprache sie anreden? Am Ende in Deutsch und eine der Damen sagte: „Wir sprechen hier deutsch und wir haben uns diese Sprachautonomie hart erkämpft. Alles in Südtirol ist zweisprachig!“ Und: „Nein, wir sind keine Nazis, aber Deutsch ist in Südtirol unsere Heimatsprache!“ Ein Satz, der mich beeindruckte. Ein kluge, eine gute Antwort. Und zugleich sagte sie eben auch: Es sei natürlich trotzdem gut Italienisch zu lernen. Eine schöne Sprache. Stimmt, dachte ich mir. Und auch eine schöne Nationalhymne haben die Italiener. In nuce zeigen sich hier bis heute die Nachwirkungen eines grausamen Krieges und eine sinnlose Umsiedlungspolitik – was ebenso den Blick für manches Problem in Afrika schärfen könnte. Aber dies ist ein anderes Thema und weit weg von der schönen Bergwelt. Wenngleich auch in Bozen eine Vielzahl von Schwarzen zu sehen sind, die einem dies und auch das anbieten, wenn man dies oder das denn gerne möchte.

Unten in Leifers angekommen, trotz Notbremse, vom Berghaus gesehen tief unten der Ort, wenngleich Leifers eben doch 250 Meter über Null liegt. Eine Bar, eine Hauptstraße und davon abzweigend eine weitere, die in Richtung meines Ziels führt. Zwei Stunden vor dem großen Aufstieg zum Berghof. Das Städtchen im Tal ruht in der Wärme. Von nordischer Kälte, dem Regen über der brandenburgischen, sachsen-anhaltinischen, der thüringischen, der fränkischen, der bayerischen Landschaft ist hier nichts mehr zu spüren. Weit, weit weg und eine Welt des Südens tut sich auf, in Bergketten gerahmt: die Dolomiten. Hier ist alles ins milde Licht des Nachmittags getaucht. Die Gipfel der Berge ragen ins Blau des Himmels. Für den gelehrten Stubenhocker eine so ganz andere Blick-Welt. Ich stehe in Leifers mit meinem Koffer. Allein. Bewege mich an der Hauptstraße entlang auf mein Ziel zu, dort wo der Gärtner Otmar unsere Gruppe abholen wird. Bin aber deutlich zu früh. Zwei Stunden vor der Zeit liegt des Nordlichts Pünktlichkeit.

Aus der Kirche dringt eine Musik, ein Gesang ist es. Erhebend, sinnlich-aufreizend zu anderen Höhen strebt der Ton. Die Musik gefällt mir. Eine Chorprobe vielleicht. Ich bin neugierig und blicke in den Innenraum, ich betrete die Kirche. Ein Sarg steht vor dem Altar. Ja, es ist Beerdigung, die dritte und die letzte Hochzeit, zu der wir eine Kirche betreten. In jener letzten nicht mehr das Subjekt, sondern ein Ding, ein Objekt, aus dem aller Geist wich. Leblose Hülle. Substanz ohne Substanz. Und alles gelebte oder ungelebte Leben erlosch. Nicht zu korrigieren. Wir sind dieses uns vorauswerfende Dasein und wir sind es, die das irgendwann einmal nicht mehr sind. Ein Apeiron. Hypokeimenon. Manchmal braucht es keine Kastanienwurzel und eine Bank im Park. Es reicht die Bank vor der Kirche und ein Zufall, zu jener Zeit an jenem Ort zu sein.

Ich bewege mich wieder hinaus, setze mich draußen auf eine dieser Bänke bei der Kirche, in warmer Sonne und Milde des Südens, im Licht des Südens, um die traurige Zeremonie nicht zu stören. Ich denke an die Trauer auf einem Wäschedraht, irgendwann im Januar, diesen Zen-Moment in der Kälte Kölns und an einen anderen Moment, als sie dieses Gedicht vorlas – im Januar. Irgendwann. Irgendwann kamen Carabinieri und sperrten die Straße. Glocken schlugen und es verließ der Zug mit dem Sarg die Kirche, durchs Hauptportal, zog über die Straße und – ich ahnte es bereits, denn ich saß neben dem Friedhofstor – stieß direkt auf mich zu, als sei ich, ausgerechnet ich das Ziel dieses Zuges und Endpunkt dieser letzten Reise. Traurige Gesichter, würdevoll schreitend, vorne weg der Leichenwagen, dahinter in Trauer eingehakt die Angehörigen. Da saß nun ein bleicher fremder Gast mit einem großen Koffer, einer schwarzen Lederjacke und hellblauer Jeans, blaß wie die Nordmänner aus der tiefen Ebene halt blaß sind. Besser sich wenigsten zu erheben, dachte ich mir. Der Aufstieg in die luftige Höhe der Philosophie beginnt mit einem Begräbnis und mit dem Geläut der Glocken von Leifers.

Die Tonspur zum Sonntag (Kofelgschroa, Eintagesseminar)

Zurück vom Wochenseminar und zum Glück bei mir auch mehr als ein Eintagesseminar, und auch fürs Philosophische ward gesorgt, für eine ganze Woche lang: Adorno, Heidegger, Hölderlin. Dazu köstliche Südtiroler Weine. Zurück nun also von den Berghöhen bei Leifers. Alles das ist nun nur noch Nachklang und Erinnerung. Eine Woche ohne Netz und Medien. Wunderbar und schön. Natur und Text. Nun wieder da und herunter, nicht wie Zarathustra, sondern nur die normalen lichten Höhen.

„Abwärts gehts von ganz allein.“

Abwesenheitsnotiz

Ich bin bin ein toxisches Subjekt, selbst meine Frau hat sich vor mir versteckt. Oder ist es vielmehr umgekehrt? Egal wie, ich weiß es nicht: da ich in nächster Zeit unterwegs bin und nicht weiß, ob es in dieser Region Internet und eine Wireless Local Area Network gibt, mit der ich mich konnekten kann, schalte ich die Kommentarfunktion des Blogs zunächst aus. Und da man nicht weiß, ob es in den Zügen der Deutschen Bahn eine funktionierende Wireless Local Area Network gibt, mache ich das bereits vor dem Reise antritt.

Eine der großen Überwindungen besteht darin, nicht vorweg schon vom Reiseproviant die schwedischen Haferkekse wegzufressen. Einfach die Packung aufreißen und genüsslich ein oder zwei Kekse zum Tee. Wie dem auch sei: Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich eine gute Zeit.

Das Lesen, Karl Kraus, Jean Paul und dreißig Jahre Internet: vom Stahlgewitter zum Digitalgetwitter

„30 Jahre World Wide Web“ kündigt mir Google heute auf meiner Startseite an, und beim Nachlesen in der „Welt“ zeigt sich: der britische Physiker Sir Tim Berners-Lee habe den Grundstein fürs WWW gelegt. Jenes weltweite Netz, das uns als Technik, als Kulturtechnik inzwischen, umspannt und einspannt. Das Internet ist ein ungeheurer, monströser Verstärker für Texte, eine gigantische Kopiermaschine, eine Wunschmaschine, ein Oger, ein Geflecht und es produziert einen schier unendlichen Wust an Gedanken, Sätzen, Bildern, Tönen. Man fühlt sich an jenen riesigen Ozean  auf dem Planeten Solaris erinnert, den Andrej Tarkowski uns in dem gleichnamigen Film vorführt. Ein unendlicher Strom, ein Energie- und Kraftfeld und ein Bezirk von Illusionen, der uns Leben vorspielt. Es saugt Energien aus uns und gebiert Neues. Das Übermaß und die Maßlosigkeit einer Technik, die den Menschen kopiert. Aber nicht nur Ozean, sondern ebenso ein Sonnenfeuer. Einerseits eine eigenständige Entität, andererseits aber macht dieser digitale Feuersturm etwas mit unserem Denken und unserer Aufmerksamkeit. Saugt sie oftmals  aus. Was tun und wie? Man kann gegensteuern, man kann abschalten. Diese Haltung aber bedarf des Bewußtseins und einer hohen Selbstreflexivität. Auch ist das Suchtpotential, das dieses Wesen in uns auslöst, ebenfalls nicht gering zu setzen. Ein Wust, der zur Wüste werden kann. Trivial eigentlich, wir wissen es. Und dennoch fasziniert es, bereichert uns. (Und sei es nur der freie Zugang zu Pornos oder seltsamen Intimgeschichten. Für uns Voyeure ein gefundenes Fressen.)

Wenn man den Begriff des Monstrums im etymologischen Sinne nimmt, bringt es Wikipedia gut auf den Punkt:

„Der Begriff Monster leitet sich von lateinisch monstrum ‚Mahnzeichen‘ sowie monstrare ‚zeigen‘ und monere ‚mahnen‘, ‚warnen‘ ab. Im engeren Sinn bezeichnet er ein meist im Verhältnis zu einem eher idealtypisch gesehenen Menschen ungestaltes Wesen. Dessen Missgestalt findet seinen einzigen Zweck zunächst im Verweis auf das Maß – ein Ideal in körperlicher wie ideeller Hinsicht. Vor allem im Umkreis des theologischen Denkens der Kirchenväter und des Mittelalters ist das Monstrum ein Mahnzeichen, das die Gläubigen auf die Gefahren und Folgen eines Abweichens vom rechten Glauben hinweisen soll, das also bewusst von Gott gesetzt ist.“

Das Un- und das Übermaß also, eine Mißgestalt, weil über- oder andersdimensioniert. Es zeigt und mahnt und warnt. Alles zur selben Zeit, im selben Raum.

Und zugleich denke ich mir, einmal noch diese Faszination wiederzuerleben, als um 1995, 1996 herum das Internet für viele plötzlich bedeutsam wurde: Was war das für ein Reiz? Plötzlich mit Tel Aviv oder mit Tokio zu „sprechen“. In sekundenschnelle an Nachrichten und Informationen zu gelangen. Die ersten Literaturprojekte wie Hettches Null oder Alban Nikolai Herbsts Dschungel Anderswelt, dann in den 2000er Jahren.

Was kam da alles! Das Netz bot Wildes, Ödes, Aufgeregtes, Debatten, Wissen, herrlich Pornographisches – plötzlich für alle zugänglich, Politisches, Lyrisches, die „Prosa der Verhältnisse“, die „Poesie des Herzens“, Tagespolitisches inzwischen im Sekundentakt, das uns um die Ohren fliegt und das oft nicht einmal die – freilich leckere! – Blutwurst wert ist, die da mit viel Trara inszeniert wird: bei immer neuen Themen, die durch die Kanäle geblasen werden, eine Inflation von Text und Bedeutung inzwischen, und damit fällt dieses Internet ebenfalls in die Dialektik der Aufklärung. Viele können heute schreiben, sie geben Kluges oder Dummes von sich – das ist soweit gut. Und angesichts der Masse an Texten bleibt vieles ungelesen. Oft ist das gut so. Manchmal aber schade, ganz besonders bei den gelungenen Texten. Man muß sie entdecken. Man muß Trüffelschwein sein oder braucht eines, das einem solches Wissen liefert. Viele Texte, viel Literatur bleiben dabei freilich auf der Strecke. In der Zeit, wo ich twittere, kann ich nicht lesen.

Dieser Faszination jedoch der ersten, der frühen Jahre Mitte, Ende der 1990, dieser Spieltrieb: das alles ist inzwischen  hin. Es stellte sich eine öde Betriebsamkeit ein. Ähnliches gilt für die Anfangszeit der Blogs.

Analoges Lesen wird bei diesem Netzding für viele (nicht für alle zum Glück!) zu einer Nischensache, all die Zeit, die man im in den sozialen Medien verbringt oder besser geschrieben abhängt und wo man in teils absurden Debatten versinkt, fehlt einem am Ende beim Lesen der tatsächlich komplexen Texte, nennen wir sie ruhig: Bücher. Und ein komplexer Gedanke läßt sich nur entfalten, wenn man ihm Raum gibt – auf einer Fläche, wie ich finde, haptisch, über eine Distanz und nicht in einem sowieso von der Schrift her schwer lesbaren Facebook-Textstrang oder auf 280 Zeichen. Eine schier unübersichtliche scheinende Masse an Text gilt es zu sortieren. Blog- oder Zeitungsartikel etwa kann man sich ausdrucken. Als Fossil mache ich das manchmal, da ich längere Texte nicht am Bildschirm lesen mag.

Diese Vielfalt an Lektüren durch ein neues Kommunikationsmediums ist nicht per se gut oder per se schlecht. Kruder Kulturpessimismus führt nicht weiter. Es gibt gute Facebook-Accounts, es gibt geistreiche Twitterer. Manche meinen, der Kultur- und Sprachkritiker Karl Kraus würde heute Twitter wählen. Ich wäre mir da nicht sicher, ob  Kraus twitterte, bezweifle es, weil Kraus in der Regel mehr als nur Aphorismen schrieb. Seine Hiebe waren meist längere, komplexe Texte: etwa zur Kultur, zu Nestroy und Heinrich Heine, über eine korrupte und manipulative Presse mit schludriger Sprache, Kraus schrieb über die kleinen und großen Skandal-Fälle der Wiener Gesellschaft und über die k.u.k- und später dann die österreichische und die Welt-Politik, die er aufspießte: Sittlichkeit und Kriminalität. Wenngleich Kraus für die neuen Reproduktionsmedien wie etwa die Schallplatte durchaus Sinn besaß. Hingegen duldete er es nicht, wenn man ihn auf einer seiner legendären Lesungen photographierte. Man muß also im Hinblick aufs Medium differenzieren. Es gibt kluge Köpfe und es gibt manche Wissenschaftler, die twittern, daß man sich nicht nur für die Universität, sondern gleich mit für die ganze Innung schämt. Heilige Sauzucht.

Wie mit jeder Technik ist es die Frage, wie man sie nutzt, was man daraus macht und ob ein Leser, eine Leserin mit offenem und wachen Bewußtsein an die Sache herangeht. Die Frage also, wie eine Quantität in eine neue Qualität umschlagen kann. Und so wandelt sich mit dem Medium auch das Leseverhalten in der Literatur. Nicht immer zum guten: wer greift heute zu Jean Paul? Die langen, herrlich gewundenen Sätze, die wie die Girlanden den Buchraum schmücken. Im Zeitalter des schnellen Lesens halten solche wunderbar digressiven Sätze, die sich verströmen und verlieren, oft nur noch auf. Dabei gibt es von Jean Paul so viel zu lernen und mit Lust zu lesen. Jean Paul ist verspielt, er fächert sich auf, allein durch seine mannigfaltigen Vorreden zu den Romanen oder gar zu der Vorrede selbst, eine Vorrede zu der Vorrede, zum Autor, zum Personal, und auch noch innerhalb der Romane zu den einzelnen Kapiteln. Eine Multiplikation von Perspektiven und Personen: Doppelgänger begegnen einem: Leibgeber, Siebenkäs. Und nie ist man sicher: Wie ist es denn nun? Und bei Jean Paul wie auch beim Internet: Ein wuchernder, sich verzweigender und auf sich selbst verweisender Text. Bei Jean Paul aber verspürt der Leser dieses große Glück beim Versinken in Zeilen, weil diese Sprache dann doch auf einen Punkt konzentriert ist, anders als im Internet, nämlich auf die Geschichte und wie Phantasie ein Leben zu erzeugen vermag. Denn der Leseraum von Jean Paul ist abgegrenzt und umrissen. Und genau das meint auch ein Begriff wie Heimat. Leseheimat hier. Und das ist dann zugleich auch die Lebensheimat.

„Wenn ich nichts mehr zu leben habe, schreib‘ ich mein Leben.“ (Jean Paul, Ideen-Gewimmel)

Das schöne an der Literatur ist ja: Es geht einem der kluge Lesestoff niemals aus. Wer bisher nicht die Bekanntschaft von Jean Paul machte, sollte dies unbedingt tun. Freilich: Es gibt Texte, die einem erst spät zufallen. Jean Paul war einer dieser Autoren. Man bereut es dann bitter, ihn nicht schon mit 16 oder 18 kennengelernt zu haben. Aber da war die Bernhard-Zeit, die Handke-Zeit, Mitte der 80er Jahre, die Beckett-und-Kafka-Emphase. Thomas Mann, Brecht und Benn, Kleist und der Meister aus Weimar: nicht Wieland, sondern der andere. Alle zu ihrer Zeit, in ihrem Rahmen, und da ging Jean Paul leider an mir vorbei, wenngleich doch bereits Thomas Bernhard 1986 voll von Emphase in seiner „Auslöschung“  neben seiner eigenen Erzählung „Amras“ insbesondere Jean Pauls „Siebenkäs“ als eines der besten Stücke der Literatur von dieser Welt hervorhob – gegen Thomas Manns Leitzordnerliteratur. Eine herrliche Schimpf- und Lobestirade.

Solche Leseszenen auszufalten, die „Lust am Text“, die Lust an der Literatur zu schreiben, ohne dabei den eigenen Horizont als absolut zu setzen, zu schildern, was einen prägte, ist eine feine Sache. Dieses Erinnern ist nicht bloßer Selbstzweck, sondern man kann sich in der Rückschau vergewissern: Was da mal war, was da wirkte und faszinierte, wie ein bestimmtes Buch uns prägte und unserer Biographie eine Richtung gab. (Ähnlich wie in jenen wilden Jahren des Internets als alles begann, 1996, oder im ebenso wilden Jahr 2012, wo mir in Wittenberg am Brunnen auf dem Marktplatz jene Lebensfrau über den Weg lief, die ich, gäbe es das Netz nicht, nie kennengelernt hätte. Viel zu unterschiedlich sind unsere Lebenswege. Großes Glück des Lebens.)

Anyway: In der „Zeit“ letzten Jahres gab es von Stephan Wackwitz das Projekt „Drei Bücher„, unter der Überschrift: „Ein Lichtfunke, der in mich fiel. Über Lenin, Norbert Blüm und das Erbe des Kolonialismus – wie drei Bücher meinen Blick auf die verworfene Welt verändert haben“. Da es im Internet bereits eine Menge an Buchchallenges gab, in allen möglichen Varianten, meist unter der Rubrik „Die 10 wichtigsten Bücher. Kein Kommentar nur ein Bild“ möchte ich diesen Vorschlag von Wackwitz hier ebenfalls probieren: ich werde zu drei Büchern, die mich beeinflußten, prägten und bewegten, etwas schreiben. (Vielleicht werden es auch vier, ich schaue das noch.) Dieses Projekt starte ich vermutlich Ende März. Davor werden hier auf AISTHESIS nur kleinere Texte oder Bildserien stehen, da mich im Augenblick die Arbeit der Theorie stark in Anspruch nimmt und ich zudem kaum Zeit für ausufernde Diskussionen finde. Insofern muß ebenfalls die Houellebecq-Rezension warten. Weil: das sind so Texte, die oft manchen Kommentar nach sich ziehen. So ist das eben. Im Internet. Besuch kann man gegen halb drei hinauskomplimentieren und spätestens wenn die Weinvorräte leergesoffen sind, gehen die meisten von alleine. Im Internet ist das nicht so. Kann auch sein Gutes haben. Muß es nicht. Man muß wissen, wann man aufhört. Das wieder, das Prinzip des Maßes, ist nicht anders als beim Zuführen von Drogen.

Tonspur zum Sonntag – Komm in den totgesagten park und schau

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade

Dort nimm das tiefe gelb das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau
Die späten rosen welkten noch nicht ganz
Erlese küsse sie und flicht den kranz

Vergiss auch diese lezten astern nicht
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht
(Stefan George)

Lyrik zum Weltfrauentag

Zum #Frauentag, mein Schatz, zum Frauentag,
gib acht, gib acht,
Hab ich dir eine Luftpumpe
mit-
ge-
bracht

Die Pumpe strafft Po, Backen
Und Geist
Und hilft, wie Du weißt
Beim Entschlacken
Hab acht, hab acht:
Mit-ge-bracht!
In tiefer, tiefer Mitternacht.

Die Photographie wurde auf Twitter VON HISTORY LOVERS CLUB ENTNOMMEN.

 

 

Karneval, Fasching, Fastnacht

Man kann diese tollen Tage – zumindest im Rheinland herrschen sie – auch als Vorschein eines Anderen sich betrachten. Alltagsaussetzung – das also, was sonst in der Literatur und in der Kunst seine Sphäre hat.

„Aber durch alle Arbeit erlangt man noch keinen Anspruch darauf, von allen mit Liebe behandelt zu werden, vielmehr ist man allen gänzlich fremd. Und solange Du ‚man‘ sagst an Stelle von ‚ich‘, ist es nichts und man kann diese Geschichte aufsagen, sobald Du aber Dir eingestehst daß Du selbst es bist, dann wirst Du förmlich durchbohrt und bist entsetzt.“
(Franz Kafka, Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande)

„Über die Arbeit klage ich nicht so, wie über die Faulheit der sumpfigen Zeit. Die Bureauzeit nämlich läßt sich nicht zerteilen, noch in der letzten halben Stunde spürt man den Druck der 8 Stunden wie in der ersten. Es ist oft wie bei einer Eisenbahnfahrt durch Nacht und Tag, wenn man schließlich, ganz furchtsam geworden, weder an die Arbeit der Maschine des Zugführers, noch an das hügelige oder flache Land mehr denkt, sondern alle Wirkung nur der Uhr zuschreibt, die man immer vor sich in der Handfläche hält.“
(Franz Kafka, Brief an Hedwig W., vermutlich vom November 1907)

(Sehr schade übrigens, daß es den Berliner Karnevals-Umzug nicht mehr gibt – andererseits wundert es mich bei diesem Berliner Senat nicht eine Sekunde. Die Photographien unten stammen aus Berlin, im Jahre 2013. Wer mehr sehen möchte, schaue auf meinem eingeschlafenen Photographie-Blog „Proteus Image“.)

 

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