Im dreißigsten Jahr: Zum Tod von Thomas Bernhard (1)

„Das Wesentliche an einem Menschen komme erst dann, wenn wir ihn als für uns verloren anschauen müssen, in der Zeit, in welcher dieser Mensch nur noch von uns Abschied nimmt, zum Vorschein. Er könnte auf einmal in allem, was an ihm nur noch Vorbereitung auf seinen endgültigen Tod sei, auf seine Wahrheit hin identifiziert werden.“ (Thomas Bernhard, Verstörung)

Die Schrecksekunde, als ich es vor dreißig Jahren in der Zeitung las: Thomas Bernhard tot. Internet gab es damals nicht und keine „Zeit“, keine „FAZ“, die minutengenau zur Punktlandung Thema Tod aufsetzten. Also geschah es naturgemäß, wie der Lauf der Medienzeit – der alten, der guten – damals sich gerierte, in den Zeitungen einen Tag später: Nachrichten waren langsam. Zumindest vom Heute aus gesehen.

Da also am 12.2.1989, an einem Sonntag im düsteren Februar einer der heimlichen (und hier auch heimischen) Hausheiligen dieses Blogs Todestag hat, muß es eine Hommage an Thomas Bernhard geben. Und zwar als Spaziergang in luftige Höhen, mit Krankheitsschub. Versteht sich. (Wer exzessiveres Gehen mag, lese die Bernhard-Erzählung gleichen Titels: Ein Wortschub, wie ein rasender Spaziergang.) Es war letztes Jahr in Wien. Ich besuchte zum ersten Mal Bernhards Grab, das nicht, wie die meisten annehmen, auf dem Zentralfriedhof ist, wo bekanntlich alle Prominenten Österreichs begraben liegen, oder zumindest fast alle Prominenten, sondern vielmehr auf dem ebenso abseits gelegenen, aber deutlich unbekannteren Grinzinger Friedhof, wo Bernhard sich klammheimlich und in aller Stille neben seinem Lebensmenschen beerdigen ließ.

Raus ging es also von der Josefstadt zu Fuß durch die Alservorstadt und dann mit der Tramlinie 38 weiter hinauf. Herrlicher Herbstsonntag über Wien. Und als ich in jenem beschaulichen Bezirk ankam, da Bernhard begraben liegt und wo die Weinseligkeit hängt und es fein, nein böse, derbe, grantelig, melancholisch im guten alten Wienerlied beim Heurigen tönt und klingt – es „muß ein Stück vom Himmel sein“, das ist in Wien so –, schlenderte ich bergan. Bei ziemlicher Hitze, trotzdem es bereits der letzte Tag im September war, nämlich der 30. Leider nicht vom Wein trunken, sondern derangiert durch eine Erkältung. Keine süße Herbstmelancholie, im milchigen Nebellicht die Blätter glänzen, sondern eine gleißende Pan-Sonne sticht über dem halborientalen Wien.

Hoher Mittag. Und ich kämpfte mich den Hügel hinauf, an den sich der Friedhof schmiegte, ich betrat das Tor, in der Hoffnung, es auch wieder zu verlassen und nicht womöglich in ein ausgehobenes Grab zu stürzen und dort vor Schwäche oder an gebrochenem Erkältungsherz zu verenden. Es geschah dies zwar nicht, aber eine noch stärkere, sich zunehmend einstellende und erheblich sich steigernde Erschöpfung, die auch die Lungen in Mitleidenschaft zu ziehen schien, ließ mich schier verzweifeln, eine Erschöpfung nicht nur durch die Hitze und die mehr und mehr zum Kopfe gestiegene Erkältung, sondern auch eine Ermattung durch innere Unruhe, denn es geschah das, was ich nicht für möglich hielt: Ich fand das Grab nicht. Ich hatte mir aus dem Internet die Lage notiert, hatte mir die Gestalt des Grabmals eingeprägt, aber trotz Suche fand und fand ich das Grab an dieser markierten Stelle nicht. Nicht daß das Grab leer wäre, sondern es war gar nicht erst da. Nichts. Menschen, Tote zwar, aber kein Bernhard-Toter. Die wenigen Menschen, die da Sonntag-Mittag auf dem Friedhof spazierten, konnten mir ebensowenig helfen. Du mußt die Blickrichtung ändern, dachte ich mir. Irgendwas funktioniert beim Schauen nicht. Und in der Tat – ich hatte aus dem Internet eine Grabtafel mit mehreren Namen im Kopf, darunter eben auch der von Bernhard, darüber der von Hedwig Stavianicek, seines Lebensmenschen. Nur, daß es sich hierbei um eine aufklappbare Tafel aus Metall, Bronze oder was auch immer handelte. Und heute war sie eben zugeklappt. Nur der scharfe Such-Blick, nun auch auf die am Boden eingelassenen Grabsteine rettete mich. Da war er: der Geistesheroe, der Wortschmied, der Satzmacher, der Stimmenimitator, der Untergeher. Der Tod ist tückisch – in vielerlei Hinsicht, er narrt noch im Angesicht des Todes.

So schaute ich versonnen aufs Grab, freute mich, ganz und gar erschöpft, dachte mir meinen Teil, dachte an die herrlichen Bernhard-Zeiten der 80er Jahre in Hamburg, dachte ans Leute-Bezichtigen, als das Internet noch nicht da war, dachte an die Figuren-Reden in Wut und Verachtung auf das Polit-Gesindel – „die roten wie die schwarzen Schweine“, eigentlich nicht anders als damals, identitäre Gesinnung hüben wie drüben und die Banalität der Blöden. Dachte in die wundervolle „Beton“-Lesung mit Peter Fitz 1992 im Deutschen Schauspielhaus zu Hamburg: wie er mit dieser für Peter Fitz typischen Intensität diesen Bernhard-Text vortrug und ihm qua Intonation einen ganz eigenen Schwung mit auf dem Weg gab: das war ein Ereignis für sich, ein neuer Bernhard Minetti, dachte ich mir, nachdem ich in der Theaterkneipe mit einer Freundin Muscheln und Grünen Veltliner verzehrte, reichlich Veltliner, reichlich, bis über Mitternacht hinaus ging es, im dunklen herrlichen „Dorf“, es muß im Januar 1992 gewesen sein, so tranken wir, tranken viel, wie üblich, weiter gegen zwei Uhr, morgens ins „Erikas Eck“, trunken mit Mett-Brötchen, irgendwelche Studenten sangen provokant die DDR-Nationalhymne und die Metzger standen auf und schmissen die Jungspunde kurzerhand hinaus, soviel zur aktivistischen Propaganda der Tat des Arbeiters, ich lachte dazu. Inzwischen waren wir zum stärkenden Kaffee gewechselt, das unendliche Plaudern und Debattieren ging bis in den frühen Tag, neun Uhr, mit Kaffee, Brötchen und Reden, wenn der Morgen erwacht und dann gegen 10 Uhr mit dem Fahrrad zur Uni, ohne Schlaf, und die HiWi-Stelle, ich dachte überm Grabstein an die Inszenierung „Die Macht der Gewohnheit“, wo es Peter Fitz als Zirkusdirektor niemals gelang, mit seiner schwachmatischen Mannschaft das Forellen-Quintett aufzuführen, dachte an den lauten, markanten, großartigen Schauspieler Ulrich Wildgruber im „Theatermacher“, den ich gut zu imitieren wußte:  „Morgen Augsburg!“, „Utzbach das ist sicher eine reizender Ort hat sie auf der Fahrt hierher gesagt und wie sie Utzbach gesehen hat, ist sie in Ohnmacht gefallen. Eine Theatermacherin natürlich“, all das zitiert in dieser unnachahmlichen Wildgruber-Aussprache:

„Was hier
in dieser muffigen Atmosphäre
Als ob ich es geahnt hätte.“

So gingen die ersten Zeilen aus diesem meinem damaligen Lieblingsstück von Bernhard.

Zeiten, Zeiten, wunderbare Zeiten und vergangen. Auch Thomas Bernhard verschwand von den deutschen Bühnen, andere Autoren traten auf den Plan. Vielleicht gut so, daß ein solch literarisches Gewicht sich wieder reduziert und weg von den Anbetungsaltären, es gab zu viele Proselyten. Es nervte irgendwann, ist nicht anders als mit den ebenso zu dieser Zeit grassierenden Goetz-Jüngern. Doch war es eine schöne Zeit. Nur daß eben alles das sterben und irgendwann auch wieder hinab muß, so dachte ich mir im frühen Herbst 2018 auf dem Grinzinger Friedhof mit dem herrlichen Blick über Bernhards geliebtes und gehaßtes Wien.

„Wer existiert
hat sich mit der Existenz abgefunden
wer lebt
hat sich mit dem Leben abgefunden
so lächerlich kann die Rolle gar nicht sein
die wir spielen
daß wir sie nicht spielen.
(Thomas Bernhard, Der Theatermacher)

Existenzexzeß, Theatrum mundi.

Doch leises Tönen da am Hang, die Grinzinger Erde wisperte: „Bring im Winter den Bernhard-Nachruf in zwei Teilen und nicht in einem Stück“, schallte es aus der Gruft überm sonnigen Herbstwien: „Deine Texte sind zu lang!“

[Ende des ersten Teils]

6 Gedanken zu „Im dreißigsten Jahr: Zum Tod von Thomas Bernhard (1)

  1. Quasi als Ergänzung Deines schönen persönlich gefärbten Textes:

    „Irgendwann wenige Wochen nach seinem Tod war ich aus purer Neugier auf den Grinzinger Friedhof gegangen. Ich wusste nicht, wo das Grab lag, und hatte aber nicht lange suchen müssen: Der frische Grabhügel, wie er im Fernsehen zu sehen war, in Blickweite der Turm der Kaasgrabenkirche, das waren taugliche Anhaltspunkte, außerdem wurde ich, es war zur Mittagszeit, an dem Grab schon erwartet – zwei mir fremde Männer standen wie Wächter davor. Ich weiß noch, dass sie mir schon von weitem aufgefallen waren, weil der eine ein Billa-Sackerl in der Hand trug. Die Szenerie schien mir merkwürdig genug. Als ich vor das Grab trat, machte der Herr mit dem Sackerl einen Schritt auf mich zu, auf den Erdhügel deutend, sagte er wichtigtuerisch mit einem theatralischen Seufzen: Da liegt er, der Thomas! Ich nickte, sagte beiläufig, ich weiß, und wollte mich auf ein Gespräch mit ihm nicht einlassen. Irgendetwas gab der Herr mit dem Sackerl noch von sich, ich hörte nicht mehr zu, der andere stand schweigend daneben.

    Thomas Bernhard war am Vormittag des 16. Februar 1989 schnell und heimlich beerdigt worden, da war sein Tod noch gar nicht bekanntgegeben, dennoch gab es bereits Gerüchte. Als ich später las, dass neben seinen Geschwistern und seinem Stiefvater auch noch „einige Herren, die sich nicht vorgestellt haben“, zugegen waren, dachte ich, dass das der Mann mit dem Plastiksackerl und sein stummer Freund gewesen sein könnten, und ich stellte mir vor, dass die beiden seltsamen Männer seither jeden Tag auf den Grinzinger Friedhof kamen, um allfällige Besucher darauf aufmerksam zu machen, dass er hier liege, der Thomas …

    Damals stand noch kein Name auf dem Grab. Klappt man heute den kleinen am Grabkreuz angebrachten Schrein auf, kann man auf einer kleinen Bronzetafel neben Bernhards Namen den seines „Lebensmenschen“ Hedwig Stavianicek und ihres Ehegatten Franz lesen. Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass es sich dabei um eine Farbkopie handelt. Die Originaltafel, wie man vor zwei Jahren erfuhr, wurde nämlich gestohlen – offenbar wird auch um Thomas Bernhard ein Devotionalienkult getrieben, wenngleich noch ein harmloser, denkt man an die begehrten Schädelknochen berühmter Männer, die irgendwann aus deren Gräbern verschwanden und erst viel später wieder auftauchten, oder an die Asche Truman Capotes, die erst kürzlich, allerdings ganz legal, um rund 40.000 Euro versteigert wurde. Die Tafel von Bernhards Grab wurde nie zurückgestellt und auch nicht mehr erneuert. Vielleicht waren es ja doch keine literaturkundigen Andenkensammler, sondern ganz gewöhnliche Buntmetalldiebe, die immer wieder auf der Suche nach Kupfer und Messing Friedhöfe heimsuchen. Aber nicht nur das: Jahre zuvor war das barocke Grabkreuz schon einmal durch einen Vandalenakt zerstört worden, irgendjemand hatte offenbar das Bedürfnis, sich an Bernhard abzureagieren. Was wohl der Herr mit dem Sackerl dazu gesagt hätte?

    Das Grab (Gruppe 21, Reihe 6, Nr. 1) ist bis heute denkbar einfach, es hat keine Einfassung und ist mit Efeu bedeckt. Diese Schlichtheit beeindruckt, sie passt zu Bernhard, der in einem „unbearbeiteten Sarg“ beerdigt werden wollte und sich ein Ehrengrab ausdrücklich verbeten hatte. Kurz vor seinem Tod hat er noch selbst, gemeinsam mit seinem Halbbruder, das Grab hergerichtet, das Kreuz vom Rost befreit und frisch gestrichen. Das ist auch nicht alltäglich. Und dann noch dieser eine Satz in Heldenplatz, seinem letzten Werk: „auf dem Grinzinger Friedhof liegen / die österreichischen Geistesmenschen begraben“. Alles von langer Hand geplant …“
    (Gerhard Zeillinger, der standard, Oktober 2016)

    Gruß Uwe

  2. Danke für diese schöne Ergänzung.Froh war ich zumindest, daß man mich am Grab in Ruhe ließ.

    Eigentlich ist es einfach zu finden, wenn man eben richtig schaut und nicht eine andere Referenz, ein anderes Bild im Kopf hat, an dem man sich orientiert und das die Suchvorlage bildet. Erkenntniskritisch halt eine interessante Erfahrung. Gerade im Kontext mit Literatur und mit Thomas Bernhard.

  3. Ja, wie in der Fabel von Kafka: Du musst nur die Laufrichtung ändern! 😉

    So ist das mit den inneren Bildern, die den Erwartungshorizont zugleich abstecken und verengen. Aber spannend ist doch auch der Riss, der sich auftut zwischen Vorwissen und Erfahrung: Wir müssen im Unterschied zu den Engeln des heiligen Thomas (von Aquin, nicht Bernhard), die die Essenz der Dinge sehen können, die Dinge besichtigen gehen, müssen sie umkreisen, sie öffnen, sezieren, und nicht selten schaut dabei etwas heraus, was uns überrascht und das ohne diese Art des Abschweifens vielleicht nicht erschienen wäre.

    Gruß Uwe

  4. Allerdings, dies haben wir den Engeln voraus – ein jeder ist nach Rilkes Elegie bekanntlich schrecklich: „Kein ding sei wo das wort gebricht“, wie Stefan George dichtete.

  5. Ganz herzlichen Dank, ich fürchte aber, die zweite Lage wird ein wenig trocken-theoretischer, nicht ganz so anmutig. Aber ich versuche im Umschreiben eines älteren Textes dennoch einen anderen Ton, eine andere Idee, einen anderen Drive hineinzubringen.

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