100 Jahre AISTHESIS – Coin Operated Boy

Hier zum Jubiläum die spannenden Geschichten, die sich aus dem Bloggen in einem Jahrhundert ergaben, oder die Debatten, Dispute aus den Jahren zu nennen, Exemplarisches herauszustellen und Interessantes in ein Tableau zu bringen: all dies sprengte den Rahmen eines Beitrags. Nicht zurück, vorwärts geht der Blick. Wenngleich ein Blog ja auch von dem lebt und sich dadurch konstituiert, was er war. Hundert Jahre Einsamkeit, hundert Jahre sind eine lange Zeit. Oder waren es doch bloß derer zehne? Zehn Jahre sind eine Zeit.

Der jüdische Künstler Boris Lurie, 1985: „Du glaubst, mein Freund, mein Menschenfresserfreund, das, was gewesen, ist nicht mehr? … Was ist geschehen und gewesen, das verschwindet nie.“

Es bleibt dabei, es geht nichts über böse, toxische, alte, weiße Männer, die Blogs betreiben. Wir loben sie und es ist gut. Und wenn ein Weib dies ebenfalls macht, so ist es ebenso gut und wohlgetan. Auf AISTHESIS wurden nie Privilegien gecheckt, sondern selbige genossen. „Geben sie Luxus, auf das Notwendigste kann ich verzichten!“ Gedankt werden muß freilich auch all denen, die hier mit Regelmäßigkeit oder manchmal nur sporadisch kommentieren. Denn genau das gehört zum Blog. Texte als Monologe sind ok, aber Debatten sind besser. Zumindest wenn sie gut geführt werden und wenn sie Erkenntnisse bringen.

Festzuhalten bleibt: Es hat sich in diesen zehn Jahren in der Blogosphäre einiges, nein fast alles verändert. Eine Vielzahl an Blogs kam hinzu, vor allem Literaturblogs. Sie kamen und viele gingen wieder. Bei einigen ist es schade, man ist melancholisch gestimmt. Anderen mag man keine Träne nachweinen. Aber wie es einer in seinem Blog macht, muß am Ende jeder für sich entscheiden. Ich fahre und fuhr meinen Stil. Das halte ich weiter so. Mancher neue Blog kam in meiner persönlichen Leseliste hinzu, vieles verschwand daraus auch wieder. Aus der alten Zeit vermisse ich Iris Nebels Blog, Alea Torik ebenso. Auch um „Aboutsomething“ und Brasch-Buch sowie „Lustauflesen“ von dem man nichts mehr hört, ist es schade. Alban Nikolai Herbst gibt es zum Glück weiter, ebenso Begleitschreiben – immer gerne gelesen.

Das schöne am Bloggen ist, daß man es, anders als im Feuilleton, im Bereich Kunst und Kritik nach seinem Gusto treiben kann. Ein Blog kann Hans Henny Jahnns „Fluß ohne Ufer“ oder Faulkners „Licht im August“ besprechen und dazu einen Essay bringen, der jegliches Feuilletonformat sprengt. Oder an Literatur erinnern, die vor Jahren eine Debatte auslöste, wie etwa Christa Wolff, Günter Grass oder Jonathan Littell. Des Feuilletons Buchkritiken müssen halt, und das ist auch gut so, aktuell sein, das Feuilleton kann nicht noch einmal eine Rezension zu „Unendlicher Spaß“ machen. Ein Blogger darf das. Insofern können sich Blog und Feuilleton ergänzen. Die Fragen des Entweder-Oder und auch andere immer einmal wieder inszenierte Scheindebatten sind längst passé, die – teils inszenierten – Kämpfe ausgefochten. Was sollʼs also? Was bleibt? Vorwärts immer! Weitermachen.

Frei nach Jean Paul machen wir hier weiter mit unseren Grönländischen Protokollen, den Zeichen aus der Kältezone, mit Literatur und mit Kritik und mit Kunst und Ästhetik. Eis, Thesis: die Synthese sind Texte, die offen sind. Essays als Form. Geschichte, Geschichten, ästhetische Theorie aus dem Grandhotel Abgrund, dessen Hausherr die „Verhaltenslehre der Kälte“ immer noch als geboten sieht. Sich mit keiner (politischen) Sache gemein machen. Ein Loblied aufs Artifizielle, aufs Kalte, Künstliche – mit Seitenschritten manchmal ins Gesellschaftliche. Bleiben Sie dem Blog gewogen oder auch nicht! Den treuen Leserinnen und Lesern aber sei auf alle Fälle gedankt!

4 Gedanken zu „100 Jahre AISTHESIS – Coin Operated Boy

  1. Tout, au monde, existe pour aboutir à un blog. 😉

    In diesem Sinne: weitermachen, auch in der Diversität Deiner Textsorten und Themen.

    Gratulation zum ersten Jahrzehnt!

    Gruß Uwe

  2. Sehr schön geschrieben, vielen lieben Dank. Lust ist noch da und das ist ja das, was die Sache entscheidet!

    Viele Grüße ins schöne Hamburg

  3. Der Witz des Nicht-gemein-machen!- Satzes von der BBC, den Hanns Joachim Friedrichs hier bekannt machte, liegt darin, in der Berichterstattung nicht abzuweichen von den Tatsachen und keine Partei zu bevorzugen oder zu benachteiligen.

    Der Satz, sich nicht gemein zu machen, gilt dem Überbinger der Nachricht und dessen Rolle. Der Journalist als Überbringer der Nachricht soll frei und objektiv berichten, „was war“ (Rudolf Augstein).

    Ansonsten: Ad multos annos! – Der herzliche Dank geht vom Leser zurück an den Blogschreiber – und Betreiber!

    Die Milde Jean Pauls wurzelt in seiner allesüberstrahlenden und alles durchdringenden Daseinsfreude.

  4. Vielen Dank, Dieter Kief! Mein Satz vom Nicht-gemein-machen galt freilich eher der politischen Sache: sich niemals vereinnahmen lassen. Kritisch blicken. In alle Richtungen.

    Bei Jean Paul haben wir ja unsere Differenzen, was das Heitere betrifft, ich denke nur an die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab im „Siebenkäs“ und an den Komet-Roman. Aber in der Tendenz haben Sie freilich recht: sich nicht die Daseinsfreude rauben zu lassen. Trotz einer gewissen düsteren Tendenz. Wie und in welcher Weise das heiter geht, zeigt ja auch Thomas Bernhard. (Der den „Siebenkäs“ in der „Auslöschung“, seinem letzten großen Roman, exorbitant lobte.

    Und wie man düster und dennoch voller Humor das Dasein in Freude gestalten kann – mal frech, mal frivol, mal heiter, mal düster – zeigte uns immer wieder der großartige, der herrliche, der gestern verstorbene Tomi Ungerer.

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