„It Always Rains in Wuppertal“

So spielte es vor Jahrzehnten, als die Zeiten noch die guten und die alten waren, Pyrolator. Die langfristige Witterungslage hat sich inzwischen geändert, auch für Wuppertal. Dank des Klimawandels. Es regnet wenig. Kaum.

Ja, es gibt im sogenannten Kulturbetrieb nur noch wenige spannende Themen, die tatsächlich fesseln, packen, bewegen, aber just gestern las ich diese Meldung in der lieben alten FAZ (zumindest macht sie nicht derart bescheuerte Titelbilder wie die inzwischen in die dummen Jahre gekommene „Zeit“ diese Woche):

„Wuppertal bewirbt sich um den ‚Tatort‘. Die Stadt habe ein „hervorragendes Potential als Drehort“, schreibt der Bürgermeister an den WDR-Intendanten. Zuletzt hatte sich eine andere Stadt verärgert über einen Tatort gezeigt.“

Dem Anliegen muß vorbehaltlos zugestimmt werden. Und das meine ich in diesem Falle nicht ironisch oder irgendwie szenig-witzig, weil angeblich öde Orte irgendwie en vogue sind, sondern solche Städte erzählen Geschichten, sie zeigen, was einmal war, was ist und was geschieht. Wer aus den Bildern zu lesen vermag und die Kunst des Dechiffrierens wie auch des gleichzeitigen Verfremdens beherrscht und wer dann noch im Erzählen solche Bildern magisch verwandelt, kommt dem vielleicht nahe, was Walter Benjamin als dialektisches Bild konzipierte: das dialektische Bild ist Traumbild, so Benjamin im Passagenwerk. Solchen Eindruck einer entrückten und andererseits doch ganz irdischen Szenerie hinterließ auch der Stadtkern von Wuppertal. (Beim „Tatort“ freilich ist dieses ästhetische Verfahren nur bedingt erwünscht. Es muß schon gut gemacht sein, damit es überzeugt. Ansonsten kommt dabei nur ein Gewolltes-Bemühtes heraus, das einen eher an modischen Poststrukturalismus erinnert, wenn Jünger in Phrasen quatschen.)

Ja, Wuppertal ist eine interessante und eines Tatorts unbedingt würdige Stadt. Wuppertal hat eine Stadtmitte, in der man das Bauen der 50er und der 60er Jahre gut beobachten kann und wie dort Stile nebeneinander stehen, und ebenfalls etwas oberhalb am Hang finden sich schöne Gründerzeit-Viertel. Aber auch viel Verfall. Eine seltsame Mischung also. Friedrich Engels wurde in Wuppertal geboren. Man lese unbedingt seine „Briefe aus Wuppertal“. Anschaulich und auch witzig beschreibt Engels die religiösen Auswüchse in Wuppertal, nämlich Mystizismus und Pietismus:

„Die ganze Gegend liegt von einem Meer von Pietismus und Philisterei überschwemmt, und was daraus hervorragt, sind keine schönen blumenreichen Eilande, nur dürre nackte Klippen oder lange Sandbänke, und Freiligrath irrt dazwischen umher wie ein verschlagener Schiffer.“

Es gab damals wenige gute Schullehrer an der Barmer Stadtschule. Einen dieser herausragenden Lehrer schildert Engels und führt dabei zugleich den Kontrast und das Denken der damaligen Zeit aus:

„Den Gegensatz zu ihm bildet ein anderer Lehrer, der auf die Frage eines Quartaners, wer Goethe gewesen sei, antwortete: ‚ein gottloser Mann‘.“

„Von Bildung – keine Idee; wer Whist und Billard spielen, etwas politisieren, ein gewandtes Kompliment machen kann, das ist in Barmen und Elberfeld ein gebildeter Mann. Es ist ein schreckliches Leben, was diese Menschen führen, und sie sind doch so vergnügt dabei; den Tag über versenken sie sich in die Zahlen ihrer Konti, und das mit einer Wut, mit einem Interesse, daß man es kaum glauben möchte; abends zur bestimmten Stunde zieht alles in die Gesellschaften, wo sie Karten spielen, politisieren und rauchen, um mit dem Schlage neun nach Hause zurückzukehren. So geht es alle Tage, ohne Veränderung, und wehe dem, der ihnen dazwischenkömmt; er kann der ungnädigsten Ungnade aller ersten Häuser gewiß sein.“

Ebenso wurden dort Elsa Lasker-Schüler sowie Ferdinand Sauerbruch geboren – zu seiner Zeit in Nazi-Deutschland sei Helmut Lethens „Die Staatsräte“ zu empfehlen, ich gab dieses Buch bereits als Weihnachtstip hier auf.

Und es steht vor allem nahe Wuppertal in Neviges der wunderbare, herrliche Wallfahrts-Dom aus den späten 60er Jahren. Eine feste Burg in Beton ist unser Gott. Da ließe sich eine spannende Tatort-Geschichte machen, mit einem Finale, einem Show-Down im Innenraum dieser Kirche. Herrliche Lichtachsen dort, die für dramatische Effekte sorgen. [Ich arbeite am Drehbuch. „Große Fürbitte“ oder „Engels letzte Stunde“ könnte die zweite Folge heißen. In der ersten Folge muß unbedingt atmosphärisch in die Stadt Wuppertal eingeführt werden. Ein Mord am Tippen-Tappen-Tönchen, da liegt am Fuße eine Leiche. Gestürzt, erschlagen, gewürgt?  Ich bin ganz elektrisiert von Tatortideen. Am liebsten möchte ich diese Ideen zusammen mit der Zeitrafferin umsetzen: ihr Witz und ihre Kreativität würde ein Tatort-Drehbuch beleben.]

Beim Flanieren mit einer Freundin damals, es war 2010, waren wir beide von dieser Stadt angetan. Wir bereisten das Ruhrgebiet, Essen, Duisburg, für eine Woche und die junge Dame wollte auch nach Wuppertal. Es war gut, daß ich als der Autofahrer ihrem innigen Wunsch nachgab,  denn so entdeckten wir nicht nur das anregende Wuppertal, sondern auf der Rückfahrt auch den Dom von Neviges. Und so zeige ich also noch einmal hier im Blog die Photographien von damals. Im Alter geraten viele Dinge in die Wiederholung. (Den zweiten Teil der Bildserie, darin auch der herrliche Wallfahrtsdom zu Neviges zu sehen ist, gibt es am Sonnabend.)

 

 

 

 

4 Gedanken zu „„It Always Rains in Wuppertal“

  1. Du könntest Dich ja als Location-Scout beim WDR bewerben. Denn Deine Serie ginge auch als eine Sammlung von sog. Motivfotos durch, wobei den vielen Straßen, Plätzen und Fassaden, allesamt nach einer selbstauferlegten Regel menschenleer, noch die Innenräume folgen müssten, um damit alle möglichen Drehorte für einen Film abzubilden.

    Deine Stadt-Ansichten sind solche, die aus der Ambivalenz des An- und Wegsehens ihre Qualitäten entwickeln. Selten prominente Motive, eher tote Winkel, Beiläufigkeiten, urbane Nicht-Orte, die zwar auch ihre Identität und Geschichte vorweisen, darüber hinaus aber unbestimnt genug bleiben, um für mögliche fiktive Narrationen eine Oberfläche zu bieten. Insofern provozieren sie aufgrund ihres fast gänzlichen Mangels an optischem Appeal neue und andere Lesarten des Vertrauten, mithin Geschichten.

    Ein Foto fixt mich besonders an, das mit dem Hund am Fenster. Es wirkt auf mich nicht, weil es so extraordinär ist, sondern weil es mich an ein Bild von Goya erinnert, jenes aus seiner Reihe der „Schwarzen Gemälde“, wo der Profilkopf eines Hundes inmitten einer unbestimmten Farbfläche ins Leere blickt. Bei Dir sieht er nach draußen in die Straßenfluchten der Stadt, bei Goya ins Nichts. Allein diese Überblendung der Bilder löst einen leichten Schauder bei mir aus, das Ergebnis einer professionellen Deformation, wahrscheinlich.

    Zudem erinnerte mich Dein Eintreten für Wuppertal als zukünftigem Dreh-Tatort an die wunderbare Publikation von Naomi Schenck: Archiv verworfener Möglichkeiten, in dem sie Fotos von möglichen Drehorten versammelt und die sie von mehr und weniger bekannten Autoren kommentieren ließ. Ein überaus unterhaltsames Buch, das die Vielfalt der Bildauslegungen mit ungeheurem Vergnügen vorführt: „Auf Fotos schaut man ein zaghaft gedeutetes unlösbares Geheimnis; je mehr man hineinsieht, um so mehr sieht man mehr heraus“ (Thomas Kapielski).

    Im Wikipedia-Artikel kann man übrigens nachlesen, dass Wuppertal schon oft als Filmkulisse diente, auch in prominenten Produktionen. Das war mir durchaus neu. Daher:
    „Ich war noch niemals in New York“, aber Wuppertal ist nun erstmal meine vorrangige Destination. 😉

    Gruß Uwe

  2. Ja, es war diese Serie motiviert durch ein Herumstreifen durch die Stadt, wobei ich eben, daß meine Begleitung nicht photographiert, auch eine gewisse Rücksicht genommen werden muß und der Schuß schnell passieren muß. Deshalb hätte ich den Hund am Fenster auch noch gerne anders aufgenommen. Andererseits ist man mit einer Nikon-Spiegelreflex auch wieder sehr auffällig und daß der Mann mitsamt dem Hund auf die Straße tritt, um mich zu fragen, was ich da mache: diese Vorstellung war mir ebenfalls unangenehm. Also mußte das Bild schnell geschossen werden. Diese Überblendungen in Scheiben finde ich sowieso faszinierend. Das ist eine Übung für sich. Gleiches gilt bei Spiegelungen in Pfützen.

    Danke vor allem für den Buchtip. Dieses Buch kannte ich in der Tat noch nicht. Ja, Wuppertal ist eine Reise wert. Unbedingt!

  3. Seit sie den Bahnhofsvorplatz aufgehübscht und die Passage entsorgt haben, ist der Bahnhof Elberfeld nicht halb so schön wie früher. Heute kann man da nur noch belanglose Photos machen …

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