Die Tonspur zum Sonntag – Aufschreibsysteme

„In Paris saß in der Mitte des Raumes auf sehr erhöhtem Sitz eine bedeutende Dame und hatte nichts zu tun, als mit einer Hand den Besuchern Geld in Spielmarken umzutauschen. Wie wäre es, wenn Du als Anregerin der Sache in Berlin diesen Posten bekämest. Ich sage es nur deshalb, weil Du dann mit der andern für den Dienst unnötigen Hand den ganzen Tag Briefe an mich schreiben könntest. Liebste, was für Narrheiten erfindet das Verlangen nach Dir. Liebste, ich werde ganz traurig über mich. Hätte ich die Zeit, während welcher ich Briefe an Dich geschrieben habe, zusammengeschlagen und zu einer Reise nach Berlin verwendet, ich wäre längst bei Dir und könnte in Deine Augen sehn. Und da fülle ich Briefe mit Dummheiten, als dauerte das Leben ewig und um keinen Augenblick weniger lang.“
(Franz Kafka, Briefe an Felice)

(Im Hinblick auf unsere Debatte zum Pop und zur popular music: Immer noch groß und als Gegenspiel zum Bringsystem Pop ist freilich diese Musik, wenngleich es sich hierbei sicherlich auch um ein Stück popular music handelt. Wobei wir im Hiblick auf den korrespondierenden Kafka-Brief dazusagen müssen: Kafka trank keinen Alkohol.)

6 Gedanken zu „Die Tonspur zum Sonntag – Aufschreibsysteme

  1. Du hast literarisches bzw. ästhetisches Gespür, das ist gut so. Und deshalb bist Du ja auch Leser dieses Blogs. (Aber es stimmt: Der Briefton ist unverkennbar.)

  2. Wollust

    O Unterschied im Liebesspiele!
    Wie kommt es aus ganz andern Quellen:
    bei ihr zu sein,
    und sie sich vorzustellen!
    Denn sie ist nur ein Schein;
    doch wenn sie fern, erwachsen die Gefühle.

    Kurz ist die Gier,
    und man ist bald am Ziel
    und fühlt nur eben, was man fühle;
    das ist nicht viel.
    Gern wär‘ man aus dem Spiele,
    ist man bei ihr.

    Wie bin ich anders aufgewühlt,
    ist sie entrückt!
    Wie wird sie vielfach neu und nah
    und endlos bleibe ich verzückt,
    denn sie, sie selbst ist da,
    und ich, ich fühle, was sie fühlt!

    An diese Verse von Karl Kraus musste ich denken, als ich die Zeilen von Kafka las. Sie passen nicht genau, beschreiben aber anschaulich – wie ich finde – die Liebesdialektik von Nähe und Ferne, und zugleich die Intensität der Einbildungslust, welche das Gegenüber beschwört, solange es fern ist. Das Schreiben beginnt mit dieser Leerstelle, die es selber füllt. Solange „ausreichend fehlende Linderung“ (Bataille) vorliegt, verwandelt das Begehren sich in Literatur. Auch eine „Form des gelingenden Scheiterns“, oder?

    Gruß Uwe

  3. Eine in der Tat interessante Korrespondenz. Wobei ich bei Kafka denke, daß da der Fall noch ein wenig anders gelagert ist. Er schuf sich in den Briefen einerseits Distanz und Ferne und ich frage mich immer mehr, ob er es tatsächlich je auf eine Nähe ankommen lassen wollte oder ob es ihm nicht vielmehr gerade auf dieses Schreiben ankam. Interessant auch sein Tagebuchvermerk vom August 1912, etwa eine Woche, nachdem er Felice Bauer im Hause von Max Brod traf: „Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug.“ Ein Gesicht also, ideal für Projektionen und um es zu be-schreiben und in Literatur zu transformieren. Auch so eine Art von Verwandlung.

    (Wobei man bei Felice Bauer sagen mußte: Kafka war fasziniert von ihr, sie planten gleich beim ersten Gespräch im Hause der Brods eine Reise nach Palästina – mit einer ihm unbekannten Frau! – und Felice Bauer war zu dem eine hoch emanzipierte Frau. Es ist sehr schade, daß ihre Briefe an Kafka nicht überliefert sind.)

  4. Stimmt, danke für den Hinweise. Wobei man sich bein Bier streiten kann, ob das wirklich Alkohol ist. (Nein, kleiner Scherz.) Zumindest aber griff Kafka nicht zu Wein und zu härteren Getränken. Insofern motiviert die ansonsten durchgehaltene Alkohol-Abstinenz eben auch diesen Eintrag auf der im übrigen sehr zu empfehlenden Kafka-Seite.

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