Dichotomer Schematismus – Max Czollek „Desintegriert Euch!“

Das einzig Gute, das man Max Czolleks Streitschrift Desintegriert Euch! nachsagen kann, ist, daß der Verfasser mit diesem Titel einem breiteren Publikum bekannt wurde – gut allerdings nur für den Autor. Doch nützt auch Publicity nichts, wenn die Thesen Schieflage haben. Denn wesentlich zeichnet sich das Buch durch eine verengte Perspektivierung von Begriffen aus: Heimat, Leitkultur, Integration – dichotomer Schematismus. Ebenso wenig zielführend ist die von Czollek gewählte Leitdifferenz Mehrheitsgesellschaft/migrantische Gesellschaft. Solches Eindampfen komplexer Verhältnisse sowie ein selbstgefälliger und teils schriller Ton machen das Buch zu großen Teilen nicht nur fürs Lesen ermüdend, sondern vor allem ärgerlich, sofern man als Leser an der Sache interessiert ist. Komplexe gesellschaftliche Verhältnisse lösen sich nicht durch Naivität oder Zuspitzungen auf, sondern sie werden verständlich nur, indem man sie analysiert und dadurch ihre Verschlungenheit in den Blick bekommt und ausfaltet. Doch von Differenzierung ist bei Czollek nichts zu lesen, allenfalls wenn er auf die unterschiedlichen Formen jüdischen Lebens in Deutschland kommt, zeichnet sich eine gewisse Weite des Blicks ab. Das verliert sich aber, sobald der Autor auf die heterogene deutsche Gesellschaft blickt.

Hier könnte die Rezension zu Ende sein – das Buch verdient den Kauf nicht. Wer sich im Hinblick auf Judentum wie auch Migration für die Probleme dieser Gesellschaft interessiert, kann sich die Lektüre dieses Buches schenken. Da es aber in Rezensionen üblich ist, Gründe zu liefern, weshalb eine Lektüre lohnt oder nicht lohnt, will ich verraten, weshalb dieses Buch dem Leser ein Rundum-gescheitert-Paket liefert – selbst dort, wo Czollek zuweilen Bedenkenswertes äußert, reißt er diesen Ansatz durchs polemische Dauerfeuer wieder ein. Ärgerlich sind solche Werke vor allem deshalb, weil die Frage des Zusammenlebens in einer Gesellschaft durchaus einen erweiterten Blickwinkel sowie eine intellektuell und philosophisch vertiefende Analyse vertragen hätte.

Die Sache fängt bereits beim Buchtitel an. Er soll ein Thema zwar bündig machen, vielleicht auch rhetorisch pointieren, aber wenn solches Zuspitzen im Text nicht differenzierend eingelöst wird, funktioniert etwas nicht. Im Internet heißt dieses Phänomen Clickbaiting. Mittels reißerischer Slogans wird Zugriff generiert. Im gesellschaftlichen Diskurs nennt sich dies Populismus – der freilich kein explizit rechtes Phänomen ist, sondern eine bestimmte Form der Rede bezeichnet, die es im linken, im rechten, im konservativen, im liberalen Lager gibt. Es ist die Logik des Entweder-Oder, des „Die-oder Wir“. Populistisch gerät eine These etwa dann, wenn der Einzelfall fürs Allgemeine genommen wird, um an solches Reduzieren seine Agenda zu knüpfen. Solche populistischen Figuren finden sich in Czolleks Buch leider zuhauf.

Die komplexe deutsche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit wird entweder als Gedächtnistheater abgetan oder als Wunsch nach Entlastung und Normalisierung, ohne Zwischentöne, ohne daß irgendwie die vielfältigen Aspekte und Debatten überhaupt noch in den Blick gelangen. Etwa die bereits lange vor den 68ern stattgefundenen öffentlichen Diskurse im Rahmen der Auschwitzprozesse und auch zur Frage nach der Verjährung von Verbrechen im Nationalsozialismus. Die eigene Blickverengung schafft die Czolleksche Wirklichkeit.

„Ich bin nämlich der Meinung, dass die Deutschen ihre Verantwortung für die Vergangenheit gründlich missverstanden haben, als sie sich jahrzehntelang eine neue Normalität herbeiphantasierten. Allerspätestens mit der Wahl der AfD in den Bundestag ist das unübersehbar geworden. Ich denke, es lässt sich eine Linie vom schwarz-rot-goldenen Exzess der WM 2006 zur Bundestagswahl 2017 ziehen, was selbstredend nicht der vorherrschenden Deutung entspricht.“

Belege für solche Thesen bleibt er schuldig: wer phantasierte da eine neue Normalität herbei? Wenn ich mir die Gedenkveranstaltungen ansehe, ist vielmehr das Gegenteil der Fall: ganz explizit wird die deutsche Schuld in solchen Szenarien zum Thema gemacht, selbst jene (oft unseligen und sachlich falschen) Parallelführungen zur Gegenwart im Blick auf die AfD bleiben häufig nicht aus.

Schattierungen gibt es bei Czollek nicht. Fans, die 2006 Fußballfahnen schwenkten: alle irgendwie gleich und Zeichen eines neuen Nationalismus und der Normalisierung. Daß zudem sehr unterschiedliche Menschen sich für einen Sport begeisterten, kommt in Czolleks Denken nirgends zum Ausdruck. Daß dieses Schwenken von Fahnen des eigenen Landes etwas ist, was für den Fußballsport spezifisch ist, entgeht Czollek. Im Artikel 22 des Grundgesetzes übrigens heißt es lapidar: „Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.“

Czollekt macht genau das, was er seinem Gegner vorwirft: Schließt dieser von einigen salafistischen Muslimen oder grapschenden, messerbewehrten Arabern in Deutschland auf alle Moslems, so passiert dies Czollek ebenso: Aus „einige“ Deutsche wird „alle“ Deutsche und daraus wird dann eine „Mehrheitsgesellschaft“ konstruiert.

Bei einem Autor, der in der Selbstbezeichnung als Dichter auftritt, hätte man ein Vermögen zur Analyse komplexer Phänomene erwartet und ebenso die Fähigkeit, Schattierungen zu auszumachen. Beispiele für eindimensionales Denken und Pauschalisierungen ziehen sich jedoch durchs gesamte Buch und insofern sind solche Zitate nicht nur Nebenszenen:

„Wenn ich vom Integrationsdenken oder vom Integrationsparadigma schreibe, dann meine ich die Konstruktion eines kulturellen und politischen Zentrums, das sich implizit oder ausdrücklich als deutsch versteht. Ich behaupte, dass das Denken in Kategorien der Integration und Leitkultur die Phantasien von ethnischer Homogenität und kultureller Dominanz nicht nur nicht verhindern kann, sondern seinen Anteil daran hat, dass diese Konzepte nicht auf dem Schrottplatz der Geschichte bleiben, auf den sie gehören. Mit dem Konzept der Desintegration schlage ich ein Gesellschaftsmodell vor, das solche neovölkischen Vorstellungen unmöglich macht.“

Davon einmal ab, wie sich ein Land mit dem Namen Deutschland sonst verstehen soll als deutsch – doch sicherlich nicht als italienisch oder irisch –, impliziert ein Begriff wie Integration sehr unterschiedliche Aspekte und umfaßt zahlreiche Facetten. Gute wie weniger gute. Woher Czollek seine Konstruktion nimmt, diese Begriffe beflügelten Phantasien von ethnischer Homogenität und kultureller Dominanz, möchte man schon gerne wissen und daß er hier mit Beispielen spart, die verallgemeinerungsfähig wären, macht die Sache blutleer. Rhetorische Zuspitzungen bestimmen Czolleks Verfahren, und es bleibt diese immer wieder auftauchende Pauschal-These in seinem Buch eine Behauptung ohne Beleg. Ohne diese Behauptung freilich fällt das Fundament seines Buchs in sich zusammen, und damit auch das tragende Gerüst. Solcher Grobschliff, selbst wenn er in polemischer Absicht erfolgen mag, ist für eine Debatte, die Czollek ersichtlich anzustreben scheint, kaum hilfreich – von der Selbstgerechtigkeit im Ton dieses Buches ganz zu schweigen. Wenn es Czollek denn tatsächlich um eine andere Form ginge, die das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen bestimmt, hätte ein Wechsel der Tonart dem Buch gutgetan. In diesem Sinne reiht sich dieses Buch in jene unrühmliche Werkreihe ein, die für die eigene Gemeinde predigen und von selbiger dann beklatscht werden. Man hört, was man gerne hören will.

Was aber will Czollek? Und weshalb „Desintegration“?

„Das Programm der Desintegration zielt zugleich auf ein jüdisches und ein gesamtgesellschaftliches Anliegen: auf die konkrete Art und Weise, wie Juden und Jüdinnen im deutschen Gedächtnistheater benutzt werden – und auf die Einsicht, dass die Überwindung des Gedächtnistheaters nicht ohne eine grundlegende Kritik am Integrationsdenken gelingen wird.“

Auch hier nimmt Czollek wieder einen Einzelaspekt und generalisiert ihn. Dabei müssen dann zwangsläufig diverse, unterschiedliche Ansätze unter den Tisch fallen, die sich mit der Shoah auseinandersetzen. Ironische Volte dabei ist, daß Czollek hier dicht bei Martin Walsers 1998 gehaltener Friedenspreisrede in Frankfurt ist: Kranzabwurfstellen und Redner, die Auschwitz instrumentalisieren. Ja, all das gibt es in der Tat. Und solches Ritualisieren von Gedenken als Entschärfen monierte bereits Walser in seiner Frankfurter Rede – so zumindest geht eine mögliche Lesart. Daß aber die Ritualisierung auch eine verbindende und verbindliche Funktion hat, entgeht dabei. Denn selbst bei solchen Gedenkritualen, die gleichsam einen zelebrierenden Charakter haben, wie man ihn auch von Gottesdiensten kennt, kann man entgegenhalten, daß bei solchen Veranstaltungen die Kraft und die Möglichkeit politischer Symbole als Kommunikationsmedien übersehen werden. Man kann sicherlich im Bundestag den 27. Januar einfach ausfallen lassen und im Tagesgeschäft fortfahren. Reflektiert ist all das, was Czollek ausführt nicht. Und diese Simplifizierung macht das Buch zu einer mehr als nur ärgerlichen Angelegenheit.

Sicherlich läßt sich, wie Czollek es tut, an der Art, wie nach dem Krieg die NZ-Verbrechen kaum angegangen wurden, vieles monieren. Die Weise jedoch wie Czollek Aspekte auch an Richard von Weizäckers Rede zum 8. Mai kritisiert, ist nicht zielführend. Hier bereits einen Wunsch nach Normalisierung herauszuhören, ist eine zwar mögliche, aber leider einseitige Perspektive. Denn grundsätzlich ist immer der Hinweis möglich, daß man sich mit dieser Art von Selbstkritik eigentlich nur reinwaschen will, um hinterher ungestört weitermachen zu können oder als moralisch integer sich zu präsentieren. Für Czollek steht das Ergebnis bereits vorher und per se fest. Das Problem solcher Form von Kritik jedoch liegt darin, daß der Autor für sich selbst apodiktisch den Ort des richtigen Blicks in Anspruch nimmt und dabei übersieht, daß dies keine absolute Position ist, sondern auch dieser Blick wiederum kritisierbar und in der Art, wie Czollek mit Rhetorik seinen Text auflädt, auch durchschaubar ist. In diesem Verfahren bestimmt dann zwangsläufig ein thesenartige Stakkato das Buch:

„Jedes Integrationsdenken behauptet ein Zentrum, das schon lange nicht mehr der gesellschaftlichen  Realität entspricht, in der ich oder meine Freund*innen leben.“

Auch dieses angenommene Zentrum ist eine Unterstellung. Wo ist es? Selbst in der Parteienlandschaft – und auch innerhalb einer Partei – besteht in den Fragen zur Integration eine derartige Vielfalt, daß sich kaum von einem „Zentrum“ sprechen läßt. Argumentativ baut das Buch Scheingegner auf. Weil es einige solcher Vertreter gibt, die einen eingeschränkten und problematischen Begriff von Integration vertreten, bedeutet dies nicht, daß jedes Integrationsdenken in dieser unidirektionalen Weise verfährt. Czollek scheint es darum zu gehen, bestimmte ihm nicht genehme Begriffe, sei dies der der Integration oder der Heimat, intellektuell nicht mehr satisfaktionsfähig zu machen. Allerdings gibt es für jene, die nach Deutschland einreisen oder jene, die hier Asyl und Schutz suchen und auch bleiben wollen, ein paar Basics: das ist zunächst einmal die Rechtsordnung dieses Landes, aber ebenso dessen Geschichte. Man muß das nicht Integration nennen, man kann gerne auch andere Begriffe dafür finden. Zumindest aber geht es bei solcher Konfrontation unterschiedlicher Kulturen nicht darum, daß der Flüchtling Jodelkurse belegt und Trachtenjanker oder norddeutsches Fischerhemd trägt, , sondern zentral ist zum einen die Rechtsordnung der BRD, das Grundgesetz, der Passus der Religionsfreiheit, wozu eben auch gehört, seine alte Religion abzulegen, die Freiheit der Kunst und der Gleichheit von Mann und Frau. Weiterhin auch die deutsche Sprache.

Da, wo Czollek für sich selbst und für Minderheiten eine fein ziselierte Differenzierung einfordert, spricht er sie seinem Gegenüber ab: Die ganz unterschiedlichen Haltungen etwa auf der Seite von Deutschen, auch migrantischen, und jüdischen Deutschen, auch bei denen, die zur WM 2006 Deutschlandfahnen trugen, werden bei Czollek in eins gepackt. Pluralität wird, wie leider in linken Diskursen sehr oft, für sich selbst zwar in Anspruch genommen, während man das Gegenüber eindimensional und verkürzt darstellt. Daß vielleicht auch das Gegenüber vielfältiger in seinen Ausprägungen sein könnte, darauf kommt Czollek nicht.

Auch was den von Czollek kritisierten Begriff der Leitkultur betrifft, so wird dieser gesellschaftlich kontrovers diskutiert, selbst von solchen, die dem Begriff positiv gegenüberstehen, aber nicht den CSU-Ton anschlagen mögen. Czollek stellt eine Lesart dar und verabsolutiert seinen Horizont. Allein der Hinweis darauf, daß die deutsche Gesellschaft kulturell plural verfaßt ist, reicht nicht aus, um diesen Begriff über Bord zu werfen – zumindest kann Czollek mit Argumenten nicht plausibel machen, weshalb der Begriff ungeeignet ist. Zumal es durchaus noch andere Lesarten gibt, die Leitkultur nicht gegen Pluralität ausspielen, sondern hier einen anderen Sinn setzen. Etwas den Geist der Kritik, der sich von der Kantischen und Hegelschen Aufklärung her bis in die Gegenwart dieses Staatsgebildes, etwa der Kritischen Theorie wie auch im Denken eines Jürgen Habermas, bewahrt hat. Bei einer solch komplexen Perspektivierung würde dann übrigens auch mancher AfDler nicht mehr der Leitkultur entsprechen. In diesem Sinne wäre es also hilfreich, genauer auf die Begrifflichkeiten zu schauen, um zu sehen, was damit gemeint ist.

Übrigens könnte man – Ironie der Sache – gerade bei der Leitkultur sagen, daß hier von Czollek unter der Hand eine neue Leitkultur eingeführt werden soll: nämlich der Begriff einer von der Kultur, der Religion und der Herkunft her pluralen Gesellschaft. Insofern ist es mit solchen Begriffen, die auf den ersten Blick unliebsam erscheinen und die man bannen möchte, nicht einfach. Diese Komplexität bekommt man in der Regel in Polemiken nicht in den Griff. Einem Buch von über 200 Seiten hätte es gutgetan, ab und an die Tonart zu wechseln. Nicht mehr die irgendwie noch fundierte Gegenwartsdiagnose mit sachlichem Ertrag ist das Ziel, sondern ein Pointendauerfeuer. Solche Polemik würde dann noch irgendwie funktionieren, wenn wenigstens die Argumente funktionierten.

Am Thema interessierte Leser wie mich hat Czollek mit seiner schlichten Dichotomisierung bereits in der Einleitung verloren. Ich finde hier das Nölen, das ich bereits von den kulturalistisch-identitären Linken und häufig auch bei Belehrungs-Taz höre. Der Erkenntnisgewinn geht gegen null. Das Buch häuft Klischees und darin gleicht Czollek auf fatale Weise seinen Gegnern.

Einen Titel wie Desintegriert Euch! kann man schreiben, wenn einer bereits voll in die plurale Gesellschaft integriert ist. Czollek steckt mit beiden Beinen im offiziellen Kulturbetrieb Deutschlands, um dann von dieser hohen Warte aus einen Ratschlag zu erteilen, der den meisten Migranten zum Verhängnis wird.

Im literarischen Quartett sagte Marcel Reich-Ranicki einmal „Wissen Sie wo der Lektor war? Ich weiß es! Es hat ihn gar nicht gegeben.“ Hier sollte vom Hanser Verlag ein Buch für den Zeitgeist geschrieben werden. Es ist mit heißer Nadel gestrickt.

Max Czollek: Desintegriert euch! Hanser Verlag, München 2018, ISBN 9783446260276, gebunden, 208 Seiten, 18,00 EUR

21 Gedanken zu „Dichotomer Schematismus – Max Czollek „Desintegriert Euch!“

  1. Czollek fällt weich, er wurde mir nun schon mehrfach ans Herz gelegt, z.B. kürzlich erst wieder im Deutschlandradio Kultur. Und wieder sprach da eine Person of Color von Rasse – ziemlich obsessiv, aber so kenne ich das aus diesen „Kontexten“. René Aguigah vom Deutschlandradio empfahl also Max Czolleks „Desintegriert euch!“:
    „Für meine kleine Empfehlung: Czollek wehrt sich gegen ein homogenes oder einheitliches Bild von D, und stellt daneben die Feier einer radikalen Vielfalt, also eigentlich der Blick nach Berlin-Neukölln beispielsweise oder andere Stadtviertel in D, wo man das augenscheinlich sieht, dass D schlecht zu denken ist als, mein Wort, „reinrassiges Deutschland“.

    Das Buch wurde auch schon im Oktober im DLF empfohlen, das klang dann so:

    „Die Idee der „Integration“ entlarvt Czollek als Beleg für das Streben nach ethnischer Homogenität und kultureller Dominanz.“
    Wenig originell enttarnt der Fachmann für Obsessionen also den wahren, äh, Deutschen – und führt fort:
    „Beim nächsten Mal brennen vielleicht zuerst die Moscheen. Aber dann brennen auch wieder die Synagogen. Ich mache mir da keine Illusionen.“

    Sein Geschichtsbewusstsein trifft wohl einen Nerv beim DLF.

    Zum Abschluss wird’s noch dekonstruktivistisch-konstruktiv: „Er schlägt das Selbstbild der deutschen Dominanzgesellschaft kurz und klein. Im Gegensatz zu anderen Polemikern formuliert er aber alternative Ideen für das Zusammenleben in diesem Land: Desintegration und radikale Vielfalt.“

    Und apropos Illusionen, Czollek ist kein unbeschriebenes Blatt: der Politikwissenschaftler „und Poet“ vom einschlägig bekannten TU-Zentrum für Antisemitismusforschung [und Islamophobieforschung!] ist wohl (mindestens art-)verwandt mit einer Leah Carola Czollek.
    Diese Schelmin gründete 2005 das Institut für „Social Justice und Diversity“ und „etablierte“ „das Bildungskonzept Social Justice und diskriminierungskritisches Diversity“- der frühe Vogel fängt den Steuerwurm.
    Seit 1999 an der Alice-Salomon-Hochschule zuwege, ja, die mit dem Problemgedicht, äh, Gedichtproblem.
    Bei dieser Einrichtung bleibt übrigens auch sonst kein Auge trocken, da kann selbst Humboldts Migrations-Foroutan noch lernen, Anspieltip „Schwerpunkte“ der Prof. Iman Attia: https://www.ash-berlin.eu/hochschule/lehrende/professor-innen/prof-dr-iman-attia/.
    Attia sprach übrigens auch bei der „Living with Islamphobia“-Konferenz im Jüdischen Museum, da wiederum ist Yasemin Shooman verantwortlich für das dortige „Akademieprogramm“.
    Die personellen Verflechtungen sind atemberaubend, es ist aufschlussreich, sie zu verfolgen – das würde hier allerdings den Rahmen sprengen.

  2. All diese Strukturen, Beziehungen, Verflechtungen im Kulturbetrieb sind in der Tat interessant, und für das Gorki-Theater, das leider vielfach eine Polit-Kanzel ist, von der herab gepredigt wird für die eigene Gemeinde, dürfte für eine Vielfalt der Stimmen kaum Platz sein. Zu einer Vielfalt gehören nämlich ebenfalls linke, konservative und liberale Positionen, die bestimmten Formen von Migration skeptisch gegenüberstehen und für die Migration kein Selbstzweck ist, weil „uns“ da Menschen geschenkt werden. Doch egal wie man diese Dinge sieht: Was Czollek schreibt, mag man als Kampfschrift lesen, der argumentative Bau freilich ist schwach geraten. Immerhin aber weiß man nach solchen Texten, woran man ist.

  3. Jueschische Autoren koennen schreiben was sie wollen – kein Verlag wird sie ablehnen. Das betrifft die gesammte Kultur/Kunst-Szene. Mit rund 30 Jahren koennen diese jgendlichen Autoren gar nicht gebug gelesen haben und Erkenntnis angeeignet, die noetig waere, kompetent (und interessant) zu veroeffentlichen

  4. Zum ersten: Kannst Du irgendwie belegen, daß alles, was jüdische Autoren schreiben, gedruckt wird? Ich bin da sehr gespannt auf die Nachweise.

    Zum zweiten: Das Problem ist nicht, daß der Autor Jude ist, sondern seine Thesen. Es mag sein, daß Alphachamber gerne jüdischen Autoren das Schreiben verbieten will, – eine Reichsschriftumskammer hatten wir bereits und es gab da noch andere Methoden, sich jüdischer Autoren zu entledigen: meinte Alphachamber in etwa dies? Nur zu: nicht feige und flugs ausgesprochen. Aber: in einer Demokratie kann jeder ein Buch verfassen. Kriterium dafür sind nicht Religion, Herkunft, Geschlecht. Übrigens, wenn es nach Deinem Diktum einer Kollektivierung ginge, dürften Deutsche wohl keine einzige Zeile mehr veröffentlichen nach dem, was sie nicht nur Juden antaten. Insofern: Erst denken, dann schreiben.

  5. Kristin Andree – ja – der frühe Vogel „fängt den Steuerwurm“, und die Preiswelle erfasst ihn auch gerne und trägt ihn auf nie dagewesene Auschwitz-Höhen (cf. die Polemik über den Dichter „Melasse“ (Henryk M. Broder) auf der achse des guten) .

    Dass diese Glücksritter des Zeitgeistes zusammenglucken liegt nahe, aber wenn man das – so wie Sie – detailliert auffächert, wird das Bild doch ein wenig bedrückend.

    Ich warte auf Teju Cole als brillanten Berliner Stipendiaten und Aufklärer – warum nicht an der Alice-Salomon -Hochschule, um den allgegenwärtigen Rassismus weiter zu „dekonstruieren“ – mit live-Schalte im DLF – etc.pp. – – – das wird jetzt so weitergehen. Es liegt im Trend.

    Am Samstag in der SZ wurde Felicitas von Lovenberg kritisch befragt, weil der alte Reich-Ranicki bei einer öffentlichen Preisverleihung ihr „seufzend“ (FvL) eine Hand aufs Knie gelegt hat – wie sowas nur sein könne? Ob der Machismus nicht längst überhand genommen habe etc. pp. Das reinste Delirium der Entlarvung der Männerherrschaft. Auf der ganzen Seite keine einzige Frage zu ihrem aktuellen Verlagsprogramm, zu konkreten programmatischen Entscheidungen oder ästhetischen Päferenzen, sondern rauf und runter: Männerdominanz vs. Frausein ohn‘ Unterlass – und sonst nichts. Auch derlei ist ein wenig ermüdend, ehrlich gesagt.

  6. Na ja,ich lese sowas nicht mehr. Das gute ist: Man kann es sich aussuchen. Cole würde ich da ausnehmen und zudem immer den Autor samt politischen Statements vom Werk trennen. Das macht man bei Heidegger besser so, bei Benn, bei Jünger, das macht man bei Sartre und eben auch bei Houllebecq und – aktuell, aktuell – am besten auch bei Menasse.

    Die Entlarvung der Männerherrschaft übrigens – Dialektik und List der Vernunft – wird in genau das Gegenteil umschlagen. CEOs in großen Unternehmen sollen sich inzwischen kaum noch mit Frauen umgeben – nicht nur wegen MeToo vermutlich.

  7. Ich vermute, die Entlarvung der Männerherrschaft wird zu unseren Lebzeiten, Bersarin, noch (!?) nicht umschlagen. Auch nicht dialektisch umschlagen. Des head nédd aúff, des wiad „so weidagehn“ (Wuilfgaang Ammbroß).

  8. Ich denke, wir ja wir, werden es überleben. Es gibt aber inzwischen junge Frauen, die bei den gegenwärtigen weichgespülten Männern nur lachen. Ironie der Sache: sie wollen Muselmänner mit Härte. Insofern denke ich, daß sich das gegenwärtige „linke“ von ganz allein erledigt. Und zwar am Balzverhalten.

  9. Die sind vor allem auch tougher als junge Frauen das in meiner Generation im Durchschnitt waren.
    Da wachsen auch junge Männer nach die ganz anders sind.

  10. Ich denke, die jetztige Twittergeneration von linksidentitären Kulturalisten ist eh eine Minderheit. Sie tröten laut auf Twitter, aber am Ende versanden sie in ihrer eigenen Echokammer. In der Welt, die sich Leben nennt, wird all das kaum registriert. Wenn ich in meinem kaum twitteraffinen Umfeld bestimmte Namen nenne, irgendwelche T-Shirt-„Feministinnen“ oder sonstwie Polit-Bewegte im Namen des Identitären, sehe ich nur ein großes Schulterzucken.

  11. >“Bei einem Autor, der in der Selbstbezeichnung als Dichter auftritt, hätte man ein Vermögen zur Analyse komplexer Phänomene erwartet und ebenso die Fähigkeit, Schattierungen zu auszumachen.“

    Diese Vorstellung drängt sich mir nun grade nicht auf; im Gegenteil würde ich eher ein Übermaß an Phantasie und die Tendenz zu unbelegten steilen Thesen um ihrer Wirkung willen erwarten, siehe auch die Dokumentation jener denkwürdigen Konfrontation von Gremliza/Pohrt vs. Held von 1993:
    http://neoprene.blogsport.de/2007/10/14/karl-held-gegen-gremliza-und-pohrt-konkret-kongress-1993/

    https://archive.org/details/konkretVerlagKarlHeldgegenantideutscheDichterTeil1und2

    Wenn nun ähnlich strukturierte Leute den angeblichen Webfehler als Eigenschaft statt im „postfaschistischen“ Deutschen in der fast deckungsgleichen Menge der „weißen, rassistischen“ Mehrheitsgesellschaft zu entdecken glaube, ist das auch wieder kein Fortschritt, sondern lediglich die Wiederkehr der gleichen Dummheit.

  12. Bersarin, das geht mir ganz genauso, und die jungen Leute die ich so kenne sind völlig anders drauf. Hatte gerade den Fall dass ein Dozent wg. Orgie aus einem Schulungszentrum geflogen ist und eine 24 jährige Kollegin sich darüber beschwerte mit dem Argument „Das ist doch ein erwachsener Mann, da kann er Koks schnupfen und Nutten knallen so viel er will.“

  13. @ meh: Ich habe vermutlich diesen Dichter überschätzt bzw. zu viel Erwartungen da herangetragen. Dichter sind leider häufig schlechte Essayisten des Politischen. Bei Czollek zumindest ist dies der Fall. Oft wirkt es plump und genauso oft wird es plump, wenn’s im Gedicht politisiert, aber ohne Bewßtsein für die Form.

  14. Über die Entstehung des Urknalls – eine wisseschaftsgeschichtlich ausgerichteter Blick in die Sphäre der „Weltgeheimnisse“ (Ror Wolf), inspiriert von einem unserer derzeitigen Top-girlies und It-Twens im Umfeld von che2001 – – –

    – – – Sitzen zwei Astrophysiker spätnachts am Tresen im Bordell. Da geht der eine mit einer der müde und tapfer lächelnden Damen aufs Zimmer.

    Unterdessen zieht der andere auf dem Klo boliviansches Marschierpulver in die Nase.

    Als der eine wieder zurückkommt, spricht ihn der andere mit flackerndem Blick und wässrigen Augen an: „Und, wie war die Knallerei?“ Sagt der eine: „Es gab nur einen einzigen, ganz imposanten Knall, – – und“, – so sprach er leise lächelnd in der Art des gestorbenen Theaterdichters Müller weiter – „(…) und alles andere ist – ist“, er suchte kurz nach Worten, doch gleich hatte er sich wieder gefangen: „ist eine Fortsetzung die daraus folgt!“

    Die beiden Astrophysiker trafen sich am nächsten Morgen im Bordell – äh Quatsch, im Experimentalphysik-Labor wieder, und wurden von einer munteren Kollegenschar dabei belauscht, als sie sich die Knall-Geschichte noch einmal in Erinnerung riefen. Dass sie belauscht wurden, merkten sie jedoch bald,ä und das machte unsere beiden Schwärmer ein winziges Bissle verlegen, so dass sie als erste Sofortmaßnahme die Physik an die Stelle der Erotik setzten, um ihre Kolleginnen nicht weiter zu konsternieren. Dieses plötzliche und nur halbintendierte Ineinander von persönlicher Sexual-Erinnerung und kaltem Physikbetrieb half freilich, den heute allseits geläufigen Gedanken des Urknalls als quasi laborantische Jungfrauenzeugung des Vaters aller kosmologischen Dinge – – -ach so, hier, Satzende – – – -: – – – – – zuerst einmal versuchshalber – – mitten in die wissenschaftliche Welt zu setzen.

    Die Herkunft des astrophysisch ebenfalls hochkurrenten Ausdrucks „schwarzes Loch“ soll sich, so wurde in ebendiesem Labor prustend – und hinter vorgehaltener Hand sozusagen – an wieder einem andern Arbeitstag sinniert, einem ganz ähnlichen, und damit vergleichbar glücklichen Umstand verdanken, sodass auch hier, wie auch sonst oft zu beobachten, Loch und Knall sehr nahe beieinander liegen. Es handelt sich bei den beiden wer weiß ohnehin um die beiden Grundkonstanten des uns bekannten Weltenwesens.

  15. Eine schöne Geschichte, sie dürfte aber heute und bei der neuen viktorianisch-identitären Moralgarde kaum erscheinen.

  16. Nun: – oder wie die Sachsen sagen: Nu. Im einem geschwinden Nu (Heinrich Seuse) war sie da, bzw. ist sie ja schon dagewesen (=erschienen) Bersarin – auf Ihrem Blog sogar, und noch bevor Sie Ihre noblen Bedenken vortrugen. Ich sag‘ nur: Na bitte! – Und Danke für die Blumen „grad‘ au no“!

    Wenn das so rasant weitergeht, übertrifft diese Causerie bald einmal die Zahl der durchschnittlichen Leser einer geisteswissenschaftlichen Arbeit, und das wäre ja schon wieder ein – ehe – – Knaller – oder halt ein Knallerle; ok – : bitte.

    (Ach so: Der zeitgenössische „bedeutende“ (M. R.-R.) Gelehrte Peterson sagt, die Zahl der o. angesprochenen Leser sei – – – wenn das jetzt nicht ein allzunaheliegender Erinnerungsfehler meinerseits wäre: Sex – also: Sechs…Oder so: Sechs – sprich: „Segs“ (=badisch Sex). –

    – Coincidentia oppositorum, mit dem Kusaner zu schließen, einem ganz gescheiten Haus (der ist noch über Peterson, kla, – – unerreichba schwebt dieses weltkluge und gelahrte Haus heute in den Nebeln über den besten Weinlagen des Saargebiets aller Zeiten – dit iss‘ síscha‘, wa!, – – – grad‘ heute abend wieder – auf meine post-rauhnächtliche*** Garantie).

    *** Das Engel-Magazin (nicht: Engels-Magazin, – denn von dem wüsste ich noch nicht einmal, ob es das wirklich gäbe – nein: das einzige und wirklich reale tatsächliche Engel-Magazin ist hier gemeint), das Engel-Magazin also, ein Imprint der Super-Illu, wie ich aus wilden Böhmeschen Quellen hab‘ heraussprudeln hören, hält die post-rauhnächtliche für eine besonders mystische und deshalb Körper und Geist mittenmang und im körperlichen und seelischen Bereich rundum erquickende Zeit – aber nicht für alle! Nur für diejenigen, die die post-rauhnächtliche hochenergetisch akkumulierte Frist bis mariae Lichtmess‘ durch demütige und gleichwohl frohe und fromme Übungen trefflich zu würdigen und letztlich optimal zu nutzen wüssten. Bon.

    Bzw.: Bon-Bon! Oder so: Ciao-le!

  17. Ob Peterson gescheit ist, bleibt fraglich.

    Manche lassen die Tannenbäume exakt bis zu Maria Lichtmeß stehen. Eine gute Tradition. Man sollte dann nur eben keine Wachskerzen mehr verwenden oder aber gut aufpassen, wenn man’s Lichtlein anzündet.

  18. che2001 – die, von denen Du oben geschrieben hast? Aus – so habe ich das verstanden -persönlicher Kenntnis? It-girls – der Ausdruck kennzeichnet meiner Seel kühle, unsentimentale Mädels, die man früher „geradeheraus“ oder- – – – hehehe – – – unkompliziert genannt hätte. cf Kipling: „It isn’t beauty nor good talk. It is just it.“ – Patent – ’ne Weile hat man auch „patent“ gesagt, wobei das vielleicht nicht mehr zu der sehr hard-nosed mentality passt, die in Deinem Kanller-Zitat zum Vorschein kommt. Ok.

    Mariae Lichtmeß, Bersarin, – meiner Treu! – Ich hab‘ grad die Woch‘ Mitmenschen daran erinnert, dass dies in der Tat der seit alters eingewöhnte Tag sei, an dem man die „Dannebaiiimm“ wieder dem natürlichen Kreislauf zuführte, nachdem sie ihren noblen Festdienst abgestattet und darüber schon erheblich an ihrem Kleidle eingebüßt haben.

    Wachskerzen sind in der Tat je gefährlicher, desto länger ein Nadelbaum im Tockenen gehalten wird. Eine Einsicht, die, wenn Ror Wolf mir nur folgen möchte, es gerne bis in den freilich auch so schon unverzichtbaren „Großen Ratschläger für alle Fälle der Welt“ schaffen möchte.

    Da Sie mir den unvergleichlichen Kusaner in Ruhe lassen, leid‘ ichs ohne zu murren, dass Sie Peterson ä kloi bissle am Zeig flicket; vermutlich aber „vorr ällem“ deswegen.

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