„It Always Rains in Wuppertal“

So spielte es vor Jahrzehnten, als die Zeiten noch die guten und die alten waren, Pyrolator. Die langfristige Witterungslage hat sich inzwischen geändert, auch für Wuppertal. Dank des Klimawandels. Es regnet wenig. Kaum.

Ja, es gibt im sogenannten Kulturbetrieb nur noch wenige spannende Themen, die tatsächlich fesseln, packen, bewegen, aber just gestern las ich diese Meldung in der lieben alten FAZ (zumindest macht sie nicht derart bescheuerte Titelbilder wie die inzwischen in die dummen Jahre gekommene „Zeit“ diese Woche):

„Wuppertal bewirbt sich um den ‚Tatort‘. Die Stadt habe ein „hervorragendes Potential als Drehort“, schreibt der Bürgermeister an den WDR-Intendanten. Zuletzt hatte sich eine andere Stadt verärgert über einen Tatort gezeigt.“

Dem Anliegen muß vorbehaltlos zugestimmt werden. Und das meine ich in diesem Falle nicht ironisch oder irgendwie szenig-witzig, weil angeblich öde Orte irgendwie en vogue sind, sondern solche Städte erzählen Geschichten, sie zeigen, was einmal war, was ist und was geschieht. Wer aus den Bildern zu lesen vermag und die Kunst des Dechiffrierens wie auch des gleichzeitigen Verfremdens beherrscht und wer dann noch im Erzählen solche Bildern magisch verwandelt, kommt dem vielleicht nahe, was Walter Benjamin als dialektisches Bild konzipierte: das dialektische Bild ist Traumbild, so Benjamin im Passagenwerk. Solchen Eindruck einer entrückten und andererseits doch ganz irdischen Szenerie hinterließ auch der Stadtkern von Wuppertal. (Beim „Tatort“ freilich ist dieses ästhetische Verfahren nur bedingt erwünscht. Es muß schon gut gemacht sein, damit es überzeugt. Ansonsten kommt dabei nur ein Gewolltes-Bemühtes heraus, das einen eher an modischen Poststrukturalismus erinnert, wenn Jünger in Phrasen quatschen.)

Ja, Wuppertal ist eine interessante und eines Tatorts unbedingt würdige Stadt. Wuppertal hat eine Stadtmitte, in der man das Bauen der 50er und der 60er Jahre gut beobachten kann und wie dort Stile nebeneinander stehen, und ebenfalls etwas oberhalb am Hang finden sich schöne Gründerzeit-Viertel. Aber auch viel Verfall. Eine seltsame Mischung also. Friedrich Engels wurde in Wuppertal geboren. Man lese unbedingt seine „Briefe aus Wuppertal“. Anschaulich und auch witzig beschreibt Engels die religiösen Auswüchse in Wuppertal, nämlich Mystizismus und Pietismus:

„Die ganze Gegend liegt von einem Meer von Pietismus und Philisterei überschwemmt, und was daraus hervorragt, sind keine schönen blumenreichen Eilande, nur dürre nackte Klippen oder lange Sandbänke, und Freiligrath irrt dazwischen umher wie ein verschlagener Schiffer.“

Es gab damals wenige gute Schullehrer an der Barmer Stadtschule. Einen dieser herausragenden Lehrer schildert Engels und führt dabei zugleich den Kontrast und das Denken der damaligen Zeit aus:

„Den Gegensatz zu ihm bildet ein anderer Lehrer, der auf die Frage eines Quartaners, wer Goethe gewesen sei, antwortete: ‚ein gottloser Mann‘.“

„Von Bildung – keine Idee; wer Whist und Billard spielen, etwas politisieren, ein gewandtes Kompliment machen kann, das ist in Barmen und Elberfeld ein gebildeter Mann. Es ist ein schreckliches Leben, was diese Menschen führen, und sie sind doch so vergnügt dabei; den Tag über versenken sie sich in die Zahlen ihrer Konti, und das mit einer Wut, mit einem Interesse, daß man es kaum glauben möchte; abends zur bestimmten Stunde zieht alles in die Gesellschaften, wo sie Karten spielen, politisieren und rauchen, um mit dem Schlage neun nach Hause zurückzukehren. So geht es alle Tage, ohne Veränderung, und wehe dem, der ihnen dazwischenkömmt; er kann der ungnädigsten Ungnade aller ersten Häuser gewiß sein.“

Ebenso wurden dort Elsa Lasker-Schüler sowie Ferdinand Sauerbruch geboren – zu seiner Zeit in Nazi-Deutschland sei Helmut Lethens „Die Staatsräte“ zu empfehlen, ich gab dieses Buch bereits als Weihnachtstip hier auf.

Und es steht vor allem nahe Wuppertal in Neviges der wunderbare, herrliche Wallfahrts-Dom aus den späten 60er Jahren. Eine feste Burg in Beton ist unser Gott. Da ließe sich eine spannende Tatort-Geschichte machen, mit einem Finale, einem Show-Down im Innenraum dieser Kirche. Herrliche Lichtachsen dort, die für dramatische Effekte sorgen. [Ich arbeite am Drehbuch. „Große Fürbitte“ oder „Engels letzte Stunde“ könnte die zweite Folge heißen. In der ersten Folge muß unbedingt atmosphärisch in die Stadt Wuppertal eingeführt werden. Ein Mord am Tippen-Tappen-Tönchen, da liegt am Fuße eine Leiche. Gestürzt, erschlagen, gewürgt?  Ich bin ganz elektrisiert von Tatortideen. Am liebsten möchte ich diese Ideen zusammen mit der Zeitrafferin umsetzen: ihr Witz und ihre Kreativität würde ein Tatort-Drehbuch beleben.]

Beim Flanieren mit einer Freundin damals, es war 2010, waren wir beide von dieser Stadt angetan. Wir bereisten das Ruhrgebiet, Essen, Duisburg, für eine Woche und die junge Dame wollte auch nach Wuppertal. Es war gut, daß ich als der Autofahrer ihrem innigen Wunsch nachgab,  denn so entdeckten wir nicht nur das anregende Wuppertal, sondern auf der Rückfahrt auch den Dom von Neviges. Und so zeige ich also noch einmal hier im Blog die Photographien von damals. Im Alter geraten viele Dinge in die Wiederholung. (Den zweiten Teil der Bildserie, darin auch der herrliche Wallfahrtsdom zu Neviges zu sehen ist, gibt es am Sonnabend.)

 

 

 

 

Die Tonspur zum Sonntag – Aufschreibsysteme

„In Paris saß in der Mitte des Raumes auf sehr erhöhtem Sitz eine bedeutende Dame und hatte nichts zu tun, als mit einer Hand den Besuchern Geld in Spielmarken umzutauschen. Wie wäre es, wenn Du als Anregerin der Sache in Berlin diesen Posten bekämest. Ich sage es nur deshalb, weil Du dann mit der andern für den Dienst unnötigen Hand den ganzen Tag Briefe an mich schreiben könntest. Liebste, was für Narrheiten erfindet das Verlangen nach Dir. Liebste, ich werde ganz traurig über mich. Hätte ich die Zeit, während welcher ich Briefe an Dich geschrieben habe, zusammengeschlagen und zu einer Reise nach Berlin verwendet, ich wäre längst bei Dir und könnte in Deine Augen sehn. Und da fülle ich Briefe mit Dummheiten, als dauerte das Leben ewig und um keinen Augenblick weniger lang.“
(Franz Kafka, Briefe an Felice)

(Im Hinblick auf unsere Debatte zum Pop und zur popular music: Immer noch groß und als Gegenspiel zum Bringsystem Pop ist freilich diese Musik, wenngleich es sich hierbei sicherlich auch um ein Stück popular music handelt. Wobei wir im Hiblick auf den korrespondierenden Kafka-Brief dazusagen müssen: Kafka trank keinen Alkohol.)

Die Auferstehung des Geistes, die Auferstehung des Körpers – Don DeLillo „Null K“

Bekanntlich hängt bei einem guten Roman vieles am ersten Satz. Er zieht in die Geschichte hinein, baut Plot und Spannung auf. Im Idealfall kristallisiert sich darin die Geschichte. Die Theorien zum ersten Satz sind Legion. Es gibt solche, die sagen, am Belanglosen des Auftakts kann sich eine Geschichte erst steigern. Oder aber der Einstieg muß wie ein Schlag vor den Kopf sein, ein dröhnendes Pochen am Hoftor, wie in Kafkas Parabel aus dem Nachlaß: „Der Schlag ans Hoftor“, wo man, am Ende der Geschichte angekommen, nicht mehr genau weiß, ob dieser Schlag überhaupt je so stattfand. Diese Verstörung ist auf alle Fälle bei Don De Lillos Romananfang der Fall: „Jeder will das Ende der Welt selbst in der Hand haben.“ Ein Aufschreckungssatz, die Hybris universeller Machbarkeitsphantasien. Ein Satz von gehöriger Dimension und eine Drohung zugleich, wenn man an die übersteigerte Selbstermächtigung des Individuums denkt, der in diesen Zeilen liegt.

Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt und der „Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht“, schreibt Ludwig Wittgenstein. Dialektik des vermeintlich Undialektischsten überhaup, nämlich des eignen Todes, dessen wir uns nur in einem fremden Medium versichern können, indem wir Abstand nehmen: Die Literatur versucht diesem Entzug eine Sprache zu geben, man denke an Proust „Recherche“ und darin Bergottes Tod. Noch auf seinem Sterbebett hat Proust die Absicht, seinen eigenen Tod zu protokollieren und diese Notizen für die „Recherche“ einzufügen.

Den Tod irgendwie handhabbar machen. Doch das gelingt in der Regel nicht. Allenfalls in literarischen Bildern – die Mythen und Märchen dieser Welt sind voll von Bann-Geschichten. Aber auch die Literatur hält Geschichten parat.

Jeder will das Ende der Welt selbst in der Hand haben“, sagt in Don DeLillos Roman „Null K“ Ross Lockhart, der Vater des Ich-Erzählers, zum Sohn Jeffrey. Ross ist Milliardär, ein Selfmade-Man, der sein Vermögen mit Finanzgeschäften macht. Nun investiert er in ein kryonisches Projekt, das den Tod abschaffen will. Es kann die Wissenschaft dem Tod womöglich ein Schnippchen schlagen. Ein Leben nach dem Tod scheint mit Hilfe der Forschung möglich. Irgendwann. Veranstaltet wird diese Thanatologie von einer Organisation, deren Firmenzentrale im Nichts der Steppe Kasachstans liegt. Dorthin reist Ross zusammen mit seinem Sohn, um seine zweite Frau, Artis, beim – vorläufigen – Sterben zu begleiten. Ihr Körper wird eingefroren, beim absoluten Kältepunkt, Null K, also Null Grad Kelvin, das sind -273,15° C. Kälter kühlt’s nicht runter: „als Eisleiche in einer massiven Grabkammer konserviert zu werden.“ Später, sofern die Wissenschaft in ihrem Forschen weiter ist, wird der Mensch wieder aufgetaut. Ross Lockharts Frau ist totkrank. Ihre Sterben ist daher sicher.

„Ich dachte an seine Frau, die zweite, die Archäologin, deren Geist und versagender Körper bald planmäßig davonschweben würde ins Nicht.“

Für diese futuristischen Thanatos-Szenen, weit weg von jeglicher westlichen Zivilisation, findet der Roman eindringliche Bilder. Verheißung, Unendlichkeit und Religion liegen nahe beieinander, aber die Aufhebung des Todes muß eben nicht zugleich auch das Leben sein.

„Vielleicht war dieser Ort nicht als Neues Jerusalem geplant, aber die Menschen hatten lange Reisen auf sich genommen, um hie reine Form höheren Daseins zu finden oder zumindest ein wissenschaftliches Prozedere, das ihr Körpergewebe vor der Verwesung bewahren sollte.“

Für solches Verfahren freilich braucht es ein Sensorium, quasi die Organe eines Übermenschen, eines Superman, einer Superwoman, um das Exzeptionelle in den Blick zu bekommen. Denn Wissen ist unter anderem an Sprache gebunden und diese mit dem Bewußtsein verknüpft:

„Eine Sprache, die es uns erlauben wird, Dinge auszudrücken, die wir heute nicht ausdrücken können, Dinge zu sehen, die wir heute nicht sehen können, uns selbst und andere auf das hin wahrzunehmen, was uns verbindet, sämtliche Möglichkeiten zu erweitern.“

Genauso geht es in der faszinierenden Lakonie des DeLillo-Stils weiter, wenn der Ich-Erzähler das von jeglicher Zivilisation hermetisch abgeschottete Forschungslabor als einen Zustand der Enge und der Bedrohung evoziert: Hinein gelangt man nur unter großem Sicherheitsaufwand. Um sich in den speziellen Sektoren des Gebäudes zu bewegen, benötigt der Besucher Zugangscodes. Die Bewegungen des Besuchers werden überwacht, an den Wänden hängen Bildschirme, die sich von selbst aufziehen, sobald der Besucher den Gang betritt. Auf der Leinwand sehen wir Grauenvolles: Szenen menschlichen Leids spielen sich da ab, Live-Bilder aus allen Teilen der Welt flimmern auf dem Monitor: Kriegsszenen, Naturkatastrophen, Ozeane, die über die Üfer treten, Aufstände, Grausamkeiten. Es ist Apokalypse. Das, was unsere angeblich immer besser werdende Welt, wenn nicht die beste aller Welten gegenwärtig so bewegt.

„Dann, ganz nah, schien der Bildschirm vor lauter Flammen zu bersten, die über einen Bach springen schier in die Kamera und wieder heraus bis in den Gang, wo ich stehe.“

Immer wieder das Feuer und das Wasser und der Krieg.

„Ich wich vom Bildschirm zurück. Mein Gesicht war immer noch verzerrt, seit ich die Reaktion des Mannes auf das Kerosin, das seine Kehle hinabfloss und in sein System eindrang gesehen hatte. Die brennenden Männer mit ihren offenen Mündern flackerten über mir. Ich wich noch weiter zurück. Sie waren formlos, lautlos, schrien.“

All der menschliche Makel entlädt sich – für DeLillo typisch – in Bildern. Die Hölle zeigt sich in den Bildern und die Welt ist zugleich eine solche Hölle. Wozu dann das ewige Leben? Es muß ein Abseitsort geben, am besten einen, aus dem es keine Rückkehr gibt. Oder als Aufgabe fürs Diesseits schon eine andere Welt. Die aber ist nicht einmal im Privaten gut zu erreichen. Parallel zu dieser Dystopie und dem medial strukturierten Blick auf die schlechteste aller Welten erzählt De Lillo eine traurige Familiengeschichte: die eines Sohnes und einer Mutter, die von ihrem Vater verlassen wurden. Sinnkrise, Sinnsuche geschieht hier im großen wie im kleinen. Insofern ist dieser Roman ebenso ein Buch über Genealogie, Herkunft und eine mögliche Zukunft: Denn Ross Lockart ist ein falscher Name. Im Namen des Vaters oder unter anderem Namen:

„Wer wäre ich mit dem Namen Satterswaite gewesen, wer wäre ich geworden? Damals, mit neunzehn, war ich immer noch mit dem Prozess des Werdens beschäftigt.“

Damit ist dieser Roman ebenso eine Geschichte zwischen Vater und Sohn, die sich in Gesprächen in der kryonischen Anstalt am Todesbett der Stiefmutter wieder näherkommen. Gekonnt verschränkt DeLillo die Ebenen zwischen genealogischen Strukturen, dem Spiel mit der Herkunft und apokalyptisch-biblischen Endzeitszenarien. Was ist Leben?

DeLillo ist nicht unbedingt dafür bekannt, die Sprache poetisch und emphatisch rauschen zu lassen. Nicht die Schönheit des Klanges oder das poetische Echo von Verdichtung und Bedeutungsüberschuß lenken ab, sondern in DeLillos Art, nüchtern und beiläufig, fast kalt schon zu erzählen, liegt die Stärke seiner Prosa. Es flechten sich Theorien, Gedanken und Modelle in seine Sätze, in Hauptsätzen blitzen plötzlich Nebenstränge auf, inWir fokussieren in der Kühle des Satzes uns auf die Geschichte, und meist ist es die Geschichte unserer Moderne, unserer Epoche, die DeLillo uns in Literatur bringt. Grandios und mit der Wucht des Epos in „Unterwelt“. Gerade durch diese Reduktion gelingt es ihm, eindringliche Bilder zu finden und starke Szenen auszumalen: sei das jener kurz und lakonisch geäußerte innere Monolog des Sohnes, wenn er an seine Eltern denkt:

Denn Staub bist du. Ich war kein Katholik, meine Eltern waren keine Katholiken. Ich wusste nicht, was wir waren. Wir waren Essen-und-Schlafen. Wir waren Bring-Daddys-Anzug-in-die-Reinigung.“

Gekonnt wie DeLillo in wenigen Sätzen die desaströs-traurige Familienszene aufspießt.

„Warum verließ mein Vater meine Mutter?
Keiner verriet was.“

Den Inhalt von Romanen kann man nacherzählen. Aber es gibt solche Bücher, da geschieht es mit Verlust. Der Inhalt wird wiederholt, und dem Leser der Rezension wird nicht klar, worin die Größe der Prosa besteht – klingt doch der Inhalt trivial. Erst recht, wenn die Geschichte in den Science-Fiction zu gleiten scheint. Deren literarischer Ruf im Segment Belletristik ist leider häufig nicht lupenrein, ähnlich wie bei Fantasy. Spinnerei und abseits der realistischen Pfade. Dabei wird jedoch unterschlagen, daß Literatur sich immer im fiktionalen Modus befindet. Und sei ein Roman noch so realistisch oder engagiert. Insofern ist es sinnvoller nicht nach dem Genre zu fragen, sondern nach der internen Konstruktion des Buches. Was wird da eigentlich erzählt, wie wird es erzählt? Bei DeLillo handelt es sich um eine gemäßigte Variante des Science-Fiction. Es ist eine Dystopie, die in der nahenden Gegenwart spielt. Oder spielen könnte. Es ist ein Buch über den Glauben. Es ist ein Buch über die Suche nach sich selbst. Diesen Weg begeht Jeffrey.

Was die Überwindung des Todes und die damit verbundene Hochzüchtung des Menschen angeht, kam mir ebenfalls Michel Houellebeqcs Roman Möglichkeiten einer Insel (2005) in den Sinn. Obgleich Geschichte und Konstruktion verschieden sind, liegt das Verbindende in jenem dystopischen Märchen, das uns beschädigt-endlichen Subjekten die Ewigkeit verheißen will. Nach einer verheerenden Klimakatastrophe mit den Mitteln der Technik das ewige Leben zu stiften. Der Protagonist des Romans schreitet von Inkarnation zu Inkarnation, nimmt Erinnerungen und sogar seine Haustier Hund mit. Menschen – oder sind es doch eher Roboter, technische Lebewesen, Hosts? –, die mittels Technik und der Weitergabe von Daseinsinformationen von Zustand zu Zustand schreiten. Je besser die Reproduktionstechnik sich entwickelt, desto besser in Geist und Körper.

Parallel zur Lektüre dieses Buches lohnt sich also auch Houellebecqs Roman. Und vor allem ließe sich parallel zu DeLillo, im Medium der Bilder die HBO-Serie Westworld  betrachten. Im Zeichen des Anthropozäns ist lediglich der Mensch das einzige Wesen, in das wir bisher verändert nicht eingriffen. Ein Fossil gewissermaßen. Die Bedeutung des Menschseins rückt im Zeichen einer möglichen Unsterblichkeit in ein völlig anderes Licht.

In diesem Sinne ist Null K ein theologischer Roman. Nichts anderes als die Auferstehung des Körpers nach dem jüngsten Gericht ist diese Methode des Einfrierens, damit irgendwann, zu einer besseren Zeit, Wissenschaftler der eingefrorenen Hülle das Leben wieder in den Leib jagen.

 

 

 

 

 

 

 

Don DeLillo: Null K, Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2016, ISBN 9783462049459, Gebunden, 288 Seiten, 20,00 EU, Übersetzung von Frank Heibert

Am Landwehrkanal, nahe Eden: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – im Hinblick auf ein Gedicht von Paul Celan

 „Niemand zeugt für den Zeugen“
(Paul Celan)

Viele der zunächst hermetisch wirkenden Gedichte Paul Celans – sie sind es nicht, wenn man sich auf sie einläßt, insofern ist dieser Slogan problematisch – handeln von der Schwierigkeit bzw. der Frage, wie Zeugnis zu geben sei. Zeugnis von dem was war, ohne im bloßen Beschreiben sich zu verlieren – was auch die Frage des Datums tangiert: wie eine Einmaligkeit in die Struktur der Wiederholung gebracht werden kann. Jacques Derrida stellt diese Frage der Datierbarkeit in seiner Celan-Lektüre „Schibboleth“ ausführlich dar.

Es gibt ein Gedicht von Paul Celan, das trägt den Titel „Eis, Eden“ (1963), es stammt aus dem Gedichtband „Die Niemandsrose“. Dieser Titel paßte ebensogut zu jener Lyrik, die mit dem Satz beginnt „Du liegst im großen Gelausche“ – Celan ließ in seiner späten Dichtung konsequent die Überschriften weg. Dieses Gedicht hat – man wird das vermutlich nur über Umwege und über die Kombination der Textelemente feststellen – die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zum Thema. Das Gedicht ist undatiert, obwohl es in seinem Kern an ein konkretes Datum gebunden ist. Es wurde 1971 postum in dem Band „Schneepart“ publiziert, und es geht so:

DU LIEGST im großen Gelausche,
umbuscht, umflockt.

Geh zur Spree, geh zur Havel,
geh zu den Fleischerhaken,
zu den roten Äppelstaken
aus Schweden –

Es kommt der Tisch mit den Gaben,
er biegt um ein Eden –

Der Mann ward zum Sieb, die Frau
mußte schwimmen, die Sau,
für sich, für keinen, für jeden –

Der Landwehrkanal wird nicht rauschen.
Nichts
stockt.
(Paul Celan, im Gedichtband „Schneepart“)

Ein Rätsel ist nach Hölderlin Reinentsprungenes. Ein Text als erratisches Moment, das treibt und umschlägt, so will es das moderne und ästhetisch gelungene Gedicht, so realisiert sich die Lyrik Celans. Darin allerdings steckt der Zwang zur Form sowie der zur Poetik, die Motive werden aufeinander bezogen, aus dem Zufall von Eindrücken entstehe ein in sich konsistentes Gebilde. Poetisch, aber nicht im lenor-kuschelweichen Habitus der Sinnlichkeitsfanatiker und ihrer säuselnden Adepten, denen es nie lyrisch gestimmt genug zugehen kann [Rilke noch beim händischen Abwasch: denn da ist keine Stelle, die nicht abgeht], sondern als Wille zur Form und zum Ausdruck in einem. Die Welt als Wille zum Text? Nein, eine Szenerie, ein Datum, ein Anlaß, ein Ereignis. Karl und Rosa, wie man sie in linken Kreisen in jovialer Anbiederung der Duz-Genossen gerne nennt.

Der Fluß der Geschichte, die Geschichte, die vergeht und die bleibt, die Geschichten, die sich erzählen lassen, wenn zwei Menschen nebeneinander spazieren, in Berlin, am 22.12.1967, da gehen Peter Szondi und Paul Celan am Landwehrkanal. Beim ersten Lesen des Gedichts herrscht zunächst Unverständnis, ein Idiom, das sich erst einmal in keinen Kontext oder in keinen deutbaren Sinnzusammenhang überführen läßt, sofern man im Text als Text bleibt. „Verwisch die Spuren“, wie es Brecht 1928 in seinem Lesebuch den Bewohnern der Städte anriet. Ein Vorschlag nebenbei, der fünf Jahre später für die Juden Berlins und anderer Städte überlebenswichtig wurde und der im Lyrischen ebenso die Gedichte Celans bestimmt.

Peter Szondi schrieb einen kurzen Essay über jenes Gedicht „Du liegst“. Der Text heißt „Eden“ und befindet sich in den Schriften Band 2. Bemerkenswert bzw. hart im Faktum ist der Umstand, daß Szondi im Oktober 1971 in den Halensee stieg und sich ums Leben brachte. Eineinhalb Jahre, nachdem Paul Celan von der Pont Mirabeau in die Seine sprang und ertrank – am 20. April, Ironie der Geschichte. Beide waren sie als Juden späte Opfer der NS-Vernichtung. Wasserszenen also, aber kein Undinenzauber und es hat die Deutsche Romantik sich ausgeträumt. Die Wunde Eichendorff, um einen Aufsatz Adornos abzuwandeln.

Szondi schildert in diesem Text einen Besuch Celans bei ihm in Berlin, Celans Besuch in Plötzensee, Beobachtungen Celans, seine Lektüre einer Dokumentation zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg; ein Weihnachtsmarkt, wo Celan einen schwedischen Adventskranz erblickte, aus rotgestrichenem Holz mit Äpfeln und Kerzen bestückt, ein Spaziergang, den Szondi mit Celan unternahm. Wege, die sie gemeinsam abschritten, eine Fahrt vorbei am Hotel Eden, direkt am Europa-Center.

Das Erratische als Block, deutbar als Zeichen vielleicht, in der „Polyvalenz seiner Struktur“ (so Gadamer) jedoch in der Deutung mehrere Möglichkeiten bietend, aber im Gehalt nicht mehr ins unmittelbar lyrische Bild zu bringen, das, irgendwie heiter, stimmungsvoll aufsteigen mag. Trotzdem viele der zunächst rätselhaft erscheinenden Begriffe, die Celan in seinen Gedichten verwendet, einer bestimmten Sprache entnommen sind, die uns freilich nicht immer geläufig ist. Begriffe wie Hungerkerze oder Harnischstriemen, Faltenachsen, Durchstichpunkte und Kluftrose (aus dem Gedichtband „Atemwende“), die aus der Geologie stammen. Es wird in diesen Kontexten ein „semantisches Feld“ (Gadamer) erzeugt, das sich jedoch einerseits vom konkreten Gebrauch in der Fachsprache löst und einen ganz eigenen Horizont erzeugt, andererseits aber (bei Kenntnis der Sache) auf jenes Gestein, die Härte, die Färbung, das Bewahrende desselben zurückverweist.

Auch in „Du liegst“, das auf einen konkreten Anlaß bezogenen ist, findet sich noch die Polyvalenz. Begriffe, die zu mehrschichtigen Chiffren sich sedimentieren Das nährt das Schillernde und Rätselhafte, so daß die Poesie Celans – zunächst – schwierig deutbar sich liest – was aber bei genauer Lektüre nicht stimmt. Jenes „Eden“, das zunächst theologisch aufgeladen zu sein scheint, um dann in einer genaueren Lektüre gleichzeitig eine andere Bedeutung zu erfahren. Denn „Eden“ hieß das Hotel, wohin am 15. Januar 1919 Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verschleppt wurden und die letzten Stunden vor ihrer Ermordung, unter der Folter der Freikorpssoldaten, verbrachten. Es war das Hauptquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, Ecke Budapester Straße/Kurfürstenstraße, nicht weit vom Kanal. Der Kommandeur der Division, Waldemar Pabst, rief beim späteren Reichswehr-Minister Gustav Noske (SPD) an und erhielt von selbigem Noske (SPD) in Absprache mit Friedrich Ebert (SPD) die Genehmigung zum Mord. (Jenes Deutschland samt Ideologie kann man in einer absurden Inszenierung auf YouTube in dieser Sentenz erleben.)

Ein Berlinbesuch und ein gemeinsamer Spaziergang des Literaturwissenschaftlers mit dem deutschen Dichter – dies sind die biographischen Umstände, unter denen dieses Gedicht entstand. Sicherlich konnte Peter Szondi als Zeuge mehr als jeder andere dazu beitragen, das Gedicht zu deuten. Aber was trägt dieses Wissen zur Interpretation eines Gedichtes bei?

„Indessen macht die Kenntnis der Realien, der realen Erfahrungen, die aus Celans Aufenthalt in Berlin um Weihnachten 1967 in das Gedicht Du liegst … eingegangen sind, noch keine Interpretation des Gedichts aus. Vielmehr eröffnet sich solcher Kenntnis die entstehungsgeschichtliche Dimension, in welcher zwar fast jede Stelle des Gedichts auf ein bezeugtes Erlebnis zurückverweist, nicht minder aber der Weg von den realen Erlebnissen zum Gedicht sichtbar wird, ihre Verwandlung. In dem Spannungsfeld zwischen dem halb vom Zufall gefügten Allerlei der Berliner Tage Celans und der kunstvollen Konstellation, welche das Gedicht ist, erscheint dieses dem Leser, der Celan in jenen Tagen begleiten durfte. Darum kann seine Absicht nicht sein, das Gedicht auf die Daten und Fakten zurückzuführen, aus denen die vierzehn Verse zusammenschossen, wohl aber zu versuchen, die Vorgang dieser Kristallisation nachzuvollziehen.“ (Peter Szondi, Eden)

Wer Gedichtete deutet, muß auf einer anderen Ebene lesen, auf anderes rekurrieren als aufs factum brutum. Eine Absage an jeglichen literaturwissenschaftlichen Positivismus. Szondi thematisiert – gleichsam als negative Größe, als Leerstelle – genau dieses Biographische, das Autobiographische jeglicher Dichtung im Grunde, das bis heute Thema der Lektüren und eine Art Fetisch ist und die Konstruktion, die Fiktion, das lyrische Ich überwuchert und in einen handhabbaren Kontext gelebten Lebens einzuhegen versucht. Deutbar durch Daten, das lyrische Ich nur eine krude Funktion des empirischen Ichs. Aber solche Sicht beraubt am Ende einen Text – egal ob Prosa oder Poesie – und bringt ihn ums beste. Gedichte sind keine Berichte. Insofern ist dieser knappe Essay von Szondi auch aus Gründen der Methode für die Textinterpretation bedeutsam. Szondis Methode ist eine dialektische. Denn er schaltet das Biographische nicht krude im Sinne einer immanenten Lektüre des Hermeneutikers aus und markiert es als irrelevante Größe, sondern er nimmt diese Bezüge als Zeugnisse ernst. Oder wie es bei Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“ heißt: ein Kunstwerk ist immer beides. Fait social und autonom.

„Inwiefern ist das Verständnis des Gedichts abhängig von der Kenntnis des biographisch-historischen Materials? Oder prinzipieller gefragt: Inwiefern ist das Gedicht durch ihm Äußerliches bedingt, und inwiefern wird solche Fremdbestimmung aufgehoben durch die eigenen Logik des Gedichts?“

Doch das Gedicht, so Szondi, läßt all diese (privaten) Beobachtungen Celans, die biographischen Prämissen und die Flanier-Szenen des Dichter-Beobachters hinter sich. Der Nachmittag eines Schriftstellers ist hier nicht das Thema des Gedichts, genausowenig das, was er an den Phänomenen beobachtet und ebensowenig das Betrachten selbst als kontemplativer Zustand des Dichtens, aus dem heraus wie durchs Wunder oder das Ingenium des genialen Künstlers das Gedicht sich ergießt. Das Gedicht erzeugt eine Wirklichkeit sui generis – wie überhaupt das gelungene Kunstwerk eine Welt eigener Art und Ordnung ins Werk setzt – eine „nicht auf subjektive Zufälligkeiten reduzierte Wirklichkeit“. (Der Bezug zu Hegels Ästhetik wie auch zu Heideggers Kunstwerk-Aufsatz, der darin von Hegel die Redewendung von der stiftenden Funktion des Kunstwerks borgte, liegen auf der Hand.) Es verknüpfen sich dabei in dem Gedicht die Motive: das Weihnachtsfest und der (politische) Mord, Fleischerhaken und rote Äppelstaken, der Tisch mit den Gaben und das Eden, und sie schließen sich zu einem gänzlich neuen Kontext zusammen. Doppeldeutig allemal. Einerseits das Hotel, andererseits ein Garten der Lüste und der Freude.

Was ist es, das in einem Text, in einem Gedicht seine Spuren als Chiffre hinterläßt, ein Zeichen als poetisches Wort, lesbar zwar, doch schwierig zu deuten, rätselhaft, schön und auch hart, als Ton? Schwer zu Entzifferndes. Ein im Gedicht ansprechbares Du – wie Celan dies in im „Meridian“ formuliert –, ein Imperativ in Poesie, als Satz, als Aufforderung und Anforderung zum Gehen, wie wir es bereits aus Celans „Engführung“ kennen. („Lies nicht mehr – schau!// Schau nicht mehr – geh!“) Hier in „Du liegst“ eine Winterszenerie. Und das Gelausche steht – auch reimmäßig – im Zusammenhang mit jenem Kanal, der nicht mehr rauschen wird, sondern dahinfließt, der die Leiche der Frau mit sich führt. Nichts stockt.

Das Gedicht ist eine Momentaufnahme, während die Leiche der Luxemburg treibt. Das Gedicht bringt eine Bewegung hervor („Geh“, die Namen der Flüsse Berlins und jenes Kanals) und zugleich friert es ein, um sich dabei im nächsten Zug als Bewegung wieder zu lösen („Nichts/stockt“). Das kann man zusammenlesen als „nichts stockt“, nichts fixiert sich – auch im Sinne der literarischen Romantik als die Auflösung aller Bilder – und nichts kann zur Festigkeit gerinnen – das mag man sowohl positiv wie auch negativ als Unbeständigkeit sichten. [Und niemand steigt zweimal in denselben Fluß. Das wußten am Ende auch wir, in Paris, unter dem Pont Mirabeau, wo die Seine so träge dahinfließt und wo wir uns im Wissen Apollinaires und unter Abendsonne innig küßten. Deine Zunge, Deine Haut und Spurung des blonden Haars. Unter uns ein Fluß und unweit davon trieb 1971 die Leiche Celans.] Aber im Enjambement deutet sich dieses „Nichts/stockt“ ebenso als Bruch, als Spaltung, als „Nichts“ und als „stockt“, die – jeweils – als Ausfluß von Negation, Nichtigkeit und Nichtung im Gedicht stehen, bleiben und harren. Abgetrennt. Als Schluß eines Gedichts und als Chiffre der Zeit.

Es bleibt, auch im Kontext der Zeitdimension des Gedichts – einmal als historische, dann als metaphyisch-lyrisch sich realisierende Zeit – in diesem Gedicht insbesondere das Paradies- und auch das Erlöser-Motiv (als Edenbezug, „für sich, für keinen, für jeden“) festzuhalten und zu zeigen, wie es bei Celan mit dem Tod kontaminiert wurde. Eine negative Geschichtsphilosophie, fern jeglicher Utopie. Was tun und was geschieht? Es zeigt sich im letzten Wort, in den letzten beiden Zeilen, im Bruch, der den Satz und damit einen dialektischen Fluß auftrennt, die Umkehrung des Heraklit zugeschriebenen Bildes vom panta rhei in der Verneinung und als Anspruch und Abbruch:

Nichts
Stockt.

Der Engel der Geschichte, den Benjamin schilderte und den Heiner Müller als glücklosen ins Bild setzte, erstarrt. Nein, nicht einmal das. Er dröselt sich auf, bricht ab. Im großen Gelausche zu liegen, umbuscht, umflockt – ein eigentlich romantisches Bild: die eingedeckte Tote im Fluß. Eine Art Ophelia. Eigentlich geht es nur noch ums Minimale, um den letzten Rest: Ums Überleben. Doch selbst dieses Weiterleben ist nicht selbstverständlich. Rosa Luxemburg, der „roten Sau“, war es nicht vergönnt.

Das Gedicht „Eis, Eden“ schließt mit diesen Zeilen:

Das Eis wird auferstehen,
eh sich die Stunde schließt.

In einem entfernten Sinne geben diese Zeilen sogar ein Stück weit Hoffnung. Die Erlösung noch des Unerlösbaren. Die Auferstehung des Eises. Was allerdings ebenso den Einbruch der Kälte bedeuten kann. Der Ausgang ist offen.

(Der Text ist eine Überarbeitung zweier bereits auf AISTHESIS erschienener Texte.)

Es war Goldstaub in uns – Blixa Bargeld zum 60. Geburtstag und vom Status der Philosophie als Theorie in jenen wunderbaren Jahren

Da stand sie – diese Schallfolie, die mit dem goldenen Cover, und auf der Rückseite eine Photographie in Schwarz-weiß-Ästhetik, auf der die Band posierte. Drei Mann, düster-schwarz, vor einer Art Wellblechschlagzeug, zwei Synthis, allerlei Schlagwerkzeug lagen da am Boden herum: Hammer, Meißel, Schlagbohrmaschine für Betonwände, Säge, Axt, Gitarre, Baß, Zangen und Undefinierbares – Anspielung auf jene Bombastrockbands, die auf dem Cover ihre Instrumente zur Schau stellen, mit denen sie im dicken Klangteppich ihre Hörer malträtieren. Die Tortur der Neubauten sollte eine ganz andere sein. Im Hintergrund das Berliner Olympia-Stadion und die hoch in der Luft schwebenden Olympia-Ringe.

Ich hatte für den Totalitarismus in Architektur immer schon etwas übrig, auch als Schüler: Strategen gegen Architekturen, Haus der Lüge. Bauten, fest, starr, aus Beton, etwas aus den Fugen zu bringen und zurück zum Beton, Ekel, Ekel, Natur, Natur. Gegen die Ästhetik einer Preußischen Säulenordnung anstampfend, obwohl ich auch diese schnell lieben lernte und eine Reise nach Rom zeigte, welche Kraft die Ästhetik der Ruinen entfalten konnte. In den antiken Ruinen Roms symbolisierte sich etwas von jenem Vanitasmotiv: daß Zeit, daß Geschichte vergänglich sind. Daß wir selbst es sind, die vergehen. Man spaziert einfach so über das Forum Romanum. Und war doch realiter zugleich in einer ganz anderen Gegenwart.

Politischer Protest der Jugend prägte diese Zeit der frühen 80er Jahre. Das war für uns nicht einfach nur die Verlängerung bereits bestehenden Protests, ein Post-68. Denn wir wollten auch unsere 68er-Lehrer aufregen. Wir wollten keine Hippies sein. Man mußte also auch mit Relikten sich umgeben, die beim pädagogischen Personal wenig Freude erzeugten. Aber auf Dauer war auch „Belsen was a gas“ zu dumm, um wahr zu sein. Velvet Underground kam uns da entgegen, ebenfalls Iggy and the Stooges. Bowies Spiel mit den Identitäten war seltsamerweise nie meine Sache. Zu glatt schien mir diese Musik, und zu sehr am Wohlklang und vermutlich auch am Bombast orientiert. (Wobei diesen Bombast eben auch die Neubauten besaßen. Nur war der Teppich aus Tönen industrieller Natur und damit für mich in diesem Sinne des Brutalen auch wahrer. Eine Pop-Musik der Dissonanz, des schrillen Einschnitts. Wie eine Wunde, passend vielleicht zu dem Motto von Beuys, den wir ebenfalls gerne sahen.)

Seltsame Zeit, ohne daß man groß den Apokalyptiker Johannes las, ich trug lieber schwarze Lederjacke: man ragte mit der Menschenexistenz in die endgültig-finale Krise, zumindest glaubten wir dies. Lauter negative Geschichtszeichen. Nein, nein, das war keine NO FUTURE-Punk damals, in dem ich mich ausbreitete, vom Schulfreund in diese Musik gezogen, trotz Le Waldsterben, Le Nachrüstung, Le Atomangst, später dann Le Volkszählung und trotz der sozialen Proteste dieser Zeit. Lalelu – wir tanzten den Protesten nicht, sondern diskutierten ihn und wir versahen ihn mit den passenden Soundtracks. Die (zum Glück) stabilen Verhältnisse der alten BRD brachte all das Aufbegehren nicht ins Wanken. Im Grunde war die Ära Kohl gemütlich beziehungsweise: es kommt auf die Perspektiven an. Und die von Schmidt war es trotz deutschem Herbst, trotz Natodoppelbeschluß sowieso: das Glück der Technokraten oder wie es FSK im Blue Yodel für Herbert Wehner sangen:

„Junge wer mit 20 kein Anarchist gewesen ist/ Aus dem wird nie ein guter Demokrat!/ Und wer sich über Altersheim und Autobahn empört/ Hat das Signal der Zeit wohl überhört!/ Yo-Deedle-Day!/ Yo-Deedle-Day!“

Besser Langeweile als Faschismus, wie Habermas es auf den Punkt brachte. Jene Politleute, die damals noch den faschistischen Staat am Werke sahen, konnte ich bereits in Jugendjahren nicht ernst nehmen, selbst dort, wo ich eine Situation als dramatisch sah, sehr viel dramatischer als es sich im Rückblick darstellte. Schon gar nicht funktionierte dieses vermeintliche Faschismus-Drama der Gegenwart auf der Ebene der Theorie. Ihren Adorno zumindest hatten sie nicht gelesen oder begriffen.

Mit den Achtundsechzigern, mit den Sechzigerjahren begann das, was Philipp Felsch den „Langen Sommer der Theorie“ nannte. Aber diskutierten wir als letzter Nachklapp einer Ära, einer langsam abklingenden Epoche, diesen Protest wirklich in seiner gebotenen Intensität? Um intellektuell die Gesellschaft mit der scharfen Waffe der Kritik zu durchdringen – was wir gerne glauben wollten? Erste Ableitung der Gesellschaft: die Arbeit, zweite Ableitung der Gesellschaft: das Kapital, dritte Ableitung: die Vermittlung beider und die Aufhebung des Widerspruchs. Simple Schematismen, passend zu den Rowohl-Büchlen: Marx für Anfänger, Theorie als Comic gezeichnet, Freuds als Comic, die seinerzeit im Schwange waren. Schrecklich schon damals.

Nein, wir destruierten den Protest, wir destruierten die Kritik, obgleich ich in diesem Alter noch nichts von der Dekonstruktion im engeren Sinne gehört hatte und auch Heidegger nur vom Hörensagen irgendwo im Philosophieunterricht seinen Ort hatte, eher schon waren wir von Walter Benjamins destruktivem Charakter fasziniert, von der Dialektik der Aufklärung, dem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und daß die Existenz der Essenz vorausginge. Leben in Parolen, und so begleitete ich die sozialen Proteste dieser Zeit mit Marx und Sartre im Herzen und mit Hegel und Adorno im Kopf, mit Liedgut der Liedermacher, dem geschätzten Walter Mossmann, aber ebenso mit jener seltsamen Erweckungsmusik im goldenen Cover, mit einer strichartig stilisierten Menschengestalt darauf, die wie ein chinesisches Schriftzeichen anmutete, jenem Logo der Neubauten, und dazu ein Sound, der sich um Tonalität und klassischen Rock nicht scherte.

Und es gab da jene (meist etwas älteren) Experten des Diskurs-Politischen, die diese Platten ins Musikdetail analysieren konnten. Doch mich interessierte diese Musik nicht in all ihren Ausfaltungen, wie das beim Narrensaum der Punk-Musik-Perfektionisten, der absoluten Experten geschah, jene Diedrich-Diederichsenisierung der Musik als Distinktion weckte bei mir nur am Rande Interesse: Die Geburt des Protestes als Geist der Distinktion aus dem Geist des Diskurs-Jugendzimmers. Nein, ich glaubte nicht an die Kraft der Musik im politischen oder diskursstiftenden Sinne – allenfalls für den Augenblick galt das, allenfalls an die welterschließende Kraft der Musik glaubte ich und dachte, diese ausmachen und ins Wort bringen zu müssen und genauer noch: der welterschließenden Kraft der Kunst, der Kunstmusik ihren Ort zu geben. Als bloßes Ästhetisieren.

Eigentlich war da das lʼart pour lʼart, die Kunst um der Kunst willen in ihrer Struktur und ihrem Sein zur Geltung zu bringen, bereits angelegt. Wenn wir auf der Demo gegen die Innenministerkonferenz in Hamburg aus dem Lautsprecherwagen Slime hörten oder Ton Steine Scherben „Die letzte Schlacht gewinnen wir“, so war da zwar ein vages Hoffen, daß es anders werden müßte, aber zugleich ahnte ich als junger Mann bereits, daß ich mit diesen Leuten dort die letzte Schlacht vielleicht gar nicht gewinnen wollte und daß ich da womöglich der Verlierer wäre. Ästhetiker müssen auf der Hut sein – das begriff ich schnell. Wer nicht hurtig in die Engagement-Parolen einfällt, ist flugs weg von der Strecke. Dennoch: Es begleitete diese Zeit ein besonderer Sound, ein Klangteppich. Brokdorf, Gorleben. Hafenstraße, Karoviertel. Alle glücklichen Öffentlichkeiten gleichen einander, jede unglückliche Öffentlichkeit ist auf ihre eigene Weise unglücklich:

„Jeder paßt zuerst und zunächst auf den Anderen auf, wie er sich verhalten, was er dazu sagen wird. Das Miteinandersein im Man ist ganz und gar nicht ein abgeschlossenes, gleich-gültiges Nebeneinander, sondern ein gespanntes, zweideutiges Aufeinander-aufpassen, ein heimliches Sich-gegenseitig-abhören. Unter der Maske des Füreinander spielt ein Gegeneinander.“ (Martin Heidegger, Sein und Zeit, S. 174 f.)

Da war diese Schallplatte. Ich weiß nicht mehr, ob es im Laden von Uli Durchschnitt war oder bei Michelle oder doch nur im Kaufhaus Brinkmann – freilich besaß Brinkmann Anfang der 80er Jahre eine gar nicht einmal so schlechte Musikabteilung. Vermutlich war es aber Michelle, am Gertrudenkirchhof, wo ich diese Platte erstand, ich erinnere mich noch, wie ich damals, früher als Kind mit meinem Vater spazierte und es gruben Tiefbauarbeiter in der Erde, sie gruben und die Schaufel brachte bei der Arbeit Knochen und einen Totenschädel hervor. Mir war, als starrte mich dieses Kopf an. Ich mochte sieben oder acht Jahre gewesen sein. Heute also stehe ich vor dem Plattenladen und es geht ein Wunsch in Erfüllung. Musik sich zu kaufen, das muß man dazu sagen, war damals etwas Besonderes, und Schallplatten waren nicht billig.

Zu Hause angekommen legte ich das kostbare Gut auf den mehr schlechten als brauchbaren Plattenspieler, daran eine Mono-Box angeschlossen war. Musikhören ist Zelebrieren, selbst mit einem Teil aus Schrott. Wie passend, dachte ich mir, während andere diese harte Neubauten Musik mit ihren kostbaren Stereo-Anlagen genossen, schrammelte es bei mir aus dem Lautsprecher heraus. Es dröhnte. Nuancenunterdrückungsmedium, dachte ich mir beim Hören. (Nein, das habe ich mir damals natürlich noch nicht gedacht, das ist Ausdenk-Social-Media, solche Witzwortungetüme kamen bei uns erst später in Mode, im Grunde also die Weiterführung jenes Marquard-Witzes: Inkompetenzkompensationskompetenz, was scharf oder auch mit Ironie die kritische Philosophie der Gesellschaft rügen sollte, und in seinem Witz zwar eine gewisse Wahrheit offenbarte, aber am Ende kritisches Philosophieren doch verfehlt. Schwarzes Denken – schwindelfrei. Womit ich wieder bei Ton und Klang bin, bei jener Kollaps-LP)

Die Musik bestimmte das Medium, das Medium die Musik. Schlagzeug: im wahren Sinne des Wortes. Hämmern auf dem Blech, prügeln mit Zangen, Zwingen und Sägen, ein Stakkato-Sound: Gier, Gier, Gier. Gier nach Gier. Tanz debil, ganz debil. Blixas Stimme, so schneidend. Eine Musik der Ekstase. Ich hätte aufschreiben müssen, was ich mir bei diesem ersten Hören dachte, vielleicht habe ich das auch, aber ich finde alte Aufzeichnungen grundsätzlich nicht wieder, da diese auf irgendeinem Papier, das lose herumlag, notiert wurden, oft ohne Datum, und in einer Schrift, die nicht einmal ich lesen kann, in irgendwelchen Kartons müssen die Zettel verstaut sein. Solcher Text hätte etwas von der ersten Affektion veranschaulicht, noch einmal, in der Wiederholung, wie es damals eingefangen wurde – oder wie es damals war.

Solche Jugendzimmerzustände lassen sich vermutlich nur mit viel Phantasie rekonstruieren. Das erste Stück auf der Rückseite: Zischeln, sprühen, pfeifen, fast wie Jean-Michel Jarre, nur unebener im Zug des Klanges. Was da ertönte, überstieg meine Erwartungen. Ich war glücklich. Ein monotoner Gitarrenanschlag, Doomsday-Dröhnen. Kollaps. Die Hölle der Welt ist los, die Hölle der Gesellschaft, schwarzes Denken, ohne Boden, und ein Klang, der all dem plötzlich Ausdruck gab: Death, Destruction and Detroit Plötzlichkeit, Intensität war für mich damals noch kein rein ästhetischer Begriff, wie man das etwa aus Bohrers Schrift (1981) kannte, sondern sie koppelte sich ans Politische noch, zumindest residual. Contre Bohrer. Wenngleich diese Musik nichts von der Unmittelbarkeitsdarstellung eines Liedermachers hatte, der uns Mut sang oder einfach nur „Die Welt ist schlecht, wir machen sie morgen besser. Heraus, heraus, oh ihr Brüder!“ und auch nichts von der Slime-Peinlichkeit wilder Agitation: „Wir wolln keine, Bullenschweine“.

Peinlicher Politrock. Musik für Hippies, wie ein Punk-Freund sagte. Wenn also diese Musik auch nichts von jenem Engagiert-Politischen hatte, sondern die Destruktion besang, war diese Platte dennoch Ausdruck einer Haltung. Die bei mir zunehmen in eine rein ästhetische Form sich verwandelte. Blixa Bargelds Musik, seine Stimme begleitete mich in die bildende Kunst wie auch in die Texte der neuen Literatur: Peter Handke für die Intensität der Sprache, Thomas Bernhard für das Mäandernd-Schimpfende,  Samuel Beckett für all die Leerläufe und das Spiel mit der Utopie, eine Verhandlung der Möglichkeiten des Dramas unter dem „schwarzen Himmel von Anthropologie“, Werner Schwab für den pointierten Exzeß und das Gegenwartsabsurde: wie man als Klofrau eine Toilette auch ohne Gummihandschuhe reinigt: die Lust, ins Rohr zu fassen – es war gesellschaftlicher Aberwitz: todestrunken und sinnlose Leber; Rainald Goetz dann wiederum funktionierte für ein politisches Abseits in Form einer gesplitteten Subjektivität – wenngleich mir die Goetz-Jünger gehörig auf den Zeiger gingen, man wollte mit diesem Getue am Ende nicht viel am Hut haben. Aber Irre und Kontrolliert waren schon noch besondere Romane damals, etwas womit man, wie in der Musik, ebenso die Riege der altgedienten Literaturkritik zu schockieren vermochte, weil sich da plötzlich eine andere Sprache Bahn brach.

Um diesen Schock, den die Jugendkultur gerne als Rebellion verpackt ging es uns wesentlich. Um zugleich darin die Pose zu erkennen. Zum Glück kam die Adorno-Lektüre vor der von Foucault, und damit war ich einigermaßen gefeit vor einer Philosophie, die bloß als Gestus auftritt. So wie man damals den Foucault zelebrierte, weil man ihn von den Photographien her kannte, Merve-Kultur: Im Dschungel in Berlin, der Mann mit der Lederjacke, im weißen Rolli oder im Seitenprofil, das Kinn auf die Faust gestützt.

Philosophie war in diesen jungen Jahren nicht einfach nur die Arbeit am Text, die man in Merve- und Suhrkamp-Bänden freilich auch leistete, sondern ebenso eine Pose, eine Lebenshaltung, eine Attitüde – in der Habermas oder Apel denkbar ungelitten waren, schon gar nicht, wenn es um die Letztbegründungsansprüche der Vernunft ging. In diesem Sinne behandelte man die Philosophie nicht einfach mehr als Wissenschaft, sondern sie geriet zur Theorie. Und zur Theorie gehörte eben auch der Gestus des Denkens, daß mit den Namen Zuschreibungen verbunden sind – im Grunde also das Gegenteil von emphatischem Text-Philosophieren in hermeneutischer oder dekonstruktiver Absicht.

Philosophennamen handelten wir damals wie Autoquartett-Namen. Kierkegaard sticht Marx, Nietzsche sticht Schopenhauer. Hegel sticht sie alle. Diese erste Platte der Neubauten war für mich wesentlich. Blixa Bargeld führte mich in diese Welt der Destruktion. Andere Musik  führte mich da zum Glück auch wieder hinaus. Dennoch verdanke ich dieser Musik von Blixa Bargeld, ob Halber Mensch, ob Sehnsucht, Der Tod ist ein Dandy oder Armenia viel: nämlich den Sinn für den Stahl, den Sinn für all die Gewitter und die Kälte und ebenso, daß dies allein nicht alles ist, sondern nur als ästhetische Haltung funktioniert.

Auch Blixa Bargeld wurde mit den Jahren hedonistischer. Die Musik wurde tiefer, die Kompositionen ausgefeilter. Diese frühe Neubauten-Platte in Gold freilich war ebenso eine Tiefseefahrt, wenngleich ganz andere Art. Wie es beim süßen Vogel Jugend eben läuft: Tiefe aus Oberflächlichkeit heraus. Das also, was man im Sinne von Kleists Marionettentheater die unwillkürliche Anmut nennen kann. Jugendrebellen müssen zwar posen,  aber sie spielen diese Anmut nicht, sie sind es. Dialektik des Scheins. Man merkt dies bis heute, wenn man solchen schönen jungen Menschen zusieht. Es ist ein altes Vergnügen, doch bleibt es immer neu.

Ein Riß in der Geschichte – Heiner Müller zum 90. Geburtstag

„Und nächtens stürzen sie aus roten Schauern
Des Sternenwinds gleich rasenden Mänaden“
(Georg Trakl)

„Bei den Maschinen werd ich zur Maschine. (…).
Arbeiterrußland, der neue Planet“
(Heiner Müller, Zement)

„Der Aufenthalt in der DDR war in erster Linie ein Aufenthalt in einem Material.“
(Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht)

Aus diesem Material heraus, das dieser Staat bot, sammelte Müller kräftig: Szenen, Gestalten, Mythen und auch das Gegenbild zum Faschismus, die neue Ordnung, die neuen Menschen lieferten ihm die nötigen Geschichten. Bei seinen ersten Dramen „Der Lohndrücker“ und „Die Umsiedlerin“ brachte ihm dies erhebliche Probleme. Ein Gegen-Brecht-Theater gleichermaßen – wenngleich auch das Theater Brechts von den Funktionären kritisch beäugt wurde – und doch vom großen Meister beeinflußt. Aber eben kein Lehrtheater mehr. Müller betrachtete sich in seelenruhiger Gelassenheit die dunkle Seite nicht nur des Sozialismus, sondern auch des Menschen. So schreibt er in seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“: „Tragik war fast gleichbedeutend mit Faschismus. Brechts aufklärerische Pose gegenüber dem Mythos. Die vorsätzliche Blindheit für die dunkle Seite der Aufklärung, ihre Schamteile.“

Müller schuf die geschichtsphilosophische Tragödie – frei nach Benjamins Engel der Geschichte: daß da hinter dem Engel, den ein Sturmwind aus dem Paradies trägt, die Trümmer sich häufen. Bei Müller ist die Geschichte nicht nur einfach das Weltgericht, sondern bereits die (Kleistsche) Schlachtbank und nicht mehr bloß eine Tragödie, sondern die Verzweiflung oder genauer gesagt, ein Bild für die objektive Verzweifelung:

„Ich bin der Engel der Verzweiflung. Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus, die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber. Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei. Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken. Meine Hoffnung ist der letzte Atem. Meine Hoffnung ist die erste Schlacht. Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt. Ich bin der sein wird. Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.“

Aber es blieben Revolte wie auch die Revolution aus. Literatur oder und im besonderen das Theater, mithin die dramatische Dichtung und nicht die epische, ist bei Heiner Müller der Ort, wo diese Fragen ausgetragen werden: in ästhetischer Verdichtung, in gewaltigen Bild- und Textreigen, in wortmächtiger Sprache, wie etwa in „Die Umsiedlerin“. Verse wie in antiker Tragödie. Arbeiter sprechen nicht so. Aber es sind eben doch Arbeiter, die da gezeigt werden und die uns, den Zuschauern, etwas erzählen. Es hat Gründe, daß Müller niemals längere Prosa schrieb. In der dramatischen Dichtung konnte er pointieren, zuspitzen und auf Zeit und Raum ein geschichtliches Szenario verdichten. Doch schuf Müller keine Lehrstücke mehr, sondern geschichtsphilosophische Tragödien lieferte er uns, und aus diesem Grunde eben war ihm auch die DDR ästhetisches Material – wie überhaupt der Materialbegriff und das Sammeln für Müller wesentlich sind. In den (für ihn kurzen) Zeiten des Exils in der Bundesrepublik versiegte die Produktion von Theaterstücken und Müller wandte sich wieder dem Gedicht zu.

„Die christliche Endzeit der MASSNAHME [also Brecht Theaterstück, darin die messianische Erlösung nur noch der Terror einer Entzeit ist, der unendliche Aufschub. Hinweis Bersarin] ist abgelaufen, die Geschichte hat den Prozeß auch die Straße vertagt, auch die Chöre singen nicht mehr, der Humanismus kommt nur noch als Terrorismus vor, der Molotow-Cocktail ist das letzte bürgerliche Bildungserlebnis. Was bleibt: einsame Texte, die auf Geschichte warten. Und das löchrige Gedächtnis, die brüchige Weisheit der Massen, vom Vergessen gleich bedroht. Auf einem Gelände, in dem die LEHRE so tief vergraben und das außerdem vermint ist, muß man gelegentlich den Kopf in den Sand (Schlamm, Stein) stecken, um weiterzusehen. Die Maulwürfe oder der konstruktive Defaitismus.“ (Müller, Verabschiedung des Lehrstücks)

Müller zehrt vom Mythos. Medea, Herakles, Odysseus, Philoktet und insbesondere die tragische Figur des Prometheus, jenes Ersten des menschlichen Heiligenkalenders, wie Marx schrieb, jener Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte und zur Strafe von den Göttern an den Kaukasus gefesselt wurde, und sich verweigerte, als der Held Herakles ihn zu befreien sich anschickte.

„Prometheus, der den Menschen den Blitz ausgeliefert, aber sie nicht gelehrt hatte, ihn gegen die Götter zu gebrauchen, weil er an den Mahlzeiten der Götter teilnahm, die mit den Menschen geteilt weniger reichlich ausgefallen wären, wurde wegen seiner Tat beziehungsweise wegen seiner Unterlassung im Auftrag der Götter von Hephaistos dem Schmied an den Kaukasus befestigt, wo ein hundsköpfiger Adler täglich von seiner immerwachsenden Leber aß.
(…)
Leicht hätte sich Prometheus selbst befreien können, wenn er den Adler nicht gefürchtet hätte, waffenlos und erschöpft von den Jahrtausenden wie er war. Daß er die Freiheit mehr gefürchtet hat als den Vogel, zeigt sein Verhalten bei der Befreiung. Brüllend und geifernd, mit Zähnen und Klauen, verteidigte er seine Ketten gegen den Zugriff des Befreiers. Befreit, auf Händen und Knien, heulend in der Qual der Fortbewegung mit den tauben Gliedmaßen, schrie er nach seinem ruhigen Platz am Stein, unter den Fittichen des Adlers, mit keinem andern Ortswechsel als dem von den Göttern durch gelegentliche Erdbeben verfügten.“

Die DDR war Müllers Schicksal, für solche Art von Literatur ein Glücksort, wenn auch nicht für die Menschen, die unter dieser Diktatur leben mußten. Wobei man auch hier wieder eine schöne Anekdote aus jenen Tagen der Diktatur erzählen kann:

„Als Hermlin im Zentralkommitee nach meinem Stück [Die Umsiedlerin] fragte, war die empörte Antwort, daß die DDR bei mir als Diktatur dargestellt würde. Hermlin sagte: ‚Das verstehe ich nicht, wir haben doch die Diktatur des Proletariats.‘ Das war auch in meinem Denken: eine Diktatur um den Preis des Aufbaus einer neuen Ordnung, die vielleicht noch entwickelbar ist, eine Diktatur gegen die Leute, die meine Kindheit beschädigt hatten. Das eine war für mich das alte Deutschland, und das andere war das wenn auch schlechte neue.“ (Müller, Krieg ohne Schlacht)

Illusionen trüben oft den politischen Blick von Intellektuellen. Die besten Instanzen zur Sicht auf Politik sind sie nicht – was man aktuell am Fall von Robert Menasse sieht: die Abschaffung des Nationsstaates dürfe mehr und schwerwiegender Probleme erzeugen, als daß es Nutzen schaffte. Müllers DDR war, wie auch für Brecht, das bessere Deutschland, und nicht immer wirkte Müller in der DDR rühmlich, von seinen Stasi-Verstrickungen, die er in seiner Autobiographie elegant umschiffte, angefangen, oder etwa in jenen Jahren als Redakteur beim „Sonntag“ in den 50ern. Er war, wie er sich selbst beschreibt, ein Werkzeug, eine Kreatur Johannes R. Bechers, des damaligen Kulturministers der DDR. Dennoch: Müller blieb selbstkritisch und er wußte darum, daß er sich manches Mal verbiegen mußte, wollte er auf den Bühnen gespielt werden:

„Ich konnte mir eine Existenz als Autor nur in diesem Land vorstellen, nicht in Westdeutschland. Ich wollte ja nicht nur dieses Stück [Die Umsiedlerin] geschrieben haben, sondern auch noch andere Stücke schreiben. Knast war keine Alternative, und weggehen war auch keine. Meine eigene Existenz war die als Autor von Theaterstücken, und die Realität eines Theaterstücks ist seine Aufführung.“ (Müller, Krieg ohne Schlacht)

Wenn man in Müllers „Krieg ohne Schlacht“ von jenen Sprachregelungen liest, denen die Kulturpolitik der DDR aufsaß, fühlt man sich freilich sehr an heutige Bilderstürmer, Gendergagaisten und Negerwortsucher erinnert, die Literatur nach bösen Begriffen abfahnden. Glücklicherweise besitzen diese Leute keine politische Macht, und man sollte alles dafür tun, daß dies auch so bleibt. Was passiert, wenn die politische Haltung zur Maßgabe der Kunst wird, kann man an den kulturpolitischen Debatten der DDR zur Kunst sehen. Mit böser Zunge freilich ließe sich dazu auch schreiben: Wenigstens interessiert sich die Politik hier für die Kunst.

Mülleres Sujet ist die Geschichte, die deutsche Geschichte: Von den Tiefen Germanias, vom deutschen Wald, von deutscher Art, von deutschem Krieg und diese Geschichte führt uns eben auch einer der Wege bis kurz vor Moskau, bis hin zur Wolokolamsker Chaussee

„DIE WUNDE HEINE beginnt zu vernarben, schief; WOYZECK ist die offene Wunde. Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt, der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und/oder Hoffnung, daß der Hund als Wolf wiederkehrt. Der Wolf kommt aus dem Süden. Wenn die Sonne im Zenit steht, ist er eins mit unserm Schatten, beginnt, in der Stunde der Weißglut, Geschichte. Nicht eh Geschichte passiert ist, lohnt der gemeinsame Untergang im Frost der Entropie, oder, politisch verkürzt, im Atomblitz, der das Ende der Utopien und der Beginn einer Wirklichkeit jenseits des Menschen sein wird.“ (Heiner Müller, Die Wunde Woyzeck)

Das erst, im letzten Blitz von den Bomben, im Glanz des Elends vom Ende: da erst ist die Posthistoire komplett, ist das Ende der Geschichte, das Ende aller Geschichte. Heiner Müller ist seit 23 Jahren tot.

Dichotomer Schematismus – Max Czollek „Desintegriert Euch!“

Das einzig Gute, das man Max Czolleks Streitschrift Desintegriert Euch! nachsagen kann, ist, daß der Verfasser mit diesem Titel einem breiteren Publikum bekannt wurde – gut allerdings nur für den Autor. Doch nützt auch Publicity nichts, wenn die Thesen Schieflage haben. Denn wesentlich zeichnet sich das Buch durch eine verengte Perspektivierung von Begriffen aus: Heimat, Leitkultur, Integration – dichotomer Schematismus. Ebenso wenig zielführend ist die von Czollek gewählte Leitdifferenz Mehrheitsgesellschaft/migrantische Gesellschaft. Solches Eindampfen komplexer Verhältnisse sowie ein selbstgefälliger und teils schriller Ton machen das Buch zu großen Teilen nicht nur fürs Lesen ermüdend, sondern vor allem ärgerlich, sofern man als Leser an der Sache interessiert ist. Komplexe gesellschaftliche Verhältnisse lösen sich nicht durch Naivität oder Zuspitzungen auf, sondern sie werden verständlich nur, indem man sie analysiert und dadurch ihre Verschlungenheit in den Blick bekommt und ausfaltet. Doch von Differenzierung ist bei Czollek nichts zu lesen, allenfalls wenn er auf die unterschiedlichen Formen jüdischen Lebens in Deutschland kommt, zeichnet sich eine gewisse Weite des Blicks ab. Das verliert sich aber, sobald der Autor auf die heterogene deutsche Gesellschaft blickt.

Hier könnte die Rezension zu Ende sein – das Buch verdient den Kauf nicht. Wer sich im Hinblick auf Judentum wie auch Migration für die Probleme dieser Gesellschaft interessiert, kann sich die Lektüre dieses Buches schenken. Da es aber in Rezensionen üblich ist, Gründe zu liefern, weshalb eine Lektüre lohnt oder nicht lohnt, will ich verraten, weshalb dieses Buch dem Leser ein Rundum-gescheitert-Paket liefert – selbst dort, wo Czollek zuweilen Bedenkenswertes äußert, reißt er diesen Ansatz durchs polemische Dauerfeuer wieder ein. Ärgerlich sind solche Werke vor allem deshalb, weil die Frage des Zusammenlebens in einer Gesellschaft durchaus einen erweiterten Blickwinkel sowie eine intellektuell und philosophisch vertiefende Analyse vertragen hätte.

Die Sache fängt bereits beim Buchtitel an. Er soll ein Thema zwar bündig machen, vielleicht auch rhetorisch pointieren, aber wenn solches Zuspitzen im Text nicht differenzierend eingelöst wird, funktioniert etwas nicht. Im Internet heißt dieses Phänomen Clickbaiting. Mittels reißerischer Slogans wird Zugriff generiert. Im gesellschaftlichen Diskurs nennt sich dies Populismus – der freilich kein explizit rechtes Phänomen ist, sondern eine bestimmte Form der Rede bezeichnet, die es im linken, im rechten, im konservativen, im liberalen Lager gibt. Es ist die Logik des Entweder-Oder, des „Die-oder Wir“. Populistisch gerät eine These etwa dann, wenn der Einzelfall fürs Allgemeine genommen wird, um an solches Reduzieren seine Agenda zu knüpfen. Solche populistischen Figuren finden sich in Czolleks Buch leider zuhauf.

Die komplexe deutsche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit wird entweder als Gedächtnistheater abgetan oder als Wunsch nach Entlastung und Normalisierung, ohne Zwischentöne, ohne daß irgendwie die vielfältigen Aspekte und Debatten überhaupt noch in den Blick gelangen. Etwa die bereits lange vor den 68ern stattgefundenen öffentlichen Diskurse im Rahmen der Auschwitzprozesse und auch zur Frage nach der Verjährung von Verbrechen im Nationalsozialismus. Die eigene Blickverengung schafft die Czolleksche Wirklichkeit.

„Ich bin nämlich der Meinung, dass die Deutschen ihre Verantwortung für die Vergangenheit gründlich missverstanden haben, als sie sich jahrzehntelang eine neue Normalität herbeiphantasierten. Allerspätestens mit der Wahl der AfD in den Bundestag ist das unübersehbar geworden. Ich denke, es lässt sich eine Linie vom schwarz-rot-goldenen Exzess der WM 2006 zur Bundestagswahl 2017 ziehen, was selbstredend nicht der vorherrschenden Deutung entspricht.“

Belege für solche Thesen bleibt er schuldig: wer phantasierte da eine neue Normalität herbei? Wenn ich mir die Gedenkveranstaltungen ansehe, ist vielmehr das Gegenteil der Fall: ganz explizit wird die deutsche Schuld in solchen Szenarien zum Thema gemacht, selbst jene (oft unseligen und sachlich falschen) Parallelführungen zur Gegenwart im Blick auf die AfD bleiben häufig nicht aus.

Schattierungen gibt es bei Czollek nicht. Fans, die 2006 Fußballfahnen schwenkten: alle irgendwie gleich und Zeichen eines neuen Nationalismus und der Normalisierung. Daß zudem sehr unterschiedliche Menschen sich für einen Sport begeisterten, kommt in Czolleks Denken nirgends zum Ausdruck. Daß dieses Schwenken von Fahnen des eigenen Landes etwas ist, was für den Fußballsport spezifisch ist, entgeht Czollek. Im Artikel 22 des Grundgesetzes übrigens heißt es lapidar: „Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.“

Czollekt macht genau das, was er seinem Gegner vorwirft: Schließt dieser von einigen salafistischen Muslimen oder grapschenden, messerbewehrten Arabern in Deutschland auf alle Moslems, so passiert dies Czollek ebenso: Aus „einige“ Deutsche wird „alle“ Deutsche und daraus wird dann eine „Mehrheitsgesellschaft“ konstruiert.

Bei einem Autor, der in der Selbstbezeichnung als Dichter auftritt, hätte man ein Vermögen zur Analyse komplexer Phänomene erwartet und ebenso die Fähigkeit, Schattierungen zu auszumachen. Beispiele für eindimensionales Denken und Pauschalisierungen ziehen sich jedoch durchs gesamte Buch und insofern sind solche Zitate nicht nur Nebenszenen:

„Wenn ich vom Integrationsdenken oder vom Integrationsparadigma schreibe, dann meine ich die Konstruktion eines kulturellen und politischen Zentrums, das sich implizit oder ausdrücklich als deutsch versteht. Ich behaupte, dass das Denken in Kategorien der Integration und Leitkultur die Phantasien von ethnischer Homogenität und kultureller Dominanz nicht nur nicht verhindern kann, sondern seinen Anteil daran hat, dass diese Konzepte nicht auf dem Schrottplatz der Geschichte bleiben, auf den sie gehören. Mit dem Konzept der Desintegration schlage ich ein Gesellschaftsmodell vor, das solche neovölkischen Vorstellungen unmöglich macht.“

Davon einmal ab, wie sich ein Land mit dem Namen Deutschland sonst verstehen soll als deutsch – doch sicherlich nicht als italienisch oder irisch –, impliziert ein Begriff wie Integration sehr unterschiedliche Aspekte und umfaßt zahlreiche Facetten. Gute wie weniger gute. Woher Czollek seine Konstruktion nimmt, diese Begriffe beflügelten Phantasien von ethnischer Homogenität und kultureller Dominanz, möchte man schon gerne wissen und daß er hier mit Beispielen spart, die verallgemeinerungsfähig wären, macht die Sache blutleer. Rhetorische Zuspitzungen bestimmen Czolleks Verfahren, und es bleibt diese immer wieder auftauchende Pauschal-These in seinem Buch eine Behauptung ohne Beleg. Ohne diese Behauptung freilich fällt das Fundament seines Buchs in sich zusammen, und damit auch das tragende Gerüst. Solcher Grobschliff, selbst wenn er in polemischer Absicht erfolgen mag, ist für eine Debatte, die Czollek ersichtlich anzustreben scheint, kaum hilfreich – von der Selbstgerechtigkeit im Ton dieses Buches ganz zu schweigen. Wenn es Czollek denn tatsächlich um eine andere Form ginge, die das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen bestimmt, hätte ein Wechsel der Tonart dem Buch gutgetan. In diesem Sinne reiht sich dieses Buch in jene unrühmliche Werkreihe ein, die für die eigene Gemeinde predigen und von selbiger dann beklatscht werden. Man hört, was man gerne hören will.

Was aber will Czollek? Und weshalb „Desintegration“?

„Das Programm der Desintegration zielt zugleich auf ein jüdisches und ein gesamtgesellschaftliches Anliegen: auf die konkrete Art und Weise, wie Juden und Jüdinnen im deutschen Gedächtnistheater benutzt werden – und auf die Einsicht, dass die Überwindung des Gedächtnistheaters nicht ohne eine grundlegende Kritik am Integrationsdenken gelingen wird.“

Auch hier nimmt Czollek wieder einen Einzelaspekt und generalisiert ihn. Dabei müssen dann zwangsläufig diverse, unterschiedliche Ansätze unter den Tisch fallen, die sich mit der Shoah auseinandersetzen. Ironische Volte dabei ist, daß Czollek hier dicht bei Martin Walsers 1998 gehaltener Friedenspreisrede in Frankfurt ist: Kranzabwurfstellen und Redner, die Auschwitz instrumentalisieren. Ja, all das gibt es in der Tat. Und solches Ritualisieren von Gedenken als Entschärfen monierte bereits Walser in seiner Frankfurter Rede – so zumindest geht eine mögliche Lesart. Daß aber die Ritualisierung auch eine verbindende und verbindliche Funktion hat, entgeht dabei. Denn selbst bei solchen Gedenkritualen, die gleichsam einen zelebrierenden Charakter haben, wie man ihn auch von Gottesdiensten kennt, kann man entgegenhalten, daß bei solchen Veranstaltungen die Kraft und die Möglichkeit politischer Symbole als Kommunikationsmedien übersehen werden. Man kann sicherlich im Bundestag den 27. Januar einfach ausfallen lassen und im Tagesgeschäft fortfahren. Reflektiert ist all das, was Czollek ausführt nicht. Und diese Simplifizierung macht das Buch zu einer mehr als nur ärgerlichen Angelegenheit.

Sicherlich läßt sich, wie Czollek es tut, an der Art, wie nach dem Krieg die NZ-Verbrechen kaum angegangen wurden, vieles monieren. Die Weise jedoch wie Czollek Aspekte auch an Richard von Weizäckers Rede zum 8. Mai kritisiert, ist nicht zielführend. Hier bereits einen Wunsch nach Normalisierung herauszuhören, ist eine zwar mögliche, aber leider einseitige Perspektive. Denn grundsätzlich ist immer der Hinweis möglich, daß man sich mit dieser Art von Selbstkritik eigentlich nur reinwaschen will, um hinterher ungestört weitermachen zu können oder als moralisch integer sich zu präsentieren. Für Czollek steht das Ergebnis bereits vorher und per se fest. Das Problem solcher Form von Kritik jedoch liegt darin, daß der Autor für sich selbst apodiktisch den Ort des richtigen Blicks in Anspruch nimmt und dabei übersieht, daß dies keine absolute Position ist, sondern auch dieser Blick wiederum kritisierbar und in der Art, wie Czollek mit Rhetorik seinen Text auflädt, auch durchschaubar ist. In diesem Verfahren bestimmt dann zwangsläufig ein thesenartige Stakkato das Buch:

„Jedes Integrationsdenken behauptet ein Zentrum, das schon lange nicht mehr der gesellschaftlichen  Realität entspricht, in der ich oder meine Freund*innen leben.“

Auch dieses angenommene Zentrum ist eine Unterstellung. Wo ist es? Selbst in der Parteienlandschaft – und auch innerhalb einer Partei – besteht in den Fragen zur Integration eine derartige Vielfalt, daß sich kaum von einem „Zentrum“ sprechen läßt. Argumentativ baut das Buch Scheingegner auf. Weil es einige solcher Vertreter gibt, die einen eingeschränkten und problematischen Begriff von Integration vertreten, bedeutet dies nicht, daß jedes Integrationsdenken in dieser unidirektionalen Weise verfährt. Czollek scheint es darum zu gehen, bestimmte ihm nicht genehme Begriffe, sei dies der der Integration oder der Heimat, intellektuell nicht mehr satisfaktionsfähig zu machen. Allerdings gibt es für jene, die nach Deutschland einreisen oder jene, die hier Asyl und Schutz suchen und auch bleiben wollen, ein paar Basics: das ist zunächst einmal die Rechtsordnung dieses Landes, aber ebenso dessen Geschichte. Man muß das nicht Integration nennen, man kann gerne auch andere Begriffe dafür finden. Zumindest aber geht es bei solcher Konfrontation unterschiedlicher Kulturen nicht darum, daß der Flüchtling Jodelkurse belegt und Trachtenjanker oder norddeutsches Fischerhemd trägt, , sondern zentral ist zum einen die Rechtsordnung der BRD, das Grundgesetz, der Passus der Religionsfreiheit, wozu eben auch gehört, seine alte Religion abzulegen, die Freiheit der Kunst und der Gleichheit von Mann und Frau. Weiterhin auch die deutsche Sprache.

Da, wo Czollek für sich selbst und für Minderheiten eine fein ziselierte Differenzierung einfordert, spricht er sie seinem Gegenüber ab: Die ganz unterschiedlichen Haltungen etwa auf der Seite von Deutschen, auch migrantischen, und jüdischen Deutschen, auch bei denen, die zur WM 2006 Deutschlandfahnen trugen, werden bei Czollek in eins gepackt. Pluralität wird, wie leider in linken Diskursen sehr oft, für sich selbst zwar in Anspruch genommen, während man das Gegenüber eindimensional und verkürzt darstellt. Daß vielleicht auch das Gegenüber vielfältiger in seinen Ausprägungen sein könnte, darauf kommt Czollek nicht.

Auch was den von Czollek kritisierten Begriff der Leitkultur betrifft, so wird dieser gesellschaftlich kontrovers diskutiert, selbst von solchen, die dem Begriff positiv gegenüberstehen, aber nicht den CSU-Ton anschlagen mögen. Czollek stellt eine Lesart dar und verabsolutiert seinen Horizont. Allein der Hinweis darauf, daß die deutsche Gesellschaft kulturell plural verfaßt ist, reicht nicht aus, um diesen Begriff über Bord zu werfen – zumindest kann Czollek mit Argumenten nicht plausibel machen, weshalb der Begriff ungeeignet ist. Zumal es durchaus noch andere Lesarten gibt, die Leitkultur nicht gegen Pluralität ausspielen, sondern hier einen anderen Sinn setzen. Etwas den Geist der Kritik, der sich von der Kantischen und Hegelschen Aufklärung her bis in die Gegenwart dieses Staatsgebildes, etwa der Kritischen Theorie wie auch im Denken eines Jürgen Habermas, bewahrt hat. Bei einer solch komplexen Perspektivierung würde dann übrigens auch mancher AfDler nicht mehr der Leitkultur entsprechen. In diesem Sinne wäre es also hilfreich, genauer auf die Begrifflichkeiten zu schauen, um zu sehen, was damit gemeint ist.

Übrigens könnte man – Ironie der Sache – gerade bei der Leitkultur sagen, daß hier von Czollek unter der Hand eine neue Leitkultur eingeführt werden soll: nämlich der Begriff einer von der Kultur, der Religion und der Herkunft her pluralen Gesellschaft. Insofern ist es mit solchen Begriffen, die auf den ersten Blick unliebsam erscheinen und die man bannen möchte, nicht einfach. Diese Komplexität bekommt man in der Regel in Polemiken nicht in den Griff. Einem Buch von über 200 Seiten hätte es gutgetan, ab und an die Tonart zu wechseln. Nicht mehr die irgendwie noch fundierte Gegenwartsdiagnose mit sachlichem Ertrag ist das Ziel, sondern ein Pointendauerfeuer. Solche Polemik würde dann noch irgendwie funktionieren, wenn wenigstens die Argumente funktionierten.

Am Thema interessierte Leser wie mich hat Czollek mit seiner schlichten Dichotomisierung bereits in der Einleitung verloren. Ich finde hier das Nölen, das ich bereits von den kulturalistisch-identitären Linken und häufig auch bei Belehrungs-Taz höre. Der Erkenntnisgewinn geht gegen null. Das Buch häuft Klischees und darin gleicht Czollek auf fatale Weise seinen Gegnern.

Einen Titel wie Desintegriert Euch! kann man schreiben, wenn einer bereits voll in die plurale Gesellschaft integriert ist. Czollek steckt mit beiden Beinen im offiziellen Kulturbetrieb Deutschlands, um dann von dieser hohen Warte aus einen Ratschlag zu erteilen, der den meisten Migranten zum Verhängnis wird.

Im literarischen Quartett sagte Marcel Reich-Ranicki einmal „Wissen Sie wo der Lektor war? Ich weiß es! Es hat ihn gar nicht gegeben.“ Hier sollte vom Hanser Verlag ein Buch für den Zeitgeist geschrieben werden. Es ist mit heißer Nadel gestrickt.

Max Czollek: Desintegriert euch! Hanser Verlag, München 2018, ISBN 9783446260276, gebunden, 208 Seiten, 18,00 EUR