Prosa in Bildern, Politik als Poesie – Teju Cole, Blinder Fleck

Der blinde Fleck dient als Metapher für die Paradoxie des Gesichtssinns. Er ist die Stelle des Auges, wo der Sehnerv austritt, er ermöglicht das Sehen. Doch zugleich nimmt das Auge genau an diesem Punkt nichts wahr. Aus einer partiellen Blindheit erst entsteht die Sicht, und normalerweise wird dieser Ausfall des Gesichtsfeldes nicht wahrgenommen, denn das Gehirn gleicht die fehlenden Bildteile aus. Der blinde Fleck steht aber als Buchtitel auch für eine partielle Erblindung die Teju Cole 2011 ereilte. Glücklicherweise nur vorübergehend. Aus dieser Situation heraus entstand auch dieses Buch.

Die Form dieser Prosa zu bestimmen, ist nicht ganz einfach. Rund 158 Texte stehen neben 158 Fotografien. Das Buch ist aber nur bedingt als eine literarische Fiktion zu lesen, obwohl es manche literarischen Momente enthält. Eine kleine Bemerkung auf der Impressum-Seite jedoch weist darauf hin, daß es sich um ein nicht-fiktionales Werk handelt – anders als Coles Erstlingswerk Jeder Tag gehört dem Dieb, darin sich ebenfalls Fotos finden. Doch das dokumentarische Erzählen dort versteht sich bewusst als Fiktion. Erlebnisse und Alltag in Lagos werden ins Erzählen einer Geschichte eingekleidet. Das ist in Blinder Flick nicht der Fall, allein schon durch die unmittelbare Parallelführung von Bild und Text. Fotos von verschiedenen Orten dieser Erde garantieren den Bezug zur Wirklichkeit, aber es gibt keine kontinuierliche Geschichte. Über den Texten steht der jeweilige Name der Stadt oder der Region. Die Bilder stammen von unterschiedlichsten Gegenden der Welt, aus allen fünf Kontinenten.

Cole ist ein Reisender, und er hält mit der Kamera fest, was er an den verschiedenen Orten sieht. Meist sind es unscheinbare Details, Straßenszenen, Häuserwände, Hotelzimmer, Landschaften im Panorama wie das Wadi Qadischa im Libanon: Der Vordergrund zeigt einen Rohbau mit einem schmalen Betonklotz und zwei Ölfässern, weiter entfernt stehen die Häuser des Ortes, in der Ferne breitet sich die grüne Hügellandschaft aus. Im Zusammenspiel von Fotografie und Text geht es nicht zuletzt auch um das, was – metaphorisch gedacht – im blinden Fleck der Fotografie nicht gesehen wird und was insofern die Phantasie des Dichters als Prosa ergänzt. Zum Foto von Wadi Qadischa schreibt er:

„‚Ein Bild sagt mehr als tausend Worte‘ ist ein Kategorienfehler. Es würde auch niemand behaupten, ein Lied sage mehr als tausend Tänze. Bestimmte Lieder können ohne weiteres für sich stehen, andere ebenso gute, gewinnen, wenn ein Tänzer sich auf sie zubewegt.“

An dieses Sichtbare docken auch Coles Texte an, nehmen es zum Anlaß; und sie legen eine weitere Bedeutungsschicht neben der Fotografie frei, die uns das Sichtbare dann in der Interpretation zeigt. Wie es der Titel des Buchs nahelegt, geht es ebenso um das Sehen und um das, was – metaphorisch gedacht – im blinden Fleck der Fotografie nicht gesehen wird und was insofern die Phantasie des Dichters als Prosa ergänzt. Das ist eine spannende Form von Literarisierung: Das Bild von Dingen und Szenen und das sich daran festhakende Bewußtsein. Wenn Cole diese Photographien mit seinen Geschichten auflädt, fühlt sich der Leser an manchen Passagen aus Roland Barthes Die helle Kammer erinnert, nämlich jenes „punctum“, was auch kleines Loch oder Schnitt bedeuten kann und genau jene Stelle anzeigt, die den Betrachter, also in diesem Falle Barthes, besticht: ein herausgegriffener Moment, dem Zufall einerseits geschuldet, aber doch in einer irgendwie gearteten Kompositionsleistung von einem Photographen eingefangen. Ähnlich geschieht diese Sichtung bei Cole.

Seine Bildlektüren leben von diesen Bezügen – Assoziationen aus der Kindheit, wie etwa bei einem Foto aus Lagos, wo sich Cole daran erinnert, wie ihn seine Mutter zwang, ein Blatt Papier fehlerfrei vollzuschreiben, nachdem das ungehorsame Kind auf dem Blatt immer wieder falsch geschriebene Wörter durchstrich. Auch leben diese punktierten, pointierten Text-Bild-Szenen von der Weise, wie Cole Alltagsszenen mit aktueller Politik verknüpft.

„Mit der Schweiz verbinde ich behagliche Ruhe. Es gab zwar mal Krieg, aber das war in der Söldnerzeit, das ist lange her. Heute ist die Schweiz neutral, gesetzt, sicher. Aber ich musste an die neuen schweizerischen Waffen denken und die vielen Orte und Körper, die dem millionenschweren jährlichen Schweizer Waffenabsatz zum Opfer fallen.“

Dazu sehen wir als Foto auf einer weißen Wand über einer Blechtür für technische Anlagen die schwarze Silhouette eines laufenden Cowboys aufgesprüht.

Die Prosastücke sind meist kurz, nicht einmal eine Seite, sie fallen vom Stil her unterschiedlich aus: Anspielungen auf Dichtung, Politisches, Erlebnisse, die sich mit der Photographie verbinden, Alltägliches wie etwa ein Frühlingstag in den USA, in dem Ort Tivoli: da sehen wir frische, zarte Knospen, die Ästen entsprießen im Licht der Sonne:

„Selbst in Amerika ist das Frühjahr japanisch. Es sind nicht nur die Blätter, die wachsen. Die Schatten wachsen auch. Alles wächst. Was im Licht liegt und was das Licht malt. Die Welt mehrt sich, alles wuchert wie Nervenfortsätze.“

Tagebuchnotizen mit lyrischem Einschlag, Beobachtungen, die Unverbundenes verbinden. Wir lesen von Verweise auf die Kunstgeschichte, Coles Sorgen ums Augenlicht.

„Im Frühjahr 2011, kurz vor meinem sechsunddreißigsten Geburtstag, wurde bei mir nach einer vorübergehenden Erblindung eine papilläre Vaskulitis diagnostiziert, und ich musste mich einem Eingriff unterziehen, bei dem einige beschädigte Blutgefäße mit dem Laser verätzt wurden. Danach war das Fotografieren anders. Das Sehen war anders.“

Häufig klingen politische Themen an, aber ebenso griechische Mythen wie die vom (geblendeten) Ödipus – was naheliegend ist, aber bei Cole nicht outriert und banal-bedeutungsschwer wiegt. Ebenso christliche Motive – etwa wenn ein klaffender Riß in einer Kunststofffolie vorm Fenster der Wohnung zu den Wundmalen Jesu und dem ungläubigen Thomas führt und von dort weiter zu einem Gemälde Caravaggios im Schloß Sanssouci, das diese Szene abbildet. Das sind ganz und gar herrliche Verbindungen, weshalb es eine Freude ist, solche Prosa-Miniaturen zu lesen. Der Bezug zwischen Bild und Text ist von lockeren Anspielungen getragen. Das ist gerade für einen photographischen Flaneuer, wie es der Betrieber dieses Blogs ist, eine feine Sache und das schult auch den eigenen Blick – nicht nur fürs Schreiben, sondern auch wenn ich schlendere und auf Motive ziele. Unsere Augen sind es, die ordnen, so Cole. Dies gilt insbesondere für den literarischen Flaneuer, der sich die Szenen des Alltags besieht. Man kann in diesem Kontext von sehen, flanieren, photographieren, und insbesondere, was das Politische wie das Ästhetische betrifft, das ja ebenfalls im Politischen steckt, den Bezug zu Walter Benjamins Passagenwerk und seinen Baudelaire-Essays noch nennen. Der Strom von Bildern und Impressionen, der uns ereilt und das der Photograph in Licht bannt. Und Cole fügt dem Sichtbaren der Fotografie jenes Unsichtbare des Gedankens hinzu, der erst das Bild zu einem Bild macht.

„Aristoteles hat gesagt, die Seele denke nie ohne Bilder. Und Giordano Bruno sprach im Rückgriff auf ihn vom Denken als spekulativem Umgang mit von der Seele entworfenen Bildern.“

Doch was sind solche Bilder ohne Sprache, einfach nur als Bilder? Sätze drücken Sachverhalte aus, auch solche poetischer, imaginierter, fiktiver oder fiktionaler Natur. Was sagen (oder zeigen) uns Bilder? Akte der Interpretation, Akte des Beschreibens? In Coles Buch kommt man ins philosophische Nachdenken über das Verhältnis dieser beiden Medien, freilich ohne daß diese Sache irgendwie schulmeisterlich wirkte.

Genauso aber finden sich lyrische Reflexionen, schließlich ist Cole Dichter, oder fast schon Profan-Komisches in den Texten. Neben dem Bild unter der Überschrift „Wannsee“ heißt es:

„Ich schrieb ihr ‚Das Haus ist angenehm, aber wenige hundert Meter weiter hat Kleist sich erschossen.‘ Sie schrieb zurück: ‚Überall hat sich wenige Meter weiter jemand erschossen.‘“

Das Sarkastisch-Komische weist jedoch auf eine tiefere Schicht in diesem Buch, nämlich das Thema der Gewalt, das diese Foto-Essays immer wieder umkreisen: der IS in Syrien, Massaker in Indonesien, Rassismus in den USA, weltweiter Waffenhandel. In diesem Sinne ist Coles Buch politisch, ohne politisch eingreifend zu sein. Wir sehen eine Fotografie mit weißen Motorjachten auf dem tiefblauen Mittelmeer: Cole assoziiert dazu die blutige Ilias Homers und denkt dabei an ein Meer des Todes – in dem Menschen ertrinken. Solche Deutung ist einerseits pathetisch, doch weist sie auf unterschiedliche Ebenen von Kontext, die einen Ort ausmachten und wie sich Schichten von Bedeutung in einer Fotografie ineinander falten. Cole weiß aber zugleich um das Defizit des Fotos im Feld des Politischen:

„Fotografie taugt nicht zur Darstellung politischer Details oder politischer Tragweite. Die Politik ist eine Frage des Diskurses, und des diskursiven Kompromisses. Die Fotografie kann Gewalt und ihre Folgen zeigen, sie kann lächelnde Gesichter zeigen oder romantische Gefühle. Die Fotografie taugt ganz gut zur Metapher und zur Evokation. Politik aber ist anderswo, schwer in einen Rahmen zu pressen. Allenfalls kann ein fotojournalistisches Motiv etwas vom politischen Theater zeigen. Dabei wird möglicherweise unterschlagen, was an der Politik politisch ist. Leider fasst die Öffentlichkeit solches Bilder oft als politisches Faktum auf.“

Deutlich skeptischer übrigens als Cole sieht Susan Sontag die politischen Möglichkeiten der Fotografie. In ihrem Essayband Über Fotografie – der korrekt eigentlich Gegen Fotografie heißen müßte – schreibt sie:

„Das Fotografieren hat eine chronisch voyeuristische Beziehung zur Welt geschaffen, die die Bedeutung aller Ereignisse einebnet.“

Dieser Skepsis – erst in ihrem Text Die Leiden anderer betrachten modifiziert Sontag ihre Sicht – versucht Cole eine Form von Fotografie gegenzusetzen, der dem Blick des Rezipienten Raum läßt.

Coles Texte sind Denk-Bilder. Meist gelingt ihm diese Faltung von Fotografie und Gedanke, und es entstehen spannende Wechselspiele. Aber das funktioniert nicht immer. Manche Bezüge bleiben beliebig. Wenn auf einer der Fotografien ein VW-Bus vor der Pfarrkirche St. Sebald in Nürnberg parkt und daneben ragt an der Mauer ein in Stein gemeißelt Jesus am Kreuz, so mag diese Szene vielfältige Bezüge eröffnen. Eine im Grunde zufällige und in gewissem Sinne auch surreale Anordnung. Im Text verkoppelt Cole diese Szene zur Bedeutungsschwere: das Autos als unser ständiger Begleiter – mehrfach spielen Autos in den Fotos eine Rolle –, das Kreuz als Sterbebegleiter, der VW als Kraft-durch-Freude-Auto. Doch ich als Leser sehe nicht recht, wie und weshalb es zusammengehört. Was dann auch noch der Abgasskandal sowie der daraus resultierende Fall von VW-Aktien mit einer Kreuzigungsszene zu tun haben, erschließt sich nicht. Der Bezug wirkt bemüht, die Prosa hier überdeterminert. Leider finden Bild und Text in Coles Buch nicht immer zusammen.

Aber im Fluß der Lektüre schadet es nicht, denn solche Passagen, wo die Anordnung brüchig wirkt, sind selten, zumal die gelungenen Fotografien immer auch für sich selbst stehen. Cole ist ein hervorragender Fotograf. Er schafft mit seiner analogen Kamera kleine Meisterwerke. Die Bilder sind auskomponiert, sie sind schön, obwohl sie oft hässliche oder banale Dinge zeigen, die Kamera zoomt meist nahe an den Gegenstand. Wir sehen ein Detail oder eine Straßenszene, jedoch auf keiner der Fotografien existiert ein Bild des Autors – kein „Selfie“.

Der Leser kann sich meist ein eigenes Bild machen, es gibt kaum aufdringlichen Foto-Botschaften, die belehren wollen. Der Leser blättert, schaut und wartet gespannt, was Cole aus dieser Fotografie herausliest. In diesem Sinne muß man das Buch langsam lesen, sich ins Bild vertiefen, dann den Text nehmen und beides im Zusammenspiel wie auch im Verbund mit den eigenen Bildeindrücken auf sich wirken lassen. Schön vor allem, daß in der Literatur die Fotografie endlich ihren Stellenwert erhält. Diese Kombination macht das Buch lesens- und betrachtenswert. Vielleicht ist Teju Coles Blinder Fleck gar ein Stundenbuch – der oft religiöse Kontext zumindest legt es nahe. Eine Übung in Langsamkeit in hektischer Epoche: Bilder und Texte wieder mit dem nötigen Maß an Zeit aufzunehmen, um die Sinne zu schulen, um eigene Gedanken schweifen zu lassen.

Das Wort Phantasie kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet „Erscheinung“, aber auch „Einbildung“ und „Vor-Augen-Stellen“. Eine Fotografie zeigt uns etwas, sie bringt etwas zum Erscheinen, aber erst die Interpreten des Betrachters und, in Coles Fall, die des Erzählers vermag es, sie mit einer besonderen Bedeutung aufzuladen und ein Bild erst zum sprechen zu bringen.

Teju Cole, Blinder Fleck, Hanser Berlin 2018, 352 Seiten, 38,00 EUR, ISBN 978-3-446-25850-1

 

2 Gedanken zu „Prosa in Bildern, Politik als Poesie – Teju Cole, Blinder Fleck

  1. Du hast recht: es ist eine Art Stundenbuch, und zwar eines für Hunderte von Stunden, eine Anleitung zur Bild-Meditation, zum Anfertigen von Gedanken beim Betrachten von Bildern, in diesem Sinne auch eine Schule der Wahrnehmung, die weder lehrmeisterlich Noch theorielastig daherkommt, vielmehr in einem riskant-aufregenden Gegen- und Miteinander von Bild und Wort die Genres mixt, übersteigt und letztlich aufeinander bezieht, in einem immer neu ansetzenden Prozess des Reflektierens die Lücken, die Leerstellen vermisst zwischen den Medien und dabei ein Netzwerk an Themen und Motiven entstehen lässt, das die Einbildungskraft-Kraft des Lesers und Betrachters herausfordert, da es zugleich sprunghaft und verknüpfend organisiert ist, in einer Art kunstvoll-assoziativen Digression der fotografierten Orte und ihrer semantischen Aufladung, weshalb man als Leser und Betrachter dieses Buches einen geistigen Raum durchmisst, von Seite zu Seite, in einem Fortschreiten ohne Eile, vertieft in das „Spiel eines immerzu fliehenden Sinns“, um an dieser Stelle, gleichsam als Abschluss dieses Sarzbandwurms, den nun leider verstorbenen großen Wilhelm Genazino zu zitieren.

    Danke also, dass Du dieses Buch hier vorgestellt hast, das gleichermaßen Leser wie Betrachter befriedigen kann, die vor allem eines schätzen können sollten: den „gedehnten Blick“.

    Gruß Uwe

  2. Danke für diese schönen Ergänzungen – gerade der Begriff der Einbildungskraft, nicht nur als Phantasie, ist hier im Falle Coles in bezug auf seine Bilder und Texte wichtig. Und auch das digressive und zugleich gleitende Moment. Ich halte dieses Buch von Cole für ein ganz zentrales Werk und auch für eine anregende, interessante ästhetische Form, Literatur zu machen und zu gestalten.

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