Atemlose Bilder – Zum 88. Geburtstag von Jean-Luc Godard

„In der Popkultur liegen alle Stücke gleich nah zur leeren Mitte“ (Bersarin)

Kino – das ist die große Täuschung der Sinne, und es ist die wunderbarste Lüge, sieht man einmal von geliebten oder begehrten Objekten ab, die wir assoziativ mit Bedeutungen aufladen – wir Fetischisten wissen, wovon wir sprechen. Bilder sagen: Es ist so. Bilder zeigen, daß es nicht so ist. Film ist ein inzwischen altes, etabliertes und nach wie vor komplexes Medium der Kunst, das wesentlich dazu beitrug, unsere Sehgewohnheiten und Wahrnehmungen aufzubrechen und sie im selben Zug auch wieder zu zementieren.

Film ist ein Medium, das nicht mehr nur im Kino seinen Ort besitzt, sondern inzwischen auch auf kleinen Bildschirmen, die wir bei uns zu Hause aufstellten. Denn es spielt eine bestimmte Sorte Film das Geld nicht mehr ein, wenn sie nur im klassischen Verleih gezeigt würde. David Lynchs skizzenhaftes Material zu „Mulholland Drive“ geriet so umfangreich und ausufernd, daß es selbst eine Fernseh-Serie wie „Twin Peaks“ übersteigt: mit immerhin 30 Folgen in zwei Staffeln. Kein Produzent ist bisher bereit gewesen, ein solches Film-Vorhaben „Mulholland Drive“ zu finanzieren, weder als Serie noch als Mehrteiler im Kino. So blieb nur eine Bilderauswahl übrig, ein Bildrest, welcher 2001 in die Lichtspielhäuser kam. Kino hat seine Tücken.

Kino ist nicht Film. Im Französischen existiert neben „film“ das wunderbare Wort „cinéma“. „Ich mache keine Filme, ich mache Kino“, so sagte Godard einmal.

Die erste Filmvorführung der Welt fand bekanntlich in der Antike in einem ungastlichen Hinterhofkino statt: in Platons Höhle. So erzählt es der Mythos, so erzählt es eine Schrift zum Staats- und Gemeinschaftswesen, die sich mit der Frage nach der Gerechtigkeit befaßt. Neorealismus? Wir nehmen Schatten, wir mit der Leidenschaft wollen aber zugleich bessere beseelte Bilder, die wahren, die „richtigen“ Bilder. Wir gieren nach mehr und wir glauben zugleich. Der Aufstieg ist voller Mühe. Manche wollen die gewohnten Bilder, sie halten die Schatten fürs Wesentliche. Unerkannt, unbekannt. Und dahinter ist nichts, nichts, nichts. Nichts als das ewige Feuer: „Kalt modern und teuer“, wie Tocotronic auf ihrer LP „Schall und Wahn“ dichteten. Wie die wahre Welt zu einer Fabel wurde. Manche freilich wollen ein ganz anders Bild. Das Unerhörte wagen. Westwärts zu, Worstward ho: man kann auch in die Höhe fallen. Wie Lenz im Gebirg. Wir nehmen den für diesen Weg der Reinigung mühsamen Aufstieg in Kauf. Wir existieren inmitten von Bildern, die uns umgeben, wir existieren inmitten von Deutungsanforderungen: wie ein Bild zu lesen sei. Und wir glauben es kaum, aber der Meister solcher Bildfolgen ist heute 88 Jahre alt. Und lebt noch.

Die Geschichte des Films ist im selben Atemzug auch die Geschichte einer bequemen Verstumpfung. Sie erzählt von den Verschattungen und sie zeichnet uns die wunderbare Überblendung der Sinne. Gerne verheddern wir uns in der zerstreuten Rezeptionshaltung und wollen zugleich die radikale Aufklärung über die Welt – in Bild-Sequenzen, die keine Worte sind, wohl aber eine eigene Sprache, in Bild-/Tonspuren als lector in fabula arbeiten wir an den Verstrickungen. Diese Aspekte laufen in dieser Geschichte des Films wie auch in der seiner Wahrnehmung in paralleler Spur. Verzauberung und Lüge. Entgrenzte, verdichtete Wahrnehmung, Zauberbilder. Im Reich der Sinne und auf dem Gebiet der Anschauungen, für die uns noch die Begriffe fehlen, um zu kartographieren, wie auch die Konfektionsware von der Stange: sie alle tummeln sich im Reich des Bilder. Es gibt Filme, die sind sowohl für die Unterhaltung, aber genauso für den Diskurs des Theoretikers geschaffen: Chaplin und Hitchcock, Griffith und de Palma gehören etwa dazu. Dann wiederum existieren Filme, die übersteigen den kontemplativen, versunkenen Blick des Zuschauers und brechen das Auratische der Unterhaltung auf, wie seinerzeit jener Schnitt durchs Auge in Buñuels/Dalis „Ein Andalusische Hund“. Zu dieser Reihe exzeptioneller Werke gehören auch die Filme Jean-Luc Godards. Und zugleich auch nicht, wie uns sein 1960 gedrehtes Manifest „À bout de souffle“ lehrt.

Godards noch vor diesem ersten veröffentlichten Spielfilm gedrehtes Werk „Der kleine Soldat“ (ebenfalls 1960) bezeichnete er im Rückblick als faschistisch. Dies mag – auch im Rahmen des Politischen –, übertrieben erscheinen, zumal der Film für keine Seite Partei nimmt. Denn die algerische FLN und die französische Armee samt ihren Geheimdiensten standen sich in ihrer Brutalität in nichts nach. Diese strukturell so ähnliche Form der Gewalt vermerkt der Film lakonisch. Die landläufige Identifikation mit den Filmhelden allerdings fällt hier schwer. Es gibt nur kalte Charaktere. Allenfalls die Anspielungen auf Kunst, wenn von dem Protagonisten Bruno die Komponisten Bach und Beethoven oder der (freilich politische) Autor Louis Aragon genannt werden, mag als Relikt des bürgerlichen Ästhetizismus durchgehen. Im Laufe der (nicht immer glücklichen) Politisierung Godards erschien ihm dies im Rückblick womöglich als Schwäche. Das Revolutionäre bleibt in diesem Film Einsprengsel; es wird im Modus des Verweisens lediglich gestreift. Etwa wenn einer der arabischen Kombattanten in zwei kurzen Einblendungen die Schriften Maos liest. Darin gerade liegt die Stärke des Films: er nimmt nicht Partei und gerät gerade durch diese Enthaltung zur Parteinahme. Revolution im Film ohne Polit-Trara. Aber die Revolution ist am Ende eine der Bilder, eine des Sehens. Und das ist gut so.

Ästhetisch setzen „Der kleine Soldat“, vor allem aber „Außer Atem“ in der Anordnung von Montage und Mise en Scène neue Maßstäbe. Und bereits in diesem frühen Werk weist der Film auf sein eigenes Medium, wenn da in „Der kleine Soldat“ vom  Protagonisten Bruno der Satz folgt: „Die Fotografie, das ist die Wahrheit. Kino, das ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde.“ Einschuß der Bilder. Aber ist das die Wahrheit? Oder eben doch nur eine bestimmte Perspektivierung? Ein ganz anderer Rhythmus, ein wilder Bildsound bestimmten mit einem Male den Film, obwohl diese beiden frühen Filme Godards von der Story her klassische Sujets aufgriffen.

„Der kleine Soldat“ entstammt dem Genre des Agentenfilms. Was den Plot beider Filme anbelangt, ist die primäre Quelle Hollywood: der klassische, düstere Kriminalfilm, wie in „Außer Atem“ – ohne Happy End, Film noir eben, aber technisch und in ihrer Form treiben diese beiden Filme weit über Hollywoods Standardware hinaus. Insbesondere „Außer Atem“ ist zwar eine Hommage, wie ja auch Truffaut und Wenders einer bestimmten Sorte des amerikanischen Kinos ihre Aufwartung darbrachten. Noch in der Anordnung der Szenen, wenn der Protagonist in „Außer Atem“ vor einem Bogart-Plakat sich vergleicht, an seiner Zigarette ziehend, oder wenn kurz der Schriftzug eines Filmplakates von Aldrich auftaucht, der für einen Augenblick zu lesen ist: „Gefährlich leben bis zum Schluß“, was wohl gut als Motto des Films fungieren kann, dann ist das Anspielung und Programm dieses Filmes. (Und auch die Lichtgestalt des Film-Noir, Jean-Pierre Melville kurz spielt mit.) Und doch verläßt „Außer Atem“ vermittels seiner Konstruktion die B-Movie-Ecke der Kriminalfilme als Konfektionsniveau. Darin kein kulturindustrielles Produkt, sondern Reflexion aufs eigene Medium.

Die Schnitte in „Außer Atem“ – so der von Godard erfundene Jump Cut – und die Kameraführung sind exzeptionell: rasant, ungewöhnlich, neu. Der Blick ist irritiert. Die Geburt eines anderen Kinos (aus dem Geist des aufkeimenden Pop). Während des Dialogs zwischen Michel (Jean Paul Belmondo) und Patrica (Jean Seberg) bei einer Autofahrt durch Paris: die Kamera ist immer seitlich von schräg hinten auf den Hinterkopf Patricias gerichtet, ihr kurzes blondes Haar im Blick, während Michel nicht zu sehen ist. Godard schrieb in seinem lesenswerten Buch „Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos“:

„Ich erinnere mich noch sehr gut, wie dieser berühmte Schnitt zustande kam, der heute immer in Werbefilmen verwendet wird. Wir haben uns alle Einstellungen vorgenommen und systematisch das geschnitten, was wegkonnte, uns dabei aber bemüht, einen Rhythmus einzuhalten. Zum Beispiel gab es da eine Sequenz mit Belmondo und Seberg im Auto – das war gedreht: eine Einstellung auf ihn, eine auf sie, sie antworten einander. Als wir zu dieser Sequenz kamen, die gekürzt werden mußte wie alle anderen auch, haben wir mit der Cutterin Kopf oder Zahl gespielt. Wir haben uns gesagt: Statt ein Stückchen bei ihm und ein Stückchen bei ihr zu kürzen und lauter kurze Einstellungen von beiden zu machen, kürzen wir vier Minuten, indem wir entweder ihn oder sie ganz rausnehmen, und dann schneidern wir einfach eins ans andere, als ob es eine einzige Einstellung wäre. Dann haben wir gelost um Belmondo und Seberg, und Seberg ist dringeblieben.“

Der Einsatz des Lichts (keine Kunstlicht) und die unkonventionelle Kameraführung, die Arbeit mit einer Handkamera nehmen das Dogma-Manifest von 1995 vorweg. Straßen- und Innenszenen wurden weitgehend ohne künstliche Ausleuchtung gedreht. Bei den (wenigen) Nachtszenen wurde ein hochempfindlicher Film verwendet. Das alles hat es in Filmen, die für ein breiteres Publikum gedacht waren, in dieser Form bisher nicht gegeben.

Wie die Kamera auf die Darsteller gerichtet ist und sie in den Blick nimmt, etwa wenn Michel durch das Hotel schreitet, das ist göttlich wie die Citroën Déesse, welche in manchen Einstellungen (leider kurz nur) zu betrachten sind:

„In der D.S. Steckt der Anfang einer neuen Phänomenologie der Zusammenpassung, als ob man von einer Welt der verschweißten Elemente zu einer solchen von nebeneinandergesetzten Elementen überginge, die allein durch die Kraft ihrer wunderbaren Form zusammenhalten, was die Vorstellung von einer weniger schwierig zu beherrschenden Natur wecken soll.“ (Roland Barthes, Mythen des Alltags)

Man kann sich am Blick der Kamera nicht sattsehen. „Außer Atem“ ist in diesem Sinne ein Titel, der zugleich auf unsere Reaktion beim Mitfiebern in Bildern weist. Er nennt, wie es uns beim Zuschauen ergeht. Aber dieses neue Verfahren,  Schnitt und Szenen in eine veränderte Anordnung zu bringen, reicht über das bloß subjektive Moment heraus und hat sein Motiv in der Logik der Sache. Es ist keine bloße Gangstergeschichte, der Plot ist im Grunde nur Aufhänger und Köder. Godard wird dieses Montage-Verfahren weiter ausbauen – und insbesondere in seinen späteren Filmen gesellen sich die Texteinblendungen dazu.

Godards Filme sind mehr als Filme, es sind, neben dem Erzählen und dem Technischen, gleichzeitig theoretische Essays: verfilmte Filmgeschichte. Bei Godard gelingt auf wunderbare Weise die Selbstreferenz des Mediums, ohne dabei in staubtrockene Theorie abzugleiten, Spannung bricht nicht ab. Immerzu telefoniert Michel, beständig ist er in Bewegung und in Unruhe, um an Geld zu kommen. „Außer Atem“ ist, zumindest im Ansatz, bereits ein solcher Film über das Filmen. Die dem ersten Anschein nach seichte Geschichte mag zunächst darüber hinwegtäuschen. Der Plot von „Außer Atem“ ist freilich trivial, eine B-Movie-Gangstergeschichte: die letzten Tage eines kleinen Ganoven, der einen Polizisten erschoß, werden uns gezeigt. Das Außerordentliche dieses Films, sein Spezielles in der Komposition der Bilder erschließt sich insbesondere, wenn man das Remake von 1983, mit Richard Gere und Valérie Kaprisky als Kontrastmittel schaut: „Atemlos“. Es handelt sich bei diesem Stück um filmischen Dreck, taugt aber unbedingt als Anschauungsmaterial, was an einem Remake alles schiefgehen kann. Weshalb es zuweilen jedoch ganz gut ist, sich einen schlechten Film anzuschauen. Das Gute tritt umso stärker in den Blick.

Wer „Außer Atem“ nur als einen Film noir wahrnimmt, übersieht Wesentliches. Der Film ist zwar einerseits kinotypische Unterhaltung, aber über den Aspekt der Form bereits sehr viel mehr. Deutlicher noch und verdichteter geschieht diese Selbstreferenz des Mediums dann in „Die Verachtung“, welchen man als den wohl klassischsten seiner Filme bezeichnen kann.

Allerdings ist „Außer Atem“ ebenso ein Film, der den Klang von Paris einfängt. Aber ist dieses Paris noch jenes Ort der langsam verbleichenden 30er Jahre-Moderne, welche sich residual in die 50er Jahre rettete, die Sartresche Subjektmoderne als filmischer Mythos? Oder aber handelt es sich bereits um den Rhythmus einer ganz anderen Moderne, einer des (Post-)Strukturalismus, der Dekonstruktion von Wörtern und Bildern, wo die in Auflösung sich befindet? Musikalisch wäre hier sicherlich an den Jazz anzuknüpfen. Kein Ausgang aus der Höhle, aber eine Referenz an die Schatten, ohne dabei aber in die Ausweglosigkeit zu gleiten, daß es kein Licht, keine Sonne gäbe.

Wenn die Photographie die Wahrheit ist und wenn das Kino die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde bedeutet, dann heißt das für unsere Epoche, daß die Wahrheit sich beschleunigte. Und wir müssen in dieser Schnelligkeit – heute bürgerte sich dafür philosophisch der Begriff der Akzeleration ein – eine neue Art des Auffassens angewöhnen. Bahn verschafft sich diese Wahrheit jedoch, das bleibt festzuhalten, in einem illusionären Medium. Die Wahrheit nistet sozusagen in den Falten des Scheins. Diese Wahrheit gerät in den weiteren Filmen Godards zunehmend komplexer und sie wird politischer. So in „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca Cola“.

Godard machte ein Kino, das manchmal aufdringlich war, wenn es sich zu sehr politisierte und doch fand Godard im Sinne Brechtscher Verfremdung zugleich die Distanz, so daß diese Bilder eine ganz eigene Sprache, eine eigene Poesie entwickelten. Auch in ihrer Härte.

Photographie qua Twitter
https://twitter.com/Rosa_Lux99/status/1069640914434514944

(Dieser Essay ist eine überarbeitete Fassung meines Godard-Textes vom 6.12.2010)

 

 

10 Gedanken zu „Atemlose Bilder – Zum 88. Geburtstag von Jean-Luc Godard

  1. Von Godard wie auch von Bunuel habe ich wunderschöne Kompilationen. Sollte mal wieder Weekend und Vorname Carmen schauen…

  2. In meiner seligen Studienzeit lief Weekend einmal im Jahr im Programmkino, meist im Doppelpack mit Themroc oder Der diskrete Charme der Bourgeoisie, mitunter auch einem Monty-Python-Klassiker.

  3. Nein, im Film ist keine Wahrheit.

    (Ich muss manchmal lachen wg. Dekonstrukton: Weil mir so vorkommt, als ob beide Übertreibungen zusammen in der Tat einen Sinn ergeben – also die Emphase über a) die Wahrheit im Film und zugleich b) die der Dekonstruktion.

    Mein sozusagen exterministischer Einwand geht dahin, dass sich nichts ändert, wenn man beide Übertreibungen (=a) + b)) ersatzlos streicht. Jedenfalls heute. – Im Jahre 12 nach „Wahrheit und Rechtfertigung“.

  4. Ja, genau so ist es: Wahrheit und Dekonstruktion stehen in einem Verhältnis und sie schließen sich gegenseitig nicht aus. Dazu freilich muß man sich zunächst mal Derridas Wahrheitsbegriff begreifen und ansehen, der keiner der Adäquatio-Theorie ist und auch keiner der Konsenstheorie der Wahrheit. Da liegt das Problem. Insofern ist es ungünstig an Derrida externe Voraussetzungen anzutragen, sondern man muß seine Argumentation nehmen. (Ich habe hier Derrida genommen, weil er der prominenteste Vertreter ist.)

    Ich sage zudem auch nicht, daß Film keine Wahrheit ist oder hat. Ganz im Gegenteil spreche ich dem Film als Kunstwerk Wahrheit zu.

  5. Ja, klar, Sie machen den Fehler, dem Film Wahrheit zuzusprechen. Das ist die Kehrseite der poststrukturalistischen Verwirrung. Einerseits ebnet man den Unterschied zwischen der Fiktion und der Welt der Tatsachen ein, und anderersetis sucht man in der Kunst – statt des schönen Scheins! – die Wahrheit. Wie dröge!

    Dass dieses Denken nicht konsequent wäre, würde man nicht sagen wollen. Aber, mit dem großen Überblicker Hans Magnus Enzensberger zu seufzen: Konsequenz und Irrtum sehen sich nur allzuhäufig zum verwechseln ähnlich.

  6. Bitte einfach mal genau lesen, Dieter Kief. Daß es unterschiedliche Begriffe von Wahrheit gibt, sollte auch Ihnen geläufig sei. Wäre Schein nur Schein, dann wäre er nichts und er verfiele zu recht dem Verdikt Platons. Was sollen wir uns mit dem Bild eines Tisches befassen, wenn wir an einem echten Tisch sitzen können.

    Von Derrida haben Sie ersichtlich nichts gelesen. Können Sie kurz darlegen oder belegen, wo der Unterschied zwischen Fiktion und der Welt der Tatsachen eingeebnet wird? So mit Zitaten meine ich jetzt und konkreten Textangaben und nicht mit Ihren Mutmaßungen.

  7. Und noch einmal, Dieter Kief: Bitte keine Thesen mit Pappkameraden, sondern Bezüge mit Substanz und mit Belegen. Ich möchte schon gerne wissen, wo Derrida oder Foucault diese Einebungen vornehmen. Sonst gerät das so wie diese mehr als bescheuerte Poststrukturalismus-Kritik von René Scheu in der NZZ, darin er viel über seine eigenen Vorurteile preisgibt, wenig jedoch über Derrida. Ich habe lange nicht einen derartigen vor Blödsinn und Fehlern strotzenden Artikel gelesen.

  8. Die Verschiedenheit der Wahrheitsbegriffe ist Teil der Vewirrung, die hier herrscht. Deshalb Habermas‘ gut durchdachter (cf. TdKH und Wahrheit und Rechtfertigung) Vorschlag zur Klarheit: Von Wahrheit nur da schreiben, wo man zeigen kann, dass es eine ist – com grano salis durch Messen. Und in den anderen Fällen das Wahrheits-Pathos und die Lügen-Vorwürfe usw. beiseite lassen und von richtig und unrichtig oder angemessen und unangemssen sprechen.
    (Auch die ins Blinde zielenden Spekulationen lassen, was das Gegenüber gelesen habe).

  9. Dies ist kein Wahrheitsbegriff, sondern hier handelt es sich um Gemessenes, also eine spezielle und abgeleitete Modalität. Diese aber ist ohne höhere Instanzen bzw. Ordnungen und ohne die Denkform gar nicht vorstellbar. Insofern paßt hier der Begriff „Richtigkeit“ besser. Das Gemessene stimmt mit meinem Maßband überein. Davon ab: Wir stehen nicht primär messend in der Welt, sondern sind mit ihr im Umgang. Die Wahrheit des Hammers zeigt sich nicht, indem ich ihn vermesse oder einfach „Hammer“ sage, sondern indem ich ihn benutze. Aber auch das ist nur ein Beispiel und eine Form von Wahrheit. Wie solcher Prozeß von Wahrheit aufgebaut ist, zeigt uns Hegel. Sie ist in der Sprache und doch erschöpft sich Wahrheit nicht in sprachlichen Strukturen. Aussagen können richtig sein, umgangsspachlich und auch in der Philosophie sagen wir: Dieser Satz ist wahr. Wobei auch das schon wieder eine Metaebene ist, die sich auf ein System von Sätzen bezieht. Wahrheit ist, wie Hegel es in der „Phänomenologie“ sagt, keine ausgeprägte Münze, die einfach ausgegeben werden kann. In diesem Sinne ist inzwischen auch die sogenannte Analytische Philosophie in ihren Wahrheitstheorien weiter.

    Mit Hegel kann man insofern gut zeigen, daß die klassische Korrespondenztheorie, aber auch die Konsenstheorie der Wahrheit nur von begrenzter Reichweite ist – etwa in der „Wissenschaft der Logik“ in seiner zweiten Anmerkung in der Rubrik „C. Werden“ zum spekulativen Satz und der Identität von Subjekt und Objekt. Und zwar deshalb, weil sich an diesen Wahrheitsbegriffen immer auch das eingeschränkte Maß zeigt. Die Identität von Subjekt und Objekt gerät am Ende zur Tautologie. Einfach nur Sätze zu nehmen oder aber Sätze über Sätze unterschlägt die grundsätzliche Einbettung solcher Sätze in Sprache, Sprachspiele und Weltverhältnisse.

    Habermas nun will einen metaphysischen (bw. Umfassenden, prozessualen) Wahrheitsbegriff verabschieden. Das gelingt ihm aber nur um den Preis, daß er am Ende mit kleiner Münze und lediglich mit „Richtigkeit“ dasteht. Das jedoch ist ein Teilaspekt und auch wenig erschöpfend. Wahrheit aber ist nicht einfach nur Teil, denn sonst geriete dies zu einem infiniten Regreß, bei dem man nach immer neuen Wahrheitsbedingungen fragen kann, die den Grund für diesen Teilaspekt abgeben. Insofern ist Wahrheit nicht einfach nur das Ziel der Philosophie, sondern vielmehr grundsätzlich ihr Gegenstand, und zwar in einer umfassenden Weise. Womit wir sowohl bei Hegel als auch bei Derrida und damit implizit auch bei der Phänomenologie wären, die es ja in der Husserlschen Konzeption ohne den Mentalismus bzw. psychologische Konstruktionen versucht. In dieser Konstellation sind Sätze eine Spezialform. Der Begriff ist das Medium der Wahrheit, aber nicht die Wahrheit selbst. Und das eben schließt auch bildliche oder andere darstellende (künstlerische) Medien ein, die an er Vollzugsform der Wahrheit teilhaben.

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