Geschichten in den Rauhnächten

Nicht immer mag der Hausherr des Grandhotel Abgrund eine eigene Geschichte erzählen. Für die schöne, seltsame, besinnliche Zeit zwischen den Jahren oder wie man sie auch nennt, bis zum 6. Januar, die Tage, die Rauhnächte, da wo es einen Tick stiller wird und wo die Geschichten, die wir nachts träumen bedeutungsvoll geraten, weil diese Träume einen Blick ins neue Jahr tun – für diese Tage also gibt es feine Erzählungen. Solche über Hybris, Wunsch und Begehren etwa und was geschieht, wenn Wünsche zur Realität gelangen. Diesmal ein schönes Märchen, keine Flaneurgeschichten aus dreckigen Großstädten mit ihren verwilderten Parks, am Rande der unbewohnten, toten Zonen. In der Ein-Mann-Kaserne des Ästhetischen gibt es eine Vielzahl an Fabel und Geschichten aus anderen Zeiten. Traumzeiten, Traumpfade. Waldwege. Und vom Verlust des Schönen.

Der Tannenbaum

Von Hans Christian Andersen

Draußen im Walde stand ein niedlicher, kleiner Tannenbaum; er hatte einen guten Platz, Sonne konnte er bekommen, Luft war genug da, und ringsumher wuchsen viel größere Kameraden, sowohl Tannen als Fichten.

Aber dem kleinen Tannenbaum schien nichts so wichtig wie das Wachsen; er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht um die Bauernkinder, die da gingen und plauderten, wenn sie herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten Erdbeeren auf einen Strohhalm gezogen, dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten: „Wie niedlich klein ist der!“ Das mochte der Baum gar nicht hören.

Im folgenden Jahre war er ein langes Glied größer, und das Jahr darauf war er um noch eins länger, denn bei den Tannenbäumen kann man immer an den vielen Gliedern, die sie haben, sehen, wie viele Jahre sie gewachsen sind. „Oh, wäre ich doch so ein großer Baum wie die andern!“ seufzte das kleine Bäumchen. „Dann könnte ich meine Zweige so weit umher ausbreiten und mit der Krone in die Welt hinausblicken! Die Vögel würden dann Nester zwischen meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind weht, könnte ich so vornehm nicken, gerade wie die andern dort!“

Er hatte gar keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und den roten Wolken, die morgens und abends über ihn hinsegelten. War es nun Winter und der Schnee lag ringsumher funkelnd weiß, so kam häufig ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum weg. Oh, das war ärgerlich! Aber zwei Winter vergingen, und im dritten war das Bäumchen so groß, daß der Hase um es herumlaufen mußte. „Oh, wachsen, wachsen, groß und alt werden, das ist doch das einzige Schöne in dieser Welt!“ dachte der Baum.

Im Herbst kamen immer Holzhauer und fällten einige der größten Bäume; das geschah jedes Jahr, und dem jungen Tannenbaum, der nun ganz gut gewachsen war, schauderte dabei; denn die großen, prächtigen Bäume fielen mit Knacken und Krachen zur Erde, die Zweige wurden abgehauen, die Bäume sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren fast nicht zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Walde hinaus. Wohin sollten sie? Was stand ihnen bevor?

Im Frühjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte sie der Baum: „Wißt ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen begegnet?“ Die Schwalben wußten nichts, aber der Storch sah nachdenkend aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: „Ja, ich glaube wohl; mir begegneten viele neue Schiffe, als ich aus Ägypten flog; auf den Schiffen waren prächtige Mastbäume; ich darf annehmen, daß sie es waren, sie hatten Tannengeruch; ich kann vielmals von ihnen grüßen, sie sind schön und stolz!“

„Oh, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinfahren zu können! Was ist das eigentlich, dieses Meer, und wie sieht es aus?“ „Ja, das ist viel zu weitläufig zu erklären!“ sagte der Storch, und damit ging er. „Freue dich deiner Jugend!“ sagten die Sonnenstrahlen; „freue dich deines frischen Wachstums, des jungen Lebens, das in dir ist!“ Und der Wind küßte den Baum, und der Tau weinte Tränen über ihn, aber das verstand der Tannenbaum nicht.

Wenn es gegen die Weihnachtszeit war, wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die oft nicht einmal so groß oder gleichen Alters mit diesem Tannenbäume waren, der weder Rast noch Ruhe hatte, sondern immer davon wollte; diese jungen Bäume, und es waren gerade die allerschönsten, behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie zum Walde hinaus. „Wohin sollen diese?“ fragte der Tannenbaum. „Sie sind nicht größer als ich, einer ist sogar viel kleiner; weswegen behalten sie alle ihre Zweige? Wohin fahren sie?“

„Das wissen wir! Das wissen wir!“ zwitscherten die Meisen. „Unten in der Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren! Oh, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit, die man sich denken kann! Wir haben in die Fenster gesehen und erblickt, daß sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit den schönsten Sachen, vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug, und vielen hundert Lichtern geschmückt werden.“

„Und dann?“ fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. „Und dann? Was geschieht dann?“ „Ja, mehr haben wir nicht gesehen! Das war unvergleichlich schön!“ „Ob ich wohl bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?“ jubelte der Tannenbaum. Das ist noch besser als über das Meer zu ziehen! Wie leide ich an Sehnsucht! Wäre es doch Weihnachten! Nun bin ich hoch und entfaltet wie die andern, die im vorigen Jahre davongeführt wurden! Oh, wäre ich erst auf dem Wagen, wäre ich doch in der warmen Stube mit all der Pracht und Herrlichkeit!

Und dann? ja, dann kommt noch etwas Besseres, noch Schöneres, warum würden sie mich sonst so schmücken? Es muß noch etwas Größeres, Herrlicheres kommen! Aber was? Oh, ich leide, ich sehne mich, ich weiß selbst nicht, wie mir ist!“

„Freue dich unser!“ sagten die Luft und das Sonnenlicht; „freue dich deiner frischen Jugend im Freien!“ Aber er freute sich durchaus nicht; er wuchs und wuchs, Winter und Sommer stand er grün; dunkelgrün stand er da, die Leute, die ihn sahen, sagten: „Das ist ein schöner Baum!“ und zur Weihnachtszeit wurde er von allen zuerst gefällt. Die Axt hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden, er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er konnte gar nicht an irgendein Glück denken, er war betrübt, von der Heimat scheiden zu müssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war; er wußte ja, daß er die lieben, alten Kameraden, die kleinen Büsche und Blumen ringsumher nie mehr sehen werde, ja vielleicht nicht einmal die Vögel.

Die Abreise hatte durchaus nichts Behagliches. Der Baum kam erst wieder zu sich selbst, als er im Hofe mit andern Bäumen abgeladen wurde und einen Mann sagen hörte: „Dieser hier ist prächtig! Wir wollen nur den!“ Nun kamen zwei Diener im vollen Staat und trugen den Tannenbaum in einen großen, schönen Saal. Ringsherum an den Wänden hingen Bilder, und bei dem großen Kachelofen standen große chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln; da waren Wiegestühle, seidene Sofas, große Tische voll von Bilderbüchern und Spielzeug für hundertmal hundert Taler; wenigstens sagten das die Kinder. Der Tannenbaum wurde in ein großes, mit Sand gefälltes Faß gestellt, aber niemand konnte sehen, daß es ein Faß war, denn es wurde rundherum mit grünem Zeug behängt und stand auf einem großen, bunten Teppich. oh, wie der Baum bebte! Was würde da wohl vorgehen?

Sowohl die Diener als die Fräulein schmückten ihn. An einen Zweig hängten sie kleine, aus farbigem Papier ausgeschnittene Netze, und jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt. Vergoldete Apfel und Walnüsse hingen herab, als wären sie festgewachsen, und über hundert rote, blaue und weiße kleine Lichter wurden in den Zweigen festgesteckt. Puppen, die leibhaft wie die Menschen aussahen – der Baum hatte früher nie solche gesehen -, schwebten im Grünen, und hoch oben in der Spitze wurde ein Stern von Flittergold befestigt. Das war prächtig, ganz außerordentlich prächtig! „Heute abend“, sagten alle, „heute abend wird er strahlen!“ und sie waren außer sich vor Freude. „Oh“ dachte der Baum, „wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl Bäume aus dem Walde kommen, mich zu sehen? Ob die Meisen gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt stehen werde?“ Ja, er wußte gut Bescheid; aber er hatte ordentlich Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen sind für einen Baum ebenso schlimm wie Kopfschmerzen für uns andere.

Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz, welche Pracht! Der Baum bebte in allen Zweigen dabei, so daß eins der Lichter das Grüne anbrannte; es sengte ordentlich. „Gott bewahre uns!“ schrien die Fräulein und löschten es hastig aus. Nun durfte der Baum nicht einmal beben. Oh, das war ein Grauen! Ihm war bange, etwas von seinem Staate zu verlieren; er war ganz betäubt von all dem Glanze. Da gingen beide Flügeltüren auf, und eine Menge Kinder stürzte herein, als wollten sie den ganzen Baum umwerfen, die älteren Leute kamen bedächtig nach; die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, daß es laut schallte; sie tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt und verteilt. „Was machen sie?“ dachte der Baum. Was soll geschehen?“

Die Lichter brannten gerade bis auf die Zweige herunter, und je nachdem sie niederbrannten, wurden sie ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder die Erlaubnis, den Baum zu plündern. Sie stürzten auf ihn zu, daß es in allen Zweigen knackte; wäre er nicht mit der Spitze und mit dem Goldstern an der Decke festgemacht gewesen, so wäre er umgefallen. Die Kinder tanzten mit ihrem prächtigen Spielzeug herum, niemand sah nach dem Baume, ausgenommen das alte Kindermädchen, das zwischen die Zweige blickte; aber es geschah nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen sei.

„Eine Geschichte, eine Geschichte!“ riefen die Kinder und zogen einen kleinen, dicken Mann gegen den Baum hin, und er setzte sich gerade unter ihn, „denn so sind wir im Grünen“, sagte er, „und der Baum kann besonders Nutzen davon haben, zuzuhören! Aber ich erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede- Avede oder die von Klumpe-Dumpe hören, der die Treppen hinunterfiel und doch erhöht wurde und die Prinzessin bekam?“ „lvede-Avede!“ schrien einige, „Klumpe-Dumpe!“ schrien andere. Das war ein Rufen! Nur der Tannenbaum schwieg ganz still und dachte: Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu tun haben?“ Er hatte ja geleistet, was er sollte. Der Mann erzählte von Klumpe-Dumpe, der die Treppen hinunterfiel und doch erhöht wurde und die Prinzessin bekam. Und die Kinder klatschten in die Hände und riefen: „Erzähle, erzähle!“ Sie wollten auch die Geschichte von Ivede-Avede hören, aber sie bekamen nur die von Klumpe-Dumpe. Der Tannenbaum stand ganz stumm und gedankenvoll, nie hatten die Vögel im Walde dergleichen erzählt.

Klumpe-Dumpe fiel die Treppen hinunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der Welt zu!“ dachte der Tannenbaum und glaubte, daß es wahr sei, weil ein so netter Mann es erzählt hatte. „Ja, ja! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter und bekomme eine Prinzessin!“ Und er freute sich, den nächsten Tag wieder mit Lichtern und Spielzeug, Gold und Früchten und dem Stern von Flittergold aufgeputzt zu werden. „Morgen werde ich nicht zittern!“ dachte er. ich will mich recht aller meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe und vielleicht auch die von Ivede-Avede hören.“ Und der Baum stand die ganze Nacht still und gedankenvoll.

Am Morgen kamen die Diener und das Mädchen herein. „Nun beginnt der Staat aufs neue!“ dachte der Baum; aber sie schleppten ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf, auf den Boden und stellten ihn in einen dunklen Winkel, wohin kein Tageslicht schien. „Was soll das bedeuten?“ dachte der Baum. „Was soll ich hier wohl machen? Was mag ich hier wohl hören sollen?“ Er lehnte sich gegen die Mauer und dachte und dachte. Und er hatte Zeit genug, denn es vergingen Tage und Nächte; niemand kam herauf, und als endlich jemand kam, so geschah es, um einige große Kasten in den Winkel zu stellen; der Baum stand ganz versteckt, man mußte glauben, daß er ganz vergessen war.

„Nun ist es Winter draußen!“ dachte der Baum. Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt, die Menschen können mich nicht pflanzen; deshalb soll ich wohl bis zum Frühjahr hier im Schutz stehen! Wie wohlbedacht ist das! Wie die Menschen doch so gut sind! Wäre es hier nur nicht so dunkel und schrecklich einsam! Nicht einmal ein kleiner Hase! Das war doch niedlich da draußen im Walde, wenn der Schnee lag und der Hase vorbeisprang, ja selbst als er über mich hinwegsprang; aber damals mochte ich es nicht leiden. Hier oben ist es doch schrecklich einsam!“

„Piep, piep!“ sagte da eine kleine Maus und huschte hervor; und dann kam noch eine kleine. Sie beschnüffelten den Tannenbaum, und dann schlüpften sie zwischen seine Zweige. „Es ist eine greuliche Kälte!“ sagten die kleinen Mäuse. „Sonst ist hier gut sein; nicht wahr, du alter Tannenbaum?“ „Ich bin gar nicht alt!“ sagte der Tannenbaum; „es gibt viele, die weit älter sind denn ich!“ „Woher kommst du?“ fragten die Mäuse, „und was weißt du?“ Sie waren gewaltig neugierig. „Erzähle uns doch von den schönsten Orten auf Erden! Bist du dort gewesen? Bist du in der Speisekammer gewesen, wo Käse auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke hängen, wo man auf Talglicht tanzt, mager hineingeht und fett herauskommt?“

„Das kenne ich nicht“, sagte der Baum; „aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und die Vögel singen!“ Und dann erzählte er alles aus seiner Jugend. Die kleinen Mäuse hatten früher nie dergleichen gehört, sie horchten auf und sagten: „Wieviel du gesehen hast! Wie glücklich du gewesen bist!“

„Ich?“ sagte der Tannenbaum und dachte über das, was er selbst erzählte, nach. „Ja, es waren im Grunde ganz fröhliche Zeiten!“ Aber dann erzählte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Zuckerwerk und Lichtern geschmückt war. „Oh“, sagten die kleinen Mäuse, „wie glücklich du gewesen bist, du alter Tannenbaum!“ „Ich bin gar nicht alt!“ sagte der Baum; „erst in diesem Winter bin ich aus dem Walde gekommen! Ich bin in meinem allerbesten Alter, ich bin nur so aufgeschossen.“ „Wie schön du erzählst!“ sagten die kleinen Mäuse, und in der nächsten Nacht kamen sie mit vier anderen kleinen Mäusen, die den Baum erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich selbst an alles und dachte: Es waren doch ganz fröhliche Zeiten! Aber sie können wiederkommen, können wiederkommen! Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und bekam doch die Prinzessin; vielleicht kann ich auch eine Prinzessin bekommen.“ Und dann dachte der Tannenbaum an eine kleine, niedliche Birke, die draußen im Walde wuchs; das war für den Tannenbaum eine wirkliche, schöne Prinzessin. „Wer ist Klumpe-Dumpe?“ fragten die kleinen Mäuse. Da erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen, er konnte sich jedes einzelnen Wortes entsinnen; die kleinen Mäuse sprangen aus reiner Freude bis an die Spitze des Baumes. In der folgenden Nacht kamen weit mehr Mäuse und am Sonntage sogar zwei Ratten, aber die meinten, die Geschichte sei nicht hübsch, und das betrübte die kleinen Mäuse, denn nun hielten sie auch weniger davon.

„Wissen Sie nur die eine Geschichte?“ fragten die Ratten. „Nur die eine“, antwortete der Baum; „die hörte ich an meinem glücklichsten Abend, aber damals dachte ich nicht daran, wie glücklich ich war.“ „Das ist eine höchst jämmerliche Geschichte! Kennen Sie keine von Speck und Talglicht? Keine Speisekammergeschichte?“

„Nein!“ sagte der Baum.“ „Ja, dann danken wir dafür!“ erwiderten die Ratten und gingen zu den Ihrigen zurück. Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum: „Es war doch ganz hübsch, als sie um mich herumsaßen, die beweglichen kleinen Mäuse, und zuhörten, wie ich erzählte! Nun ist auch das vorbei! Aber ich werde gerne daran denken, wenn ich wieder hervorgenommen werde.“Aber wann geschah das? Ja, es war eines Morgens, da kamen Leute und wirtschafteten auf dem Boden; die Kasten wurden weggesetzt, der Baum wurde hervorgezogen; sie warfen ihn freilich ziemlich hart gegen den Fußboden, aber ein Diener schleppte ihn gleich nach der Treppe hin, wo der Tag leuchtete. „Nun beginnt das Leben wieder!“ dachte der Baum; er fühlte die frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen, und nun war er draußen im Hofe. Alles ging geschwind, der Baum vergaß völlig, sich selbst zu betrachten, da war so vieles ringsumher zu sehen. Der Hof stieß an einen Garten, und alles blühte darin; die Rosen hingen frisch und duftend über das kleine Gitter hinaus, die Lindenbäume blühten, und die Schwalben flogen umher und sagten: „Quirrevirrevit, mein Mann ist kommen!“ Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie meinten. „Nun werde ich leben!“ jubelte der und breitete seine Zweige weit aus; aber ach, die waren alle vertrocknet und gelb; und er lag da zwischen Unkraut und Nesseln. Der Stern von Goldpapier saß noch oben in der Spitze und glänzte im hellen Sonnenschein. Im Hofe selbst spielten ein paar der munteren Kinder, die zur Weihnachtszeit den Baum umtanzt hatten und so froh über ihn gewesen waren. Eins der kleinsten lief hin und riß den Goldstern ab.

„Sieh, was da noch an dem häßlichen, alten Tannenbaum sitzt!“ sagte es und trat auf die Zweige, so daß sie unter seinen Stiefeln knackten. Der Baum sah auf all die Blumenpracht und Frische im Garten, er betrachtete sich selbst und wünschte, daß er in seinem dunklen Winkel auf dem Boden geblieben wäre; er gedachte seiner frischen Jugend im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen Mäuse, die so munter die Geschichte von Klumpe- Dumpe angehört hatten.

„Vorbei, vorbei!“ sagte der arme Baum. „Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!“ Der Diener kam und hieb den Baum in kleine Stücke, ein ganzes Bund lag da; hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel. Der Baum seufzte tief, und jeder Seufzer war einem kleinen Schusse gleich; deshalb liefen die Kinder, die da spielten, herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten hinein und riefen: „Piff, paff!“ Aber bei jedem Knalle, der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommerabend im Walde oder an eine Winternacht da draußen, wenn die Sterne funkelten; er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige Märchen, das er gehört hatte und zu erzählen wußte – und dann war der Baum verbrannt.

Die Knaben spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte. Nun war der vorbei, und mit dem Baum war es vorbei und mit der Geschichte auch; vorbei, vorbei. Und so geht es mit allen Geschichten

Ein frohes Weihnachtsfest

wünscht AISTHESIS allen gewogenen und geneigten Lerinnen und Lesern dieses Blogs. Besinnliche, friedliche und frohe Weihnachtstage und dazu eines der schönsten deutschen Weihnachtsgedicht, einmal wieder:

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

(Joseph von Eichendorff)

Weihnachtszeit, Gabenzeit – Der Buchtip auf AISTHESIS

Es ließe sich allein über das Thema „Bücher zur Einführungen in die Philosophie“ eine eigenständige Einführung in die Philosophie(geschichte) schreiben, indem man die Herangehensweise von Autoren in den Blick nimmt und in welcher erzählerischen und darstellenden Form diese Autoren Philosophie betrachtet. Schauen wie Philosoph X Philosophie vermittelt – von Weischedels Die philosophische Hintertreppe angefangen über die unterschiedlichen geschichtlichen Zugänge: Blochs Leipziger Vorlesungen, Hegels Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, den Hirschberger und den Störig. Genauso kann man thematisch den Zugang finden, etwa mit Adornos Vorlesungen zur philosophische Terminologie, die ihren Ausgang vom dialektisch-kritischen Philosophieren nehmen oder man fängt mit der Logik der Argumentation an. Da bietet sich Holm Tetens Philosophisches Argumentieren an oder Bruce/Barbone Die 100 wichtigsten Argumente in der Philosophie, Jay Rosenberg Philosophieren. Ein Handbuch für Anfänger, Jonas Pfister Werkzeuge des Philosophierens. Und weiter geht es zu den systematischen Büchern wie etwa Thomas Nagels Kompaktskizze Was bedeutet das alles?(1987) oder dem 2014 von Michael Hampe erschienenen Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik“. Bücher, die einen Zugang zur Philosophie eröffnen wollen, finden sich unzählige – gute wie schlechte. Solche, die bereits eine Perspektive vorgeben und solche, die das Denken überhaupt erst in eine Möglichkeit setzen wollen.

Ich selbst habe mit Arno Anzenbacher Einführung aus dem Herder Verlag begonnen. Es gibt diese Ausgabe noch immer, sie scheint also brauchbar. Ein blaues Buch, so blau wie die Unterwäsche einer Mitschülerin damals in der 11. Klasse. Vielleicht bin ich nur wegen der Farbe zur Philosophie gestoßen. Manchmal hängen Entscheidungen an einem Zufall – jener berühmte Kleistsche Eselsschrei. Geholfen hat mir dieses Werk nur bedingt, denn das abstrakte Nebeneinander von Positionen brachte zwar einen Überblick, wozu dies aber jenseits der Generierung von abfragbarem Wissen gut sein sollte, entzog sich mir. Vielleicht brachte mich zur Philosophie aber auch mein Scheitern an Hegels Phänomenologie des Geistes, das mir mein Philosophielehrer zu Schulzeiten mit einer 4 – deutlich vor Augen führte, um mir dann hilfreich eine Hand zu reichen, wie solche Texte analysierend in eine Struktur zu bringen sind. Es bedarf der Zuwendung.

Sich selbst, seine Motive, sein eigenes Tun in die Reflexion zu bekommen und zugleich beim Lesen davon absehen zu können, um nicht den Horizont zu verengen: Auch das gehört zur Tätigkeit des Philosophen als Person. Er oder sie stehen für ihr Denken ein und mit dem eigenen Kopf, dem eigenen Körper zeugen sie für diese seltsam-wundervolle Tätigkeit des Philosophierens. Philosophie ist nicht einfach nur theoretisch, sondern man ist – im Idealfall – ganz praktisch ins Philosophieren, in die Philosophie verwickelt. Wer über das Gerechte oder das Schöne nachdenkt, tut dies auch mit Ansprüchen, die an die eigene Person erhoben werden.

Nun also eine weitere Einführung, nämlich von Daniel-Pascal Zorn und das Buch heißt auch noch ganz schlicht Einführung in die Philosophie – als gäbe es nicht genug von solchen Büchern. Nicht einmal ein reißerischer Titel prangt da: keine Zeit der Zauberer,  keine wilden Jahre. Und überhaupt lernt man Philosophie nicht am besten durchs Philosophieren? Was bedeutet: indem man die Texte der Philosophie liest oder analog zu Hegels schöner Sentenz „Ferner, abstrakt lernt man denken durch abstraktes Denken.“ So dachte es sich Hegel Über den Vortrag der Philosophie auf Gymnasien.

Aber für dieses Denken braucht es Handreichungen, sozusagen eine Art Vademecum. Denn die Masse an Literatur, an Fragen, an Positionen ragt vorm zukünftigen Philosophen, der zunächst einmal nur ein kleiner Leser ist, wie in Grimms Märchen der Berg der Ewigkeit, an dem das Vöglein seinen Schnabel wetzt. Was machen wir also mit all der Literatur und einem Berg an Traditionen?

Eine der besten Einführungen in die Philosophie, die ich seit langem gelesen habe, ist jene von Daniel-Pascal Zorn, weil sie auf genau diese Fragen, die sich nicht nur Anfänger stellen, eine Antwort sucht. Präzise und aufs Wesentliche bezogen. Es werden da keine falschen Versprechungen gemacht, und trotzdem liest man die Emphase, mit der Zorn von der Philosophie gepackt wurde. Vor allem ist das Buch inspirierend geschrieben, d.h. es stößt eigenes Denken an, es kommt ohne Überwältigungstaktiken und ohne Gelehrsamkeitsgestus aus, die einen Stoffberg als unüberwindliche Autorität auftürmen – ganz im Gegenteil geht es Zorn in diesem Buch darum, diese akademisch-universitären Autoritäten auf ihr rechtes Maß zu setzen. Ebenso fehlt jener Unibluff-Jargon, und Zorn zeigt, daß Philosophie kein intellektuelles Glasperlenspiel ist, was sich in sich selbst genügt – freilich tut er dies ohne zu simplifizieren und ohne falsche Hoffnungen zu streuen.

Darin ist das Buch Aufklärung im besten Sinne: Philosophie ist Arbeit, viel Arbeit. Aber Zorn zeigt zugleich, weshalb es eine Arbeit ist, die sich lohnt. Diese Einführung nennt die Schwierigkeiten, weist insbesondere auf die schwierige Situation des Anfangs. Wer je das erste Mal vor Hegels Wissenschaft der Logik saß, vor Kants Kritik der reinen Vernunft oder Aristotelesʼ Ta metá ta physiká kennt diese große Not: daß man alles gegen die Wand werfen will und es sich im Kopfe dreht. Es ist Krise:

„Was, wenn ich den Text auch nach einer Einführung nicht richtig (oder gar nicht) verstehe? Wann weiß ich, wann ich das richtige Verständnis erreicht habe? Das Versprechen von Weisheit, das schon im Begriff der Philosophie zu stecken scheint, wird vom lohnenden Ziel zur persönlichen Prüfung. Denn wer nicht einmal den Text richtig versteht, wie soll derjenige – oder diejenige – eine darin liegende Weisheit verstehen? Wer zumindest den Text versteht, hat die Möglichkeit, der darin liegenden Weisheit nahe zu kommen. Aber wer noch nicht einmal das schafft, der hat ein für alle Mal die Gewissheit, dass er zu der Weisheit, die die Philosophie ihm verspricht, nichts taugt.“

Genau jene Lage, in der die meisten Anfänger sich befinden. Dabei führt Zorn die Leser in die drei Bestandteile des Philosophiestudiums: Lesen, debattieren, schreiben. Im ersten Teil zeigt er Möglichkeiten, um zu einer anderen Form des Lesens zu finden – ein zentraler Aspekt, den nicht nur Anfänger, sondern insbesondere auch jene, die länger schon im Fach sind, beherzigen sollten. Allein wegen dieses Kapitels, als Einübung in ein anderes Lesen und gegen hermeneutische Horizontverengungen geschrieben, lohnt das Buch:

„Lesenlernen bedeutet hier also nicht gleich: so oder so lesen lernen. Es bedeutet zunächst einmal, dass man lernt, sich kritisch und eigenständig auf die eigene Leseperspektive zu beziehen. Wer das Lesen philosophischer Texte lernen will, muss sich diese Unbefangenheit erst einmal antrainieren. Wir bringen nicht zu wenig, sondern eher zu viel zur Lektüre mit. Wir machen etliche Voraussetzungen, die wir als solche gar nicht reflektieren. Und jede dieser Voraussetzungen kann dazu führen, dass unsere Lektüre sich nach ihnen und nicht nach dem Text ausrichtet, den wir lesen wollen. Sie können den Text verzerren, wie eine Bleikugel ein Gummituch verzerrt, auf das sie geworfen wird. Und dann finden wir nur das im Text wieder, was wir schon kennen – und verkennen das, was für uns unsichtbar wird oder nur noch dunkel und unverständlich erscheint.“

Schnell überformt man beim Lesen den Text mit Vorwissen: Plato = Ideenlehre, Hegel = absoluter Geist und man glaubt die Sache im Sack zu haben. Das Gegenteil aber ist der Fall, man verstellt sich den Blick für die Zwischentöne und die Subtilitäten eines Textes. Gut deutlich wird dies an Platons doch weit komplexer gefaßtem Ideenbegriff, der nicht einfach eine (idealistische) Abstraktion ist. Das Buch eröffnet basale Perspektiven aufs Handwerk des Philosophen, die auch mancher Profi im Rahmen seiner Referenzrahmenbestätigungslektüre inzwischen verlernt hat. Back to the roots sozusagen und ans Phänomen heran. Insofern ist dies ebenso ein Buch für alle, die vom Fach sind und nicht bloß für Erstsemester.

Diese Einführung macht den Blick wieder frei auf die Primärtexte der Philosophie. Kommentare können zwar helfen, aber wer den Zugang zum Primärtext nicht findet, der wird am Ende auch die Sekundärliteratur nicht verstehen. Und vor allem: den Text nicht unter das Raster der vorgefertigten Begriffe zu pressen, sondern wir lernen auf eine erfrischende Art, Philosophen neu zu lesen, indem wir den Text beim Wort nehmen, seine Argumentstruktur wie auch seine Form etwas darzustellen uns genauer ansehen.

Dabei schlägt Zorn drei verschiedene Weisen vor, sich einem Text zu nähern: eine kontextgebundene Lektüre, eine systematische und eine immanente – wobei sich diese Lektüren gegenseitig nicht ausschließen, sondern sich vielmehr ergänzen. Mit dieser offenen Lesehaltung ist für Zorn eine Verantwortung für den Text verbunden, die dem Leser obliegt. Und in diesem Sinne ist das Unterfangen Zorns auch ein ethisches, im Sinne des Ethos sowohl als auch in einem platonischen Sinne des Zusammenstimmens.

Zorn zeigt, was wir dabei gewinnen können, wenn wir unseren Blick ändern und dabei zugleich schärfen. Dies eben impliziert Gerechtigkeit gegenüber dem philosophischen Text: ihm das seine zu geben. Das nämlich, was die Philosophie ausmacht, sind ihre heterogenen Texte, dieses unendliche Gespräch, und nicht ihre Dogmen und ebenso wenig ihre Sekundärtexte, die häufig eine bestimmte Lesart etablieren wollen.

Mit Zorns Einführung findet man ein Buch gegen nachlässiges Lesen, und er zeigt zugleich, daß Texte in bestimmten Hinsichten gelesen und gedeutet werden und daß auch diese Hinsichten Bestandteil von Reflexion werden können. Immanente Lektüre und Kritik im ursprünglichen Wortsinne haben etwas mit Verstehen zu tun, manchmal bedeutet dieses Verstehen auch, daß einem an einem Text etwas nach langen Umwegen oder nach der dritten oder vierten Lektüre erst aufgeht. Lektüren von philosophischen Texten sind nicht abschließbar, sondern offen. Diese Offenheit freilich gewinnen sie nur, wenn auch der Leser sich bei erneuter Lektüre immer wieder offenhält. Dabei ist Philosophie nicht einfach nur eine Methode, sondern ebenfalls eine Praktik, und zwar nicht nur für den, der Philosophie betreibt, sondern ebenso im Text selbst findet sich dieses Moment:

„Philosophie ist mit der Mathematik ebenso verwandt wie mit dem antiken Theater. Sie spricht nicht nur über bestimmte Themen und sucht nicht nur nach Gründen; sie vollzieht dieses Sprechen und diese Suche auch in ihrem Text. Nicht wenige philosophische Texte kann man so als Inszenierungen dessen lesen, worüber sie sprechen. Auf dieser performativen Ebene des Textes spielen entsprechend solche Stilmittel eine Rolle, die wesentlich indirekt oder anzeigend funktionieren. Sie ermöglichen es dem Philosophen, auch noch das, was aus seiner Sicht unsagbar erscheint, im Zusammenspiel von Inhalt und Operation in Erscheinung treten zu lassen.“

Das Verhältnis von Philosophie und Dichtung also, die alte Frage. Wer sich einmal Spinozas Ethik, Platons Dialoge oder Hegels Phänomenologie unter dem Aspekt der Operationalisierung von Inhalten betrachtet, wird bemerken, daß es in all diesen Texten auch auf eine Form des Darstellens und Erzählens ankommt, ohne daß Philosophie deshalb umstandslos zur Literatur würde. (Wer dieses Verhältnis von Inhalt und Operation bzw. die Frage nach der Reflexivität von Philosophie intensivieren möchte, der sei auf Zorns Dissertation „Vom Gebäude zum Gerüst. Entwurf einer Komparatistik reflexiver Figuren in der Philosophie“ verwiesen.)

Aber das Buch ist ebenso als Kritik der Institution Universität geschrieben: um zu sehen, wie ein Studium an Universitäten nicht laufen sollte, und zwar wesentlich von der Struktur des Betriebs her, und wie es laufen könnte, andererseits. Was Zorn am Betrieb kritisiert, gilt nicht nur für die Philosophie, sondern mehr oder weniger für alle Geisteswissenschaften. Philosophieren bedeutet nicht, einfach nur Wissen zu erwerben und seinen „Wissensspeicher“ anzufüllen. Und es heißt auch nicht, dogmatisch zu irgendeinem „denkerischen“ Ismus zu tendieren und dort dann im Studium zu verharren, sondern Philosophie ist Offenheit für den Text, Offenheit des Denkens, Offenheit für neue Formen.

Insofern werden in diesem Buch keine Philosophieschulen dargestellt oder präferiert, sondern es geht ohne Gewichtung und Hierarchie. Zorn zeigt zudem im zweiten Teil, wie wir mit Argumenten statt mit Meinungen, Dogmatismus und Sophismen gute philosophische Gespräche führen können und wie wir den Einsatz rhetorischer Tricks erkennen können – dazu gibt es eine präzise Kurzeinführung in die Lehre des Argumentierens sowie fünf Tips für eine gute Gesprächsführung und ebenso zeigt Zorn, wie man den Fallen der Selbsttäuschung entgeht. Guter philosophischer Dialog entsteht nicht aus dem Nichts, so Zorn, und es gehört dazu neben einiger Vorarbeit die Aufmerksamkeit auf die eigene Rede wie auch auf die Rede der anderen dazu: welche Voraussetzungen mache ich, welche tätigt das Gegenüber?

All dieses Tun und Trachten, was man Philosophieren nennt, wäre aber nichts ohne die Königsdisziplin: Das Schreiben nämlich und am Ende auch das Formulieren eigener Gedanken zu üben und komplexe Zusammenhänge in eine Anordnung zu bringen.

Im Schreiben, so Zorn, zeigt sich „die Praxis der Philosophie selbst, in einem doppelten Sinn: als Praxis, die sich in einer Momentaufnahme ihrer selbst versichert und als Praxis, die über ihren eigenen Vollzug als Praxis reflektiert.“ Schreiben ist Labor und Werkstatt und es kann dieser Anfang gelernt werden kann. Dabei liefert Zorn allerdings kein Trainingsprogramm und er proklamiert auch keinen Königsweg, sondern er zeigt Möglichkeiten, wie man seine Arbeit strukturieren kann. Gerade diese Offenheit, daß also dieses Buch ohne philosophische Schulen und ohne Dogmatik auskommt, macht die Einführung lesenswert. Kein Kantianismus, kein Hegelianismus oder wildes Nietzsche-Dispositiv, sondern die Arbeit des Philosophen steht im Zentrum seiner Aufmerksamkeit.

Insgesamt gilt Zorns kritischer Ansatz, unsere Voreinstellungen zu hinterfragen. Er führt uns vor, daß Philosophie neben dieser Arbeit am Text genauso etwas mit der, wie Roland Barthes es nennt, „Lust am Text“ zu tun hat. Ohne diesen Eros keine Erkenntnis.

„Man kann Platons Symposion betrunken am Ufer eines Sees lesen oder Hölderlins Hyperion unter einem knorrigen Baum im Park, während die Mittagshitze die Luft flirren lässt. Oder man trifft sich im tiefsten Winter am Kamin in einer Hütte in den Bergen und liest Spinoza und Descartes. Man schafft sich einen Raum, in dem Philosophie lebendig sein, atmen kann. In dem das Gespräch die Runde macht und die Texte von Hand zu Hand wandern. In dem manchmal eifrig ins mitgebrachte Notizbuch gekritzelt wird oder eine Debatte ihren Höhepunkt erreicht und es auch mal laut wird.“

Dieses Buch bietet eine Einführung in eine andere Art des Philosophierens, es ist eine Anleitung zum Selbstdenken, zum Sich-Ausprobieren am Text, ohne ins Beliebige zu gleiten: was Hegel die Arbeit des Begriffs nennt und was bei Heidegger in den Bereich eines anderen Denkens führt. Genauso aber das, was Sokrates auf dem Marktplatz von Athen tat: Fragen stellen und das heißt auch, die Kunst des richtigen Fragens zu erlernen. Kurzum: Lesen Sie dieses Buch, es ist ein sehr gutes Buch! Und es ist ein Gewinn für die sowieso feine rote Klostermann-Reihe, insofern passend, daß es die Bandnummer 100 trägt. Lassen wir aber zum Schluß Daniel-Pascal Zorn sprechen:

„Die erste Grundvoraussetzung für die Philosophie, noch vor jeder Bereitschaft zum Lesen, Reden, Schreiben, ist daher: Mut. Den Mut, sich selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen und doch nicht in den Abgrund zu stürzen, der sich darunter auftut. Den Mut, hinter dem scheinbar Komplexen etwas sehr Einfaches und hinter dem scheinbar Einfachen etwas sehr Komplexes wiederzufinden und nicht daran zu verzweifeln, zu zerbrechen oder in Größenwahnsinn zu verfallen. Den Mut, die eigenen Gedanken konstant unter Beobachtung zu halten und auszuhalten, was man sieht, ohne sich in die Sicherheit ein für alle Mal feststehender Wahrheiten zu flüchten. Den Mut, mit einem Wort, von Kant, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Doch niemand hat gesagt, dass man das nur für sich tun kann oder muss. Das Fundament der Philosophie ist der Mut des Einzelnen ebenso wie die Freundschaft der Philosophen. Platons Akademie war ein Hain, ein kleines Wäldchen, in dem man den Gott Akademos ehren oder eben unter einem Baum zusammensitzen konnte.“

In diesem Sinne stiftet Philosophie etwas Gemeinsames und ist damit ein Analogon der Vernunft. Auch in ihrem Dissens.

Daniel-Pascal Zorn: Einführung in die Philosophie, Klostermann Verlag 2018, 134 Seiten, 14,80 €, ISBN 978-3-465-04300-3

 

Rückblich aufs Lesejahr 2018 oder Die ersten zwei von drei Geschenktips

Alle machen Weihnachtstips in Büchern – ich also auch. Eigentlich sollte hier eine Rezension zu Max Czollekts Desintegriert Euch! stehen. Die folgt dann nächstens, zumal sie auch nicht so weihnachtlich-besinnlich ausfallen wird. Aber da christliche Weihnachtszeit ist und da ich Menschen zum Schenken und zum Kaufen animieren möchte – denn im Sinne von Marx‘ Gedanken zum Gebrauchswert bleibt festzustellen: Warenwerte sind wahre Werte –, und wir Vielleser wollen nun einmal unseren kleinen Buchhändler unterstützen: so folgt hier Donnerstag mein Geschenke-Tip. Und weil dieser Tip wieder einmal ein langer Beitrag wird, habe ich bereits diesen ersten Absatz separat gestellt, um unter den magischen 15.000 Zeichen zu bleiben.

Wer nun freilich ganz ungeduldig ist, dem lege ich schon einmal zwei schöne Bücher des Jahres 2018 ans Herz. Einmal aus der Rubrik Belletristik. Nämlich Felicitas Hoppe: Prawda. Eine amerikanische Reise. Darin ist die offensichtlich und wie bereits in vielen Hoppe-Büchern sich autobiographisch fikionalisierend (be)schreibende Autorin auf den Spuren der beiden russischen Schriftsteller Ilja Ilf und Jewgeni Petrow quer durch die USA unterwegs. Auch Ilf und Petrow, dieses seltsame Duo, bereisten1935 während der Weltwirtschaftskrise die USA. Deren Bericht ist vor einigen Jahren in Die Andere Bibliothek erschienen. Hoppe fährt ihnen mit drei Gefährten in einem roten Ford-Transit nach. Dabei geschieht allerlei Seltsames und Komisches. Der Besuch der Fordwerke in Detroit: dort der Blick auf echt arbeitende Arbeiter, die museal besichtigt werden dürfen, und ebenso kommt man mit dem ersten elektrischen Stuhl – sozusagen – in Berührung. Hoppes Witz und ihre Assoziationen sind inspirierend, antreibend. Es ist dies kein klassisches literarisches Reisebuch, sondern Hoppe erfindet gewissermaßen das Reisen neu: als Nachreisen, als Jubilieren vor Landschaft und Menschen. Und Olʼ man river immer, immer immer: Der ewige Mythos.

Zwei schöne Sätze:

„Ein Hoch auf alle Touristen der Welt, immer Hase und Igel in einer Person. Sobald ich von A nach B reisen will, um meinen Blick möglichst ungestört auf das Gute, Wahre und Schöne zu richten, sind die anderen immer schon vor mir da. Ich komme einfach nicht an, ich komme einfach nicht mit, ich komme einfach nicht durch, weder zum Guten noch zum Wahren, zum Schönen schon gar nicht.“

„Denn die Dinge leben länger als wir und werden noch da sein, wenn wir längst nicht mehr sind.“

Auch eine Form von Verdinglichung bei gleichzeitiger Entdinglichung. Reisen – dialektisch.

Felicitas Hoppe: Prawda. Eine amerikanische Reise, Fischer Verlag 2018, EUR 20,00

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Das zweite Buch ist seltsamer Natur. Es ist eine Fiktion und es ist zugleich doch ein Sachbuch, daß die Zeit der 30er und 40er Jahre in Deutschland  in den Blick nimmt, nämlich Helmut Lethen: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt. Die vier sind sich niemals persönlich in längeren Gesprächen begegnet, und doch erfindet Lethen sieben Treffen und Dialoge zwischen diesen Menschen, die im NS-Staat auf unterschiedliche Weise Karriere machten. Von Hermann Göring wurden alle Anfang der 30er Jahre zu Staatsräten ernannt, eine freilich funktionslose Funktion in der Führerdiktatur. Teils agierten diese vier in kleine Regungen widerständisch und doch waren sie Mitläufer, die das Regime am Leben hielten.

Das ist von Lethen pfiffig gemacht. Man bekommt einen Blick aus der Kältekammer, Einsichten in die „Verhaltenslehre der Kälte“, Formbewußtsein als Reizschutz, der zugleich das moralische Empfinden stillstellte, die kühlen Distanz: Ein Ästhetizismus des Bösen, dem Gründgens auf der Theaterbühne nicht abhold war und den er doch im Leben ablehnt oder einfach nicht fähig war umzusetzen. Immer der Gefahr ausgesetzt, als Schwuler von der Bildfläche zu verschwinden. Göring hielt seine schützende Hand über ihn. Carl Schmitt hingegen, der „Kronjurist des Dritten Reiches“, der er am Ende doch nicht war, ist jeglicher Ästhetizismus im Bereich des Rechts abhold, insbesondere seine Freund/Feind-Unterscheidung, von Linken wie Rechten faszinierend teils betrachtet, wollte Schmitt nicht ästhetisch verstanden wissen. Und da kommt es zwischen Gründgens und Schmitt bei einem der Salongespräche zum Streit. Schmitt als Avandgardist auf verlorenem Posten, so Gründgens, den es durch Zufall in die Juristenzunft verschlagen habe:

„Den Vergleich mit den Avantgardisten hätte Gründgens nicht riskieren dürfen. Staatsrat Schmitt mit rotem Kopf: Nie habe er sich in die vorgebliche Autonomie der ästhetischen Praxis geflüchtet. Was die Salon-Avantgardisten veranstalteten, sei doch nur Kinderkram. Erst wagen es diese Scheinradikalen, zivile Normen  zu durchbrechen, wenn dann aber der Rechtsstaat zurückschlägt, berufen sie sich feige auf die Kunstfreiheit.“

Das Schöne an diesem Fabulieren: Man kann als Fiktion verschiedene Positionen durchspielen und erhält dabei doch einen guten Einblick in eine schreckliche Zeit. Lethen macht all das ohne das aufgeregte Tamtam hochgetunter Moralisierungen.

Ein bedenkenswerter Satz:

„Für den Einzelnen war es entlastend, sich das Dritte Reich als ein gigantisches KZ vorzustellen. Die Möglichkeit von Freiräumen impliziert das Vorhandensein von ‚Ermessensspielräumen‘, unterstellt Verantwortung. Nach 1945 war es daher vorteilhaft, sich nicht mehr an Freiräume des Überlebens zu erinnern.“

Helmut Lethen: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt, Rowohlt Berlin 2018, EUR 24,00

 

Die Tonspur zum Sonntag – der Naschmarkt zu Wien

Die Buchstaben [die da im Video gezeigt werden, verkleinert freilich aufs Millimetermaß] transplantierte ich unter die Fingernägel jener Frau. (Raten Sie jetzt: Welcher Film, welche Serie, welche Figur? Hülsen in Plastikplanen, ein Fluß, ein Sägewerk, die schönste Hoteliers-Tochter, die je im Fernsehen auftrat. Abstrakt denken lernt man durch abstraktes Denken. Schuß und Gegenschuß.)

Laufen, wandern, schlendern: schauen mit Nikon in Wien. Aufstand, Widerstand. Marktstand. Waren warten. Parallelbilder. Polis Habsburg. „Drogenreste aus Jugendtagen“.

Prosa in Bildern, Politik als Poesie – Teju Cole, Blinder Fleck

Der blinde Fleck dient als Metapher für die Paradoxie des Gesichtssinns. Er ist die Stelle des Auges, wo der Sehnerv austritt, er ermöglicht das Sehen. Doch zugleich nimmt das Auge genau an diesem Punkt nichts wahr. Aus einer partiellen Blindheit erst entsteht die Sicht, und normalerweise wird dieser Ausfall des Gesichtsfeldes nicht wahrgenommen, denn das Gehirn gleicht die fehlenden Bildteile aus. Der blinde Fleck steht aber als Buchtitel auch für eine partielle Erblindung die Teju Cole 2011 ereilte. Glücklicherweise nur vorübergehend. Aus dieser Situation heraus entstand auch dieses Buch.

Die Form dieser Prosa zu bestimmen, ist nicht ganz einfach. Rund 158 Texte stehen neben 158 Fotografien. Das Buch ist aber nur bedingt als eine literarische Fiktion zu lesen, obwohl es manche literarischen Momente enthält. Eine kleine Bemerkung auf der Impressum-Seite jedoch weist darauf hin, daß es sich um ein nicht-fiktionales Werk handelt – anders als Coles Erstlingswerk Jeder Tag gehört dem Dieb, darin sich ebenfalls Fotos finden. Doch das dokumentarische Erzählen dort versteht sich bewusst als Fiktion. Erlebnisse und Alltag in Lagos werden ins Erzählen einer Geschichte eingekleidet. Das ist in Blinder Flick nicht der Fall, allein schon durch die unmittelbare Parallelführung von Bild und Text. Fotos von verschiedenen Orten dieser Erde garantieren den Bezug zur Wirklichkeit, aber es gibt keine kontinuierliche Geschichte. Über den Texten steht der jeweilige Name der Stadt oder der Region. Die Bilder stammen von unterschiedlichsten Gegenden der Welt, aus allen fünf Kontinenten.

Cole ist ein Reisender, und er hält mit der Kamera fest, was er an den verschiedenen Orten sieht. Meist sind es unscheinbare Details, Straßenszenen, Häuserwände, Hotelzimmer, Landschaften im Panorama wie das Wadi Qadischa im Libanon: Der Vordergrund zeigt einen Rohbau mit einem schmalen Betonklotz und zwei Ölfässern, weiter entfernt stehen die Häuser des Ortes, in der Ferne breitet sich die grüne Hügellandschaft aus. Im Zusammenspiel von Fotografie und Text geht es nicht zuletzt auch um das, was – metaphorisch gedacht – im blinden Fleck der Fotografie nicht gesehen wird und was insofern die Phantasie des Dichters als Prosa ergänzt. Zum Foto von Wadi Qadischa schreibt er:

„‚Ein Bild sagt mehr als tausend Worte‘ ist ein Kategorienfehler. Es würde auch niemand behaupten, ein Lied sage mehr als tausend Tänze. Bestimmte Lieder können ohne weiteres für sich stehen, andere ebenso gute, gewinnen, wenn ein Tänzer sich auf sie zubewegt.“

An dieses Sichtbare docken auch Coles Texte an, nehmen es zum Anlaß; und sie legen eine weitere Bedeutungsschicht neben der Fotografie frei, die uns das Sichtbare dann in der Interpretation zeigt. Wie es der Titel des Buchs nahelegt, geht es ebenso um das Sehen und um das, was – metaphorisch gedacht – im blinden Fleck der Fotografie nicht gesehen wird und was insofern die Phantasie des Dichters als Prosa ergänzt. Das ist eine spannende Form von Literarisierung: Das Bild von Dingen und Szenen und das sich daran festhakende Bewußtsein. Wenn Cole diese Photographien mit seinen Geschichten auflädt, fühlt sich der Leser an manchen Passagen aus Roland Barthes Die helle Kammer erinnert, nämlich jenes „punctum“, was auch kleines Loch oder Schnitt bedeuten kann und genau jene Stelle anzeigt, die den Betrachter, also in diesem Falle Barthes, besticht: ein herausgegriffener Moment, dem Zufall einerseits geschuldet, aber doch in einer irgendwie gearteten Kompositionsleistung von einem Photographen eingefangen. Ähnlich geschieht diese Sichtung bei Cole.

Seine Bildlektüren leben von diesen Bezügen – Assoziationen aus der Kindheit, wie etwa bei einem Foto aus Lagos, wo sich Cole daran erinnert, wie ihn seine Mutter zwang, ein Blatt Papier fehlerfrei vollzuschreiben, nachdem das ungehorsame Kind auf dem Blatt immer wieder falsch geschriebene Wörter durchstrich. Auch leben diese punktierten, pointierten Text-Bild-Szenen von der Weise, wie Cole Alltagsszenen mit aktueller Politik verknüpft.

„Mit der Schweiz verbinde ich behagliche Ruhe. Es gab zwar mal Krieg, aber das war in der Söldnerzeit, das ist lange her. Heute ist die Schweiz neutral, gesetzt, sicher. Aber ich musste an die neuen schweizerischen Waffen denken und die vielen Orte und Körper, die dem millionenschweren jährlichen Schweizer Waffenabsatz zum Opfer fallen.“

Dazu sehen wir als Foto auf einer weißen Wand über einer Blechtür für technische Anlagen die schwarze Silhouette eines laufenden Cowboys aufgesprüht.

Die Prosastücke sind meist kurz, nicht einmal eine Seite, sie fallen vom Stil her unterschiedlich aus: Anspielungen auf Dichtung, Politisches, Erlebnisse, die sich mit der Photographie verbinden, Alltägliches wie etwa ein Frühlingstag in den USA, in dem Ort Tivoli: da sehen wir frische, zarte Knospen, die Ästen entsprießen im Licht der Sonne:

„Selbst in Amerika ist das Frühjahr japanisch. Es sind nicht nur die Blätter, die wachsen. Die Schatten wachsen auch. Alles wächst. Was im Licht liegt und was das Licht malt. Die Welt mehrt sich, alles wuchert wie Nervenfortsätze.“

Tagebuchnotizen mit lyrischem Einschlag, Beobachtungen, die Unverbundenes verbinden. Wir lesen von Verweise auf die Kunstgeschichte, Coles Sorgen ums Augenlicht.

„Im Frühjahr 2011, kurz vor meinem sechsunddreißigsten Geburtstag, wurde bei mir nach einer vorübergehenden Erblindung eine papilläre Vaskulitis diagnostiziert, und ich musste mich einem Eingriff unterziehen, bei dem einige beschädigte Blutgefäße mit dem Laser verätzt wurden. Danach war das Fotografieren anders. Das Sehen war anders.“

Häufig klingen politische Themen an, aber ebenso griechische Mythen wie die vom (geblendeten) Ödipus – was naheliegend ist, aber bei Cole nicht outriert und banal-bedeutungsschwer wiegt. Ebenso christliche Motive – etwa wenn ein klaffender Riß in einer Kunststofffolie vorm Fenster der Wohnung zu den Wundmalen Jesu und dem ungläubigen Thomas führt und von dort weiter zu einem Gemälde Caravaggios im Schloß Sanssouci, das diese Szene abbildet. Das sind ganz und gar herrliche Verbindungen, weshalb es eine Freude ist, solche Prosa-Miniaturen zu lesen. Der Bezug zwischen Bild und Text ist von lockeren Anspielungen getragen. Das ist gerade für einen photographischen Flaneuer, wie es der Betrieber dieses Blogs ist, eine feine Sache und das schult auch den eigenen Blick – nicht nur fürs Schreiben, sondern auch wenn ich schlendere und auf Motive ziele. Unsere Augen sind es, die ordnen, so Cole. Dies gilt insbesondere für den literarischen Flaneuer, der sich die Szenen des Alltags besieht. Man kann in diesem Kontext von sehen, flanieren, photographieren, und insbesondere, was das Politische wie das Ästhetische betrifft, das ja ebenfalls im Politischen steckt, den Bezug zu Walter Benjamins Passagenwerk und seinen Baudelaire-Essays noch nennen. Der Strom von Bildern und Impressionen, der uns ereilt und das der Photograph in Licht bannt. Und Cole fügt dem Sichtbaren der Fotografie jenes Unsichtbare des Gedankens hinzu, der erst das Bild zu einem Bild macht.

„Aristoteles hat gesagt, die Seele denke nie ohne Bilder. Und Giordano Bruno sprach im Rückgriff auf ihn vom Denken als spekulativem Umgang mit von der Seele entworfenen Bildern.“

Doch was sind solche Bilder ohne Sprache, einfach nur als Bilder? Sätze drücken Sachverhalte aus, auch solche poetischer, imaginierter, fiktiver oder fiktionaler Natur. Was sagen (oder zeigen) uns Bilder? Akte der Interpretation, Akte des Beschreibens? In Coles Buch kommt man ins philosophische Nachdenken über das Verhältnis dieser beiden Medien, freilich ohne daß diese Sache irgendwie schulmeisterlich wirkte.

Genauso aber finden sich lyrische Reflexionen, schließlich ist Cole Dichter, oder fast schon Profan-Komisches in den Texten. Neben dem Bild unter der Überschrift „Wannsee“ heißt es:

„Ich schrieb ihr ‚Das Haus ist angenehm, aber wenige hundert Meter weiter hat Kleist sich erschossen.‘ Sie schrieb zurück: ‚Überall hat sich wenige Meter weiter jemand erschossen.‘“

Das Sarkastisch-Komische weist jedoch auf eine tiefere Schicht in diesem Buch, nämlich das Thema der Gewalt, das diese Foto-Essays immer wieder umkreisen: der IS in Syrien, Massaker in Indonesien, Rassismus in den USA, weltweiter Waffenhandel. In diesem Sinne ist Coles Buch politisch, ohne politisch eingreifend zu sein. Wir sehen eine Fotografie mit weißen Motorjachten auf dem tiefblauen Mittelmeer: Cole assoziiert dazu die blutige Ilias Homers und denkt dabei an ein Meer des Todes – in dem Menschen ertrinken. Solche Deutung ist einerseits pathetisch, doch weist sie auf unterschiedliche Ebenen von Kontext, die einen Ort ausmachten und wie sich Schichten von Bedeutung in einer Fotografie ineinander falten. Cole weiß aber zugleich um das Defizit des Fotos im Feld des Politischen:

„Fotografie taugt nicht zur Darstellung politischer Details oder politischer Tragweite. Die Politik ist eine Frage des Diskurses, und des diskursiven Kompromisses. Die Fotografie kann Gewalt und ihre Folgen zeigen, sie kann lächelnde Gesichter zeigen oder romantische Gefühle. Die Fotografie taugt ganz gut zur Metapher und zur Evokation. Politik aber ist anderswo, schwer in einen Rahmen zu pressen. Allenfalls kann ein fotojournalistisches Motiv etwas vom politischen Theater zeigen. Dabei wird möglicherweise unterschlagen, was an der Politik politisch ist. Leider fasst die Öffentlichkeit solches Bilder oft als politisches Faktum auf.“

Deutlich skeptischer übrigens als Cole sieht Susan Sontag die politischen Möglichkeiten der Fotografie. In ihrem Essayband Über Fotografie – der korrekt eigentlich Gegen Fotografie heißen müßte – schreibt sie:

„Das Fotografieren hat eine chronisch voyeuristische Beziehung zur Welt geschaffen, die die Bedeutung aller Ereignisse einebnet.“

Dieser Skepsis – erst in ihrem Text Die Leiden anderer betrachten modifiziert Sontag ihre Sicht – versucht Cole eine Form von Fotografie gegenzusetzen, der dem Blick des Rezipienten Raum läßt.

Coles Texte sind Denk-Bilder. Meist gelingt ihm diese Faltung von Fotografie und Gedanke, und es entstehen spannende Wechselspiele. Aber das funktioniert nicht immer. Manche Bezüge bleiben beliebig. Wenn auf einer der Fotografien ein VW-Bus vor der Pfarrkirche St. Sebald in Nürnberg parkt und daneben ragt an der Mauer ein in Stein gemeißelt Jesus am Kreuz, so mag diese Szene vielfältige Bezüge eröffnen. Eine im Grunde zufällige und in gewissem Sinne auch surreale Anordnung. Im Text verkoppelt Cole diese Szene zur Bedeutungsschwere: das Autos als unser ständiger Begleiter – mehrfach spielen Autos in den Fotos eine Rolle –, das Kreuz als Sterbebegleiter, der VW als Kraft-durch-Freude-Auto. Doch ich als Leser sehe nicht recht, wie und weshalb es zusammengehört. Was dann auch noch der Abgasskandal sowie der daraus resultierende Fall von VW-Aktien mit einer Kreuzigungsszene zu tun haben, erschließt sich nicht. Der Bezug wirkt bemüht, die Prosa hier überdeterminert. Leider finden Bild und Text in Coles Buch nicht immer zusammen.

Aber im Fluß der Lektüre schadet es nicht, denn solche Passagen, wo die Anordnung brüchig wirkt, sind selten, zumal die gelungenen Fotografien immer auch für sich selbst stehen. Cole ist ein hervorragender Fotograf. Er schafft mit seiner analogen Kamera kleine Meisterwerke. Die Bilder sind auskomponiert, sie sind schön, obwohl sie oft hässliche oder banale Dinge zeigen, die Kamera zoomt meist nahe an den Gegenstand. Wir sehen ein Detail oder eine Straßenszene, jedoch auf keiner der Fotografien existiert ein Bild des Autors – kein „Selfie“.

Der Leser kann sich meist ein eigenes Bild machen, es gibt kaum aufdringlichen Foto-Botschaften, die belehren wollen. Der Leser blättert, schaut und wartet gespannt, was Cole aus dieser Fotografie herausliest. In diesem Sinne muß man das Buch langsam lesen, sich ins Bild vertiefen, dann den Text nehmen und beides im Zusammenspiel wie auch im Verbund mit den eigenen Bildeindrücken auf sich wirken lassen. Schön vor allem, daß in der Literatur die Fotografie endlich ihren Stellenwert erhält. Diese Kombination macht das Buch lesens- und betrachtenswert. Vielleicht ist Teju Coles Blinder Fleck gar ein Stundenbuch – der oft religiöse Kontext zumindest legt es nahe. Eine Übung in Langsamkeit in hektischer Epoche: Bilder und Texte wieder mit dem nötigen Maß an Zeit aufzunehmen, um die Sinne zu schulen, um eigene Gedanken schweifen zu lassen.

Das Wort Phantasie kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet „Erscheinung“, aber auch „Einbildung“ und „Vor-Augen-Stellen“. Eine Fotografie zeigt uns etwas, sie bringt etwas zum Erscheinen, aber erst die Interpreten des Betrachters und, in Coles Fall, die des Erzählers vermag es, sie mit einer besonderen Bedeutung aufzuladen und ein Bild erst zum sprechen zu bringen.

Teju Cole, Blinder Fleck, Hanser Berlin 2018, 352 Seiten, 38,00 EUR, ISBN 978-3-446-25850-1

 

Die Tonspur zum Samstag – oder der 75. Geburtstag von Jim Morrison

He he: „No One Here Gets Out Alive“ war mein Lieblingsslogan, obwohl ich in den seligen Punktagen die Doors eher scheiße fand. Hippiekram eben. Wie Slime.Gedöhns.

Inzwischen bin ich mit den Doors versöhnt. Vielleicht durch den herrlichen Film Apokalypse Now (Sie erinnern sich: Wenn man zum Surfen mit Wagners Wallkürenritt einreitet). Im Auftakt erst der seichte Gitarrenstoß und als da so gemählich und zischelnd das Ridebecken und Glöckchen klangen, dann wieder die Gitarre einsetze, und da liegt ein Mann auf dem Bett, er schaut an die Decke, der Ventilator dreht sich und dreht und der Blick des Mannes verliert sich in dieses Quirlen bis aus den Flügen des Ventilators Rotorblätter werden. Ein faszinierender Filmanfang und besser konnten sich das System Pop, Protest, Politik und die Ästhetisierung des Außerordentlichen nicht koppeln.

Im Winter 1987 besuchte ich mit zwei Freundinnen in Paris auf dem Friedhof Père Lachaise das Grab des schönen Sängers. Damals war die Büste noch nicht gestohlen und frei zugänglich. Irgendwo im Ordner des Jahres 1986 müssen noch Kodak- oder Ilford-Negative von der Büste und dem Friedhof lagern. Es lungerte und lümmelte dort am Grab immer eine Meute Langhaariger herum, die rauchten und tranken. Unangenehm und meinen Widerwillen erregend. Einige davon waren Deutsche, eine schmutzige Frau, zwei runtergekommene Männer, die betrunken grölten, die dann, nachdem sie lange genug am Grab gehockt hatten, lärmend und singend über den Friedhof zogen, daß die schwarzgekleideten Witwen, die französischen Frauen, wie man sie noch aus alten Filmen kennt, aus ihrer Trauer aufgeschreckten, verstört und mißmutig blickten sie drein, wagten aber nichts zu sagen. Es war eine unendlich peinliche Szene. „Deutsche Besatzer in Paris!“ rief ich den schmutzigen Hippies zu. Sie schauten ärgerlich, drohten. Wir machten, daß wir fortkamen. Nein, ich habe an die Fan-Meute der Doors keine gute Erinnerung. Doorsfans erschienen mir als ein Gemisch aus schlecht angelesenem Nietzsche, einem faden Musikgeschmack und dazu ein Hang zu gräßlicher Mode. Aber der läßt sich vielleicht am ehesten noch entschuldigen, denn diesen Hang besaßen damals viele. Und was anderes ist Pop-Kultur als die Zelebration des schlechten Stils.

Heute ist es anders, wir schreiben das Jahr 2017, als ich zuletzt in Paris weilte, war es ruhig am Grab, ab und an ein paar Fans oder Touristen, sie wirkten fast wie Verirrte. Die schauen, manche legen Blumen nieder. Mich hat nie etwas mit Jim Morrison verbunden. Blumen legte ich auf Becketts Grab auf dem Montmartre. (Davon hier ein andermal mehr.) Seine Musik fand ich zunächst nur über das Doors-Stück in Coppolas Film und dann erst in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts interessant und dies vermutlich auch nur wegen des Filmes von Oliver Stone. Die Texte der Band halte ich bis heute, wie eigentlich das meiste im System Pop, für kunstgewerblich. Rilke für Anfänger. Wen aber die Musen verschmähen, den küssen die Drogen.

Zum 75. Geburtstag von Jim Morrison nehmen wir dieses hier. Es ist Apokalypse. Zeit der Umkehr. Beckett-Szenario, dachte ich mir damals, als ich in Jugendtagen jene Zeilen hörte: „No One Here Gets Out Alive“. Auch eigentlich eine gute Musik für einen Film

Atemlose Bilder – Zum 88. Geburtstag von Jean-Luc Godard

„In der Popkultur liegen alle Stücke gleich nah zur leeren Mitte“ (Bersarin)

Kino – das ist die große Täuschung der Sinne, und es ist die wunderbarste Lüge, sieht man einmal von geliebten oder begehrten Objekten ab, die wir assoziativ mit Bedeutungen aufladen – wir Fetischisten wissen, wovon wir sprechen. Bilder sagen: Es ist so. Bilder zeigen, daß es nicht so ist. Film ist ein inzwischen altes, etabliertes und nach wie vor komplexes Medium der Kunst, das wesentlich dazu beitrug, unsere Sehgewohnheiten und Wahrnehmungen aufzubrechen und sie im selben Zug auch wieder zu zementieren.

Film ist ein Medium, das nicht mehr nur im Kino seinen Ort besitzt, sondern inzwischen auch auf kleinen Bildschirmen, die wir bei uns zu Hause aufstellten. Denn es spielt eine bestimmte Sorte Film das Geld nicht mehr ein, wenn sie nur im klassischen Verleih gezeigt würde. David Lynchs skizzenhaftes Material zu „Mulholland Drive“ geriet so umfangreich und ausufernd, daß es selbst eine Fernseh-Serie wie „Twin Peaks“ übersteigt: mit immerhin 30 Folgen in zwei Staffeln. Kein Produzent ist bisher bereit gewesen, ein solches Film-Vorhaben „Mulholland Drive“ zu finanzieren, weder als Serie noch als Mehrteiler im Kino. So blieb nur eine Bilderauswahl übrig, ein Bildrest, welcher 2001 in die Lichtspielhäuser kam. Kino hat seine Tücken.

Kino ist nicht Film. Im Französischen existiert neben „film“ das wunderbare Wort „cinéma“. „Ich mache keine Filme, ich mache Kino“, so sagte Godard einmal.

Die erste Filmvorführung der Welt fand bekanntlich in der Antike in einem ungastlichen Hinterhofkino statt: in Platons Höhle. So erzählt es der Mythos, so erzählt es eine Schrift zum Staats- und Gemeinschaftswesen, die sich mit der Frage nach der Gerechtigkeit befaßt. Neorealismus? Wir nehmen Schatten, wir mit der Leidenschaft wollen aber zugleich bessere beseelte Bilder, die wahren, die „richtigen“ Bilder. Wir gieren nach mehr und wir glauben zugleich. Der Aufstieg ist voller Mühe. Manche wollen die gewohnten Bilder, sie halten die Schatten fürs Wesentliche. Unerkannt, unbekannt. Und dahinter ist nichts, nichts, nichts. Nichts als das ewige Feuer: „Kalt modern und teuer“, wie Tocotronic auf ihrer LP „Schall und Wahn“ dichteten. Wie die wahre Welt zu einer Fabel wurde. Manche freilich wollen ein ganz anders Bild. Das Unerhörte wagen. Westwärts zu, Worstward ho: man kann auch in die Höhe fallen. Wie Lenz im Gebirg. Wir nehmen den für diesen Weg der Reinigung mühsamen Aufstieg in Kauf. Wir existieren inmitten von Bildern, die uns umgeben, wir existieren inmitten von Deutungsanforderungen: wie ein Bild zu lesen sei. Und wir glauben es kaum, aber der Meister solcher Bildfolgen ist heute 88 Jahre alt. Und lebt noch.

Die Geschichte des Films ist im selben Atemzug auch die Geschichte einer bequemen Verstumpfung. Sie erzählt von den Verschattungen und sie zeichnet uns die wunderbare Überblendung der Sinne. Gerne verheddern wir uns in der zerstreuten Rezeptionshaltung und wollen zugleich die radikale Aufklärung über die Welt – in Bild-Sequenzen, die keine Worte sind, wohl aber eine eigene Sprache, in Bild-/Tonspuren als lector in fabula arbeiten wir an den Verstrickungen. Diese Aspekte laufen in dieser Geschichte des Films wie auch in der seiner Wahrnehmung in paralleler Spur. Verzauberung und Lüge. Entgrenzte, verdichtete Wahrnehmung, Zauberbilder. Im Reich der Sinne und auf dem Gebiet der Anschauungen, für die uns noch die Begriffe fehlen, um zu kartographieren, wie auch die Konfektionsware von der Stange: sie alle tummeln sich im Reich des Bilder. Es gibt Filme, die sind sowohl für die Unterhaltung, aber genauso für den Diskurs des Theoretikers geschaffen: Chaplin und Hitchcock, Griffith und de Palma gehören etwa dazu. Dann wiederum existieren Filme, die übersteigen den kontemplativen, versunkenen Blick des Zuschauers und brechen das Auratische der Unterhaltung auf, wie seinerzeit jener Schnitt durchs Auge in Buñuels/Dalis „Ein Andalusische Hund“. Zu dieser Reihe exzeptioneller Werke gehören auch die Filme Jean-Luc Godards. Und zugleich auch nicht, wie uns sein 1960 gedrehtes Manifest „À bout de souffle“ lehrt.

Godards noch vor diesem ersten veröffentlichten Spielfilm gedrehtes Werk „Der kleine Soldat“ (ebenfalls 1960) bezeichnete er im Rückblick als faschistisch. Dies mag – auch im Rahmen des Politischen –, übertrieben erscheinen, zumal der Film für keine Seite Partei nimmt. Denn die algerische FLN und die französische Armee samt ihren Geheimdiensten standen sich in ihrer Brutalität in nichts nach. Diese strukturell so ähnliche Form der Gewalt vermerkt der Film lakonisch. Die landläufige Identifikation mit den Filmhelden allerdings fällt hier schwer. Es gibt nur kalte Charaktere. Allenfalls die Anspielungen auf Kunst, wenn von dem Protagonisten Bruno die Komponisten Bach und Beethoven oder der (freilich politische) Autor Louis Aragon genannt werden, mag als Relikt des bürgerlichen Ästhetizismus durchgehen. Im Laufe der (nicht immer glücklichen) Politisierung Godards erschien ihm dies im Rückblick womöglich als Schwäche. Das Revolutionäre bleibt in diesem Film Einsprengsel; es wird im Modus des Verweisens lediglich gestreift. Etwa wenn einer der arabischen Kombattanten in zwei kurzen Einblendungen die Schriften Maos liest. Darin gerade liegt die Stärke des Films: er nimmt nicht Partei und gerät gerade durch diese Enthaltung zur Parteinahme. Revolution im Film ohne Polit-Trara. Aber die Revolution ist am Ende eine der Bilder, eine des Sehens. Und das ist gut so.

Ästhetisch setzen „Der kleine Soldat“, vor allem aber „Außer Atem“ in der Anordnung von Montage und Mise en Scène neue Maßstäbe. Und bereits in diesem frühen Werk weist der Film auf sein eigenes Medium, wenn da in „Der kleine Soldat“ vom  Protagonisten Bruno der Satz folgt: „Die Fotografie, das ist die Wahrheit. Kino, das ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde.“ Einschuß der Bilder. Aber ist das die Wahrheit? Oder eben doch nur eine bestimmte Perspektivierung? Ein ganz anderer Rhythmus, ein wilder Bildsound bestimmten mit einem Male den Film, obwohl diese beiden frühen Filme Godards von der Story her klassische Sujets aufgriffen.

„Der kleine Soldat“ entstammt dem Genre des Agentenfilms. Was den Plot beider Filme anbelangt, ist die primäre Quelle Hollywood: der klassische, düstere Kriminalfilm, wie in „Außer Atem“ – ohne Happy End, Film noir eben, aber technisch und in ihrer Form treiben diese beiden Filme weit über Hollywoods Standardware hinaus. Insbesondere „Außer Atem“ ist zwar eine Hommage, wie ja auch Truffaut und Wenders einer bestimmten Sorte des amerikanischen Kinos ihre Aufwartung darbrachten. Noch in der Anordnung der Szenen, wenn der Protagonist in „Außer Atem“ vor einem Bogart-Plakat sich vergleicht, an seiner Zigarette ziehend, oder wenn kurz der Schriftzug eines Filmplakates von Aldrich auftaucht, der für einen Augenblick zu lesen ist: „Gefährlich leben bis zum Schluß“, was wohl gut als Motto des Films fungieren kann, dann ist das Anspielung und Programm dieses Filmes. (Und auch die Lichtgestalt des Film-Noir, Jean-Pierre Melville kurz spielt mit.) Und doch verläßt „Außer Atem“ vermittels seiner Konstruktion die B-Movie-Ecke der Kriminalfilme als Konfektionsniveau. Darin kein kulturindustrielles Produkt, sondern Reflexion aufs eigene Medium.

Die Schnitte in „Außer Atem“ – so der von Godard erfundene Jump Cut – und die Kameraführung sind exzeptionell: rasant, ungewöhnlich, neu. Der Blick ist irritiert. Die Geburt eines anderen Kinos (aus dem Geist des aufkeimenden Pop). Während des Dialogs zwischen Michel (Jean Paul Belmondo) und Patrica (Jean Seberg) bei einer Autofahrt durch Paris: die Kamera ist immer seitlich von schräg hinten auf den Hinterkopf Patricias gerichtet, ihr kurzes blondes Haar im Blick, während Michel nicht zu sehen ist. Godard schrieb in seinem lesenswerten Buch „Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos“:

„Ich erinnere mich noch sehr gut, wie dieser berühmte Schnitt zustande kam, der heute immer in Werbefilmen verwendet wird. Wir haben uns alle Einstellungen vorgenommen und systematisch das geschnitten, was wegkonnte, uns dabei aber bemüht, einen Rhythmus einzuhalten. Zum Beispiel gab es da eine Sequenz mit Belmondo und Seberg im Auto – das war gedreht: eine Einstellung auf ihn, eine auf sie, sie antworten einander. Als wir zu dieser Sequenz kamen, die gekürzt werden mußte wie alle anderen auch, haben wir mit der Cutterin Kopf oder Zahl gespielt. Wir haben uns gesagt: Statt ein Stückchen bei ihm und ein Stückchen bei ihr zu kürzen und lauter kurze Einstellungen von beiden zu machen, kürzen wir vier Minuten, indem wir entweder ihn oder sie ganz rausnehmen, und dann schneidern wir einfach eins ans andere, als ob es eine einzige Einstellung wäre. Dann haben wir gelost um Belmondo und Seberg, und Seberg ist dringeblieben.“

Der Einsatz des Lichts (keine Kunstlicht) und die unkonventionelle Kameraführung, die Arbeit mit einer Handkamera nehmen das Dogma-Manifest von 1995 vorweg. Straßen- und Innenszenen wurden weitgehend ohne künstliche Ausleuchtung gedreht. Bei den (wenigen) Nachtszenen wurde ein hochempfindlicher Film verwendet. Das alles hat es in Filmen, die für ein breiteres Publikum gedacht waren, in dieser Form bisher nicht gegeben.

Wie die Kamera auf die Darsteller gerichtet ist und sie in den Blick nimmt, etwa wenn Michel durch das Hotel schreitet, das ist göttlich wie die Citroën Déesse, welche in manchen Einstellungen (leider kurz nur) zu betrachten sind:

„In der D.S. Steckt der Anfang einer neuen Phänomenologie der Zusammenpassung, als ob man von einer Welt der verschweißten Elemente zu einer solchen von nebeneinandergesetzten Elementen überginge, die allein durch die Kraft ihrer wunderbaren Form zusammenhalten, was die Vorstellung von einer weniger schwierig zu beherrschenden Natur wecken soll.“ (Roland Barthes, Mythen des Alltags)

Man kann sich am Blick der Kamera nicht sattsehen. „Außer Atem“ ist in diesem Sinne ein Titel, der zugleich auf unsere Reaktion beim Mitfiebern in Bildern weist. Er nennt, wie es uns beim Zuschauen ergeht. Aber dieses neue Verfahren,  Schnitt und Szenen in eine veränderte Anordnung zu bringen, reicht über das bloß subjektive Moment heraus und hat sein Motiv in der Logik der Sache. Es ist keine bloße Gangstergeschichte, der Plot ist im Grunde nur Aufhänger und Köder. Godard wird dieses Montage-Verfahren weiter ausbauen – und insbesondere in seinen späteren Filmen gesellen sich die Texteinblendungen dazu.

Godards Filme sind mehr als Filme, es sind, neben dem Erzählen und dem Technischen, gleichzeitig theoretische Essays: verfilmte Filmgeschichte. Bei Godard gelingt auf wunderbare Weise die Selbstreferenz des Mediums, ohne dabei in staubtrockene Theorie abzugleiten, Spannung bricht nicht ab. Immerzu telefoniert Michel, beständig ist er in Bewegung und in Unruhe, um an Geld zu kommen. „Außer Atem“ ist, zumindest im Ansatz, bereits ein solcher Film über das Filmen. Die dem ersten Anschein nach seichte Geschichte mag zunächst darüber hinwegtäuschen. Der Plot von „Außer Atem“ ist freilich trivial, eine B-Movie-Gangstergeschichte: die letzten Tage eines kleinen Ganoven, der einen Polizisten erschoß, werden uns gezeigt. Das Außerordentliche dieses Films, sein Spezielles in der Komposition der Bilder erschließt sich insbesondere, wenn man das Remake von 1983, mit Richard Gere und Valérie Kaprisky als Kontrastmittel schaut: „Atemlos“. Es handelt sich bei diesem Stück um filmischen Dreck, taugt aber unbedingt als Anschauungsmaterial, was an einem Remake alles schiefgehen kann. Weshalb es zuweilen jedoch ganz gut ist, sich einen schlechten Film anzuschauen. Das Gute tritt umso stärker in den Blick.

Wer „Außer Atem“ nur als einen Film noir wahrnimmt, übersieht Wesentliches. Der Film ist zwar einerseits kinotypische Unterhaltung, aber über den Aspekt der Form bereits sehr viel mehr. Deutlicher noch und verdichteter geschieht diese Selbstreferenz des Mediums dann in „Die Verachtung“, welchen man als den wohl klassischsten seiner Filme bezeichnen kann.

Allerdings ist „Außer Atem“ ebenso ein Film, der den Klang von Paris einfängt. Aber ist dieses Paris noch jenes Ort der langsam verbleichenden 30er Jahre-Moderne, welche sich residual in die 50er Jahre rettete, die Sartresche Subjektmoderne als filmischer Mythos? Oder aber handelt es sich bereits um den Rhythmus einer ganz anderen Moderne, einer des (Post-)Strukturalismus, der Dekonstruktion von Wörtern und Bildern, wo die in Auflösung sich befindet? Musikalisch wäre hier sicherlich an den Jazz anzuknüpfen. Kein Ausgang aus der Höhle, aber eine Referenz an die Schatten, ohne dabei aber in die Ausweglosigkeit zu gleiten, daß es kein Licht, keine Sonne gäbe.

Wenn die Photographie die Wahrheit ist und wenn das Kino die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde bedeutet, dann heißt das für unsere Epoche, daß die Wahrheit sich beschleunigte. Und wir müssen in dieser Schnelligkeit – heute bürgerte sich dafür philosophisch der Begriff der Akzeleration ein – eine neue Art des Auffassens angewöhnen. Bahn verschafft sich diese Wahrheit jedoch, das bleibt festzuhalten, in einem illusionären Medium. Die Wahrheit nistet sozusagen in den Falten des Scheins. Diese Wahrheit gerät in den weiteren Filmen Godards zunehmend komplexer und sie wird politischer. So in „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca Cola“.

Godard machte ein Kino, das manchmal aufdringlich war, wenn es sich zu sehr politisierte und doch fand Godard im Sinne Brechtscher Verfremdung zugleich die Distanz, so daß diese Bilder eine ganz eigene Sprache, eine eigene Poesie entwickelten. Auch in ihrer Härte.

Photographie qua Twitter
https://twitter.com/Rosa_Lux99/status/1069640914434514944

(Dieser Essay ist eine überarbeitete Fassung meines Godard-Textes vom 6.12.2010)