Tabus. Eine kleine ästhetische Phänomenologie eines vertrackten Phänomens

Fürs Betrachten von Photographien existiert in dieser Stadt ein schöner Ort namens c/o Berlin. Die Institution ist im ehemaligen Amerika-Haus am Bahnhof Zoo untergebracht. Dorthin spazierte ich Anfang des Jahres und traf mich mit einer Begleiterin. Von Joel Meyerowitz, einem US-Amerikanischen Künstler der Streetphotography, sahen wir uns die Retrospektive Why Color? an. Wir schlenderten durch die Räume, schauten, erzählten: ohne Frage beeindruckende Photos, teils mit viel Witz aufgenommen, ungewöhnliche Perspektiven, alles das also, was ich an Photographien schätze. In einem der letzten Räume dann waren Portraits zu sehen – darunter ein nacktes Mädchen. Das Bild stammte aus den 70er Jahren. Meine Begleitung stutze, hielt inne, runzelte die Stirn.

Das Photo portraitierte eine etwa 14-Jährige, ihre Scham noch nicht behaart, die Spalte deutlich sichtbar. Kann man solche Photographien in der heutigen Zeit öffentlich noch zeigen? Der Bekannten bereitete das Bild Unbehagen. Mir eigentlich nicht, und ich fand es richtig, auch solche Photographien auszustellen, zumal von einem Künstler. Heute könne man aber solche Bilder nicht mehr in dieser Art zur Schau stellen, gab die Bekannte zu bedenken. Ich war skeptisch und denke, daß Päderasten oder Menschen, die nicht geschlechtsreife Mädchen lieben, selten ins Museum gehen und daß, selbst wenn solche Bilder nicht im Museum zu sehen sind, die Kunden solcher Photos durchaus an ihre Ware zu gelangen wissen.

Schnell waren wir in unserem Gespräch bei den aktuellen Museumsdebatten. Was dürfen Museen zeigen, was nicht? Wir kamen auf Dana Schutzʼ Open Casket, einem Bild, dem man cultural approbiation vorwarf: Weiße malen das Leid von Schwarzen. Das Museum in Manchester mit Hylas und die Nymphen von John Williams Waterhouse, ein feinschwülstiges Badesujet, in dem – ausgerechnet – der Mann das Opfer weiblicher Beutesehnsucht wird und ins Wasser muß. Das Bild wurde probeweise abgehängt, um eine Debatte zu inszenieren. Und vor allem erinnerte ich mich auf dem Heimweg an die Gemälde des Balthasar Kłossowski de Rola, genannt Balthus: Unterhosenmädchen. Eigentlich erotisch, weil es die Grenze zwischen der Geschlechtsreife einer Frau und der Unschuld des Mädchens uns zeigt. Kindfrauen, die in versonnener Pose daliegen, ihre Beine gespreizt, die Schenkel geöffnet.

Das mag heute womöglich noch mehr den Skandal auslösen, als solche Spreizungen es damals schon tat. Aber all diese Skandalisierungen in Sachen Kunst verkennen ein entscheidendes Kriterium: Betrachten und ästhetisch darstellen ist etwas anderes als anfassen. Diese basale Differenz in Sachen Kunst leuchtet manchen Ikonoklasten inzwischen nicht mehr ein.

Noch Anfang der 90er Jahre wurden die Balthus-Gemälde in Hamburg beim Sommertheater auf Kampnagel von einer Ballett-Truppe nachgetanz und szenisch umgesetzt. Schöne Posen, schöne Körper, aber auch der Akt von Gewalt, der zur Erotik dazugehört – was unser windelweiches Zeitalter gerne ausklammert. Mir gefiel, was ich da sah, und ich glaube, ich ging nicht einfach nur zu diesem Tanzstück, weil ich Frauen in weißen Höschen mag. Zumindest gab es Anfang er 1990er Jahre keine Debatte, ob solche Motive dargestellt werden dürfen. Aber die Zeiten – sie sind ein Wechsel. Das wußte mit dem Tabubruchsystem Pop bereits Bob Dylan zu besingen. Als Dylan 1965 auf dem Newport Folk-Festival das erste Mal eine E-Gitarre anschlug, schallte es „Judas!“ aus dem Publikum. Es gab einen Tumult. Doch wurden die Zeiten härter, und wer Tabus übertreten wollte, hat es inzwischen nach den lockeren 90ern relativ leicht, den Biedersinn zu provozieren.

Was ist Tabu? Signifikant tauchte der Begriff in der deutschen Sprache um die Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert auf, man kann sich die Kurve zur Häufigkeit schön beim Wortauskunftssystem der deutschen Sprache anzeigen lassen. Tabu stammt aus dem ethnologischen Kontext. Mit Freuds Buch Totem und Tabu gelangte der Begriff endgültig ins Vokabular der Geisteswissenschaften und ward daraus nicht mehr getilgt, wurde irgendwann um die nächste Jahrhundertwende, die eine Jahrtausendwende war, zur moralpolitischen Waffe eines Teils der Linken: was man sagen, was man malen, was man schreiben dürfe.

Wurde früher ein Tabu gebrochen, so verstieß der Waghalsige gegen die Konventionen der noch halbwegs intakten bürgerlichen Gesellschaft – wobei auch diese Gesellschaft im Unterfutter von Widersprüchen und Aporien getragen war, doch kamen die nicht explizit zum Bewußtsein, die Sphäre war noch halbwegs in der Ordnung, zumindest im Glauben an sich selbst, was ja bereits viel Wert ist. Solcher Bruch, als ein partiales und damit eben singuläres Ereignis, funktionierte auf verschiedenen Feldern recht gut: im bürgerlichen Eheleben des 19. Jahrhunderts, bei der Sexualität und der Partnerwahl bis weit ins 20. Jahrhunderts hinein, im Politischen und vor allem in der Kunst. Allerdings – es durfte punktuell nur die Regel verletzt werden. Wer permanent Regeln übertritt, erzeugt am Ende Gewohnheit und das Tabu wird zur Norm. Fatale Dialektik des Begriffs. Heute sind die Dinge komplexer, die Gesellschaft offener, die Tabus sind inzwischen andere.

Damals reichte schon Bretons Diktum vom Revolver und der Menge, um einen Skandal auszulösen. Oder die Aufführung eines Schönberg- oder Strawinsky-Stückes, wie in Wien und Paris, wo es zu erheblichen Tumulten kam.

Wo gibt es heute Tabus, und zwar in dem Sinne, daß man überschreiten kann, ohne die Grenze restlos zu zerstören? – Tabus, die nicht Rechtsbruch meinen. Kinder in obszöne Posen zu zwingen oder Frauen zu vergewaltigen, ist kein Tabubruch, sondern schlicht ein Rechtsbruch. Um solche basalen Aspekte geht es mir nicht, sondern vielmehr stehen beim Tabubruch gesellschaftliche Konventionen – Moralvorstellungen also und soziale Normen – im Vordergrund, die so oder aber auch anders ausfallen können. Etwa die politische Rede, der Umgang mit Nacktheit in der Gesellschaft, die Frage, ob es schicklich ist, ein Mädchen in der Weise auf einer Photographie zu präsentieren wie Meyerowitz. Wobei ich diese Photographie andererseits als harmlos betrachte, wenn ich an die Bilder von David Hamilton denke oder die eindeutig erotischen Mädchenphotos von Jock Sturges. Bei Meyerowitz bleibt es an der Grenze. Man kann solche Pose problematisch finden, aber sie sind von der Bildaussage und durch den Aufbau des Bildes eigentlich neutral. (Und solches Problematisieren führt zudem am ästhetischen Eigensinn des Kunstwerkes, an den Fragen der Form, der Gestaltung, der Erweiterung der Grenzen von Kunst regelmäßig vorbei.)

Es gibt Tabus, da kann es die sozialen Grenzen erweitern, wenn man sie verletzt, etwa die Ehe für Gleichgeschlechtliche, das Küssen in der Öffentlichkeit, Sex vor der Ehe und mit wechselnden Partnern. Ebenfalls lassen sich durch den Tabubruch soziale Normen testen. Diese Art von Bruch ist überhaupt erst philosophisch, soziologisch und in Debatten interessant. Ebenso existieren nicht nur bei Linken wie Rechten Tabus, die regressiv sind und freies Denken, Sprechen und die Freiheit der Kunst in eine Grenze pressen wollen. Wer meint politisch korrekt alles regeln zu können und verletzungsfreie Kommunikation zu installieren, errichtet lediglich ein Orwellsches Neusprech und verletzt damit genauso und schränkt ein: nämlich die Freiheit des Wortes. Was nicht bedeutet, alle sagen und jeden beleidigen zu dürfen. Näheres regeln die Strafgesetze eines Landes.

Einst traten die künstlerischen Avantgarden an, um Tabus der Kunst zu brechen, wenngleich in der Geschichte der Kunst schon immer Regeln transzendiert und die Grenzen künstlerischen Ausdrucks erweitert wurden: Was anderes als ein Tabubruch ist der Einzug der Zentralperspektive in die Malerei? Daß die unterschiedlichen Größen von abgebildeten Personen nicht mehr deren Wichtigkeit bedeuteten, sondern räumliche Nähe und Ferne zeigen. Rangunterschiedliche Menschen wurden nicht mehr über die Größe differenziert, sondern andere Merkmale taten ihren Zweck – etwa die Farben von Gewändern. Das kostbare Blau aus dem Lapislazuli-Stein und das Gold waren nur wenigen Personen vorbehalten: Maria, Jesus, Königen. Was wir wie und in welcher Art sehen wollen und können, der andere Blick und die Erweiterung der Gattung wie auch des Sehens stellt sich erst durch den Bruch von Konventionen ein: Künstlerische Tabus eben. Nichts Neues eigentlich – das reicht von El Greco bis zu Beuys und Castorfs Theater der 90er Jahre oder zum Einzug des Kitschs in die Kunst. Die Fortschrittspirale der Kunst dreht sich. (Ob sie sich freilich auch höher schraubt, steht inzwischen auf einem anderen Blatt.)

Heute scheint es allerdings vielfach umgekehrt: fast alle Tabus der Kunst sind ausgereizt, selbst wer seinen eigenen Körper malträtiert, wie der österreichische Aktionskünstler Flatz oder wer wie Marina Abramovic und Ulay in Rest Energy mit dem Tod spielt, indem etwa der Pfeil eines Bogens auf einen zielt und dessen Sehne allein durch die Kraft von Ulays Arm gehalten wird, bricht damit kein wirkliches Tabu mehr.

Heute ist es vielmehr umgekehrt: Die Grenzen der Kunst sind dicht, Tabubruch in der Kunst wirkt häufig kalkuliert. Und es scheint sich eine umgekehrte Tendenz zu etablieren: Nicht mehr verletzt der Künstler ein Tabu, sondern eine kulturalistischen Linke trägt immer neue Tabus ins Feld der Kunst hinein und schreibt vor, was geht und was nicht geht. Ein Gedichte an einer Wand einer Hochschule, wie just das von Eugen Gomringer in Berlin: angeblich ein männlicher sexualisierter Blick. Bücher werden auf Reizwörter abgeklopft, wie jüngst 2016 beim Bachmann-Lesen der Text aus Astrid Sozios Debütroman Das einzige Paradies. Es kam darin mehrmals das Wort „Neger“ vor. Ja, in der Tat, Rollenprosa, was man als literarisch gebildeter Zuhörer wissen sollte: die Differenz zwischen Autor und Romanfigur und daß es tatsächlich Menschen gibt, die so sprechen, weil nämlich solche wie Frieda Trost – die Protagonistin dieses klugen Romans – weder die perfekt gegenderte Sprache noch das politisch korrekte Sprechen gelernt hat. Daß eine wie Frieda PoC sagt, dürfte kaum vorstellbar sein und hätte unbedingt die Rüge des Lektors zur Folge haben müssen. Politische Hilflosigkeit einer identitären Linken: Auf zum letzten Rückzugsgefecht! Wo sie gesellschaftlich nur noch wenige Stiche sieht, kapriziert sie sich auf die Sprache und auf die Kunst – sozusagen eine hilflose symbolische Ersatzhandlung am symbolischen Objekt, das den Mangel an eigener Bedeutung kompensiert.

Nichts bleibt verschont: Solche Exzesse des Rechtschaffenen als Pose ohne Politik reichen bis zum Jugendbuch: Der Kinderfasching in Ottfried Preußlers Die kleine Hexe: er ist Cultural approbiation. Muß weg. Der Willkür, weshalb Kunstwerke verbannt werden, sind keine Grenzen gesetzt, denn schon lange nicht mehr zählen binnenästhetische Kriterien oder gar komplexe Denkgebäude ästhetischer Theorien, sondern bloßer Verdacht oder einfach nur ein Unbehagen reichen aus. Am besten noch, im Sinne auch des Hashtag-Denkens, verbunden mit einer provokanten These. So bleibt man politisch im Gespräch, und es lassen sich prinzipiell immer neue Vorwürfe erfinden: Gerauchte Zigaretten in Die Abenteuer des Huckleberry Finn – am besten rausstreichen, denn Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit und für Kinder ist Rauchen eh tabu.

Man könnte dann auch gleich den zauberhaft-harten Jugendfilm Nordsee ist Mordsee miterledigen. Nicht nur Rauchen, sondern auch Gewalt, Prügeleien und da wird dann ein Vietnamesen-Junge und auch seine Mutter „Schlitzaugen“ genannt. Und dann kann der Junge noch Kung Fu oder gibt es vor: Typische Klischeebilder und Zuschreibungen: Ja, man findet, wann man finden will. Was einmal als echter und tatsächlich notwendiger Schutz von Minderheiten antrat, ist zur identitätspolitischen Farce geworden.

Sexuelle Gewalt in Apollinaires Die elftausend Ruten: Verbieten am besten oder per Gesetz eine Triggerwarnung im Buch erzwingen. In den USA wird, so las ich, inzwischen bei literaturwissenschaftlichen Seminaren vor bestimmten Inhalten von Texten gewarnt.

Was nützt es aber, alles das, was Widerspruch erregt, aus der Öffentlichkeit zu verbannen oder mit Triggerwarnungen zu versehen? Zumal in Museen und Seminaren, die sowieso bereits geschützte Orte sind. Mündige Bürger entscheiden selbst, was sie sich zumuten. Diese Mündigkeit als Form der Aufklärung, auch im Kantischen und Hegelschen Sinne, wird den Menschen inzwischen von einer bestimmten identitären Linken nicht mehr zugetraut. Insbesondere an Universitäten immer häufiger zu beobachten. Allerdings: Studenten sollten einen Grad an Reife erreicht haben, daß sie auch unangenehmere Szenen aushalten können. Wer das nicht will, sollte keine Universität besuchen, sondern eine Therapie.

Andererseits hat,  das ist die Ironie der Sache, wer sich von Kunstwerken getriggert fühlt, alles richtig gemacht. Böse könnte man sagen, er ist dem Wesen der Kunst deutlich näher als der abgeklärte Ästhetiker oder der kluge Kunstkritiker, den kein Werk mehr aus der Bahn werfen kann. Nur eben: Man muß den Getriggerten zum Bewußtsein der Sache wieder zurückbringen, daß sich aus seiner Erregung nicht das Verbot folgern läßt, sondern daß Kunstwerke auch gesellschaftliche Widersprüche (explizit oder implizit) zum Thema machen können und qua Inhalt oder über die Form aufgreifen. Daß Kunstwerke in der Tat im Modus des Scheins auch Intensität erzeugen können, daß sie die Affekte bedienen. Die Aristotelische Poetik dürfte vielen heute nicht mehr gut bekannt sein.

Interessant an diesen von außen an die Kunst herangetragenen Konflikten ist allerdings, daß hier zwei Tabus kollidieren. Die moralisch einwandfreie, korrekte Kunst, in der niemand verletzt werden darf, Gewalt, Sex, Rassismus also als Tabuthemen, beißt sich mit der Forderung, daß Kunstwerke unversehrt bleiben müssen, mithin dem Tabu, die Autonomie der Kunst und die des Künstlers nicht anzutasten. Man kann darüber nachdenken, was dieser Konflikt bedeutet. Gerade dort, wo neue Tabus errichtet werden und wo die Kunst wieder in Grenzen gezwungen wird, zeigt sich nämlich, wie fragil die Autonomie der Kunst ist. Zumal es sich um eine Errungenschaft jüngeren Datums handelt. Ähnliches gilt für die liberale Gesellschaft. Insofern ist dieser Text als eine kleine ästhetische Phänomenologie eines vertrackten und nicht nur bloß ästhetischen Phänomens gedacht, das weit ins Politische hineinreicht. Wie schnell sich die Grenzen unserer Wahrnehmung verschieben können und wie plötzlich neue Tabus entstehen, zeigte der Bekannten und mir dieser Museumsbesuch in Berlin. Wir sprachen über eine Sache, die früher keiner Rede wert gewesen wäre, die aber inzwischen auch den ästhetischen Diskurs erreichten. Früher hätten wir über die Komposition der Photographien gesprochen, über das neue Sehen und die so andere Perspektive der Kamera, die unser Sehen und damit auch unser Wahrnehmen erweitert.

Der Bruch von Tabus ist insofern nötig, weil er Debatten anregt. Das gilt selbst für jene neue Tugendgarde. Sie erst zeigt uns, wie wichtig die Freiheit des Denkens und die Freiheit der Kunst ist und weshalb es unabdingbar ist, diese Freiheit zu verteidigen.

(Dieser Text erschien ursprünglich im CulturMag, Spezialheft Tabu)

 

35 Gedanken zu „Tabus. Eine kleine ästhetische Phänomenologie eines vertrackten Phänomens

  1. Leute! Ich habe etwas gelernt! Ein bisher unbekanntes sozialpsychologisches Problem wurde an folgender Stelle eingeführt: Das NPC!

    https://t.co/vW5WZoAXir

    Das erklärt das Auftreten der Hillary-Clinton-Groupies, Trump-Hasser und einiger bescheuerter rechter Aktivisten. Das sind NPC. NPC ist so etwas wie eine ansteckende Krankheit, bei der sich das Individuum in einen Bot verwandelt, dessen Verhalten ein tüchtiger Programmierer an einem einzigen Vormittag simulieren kann, nach dem Schema: Wenn „Zigeuner“, dann „#aufschrei“. Das Bewußtsein eines NPC erscheint vollkommen scriptgesteuert. Jedenfalls vollkommen entindividualisiert. Müßte diese Erscheinung mal mit LeBons Arbeiten vergleichen, der ähnliches konstatiert.

  2. Da ist leider einiges dran und Hashtags, Hastagfeminismus wie MeToo etc. ist eine bequeme Sache. Man pustet irgendwas in die Welt und irgendwas wird schon hängenbleiben. In dieser medialen Strategie rhetorischer Eskalation gleichen sich jene Rechten und jene Linken übrigens, die die sozialen Medien als ihr Feld entdeckt haben.

  3. Danke für den Hinweis auf den wunderschönen Film „Nordsee ist Mordsee“, nur hierzu eine kleine Korrektur: Der „Vietnamese“ Dschingis Bowakow ist ein Kalmücke, das ist ein tatarischer Stamm.

  4. @Neumondschein, was es gibt sind mobilisierte Fem inistinnen, “ Hillary-Clinton-Groupies“ existieren nur in Deiner Fantasie.

  5. @neumondschein: Das ist hochinteressant! Dieses Phänomen der vorgefertigten und unhinterfragten Meinungsschablonen hatte ich schon im Politikstudium beobachtet, aber nicht so recht einen Begriff dafür gehabt. Am ehesten fühlte ich mich daran erinnert, was Gustave Flaubert die „idées reçues“ nannte, also die Gemeinplätze, die der Normalo zu allen möglichen Stichworten parat hat.

    Allerdings gibt es dieses Phänomen nicht nur auf der linken oder liberalen Seite des politischen Spektrums.

  6. @che: Danke für den Hinweis. Ansonsten, wie kommst Du, außer jetzt vom Namen her, darauf?

    @MarK: in der Tat ist das Phänomen nicht ganz neu. Und wichtig ist auch der Hinweis, daß es dies genauso rechts gibt.

  7. Dschingis Bowakow spielt in diesem Film sich selbst, er läuft da unter seinem echten Namen durch die Handlung.

    Diese Stereotypen und Handlungsschgablonen gibt es nicht nur rechts und links, sondern z.B. auch bei Fußballfans, popkulturell z.B. durch Musikgeschmack festgelegten Subkulturen unundund

  8. Kalmyken sind ein mongolischer Volksstamm, kein tatarischer. Ganz früher lebten sie in den mongolischen Wüsten und Steppengebieten. Einer deren Anführer hatte eines Tages die Idee, westwärts zu ziehen. Also nicht Dshingis Khan, sondern ein anderer. So zogen dann eines Tages Mongolen westwärts. Diese Mongolen verhandelten dann mit dem Zaren, und dieser wies diesem Volksstamm die Einöde südlich von Zarizyn zu beiden Seiten der Wolga zu. Eines weiteren schönen Tages kam wieder ein Anführer auf die Idee, diesmal ein anderer, wieder ostwärts zu ziehen. Dummerweise herrschte genau zu diesem Zeitpunkt auf der Wolga starker Eisgang. Während die Mongolen auf der Ostseite der Wolga also wegzogen, mußten die Mongolen auf der Westseite der Wolga warten, bis sie die Wolga überqueren konnten. Und als das soweit war, hatten sie keine Lust mehr dazu. So entstand das kalmykische Volk.

  9. Na ja, ich sach immer so: Schlitzauge ist Schlitzauge. Aber ansonsten Danke für die Infos. Und stimmt, der Junge sieht auch nicht soooo vietnamesisch aus. Was Du zu den Subkulturen schriebst, stimmt wohl. Allerdings sind solche Zuschreiben freilich für Film und Literatur auch notwendig, um bsp. Punks als Punks sichtbar zu machen. Hätte man Leute wie meine Freunde damals gezeigt, hätte in einem Film niemand geglaubt, daß das Punks wären. Waren sie haben. Davon ab, daß die auch Soul und andere Musik hörten. (Nur eben nicht BAP oder Slime)

  10. In Leon Bloy’s Auslegung der Gemeinplätze, Mark793 (I hope youre doing better!) und Bersarin, findet sich unter der Nummer CII der Eintrag DIE SCHÖNEN KÜNSTE FÖRDERN.

    Darin wiederum sind die gesetzten Worte zu kontempleieren: „Stieße der Enthusiasmus keine gellenden Rhinozerosschreie aus, wenn man ihn ins Bordell zu holen gedächte, so wäre genau dies Wort erforderlich, um die Art von übernatürlicher Erregung zum Ausdruck zu bringen, von der hier die Rede ist.“

    Bloy sieht den Bürger nämlich so oder so von der Kunst überfordert – egal, ob er sie nun skandalisiert oder ob er sie anbetet. Das ist konsequent, wenn man, wie Bloy davon überzeugt ist, dass sich das für die Kunst unbedingt notwendige Feingefühl vor dem gemeinen Alttag sozusagen von Natur aus fürchtet.

    Wenn man noch einen Schritt weiter gehen will, kann man sagen, was der um liberale Tabus stets unbesorgte Bob Christgau einst zu einem Plattencover der Allman Brothers Band sagte: Nicht ausgeschlossen, sagte Christgau über dieses cover, das zwei Hippie-Kinder beim selbstvergessenen Spielen in freier Natur zeigt, dass die Allman Brothers Band so weit ab vom bürgerlichen Schuss sind, dass ihnen die sozusagen ins Auge springende Dekadenz dieser fotografischen Aufnahme selber gar nicht aufgeht.

    Wenn ich tot bin würde ich mich sehr freuen, mit Greg, Duane, Bozz und Leon über diese Dinge zu sprechen.

  11. Tja, wenn man sich aussuchen könnte, mit wem man im Himmel, in der Hölle oder im Fegefeuer Gespräche führt.

    Heute überfordert bereits eine Kunst, die früher selbstverständlich war. Von einem – freilich noch jungen – Literaturwissenschaftler, der allerdings bereits einen Doktortitel im Namen führt, las ich auf Twitter, als der DLF-Kultur über Castorfs Salzburger Hamsun-Inszenierung einen lobenden Bericht brachte, daß in dieser Besprechung ja eine Kritik an Castorfs Äußerungen zu Frauen am Theater und der Regie fehle. Nicht daß jemand solches Dumpfsinn schreibt, ist das Problem, wer Leben und Kunst nicht unterscheiden kann, wird eh früh genug vom Leben und von der Kunst bestraft. sondern daß dies aus dem Munde eines promovierten Literaturwissenschaftlers stammt. Da wird die gute Gesinnung ostentativ zur Schau getragen. Das viktorianische Zeitalter war deutlich liberaler.

  12. @ Bersarin und neumondschein

    Jaja, die Milch der frommen Denkungsart. Sie vergärt nie…

    1 Einwand habbich aber, Bersarin, nämlich Ihre Idee, dass es was Besonderes sei, dass ein Akademiker dem PC-Gedanken so haltlos verfallen sei. Ich würde sagen, es ist mittlerweile angezeigt darauf hinzuweisen, dass insbesondere Akademiker zeitgeistig daherredeten. – Cf: The Closing of The American Mind und – nun – : – The Coddling of the American Mind (Lukianoff/Haidt). – Lukianoff / Haidt benennen da was, das Sieferle schon ausdrücklich beackerte in Das Migrationsproblem: Eine Infantilisierungstendenz. Haidt / Lukianoff bestätign das nun anhand erheblicher sozioalpsychologischer Befunde – es geht in die Richtung, in die auch Neumondschein oben verlinkt.

    Christgau schrieb das, als Hollywood und angeschlossene Gewerbe (Porno business, Rock-Zirkus – siehe Innencover von her Satanic Majesties Request….) sich in täglichen Formen der sexuellen Libertinage ergingen, die Pädophilie selbstverständlich mit einschlossen. Cohn Bendit war sozusagen auch nur Zeitgeistsurfer mit seinem einschlägigen Buch (er hätte übrigens einfach mal das Honorar an Wildwasser spenden können – als tätig Reue, wie ich finde, wäre das auch jetzt noch eine gute Idee).

    Dann muss – ahh, kann man noch wissen, dass das von Christgau in diesem Zeitgeist-Moment unters Miskrosokop des Gesellschafts-Diagnostikers gelegte Cover des Albums „Brothers & Sisters“, das übrigens erschienen ist, nachdem Gevatter Hein bei der Band schon mal ordentlich geerntet hatte -ohhh – da gehts fort, mit den Hessen zureden, die heute ja – ok -do fort, mitm Datterich: Christgau setzte sein Seziermesser an ein Objekt der Begierde, das an der fotografischen Oberfläche weiter von den oben von Ihnen besprochenen unschuldigen Nacktabbildungen entfernt war, als sich manch eine wohl denken oder auch wirklich vorzustellen vermöchte. Simpel gesagt: Das Brothers & Sisters“ Cover ist auf der Oberfläche wirklich vollkommen unschuldig.

    https://www.google.de/search?q=covr+%22Brothers+and+sisters%22&rlz=1C1GCEA_enDE754DE754&tbm=isch&source=iu&ictx=1&fir=IhAYzC3S86blqM%253A%252C31tlOB_Amw0_rM%252C_&usg=AI4_-kRVbk4HStgNYa-bHcFSYCh8ny4yzg&sa=X&ved=2ahUKEwj39IXS7qjeAhURKlAKHQWACfcQ9QEwAnoECAQQBA#imgrc=aOqXoJrQKbpNIM:

    Es konnte- und w u r d e aber – – – a u c h vollkommen anders gelesen, damals – – – .

  13. Diese Infantilisierungstendenz ist sicherlich gegeben, nur gilt dies eben nicht für alle Akademiker, es gibt, Gott sei’s gelobt, auch sinnvolle Kritik.

    Was Sieferle betrifft, so schrieb ich es bereits, daß er Bedenkenswertes und Faktisches durch Allgemeinplätze kaputtmacht, die er normativiert. Nettes Gegenbeispiel, in Form einer kleinen Geschichte, weshalb solche Allgemeinplätze bzw. von Sieferle abwertend getätigten Kollektivaussagen zu einer bestimmten Kultur nicht zutreffen, von vorgestern auf meiner Reise von einer schönen süddeutschen Stadt im herrlichen Bayern, zurück im ICE nach Berlin: Da saß eine Gruppe von jungen Menschen, zwischen 15 und 19 Jahren, überwiegend Jugendliche mit migrantischem Hintergrund. Zwei Muslimas mit Kopftuch, richtig streng, drei andere ohne Kopftuch, aber doch Muslime, dazu noch eine junge Frau mit leicht afrikanischem Einschlag und weiter hinten noch einige junge Männer und Jungs, allesamt migrantisch, dazu zwei Reisebetreuer Ende 50. Erst wollte ich mich wegen des Lärms wegsetzen, weil ich gerne in Ruhe reise. Aber dann hörte ich diesen Gesprächen der Frauen doch zu: Es ging um Lebensverhältnisse, um die Härten auch von Flucht – die meisten der jungen Frauen schienen vom Deutsch und von den Geschichten her schon länger in der BRD zu leben, hinten die Jungs konnte ich nicht mehr verstehen, nur wenn sie mal lauter sprachen. Es waren nette Kerle, freundlich, witzig, manchmal etwas frech, wie solche Jungs eben sind. Die jungen Frauen mit dem Kopftuch erzählten vom Ramadan und was das für sie bedeutet, eine Kosovo-Albanerin erzählt von ihrer Familie, eine andere junge Frau, Kurdin oder Syrerin, aber auch Muslima anscheinend, erzählte ebenfalls von der Familie, vom Krieg und ihrem Leben, vom Beginn ihres Studiums.

    All das, was die Mädchen erzählten, klang interessant, und ich hätte mir gewünscht, daß man die Gespräche dieser Gruppe aufgenommen und zur besten Sendezeit im Fernsehen gebracht hätte, damit mal ein anderes Bild herüberkommt. Sofern solche Leute in die BRD flüchten oer hier einwandern, sehe ich der Migration gelassen entgegen. Solche Leute sind eine Bereicherung. Selbst was die orthodoxen Muslima zum Ramadan sagte, war von großer Toleranz getragen. Die junge Frau aus Kosovo-Albanien problematisierte einige Aspekte des Fastens und auch der Religionsausübung, obwohl sie selbst sich nicht als antireligiös bezeichnete. Ehrlich gesagt: mir sind diese Mädchen mit ihren Überzeugungen und Haltungen näher als manche dieser Wischi-waschi-Linken mit 200 Geschlechtern und konfusen Theorien bzw. ihrem Aufschreialarmismus, wo auf Knopfdruck ein Hastag produziert wird. Das da im Zug waren wunderbare Menschen, die Werte vertraten, die ich nicht bedingungslos teile, aber die mir immer noch lieber sind als der heutige Atheismus der Abgeklärten.

    Ansonsten, Dieter Kief, ja, diese Hermeneutik des Verdachts, die aufs kleinste Anzeichen hin anspringt und die Twitterei in Ganz setzt, ist entsetzlich. Vor allem soll hier von diesen Leuten eine Relevanz konstruiert werden, die diese Leute objektiv nicht haben. Selbst bei Cohn-Bendit würde ich zugutehalten, daß das damals eine naive Einstellung war, die dann freilich dazu führte, daß man eigentlich bekannten Pädophilen den Rücken freihielt. Das hätte reflektiert werden können. Und an Leuten wie Cohn-Bendit sieht man eben auch gut, wozu Dogmatismus führen kann: Weil die Sache richtig ist, macht man die Augen zu und ist blind. Referenzrahmenbestätigungen werden vorgenommen. Das Gegenteil von kritischem Denken, das einst Teile der Linken sich auf die Fahne schrieben.

    In der Tat gibt es genügend Mißbrauch und es gibt genügend Vergewaltigungen, erst jetzt wieder in Freiburg. Aber man sollte dazu eben die Fälle nehmen, die irgendwie noch beweisbar sind. Und symbolische Äußerungen, wie etwas Kunstwerke oder Plattencover sind eben nichts weiter als solche Äußerungen: ihnen eine Intention in pädophiler Absicht zu unterstellen, verkennt den Charakter von Kunst. Das gilt für Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ wie für Lewis Carrols „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegel“: Und selbst ein grenzwertiges Buch wie „Briefe an kleine Mädchen“ lassen sich nicht einfach bloß als Dokumente eines Pädophilen lesen. (Problematisieren freilich lassen sich die Briefe und Carrols Vita durchaus. Nur dürfte nach über 100 Jahren ein sicheres Urteil in dieser Sache schwierig sein. Davon ab, daß kulturelle Codierungen ebenfalls in Anschlag gebracht werden müssen. Komplex also.)

    Ich werde hier im Blog nächstens auf das Thema nochmal zu sprechen kommen, anhand von zwei Romanen.

  14. Ganz amüsant zu diesem Thema auch dieses nette Video hier: Die Geschichte vom kleinen Bären, der „Nazi“ rief. Zumindest illustriert sie in diesem Kontext hier eine bestimmte Problemlage. (Schon Adorno warnte in bezug auf die Studentenbewegung davor, wenn man immer wieder „Wolf, Wolf!“ ruft, daß sich irgendwann der Vorwurf abstumpft.)

    Den Lügner hier in der Story würde ich allerdings anders lesen. Ich halte solches Verhalten nicht für ein Lügen, sondern da stecken andere, komplexere Mechanismen dahinter. Und die Betonung beim Nazi auf Socialist ist ebenfalls polemisch bis dumm. Aber in der Sache deutet dieses Video dennoch auf eine interessante Tendenz -zeigt aber auch eine subtile Beeinflussung von rechtsaußen. Denn nur weil manche, einige, viele der TeaParty-Bewegung keine Nazis sind, heißt das nicht, daß man deren Ideologie nicht als extremistisch und auch als gefährlich kritisieren kann und darf. Insofern ist dieses Video dialektisch und auf einer mehrfachen Ebene interessant. Als Kritik an einer bestimmten Linken, aber auch als Kritik am Vorgehen einer bestimmten Rechten, die die Hegemonie von Diskursen anstrebt. Zu extrahieren gilt es also den Sachgehalt.

  15. Kleine Randbemerkung zum Thema 68er und Pädophilie. Das Thema wird heute in einer Art und Weise operationalisiert die wenig mit den damaligen Vorkommnissen zu tun hat. Bis dahin war man ja der Meinung, Kinder vor der Pubertät seien sexuell so unberührt wie Engel. Dass auch Kinder, auch kleine Kinder, eine eigene Sexualität haben wurde in den Kinderläden und Kommunen der Antiautoritären sozusagen „entdeckt“ und auch kleine Kinder dazu stimuliert ihre sexuellen Regungen zu zeigen. Dass da dann Leute mit pädophilen Neigungen andockten ist die Schattenseite, stand aber nicht im Mittelpunkt. Dieses Thema hat Klaus Hartung in „Die Psychoanalyse der Küchenarbeit“ ganz gut thematisiert. Zitat: „Auf paradoxe Weise wurden in diesen Zusammenhängen Kinder als autonome menschliche Wesen richtiggehend entdeckt und ernstgenommen. Die aus diesen Ansätzen entfaltete Praxis der antiautoritären Erziehung übersprang wie ein Funke tausend politische Barrieren. Ein Eckpfeiler deutscher Tradition brach mit ihr zusammen.“

  16. Da ist zuzustimmen, che. Und vor allem ist es zu kritisieren, daß jene,die bei den Mißbrauchsfällen oft erregt und manchmal ohne Kenntnis polemisierten, die schwarze Pädagogik jener 50er und 60er Jahre regelmäßig nicht erwähnten. Die nämlich war durchaus auch ein Anlaß, um über andere Formen von Erziehung nachzudenken.

  17. Und ich bin da immer noch sehr sehr dankbar für meinen sozialdemokratischen Kindertagesstätte, der ohne jedes autoritärre Gebahren auskam und wo trotzdem nicht alles möglich war, weil die Kinder es gerade so wollten, sondern wo eine schöne Konstellation aus Disziplin und Liebe herrschte. Das waren die frühen 70er Jahre und da waren diese Kindertagesstätten vor allem noch gemischt mit Kids aus den unterschiedlichsten Schichten. Anders als heute, wo jede Schicht unter sich bleibt. Und diese Mischung damals, sie funktionierte.

  18. Als ich eingeschult wurde (1970) war der Rohrstock gerade erst abgeschafft worden, meine 7 Jahre ältere Nachbarstochter hatte ihn noch zu spüren bekommen und fand das selbstverständlich.

  19. So ist es und diese Zeit, dieses Schlagen und Drangsalieren wird oft vergessen. Daß nämlich diese neuen Konzepte von Erziehung auch eine Reaktion war auf Prügel und Untertanengeist. Mein Vater erzählte ähnliches von seiner Schulzeit Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre: Lehrer voll von Haß, teils aus dem Krieg heimgekehrt. Einer, der dauernd prügelte, mein Vater kam als Arztsohn gut weg, weil es sich der Lehrer nicht mit den Honoratioren der kleinen Stadt verderben wollte. Allerdings gab es auch zu dieser Zeit bereits Lehrer, die ein ganz anderes und besseres Konzept von Schule im Kopf hatten und das auch umsetzten.

  20. Komme auch aus einer funktionierenden Mischung wo deutsche und türkische Kids und Jungs und Mädchen miteinander kickten. Unser Abenteuerspielplatz waren Bombenkriegsruinen die wir durchstromerten.

  21. Ich erinnere mich an einen Physiklehrer der noch 1975 im Unterricht dem Klassenkasper einen Magneten über den Kopf zog.

  22. Solche Lehrer hatten wir zum Glück nicht mehr. Es waren ein paar Konservative dabei, aber das war im Nachblick in Ordnung.

  23. Bersarin – die Bemerkungen über die Allman Brothers und ihr Brothers & Sisters Plattencover waren kontrafaktisch. Christgau (was für ein Deutscher New Yorker Name, nebenbei bemerkt…) sagte, es sei bemerkenswert, dass die Allman Brothers in einer Situation, die geradezu danach schrie, sozusagen unirritabel an ihren Hippie-Intentionen festhielten. Nur um das nochmal deutlich zu sagen, hier, nicht dass da noch Missverständnisse aufkommen: Christgau liebt dei Allman Brothers (wenn auch nicht so sehr wie ich, vermutlich).

    Cohn-Bendit hat später selber gesagt, che2001, dass sein Pädophilie-Buch ein opportunistischer Ritt auf der antiautoritären Welle gewesen sei, mit Blick auf die von ihm erwarteten Buch-Verkäufe.
    Deshalb mein Hinweis auf die eigentlich noch heute fällige Spende seines Honorars – oder wenigstens eines erklecklichen Teils davon an Wildwasser.

    (Dabei lasse ich offen, ob Cohn-Bendit nun damals so slick ar, wie er später tat, oder nicht. Es ist mit letztlich egal. Jedenfalls hat er mit seiner Gier nach hoher Auflage später zu erklären versucht, warum er ein – dieses Wort schon wieder – kontrafaktisches Buch geschrieben habe; er sagte also – : – Er habe die sexuelle Befreiung in Sachen Kindersex gar nicht gelebt, sondern nur hinausposaunt, bzw. hinausposaunt, obwohl er sie gar nicht gelebt hatte, allein um Auflage zu machen.)

    CohnBendit halt. Aber ok. Ich bleib dabei: Er sollte wenigstens diese widerliche Kohle, die er damals gemacht hat wenigstens teilweise herausrücken – am besten an Wildwasser).

    Sieferle hat diese Infantilisierungstendenzen gesehen, und das ist zeitdignostisch eheblich, insbesondere wenn ich mir jetzt das neue Buch von Lukianoff/Haidt mit seinen sozialpsychologischen Befunden anschaue**** (ehe – – Steve Sailer hat – wer weiß, vielleicht sogar auf meinen Vorschlag hin, eine ganz gute Rezension von The Coddling of the American Mind auf Taki’s Magazine online stehen).

    *** aber auch, wenn ich mir das Gespräch von Dave Rubin mit der Litwisslerin Janice Fiamengo aus Ottawa anschaue und höre, was die so Neues weiß über die feministische Astronomie z. B. – dass es da nun Bestrebungen gibt, die männliche Dominanz bei den ganzen mathematischen und naturwissenschaftlichen Gesetzen kritisch zu hinterfragen: Also warum das nun unbedingt Keplersches oder Newtonsches oder – am allerschlimmsten vermutlich: Kant-Laplacesches Gesetz heißt usw. – kein Wunder, so die von Janice Fiamengo referierte Position der kritischen feministischen Astrologie (gibt’s wirklich – – – ), dass Frauen in diesem Fach Astronomie keinen Fuß fassen. Das Gespräch ist aber überhaupt gut: Googlet man Janice Fiamengo und Dave Rubin und schon geht’s gratis und sehr zivilisiert los.

  24. Libertinage, Dieter Kief, ist per se keine schlechte Sache. Die Frage ist, was man konkret in den Handlungen macht und praktiziert und wo, gemäß dem Thema Tabu, die Grenzen liegen. Ganz sicherlich bei noch nicht geschlechtsreifen Kindern und ebenso bei solchen, die noch in der Entwicklung sind. (Etwas ganz anderes sind wiederum Kunstwerke, die interpretatorisch offen sind und uns, wie die herrlich-kalten Bilder von Balthus uns unseren eigenen Blick nur zurückspiegeln.) Was aber ganz konkret und nich im Medium Bild die Kinder und deren Mißbrauch betrifft, das kommt überall vor: ob das katholische Kinderficker sind oder linkssektiererische Spinner und Spanner oder der deutsche Mittelbau in der Odenwaldschule oder irgendwelche Kühnen-Nazis: Es kommt das über-, wirklich überall vor. Und insofern ist es da auch unsinnig, diesen Mißbrauch auf Ideologien bloß zu beziehen. Was müßte eigentlich und an wen müßte der Bruder vom Ratzinger seine Zahlungen entrichten? Und all die anderen katholischen, evangelischen Priester, die sich an Kinder vergingen? Es ist also nicht nur Cohn-Bendit, sondern hier handelt es sich um ein grundsätzliches Problem. Und zudem noch gibt es dann die (politische) Instrumentalisierung von Mißbrauch. Aufklärung ist also in alle Richtungen hin nötig.

  25. Den Satz, mit dem Sie gestern kurz vor Mitternacht begannen, habe ich absichtlich nicht hingeschrieben, Bersarin, aber nicht, weil ich ihn für falsch hielte.

    Es gibt in der Tat eine Ebene, auf der der Kunstgenuss eine Frage des Geschmacks ist, und auch der Kultur, in die bestimmte Bilder hineinleuchten. Sally Mann schien mir immer so ca. ok mit ihren nackten Kindern. Eine Freundin von mir, so ca. regelmässige Kirchgängerin, war gerade bei der Fondation Beyeler bei Basel und sah da Balthus‘ blutjunge, nackte spröde Schöne Wesen auf der Kippe zwischen Kind und Frau und säuselte (durchaus hingerissen) dann etwas von großbürgerlicher Liberalität. Wenn ich an Simone Kappelers Kids in den Weihern ob Frauenfeld denke, fallen mir Simone Kappeler und die Kinder in der Einsenbeiz in Frauenfeld ein, einem alternativen Winkel, der nicht zuletzt vom vollkommen unermüdlichen Schreiber und Drucker Beat Brechbühl belebt wird, der demnächst im achtzigsten Jahr seine ca. zwanzigste Minipressenmesse daselbst abhält, mit ca. fünfzig Druckern aus aller Herren Länder – ok k k k : Da ist alles ok.

    Es zeigt sich: Es ist nie die Kunst allein. Kunst allein erschreckt mich eher. Es ist was Schiller und Goethe im Sinn hatten: Die bürgerliche (oder emanzipative….) Öffentlichkeit soll womöglich dem sensus communis (Gadamer) huldigen und d e n nicht unter dem Siegel der Kunstfreiheit oder der unschuldigen Natürlicheit oder oder oder – – – der Kunst oder dem Kunstgenuss (oder einer religiösen oder parteipolitischen (cf. Strauss-Kahn) Organisation usw. opfern).

    Fällt mir grad ein, dass Udo Di Fabio ausgerechnet dieses Gemeinwohl-Kleinod und unverzichtbare Unterpfand einer gelingenden Zivilisation oder Kultur – – – irgendwie hitlermäßig eingeordnet hat im Interview mit der weLT. Sachen gibt’s. Wahrscheinlich hat Di Fabio läuten hören, dass das Gemeinwohl neuerdings von rechts verteidigt oder in Anspruch genommen würde (Rainer Grell auf der achse, Sieferle – – – und Steve Sailer ja auch, Sarrazin, wohl auch Sloterdijk, jedenfalls Safranski…) – – – also schießt er dagegen, um sich insgesamt als Liberaler präsentieren zu können, obwohl er in gewisser Weise gegen offene Grenzen ist.

    Wie gesagt: Der Zeitgeist ähnelt insofern Regen und Wind: Überall Druckverhältnisse und Entladungen.

    PS
    Ehh – noch wegen des in Defense of Dave Rubin (et. al. – Jordan B. Peterson, Janice Fiamengo…) marschierenden Antifaschisten-Bärchens: Auch der Hinweis auf Nazis= Sozialismus ist kritisch – aber kritisch g e g e n diejenigen Zeitgeistsurfer, die Sozialisten w e g e n der National-Socialist Party mit Nazis g l e i c h s e t z e n .

  26. „Es gibt in der Tat eine Ebene, auf der der Kunstgenuss eine Frage des Geschmacks ist, …“

    Solange das ein Aspekt in der Auseinandersetzung mit der Kunst ist, ist das richtig. Allerdings bedeutet diese Sicht auf den Geschmack nicht, daß alles in der Kunst und in der Kritik derselben (von krínein) eine Frage des bloßen Geschmacks sei, was sich ja gerade an der Qualität von verstörender Kunst zeigt: Ob das nun Brechts Maßnahme ist oder Körpertraktieren von Nitsch oder Abramović.

    „Es zeigt sich: Es ist nie die Kunst allein. Kunst allein erschreckt mich eher.“

    Völlig richtig, Dieter Kief, da gehe ich ganz d’accord, auch in dem Sinne, wie Hegel als auch Adorno die Kunst auffassen.

    Was das Gemeinwohl in einer Demokratie betrifft, so ist das einerseits ein zentraler Begriff, wenngleich der (kantische) sensus communis in der Kunstbetrachtung und damit also im ästhetischen Urteil nicht mit dem Gemeinwohl in gesellschaftlichen bzw. politischen Dingen gleichzusetzen ist. In einer Demokratie gibt es zudem, und das ganz zu recht, Disput und Debatte, was das für die Gemeinschaft der Staatsbürger Zuträglich sein kann. Und da wird es dann ja erst spannend, wenn es an die Kollision der Interessen geht und auch, wenn die bürgerliche Gesellschaft ihre notwendigen Widersprüche entfaltet, die lange schon nicht mehr einfach aufzuheben sind.

    Zum PS: Ja, die Kritik an jenen, die den Nationalsozialismus als explizit sozialistische Form ansetzten, vor allem gegenwärtig im Lager der Neoliberalen und der Hayek und von Mises-Sekte zu finden, ist ganz und gar richtig. In jenem Video zumindest klang für mich ohne weiteren Kontext auch jene Variante an, die gerne als jene Ideologie sich institutionalisiert und in der Art des Vortrages war der Bezug nicht eindeutig, was vielleicht daran liegen mag, daß ich den Sprecher nicht kenne und insofern fällt es dann schwer einen WItz einzuordnen.

  27. Apropos Kunst: Gabriele und Helmut Nothhelfer sind momentan im aktuellen Zeitmagazin mit einer sehr imposanten Bilderstrecke über die deutsche Provinz vertreten, in der monatelange und offenbar unter einem sehr glücklichen Stern stattgehabte Arbeit steckt.

    Man muss nur v o r M i t t w o c h (!) noch zum Kiosk und die ZEIT kaufen, schon hat man sich das allerschönste Herbstgeschenk gemacht!

    (Kant schenk‘ ich Ihnen – oder heb‘ ihn auf für andermal – Geschmack am Häßlichen zu finden (siehe Poetik und Hermeneutik – Die Nicht mehr schönen Künste) ist etwas anderes, als einen schlechten Geschmack zu haben. Der Sensus Communis verträgt sich sehr wohl mit dem GRusel und soweiter… Bloch liebte die Überlegungen und Romane des stockkonservativen Trivialschriftstellers (…) Chesterton (sowas haben sich andere nie getraut, aber wie sich zeigte war gerade diese Volksnähe Blochs einer der Gründe, die ihn über die Jahrhunderte nun langsam interessant mach(t)en.

  28. Der Geschmack am Häßlichen oder besser gesagt die Ästhetik des Häßlichen ist freilich etwas anderes als einen schlechten Geschmack zu haben, es ist sogar etwas diametral Entgegengesetztes und kategorisch anderes.

    Bei den Nothhelfers im ZeitMagazin stehe ich jetzt auf dem Schlauch: ich meine mich an Ute und Werner Mahler, die beiden großartigen Photographen, zu erinnern. Eine wunderbare und klug gemachte Bildstrecke zur Provinz, zu den kleinen Städten und Dörfern weit ab von den Autobahnen.

    Das Magazin ist aber schon entsorgt, denn diese Bilder gibt es auch als Buch. (Wegen des tollen Martenstein-Textes häte ich es noch aufheben sollen.)

  29. oh ich guck‘ nach und ja: Sie haben recht: Mahlers. Das Buch habbich nicht, aber das Heft. Ich hab bisher aber nur sehr sehr schnell reingesehen, jetzt wieder- ich sehe aber bald einmal richtig rein, vielleicht Donnerstag. Ein zwei drei Fotos sah‘ ich schon, die sehr schön sind. Das Titelbild auch und erste Aufschlagseite. Sehr sehr schön. Die Kegelschnitt-Büsche an der Bungalow Mauer.

    Martenstein habbich auch ausgelassen, bisher.

  30. Wunderbare, unspektakuläre und gerade dadurch dramatisch gelungene Photographien. Die DDR hat großartige Photographen hervorgebracht.

    Harald Martenstein unbedingt lesen, weil mal wieder unbedingt gut.

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