Kunstschönes Wien, im abgezirkelten Bereich

Herrlich ist es, den Tag über am Schreibtisch zu sitzen und zu studieren, über den Texten der deutschen Romantik, über Hegel zu brüten und überm Natur- und Kunstschönen sich die Zeit anzuregen. Weit ab eigentlich von aller Politik des Tagesgeschehens.

„… in meiner unüberwindlichen Abneigung dagegen, mich in irgend einer Form zu ›organisieren‹, und dem jugendlichen Entschluß, niemals einem Verein o.ä. beizutreten.“ (Hans Blumenberg an Hans-Georg Gadamer, 10. März 1960, DLA Marbach)

(Mit Dank an Joe Paul Kroll für dieses Fundstück bei Twitter https://twitter.com/JoePKroll/status/958658165268189184)

Sich verzetteln, sich am Schreibtisch oder im Erzählen auszubreiten: In den Nachtwachen des Bonaventura (tatsächlich geschrieben von August Klingemann) heißt es:

„Was gäbe ich doch darum, so recht zusammenhängend und schlechtweg erzählen zu können, wie andre ehrliche protestantische Dichter und Zeitschriftsteller die groß und herrlich dabei werden, und für ihre goldenen Ideen goldene Realitäten eintauschen. Mir ists nun einmal nicht gegeben, …“

Aber auch die Kritik des Zeitgeists finden wir in diesen herrlichen Nachtwachen – ein sowieso bezeichnender Titel, da die Nacht nicht nur die Metapher fürs Finstere und den Schlaf der Vernunft ist, sondern ein Wächter sich zugleich als Instanz des Hüters auftritt, in diesem Falle auch als Kritiker und das Denken kann besonders dann aktiv sein, wenn all die Stimmen des Alltags zur Ruhe gekommen sind. Das geschieht meist in der Nacht. Denken setzt exzentrische Positionen voraus, es heißt sich auszusetzen – auch der Philosoph Martin Heidegger wußte von dieser Ekstase oder genauer Exstase. In diesen Nachtwachen schreibt der Erzähler dieser lose aneinandergefügten Geschichten, sein Name ist Kreuzgang:

„Die Alten backten, wie jener Prometheus dort im Winkel, ihre Menschen zwar auch aus Thon, aber sie schufen den Sonnenfunken mit hinein; – wir spielen mit dem Feuer nicht gern, aus Furcht vor Gefahr, und lassen deshalb den Funken weg; – ja es giebt jetzt sogar eine allgemeine Feuerpolizei – eine Zensur und Rezensur – die schnell genug jedwede Flamme, die emporlodern will, erstickt. So kann denn der Sonnenfunken bei uns nicht aufkommen.“

Diese Form von Kulturkritik, als Hadern mir der Gegenwart, schon in Schillers Die Räuber als Ekel vor dem tintenklecksenden Säkulum gefaßt, ist also gar nicht so neu. Die „Nachtwachen“ sind nicht nur ein Glanzstück in Nihilismus – dieser unheimlichste aller Gäste, wie Nietzsche in seinen Fragmenten schrieb –, sondern sie explizieren in diesem Falle diesen Nihilismus zugleich als Verlust der Form des Erzählens, um diese Erfahrung von Verlust sodann im Erzählen selbst darzustellen, mithin also ein metapoetisches Verfahren und autoreflexiv. Im Falle des Klingemann, der es vorzog unter dem Pseudonym des Bonaventura zu schreiben, zudem noch als Spiel mit dem Namen. Erzählt wird in Fragmenten und es ist viel Unheimliches dabei. Ein lesenswerter Text aus dem Jahre 1805. Wien dagegen, zu jener Zeit, so sagt man, war eher die Stadt der Musik, des Klingens und Tönens, und weniger der Literatur – immerhin bezogen die Gebrüder Schlegel in Wien eine Zeit lang Quartier, insbesondere August Wilhelm Schlegels  Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur 1808 zogen Kreise, ebenso Friedrich Schlegels Vorlesungen von 1812 über die Geschichte der alten und neuen Literatur. Der dort anwesende Joseph von Eichendorff schrieb über dieses Ereignis:

„Die erste Vorlesung Schlegels (Geschichte der Literatur, 12 Gulden Einlösscheine das Billet) im Tanzsaale des römischen Kaisers. Schlegel, ganz schwarz in Schuhen auf einer Erhöhung hinter einem Tischchen lesend. Mit wohlriechendem Holz geheizt. Großes Publikum. Vorn Kreis von Damen, Fürstin Liechtenstein mit ihren Prinzessinnen, Lichnowsky, etc. 29 Fürsten. Unten großes Gedränge von Equipagen, wie auf einem Ball. Sehr brillant.“ (zit, nach Ernst Behler bzw. Wikipedia)

Demnächst also, bald könnte man sagen, geht es nach Wien. Und als Vorgeschmack sollen dem geneigten Publikum einige Photographien aus dem Jahre 2015 geliefert werden. (Ich hoffe, meine Photo-Buchhaltung bzw. die Markierung der Photographien als „gesendet“ ist nicht allzu arg durcheinander, so daß es keine Doppelungen gibt.)

 

2 Gedanken zu „Kunstschönes Wien, im abgezirkelten Bereich

  1. Du legst Dich bewusst auf die „Folter“ der Erwartung – Verzögerungsgenuss, oder wie die Redensart meint: Vorfreude ist die schönste Freude.

    Mit Kopf und Herz scheinst Du schon da zu sein, der Körper folgt nach und mit ihm die allseits und allzeit offenen Sinne.

    Wie um Dich in Stimmung zu bringen, zeigst Du Fotos vergangener Besuche, konservierte Ansichten einmaliger Momente. Nichts wirst Du mehr so vorfinden, und doch erhöhen solche Bilder den Erwartungsdruck in positiver Weise, denn sie zeigen auch, was Du alles in den Momenten nicht gesehen hast und das folglich noch der Ablichtung harrt.

    Eine „kontrollierte Offenbarung“ nennt Teju Cole die Fotografie. In diesem Sinne kommen mir Deine Wienbilder wie ein Versprechen vor, das Du Dir selbst gibst, und indem Du sie veröffentlichst, rufst Du uns Leser gewissermaßen auf, dies zu bezeugen. In dieser Deutung wären die Fotos die Dokumente einer sich selbst erfüllenden Prophetie, womit wir erneut bei Teju Cole wären.

    Aber es kann auch alles etwas ganz Einfaches bedeuten: Vorglühen!

    Gruß Uwe

  2. Ja, einerseits diese sich selbst erfüllende Prophetie. Aber auch die Hoffnung und der Wunsch nach neuen, anderen Bildern. Sozusagen das schon Bekannte sehen. Und mit neuen Augen dennoch. Die Stadt aus dem Abstand – immerhin sind ja nach meinem letzten Besuch drei Jahre vergangen.

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