Zur Lyrik Celans und zu einer Lesart des Kitschs

Paul Celans Gedichte gibt es nun bei Suhrkamp in einer neuen einbändigen und kommentierten Gesamtausgabe. Dietmar Dath nahm dies zum Anlaß für eine Sichtung und verweist bezüglich der Lyrik Celans auf den Begriff des Kitsches, der in der einen oder anderen Zeile seiner Texte mitschwingt – wobei man sich über diese Diagnose mit Fug und Recht streiten kann, denn genauso könnte man den seit einiger Zeit verlorengegangenen Begriff des Pathos hier einsetzen. Aber wenn man Derridas These genauer betrachtet, sie für sich nimmt und durchdenkt, scheint sie mir ästhetisch interessant. Dath schreibt in der FAZ:

„Celan hat nicht nur Kunst, sondern auch Kitsch geschrieben. Nicht immer, nicht oft, aber wohl unvermeidlicherweise: Kitsch war hier Kollateralschaden der Unmöglichkeit, den angestrebten hohen Ton zu treffen, der nötig ist, um das magische Denken der Vorzeit ins poetische Spiel der Neuzeit zu retten, wenn das denn in einer Sprache geschehen soll, die man zuerst aus ihrem Alltag lösen muss, weil in diesem das, was die Neuzeit von der Vorzeit unterscheiden soll, die Vernunft, geschändet wurde wie in keiner anderen: In dieser Sprache hat man Verbrechen gerechtfertigt, befohlen, koordiniert, die jeden Gedanken von Vernunftgeschichte, von Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit, der Wahrheitsfindung und Kunsterziehung in ihren blutigen Dreck treten.

Kitsch entsteht in den Künsten immer dann, wenn ein Kunstwerk ein grundsätzliches ästhetisches Problem hat, es aber nicht lösen kann oder will. Kitsch ist die Sahne, die Leute ins Essen schütten, die nicht kochen können, aber glauben, sie könnten den Geschmack mit Hilfe der Sahne darüber betrügen. Celans Kitsch geschieht ihm, wo er Angst hat, die Worte könnten ihm anbrennen, wo sie den größten vorstellbaren Horror sagen sollen. Damit ist Celans Kitsch ein neuer, kein traditioneller. Denn im traditionellen Kitsch wird Stimmung gemacht oder eine pathetische Rechtgläubigkeit beschworen, es gibt in diesem Bannkreis künstlerischer Dummheit sentimentalen, patriotischen, religiösen Kitsch und so fort. Sie alle rühren einen Affekt in die Kunst, der von einer Armut, einem ungelösten Verhältnis zwischen Stoff, Thema und Form ablenken soll. Bei Celan ist der Kitsch aber weder Stimmung noch Gesinnung, sondern eine Qual, die sich der Lyriker nicht ersparen kann, weil er zu klug ist, zu glauben, was der Modernismus vor Hitler geglaubt hatte: dass das Hermetische und Esoterische an sich eine unfehlbare Versicherung der Kunst gegen Kitsch sei.“

Daths Celan-Kritik im Hinblick auf den Kitsch ist interessant, denn er liefert hier eine erweiterte und ästhetisch durchaus relevante Bestimmung für einen Begriff, der in der Kunst der Spätmoderne, besonders seit den 1980er Jahren oft pejorativ oder aber affirmativ und mit ironischem Augenzwinkern gebraucht wird, was wiederum eine Entschärfung des Kitschs als provokante Macht bedeutet, sobald sich solche ‚Subversion‘ institutionalisiert. Denn die höheren Weihen, die im Akt der Affirmation oder der Ironisierung dem Kitsch (auch als Camp) verliehen werden, zeigen am Ende nur das Maß des Gewöhnlichen am Kitsch. Jegliche Innovation geht verloren, sobald es sich um ein eingespieltes System handelt. Eine für Adorno seltsam milde Bestimmung des Kitschs übrigens – dies nur am Rande – findet sich in den Minima Moralia:

„Am Ende ist die Empörung über den Kitsch die Wut darüber, daß er schamlos im Glück der Nachahmung schwelgt, die mittlerweile vom Tabu ereilt ward, während die Kraft der Kunstwerke geheim stets noch von Nachahmung gespeist wird.“

Anders hingegen die Erläuterung, die Darth im Hinblick auf Celan liefert. Mit dieser begrifflichen Problematisierung wird zugleich – und darin ist Daths Kritik dialektisch – ein grundsätzliches ästhetisches Problem avisiert, nämlich dasjenige, was unter der Rubrik „Schreiben nach Auschwitz“ terminiert – man denke hier auch an Adornos (dialektisches) Diktum über Dichtung nach Auschwitz, die unmöglich ward – die komplexen Überlegungen, die in diesem Satz stecken, will ich hier nicht thematisieren, sie ergäbeneinen ganz eigenen Text über die Frage der Leiderfahrung und deren Darstellung. Dath macht diese Frage nach der ästhetischen Form an dem stets heiklen Begriff des Kitsches fest. Das ist insofern interessant, weil hier der Begriff des Kitschs auf ein Krisenphänomen weist, das sich auch in der Kompositionshaltung des Künstlers, in seinem Ringen ums gelungene Wort sedimentiert.

Das eben berührt zugleich die zentrale Frage, wie Kunst vom Grauen und vom Schrecken handeln bzw. schreiben kann, ohne diese in der ästhetischen Form entweder zu entschärfen oder aber im Kitsch und im Kunstgewerblichen zu ästhetisieren oder schlicht zu banalisieren. Kitsch und Kunstgewerbe oft nahe beieinander, das zeigen in unterschiedlicher Ausprägung manche der Zeilen von Rilke, handwerklich schön gedrechselt, aber teils zu schön, um noch den düsteren Schlund, der der Moderne ebenfalls eignet, noch zu fassen, und manche der Werke von Jeff Koons. Für die Zeit nach dem Grauen von Auschwitz und Hiroshima lieferte Celan den teils hermetischen, teils offen zu lesenden Lyrik-Text.

Ein jeder Engel ist schrecklich – in den Duineser Elegien brachte Rilke diese Erfahrung zwischen Daseinsexzeß, lyrischer Meditation auf die Bedingungen solchen Menschseins, schwarzer Metaphysik, schwindelfrei, und dem stummen Dasein der Dinge wunderbar ins Gedicht. Pathos aber kein Kitsch. Sprechen, dichten, schreiben auf der Grenze zum Sagbaren – auf der freilich die Lyrik meist sich bewegt, um es in anderem Modus als dem bloß Diskursiven zu sagen und vor allem: zu singen. Celans Lyrik antwortet auf jene Elegie. Oft in doppelbödigen Bildern. Man denke an sein Gedicht Cello-Einsatz. Es kann dies als der sing- oder musizierbare Rest gelesen werden, wo keine Sprache mehr heranreicht, weil sich Ausdruck in reinen Klang verwandelt und die Lyrik wieder in die Lyra, in das Spiel der Töne übergeht – nicht unbedingt im Sinne des Schönen, des Fast-zu-schönen. Aber man kann diesen Celloeinsatz ebenso als die Begleitmusik nehmen, die aufspielt, wenn es dem Lagerkommandanten nach Gemüt und deutscher Tonart zumute ist.

In diesem dialektisch-dichterischen Sinne scheinen mir Daths Überlegungen zu Celan interessant und sie öffnen einen neue, eine andere Dimension im Blick auf Celans Werk und überhaupt auf die ästhetische Kategorie des Kitsches.

 

Bildquelle: Wikipedia, von: http://www.oliverwieters.de/artikel-73.html

 

 

7 Gedanken zu „Zur Lyrik Celans und zu einer Lesart des Kitschs

  1. Ich lese ihn kaum mehr – seit Jahren. Weiß gar nicht mehr, wann das angefangen hat.

    Daths Einwände sind Fertigfabrikate und deswegen geschenkt; wenn schon, dann muss man das am Text zeigen. Zeigt man nix, sagt man besser „au“ nix.

    Insbesondere der Satz mit dem Meister aus Deutschland stört mich. Ich sehe darin einen Affekt des Gebildeten gegen die niederen Stände.Vielleicht zu unrecht? Das Nazitum litt jedenfalls nicht an einem Bildungsmangel; aber vielleicht spielte es sich in Regionen ab, die weitgehend vor der Bildung liegen. Rohe Emotionen. Der Roman Die Wohlmeinenden (den ich nicht gelesen habe) zeitigte bei Elke Heidenreich und anderen (soll ich jetzt böse sein und – nein, ich bin lieber lieb) eine ähnliche Reaktion: Als ob die Hauptgeschichte der NS-Zeit nicht den frontalen Cortex sondern mehr das Stammhirn beschäftigt haben würde. Also: Haß, Wut, Aggression, Adoration, Hingabe (ich erinnere jetzt Fotos von Menschen bei der Vorbeifahrt von Hitler im Cabrio).

    (Hier gibt es eine Analyse zu den Wählern der NSDAP http://hup.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2008/9/chapter/HamburgUP_Schlaglichter_Hitler.pdf)

    Henscheid war at times schlecht zu sprechen auf die Celan-Rezeption, wenn ich recht erinnere, insbesondere gegen das öffentliche kenntnisfreie und würdelose Geprunke mit der „Todesfuge“.

    Vielleicht das noch: Celan litt jahrzehntelang erheblich psychisch – insbesondere an Depressionen und Verfolgungsideen (cf. John Felstiner: Celan: Poet, Suvivor, Jew). Nun, das macht ihn nicht automatisch zu einem schlechten Dichter, natürlch nicht; aber die Einschränkungen die mit derlei manifestem Leid einhergehen sind ebenfalls klar. – Ähnlich verhält es sich bei Nelly Sachs.

  2. Da ist gegenüber Dath leider etwas undifferenziert. Daths Lektüre ist durchaus interessant, weil er, wie ich oben schrieb und zeigte, auf ein Formproblem aufmerksam macht. Ob man dafür den Ausdruck Kitsch bemühen muß, steht auf einem anderen Blatt. Und es fehlt in der Tat an Beispielen und Belegstellen. Dennoch ist dieser Blick auf die Suche nach dem gelungenen Ausdruck ein Motiv bei Celan. (Oder mit George geschrieben: Kein Ding sei, wo das Wort gebricht.)

    Celan ist ein schwieriger Dichter und wie alle Dichter hat er seine Zeit. Es ist eine Dichtung, die näher an Hölderlin denn an Rilke ist, verrätselt und für Deutschland bedeutsam, weil sie – auch, aber eben nicht nur – auf Geschichte zeigt. Die Todesfuge ist ein Gedicht der Zeit und es ist doch weit darüber hinaus, weil darin unvergleichliches Sprachbilder gefunden wurden. Celan störte am Ende dieses Gedicht, weil es in den Schulen zu einer Ritualfunktion degradiert wurde, die auch Henscheid beklagt: Betroffenheitskult nämlich, der Celan fern war. Da liegt ganz sicher ein Problem, aber es spricht nicht gegen das Gedicht.

    Lyrik allerdings ist keine Geschichtsstunde. Insofern ist es auch nicht die Frage des Gedichts, was die Motive der deutschen Nazis und der Mörder und der Mitläufer und der Täter waren. Der Begriff des Meisters trifft es genau. Das kann man als Bildungsreferenz lesen – Wilhelm Meister – oder als sozusagen solides Mordhandwerk, darin der Deutsche zum Handwerks-Meister wurden, sozusagen zum Höllenmeister. Und man kann das auch als jener Baumeister lesen, die technische Umsetzung der Endlösung der Judenfrage war eben nicht ganz einfach zu bewerkstelligen. Die Gasautos reichten bei der Anzahl an Menschenmaterial eben nicht aus. Es steckt also beides darin, Hand und Kopf. Und so ist der Tod in der Tat für Celan ein Meister aus Deutschland. Und diese vielen Ebenen machen das Gedicht bis heute bedeutsam, wenngleich die Engführung vielleicht das subtilere Gedicht ist, man lese dazu die dialektisch-hermeneutische Deutung von Peter Szondi.

  3. Vielleicht ein Rezeptionsproblem. Da jedenfalls gibt es den Affekt gegen die niederen Stände, als die im Kern verantwortlichen. „Der Tod ist ein Unternehmer aus Deutschland“ ist natürlich auch keine Lösung, obwohl das lange so gesehen wurde.
    Die Parallele zum kranken Hölderlin ist offenbar. Die zum (leidlich) gesunden von „An die Parzen“ oder der „Friedensfeier“ sehe ich nicht, denn dieser Hölderlin war stets glasklar: „Hälfte des Lebens“ ….

  4. Auch Celans Lyrik ist glasklar. Man muß nur sehr genau lesen und auf die Sprache hören. Der getragene Ton der Hymne ist kaum noch möglich und genau das ist bei Celan mitzudenken. Er schrieb übrigens schon vor 1945 Gedichte. Und auch die Gedichtbände der 40er, 50er und 60er Jahre gehören formal und inhaltlich zum Stärksten, was in dieser Zeit an Lyrik entstand. Während Benn nur noch saturiert in Novembernebeln raunte oder manch anderer Dichter Eigentlichkeitston verströmte, verdichtete sich Celans Sprache zum Eiskristall,um das zu zeigen, was sich eigentlich nicht sagen läßt und wofür Lyrik kaum zuständig zu sein schien, sieht man einmal von Baudelaire oder Rimbaud ab. Was die Verdichtung der Sprache betrifft, ist hier der Bezug zu Mallarmé angebracht. Aber Celan geht darüber hinaus, weil in seine Texte immer wieder und explizit die dunkle deutsche Geschichte einschießt. (Schön übrigens an dem Darth-Text auch, daß er den Humor, der teils in eingen der Gedichte steckte, bemerkte und Celan nicht nur auf das Bittere reduzierte.)

    Wirtschaftlich ist der Tod ganz sicher (auch) ein Unternehmer aus Deutschland. Er heißt unter anderen Heckler & Koch. Aber eben nicht nur. Lyrisch und also vom Klang her steht dort im Gedicht der Meister angemessen.

  5. Für mich war dieser letztlich erschiene Artikel in der FAZ-Anthologie aufschlussreich, wenn auch das, was Du oben thematisierst, nur angerissen wird:

    https://www.google.com/amp/m.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/frankfurter-anthologie-er-von-immanuel-weissglas-15742730.amp.html

    Aber wahrscheinlich hast Du den Artikel selbst schon registriert.
    Der Bezug zum literarischen Surrealismus schien mir nachvollziehbar, aber ich kann zu Celan wenig sagen, da ich ihn nur als Schullektüre erinnere, und in meinem NDL-Studium habe ich ihn nicht kennengelernt.
    Gruß Uwe

  6. Danke für diesen interessante Link, etwas, das die meisten vermutlich nicht wissen. Ebenso Celans Nähe zum Surrealismus. Man kann davon ausgehen, daß die psychotischen Schübe Mitte Ende der 60er Jahre einsetzten. Gut hörbar übrigens auch beim früheren und beim späteren Vortragsstil seiner Gedichte, wo die Rezitation gedämpft und wie aus einer Grabeshöhle klingt.

    Zum Surrealismus vielleicht noch ein interessantes Zitat aus Teju Coles Buch „Blinder Fleck“ das kürzlich erschien:

    „‚Ein Bild sagt mehr als tausend Worte‘ ist ein Kategorienfehler. Es würde auch niemand behaupten, ein Lied sage mehr als tausend Tänze. Bestimmte Lieder können ohne weiteres für sich stehen, andere ebenso gute, gewinnen, wenn ein Tänzer sich auf sie zubewegt. Rosalind Krauss hat die Abstände im surrealistischen Bild untersucht. Ob mit den Mitteln der Collage oder in der Assemblage vorgefundener Gegenstände: Surrealistische Fotos zeigen die Dinge als aufeinanderfolgend oder im Raum verteilt. Es geht weniger um den Verweis auf die Realität als um die Zeichenhaftigkeit der Dinge, ihr Aufgeladensein, das in erster Line von den Lücken und Leerstellen herrührt.“ (Cole, Blinder Fleck, S. 230)

    Das Buch könnte auch für Dich interessant sein, Uwe, da Cole darin Photographien und Texte verkoppelt. (Die Photos übrigens analog aufgenommen.)

  7. Ja, Danke für den Hinweis auf Teju Cole. Ich habe es letztes Jahr schon in Englisch rezipiert und diesen Sommer in Deutsch gekauft.
    Schön, aber zeitaufwendig, ist auch, es mit „Open City“ gegenzulesen, da u. a. der „blinde Fleck“ ja in beiden Büchern ein Thema ist.
    Ich habe es ganz gelesen, nehme es aber immer mal wieder zur Hand und lese stichprobenartig hinein, bisweilen nur eine Doppelseite, ist es doch eine Art Netzwerk und Schule des Wahr-Nehmens, bei der sich Bild und Text wechselseitig erhellen oder auch verdunkeln, in jedem Fall aber bereichern und semantisch aufladen.
    Ja, es ist ein Buch nach meinem Geschmack, da hast Du Recht. Überhaupt schätze ich Cole sehr.
    Vielleicht gibt es ja mal die Gelegenheit, sich hier auf dem Blog darüber zu verständigen.
    Gruß Uwe

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