Dialektik der Abklärung – Hanno Rauterberg „Wie frei ist die Kunst“

Vor einem Gemälde im Museum steht ein massiger Mann. Er thront da wie ein Bodyguard, blockiert mit seinem Rücken die Sicht auf das Kunstwerk. Er protestiert gegen ein Bild. Bei dem Protestler handelt sich es um den schwarzer Künstler Parker Bright, und er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Black Death Spectacle“. Sein Protest richtet sich gegen Dana Schutz‘ Gemälde Open Casket auf der Whitney Bienale 2017. Das Bild zeigt den Lynchmord an dem Schwarzen Emmett Till, zeigt den mißhandelten, schrecklich zerschlagenen Schädel des Jungen, wie er aufgebahrt im Sarg liegt. Weiße Gewalt gegen ein Kind, in Money (Mississippi). Dieser Protest gegen das Bild im besonderen und ganz allgemein gegen die Freiheit der Kunst, ein Sujet nach Belieben und nicht nach Hautfarbe darstellen zu dürfen, ging so weit, daß von einigen Aktivisten sogar gefordert wurde, das Kunstwerk zu zerstören.

Der Vorwurf, den man Dana Schutz machte: Sie eigne sich als Weiße das Leid Schwarzer an. Diese und andere Szenen laufen unter dem Stichpunkt Cultural Appropriation, also kulturelle Aneignung. Und sie sind symptomatisch für eine neue Politik des Identitären – diesmal von links und gegen die Freiheit der Kunst gerichtet. Eine einst ubiquitäre Kunst, der es aufgrund ihrer vielfältigen Formsprache freistand, Gewalt zum Thema und zum künstlerischen Sujet zu erheben – das reicht von Picassos Guernica, bis hin zu Francis Bacons Körperbildern oder Gerhard Richters subtilen Alltagsszenen –, wird aufgefordert, dies im Namen von Partikularinteressen sein zu lassen. Diese Restriktion in Sachen Kunstfreiheit geht soweit, daß sich Menschen teils in ihren Gefühlen verletzt glauben und diese Gefühle dann zum Zentrum einer „Argumentation“ aufbauen. Problematisch ist dabei weniger, daß man über solche Fragen der Darstellung und der Politisierung von Kunst spricht – man kann über alles diskutieren –, sondern daß per Orde Verbote angeordnet werden, ohne daß jene Kritiker Geltungsgründe liefern könnten, weshalb ein Kunstwerk nicht gezeigt werden dürfe.

Anderer Ort, ähnliche Szene: eine pädagogische Hochschule in Berlin, ein Gedicht, eine Häuserwand. Die Details sind bekannt. Ein „ungutes Bauchgefühl“ und der Wunsch, öffentlichen Raum zum privaten Wohnzimmer zu machen, reichen aus, um das Gedicht Avenidas von Eugen Gomringer zu entfernen. Die Uni-Mensa in Göttingen: Studenten fühlen sich durch vermeintlich sexistische Darstellungen auf Illustrationen der Göttinger Künstlerin Marion Vina belästigt. Diese Beispiele sind keine Einzelfälle, sie lassen sich beliebig ausdehnen

Und so ist angesichts einer neuen Dimension von Dissens, der überhitzte Debatten gebiert und wo Gemüter kochen, Hanno Rauterberg Essay Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus das Buch zur Stunde. Klar geschrieben und kompakt. Es enthält zahlreiche solcher Beispiele aus den aktuellen Kulturkämpfen. Eine moraline Verbotslinke, die Werke aus Museen verbannen, bestimmte Begriffe aus literarischen Texten streichen, Redner am reden hindern will. Schauspieler, die sich, wie prominent Kevin Spacey, mutmaßlich sexueller Übergriffe schuldig machten und nun aus Filmen herausgeschnitten werden. In einer fast fetischhaften und magischen Denkweise können von manchen Rezipienten Rolle und Person nicht mehr adäquat unterschieden werden. Beurteilt wird von einer zunehmend aufgeheizten Öffentlichkeit nicht mehr die Kunst des Spiels, sondern das moralisch gebotene Verhalten. Eine neue Willfährigkeit breitet sich aus. Ein Klaus Kinsky hätte es heute mit seinen Eskapaden unendlich schwer und seine Auftritte wären vermutlich heute eine noch viel größere Provokation als sie es seinerzeit schon waren.

Von jenen freien 80er und 90er Jahren der BRD sind wir inzwischen weit entfernt. Um diesen Abstand der Zeit im Blick auf die moraline Wertung noch der kleinsten Regung zu ermessen, sehe man sich auf Youtube alte Folgen von Schmidteinander an: es finden sich dort derbe Witze, die heute Aufschrei und Empörung  hervorrufen würden. Was in den 80er Jahren in exklusiven, dogmatischen linken Zirkeln Thema war: vermeintlich diskriminierende Sprache, Cultural Appropriation, schwappt inzwischen auf breite Kreise der Gesellschaft über und führte zu einem aufgeheizten Klima der Restriktion und der Angst.

Rauterberg schildert all diese Fälle sachlich, ohne Polemik in die eine oder andere Richtung, so daß dieses Buch gut dazu dienen kann, sich ein Bild von der Lage zu machen. Rauterberg analysiert eine seltsame Gemengelage im Feld der Kunst. Die zum Anfang des 20. Jahrhunderts von den ästhetischen Avantgarden hart erkämpfte Freiräume der Kunst werden inzwischen zur Disposition gestellt, wenn nicht sogar aufgegeben. Rauterberg schreibt über die  Autonomie der Kunst, streift die Dialektik der Freiheit: Wie Kunstfreiheit als Autonomie, die sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts als Rebellion gegen starre Werte herausschälte, verlustig zu werden drohte, weil sich die Kunst in der westlichen Welt unter spätmodernen Bedingungen sämtliche Freiräume erkämpft hat und nun andere Register des Politischen bespielt werden. Vormalige Tabus scheinen aufgelöst, und so hat sich die Frage nach dem Wert der Kunstfreiheit inzwischen empfindlich verschoben. Was einst in den klassischen Avantgarden umkämpft war, ist heute selbstverständlich und kann zugleich als Wert infrage gestellt werden. Die einstmals gesicherte Freiheit der Kunst wird preisgegeben zugunsten von (vermeintlichen) Minderheitenrechten und Partialinteressen, so Rauterbergs Analyse.

„Der Kunstfreiheit wie der Freiheit des Gedankenaustauschs droht eine empfindliche Beschränkung, sobald Zeichen, Stile, persönliche Eigenheiten wie exklusive ideelle Besitztümer behandelt und beschützt werden sollen. Wer allerdings auf Unverfügbarkeit pocht und jede Art der kulturellen Aneignung als Übergriff deutet, wird von dieser Gefahr für die Freiheit schon deshalb nichts wissen wollen, weil er sich ohnehin als unfrei empfindet.“

Wo jedoch, so Rauterberg, die Freiheit der Kunst

„anderweitigen Ansprüchen untergeordnet wird, etwa den Vorbehalten ethnischer Minderheiten, erweis sie sich als überaus verletzlich“.

Denn prinzipiell kann nun jeder, der sich verletzt oder irgendwie diskriminiert fühlt, Einsprüche anmelden. Und das eben hieße: Kein Kunstwerk hätte am Ende Bestand, weil irgendein Beleidigter da ist, der Verbote geltend macht, und statt einer Debatte über gelungene Kunst streitet man über ihre vermeintlichen moralischen  Implikationen, nimmt Kunstwerke wie Äußerungen der normalen Alltagssprache oder wittert verborgene Absichten. An die Stelle der Kunstkritik tritt die Affektkultur und pusht sich zur regulativen Idee: man fühlt sich verletzt. Ort der Referenz und des Bezugs ist nicht mehr das Kunstwerk, sondern ein mehr oder weniger vages Gefühl, ein beliebiges Meinen, das man über das Werk hegt. Das reicht, um hier Rauterbach zu ergänzen, inzwischen weit in den Wissenschaftsbetrieb, wo Kunstwerke nach politisch genehmen oder nicht genehmen Inhalten in pseudowissenschaftlicher Terminologie abgeklopft werden. Diese Umtriebe jedoch bedrohen eine liberale Gesellschaft, die auf der Freiheit von Kunst und Wort aufgebaut ist.

Die Zeichen der Zeit haben sich gedreht. Einst waren es, oft im Verbund mit dem Staat, klerikale und konservative Kreise, die gegen die „Zumutungen der Kunst“ und gegen deren Provokationen vorgingen:

„Dieser Protest trat im Namen der Mehrheit auf, im Namen der Gesellschaft und damit waren die Fronten klar gezogen Nun aber sind nicht Staat und Obrigkeit, die der Kunst strenge Grenzen setzen wollen. Es sind Kräfte, die sich selbst oft als links und progressiv begreifen und über Jahrzehnte für die Liberalisierung der Künste eingetreten waren.“

Heute vertreten zahlreiche Konservative in bezug auf die Kunst einen Freiheitsbegriff, für den einst die Linke einstand. Während diese Linke und Teile der Avantgarde – man denke an den Surrealismus – in der Kunst einst zum Protest gegen die bestehende Ordnung aufrief, verteidigten Konservative sie. Zensur oder Beschränkung von Kunst wegen der Verletzung religiöser Gefühle waren einst die sicher gebuchte Domäne der Konservativen – man denke nur, so möchte ich Rauterbergs Beispiele ergänzen, an Martin Kippenbergers gekreuzigten Frosch oder an Herbert Achternbuschs Das Gespenst, wo die FSK die Altersfreigabe verweigerte und der damalige Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) die bereits zugesagte Filmförderung zu großen Teilen zurückzog.

In diesem Sinne macht Rauterberg eine geschichtliche Verschiebung aus, für die der Begriff der ästhetischen wie auch der sozialen Moderne steht. Rauterberg skizziert jene Kunst der klassischen Moderne und ihre Entgrenzungsfunktion, bis hin zu Souveränitätsansprüchen, daß Kunst das Leben änderte:

„Die Kunst war eine Gegenwelt, hier hatten verdrängte Ängste, Neurosen und Sehnsüchte ihren Ort. Und viele Kunstfreunde hofften, in der ästhetischen Erfahrung sich selbst und ihre Zeit anders zu begreifen. Die Künst sollte zurückwirken ins Leben, das war ein Kerngedanke der Moderne.“

Die klassische Moderne war eine Bewegung, die linear sich konzipierte und (weitgehend) an der Idee des Fortschritts orientiert war. Auch der Konservatismus bezog sich auf diesen Fortschritt – wenn auch ex negativo. Die Rolle von Sendern und Empfängern war klar verteilt. Da gab es die klassischen Medien wie Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen. Da waren die innovativen Produzenten und hier die Leser. Kritik war den Leserbriefen vorbehalten. Buchkritiken fanden im Feuilleton statt, ebenfalls von Profis und Produzenten für Rezipienten gemacht. Auch dort herrschte eine klare Verteilung von Rollen, aktiv und passiv waren klar getrennt. Öffentliche Debatten über Bücher oder Politik fanden allenfalls in privaten Lesekreisen oder an Universitäten statt.

Anders heute. Rauterberg nennt dieses Phänomen die Digitalmoderne. Sie ist nicht mehr primär auf den Fortschritt ausgerichtet, sondern vermittelt unterschiedliche Zeitebenen, stellt Unverbundenes nebeneinander und macht es gleichzeitig – das also, was wir seit etwa den 80er Jahren grosso modo als Postmoderne bezeichnen. Zudem kann dank sozialer Medien nun jeder Sender und Empfänger gleichzeitig sein:

„Gerade das macht die befreiende Bewegung der #MeToo-Bewegung aus: dass sie als Selbstermächtigung aufzutreten vermag und nicht darauf warten muss, dass ihr Institutionen beispringen.“

Dabei ist diese Digitalmoderne zugleich von einer neuen Affektkultur gekennzeichnet, und insofern liest sich Rauterbergs Buch nicht nur als Analyse der Kunst sowie der gegenwärtigen Kulturkämpfe, sondern auch als eine soziologisch inspirierte Sicht auf Twitter und Facebook sowie die Effekte, genauer gesagt die Affeke, die diese Medien zeitigen:

„Im digitalen Raum finden die Einzelnen zu Affektgemeinschaften zusammen, die sie in ihrer Empfindlichkeit bestätigen. Ein Kunstwerk, das als bedrohlich wahrgenommen wird, kann solche Affektgemeinschaften in ihrem Zusammenhalt stärken und verschafft ihnen ein emotional attraktives Ziel, nämlich die Unterbindung, vielleicht gar die Zerstörung des Werkes. Ein Kampf um Anerkennung und Macht entbrennt, in dem es stets darum geht, die Wirksamkeit der Kunst einzuhegen: Sie soll Rücksicht nehmen auf Partikularinteressen, die sich in ihr oder in Abgrenzung zu ihr definieren.

Für die Kunst ist es eine höchst ungewöhnliche Konstellation. Bislang war sie selbst das Partikularinteresse, sie verlangte Rücksichtnahme und konnte sich dabei auf ihre Freiheit berufen. Sie nahm sich das Recht heraus, nicht nach gesellschaftlichen, sondern nach ihren eigenen Maßstäben beurteilt zu werden. Und erst dieser idealistische Autonomieanspruch machte sie glaubwürdig, stark und frei.“

Das nennt ein zentrales Anliegen dieser neuen identitären Bewegungen von links. Es geht um politische Hegemonie in den Diskursen. Die Sache selbst bleibt äußerlich. Am Kunstwerk, in hermeneutischer Detailarbeit herausgeschürft, können diese „Kritiker“ ihren Verdacht in der Regel nicht beweisen. Wie etwa an jener Kritik am Gomringer-Gedicht gut zu zeigen ist. Das Gedicht gibt nichts von dem her, was da von Studenten gefühlt wird.

Auf diese von Gramci stammende Wendung, die zunehmend auch Intellektuelle der extremen Rechten wie Götz Kubitschek und Caroline Sommerfeld für sich in Anspruch nehmen, um Debatten zu kappern, greifen inzwischen linke wie rechte Kräfte gleichermaßen zurück. Facebook und Twitter fungieren als Verstärker. Womit Rauterberg ebenfalls beim Thema des Liberalismus ist, der unter den Auspizien dieser Digitalmoderne zunehmend verlustig zu gehen droht. Während Linksidentitäre inzwischen sich darauf verpflichtet sehen, die konsensstiftende Funktion der Kunst herauszustellen: daß Kunst niemanden verletzen dürfe, daß Rechte von Minderheiten in der Kunst und selbst in der Produktion von Kunst zu gewährleiten sind, ggf. sogar noch vor der Freiheit der Kunst, kaprizieren sich identitäre Rechte oder illiberale Demokraten auf eine neue Kunst als politische Provokation.

Für jene identitäre Linke ist die Maßgabe der Kunst ist nicht mehr das Werk, sondern Gefühl und Affekt sowie die gute Gesinnung. Das Werk hat tugendhaft zu sein, niemand soll sich gestört fühlen. Kunst wird langweilig, Kunst wird gefällig, sie darf nicht wehtun, und so schafft sich die innovative, provokante Kunst am Ende selbst ab. Dialektik der Abklärung. Was von jenen Aktivisten als „Freiheit“ und diskriminierungsfreies Darstellen aufgefaßt wird, führt zum Gegenteil: einer bis ins Detail normierten Welt, deren Gegenteil die Kunst einmal sein wollte. Ihr Medium war der mal schöne, mal erhabene, mal grausame ästhetische Schein.

Die Affekt-Ressource, so Rauterberg, ist „deshalb begehrt, weil sie sich selbst vermehrt: Affekte erzeugen Affekte, falls man sie in der Öffentlichkeit richtig einzusetzen weiß, und sie bringen einem jene Aufmerksamkeit ein, von der man zugleich behaupten kann, sie werde einem vorenthalten.“ Affekte bieten ein Ordnungsmuster, mit dem sich eine komplexe Gegenwart ordnen läßt. In diesem Sinne beschreibt Rauterberg nicht nur das Dilemma der freien Kunst, sondern ebenfalls eine Politik, die von rechts wie links, zunehmend auf eine Gefühlskultur setzt:

„Vielmehr ist Angst zur Ressource geworden, und wer sich als Opfer zu erkennen gibt, zeigt einerseits Schwäche, andererseits aber seine Überlegenheit im Ringen um rechte Tugend. Zeig deine Wunde heißt eine Installation von Joseph Beuys aus dem Jahr 1976. Ohne dieses Wundenzeigen sind die neuen Kulturkämpfe um die freie Kunst nicht vorstellbar.“

Auch wenn Beuys und überhaupt jene Kunst der neuen Subjektivität und der Gefühlskultur, wie wir sie aus dem Neuen Schreiben der 70er Jahre kennen, für diese Affektpolitik nicht unmittelbar verantwortlich ist, so weist Rauterbergs Buch doch auf eine unheilvolle Tendenz, die dieser Kunst implizit innewohnt. Liberale Gesellschaften, die einstmals unter dem Zeichen von Öffnung und Toleranz antraten, bewegen sich ins Geschlossene, in partikulare Identitätspolitik, wo andere Ansprüche, andere Perspektiven, anderes Denken per se als Diskriminierung und als potentieller Angriff erfahren werden.

„Eine Kunst, die ihr Privileg der absoluten Unzuständigkeit aufgibt, gerät unversehens in die Gefahr, dass man sie als Kampfmittel sozialer und politischer Interessen missbraucht. Wenn sie ihren Anspruch auf Autonomie verrät, wird sie ihrerseits verraten: Aufgekündigt wird die alte Verabredung, sie sei frei und unantastbar und schulde niemandem Rechenschaft.“

Solches Aufkündigen ist ein Rückfall in die Vormoderne. Von den Gefahren, die in dieser neuen Politisierung von Kunst unter dem Deckmantel des Affekts lauern, berichtet das Buch. Insofern ist Rauterbergs Essay zugleich ein Beitrag, der Partei nimmt für eine liberale Öffentlichkeit im Zeichen der Kulturkämpfe zwischen einer identitären und einer rechten Linken. Für konservatives, liberales, wie auch freiheitlich-linkes Denken wird es zunehmend eng.

„Es gehört jedoch zu den Eigenarten der Digitalmoderne, dass sie für das Mäßigende und Geregelte nur wenig übrig hat. Eher verstärkt sie eine latente Gereiztheit und ihre Affektwellen bleiben unvorhersehbar. Mitunter kann die symbolische Tat eines Einzelnen einen globalen Konflikt auslösen, wo wie es dem Prediger Terry Jones gelang, als er 2010 ankündigte, in Florida mehrere Koranausgaben verbrennen zu wollen. Er musste kein Feuer entzünden, allein die medial verbreitete Idee reicht aus, um Menschen auf der ganzen Welt derart zu empören, dass am Ende bei Protesten in Afghanistan, Indien und Pakistan mehrere Demonstranten starben.“

In diesem Sinne weist Rauterbergs Buch zugleich aber weit über die kleinlichen Kulturkämpfe der identitären Linken hinaus. Gut komprimiert können wir in diesem knappen Essay die Zeichen der Zeit lesen. Überschaubar, ohne rhetorische Gereiztheit im Ton, die bei diesem Thema verständlich wäre, und als ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst gegen jegliche Bevormundung im Namen politischer oder sonstiger partikularer Interessen.

Hanno Rauterberg: Wie frei ist die Kunst? – Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismua, Suhrkamp 2018, 141 Seiten, 14,00 EUR

106 Gedanken zu „Dialektik der Abklärung – Hanno Rauterberg „Wie frei ist die Kunst“

  1. Na, da war unser „Freund“ Momorulez ja scheinbar Vorreiter;-)
    Die Vorgeschichte ist aber länger:

    Göttingen, 16. März 1988. Die linken ASTA-Fraktionen Linkes Bündnis und GAL streiten sich wegen Etatfragen. Im Zuge einer sehr nervigen Sitzung ritzt eine Gallier „Fuck the LBerInnen“ in eine Tischplatte. Von LB-Frauen wird dies als grober Sexismus wahrgenommen und als Antwort zwei vom Schlachthof besorgte Schweinepenisse an die Bürotür der GAL genagelt. Beide Fraktionen informieren über Dutzende Meter lange Transparente an den Mensaaufgängen jeweils über ihre Sicht der als „Schweineschanzaffäre“ in die Annalen eingegangene Geschichte (Mein Kommentar damals: „Auf die zeiltlose Schönheeit des reinen Unsinns“). Dass am selben Tag in Halabja Saddams Truppen 5000 kurdische Zivilisten vergasten ging im Uni-PC-Getümmel unter.

    Göttingen, zum gleichen Zeitpunkt: Eine Theaterinitiative inszeniert Sharpes „Puppenmord“ und wirbt dafür mit einer Sexpuppe. Es wird zum Boykott des Stücks aufgerufen wg. Sexismus.

    Kassel, 1997, Boykottaufruf gegen die „Sexistenband“ Element of Crime wegen der Zeile „Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure als an die Gerechtigkeit der Justiz“. Dass das ein Zola-Zitat ist wird ebensowenig gewusst als dass mit Unschuld sexuelle Unberührtheit gemeint ist.

    Göttingen, 1999. „Alle meine Entchen“ wird für ein problematisches Lied gehalten wegen der sexuellen Anspielungen – „Schwänzchen in die Höh.“ Kein Witz!

    Nur dachte ich damals immer das alles seien postbubertäre Entwicklungsstörungen, die auf ein bestimmtes Alter beschränkt bleiben. .

  2. Ja, was sich bei Momorulez und bei der Mädchenmannschaft, als diese von Lantzsch und Konsorten gekappert wurde, andeutete, hat inzwischen weitere Kreise gezogen bzw. genießt inzwischen einige mediale Aufmerksamkeit. Danke auch für diese instruktiven Beispiele, che. Vor allem zeigen sie, wie sich eine partikulare Sache mehr und mehr zum gesellschaftlich Allgemeinen verbreitet, nicht nur, was die Kunst betrifft. Selbst ein Industriezweig, wie das kulturindustrielle Hollywood ist davon nicht mehr verschont.

    Noch mehr aber zeigen sie, wie sehr eine Symbolpolitik, die sich an Zeichen abarbeitet, statt auf reale Veränderungen hinzuwirken, durchgesetzt hat.

    Bezüglich der Waldbrände hier im Südwesten von Berlin schrieb bei Twitter ein Nutzer: „Bitte keine Feministinnen in die Feuerwehr. Ich möchte nämlich, dass die Brände gelöscht und nicht, dass sie umbenannt werden. #waldbrand“

    Da trifft er eine richtige Intuition und weist auf ein aktuelles Problem der Symbolpolitik

  3. @ Gregor Keuschnig: In der Tat. Vor allem kompakt zusammengefaßt, ohne große Polemik, also auf sachlicher Ebene hat man bei Rauterberg einen Überblick. Es sträuben sich allerdings beim Lesen teils die Nackenhaare und man kann es bewundern, mit welcher Ruhe Rauterberg das alles darstellt.

  4. Eine alte Genossin die Du mal kennengelernt hast und die sich selbst als Feministin versteht hatte mal gesagt die Inquisition hätte man, statt die Hexen zu verfolgen, diesen überlassen sollen. Die wären so gründlich gewesen dass es nie zur Reformation gekommen wäre weil kein Ketzer übriggeblieben wäre. Außerdem hätte es nicht so ein Geschmadder gegeben auf den Folterbänken, die hätten jedesmal hinterher geschrubbt.

  5. Ich hatte das Queerfeminismus-Buch von Nadine Lantzsch und Leah Bretz ja tatsächlich vollständig gelesen (nachdem Katrin Rönicke es verärgert weggelegt hatte); darin werden allen Ernstes Worte und Gedanken als Taten bezeichnet und die Unterscheidung zwischen verbaler Welt und handfester Realität negiert.

  6. Wenn das da wirklich so steht, haben die beiden Autorinnen nicht mehr nur ein und bloß ein logisches Problem. Gegenwärtig macht sich leider jene Tendenz des Sabbelfeminismus breit. Ist ja auch und zudem ein gutes Geschäftsmodel, wo man dann bei SpOn, Missy, SZ und Zeit-Online mal einen Text unterbekommt.

  7. Was ist das? Kurdisch? Armenisch? Türkisch? Auf alle Fälle auf irgendeine Art levanthinisch. Dabke vielleicht.

    Möglicherweise auch einfach nur für Propaganda verheizte Bilder einer Hochzeit, genau wie die kurdischen Freiheitskämpferinnen und israelischen Soldatinnen, s. o.

  8. Kannst Du auch erklären, was dieser Kommentar mit dem Beitrag zu tun hat? Könntest Du das kurz erläutern? Ansonsten bitte hier keine Kommentare mit „möglicherweise“, die hier irgend etwas nur assoziieren wollen, was nicht zusammengehört.

  9. E ist ein wenig gespentisch, diese kunstbuch als Buch der Stunde gepriesen zu sehen. ehrlich gesagt.

    Rauterbergs Grundüberzeugung ist dennoch gut.

    Ob er auch immer ein guter Anwalt seiner Freiheitsträume ist, – – ?

    Ich zitiere mal eine Stelle, wo ich nicht so ganz mitkann:

    „Wo jedoch, so Rauterberg, die Freiheit der Kunst

    „anderweitigen Ansprüchen untergeordnet wird, etwa den Vorbehalten ethnischer Minderheiten, erweis sie sich als überaus verletzlich“.

    Mein Einwand geht dahin zu sagen: Es ist bereits falsch, die Kunst den A n s p r ü c h e n ethnischer Minderheiten unterzuordnen. Das ist nämlich illiberal und pflastert den Weg ins zivilisatorische Abseits, wo nicht zuletzt die trüben Multi-Kulti-Prediger und Schneeflocken und Social-Justice-Warriors ihr schwarzes Unwesen treiben.

  10. Was heißt gespenstisch? Das sind die aktuellen Debatten der Zeit. Insofern ist diese Zeit, die solche Debatten führen muß, wie etwa beim Gomringer-Gedicht, eine gespenstische. Und in diesem Sinne ist es das Buch der Stunde. Wie auch bei Rechtsaußen und Rechtsidentitären geht es ebenso bei dieser identitären Linken um den Kampf um kulturelle Hegemonie. Rauterberg hat hier eine gute Zustandbeschreibung verfaßt, um sich zu orientieren und um auf ein Problem zu weisen.

    Rauterberg stellt die Sache neutral da. Er versucht und das ist sicherlich dem hermentischen Principle of charity geschuldet, auch der anderen Seite ihre Darstellung zukommen zu lassen, ohne sogleich reflexhaft zu werten. Gerade deshalb ist das Buch für alle Seiten lesbar und so wird man womöglich auch den einen oder den anderen aus jener Cultural Appropriation-Fraktion erreichen. Insofern ist es unsinnig, die eigenen Ansprüche einfach auf ein anderes Buch zu kaprizieren. Solcher Leistungsabgleich muß natürlich und notwendig scheitern.

    „Es ist bereits falsch, die Kunst den A n s p r ü c h e n ethnischer Minderheiten unterzuordnen.“

    Kunst kann sich mit vielen Themen befassen. Und natürlich gehört dazu in einer pluralen Kunst auch die Ansprüche von Minderheiten. Aber aus diesem Befassen mit solchen Ansprüchen lassen sich eben keine privilegierten Zugangsweisen ableiten und schon gar keine Verbotsforderungen. Da und an dieser Stelle liegt der Fehlschluß, den die Identitären machen, und das sagt Rauterberg ja in diesem Satz auch deutlich. Kunst wird verletzlich, büßt Autonomie wie auch Souveränität ein, weil für sie ein neuer Bittefelder Weg geschaffen wird, so ergänze ich es mal in meinen Worten.

    Maßgabe der Kunst ist die Gelungenheit des Werkes, sein Stil, ob es möglicherweise sozialen Kitsch produziert, der nicht weit von einer Werbebroschüre entfernt liegt.

  11. @“Das ist nämlich illiberal und pflastert den Weg ins zivilisatorische Abseits, wo nicht zuletzt die trüben Multi-Kulti-Prediger und Schneeflocken und Social-Justice-Warriors ihr schwarzes Unwesen treiben.“ —— Uuuuiiiiii, da sind aber soziale Vorurteile auf der Ebene plattester Klischees munter zusammenassoziiert. Schreibt jetzt ein stolzer Social-Justice-Warrior der sich zu den politisch Unkorrekten zählt und an Multikulti im wesentlichen kritisiert dass das zu wenig melting pot und zu viel Identitäterä ist. ;-)

  12. Nicht a l l e Social Justice Warrior sind trübe, uiii, che2001. Aber definitiv die, die verlangen, das sich die Kunst den „den Ansprüche ethnischer Minderheiten“ egalweg unterordne.

    @ Bersarin – mit Blick auf Chemnitz fand ich es ein wenig gespenstisch, ein Buch über den Kunst-Diskurs als „Buch der Stunde“ auszuschallen. Aber das ist wirklich nur so ein kleines Gefühl von mir. Hanno Rauterbegs Büchl hat sicher seine Berechtigung und seinen Nutzen.

  13. Na, Chemnitz ist nun aber eine ganz andere Schiene und hat mit Kunst wenig zu schaffen. Davon ab, daß es ja nicht nur eine einzige Agenda gibt, sondern eine Vielzahl an Themen. Rechtsextremismus und eine weit verbreitete rechte Szene in vielen Städten ist das eine, ein anderes Thema wiederum migrantische Kriminalität. Da ist es nicht sehr geschickt, alles in einen Topf zu werfen, wo man besser unterschiedliche Aspekte benennt. Und diese Kunstdiskurse nach einer politisch genehmen und korrekten Kunst und die Fragen nach einer linken Identitätspolitik bestimmen im Moment die Debatte. Aber die Frage, wie man mit solchen Rechtsradikalen wie in Sachsen umgeht, die Fußgängerzonen zu rechtsfreien Räumen machen, ist sicherlich ebenfalls nicht ganz unwichtig. Deshalb ja auch in allen möglichen Kontexten mein Plädoyer für einen starken Rechtsstaat.

  14. Yep, Bersarin, der starke Staat – eine uralte sozialdemokratische Forderung, stets aktuell! – Eine seiner vornehmsten Aufgaben ist es u. a., spontane politische Versammlungen in zivilisierten Bahnen zu gewährleisten.

    Noch wegen Rauterberg:
    Wenn Sie geschrieben hätten, „das Buch der Stunde in der Kunstwelt“ osä. wäre mir die Sache nicht aufgestoßen, vermutlich. Also – alles gut, alles ok, nur Nigglichkeiten in diesem Fall.

    Aber nicht vergessen möchte ich doch den großen Tag unseres heutigen „Jubelseniors“ (Jean Paul – nämlich Johann Wolfgang Goethes, dessen Geburtsag wir ja heute in der Tat haben. Daher, nach wie vor aktuell, „unter des durchlauchigsten Deutschen Bundes schützenden Privilegien“ dies da kund und zu wissen – die FAZ hat es dankenswerterweise ausgegraben (und der Perlentaucher hat es leider übergangen) – es passt durchaus auch zu Rauterbergs Überlegungen, hie und da, insbesondere wegen Kunstfreiheit vs. Willkürfreiheit:

    „Ein Wort für junge Dichter“ – von JWvG

    „Unser Meister ist derjenige, unter dessen Anleitung wir uns in einer Kunst fortwährend üben und welcher uns, wie wir nach und nach zur Fertigkeit gelangen, stufenweise die Grundsätze mitteilt, nach welchen handelnd wir das ersehnte Ziel am sichersten erreichen.

    In solchem Sinne war ich Meister von niemand. Wenn ich aber aussprechen soll, was ich den Deutschen überhaupt, besonders den jungen Dichtern geworden bin, so darf ich mich wohl ihren Befreier nennen; denn sie sind an mir gewahr geworden, daß, wie der Mensch von innen heraus leben, der Künstler von innen heraus wirken müsse, indem er, gebärde er sich, wie er will, immer nur sein Individuum zutage fördern wird.

    Geht er dabei frisch und froh zu Werke, so manifestiert er gewiß den Wert seines Lebens, die Hoheit oder Anmut, vielleicht auch die anmutige Hoheit, die ihm von der Natur verliehen war.

    Ich kann übrigens recht gut bemerken, auf wen ich in dieser Art gewirkt; es entspringt daraus gewissermaßen eine Naturdichtung, und nur auf diese Art ist es möglich, Original zu sein.

    Glücklicherweise steht unsere Poesie im Technischen so hoch, das Verdienst eines würdigen Gehalts liegt so klar am Tag, daß wir wundersam erfreuliche Erscheinungen auftreten sehen. Dieses kann immer noch besser werden, und niemand weiß, wohin es führen mag; nur freilich muß jeder sich selbst kennenlernen, sich selbst zu beurteilen wissen, weil hier kein fremder äußerer Maßstab zu Hülfe zu nehmen ist.

    Worauf aber alles ankommt, sei in kurzem gesagt. Der junge Dichter spreche nur aus, was lebt und fortwirkt, unter welcherlei Gestalt es auch sein möge; er beseitige streng allen Widergeist, alles Mißwollen, Mißreden und was nur verneinen kann: denn dabei kommt nichts heraus.

    Ich kann es meinen jungen Freunden nicht ernst genug empfehlen, daß sie sich selbst beobachten müssen, auf daß bei einer gewissen Fazilität des rhythmischen Ausdrucks sie doch auch immer an Gehalt mehr und mehr gewinnen.

    Poetischer Gehalt aber ist Gehalt des eigenen Lebens; den kann uns niemand geben, vielleicht verdüstern, aber nicht verkümmern. Alles was Eitelkeit, das heißt Selbstgefälliges ohne Fundament ist, wird schlimmer als jemals behandelt werden.

    Sich frei zu erklären ist eine große Anmaßung; denn man erklärt zugleich, daß man sich selbst beherrschen wolle, und wer vermag das? Zu meinen Freunden, den jungen Dichtern, sprech ich hierüber folgendermaßen: Ihr habt jetzt eigentlich keine Norm, und die müßt ihr euch selbst geben; fragt euch nur bei jedem Gedicht, ob es ein Erlebtes enthalte und ob dies Erlebte euch gefördert habe.

    Ihr seid nicht gefördert, wenn ihr eine Geliebte, die ihr durch Entfernung, Untreue, Tod verloren habt, immerfort betrauert. Das ist gar nichts wert, und wenn ihr noch soviel Geschick und Talent dabei aufopfert.

    Man halte sich ans fortschreitende Leben und prüfe sich bei Gelegenheiten; denn da beweist sich’s im Augenblick, ob wir lebendig sind, und bei späterer Betrachtung, ob wir lebendig waren.“

  15. Ich habe Rauterbergs Buch nicht gelesen, aber wie mir aus der Besprechung und dem Untertitel hervorzugehen scheint, wird die Rolle des Liberalismus‘ falsch eingeschätzt: Diese Zustände sind doch die Folge eines Liberalismus, der das Individuum auf seine eigenen Lebensinteressen reduziert hat (Horkheimer); dort wo nur noch das eigene Lebensinteresse und die jeweilige subjektive Vernunft gilt, hat nichts Übergeordnetes mehr Bestand; nicht die Frage nach dem Gemeinwohl, ist jene auf die sich die Bürger beziehen, sondern sie versuchen partikulare Interessen zu bündeln — via Affekt, Aktion, usw. — und durchzusetzen, „egal“ wie. Die eigene Sache wird „Angelegenheit“ von Seilschaften und Gruppen, man kann das vormodern nennen, nur scheint es mir genuin modern zu sein, jene viel? beklagte Spaltung: Unsere hochgradig und einseitig vernunftformalisierte Welt muss doch solche Phänomene gebären, das was wir Populismus nennen, ist nichts anderes, als das Resultat einer an formaler Vernunft orientierten, hochfunktionalen Gesellschaft (ob nun Wirtschaftslobbyisten ihre Interessen strategisch und planerisch durchsetzen oder andere sich um ihre Affekte und Neurosen gruppieren, das ist doch immer nur eine Seite derselben Medaille). — Die Postmoderne scheint mir immer mehr als eine fiktive, herbeigeschriebene, erträumte, aber nie umfänglich realisierte „Epoche“ zu sein: Klar gibt es die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und andere Phänomene, dennoch wird unsere Lebenswelt immer weitgehender von einer Funktions- und Nutzorientierung durchdrungen, die (noch immer) genuin modern ist; im Gegenteil, die „postmoderne Beliebigkeit“ hat das noch weiter zugespitzt (nicht umsonst passen Konstruktivismus und Systemtheorie so gut zusammen).

    (Um nicht missverstanden zu werden, ich habe nichts gegen Freiheit, nur scheint sie mir unser gegenwärtiger Liberalismus sehr zweifelhaft zu entwickeln und verwirklichen.)

  16. @ metepsilonema

    Die Gleichzeitgkeit des Ungleichzeitugen ist ein Blochscher Gedanke, jedenfalls eine Bloschsche Formulierung wie mir scheint, also modernen Ursprungs und Wesens grad auno. Habermas weist bis zum geht nicht mehr darauf hin, dass dem so sei: Das genau ist das Kennzeichen der Moderne, dass sie soviel zugleich ermöglicht und entfesselt, sagt der Dr. Habermas – nicht zuletzt in seinem des Fleißes der Edlen alsweiter absolut würdigen Buches „Der philosophische Diskurs der Moderne“.

  17. @ Uwe. Danke für diesen Link, der in diesem Kontext in der Tat wichtig ist. Dazu auch noch lesenswert von Tina Uebel kürzlich ein Artikel in der „Zeit“ zur Problematik, worüber man schreiben kann und wo es inzwischen haarig wird.

    @ metepsolomena: Das von Ihnen geschilderte Problem liegt darin, daß Rauterberg den Begriff des Liberalismus unspezifisch in einem allgemeinen Sinne gebraucht. In einem Kontext nennt er den Liberalismus in der Weise, wie er in den USA gebraucht wird (liberals): nämlich als klassische linke Position, dann wieder ist damit eher allgemein ein Synonym für das Wort Freiheit gemeint. Den klassischen Begriff des Liberalismus sowie seine Vertreter und die Kritik Horkheimers daran sind bei Rauterberg nicht das Thema. Das ist aber eigentlich gar nicht so schlimm, denn er fokussiert seinen Beitrag im Grunde auf einen kleinen Ausschnitt, nämlich auf die Freiheit der Kunst und meint insofern einen alltagssprachlichen Begriff von Liberalismus: die Freiheit in der Gesellschaft. In anderen Kontexten wiederum spricht er von der liberalen Demokratie. Das ist analytisch und von der Schlüssigkeit des Begriffs nicht wirklich in die Tiefe gehend, und vor allem haben wir hier keine begriffsgeschichtliche Analyse, Rauterberg führt das unter diesen beiden Begriffe Befaßte nicht in einer philosophischen Diktion durch. Aber da dieser Essay zu ca. 90 % auf die Kunst sowie die Autonomie derselben geht, schadet das wenig. Eher geht es in diesem Text darum, in eine Problemlage einzuführen, die gegenwärtige Diskurse bestimmt: Stichworte: Critical Whiteness, Cultural Appropriation etc.

    Was den Wegfall von sozialen Bindungen betrifft, so streift Rauterberg dies und stellt die Moderne, in der sich dieser Zug abzeichnete, der Digitalmoderne gegenüber. Da der Text sich auf der Ebene eines journalistischen Essays bewegt,

    „Unsere hochgradig und einseitig vernunftformalisierte Welt muss doch solche Phänomene gebären, das was wir Populismus nennen, ist nichts anderes, als das Resultat einer an formaler Vernunft orientierten, hochfunktionalen Gesellschaft“

    Mag sein, allerdings ist dies nicht Rauterbergs Frage. So tief geht es bei ihm in der Analyse ist. Die zentrale Frage ist die Freiheit der Kunst und dies anhand einiger wesentlicher Beispiele erläutert. In diesem Sinne leistet der Text auch, was er einlösen will. Es findet sich bei Rauterberg keine ausführliche Erläuterung der gesellschaftlichen und der ästhetischen Moderne. In groben Zügen unterschiedet er lediglich zwischen der Moderne, also der Zeit bis etwa in die 80er, 90er Jahre, und der Digitalmoderne. Die von Ihnen angesprochenen philosophischen Aspekte müßten noch einmal extra abgehandelt werden.

  18. „Die Postmoderne scheint mir immer mehr als eine fiktive, herbeigeschriebene, erträumte, aber nie umfänglich realisierte „Epoche“ zu sein: Klar gibt es die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und andere Phänomene, dennoch wird unsere Lebenswelt immer weitgehender von einer Funktions- und Nutzorientierung durchdrungen, die (noch immer) genuin modern ist; im Gegenteil, die „postmoderne Beliebigkeit“ hat das noch weiter zugespitzt (nicht umsonst passen Konstruktivismus und Systemtheorie so gut zusammen).“

    Das Gleichzeitige des Ungleichzeitigen ist sowieso eine eigentlich weit zurückreichende Wendung, die man genauso schon in Hegels Zeiten und insbesondere in der akzeleratorischen Moderne der Sattelzeit ausmachen konnte. Die Wendung Postmodern ist einerseits problematisch, kann aber gut dazu dienen, innerhalb der Spätmoderne noch einmal einen Bruch zu kennzeichnen. Als ein Kennzeichen für eine solche Friktion scheint mir dieser Begriff brauchbar und sofern er nicht als Synonym für Beliebigkeit steht. Ich halte ansonsten solche klassifikatorischen Begriffe für eine eher heikle Sache, weil sie im Sinne einer doxographischen Festschreibung oft dazu dienen, Blickrichtungen zu verengen und für die Rezeption bestimmter Philosophen dogmatisch Perspektiven vorzuschreiben. Sehr gut kann man das daran sehen, wie etwa Philosophien wie Derrida und Foucault falsch zugeordnet werden. Stichwort hier der Relativismus: Nichts davon findet sich bei Foucault und bei Derrida. In diesem Sinne ist es dann, wie auch bei dem Begriff der Postmoderne, sinnvoller, sich Problemstellungen und Fragen zuzuwenden, die in den Texten dieser Autoren abgehandelt werden. Das führt in der Regel inhaltlich weiter und man umschifft damit dann auch das Problematische bei solchen Begriffen wie Postmoderne.

    „(Um nicht missverstanden zu werden, ich habe nichts gegen Freiheit, nur scheint sie mir unser gegenwärtiger Liberalismus sehr zweifelhaft zu entwickeln und verwirklichen.)“

    Unter der von Rauterberg gebrauchten allgemeinen Fassung, denke ich, tut sie diese Kollisionen nicht auf. Wobei man eben Rauterberg hier in der Tat eine laxe Terminologie vorwerfen kann. Aber sofern man das Buch nicht als wissenschaftlichen, sondern als journalistischen Essay nimmt, denke ich, geht es.

  19. @Bersarin
    Danke, das erhellt die Verwendung des Begriffs „Liberalismus“ etwas (ärgerlich finde ich es trotzdem, aber das ist meine Angelegenheit).

    Mir ist der Begriff „Spätmoderne“ auch lieber, aber da in der Besprechung „Postmoderne“ fiel, habe ich das Wort aufgegriffen. — Egal wo die Wendung „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ nun herkommt, sie kann stellvertretend für eine Charakterisierung, die natürlich näher auszuführen ist, stehen. Sicherlich kann man eine gewisse Tendenz dazu in der Moderne schon lange feststellen (in einem gewissen Umfang auch schon früher), spätestens seit allen massenwirksamen Kommunikationsmedien, aber die Digitalisierung stellt eine neue Qualität dar. Nicht nur dass Virtualität, die ja doch wieder eine Form von Realität ist, uns ständig begleitet, in ihr wird diese Gleichzeitigkeit erneut realisiert: Ob nun in den Tabs eines Browsers, in der Seitenleiste auf YouTube, im Emailordner, …, überall liegt das Verschiedene, das Widersprechende neben einander und man kann von einem zum anderen springen, die „Währung“ 0 und 1 in die übersetzt wird, macht das möglich. Man kann sich heute gleichsam in einen digitalen Kokon spinnen (wiederum eine Gleichzeitigkeit von Realität und Schein) und ob dieser Verlust nicht schon genügt, sind die negativen Auswirkungen (Aufmerksamkeitsmangel, Überreizung, Hektik, Stress,…) überall zu spüren, sie greifen das Fundament der Kultur (und der Kunst) längst an. — Mir erscheint es immer deutlicher, dass diese Dinge Folgen haben (müssen), nur sind die zu beobachtenden Phänomene nicht immer einfach (ursächlich) zuzuordnen.

  20. @ metiepsilonema

    Es gibt eine gar nicht so unbedeutende Lesart dieser Geschichte, wonach der Unterschied zwischen Postmoderne und Spätmoderne schon gewichtig ist.

    Auch die von Ihnen ventilierte Idee, dass die Menschen wg. zunehmender Reizintensität immer nervöser werden ist schon altehrwürdig (cf. Fin de Sciècle, die Eisenbahn, die Hysterie, der Film, die Fotografie, das Gaslicht, …Futurismus, DaDa, Surrealismus, Freud, Dix, Kirchner, Gabriele D’Annunzio…).

    No – und nu diese kleinen Lichtfenster, die wir vor unserer Nase haben, halbe Tage lang – von manchen werden sie als so verderblich angesehen, wie einstens die Romane: Das Romanlesen, so analysierte man, werde die Leute dereinsten noch ihren Verstand kosten, wg. vollkommenenr geistiger Überreizung…: „Ein Wind-Spiel (= Windhund, dk), daß auff eine Hasenspur gerathen, ist vil leichter zuruck zu bringen als eine Feuchtnas ab seinem Roman.“
    Gotthard Heidegger, Mythosophia romantica: oder Discours von den so benannten Romans.
    (Motto des Romans Der Helle Wahn von Hermann Kinder, Diogenes 1981)

  21. „Die Jugend empört sich gegen die Obrigkeit, nichts ist mehr heilig, die Welt wird untergehen“ Sumerischer Keilschriftext, 3500 v. Chr.

  22. @“Aber die Frage, wie man mit solchen Rechtsradikalen wie in Sachsen umgeht, die Fußgängerzonen zu rechtsfreien Räumen machen, ist sicherlich ebenfalls nicht ganz unwichtig. Deshalb ja auch in allen möglichen Kontexten mein Plädoyer für einen starken Rechtsstaat.“—-
    Als jemand der den bürgerlichen Staat als wesentlichen Teils des Problems sieht empfehle ich stattdessen eine starke Antifa. Eine linke Szene die Tag und Nacht den Polizeifunk abhört, zugleich ein antifaschistisches/antirassistisches Notruftelefon betreibt und bei rassistischen Vorkommnissen zu jeder Tages- und Nachtzeit per Telefonlawine ein paar Hundert Leute zum Ort des Geschehens mobilisiert, wie wir das schon einmal hatten. Antifa heißt Angriff!

  23. Nein, che, ich möchte keine Selbstjustiz – egal ob von Links- oder von Rechtsextremisten, und egal ob, eine der beiden Seiten meint, in gute Absicht zu handeln, weil man wahlweise die kriminellen Migranten, die Nazis oder nächstens irgendwen anders jagd und bekämpft. Und Teile der Antifa, che,sind nicht die Lösung, sondern das Problem.Das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Allerdings ist es jedem freigestellt, seinen Protest und seine Meinungen mit Phantasie und mit guten und die Öffentlichkeit mobilisierenden Aktionen auf die Straße zu tragen. Da liegt die Kraft der Linken. Die von Dir beschriebenen Methoden sind ein Grenzfall. Bis auf das Abhören von Polizeifunk bewegt sich das alles im Rahmen des Rechtsstaates. Ob solche bürgerkriegsähnlichen Szenarien freilich wirklich sinnvoll sind, steht auf einem anderen Blatt. Polizei und auch die übrigen Organe des Rechtsstaates haben die Aufgabe, Übergriffe auf andere zu unterbinden. Das gilt natürlich auch für Rechtsradikale, die wie in Neukölln Linke angreifen.

    Um zu sehen, wie solche entrechteten Zonen aussehen, nehme man die Rigaer Straße und die Szene der Linksextremisten dort. Ich zitiere aus der „Welt“ einen Bericht über die Sitiuation dort:

    Sie stockt, als sie den Anfang dieser Geschichte beschreiben will. Als könnte sie nach allem, was in den letzten Monaten geschehen ist, kaum noch fassen, worum es eigentlich ging. „Ich habe einzig und allein“, sagt sie, „also ich wollte einfach nur einem Verletzten helfen, der am Boden lag.“

    Lena Heinemann wohnt in Berlin-Friedrichshain. Sie hat darum gebeten, ihren Namen zu ändern, aus Sicherheitsgründen. Sie und ihr Freund haben als Zeugen gegen einen Nachbarn ausgesagt. Seitdem werden sie bedroht.
    (…)
    Im März geriet die Nachbarin mittenrein in diesen Kleinkrieg. Es war der erste warme Tag, erinnert sich die 43-Jährige, als sie von ihrem Balkon zwei Männer vor einer Bäckerei streiten sah. Einer habe den anderen zu Boden gerissen, sich auf ihn gesetzt und ihn geschlagen oder gewürgt. Sie erkannte den breiten Kerl, ein Pole, der sich als Türsteher der Rigaer Straße 94 gebärdet. Sie schrie runter, er solle aufhören, ein Passant ging dazwischen, weitere kamen hinzu. Heinemann dachte, da kümmerten sich schon genug Leute. Doch als sie später wieder nachsah, harrte nur noch eine Frau bei dem Verletzten aus und schaute sich nervös um. Sie ging runter, um zu helfen – und wähnte sich in einem schlechten Film.
    Die andere Frau hatte die Polizei angerufen, die sagte, sie würden einen Krankenwagen schicken. Während sie warteten, sammelte sich eine Gruppe Autonomer gegenüber und beobachtete sie, eine vermummte Frau schoss Fotos von ihnen. Heinemanns Freund kehrte gerade von der Arbeit zurück und fragte, was vorgefallen sei. Da kam ein Bewohner der „Rigaer 94“ auf sie zu und drohte ihnen: „Ruft nicht die Bullen! Wir wissen, wo ihr wohnt.“ Als die Sanitäter eintrafen, umringte die Gruppe sie, beschimpfte sie, schlug und spuckte auf den Krankenwagen. Sie sprangen mit auf.
    (…)
    Wenige Tage später fand sie ein anonymes Schreiben im Briefkasten. Darin werden die Personen, die die Polizei gerufen haben, aufgefordert, sich einer Art Kiezgericht in der Kneipe des Autonomen-Hauses zu stellen, um sich für ihr Verhalten zu verantworten. Damals zog die Angst bei ihr ein.
    Sie schließt die Tür von innen ab. Altbau, selbst geschreinerte Wohnküche, die meisten Möbel haben sie vom Sperrmüll. Sie kaufen grundsätzlich nur secondhand. Heinemann arbeitet im sozialen Bereich, ihr Freund kommt aus Spanien, unterrichtet seine Sprache. Sie ist in Ost-Berlin geboren, hat miterlebt, was sie den Ausverkauf der Stadt nennt. Sie haben gegen Gentrifizierung und steigende Mieten demonstriert, verstehen sich als links, haben immer Grün gewählt. Aber in der Nachbarschaft sind sie nun der Klassenfeind.
    Auf den Drohbrief folgten Plakate: „Denunzianten im Kiez!!!“ lasen sie plötzlich an Hauswänden und Laternen. Dass sie „Schweine“ seien und sich „widerlich“ verhalten hätten. Sie und andere Anwohner, die als Zeugen aussagten, seien Rassisten, die gegen den Tatverdächtigen hetzten, weil er Pole ist. Konflikte im Kiez löse man nicht mit der Polizei. Die Nachbarn müssten nun „einen Umgang“ mit „den Kollaborateuren“ finden.
    Bei einer Kundgebung von Bewohnern und Sympathisanten der „Rigaer 94“ drohten Teilnehmer über Lautsprecher, sie sollten nicht glauben, dass der „Polizeiapparat“ ihnen hier ein ruhiges Leben garantieren könne. Auf linken Internetplattformen wie „Indymedia“ wurden ihre Namen und Adressen veröffentlicht.
    An zwei Abenden habe es bei ihnen Sturm geklingelt, sagt Heinemann. Auf der anderen Straßenseite postierten sich nun öfter Leute, die sie beobachteten. Zwei Nachbarn berichten Ähnliches. Nachts seien Leute ins Haus gekommen und hätten an ihrer Wohnungstür geklingelt. Sie sprechen von „Psychoterror“.
    Vor dem Amtsgericht läuft jetzt ein Prozess gegen den „Türsteher“ der Rigaer Straße 94, den seine Freunde Isa rufen. Die Staatsanwaltschaft hat mehrere Vorwürfe gegen ihn zusammengetragen, drei Körperverletzungen, Beleidigung und Bedrohung von Polizisten. In der Auseinandersetzung, die Heinemann beobachtet hat, beruft sich der Angeklagte auf Notwehr, der andere Mann habe seinen Hund mit einer Flasche geschlagen und seine Frau bedroht, er habe ihn bloß außer Gefecht gesetzt. An sich ist es ein banaler Fall, aber die Verteidiger unterstellen den Ermittlern, sie hätten Zeugen gezielt beeinflusst; kritisieren, die Richterin sei befangen.
    In der Szene wird Isa zum Opfer eines „Schauprozesses“ stilisiert. Sie hat der Prügelei einen politischen Überbau gezimmert: In der Logik der Autonomen sind die Zeugen zugezogene Kapitalisten oder gar Spitzel, die Polizei und Verfassungsschutz helfen, eine Zelle im Kiez aufzubauen. Ziel sei es, die „Rigaer 94“ zu diffamieren und so die Nachbarschaft zu spalten, um den „Widerstand“ gegen die „Besatzungstruppen“ zu brechen.
    Eine Chronik auf einem Blog veranschaulicht, was mit Widerstand gemeint ist: „30.6. Steinwürfe gegen Knastprofiteur“. „27.6. Scheiben bei SPD eingeworfen“. „26.6. Brandanschlag im Nordkiez auf Privatauto von Schließerin.“ Es folgen weitere „Soliaktionen“ für Isa, der vier Monate in Untersuchungshaft saß. Um ihn festzunehmen, war die Polizei mit 300 Mann und einem Hubschrauber angerückt, der befürchtete Attacken von den Dächern ausspähen sollte.
    (…) Durch die Fenster dröhnen Parolen gegen die „Denunzianten“ aus einem Lautsprecherwagen, der vor dem Gericht parkt. Im Publikum sitzen mehrere Dutzend Unterstützer des Angeklagten, darunter der Mann, der Lena Heinemann und ihrem Freund drohte, sie sollten nicht die Polizei rufen. Während sie aussagen, fallen höhnische Bemerkungen. Als der Verletzte seinen kaputten Knöchel zeigt, ertönt Gelächter von den Zuschauerbänken.

    Im September will das Gericht ein Urteil sprechen. Für die Zeugen wird es wohl kein Schlussstrich sein. Beim Landeskriminalamt habe man versucht, sie zu beruhigen, sagt Heinemann: Ihr Leib und Leben seien nicht in Gefahr, linke Gewalt in Friedrichshain richte sich in der Regel gegen Sachen. Sie sollten das Auto weit weg parken und die Haustür gut abschließen. Die Polizei hat ihre Präsenz noch einmal erhöht.“

    Nein, so etwas möchten nur wenige Menschen. Selbsternannte Antifanten, die nicht von rechtsradikalen Schlägern zu unterscheiden sind. Dies ist nur ein einzelnes Beispiel, es zeigt aber gut, wohin es führen kann, wenn der Rechtsstaat sein Gewaltmonopol aufgibt. Diesen Leuten gehört ganz einfach das Handwerk gelegt. Und auch dafür ist nicht die Selbstjustiz geeignet, indem nun ein Volksmob die Leute der Rigaer und diese feigen Täter aus ihren Hausern herauszerrt, sondern es ist die Verfolgung solcher Straftäter Aufgabe des Staates.

  24. Was die Modere/Postmoderne/Spätmoderne betrifft, so muß man das zunächst in eine ästhetische, eine politische und eine gesellschaftliche Sphäre differenzieren. Fünf große Daten, sozusagen Geschichtszeichen, stehen dafür ein: Der Ende des 2. Weltkrieges (samt Auschwitz und Hiroshima), die Kulturindustrie mit dem Phänomen Pop-Musik, die 60er Jahre und die neuen Jugend- und Protestbewegungen, der Fall der Mauer sowie das Internet dürften hier zentral sein. (Den 11. September lasse ich mal weg, das hat eine geopolitische Komponente. Und es ist diese Liste sicherlich ergänzbar. Über die Gewichtungen dieser Ereignisse und was sie für Verschiebungen bedeuten, kann man debattieren.)

    Mit diesen Ereignissen sind zumindest wesentliche Verschiebungen verbunden und vor allem eine Öffnung der Gesellschaft hin zu mehr Flexibilität und einer (teils vermeintlichen) Durchlässigkeit sowie einer sozialen Mobilität – im guten wie im schlechten Sinne. Diese Übergänge, die in diesen Ereignissen angelegt sind, waren teils fließend. Was uns etwa als Übererregheit heute erscheint, differenzierte sich langsam in den 00er Jahren heraus. Hinzu kamen in den 00er und 10er Jahren verschiedene politische Ereignisse, die eine zunehmende Aufgeregtheit bewirkten. Kennzeichen dafür ist das, was Rauterberg und andere die Digitalmoderne nennen: Sender und Empfänger sind austauschbar. Jeder kann auf eine Nachricht unmittelbar regieren.

    Mittels Twitter entstehen Stürme der Erregung. Zugleich entlädt sich der Zorn nicht mehr auf der Straße oder im sozialen Protest, sondern hauptsächlich in den Medien. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Ganz wesentlich für dies Prozesse scheint m mir jedoch eine Entdifferenzierung der Gesellschaft, sowie eine Öffnung, die gleichzeitig neue Schließungen und Schichtungen produziert. Dazu gehört auch, das ein altes sozialdemokratisches SPD wählendes Milieu wegbrach und daß eine neue ökologische Linke auf den Plan trat, die teils die Funktionen eines alten Bürgertums übernahm.

    Den Begriff der Postmoderne muß man in diesem Sinne noch einmal enger fassen und sehen, was man mit ihm eigentlich meint. (Habermas „Der philosophische Diskurs der Moderne“ ist das sicherlich ein wichtiges Buch, wenngleich seine Beschreibungen der Philosophie Derridas, Adornos, Foucaults, Luhmanns und Heideggers mehr als nur problemtisch sind. Sie sind schlicht falsch, was etwa die politische Bewertung Foucaults und Derridas als Neo-Konservative betrifft.)

    Die ästhetische Postmoderne meint wieder etwas anderes als die philosophische und die gesellschaftliche. Für dies ästhetische Postmoderne mag in der Kunst die Auflösung der Gattungsgrenzen stehen, ebenso das Stillstellen der Fortschrittsspirale und daß vermeintlich abgelebte Formen gleichbereichtig neben avancierten stehen, ja das sogar ein Element wie der Kitsch (oder mit Sontag aus den 50ern, 60ern der Camp) als Nachzugslinie von Duchamp und dann Wahol einen berechtigten Platz in der Kunst einnimmt. Man nehme Jeff Koons hier als paradigmatisches Beispiel. All das ist nicht mehr nur einfach ästhetische Moderne. Als Stichwort genommen.

    Was die gesellschaftlichen Differenzierungen betrifft, so geht er teils mit dem Begriff der Spätmoderne parallel: Etwa die postfordistische Gesellschaft. Zwar sind wir immer noch eine Arbeitsgesellschaft, anders als uns das Soziologen erzählen wollen: wir seien nun eine Risiko- oder eine Freizeitgesellschaft. Kapital vermehrt sich immer noch hauptsächlich durch Arbeit und in Afrika und Südamerika werden Rohstoffe immer noch über menschenunwürdige Bedingungen zutage gefördert. Aber die Direktiven dieser Arbeit – insbesondere in der westlichen Welt – haben sich dennoch empfindlich verschoben. Man sehe sich die Dokumentation „Work hard, play hard“ an. (Ich habe sie hier im Blog mal rezensiert, einfach über die Suchmaske die Begriffe eingeben) Und Kapital und Werte generieren sich nicht mehr ausschließlich über Arbeit, sondern immer häufiger üer Derivatenhandel und Finanzspekulationen. (Auch das alles übrigens findet sich bei Marx vorgezeichnet.)

    Zentral für diese Spätmoderne scheinen mir jedoch die Verschiebungen innerhalb der 70er, 80er, 90er Jahre. Und mit den 00ern treten wir wömöglich in ein ganz anderes Zeitalter. für das die Begriffe Post- oder Spätmoderne kaum noch geeignet sind. Und auch der Begriff „Digitalmoderne“ ist, so scheint mir, nur eine unzureichende und grobe Skizzierung. Aber mit Hegels Vorrede zur Rechtsphilosophie wissen wir: Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug erst mit der einbrechenden Dämmerung.

  25. Davon ab @che, daß der Rechtsstaat ein komplexes Gefüge ist: Die Exekutive ist nicht die Legislative und diese beiden wiederum nicht die Judikative. Wer eine Verhaftung vornimmt, wie etwa die Polizei, hat nicht auch zugleich die Möglichkeit, über den Angeklagten ein Urteil zu sprechen. Anders die Antifa, wenn sie sich im Aktionismus befleißigt, der über bloße Abwehrrechte hinausgeht: da erhebt sich dann eine partikulare Gruppe als Gesetzgeber, Ausführender und Richter über diese Gesetze in einem. Und das Urteil steht vor allem von vornherein schon fest. Das ist kein Rechtsstaat, sondern bloße Willkür. Und darin liegen erhebliche Probleme.

  26. Puuhh, so war das alles ja gar nicht gemeint. Derartige Berliner Verhältnisse sind mir völlig fremd. Was ich kenne ist ein diszipliniertes und nicht einmal gewalttätiges, nur massenweises Anrücken der linken Szene, das die Faschos in Schach hält, von Selbstjustiz gar nicht zu sprechen. Wir sind früher wenn wir mit Antifaufnähern unterwegs waren von Bürgern gefragt worden ob wir „im Dienst“ seien, die nahmen uns als eine Art alternative Polizei war. Und meine Erfahrung ist halt die, dass bei Auseinandersetzungen mit Neonazis meist nicht neutral ist, sondern oft recht eindeutig auf der Seite der Rechten steht.

  27. Solches Engagement und solches Vorgehen finde ich auch richtig. Genauso, daß da damals 1992 mutige Menschen nach Rostock-Lichtenhagen gefahren sind und sich dem Mob in den Weg stellten, wenn es denn die Polizei nicht vermochte (bzw. dies politisch nicht gewollt war wg. neuem Asylrecht): Dem BGS-Kommando in Bad Bramstedt wäre es in einer Stunde möglich gewesen, eine halbe Hundertschaft gut ausgebildeter Kräfte mit Helikoptern einzufliegen. Grenzschutzkaserne Lüneburg hätte in fünf Stunden locker mindestens eine Hundertschaft heranfahren können. Sollte aber nicht sein. Der im Umfeld dieser Zeit stattfindende Weltwirtschaftsgipfel (glaube ich war es) wurde in München mit massiver Präsenz geschützt und das kleinste Husten konnte niedergeknüppelt werden.

    (Nur: Wenn ich Antifa höre, verbinde ich eben auch diese dämlichen Szenen hier in Berlin, die dann wieder dazu dienen, eine kämpferische Linke insgesamt zu diskreditieren, was ich für genauso problematisch halte. Insofern: Differenzierungen. Aber ich verstehe in etwa, was Du meinst, che, und das teile ich auch, weil es dem Denken des Rechtsstaates nicht widerspricht. Ein Staat, der es wie in Rostock-Lichtenhagen nicht vermag, seine Bevölkerung oder die, die dort Schutz suchen, zu schützen, muß sich einige Fragen gefallen lassen. Und eben auch Zivilcourage.)

  28. Der Gedanke an die Rigaer Straße, che2001, lag – zumindest als Mißverständnis – schon nahe.

  29. Und derweil mobilisieren die Rechten massiv nach Karl-Marx-Stadt und scheinen ernsthaft zu glauben der Systemumsturz stünde bevor.

  30. @Bersarin
    Ich war ja, was die „postmoderne Zäsur“ betrifft, schon anderer Ansicht, mir scheint das heute weniger klar (Zuspitzungen, Verlagerungen und Veränderungen gibt es, keine Frage; die Entwicklung der digitalen Medien ist wohl entscheidend).

    Mit „Entdifferenzierung der Gesellschaft“ meinen Sie ein (reales) Verschwinden von Kategorien wie Klassen oder Schichten? Wenn man von ästhetischer, gesellschaftlicher und philosophischer Postmoderne spricht, dann impliziert das doch, trotz aller richtigen Unterscheidungen, dass dem etwas Gemeinsames zu Grunde liegt. Sie beschreiben eine Auflösung der Gattungsgrenzen und eine weitgehende Gleichberechtigung in der ästhetischen Postmoderne; die gesellschaftlichen Prozesse sind nicht das gleiche, aber doch ähnlich beschreibbar („Entdifferenzierung“, etwas wie Vielheit oder Inhomogenität und ein Nebeneinander), und beide hängen zusammen, Kunst ist ja nicht unabhängig von der Gesellschaft, die sie hervorbringt.

    @Dieter Kief
    Ich meine, dass gewisse Veränderungen oder Verschiebungen im zwischenmenschlichen Verhalten in der Öffentlichkeit recht gut zu beobachten sind; sicherlich, man kann sich auf immer schon gegenstandslose historische Zitate, Bemerkungen und Analysen berufen, die nichts zur Wahrheitsfrage — in diesem Fall auch einer empirischen — der Gegenwart beitragen können. Von daher werden Sie auch verstehen, dass ich mir die Mühe das weiter auszuführen nicht machen werde.

  31. >Um zu sehen, wie solche entrechteten Zonen aussehen, nehme man die Rigaer Straße und die Szene der Linksextremisten dort.

    Das sind idiotische Crust-Anarchos, die auch in einer vernünftig eingerichteten Gesellschaft sich höchstens in der Produktion bewähren dürften.

  32. @metepsilonemena: Ich antworte Ihnen morgen, da das komplexere Dinge sind und ich inzwischen ein wenig müde vom Tagesgeschäft bin.

    @meh: Der ist gut und es ist sehr auf den Punkt gebracht.

  33. „Von daher werden Sie auch verstehen, dass ich mir die Mühe das weiter auszuführen nicht machen werde.“
    Immer. Verstehe ich. Es werden sowieso zu viele Worte gemacht…

  34. @El Mocho, die Antirassisten müssen sich dazu nicht äußern, da es sich nicht um ein Hate Crime aus Rassenhass handelte.

  35. Na ja, che, das ist nun doch eine etwas einfache Antwort: wenn den Mann Rechtsextremisten erstochen hätten, dann wäre das Hallo aber groß. Wir erinnern nur an die regelmäßigen Silvio Meier-Demos hier in Berlin,. Die Instrumentalisierung von Toten geschieht eben selektiv. Hier waren es wohl die falschen Täter. Da kommt dann bei vielen (nicht bei allen) das Stokowski-Schweigen wie bei den Grapsch- und Sex-Übergriffen in Köln zu Silvester, von Nordafrikanern und Arabern. (Aber Linke und Rechte berühren sich mal wieder an den Rändern im Unsinn: die Rechten demonstrieren dafür im Namen eines Linken, den sie unter anderen Umständen durch die Stadt gejagt, wenn nicht erschlagen hätten. Das ist der Weltuntergangsirrsinn dieser Zeit.)

    Übrigens: Die Probleme in Chemnitz sind schon länger bekannt, schon seit Jahren. Es gibt dort einige Migranten (das Gros ist friedlich muß man dazu sagen), die sich so benehmen, wie sie sich zu Hause wohl niemals benommen hätten. Sofern man solche Leute nicht abschieben kann, müßten hier dringend Gesetze geändert werden, daß diese Leute lt. § 54 Aufenthaltsgesetz ausgewiesen oder in Sicherheitsgewahrsam interniert werden, bis sie freiwillig ausreisen. (Ich beziehe mich hier übrigens nicht auf ein im Internet kursierendes Video, wo ein DJ ein wenig über das plaudert, was in Chemnitz im Zentrum geschieht, sondern auf Aussagen von Polizisten: Die fahren die Grapsch-Migranten, nach Verhaftung und weil kein Richter bereit ist, eine Haft anzuordnen, inzwischen schon nach Außerhalb, damit 2 Stunden wenigstens Ruhe in der Stadt ist. Denn dann sind diese Leute wieder am selben Ort und machen da weiter, wo sie aufgehört haben. Junge Frauen in Chemnitz raten sich inzwischen gegenseitig: nimm einen Schlagring mit, wenn Du aufs Stadtfest gehst. Das ist die Situation, das ist die Vorgeschichte.)

  36. „Rassismus der Muslime“ ist mal wieder so platt dass das zu einer Nullaussage wird. Genausogut kann man sagen dass der Rassismus der Christen bekannt ist, der Rassismus der Juden, der Rassismus der Buddhisten. Einstweilen wissen wir nur, dass ein als hilfsbereit, freundlich und arm bekannter Mann, erst hieß es Deutschrusse, dann Deutschkubaner, erstochen wurde, mutmaßlich von einem Iraker und einem Syrer. Das Opfer war ein eher links und migrantenfreundlich eingestellter Mensch. Über Motivation und Hintergrund wissen wir nichts.

    BTW: Ich wurde auch schon mal aus nichtigem Anlass von einem sich als Anarchisten verstehenden Saufpunk mit dem Messer attackiert. Meine Karatekenntnis verhinderte Schlimmeres. Dieses Erlebnisse würde ich nicht in den Kontext Unterschichtenbashing oder Kritik am Anrachismus stellen.

  37. Na ja, El Mocho, DER Muslime ist nun wieder eines dieser Kollektivsingulare, die damit mal wieder die Sache im ganzen verfehlen. Im übrigen scheint es sich bei diesem Mord um einen zunächst abgewehrten Raubüberfall zu handeln. Die migrantischen Straftäter brachten, nachdem sie vertrieben worden waren, ihre Verstärkung mit.

  38. Ungefähr so trennscharf als würde man sagen das Gladbecker Geiseldrama sei typisch für die Verhaltensweisen der Deutschen und Didi Degowskis Bonmot „Tot is besser als wie ohne Geld“ Ausdruck der deutschen Ideologie;-)

  39. Ich weiß nicht ob du das bei deinen Flüchtlingen schon bemerkt hast, aber Araber und Schwarze hassen sich, noch aus Zeiten der Sklaverei. Die Flüchtlinge, die ich mal an einer Berufsschule besuchen konnte, waren säuberlich getrennt nach Schwarzen und Arabern in verschiedenen Klassen untergebracht.

    Und wenn die dem Hillig nur die EC-Karte abnehmen wollten und er das nicht zuließ dann haben die sich das mit Sicherheit nicht gefallen lassen von einem von der Slavenrasse, und ihre Kumpels geholt, um es dem und seinen Freunden richtig zu besorgen.

    Meine schwarze Frau gibt einen Kurs für südamerikanische Migrantinnen (finanziert vom BAMF) und die erzählen alle von Übergriffen durch Araber; sind auch alle als dunkelhäutige Nichtdeutsche erkennbar.

    Natürlich sind Muslime Rassisten. Warum nimmt jeder, der zum Islam konvertiert, einen arabischen Namen an? Warum beten alle Muslime auf arabisch, auch wenn sie die Sprache garnicht beherrschen? Warum sollen alle Muslime einmal im Leben nach Mekka (arabische Halbinsel) pilgern?

    Es gib auch einen Ausspruch des Propheten Mohammed nachdem die Araber das erwählte Volk Gottes vor allen anderen sind:https://de.scribd.com/document/103165402/Arabs-Have-Been-Chosen-Above-Others-by-Allah

  40. El Mocho, religiöse Rituale, man mag von ihnen halten, was man will, haben nichts mit Rassismus zu tun.

    Diese Tat in Chemnitz war von den Motiven ein Raub. Im übrigen gibt es zahlreiche Muslime, die selber Opfer von Muslimen wurden. Insbesondere in Flüchtlingsunterkünften hier in der BRD. Die meisten Anschlagopfer muslimischer Terroristen gibt es in der arabischen Welt. Insofern ist das, was Du schreibst, auf der Ebene der Fakten ganz einfach falsch.

    Daß es Rassimsus überall gibt, bei Schwarzen, Weißen, Muslimen, Buddhisten (siehe Mynamar), Christen und Hindus steht auf einem ganz anderen Blatt. Und daß viele migrantische, männliche Jugendliche einen auffallend aggressives Verhalten an den Tag legen: Auch darüber muß man sprechen: Das alles hat aber sehr viel mehr mit kulturellen, sozialen Aspekten zu tun als mit der Religion. Im übrigen sind auch die Juden das auserwählte Volk Gottes und auch die Christen halten sich für eine besondere Gruppen, wenngleich hier zum ersten Mal so etwas wie eine Universalisierung mit hinein kommt, die nicht an ein bestimmtes Volk gebunden ist – das Alle nämlich, was ja auch im Begriff Katholisch steckt: katholikós, das Ganze betreffend) Wobei eben auch bei den Muslimen jeder zu dieser Religion übertreten kann. Insofern stimmt es nicht, daß diese allein auf die Araber beschränkt ist. Nur eben ist der Koran in arabisch und wird so gelesen. Wie auch strenge Katholiken Gottesdienst bzw. Liturgie nach dem alten Ritual in Latein abhalten. Noch der Schriftsteller Martin Mosebach plädierte dafür. All das ist also nichts Islamspezfisches. Bei allen Problemen, die es mit dem Islam, auch in Fragen der Sozialisation gibt.

    Kritik, El Mocho, an einer Sache funktioniert meist dann besser, wenn man nicht alles über einen Leisten schlägt und pauschal wird, sondern ganz konkret etwas aufzeigt und ohne essentialistische, dogmatische Setzungen am besten auskommt. Jene migrantischen Jugendlichen hätten auch jeden anderen abgestochen. Zumal sie von der leicht dunklen Hautfarbe eines Halbkubaners kaum auf dessen Herkunft werden schließen können, wenn der Mann nicht gerade spanisch sprach oder sich als Halbkubaner und Volldeutscher auswies. Hier haben wir es also ganz einfach mit migrantischen Kriminellen zu tun. Übrigens ist einer der Täter bereits vorher schon in Erscheinung getreten und mehrfach vorbestraft. Hier ist also genug Grund nachzuhaken, was vorliegt und weshalb das so ist.

  41. >Didi Degowskis Bonmot „Tot is besser als wie ohne Geld“ Ausdruck der deutschen Ideologie

    Nee, das ist der stumme Zwang der Verhältnisse.

  42. @ Bersarin – „die Tat in Chemnitz war von den Motiven ein Raub“ ?

    Und wenn es d a s wäre, was diesen Raub von Tausenden andern, die sich in Deutschland zutragen, unterscheidet, wenn es, sage ich, das, also dieser Unterschied wäre, auf was es hier ankommt?
    Und wenn El_Mocho mit seinen profunden Argumenten bezüglich dieses Unterschiedes recht hätte?- Und wenn Sie hinter diese spezifischen Argumente El_Mochos zurückfielen mit Ihrer Milieutheorie (=Armut macht die Leute schlecht)?

    Dei Milieutheorie ist ein marxistischer Rest in der linken Standardantwort auf Phänomene wie die in Chemnitz, und gerade dieser Rest vermittelt eine falsche (nämlich: materielle) Sicherheit in einer durch und durch kulturell und biologisch (ja doch: biologisch) geprägten Konfliktsituation.

    PS

    Eigentlich müssten die Marxisten auf die biologische Seite des Arguments mit Freuden eingehen, weil die Biologie schließlich ein unabweisbares materielles Substrat unserer Handlungen ist. Aber dennoch tun sie das nicht. Fromm ist ihnen so egal wie Schopenhauer, Freud und und und.

  43. Ja: wenn. Und wenn nicht, dann eben nicht. Insofern ist das keine Argumentation, sondern eine Assoziation oder eben: Rhetorik. Worauf es in der Causa Chemnitz und auch in anderen Fällen ankommt, ist, daß ein Raub samt Tötungsdelikt stattfand. Dies geschieht in der BRD häufig. Ich könnte Ihnen jetzt eine Menge Verbrechen und Mordtaten nennen, die von Deutschen begangen wurden. Aber auch diese Taten, wie etwa die Messerstecherin auf dem Münchener Oktoberfest oder die Gladbecker Geiselgangster und -Mörder: das ist nichts, was spezifisch mit der Ethnie oder der Religion zusammenhängt. Auch nicht der Kannibale von Rothenburg, obwohl man da als Witz nun wieder mit der Eucharistie und dessen christlichen Wurzeln kommen könnte. Wohl aber hängen solche Taten mit dem Milieu, aus dem diese Täter stammen, zusammen und vor allem auch mit der Sozialisation.

    Und auch dieser Raub bzw. Mord in Chemnitz hat etwas mit dem Milieu, allerdings nichts mit der Ethnie, der Nationalität oder der Religion zu tun, wie gerne insinuiert wird: Menschen ohne Arbeit, Menschen ohne Beschäftigung, Menschen ohne Geld, Underdogs. Jungs, die sich langweilen, Menschen, denen hier bisher keiner eine einzige Grenze aufzeigt. Und dazu muß man keine Ethnien und keine Religionen bemühen und hier essentialistisch aufladen. Natürlich alles ohne jeglichen Nachweis, sondern einfach mittels Pauschalisierung. (Da kämen dann Christen übrigens qua ihrer Geschichte sehr schlecht weg. Nur nebenbei.) Wo man allerdings eine Korrelation festmachen kann, das ist rassistisches Denken – wie vielfach bei einigen Demo-Teilnehmern in Chemnitz zu sehen – und Übergriffen auf Migranten. Da gibt es in der Tat einen engen Zusammenhang. Hingegen läßt sich zwischen einen Messermord und der Nationalität eines Täters keine Korrelation festmachen. Es sei denn, Sie wollten die Mystik, private Assoziationen oder völkisches Grundrauschen bedienen.

    Worauf es bei einem Raub ankommt, ist etwas, das Juristen klären, aber keine selbsternannten Völkerkundler oder vermeintliche Religionsexperten. Unter anderem kommt es bei einer solchen Tat auf das Motiv an, auf die Beweggründe, auf den Hergang und Verlauf der Tat. Ich denke, daß Sie das auch ganz gut wissen. Mit rhetorischen Tricks hier ein Narrativ zu etablieren, verfängt leider nicht und ist für die Leser auch recht durchschaubar.

    Allerdings kann und muß darauf hinweisen, daß wir es hier mit (migrantischen) Mehrfachtätern zu tun haben, die schon lange hätten sanktioniert bzw. ausgewiesen werden müssen. Und natürlich haben diese Taten auch etwas mit der Flüchtlingspolitik und mit der Anwendung oder besser der Nichtanwendung bestehenden Rechts zu tun. Über diese Durchsetzung des Rechts und die Möglichkeiten, die sich hier bieten, sollte man besser reden. Das ist zielführender als über Rassen oder Religion. Da käme nämlich das Christentum zudem ausgesprochen schlecht weg.

    Ist es ein typischer deutscher, christlicher Wesenszug, Asylbewerber bis zum Tod durch eine Stadt zu hetzten, daß sie durch eine Fensterscheibe springen und verbluten? Oder ihre Häuser anzuzünden, wie in Solingen und Mölln? Sind die Morde des NSU also etwas typisch Deutsches? Wenn ich mir die Tradition und unsere Geschichte ansehe, könnte man da auf einen interessanten Kausalnexus stoßen. Vielleicht sind Sie ja auch mit Augstein der Meinung, daß Rechtsradikalismus etwas ist, das qua Biologie der typisch sächsischen Ethnie ins Blut gepflanzt ist. Ich sehe das allerdings etwas anders als Augstein und halte da, wie in den meisten Fällen, verschiedene Mechanismen für relevant.

    „Eigentlich müssten die Marxisten auf die biologische Seite des Arguments mit Freuden eingehen, weil die Biologie schließlich ein unabweisbares materielles Substrat unserer Handlungen ist. Aber dennoch tun sie das nicht. Fromm ist ihnen so egal wie Schopenhauer, Freud und und und.“

    Mal wieder voll in den Sack der Pauschalbehauptungen gehauen, wo man gleich mal alles und nichts hineinpackt und alles mit allem vermengt. Natürlich sind Marxisten für die Biologie, wie sie auch für die Naturwissenschaften sind. Sie sind aber nicht für die Rassenlehre, die sich aus Darwins Ansatz entwickelte und die die Menschen in unterschiedliche Klassen einteilte. Übrigens: Weil die Biologie ein Bestandteil von Mensch und Natur ist, heißt dies nicht, daß die Biologie für alle Bereiche prägt. Es ist auch immer lustig anzusehen, wenn Biologisten das komplette Setting einer Kultur für sich in Anspruch nehmen, um dann den Vorrang der Biologie vor allem anderen zu behaupten – so aus der Rubrik: Finde den logischen Fehler. Im übrigen, Dieter Kief: Weil eine Wissenschaft in EINER Hinsicht Bedeutung und Relevanz hat, heißt dies nicht, daß sie es auch in ALLEN anderen Hinsichten haben muß. Für die Kriminalistik taugt sie nichts, und die Erkenntnisse übrigens, die die Biologie formuliert, sind selbst wiederum keine Biologie, sondern spielen sich in der kulturellen Sphäre, nämlich der der Gesellschaft ab.

    „Mit dem Darwin, den ich wieder angesehn, amüsiert mich, daß er sagt, er wende die „Malthussche“ Theorie auch auf Pflanzen und Tiere an, als ob bei Herrn Malthus der Witz nicht darin bestände, daß sie nicht auf Pflanzen und Tiere, sondern nur auf Menschen – mit der geometrischen Progression – angewandt wird im Gegensatz zu Pflanzen und Tieren. Es ist merkwürdig, wie Darwin unter Bestien und Pflanzen seine englische Gesellschaft mit ihrer Teilung der Arbeit, Konkurrenz, Aufschluß neuer Märkte, „Erfindungen“ und Malthusschem „Kampf ums Dasein“ wiedererkennt. Es ist Hobbes‘ bellum omnium contra omnes, und es erinnert an Hegel in der „Phänomenologie“, wo die bürgerliche Gesellschaft als „geistiges Tierreich“, während bei Darwin das Tierreich als bürgerliche Gesellschaft figuriert.“ (Marx, Brief an Engels, 18. Juni 1862)

    DAS ist die Dialektik. Oder mit Hans Blumenberg gedacht: Mythen und Narrative, die uns helfen Natur (als Buch) und Gesellschaft mittels Bildern zu erklären. Es sind also hier von Marx zwei Bereiche unterschieden: Die Biologie und die Gesellschaft. Und für erste schätzt er Darwin, wenn er sich daran machte, die Entstehung der Arten zu untersuchen. Und an den Stellen, wo Darwin oder dessen Nachfolger dieses Modell auf die Gesellschaft übertragen, kritisiert Marx. Das materielle Substrat für die politische Ökonomie ist also die Gesellschaft und nicht die Funktionsweise des menschlichen Körpers. Allenfalls der Verdauungsapparat mag für den Marxologen eine gewisse Rolle spielen: Zwar ist die alte menschliche Scheiße, die sich wiederholt und wiederholt:

    „und andrerseits ist diese Entwicklung der Produktivkräfte (womit zugleich schon die in weltgeschichtlichem, statt der in lokalem Dasein der Menschen vorhandne empirische Existenz gegeben ist) auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung, weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte, …“ So Marx und Engels in „Die deutsche Ideologie“.

  44. Berarin, Sie zitieren Marx:

    „Das materielle Substrat für die politische Ökonomie ist also die Gesellschaft und nicht die Funktionsweise des menschlichen Körpers.“

    Bersarin, Sie argumentieren hier nicht gegen meine Position, sondern dafür. Marx ist eine der Wurzeln der Einsichtsverweigerung der halben Welt. Eine andere Wurzel sind Ford und Hitler, natürlich.
    Ich sag nur: Heiner Rindermann, Cognitive Capitalism, 2018. Der intellektuell bedeutendste Chemnitzer übrigens, soviel ich seh‘.

    Und oben führen Sie spektakuläre Einzelfälle gegen statistische Durchschnitte auf. Die Zuzüger aus der islamischen Kultur und diejenigen aus Afrika sind im Durchschnitt e r h e b l i c h gewalttätiger als der hiesige Durchschnitt oder die hiesigen Zuzüger aus Vietnam z. B. und es ist offensichtlich falsch, das einfach mit der materiellen Situation der Zuzüger überhaupt zu erklären, denn in dieser Erklärung verschwindet der signifikante Unterhschied zwischen den Vietnamesen und dem Durchschnitt (!) der islamisch geprägten bzw. der Afrikaner.

    Was in Chemnitz stattfindet ist Folgendes: Man rechnet wieviele – sind es hundert?, sind es fünfzig? dokumentierte Hitlergrüße gegen einen Schwerverlezten und eine Toten auf und erfindet big scale ein Bedrohungsszenarium (Menschenjagd), das es laut Staatsanwaltschaft (Rechtsstaat, Bersarin) und Chemnitzer Freie Presse (als ehemaliger Mitarbeiter erfüllt mich das mit Stolz, doch doch) nicht gegeben hat. Diese Erfindung ist immerhin so gut, dass die Weltpresse sie aufnimmt und dass ein Sprecher der UN oder wer – nun ja, – nur schwach camoufliert – vor der Resurrektion von Hitler-Deutschland warnt (die Einzelheiten finden sich bei Tichy’s und auf publico von Rainer Wendt).

  45. Bersarin, versuch doch mal. spieltheoretisch zu denken. Da kommen Menschen zu uns in großer Zahl, angeblich um Schutz zu suchen vor Krieg, Verfolgung und Armut. Und wir nehmen die auf, bringen sie unter und verpflegen sie, auf unsere Kosten. Und dann werden eine große Zahl dieser Leute übergriffig, belästigen, töten, vergewaltigen uns. ich weiß, nicht alle, aber die Unterschiede scheinen mir eher gradueller als prinzipieller Art zu sein. Wenn da Leute den Handschlag verweigern oder fordern, wir hätten uns gefälligst an die Speisevorschriften ihrer Religion zu halten, wenn wir sie auf unsere Kosten ernähren, steht die gleiche Haltung dahinter wie bei den Morden und Vergewaltigungen: Eine demonstrative Ablehnung der Kooperation.

    Dann ist es Zeit, die Kooperation unsererseits abzubrechen.

  46. „Bersarin, Sie argumentieren hier nicht gegen meine Position, sondern dafür. Marx ist eine der Wurzeln der Einsichtsverweigerung der halben Welt.“

    Ich denke, Sie haben den Text von Marx nicht gut auf dem Schirm und Sie können den Text von Marx nicht von dessen Apologeten oder von dessen dogmatischen Lesern unterscheiden. Politische Ökonomie ist nicht Biologie. Und das Wirtschaften einer Gesellschaft sich zu betrachten und die bürgerliche Gesellschaft an ihren eigenen Begriffen zu messen, gehört zu der vornehmen Aufgabe der Philosophie. So wie auch Hegel in seiner Rechtsphilosophie dialektisch-konkret wurde. Was man dann, wie etwa die Leninisten daraus ableitet und wie das für eine spätbürgerliche Gesellschaft ausschaut, ist eine ganz andere Sache. Zunächst einmal sollte man es, wie bei jedem philosophischen Text, fertigbringen, Marx immanent zu lesen. Und nicht von außen das vorgefertigte Gerüst heranzutragen. Das nämlich ist das Gegenteil einer philosophischen Lektüre. Lesen Sie übrigens mal ins „Kapital“ hinein, da finden Sie ganz und gar wunderbare Milieu-Theorie. Nur bleibt Marx eben nicht beim Unmittelbaren stehen. Das ist der Witz an seinem Text. Im übrigen sind die Fehllektüren eines Textes nicht dem Text anzulasten, sondern denen, die den Text falsch auslegen. So wie die Bibel kaum durch die Kreuzzüge und die Hexenprozesse und die christlichen Greueltaten während des 30jährigen Krieges wiederlegt ist.

    „Die Zuzüger aus der islamischen Kultur und diejenigen aus Afrika sind im Durchschnitt e r h e b l i c h gewalttätiger als der hiesige Durchschnitt oder die hiesigen Zuzüger aus Vietnam z. B.“

    Dieses Faktum, sofern es denn eines ist und Sie das durch konkrete Zahlen decken können, sagt allerdings noch nichts darüber aus, weshalb das so ist. Man könnte z.B. diese Gewalttätigkeit auf lokale Ursachen und Gewalterlebnisse in der Heimat dieser Leute zurückführen. Bei den Schwarzen genauso auf die Umstände der Flucht. Wer das gesehen und erlebt hat, was jene Leute in der Wüste Sahara, in den Nordafrikanischen Ländern in der Wüste sah, der mag da eine besondere Härte entwickeln. Woher kommt eigentlich dieses gnadenlose Vorgehen deutscher Landser im Osten, in der UdSSR? Meinen Sie das hätte etwas mit dem Deutschsein zu tun oder mit der Religion? Genau das könnte man natürlich annehmen, wenn man Einzelfälle zu Allgemeinfällen aufbläst.

    Aus den Übertreibungen, die beiden Seiten zu eigen sind, sollte man eben das, was übertrieben wird, benennen. Sei das der nicht nur latente Rassismus, sei das der Eindruck, es hätte Pogrome gegeben. Es gab allerdings in Chemnitz eine Jagd auf Migranten und erheblich Übergriffe auf Journalisten bei der Demo am Samstag. Daß aus einer Demonstration Menschen gejagt und geschlagen werden, ist in keiner Weise hinnehmbar. Wie man das begrifflich nennt, ist eine Frage der Darstellung Menschenjagd ist kein falscher Begriff, wenn Menschen gejagt wurden. Und wenn es mehr als einer oder zwei waren und es aus diesem Aufzug der Spontandemo heraus systematisch geschah, sobald man Migranten sah, dann ist es eben auch eine Hetzjagd.

  47. „Und dann werden eine große Zahl dieser Leute übergriffig, belästigen, töten, vergewaltigen uns.“

    Dein Problem, El Mocho, liegt darin gegründet, daß Du aus Einzelfällen, sie mögen nun zahlreich sein oder nicht, eine Verallgemeinerung ableitest. (Unter dieses „uns“ fallen übrigens auch zahlreiche Migranten, die Opfer dieser Gewalt durch Migranten werden). Was allerdings geschehen muß: Die konsequente Umsetzung von Gesetzen. Und daß man Wiederholungstätern empfindlich sanktioniert. Das gilt für Rechtsradikale, das gilt für übergriffige Migranten. Ebenso ist es wichtig, eine klare Haltung zu zeigen. Ahmad Mansour schreibt dazu immer wieder Mustergültiges und nennt wichtige Aspekte. Aber alles mit allem in einen Topf zu werfen und zu vermischen, ist freilich nicht praktikabel. Auch um der Sache willen nicht. Denn es geht darum, in dieser Gesellschaft möglichst viele Leute zu erreichen, die das ähnlich sehen. Mit radikalen Positionen ist da nichts gewonnen. Sondern nur mit dem Rechtsstaat einerseits und indem man andererseits Probleme, wie sie etwa an Berliner Schulen massiv existieren, auch anspricht, statt sich einfach wegzuducken, weil man dann als Rassist dasteht.

  48. Woher übrigens dieser Drang gerade bei jungen Männern kommt, darüber muß man in der Tat mal sprechen, wenn wir schon bei kulturellen Mustern sind. (Zu denen auch Sozialisation und sicherlich auch zu einem Teil das religiöse Umfeld gehören). Und da kommen wir sehr schnell auf bestimmte ritualisierte, habituelle Formen von Männlichkeit. Insofern muß dann auch über das Verhalten von Männern gesprochen werden.

  49. Und natürlich muß man auch das kulturelle, das soziale Umfeld ansehen, daß im Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen zu Problemen führt, und man sollte mitbedenken, wie lange es in der BRD dauerte, bis Frauen rechtlich gleichgestellt waren, vom Scheidungsrecht bis hin zu der Erlaubnis, die Frauen sich einholen mußten, wenn sie arbeiten wollen. Auch das sollte nicht ganz aus dem Blick geraten. Die Emanzipation und die Gleichstellung der Frau ist hier in Deutschland noch nicht so lange her. Um wieviel länger wird es dann in arabischen Ländern dauern, zumindest was die Eroberung des öffentlichen Raumes betrifft.

  50. @Dieter Kief, Rindermann, einer der Apologeten der falschen These Intelligenz sei erblich ist freilich schon einn sehr fragwürdiger Bezugsreferent.

  51. @ Dieter Kief: Ich habe zahlreiche Videos mit Tonspuren aus Chemnitz vom Samstag gesichtet. Und ich meine schon: Nazis soll man Nazis nennen. Und die waren zahlreich da. Diese Mischung ist gefährlich. Wichtig ist dennoch der Dialog mit denen, die nicht nur ihre Wut loswerden wollen, wie bei dem Bürgergespräch.

    Sehr gut auch das Interview heute in Kulturzeit mit Justus Ulbricht vom Bürgerforum Chemnitz und Christoph Dittrich vom Theater Chemnitz, gegen 19:36. Ganz wichtiges Engagement!

  52. @ Bersarin

    Die Hitlergrüße und ähnliche symbolische Großverfehlungen in Chemnitz sind unbestritten; die Behauptung, es habe eine Fremdenhatz gegeben, gar pogromartige Übergriffe, ist offenbar falsch – siehe die ziemlich einlässliche einschlägige Arbeit, die der Dresdner Politologe Werner J. Patzelt online gestellt hat auf seinem Blog.

    Ähnliches findet sich auf dem Blog sciencefiles – lesen Sie das bitte, um inskünftige Fehler zu vermeiden.

    Noch zur Biologie: Die Statistiken sind leider ziemlich deutlich – und sie sind niederschmetternd: Die Clanbildung via Verwandtenehen unter Muslimen sorgen in London z. B. für vielfach (von 5fach bis 10fach) über dem Durchschnitt liegende Fehlbildungen, und diese Fehlbildungen betreffen auch die kognitiven Fähigkeiten (eine Ehe unter Cousins und Cousinen, wie sie weit verbreitet ist auch unter Londoner Muslimen, kostet das Kind so ca. eine IQ-Standardabweichung,, also ca. 15 IQ-Punkte).

    Ich hab‘ einen Beleg schon mal eingestellt gehabt hier, nämlich das da – es ist sehr faßlich und schnell, ich kann nur apelieren, sich diese paar Minuten zu nehmen und das anzuschauen, ab 3:25 min:

    Ich denke, El_Mocho, das was Sie sagen unter dem etwas zu harmlos klingenden Stichort Spieltheorie sagen über Undankbarkeit und sogar überdurchschnittliche Aggression und Feindseligkeit trifft einen Nerv, wenn man mit Normalos im Bus oder auch aus den Helferkreisen spricht. Nebenbemerkung: die scheiternden Intellektuellen Integrationshelfer, die ich mittlerweile in erklecklicher Zahle kenne, sind meistens sehr viel einsilbiger im Hinblick auf ihrer scheiternden Bemühungen als die Pragmatiker. Es fällt Intellektuellen offenbar schwerer, ihre Fehler einzugestehen als den Pragmatikern.

  53. Ab wievielen Übergriffen auf Migranten und Journalisten beginnt semantisch eine Hetzjagd? Ab 5, ab 10, ab 15 oder erwartet man mindesten eine veritable „Jagd“ wie wir sie von den Hep-Hep-Krawallen kennen? Um Pogrome und systematische Treibjagd handelt es sich hier in Chemnitz sicherlich nicht, sehr wohl aber um Menschenjagden und massive Übergriffe auf die Presse und auf Migranten. Dafür kann man auch den Begriff Hetzjagd verwenden, wenn aus einem Zug heraus über eine gewisse Distanz Menschen gejagt und auch verfolgt werden. Ich denke, hier geht es also eher um Begriffspolitik. Schade ist dabei, daß darüber der eigentliche Anlaß in Vergessenheit gerät. Nämlich einerseits der Mord und andererseits dieses den Mord instrumentalisierende rechtsextremistische Potential. Das wiederum jene Bürger überdeckt, die sich ernsthafte Sorgen um ihre eigene Stadt machen. Insofern noch einmal: Wichtig und gut gestern war das Interview in Kulturzeit mit Justus Ulbricht vom Bürgerforum Chemnitz und Christoph Dittrich vom Theater Chemnitz, gegen 19:34 zu sehen. Ein wichtiges Engagement!

    Nebenbei: Journalistenwatch ist nur sehr bedingt eine seriöse Quelle, bezeichnend, wer darauf verlinkt. Freie Presse und Übermedien schon eher. Die Nachricht, daß es sich bei einem der Hitlergrüßer um einen Fake gehandelt habe, ist nun selber ein Fake, Natürlich von der Journalistenwatch eingeführt. Man täte gut daran, solche Organe nicht zu etablieren. Und die Organisation täte gut daran, Ideologie nicht mit Recherche zu verwechselnAuch einige weitere der bei Werner J. Patzelt verlinkten Seiten sind ideologisch nicht neutral. Insofern wirft das zumindest den Anschein von mangelnder Seriosität auf diesen Beitrag. Dennoch sind Begriffe wie Pogrom unzulässig. Erschreckend allerdings, die Gewalt gegen Menschen und Presse, die sich in Chemnitz abspielte. Und wer Menschen qua ihrer Herkunft verfolgt, startet durchaus eine Hetzjagd

    Was die Partnerwahl betrifft, so ist Inzest in der Tat ein Grund für Fehlbildungen. Ein Grund sicherlich auch für das Inzestverbot in verschiedenen Gemeinschaften und Gesellschaften.

    Aggressivität wiederum ist eine Sache der Sozialisation und nicht der Religion oder der Herkunft. Die Herkunft spielt lediglich insofern eine Rolle als sie für die Umstände verantwortlich ist, unter denen jemand aufwächst. Daß es diese Probleme mit einigen Flüchtlingen gibt (eben nicht mit allen wir manchmal insinuiert wird), steht außer Frage. Hier gilt es, einerseits Ursachen anzugehen, andererseits sich die Leute genau anzuschauen, die man sich hier qua Einwanderung herholt und andererseits eine harte Hand zu zeigen. Jetzt auch bei einem linken Bürgermeister in Frankfurt/Oder. Gutes vorgehen. Zeit wird es: „Nach Club-Überfall Linker Oberbürgermeister will kriminelle Asylbewerber abschieben.
    Der Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) will durchsetzen, dass Asylbewerber, die wiederholt kriminell geworden sind, schnellstmöglich aus seiner Stadt abgeschoben werden. Einige von ihnen hatten kürzlich den Party-Club „Frosch“ überfallen. „Es ist rechtlich klar geregelt, dass solche Abschiebungen möglich sind“, sagte René Wilke (Die Linke) der Berliner Zeitung. In der Oderstadt habe es so etwas noch nicht gegeben, aber im benachbarten Kreis Märkisch-Oderland. „Es gibt klare rechtlich Hürden, und es ist nicht leicht, aber es ist möglich.““
    Hier wäre allerdings ein komplexes juristisches Prozedere vonnöten. Abschiebungen nach Syrien dürften immer noch schwierig sein.

    https://www.berliner-zeitung.de/berlin/brandenburg/nach-club-ueberfall-linker-oberbuergermeister-will-kriminelle-asylbewerber-abschieben–31207332

  54. Man muß mal die Fälle zusammentragen, El Mocho, und sehen, was noch zur Anzeige oder an die Öffentlichkeit kommt. In Chemnitz berichten Migranten von einem aufgeheizten Klima und von Übergriffen. Ein Fall ist aus der MoPo bekannt.

    https://www.morgenpost.de/politik/article215231563/Vermummte-jagen-in-Chemnitz-Fluechtling-und-pruegeln-ihn.html?

    Ansonsten ist diese Sequenz interessant. Sie zeigt zwar keine direkten Hetzjagden, aber einen ausländerfeindlichen Mob von nicht geringer Anzahl mit klar ausländerfeindlichen Parolen und immer wieder Verfolgungsbewegungen in der Menge und das, obwohl ersichtlich keine Polizei anrückt, vor der zu fliehen wäre.

    Lustiges Zwischenspiel: Die, die in Köln zu den Sex-Übergriffen an Silvester ganz zu recht auf die Dramatik hinwiesen, wurden von einigen als Übertreiber bezichtigt. In Chemnitz ist es genau umgekehrt: Die, die jene in Köln als Übertreiber bezichtigten (bei allerdings über 1000 Anzeigen) zeichnen plötzlich ein dramatisches Bild der Lage – bei relativ wenig Anzeigen. Ich würde ja sagen: es könnten sowohl in Köln die sexübergriffigen jugendlichen Migranten als auch in Chemnitz jugendliche Rechtsextremisten aus dem „gemeinen Volk“ dramatische Anzeichen für einen gefährlichen Wandel in der Gesellschaft sein, für ein gefährliches Laisser faire im öffentlichen Raum. Also nicht: Entweder-Oder, sondern sowohl-als-auch.

  55. @Klanbildung durch Verwandtenehen bei Muslimen in London: Ist das möglicherweise ein spezifisches Problem der Londoner Parallelgesellschaft bestimmter migrantisch dominierter Stadtteile? Die Muslims als Solche im Sinne einer von anderen Menschen unterschiedenen Abstammungsgemeinschaft gibt es nicht – anderes zu behaupten wäre Rassismus in seiner reinsten Form – die islamische Welt als geografisch abgrenzbarer Raum reicht von Westafrika bis Ostturkerstan (das ist in China) und von Bosnien-Herzegowina bis nach Indonesien. Die regionalen Unterschiede zwischen den Menschen in diesem Raum sind so groß wie im Raum Spanien – Wladiwostok oder Brasilien – Baffin Island.

    Inzest durch Verwandtenehen mit erblichern Besonderheiten findet sich auch im Oberharz, im Landkreis Helmstedt oder in bayerischen Alpentälern.

  56. Was den Islam bzw. die Muslime betrifft: Aus Einzelfällen läßt sich nichts Allgemeines ableiten. Daß es in bestimmten Milieus Probleme gibt, auch hier in Berlin mit den arabischen Familienclans, läßt eben nicht den Alle-Schluß zu. Der Islam ist eine vielschichtige Religion. Mit unterschiedlichen Ausprägungen – guten wie schlechten.

  57. @ Bersarin und che2001

    Hier ist noch eine Studie über „inbreeding“ – und sie fördert gleiches zutage wie die Londoner Studien. – Auch der Oman ist muslimisch. Meine Vermutung – je mehr solcher Studien, desto schwächer das Argument, man habe es hier mit Einzelfällen zu tun.
    Ist das eine typisch linke Schwäche, die heri durchschimmert, dass man einfach denkt, Religionen seien als handlungsleitende Systeme nicht so wichtig – halt einfach Opium fürs Volk?
    http://muscatconfidential.blogspot.com/2008/08/inbreeding-in-oman-health-warning.html

    Frage:
    Ist das eine typisch linke Schwäche, die hier durchschimmert, dass man einfach denkt, Religionen seien als handlungsleitende Systeme nicht so wichtig – halt einfach Opium fürs Volk?

    In Sachen Chemnitz scheint sich immer mehr zu erhärten, dass es keine „organisierte Menschenhatz auf Flüchtlinge“, keine „pogromartigen Zustände“, keine „Jagdszenen“ gegeben hat. Es sind mittlerweile nicht allein die Lokalzeitung und die Polizei und der leitende Staatsanwalt, die das sagen, es scheint auch die Bundesregierung, vertreten durch ihren Sprecher Seibert an dieser „Volksverhetzung von oben“ (Michael Klonovsky) nicht weiter teilnehmen zu wollen.

    Sciencefiles und der Politologe Werner J. Patzelt auf seinem Blog, aber auch Hadmut Danisch haben offenbar hervorragende Aufklärungsarbeit geleistet.

  58. Natürlich hat es Jagdszenen gegeben. Schauen Sie sich einfach mal das verlinkte Video an und der Mob, der da herumlief. Weiterhin existiert die Anzeige, die ich in der Morgenpost verlinkt habe. Insofern ging es in Chemnitz eben nicht nur harmlos zu. Am Ende kann man nur froh sein, daß nicht mehr passiert ist. Pogrome waren es natürlich nicht und auch keine organisierten Hetzjagden.

    Eine Religion mit 1,3 Milliarden Anhängern, das dürfte auch Ihnen einleuchten, Herr Kief, auf einige Fälle zu reduzieren und diese im Sinne eines induktiven Fehlschlusses zu verallgemeinern, ist nicht nur absurd, sondern eben auch ein logisch unzulässiger Schluß. Ein Fehlschluß mithin. Oder würden Sie sämtliche Katholiken für Kinderficker halten, weil zahlreiche Priester dieser Religion immer wieder Kinder sexuell mißbrauchen?

    Natürlich ist Religion als handlungsleitendes System wichtig. Aber aus einem handlungsleitenden System folgt kaum das von Ihnen hier Insinuierte. Es dürfte auch Ihnen einleuchten, daß die Zusammenhänge und Kausalitäten weitaus komplexer sind. Weiterhin gibt es, wenn Sie sich einmal mit dem Islam befassen würden, sehr unterschiedliche Auslegungen des Korans, weiterhin spielen auch politische Faktoren eine Rolle, der politische schiitische Islam im heutigen Iran ist auch das Resultat westlicher Kolonialpolitik im 20. Jhd. Man recherchiere zum Schah und zu Mohammad Mossadegh. Soll man übrigens die Verbrechen des US-Geheimdienstes und des Britischen und überhaupt die der europäischen Kolonialmächte auf alle Europäer hochrechnen? Nach ihrer Logik müßte man das so machen.

    Sie würden, Dieter Kief, gut daran tun, differenzierter zu denken und nicht im monolithischen Block. Einzelnes als Einzelnes zu behandeln und daraus keine All-Sätze abzuleiten. Daß übrigens der politische Islam inzwischen derartigen Einfluß in der arabischen Welt hat, ist auch ein Resultat des westlichen Einflusses in der arabischen Sphäre und hat ebenfalls mit der englischen Kolonialpolitik zu tun. Geschichte geht dialektisch. All das bedeutet nicht, daß der Islam eine Religion der Unschuld ist, das bedeutet nicht, daß wir mit bestimmten Ausprägungen des Islam in der BRD keine Probleme hätte. Solche unheilvollen Entwicklungen haben auch etwas mit der Religion zu tun. Aber wenn man es derart pauschal macht, wird es lächerlich und man ist auch auf der Ebene des Argumentes schnell widerlegt. Dieser Lächerlichkeit hat sich gerade wieder Herr Sarrazin ausgesetzt. Da kann man nur sagen: Er bringt es nicht. Nicht einmal auf der Faktenebene. Das fängt bei der Anzahl der Suren des Koran an, die er nicht kennt.

  59. Und um es zu pointieren: Es geht nicht darum, den Islam nicht zu kritisieren, da gibt es, gerade was hier die Integration angeht, sicherlich einige Punkte zu nennen, sondern es geht darum, hier keine Pauschalurteile und Unterstellungen zu verbreiten. Dann nämlich befinden wir uns auf dem Niveau von Hashtagkampagnen wie #allmenaretrash, wo sich Männer ebenfalls und ganz zu recht gegen Pauschalisierung wehrten. Und genauso wenig sind alle Sachsen Nazis, obwohl es dort ausnehmend viele Rechtsextremisten und feste Nazistrukturen gibt.

  60. Ok wunderbar – keine Pauschalurteile.
    Und ich stimme Ihnen zu: Die Folgerungen sind vorsichtig zu ziehen. Aber wenn Sie sehen, dass der Oman es wie oben von mir verlinkt, zu seiner regierungsoffiziellen Politik gemacht hat, den biologischen (=degenerativen) Folgen der Verwandtenehen zu wehren, dann haben Sie einen gewichtigen Fall. Und wenn man in London sieht, dass Missbildungen und kognitive Einschränkungen von pakistanisch-stämmigen muslimischen Neugeborenen um hunderte, ja in einzelnen Fällen tausend Prozent+ über dem Durchschnitt liegen, dann gibt es da ein Problem. Und jtzt kommt noch ein hypothetischer Schluss von mir: Es ist nicht plausible anzunehemen, dass sich diese Ballung degenerativer Probleme Islamgläubiger nur in London und dem Oman finden.

    Thilo Sarrazin hat dieses Problem übrigens vor acht Jahren bereits angesprochen – und in der Zwischenzeit ist kaum etwas passiert, außer dass man den Überbringer der Botschaft (wie in anderen Ländern auch) als Rassisten und was nicht alles verächtlich zu machen versuchte.

    Ebenfalls d’accord: In Chemnitz sind demokratische Grenzüberschreitungen von rechts außen (wenn auch sicher nicht nur von rechts außen) begangen worden. Meine Rede. Aber die Menschenjagden, von denen auch Sie, Bersarin sprachen, und von denen bald einmal die ganze westliche Welt sprach, gab es nicht.

  61. ich empfehle wirklich mal, sich diese Studie anzuschauen: https://psyarxiv.com/d6qhu/
    Darin wird sehr schön dargelegt, warum es in Europa keine Clans und Großfamilien gibt, zumindest keine, die politisch wirksam werden.

    Die empirischens Belege zeigen ganz klar, dass die Katholische Kirche seit dem 6. Jahrhundert die Heirat mit Verwandten unterbunden hat, einerseits aus der universalistischen Tendenz des neuen Testamentes heraus (Matthäus 12 47-50: Als er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden. Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden. Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.), andererseits aus dem bestreben eben diese Kirche, ihre eigene Macht über die Gesellschaft nicht durch konkurrierende Institutionen zu schwächen.

    Ab dem 13. Jahrhundert wurde das dann gelockert, denn die Adligen fanden immer weniger Ehepartner, die den strengen Verboten (bis zu Cousins 6. Grades) genügten.

    Jedenfalls sind Europäer individualistischer und kooperationsbereiter (und damit auch ökonomisch effektiver) als Muslime oder Afrikaner, und das ist (neben anderen faktoren natürlich) auf das Verbot der Verwandtenehe zurück zu führen. Das islamische Recht hingenen verbietet die Heirat mit Cousins nicht, und sie wird entsprechend häufiger praktiziert. Das damit eine höhere Neigung zu vererblichen Krankheiten einhergeht, ist auch bekannt.

  62. Worum es gehen sollte, ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Islam. Daniel-Pascal Zorn hat auf Facebook vom 3. September eine Lektüre-Challenge angeregt und hat dort einige Bücher gepostet, die zum Thema Islam zu lesen wären – was allemal zielführender ist, als das neue Sarrazin-Buch:

    Folgende Bücher gibt es alle bei Beck Wissen:

    Korn, Lorenz: Geschichte der islamischen Kunst, 978-3-406-56970-8

    Heinz Halm: Der Islam. Geschichte und Gegenwart, 978-3-406-62886-3

    Bobzin, Hartmut: Der Koran. Eine Einführung, 978-3-406-66458-8

    Ulrich Rudolph: Islamische Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 978-3-406-50852-3

    Tilman Seidensticker: Islamismus. Geschichte, Vordenker, Organisationen, 978-3-406-66070-2

    Mathias Rohe: Das islamische Recht, ISBN: 978-3-406-64662-1

    Ansonsten:

    Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islam
    Verlag der Weltreligionen, Berlin 2011
    ISBN 9783458710332
    Gebunden, 462 Seiten, 32,90 EUR

    Dan Diner: Versiegelte Zeit: über den Stillstand in der islamischen Welt
    Propyläen Verlag, Berlin 2005
    ISBN 9783549072448
    Gebunden, 287 Seiten, 22,00 EUR

    Christopher de Bellaigue: Die islamische Aufklärung: Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft
    S. Fischer; 544 Seiten; 25 Euro

  63. Klans und Großfamilien haben nichts mit Inzest zu tun. Die Tatsache dass die Gesellschaften der Arabischen Halbinsel, Anatolien-Kurdistans und Afghanistans in Stämmen organisiert sind hat etwas mit der Geschichte dieser Gesellschaften zu tun, nicht mit dem Islam als solchem, abgesehen davon dass arabische Christen, Jeziden, Drusen und Sabres=in Israel vor der Shoah ansässige Juden in den gleichen Stammesstrukturen leben und sozialisiert wurden. Erzähl mal einem nordamerikanischen Black Muslim oder einem Kairoer oder Teheraner Großbürger etwas von Klangesellschaft mit Verwandtenehe, der zeigt Dir nen Vogel oder lacht sich kaputt.

  64. Im Übrigen, darauf bezog sich mein Hinweis auf Elm, Harz und Alpen, sind Inzest und Verwandtenehe, was keineswegs identisch ist in traditionell geprägten kleinräumig organisierten ländlich-bäuerlichen Gegenden bis ins 20. Jahrhundert noch sehr verbreitet gewesen. Das „sang impure“=unreines Blut des Adels im Text der Marseiilaise deutet darauf hin, dass die sehr exogamen, oft internationalen Ehen des Adels als etwas schändliches angesehen wurden. Man selber kopulierte halt gewohnheitsmäßig oft noch mit der Base oder dem Schwippschwager, wozu es einen eigenen Begriff im Französischen gibt, cousins tendres.

  65. Muss heißen „in traditionell geprägten kleinräumig organisierten ländlich-bäuerlichen Gegenden im christlichen Mitteleuropa“

  66. @“Jedenfalls sind Europäer individualistischer und kooperationsbereiter (und damit auch ökonomisch effektiver) als Muslime oder Afrikaner, und das ist (neben anderen faktoren natürlich) auf das Verbot der Verwandtenehe zurück zu führen. “ Europäer sind disziplinloser und illoyaler und damit auch ökonomisch ineffizienter als Japaner, da sie als typische Barbaren nicht in der Lage sind in jahrhundertelangen Kontinuitäten zu denken. (Toshi Yakamura)

  67. Ok. dann bitte noch diese Bücher in die Diskussion einbeziehen:

    Kürzere texte von Fernandez-Morera auf Englisch hier: https://www.spanish-portuguese.northwestern.edu/people/faculty/teaching-research-faculty/fernandez-morera-dario.html

    Sowie: https://www.amazon.com/Quimera-Al-Andalus-Spanish-Serafin-Fanjul/dp/8432311502/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1536239993&sr=8-1&keywords=serafin+fanjul

    Zur Einführung vielleicht dieses Interview: https://elpais.com/diario/2001/05/02/andalucia/988755744_850215.html

    Das sind spanische Quellen; die Spanier kennen sich mit Muslimen aus, schließlich haben sie 700 unter muslimischer Oberherrschaft gelebt und wissen, wie multikulturelles Zusammenleben mit Muslimen in der Praxis aussieht.

  68. @Che: Großfamilien enstehen durch Heirat mit Cousins und Cousinen, ob man das als Inzest bezeichnen will, steht dahin, in jedem Fall stärkt es den Familienzusammenhalt und fördert Erbkrankheiten. In der verlinkten Untersuchung „The Origins of WEIRD Psychology“ ist das detaiiliert erklärt. Oder könnt ihr alle kein Englisch? Auf S. 105 findet sich eine Grafik von Italien, die Cousin-Heiraten und Blutspende-Bereitschaft gegenüberstellt. Korrelliert genau, im lange muslimisch beherrschten Süditalien gibt es mehr Cousin-Heiraten und weniger bereitschaft, Blut für Unbekannte zu spenden. Schon zeimlich eindrucksvoll.

    Im übrigen weise ich darauf hin, dass ich von Muslimen und Afrikanern gesprochen habe, nicht von Asiaten und auch nicht von schwarzen Amerikanern.

  69. Der Begriff „Großfamilie“ bezeichnet zumindest in der Geschichtswissenschaft und Volkskunde das Zusammenleben von drei Generationen (Großeltern, Eltern und Kindern) sowie unverheirateten/kinderlosen Geschwistern der Elterngeneration in einem Haushalt, aber nicht das Heiraten von Cousins und Cousinen. Die Großfamilie war mal die klassische Lebens- und Wirtschaftsform in der bäuerlichen Landwirtschafts Osteuropas und Deutschlands östlich der Elbe. Der Begriff Klan bezeichnet mehrere verwandte Großfamilien bzw. Sippen die einen gemeinsamen Siedlungsraum bevölkern unter einem gemeinsamen Oberhaupt, etwa in den schottischen Highlands, als Zadruga mit gemeinsamem Besitz an Produktionsmitteln in Exjugoslawien, Albanien und Bulgarien oder in einem weiteren Sinne in Kurdistan oder Afghanistan. Davon, dass in Klangesellschaften regelmäßig Endogamie, also Verwandtenheirat als Regel und Norm stattfindet lese ich hier zum ersten Mal. Abgesehen davon dass Muslime keine Ethnie sondern eine Glaubensgemeinschaft sind und dass das was Du hier postulierst konsequenterweise auch auf orientalische Christen und Juden anzuwenden wäre.

  70. Wenn Du von „Muslimen und Afrikanern“ sprichst sind gemäß der Mengenlehre US-Staatsbürger afroamerikanischer Herkunft und muslimischen Glaubens darin enthalten.

  71. El Mocho, es geht bei der Lektüreliste darum, zunächst einmal ein Bild von einer Religion zu bekommen und sie in ihren Ausprägungen zu verstehen. Das kann man nur, indem man sich ihr sachlich nähert – und das heißt eben, von der Sache her. Daß es auch eine kritische Lektüre geben kann, zeigt ja das Buch über den Islamismus, das in der Liste steckt und ebenfalls deutet das Buch von Dan Diner auf Kritik. Aber um den Islam in seinen komplexen Ausfaltungen und auch in seinem Problemen zu verstehen, muß man zunächst mal die Religion als solche in den Blick nehmen.

    Was den Hitlergruß betrifft, so kursieren im Netz einige Bilder von Leuten, die den Hitlergruß zeigten, nicht nur von diesem Mann. Was ja für Rechtsextremisten, die dort mitmarschierten auch nicht weiter verwunderlich ist. Mindestens sechs Ermittlungsverfahren laufen zu konkreten Fällen, die identifiziert wurden. Was es mit dem Mann mit dem angeblichen RAF-Tattoo auf sich hat, muß man weiterverfolgen. Weshalb er sich auf dieser Demo befand. Die Rufe und das Gebrüll des Mobs übrigens auf dem von mir verlinkten Video sind eindeutig, ebenso berichten verschiedene Journalisten von Übergriffen auf die Presse. Auch davon kursieren Bilder im Netz. Jetzt kürzlich auch auf Stern-TV, wie mir berichtet wurde.

  72. Im Islam gilt ein viel strengeres Inzesttabu als im Christentum, es ist nämlich nicht nur die Blut- sondern auch die Milchverwandtschaft von der Ehe ausgeschlossen. Ehen zwischen Cousins/Cousinen fallen im Christentum unter kein Heiratsverbot. Dennoch ist die Verwandtenehe in vielen islamischen Ländern verbreitet, OBWOHL der Koran sie verbietet, und zwar als Unterschichtsphänomen: Es sind die Armen die sich auf diese Weise verbinden, bei den Gebildeten ist die Verwandtenehe hingegen verpönt. Verbreitet ist die Verwandtenehe in folgenden Ländern: Mauretanien, Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Sudan, Guinea, Nigeria, Mali, Burkina Faso, Ägypten, Jordanien, Israel, Libanon, Saudi Arabien, Emirate, Jemen, Oman, Irak, Iran, Türkei, Afghanistan, Pakistan, Indien, Bhutan, Tibet, Malaysia.

    Das bevölkerungsreichste islamische Land, Indonesien gehört ebensowenig dazu wie die islamischen Staaten Zentralasiens, wohl aber zwei buddhistische Hochgebirgsländer. Was mir dazu an treibendenFaktoren einfällt sind Wüste und sehr hohe Berge, räumlich Isolation ländlicher Populationen. Und da hat dann auch der Che mit seinen Alpentälern Recht.

  73. Zu erwähnen wäre noch dass nicht mangelnde Intelligenz zu den Auswirkungen von Inzucht gehört. Das ist so ein Mythos der alten Eugenik und Rassenhygiene. Die schädlichen Folgen sind vielmehr Mukoviszidose, Trisomie 21, Zwergwuchs, Schilddrüsenfunktionsstörungen usw.

  74. Ich möchte noch mal den oben verlinkte Interview mit empfehlen. Darin heißt es u.a.:
    „Diese These mag vielleicht erstaunen, aber objektiv gesehen gibt es Übereinstimmungen zwischen dem Rechtspopulismus oder -extremismus und dem links-islamophilen Kulturrelativismus. Letzterer hat den Universalismus fallen gelassen zugunsten der Pflege von Mikroidentitäten und des Islam. Pauschal ausgedrückt, hat der Heideggersch angehauchte Dekonstruktivismus obsiegt über die Aufklärung der Aufklärung Adornos, bei der immer Aufklärung bewahrt wird. …
    Der sich als „antirassistisch“ verkaufende Diskurs im frankophonen Europa (hierzu gehören auch Wallonien, Brüssel und die französische Schweiz) hat sich zu einem semitotalitären islamophilen McCarthyismus entwickelt, der auch die Praxis im deutschsprachigen Raum in den Schatten stellt. …
    Hier hat sich der Antirassismus endgültig zu einem im Habermasschen Sinn asymmetrischen, herrschaftlichen, autoritaristischen Diskurs verwandelt. In dem Papier dieser Wissenschaftler weht der Geist von Vichy: Dies ist Kollaboration im Kontext heutiger Verhältnisse. Als Linker hoffe ich, dass sich die Linke endlich deutlich von solchen regressiv-autoritaristischen Tendenzen distanziert.“

    Genau das gleiche zeigt ihr hier; Jede kritische Äußerung gegenüber Islam oder Muslimen wird umgehend abgewehrt; es wird relativiert und zur Differenzierung aufgefordert, die allerdings immer nur im Falle des Islams gelten soll; wenn sich hingegen Deutsche über eine Welle von Vergewaltigungen und Morden, begangen überwiegend von Muslimen, empören, sind es umgehend Rassisten und Nazis.

    Ich denke das wird eine Schlüsselfrage für die Weiterexistenz der Linken, ob man es schafft sich von einer faschistoiden Politreligion wie dem Islam zu distanzieren. Ebenso für den Feminismus, der sich völlig unglaubwürdig macht, wenn er die Situation der muslimischen Frauen nicht aufgreift.

  75. Im übrigen heißt es im Koran: „Verboten (zu heiraten) sind euch eure Mütter, eure Töchter, eure Schwestern, eure Tanten väterlicherseits oder mütterlicherseits, die Nichten, eure Nährmütter, eure Nährschwestern, die Mütter eurer Frauen, eure Stieftöchter, die sich im Schoß eurer Familie befinden (und) von (denen von) euren Frauen (stammen), zu denen ihr (bereits) eingegangen seid, – wenn ihr zu ihnen noch nicht eingegangen seid, ist es für euch keine Sünde (solche Stieftöchter zu heiraten) – und (verboten sind euch) die Ehefrauen eurer leiblichen Söhne. Auch (ist es euch verboten) zwei Schwestern zusammen (zur Frau) zu haben, abgesehen von dem, was (in dieser Hinsicht) bereits geschehen ist. Allah ist barmherzig und bereit zu vergeben.“ (4:23)

    Cousins und Cousinen sind da ausdrücklich nicht erwähnt, sie können also geheiratet werden.

    Zu den Folgen:

    „Obwohl in Deutschland geächtet, gehört die Verwandtenehe unter Migranten immer noch zur Normalität. In so manchem Stadtteil wird aus Tradition jede fünfte Ehe zwischen Cousin und Cousine abgeschlossen. Problematisch wird das beim Nachwuchs. Zeugen Cousin und Cousine ersten Grades ein Kind, ist das Risiko schwerster Anomalien oder Krankheiten beim Kind doppelt so hoch, wie bei einer gewöhnlichen Ehe.“

    „Dilek Eraydin ist schwanger – von ihrem Ehemann, ihrem Cousin. Sie hatte bereits ein Kind von ihm – vor drei Jahren kam es zur Welt. Ömer Kilavuz, Pränataldiagnostiker: „Mit sieben Monaten ist das Kind verstorben. Nach der Diagnose: so genannte spinale Muskelathrophie, Typ 1.“

    „Yasemin Yadigaroglu, Sozialwissenschaftlerin: „Ich habe in einem Kindergarten gearbeitet und habe feststellen müssen, leider feststellen müssen, dass sehr viele Kinder, Migrantenkinder, von bestimmten Krankheiten betroffen sind. Sei es Mukoviszidose oder Bronchitis. Und sehr auffallend war, dass wirklich deutsche Kinder diese Krankheiten nicht hatten.“

    https://www.rbb-online.de/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/migration_integration/die_cousine_als_ehefrau.html

    Sehr aufschlussreich der ganze Text. Das sollte man wirklich nicht verniedlichen.

  76. El Mocho/Willy, Du liest einfach nicht zu und solltest Dich lieber mal mit den haufenweisen Hinweisen darauf was in Deiner Argumentation nicht stimmt befassen. Es geht hier überhaupt nicht um eine Reaktion auf kritische Äußerungen zum Islam sondern darum dass Du in einer, anders kann ich es nicht mehr ausdrücken, brunzdoofen Klischeeisierung von allem Möglichen rund um den Islam, einen Sozialbiologismus in braunen Schädelvermessertraditionen nicht aussparend ein extrem grob geschnitztes Weltbild vertrittst das eigentlich nur „Der Moslem und der Neger sollen draußen bleiben und sind dümmer als wir“ beinhaltet. Und das vertrittst Du so platt dass Du noch nicht mal merkst wenn man Dir semantische Fehler, geografisches oder biologisches Nichtwissen und logische Irrtümer nachweist. Vom Nichterkennen von Ironie im Umgang mit Dir mal ab. Bersarin und ich haben z.B. in der Einwanderungsfrage, zum Thema Abschiebungen usw. diametral entgegengesetzte Standpunkte, vertreten beide aber die Ansicht, dass der Islamismus eine als solcher zu bekämpfende Sonderform des Faschismus ist, fallen also beide nicht unter die Leute die Du da kritisieren willst. Das merkst Du noch nicht einmal weil Dir dazu das Begriffsvermögen zu fehlen scheint.

  77. Noch einmal, El Mocho: Daß es mit einigen Muslimen hier in der BRD erhebliche Probleme gibt, ist das eine. Das andere ist es, ob man das verallgemeinert und auf alle Muslime überträgt. Wenn man hier in der BRD nicht die liberalen Kräfte des Islam gewinnt, dann wird es erhebliche Probleme geben, weil sich die Lage radikalisieren wird. Diese liberalen Kräfte gewinnt man allerdings nicht durch pauschale Ausgrenzung. Allerdings ebensowenig durch eine abstruse Rassismuskritik wie sie gegenüber einem eher liberalen und klugen Kopf wie Ahmad Mansour angeschlagen wird. (Womit man allerdings rechnen muß: Solche Prozesse der islamischen Aufklärung dauern lange und geschehen nicht in ein paar Wochen.)

    Der Deskonstruktions-Bezug in dem von Dir gebrachten Zitat ist nun allerdings sinnfrei. Zum einen gibt es DIE Dekonstruktion nicht, zum anderen ist es einem Philosophen wie Derrida nicht in den Sinn gekommen, reale Vorkommnisse zu „dekonstruieren“ oder als nicht „real“ zu bezeichnen, genausowenig wie man bei Derrida eine Essentialisierung von Mikroidentitäten findet. Denn das genau wäre ja wieder jene Universalisierung, die Derrida problematisiert bzw. dekonstruiert. Aber eben nicht abschaffen will und ebensowenig hält er sie für eine Fiktion. Das ist ein Unterschied ums ganze. Und auch um die Tücken des Skeptizismus weiß der an Hegels Skeptizismuskritik geschulte Derrida natürlich. Insofern verhalten sich diese Dinge bei Derrida um einiges komplexer als es wohlfeile Schlagworte nahelegen mögen. Das Vorurteil über die Dekonstruktion Derridas ist nicht die Dekonstruktion Derridas, sondern nur das Vorurteil. Das, worauf der Artikel hinaus will, ist nicht bei Derrida zu finden. Er meint, zu recht allerdings, solche Derrida-Leser, die sich aus einem Autor eine politische Ideologie zusammenzimmern. Diese Linke ist in der Tat zu kritisieren, und che betreibt genau diese Kritik der linken Identitätspolitik ja nun, wie man nachsehen kann, seit langer langer Zeit, er zielt auf die Kritik der Politischen Ökonomie ab und nicht auf die symbolische Ebene, wo politische Diskurse plötzlich über umstrittene Begriffe geführt werden, statt an die Ursachen für reale Diskriminierung zu gehen. In diesem Sinne, im Hegelschen und Marxschen eben, ist Kritik immer radikal: sie geht an die Wurzel, sie ist vermittelt und denkt auch ihre eigenen Reflexionen noch mit, was z.B. jene identitäre Linke nicht vermag.

    Das Herausreißen von Koransuren aus dem Kontext ist übrigens in der Regel ein ziemlicher Unfug, zeigt aber eine interessante Symmetrie: Denn damit machst Du genau das, was auch Islamisten und andere Radikale betreiben, wenn sie auf eine vermeintlich wortgenaue Auslegung des Korans pochen und das Buchstäbliche zum Anlaß für ihre rigiden Regeln nehmen. Insofern: Das bloße Herausreißen aus allen Kontexten ist nicht wirklich zielführend, bei keinem religiösen Buch.

  78. Man darf in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen, dass der Westen den radikalen Islam instrumentalisiert und gefördert hat, wo immer es geopolitisch in den Kram passte. Angefangen bei der strategischen Partnerschaft mit dem Hause Saud, das sich nicht nur auf der Arabischen Halbinsel als Hüter und Sponsor der strenggläubigen wahabitischen Glaubensrichtung geriert. In Ägypten hat die CIA zur Zieit Nassers heimlich die verbotene Muslimbrüderschaft unterstützt, um den Staat zu destablisieren, der seinerzeit Verbündeter der Sowjets war und dort auch kräftig Waffen kaufte. In Afghanistan bewaffneten die Amerikaner massiv die sogenannten Mudschaheddin, die ihrerseits fanatische Kämpfer aus der ganzen Region für den Kampf gegen die Sowjets rekrutierten. Nach damaliger Lesart waren das Helden und Freiheitskämpfer – und unter den geänderten geopolitischen Vorzeichen sind die gleichen Leute plötzlich Taliban, die es zu bekämpfen gilt. Im Bosnienkrieg hat der Westen beide Augen zugedrückt und nicht weiter thematisiert, dass die bosnischen Muslime massiv aus dem nahen Osten mit Kämpfern und Kriegsgerät unterstützt wurden. Aber wozu auch, es ging ja gegen die Serben, denen man längst die Schurkenrolle in dem Stück zugedacht hatte. Ich bin sicher, die Liste der Beispiele ließe sich noch verlängern, etwa in den früheren Sowjetrepubliken, und indirekt haben die USA mit dem Sturz von Mossadegh im Iran und der Installation des Schahs auch schon die Grundlagen für die islamische Revolution 1979 geschaffen.

  79. Ist alles richtig Mark793, aber vorsicht – alle historisch („sag mir doch etwas, das nicht historisch wäre“ (Enzensberger, in „Die Furie des Verschwindens“)) – aber momentan sind die alten Geschichten von den muslimischen Frauenräubern, wie sie übers Mittelmeer kommen und in Elba z. B: einfallen (cf. Festa da Uva in Capoliveri – und hunderte anderer solcher Feste an der europäischen Küste – das in Capoliveri auf Elba immer anfang Oktober, also zu der Zeit, als früher die Trauben geerntet waren – heutzutage ist das oft schon ende August der Fall…).

    Bissl was anners, mark793 – – – isch muss jezz klää bissl persönlicha werre:
    Aaa so Verlustgefühle – in Sache leuchtender, vor lauter Ideé unnn Gfühle manchmol sogar funkelnder Blog?
    Do unne- so ab 25. Sekunde: Isch binn iwwaral rumgedorgeld, iwwaeral war Gold – in dene goldene alde Zeite… (weir scen inide the (frankfurter) goldmine….)

  80. @Dieter Kief: Naja, das Thema Saudi-Arabien ist immer noch brandaktuell, auch wenn der Jemenkrieg – aus Gründen – gerade nicht die Schlagzeilen beherrscht. Und im Gegensatz zu sagenwirmal den Kreuzzügen sind meine genannten Beispiele noch nah genug an der Jetztzeit, um manches, womit wir es heute zu tun haben, besser kontextualisieren zu können. Ich hätte auch Syrien nennen können, wo im Zuge des vom Westen geplanten regime change auch Allianzen mit allerlei fundmentalistischem Gelichter (unter uns: Es gibt keine „gemäßigten Rebellen“ in Syrien) eingetütet wurden. Ich mein, um einen relativ weltlich gesinnten Herrscher wie Assad loszuwerden, verbünden sich die Amis mit Al Kaida, die ihnen das WTC weggesprengt haben? Wie absurd ist das denn?

    Es gibt ja die These, dass nach dem Zerfall des Ostblocks der Islam als neues Feindbild aufgebaut werden sollte, um dem militärisch-industriellen Komplex weiterhin eine raison d’etre zu garantieren. Ich weiß nicht, ob das so stimmt, aber ich wäre der Letzte, der bestreitet, dass der Islam in seiner radikalen Ausprägung für diese Rolle als bad guy sehr passend gecastet ist.

    Zum Nachtrag: Neunevärzisch war isch noch net gebore… ;-)

  81. @“Es gibt ja die These, dass nach dem Zerfall des Ostblocks der Islam als neues Feindbild aufgebaut werden sollte, um dem militärisch-industriellen Komplex weiterhin eine raison d’etre zu garantieren. “ — Zu diesem Thema habe ich einige mit Stempeln zwischen „Classified“ und „Top Secret“ qualifizierte Denkschriften in meinem Besitz, die im Auftrag von Ronald Reagan von Autoren wie Brezinski, Huntington und Goodpaster verfasst wurden. Der ganze „Clash of Zivilisations“ ist ein Auftragswerk des US-Imperialismus. Die Recherchen eines meiner Genossen zu dem Thema sind wohl ein Grund dafür, dass seine Stasi-Akte nicht bei der Birthler-Behörde einsehbar sind, sondern sich in der Lubjanka befinden.

  82. @ mark 793
    Wie gesagt, alles klar*** – aber halt historisch. – Und der Nutzen und Nachteil der Historie ist ein eigen Ding (Enzensbergers Seufzer kam ja aus teils lustbesetzter, mit der Zeit aber halt doch dröger und blöd machender Erfahrung mit insbesondere dem linken Umgang mit der Geschichte (=Histomat): (…) mit durchgelaufenen Sohlen einen Berg von immer höher werdenden Schaftstiefeln überqueren – wenn das der neue Mensch ist, dann lieber nicht… (Immer noch „Die Furie des Verschwindens“).

    Gebore war isch ’49 natürlich aa noch ned – awwa alt genug, um Dylans „Self-Portrait“ in de Siebziger zum leise entsetze meiner Kumpels als Lieblingsplatte zu bezeichne war ich dann schunn.

    Und sonst – überhaupt kein Verlustgefühl angesichts des Abgangs von Don Alphonso? – Ich verspüre das durchaus: Es war interessant. Jetzt, am neuen Ort, nicht mehr so, also v i e l weniger. DA ohne vielstimmige Begleitung is‘ wie – – wie Roger Waters ohne Pink Floyd – oder gar Nick Mason… – es fliegt net rischtisch.

    ***mit Ausnahme der These über den Islam als Homunkulus des militärisch-industriellen Komplexes, die ich sozusagen für z u plausibel halte, als dass ich sie als eine von großer Relevanz anzusehen geneigt wäre. – Ich hole mir nach solchen Überlegungen gerne die „Zwei Randbemerkungen zum Weltuntergang“ (von HME, seufz) heraus – Moment, sie liegen in Grifffweite – der Band Politische Brosamen, S. 225 – 236, Suhrkamp 1982. Immer aktuell. Und sehr schön zu lesen. Die Linke als Münchhausianisch denkender und empfindender Bund… anregend…(verweist implizit auf Habermas Intersubejktiviätsthese als ein Ausweg aus der selbstgebauten linken Echokammer. Das scheint mir auch nach Chemnitz ganz das richtige zu sein.

  83. Na ja, es mag Huntington im Dienst der Regierung stehen, aber deshalb ist seine Theorie von den Kulturkreisen und den daraus erwachsenden Konfrontationen (siehe jetzt auch China, das bestimmt nicht vom CIA finanziert wurde) nicht per se und im Sinne einer Kontaktschuldthese falsch. Die Frage ist nur, was man daraus ableitet und ob man nicht dennoch auch die dialektischen Verquickungen sehen kann. Die Moslembruderschaft in Ägypten ist eben auch Resultat der britischen Politik und dennoch ein eigenständiger Faktor geworden. Und eine islamische Regierung wie der Iran ist inzwischen und sehr unabhängig vom US-Einfluß eine Regionalmacht. In diesem Sinne handelt es sich eben auch um ein promethisches Motiv: die eigene Schöpfung ist über einen hinausgewachsen und hat sich verselbständigt; weiterhin hat der politische Islam die Stelle des kriselnden arabischen (nationalen) Sozialismus eines Nasser und eines Arafat eingenommen. Sicherlich mit Hilfe amerikanischer Kräfte, das halte ich nicht für unplausibel und dafür wird es sicherlich auch Beweise geben, so wie es die für die Finanzierung der Mudschaheddin gibt.

    Don Alphonso bildete in der FAZ ein interessantes Korrektiv. Insofern ist es schade, daß er nicht mehr da ist. Aber die „Welt“ ist halt der einzige Ort, wo es paßt. Die Idee mit den Welt+-Artikeln ist auch gut, denn inzwischen geht es schon und durchaus darum, mit Internetjournalismus Geld zu verdienen. Der Don und SpOn ist kaum denkbar, obwohl es witzig wäre. Einzig seriöser Kolumnist dort ist eigentlich Fleischauer (und ganz ganz selten, in seinen wenigen lichten Momenten, Jakob Augstein.) Da würde der Don schon auffrischen, vor allem, wenn ich an den Kindsmenschen Stokowski dort denke, die keine zwei klaren Gedanken aufs Papier bekommt.

  84. @Dieter Kief: Krankheitsbedingt fehlt mir das Radfahren mit dem Don derzeit mehr als seine FAZ-Präsenz. Grundsätzlich stünde mir die „Welt“ offen, um Beiträge zum Deus-ex-machina-Blog zuzuliefern, aber auch da hat im Moment für mich die Wiedererlangung meiner Gesundheit und Bewegungsfähigkeit Vorrang. Ansonsten finde ich es – jetzt mal losgelöst von meiner Unpässlichkeit – ein bisschen schade, dass der binnenpluralistische Ansatz bei DeM in den letzten Jahren nicht mehr so konsequent verfolgt wurde. Freilich weiß ich auch, wie aufwending das ist, neue Leute wirklich so zu briefen, das sie passgenau liefern. Talentiertes Schreiben alleine reicht oft nicht, um so ein Format zu befüllen. Gerade mit weiblichen Gastautorinnen haben wir da paar Dinger erlebt…

    Das Thema Huntingdon sehe ich wie Bersarin: Wenn seine Abhandlung tatsächlich eine Auftragsarbeit war, muss dennoch nicht alles falsch sein. Die Bruchlinie in der Ukraine, wo sich Russisch-Orthodoxe und Unierte (Griechisch-Katholische) gegenüberstehen und wo heute Unabhängigkeitskämpfe toben, hat er ja auch richtig gesehen.

  85. Ja, das wäre dann aber zusammen mit „Die Ethnisierung des Sozialen“ aus der Reihe Materialien für einen neuen Antiimperialismus und mit Nouriels „Die Tyrannei des Nationalen“ zu lesen. Es ist nämlich im höchsten Maße erklärungsbedürftig wieso in Gesellschaften die über lange Jahrzehnte säkular und nicht nationalistisch waren binnen kürzester Zeit atavistische Blut-Boden-Chauvinismen aktivierbar sind als hätte man einen Knopf umgelegt (Jugoslawien, Armenien, Aserbaidjan, Ukraine). Für mich übrigens irgendwo auf einer Wellenlänge mit dem Umschlagen der Binnenkultur der westdeutschen linken Szene von radikalem sexuellen Hedonismus in moralinsaure Verbiesterung und des rationalen marxorientierten politischen Diskurses in identitäre Befindlichkeitslogik.

  86. @che2001: Das ist eine gute Frage. Ich habe Bekannte aus der Tschechischen Republik und aus der Slowakei gefragt, was den gemeinsamen Staat seinerzeit gesprengt hat, und so richtig schlüssig erklären konnte mir das keiner der Befragten. In der Ukraine haben wir wie gesagt eine ethnische Minderheit mit unterschiedlicher religiöser Orientierung, anderer Sprache und anderer Schrift. In Jugoslawien hatte die Macht Titos die schwelenden Konflikte zwischen den Volksgruppen lange im Zaum gehalten, später waren es m.W. zuerst die Slowenen, die unzufrieden damit waren, einerseits den Großteil des jugoslawischen BIP zu erwirtschaften und gleichzeitig in Belgrad nichts zu sagen zu haben, wo und wie diese Mittel verwendet werden. Dem Drang nach mehr Autonomie standen zum Teil irgendwelche panserbische Ambitionen gegenüber, die bis nach Kärnten reichten. Nicht vergessen war zudem, dass Serben und Kroaten im zweiten Weltkrieg aufeinander geschossen hatten (und schlimmeres). Zu Armenien und Aserbeidschan kann ich wenig sagen, aber es ist in der Tat auffällig, dass in jenen Jahren nach dem Zerfall des Ostblocks der überwunden geglaubte Nationalismus ein großes Comeback feierte. Zumindest kann man den Schluss ziehen, dass diverse Minderheitenkonflikte von einer Zentralregierung immer nur soundsolange unter dem Deckel gehalten werden können, bevor sie wieder aufbrechen bei entsprechendem Anlass. Im Westen haben wir Unbhängigkeitbestrebungen bei Katalanen, Basken und Schotten, und Wallonen und Flamen haben sich in Belgien auch nicht mehr allzuviel zu sagen, wie man hört. Dieser Tage las ich irgendwo, Nordirland sei auch nicht wirklich befriedet, sondern ein Pulverfass, das jederzeit wieder hochgehen kann. Mannmannmann, da bleibt mir nur noch, für die Restituierung der Kurpfalz in den Grenzen von 1777 zu plädieren (das dürfte auch im Sinne von Dieter Kief sein).

  87. Das Ausinanderbrechens Jugoslawiens hat etwas mit der Schuldenkrise und dem IWF zu tun, schreibe ich mal ausführlicher wenn ich dazu Zeit habe oder krame eine Link hervor, hatte mir dazu ja schon die Fingerkuppen schartig getippt. In all diesen Fällen sind ursprünglich soziale Konflikte urplötzlich ins Nationale umgekippt.

  88. mark 7923 – alles Guuude – vunn ganzem Herze!

    Unn sunscht – isch kumm grad aus dä Kurpalz (Resurrektion jederzeit – mark973 – ob? – Sie! Albrecht von Hallers (das war alles andere als ein Provinzler!!) tränentreibendes Lob der Kurpfalz bis hinein in die Bruchsaler Gegenden etwan kennen – – – – das ist das höchste mir bekannte Lob der Kurpfalz irgendeines Menschen, der überhaupt je sich über diesen hochwohllöblichen Gegenstand geäussert hätte – und von Haller – aber vielleicht wissen Sie’s schon (ich hab den Nachweis verkramt, und weiß nur noch dass von Haller in einem Brief, mein‘ ich mich zu erinnern, so enthusiasmiert geschrieben hätte, aber nicht mehr genau wo – – – ich such‘ natürlich immer weiter…).

    Komm grad aus dä Kurpalz, wie gsagt, habb‘ widda mit meine nomaale Leid geschwetz. – „Ähh – uns werd des langsom awa sicha zuviel, Dieter, isch sag das wiehs isch“.

    In der kleinen Quartierstraße, in der meine Gewährsleute wohnen: Fünf nächtliche Autoaufbrüche in den letzten Tagen. In den Jahren vor 2015: 0,00. – Unn in dä ganze Bussle (=Handwerkerkleinbusse), ’s komleddä Weakzeig weg. -Was muschn jezz mache – die Bussleä nachts in dä Kella stelle?!
    Un wenn ebbes sesch: Auslännafeind!

    Sodann diese Geschichte:
    In unssara Raiffeise (=örtliche Genossenschaftsbank) do än Schwarzzä. – Dieser Schwarze wird in der Warteschlange auffällig, schubst, hält keinen Abstand, und macht auf Englisch aggressive laute Bemerkungen.

    Als mein Bekannter ein paar Minuten später vor die Tür der Bank tritt, landet dieser Schwarze einen Schwinger auf seine Brust- : – „Hewwim (hab ich ihm, dk) ä paar uffs Maul gewwe, waara zufriede (= ist er wegggegangen). Polizi aagrufe, die sinn kumme, war de Voggl (= der Vogel, dk) fodd (=fort).

    Ohh, mir hewwe noch ä bissl vazehlt, hän sie an Funkspruch griggt, in Neilosse (=Neulußheim) deed oona randaliere. Binn i ne (=bin ich ihnen) hinnenoochgfahre, isch hebb jo de „TT“ debeighadd – hhaha!, do känna ma die Griene jo ned defuhfohrä – (grins, grins)) – in Neilosse den Vogl gefunne, de gleische wie in Reilinge en de Bank.

    Die Griene (=Bolizei…) schmeisse den uff de Bodde, Handschelle oo und abb (=weg, davon,dk)! – hewwischsie grfoogt, was jtz‘ bassiert, henns sie gsoogt – desselwewwe, wie die letschde zäh (=zehn, dk). Mol aaaa schunn. E Stund‘ uff dä Wach, Vawarnung, – unnn schunn ischa widda uff dä freie Wilbahhn.
    Jetz froog isch dich, ob des so in Ordnung isch?!
    – Mir werd des ganze mol langsam zuviel! Mir sinnn die all rescht, awa so net!

    Ichb das schon auf steve Sailers isteve geschrieben, aber ich wiederhole es hier gern: Dass Fukujama so klipp und klar sagt, er hat verloren, ist aller Ehren wert.

    Und ja: Huntington hat gewonnen. Und nein: Dass die CIA Huntingtons Ansichten beeinflusst habe, glaube ich auch nicht.

  89. Interessant an Fukuyama ist auch: Er hat nie die Mär vom notwendigerweise untergehenden Nationalstaat nachgebetet. Im Gegenteil: Er hat wiederholt verkündet, es müsse dereinst auf der ganzen Welt so zugehen, wie heute (=damals…) in Dänemark.
    Mein absoluter Augentrost und Gewährsmann neben Fukuyama ist in der Nationalitätenfrage Isaiah Berlin. Als Negativfolie für diesen Diskurs kann alles genommen werden, was Peter Glotz je dazu geschrieben hat, denn er war ein narrischer Internationalist, und hat die nationalstaatlichen Ernergien sozusagen perfekt (=ausnamslos) fehlgedeutet. – P Glotz ermöglicht also Erkenntnis ex negativo (eine wirkliche Methode, wie ich meine).

    Ansonsten verweise ich gerne auf die katastrophalen Verhältnisse in Liechtenstein und in der Schweiz…

    Im sehr (!!) interessanten Herbst-Heft von TUMULT (mt einem Beitrag einer Berliner Allgeinärztin über muslimische – – – Verwandtenehen aus nächster Anschauung…) die Bezugnahme auf Siegfried Kohlhammers großartiges Büchlein „Auf Kosten der dritten Welt“ gefunden und mir fest vorgenommen, nun einen weiteren Vorstoß zu unternehmen, dass das Büchlein wieder aufgelegt wird. Diesmal wird der Verleger Steidl eine mail von mir bekommen, nachdem Kohlhammer selber in einem Venezianischen Retreat nicht leider auf mein Begehr‘ nicht positiv reagiert hat (oder Kurt scheel hats verschuselt- Friede seiner Asche, anyway).

    @ Bersarin – gute Reise!

    @ mark793 – mich beschäftigt dieser Unterschied zwischen der FAZ und DA jezz‘. Und das damit verbundene Gefälle. Die Sache ist viel (= viel….) weniger interessant jezz‘ – das finde ich schade, aber ich finds nicht traurig, weil ich das zwei knappe Jährchen verfolgt habe, und weil ich dank colorcraze sogar eine Doku dieser zwei Jährchen habe, die mich dabei besonders interessieren, und ich finde, das ist schon was, und der Rest – – – gottbefohlen…
    Mal sehen, was in Schweden heute so abgeht…ichab noch immer null Ahnung…

  90. @ Dieter Kief: Nein, nein, es ist noch ein wenig hin, bis ich nach Wien fahre. Ich aktiviere nur schon einmal die Vorfreude.

    Was Sie für ihren Ort beschreiben, Dieter Kief, nämlich das wiederholte Straf- oder Auffälligwerden, ist in der Tat ein großes Problem. Vor allem ist es einem großen Teil der Bevölkerung nicht zu vermitteln, weshalb diese Leute am nächsten Tag am selben Ort wieder da sind und genau da weitermachen, wo sie aufhörten. In solchen Fällen sollte der Asylantrag sehr schnell geprüft und ggf. wg. Aufenthaltsgesetz § 54 entsprechend beschieden werden. Bei diesem Vorgehen aber können wir kaum vorweggreifen, denn für diese Details sind Juristen zuständig und können besser beurteilen, was geht und was nicht geht. (Wobei ich auch hier denke, daß, wie bei der Frage der Grenzöffnung bzw. der illegalen Einreise von Flüchtlingen 2015, Juristen unterschiedlich urteilen. Das hängt dann am Ende auch an den Prozessen der Meinungsbildung.) Daß etwas getan wird, ist vor allem auch um der Flüchtlinge wichtig, die hier leben und sich etwas aufbauen wollen. Natürlich kann man alles das auch schleifen lassen oder man kann das, wie Leute wie Patrick Bahners es machen, kleinreden und zur Bagatelle erklären und man kann mit den sozialen Ursachen auch kommen. Nur: Wenn nicht schnell eine pragmatische und vor allem handelnde Politik da etwas ändert, wird es hier zu Wahlergebnissen kommen, wo sich am Ende alle umschauen werden.

    Was den Nationalstaat betrifft, sehe ich das ähnlich. Auf unabsehbare Zeit unverzichtbar. Und ich möchte, auch was die soziale Grundversorgung in Deutschland betrifft (bei allen Problemen, die es im Detail geben mag), keine weitere Aushöhlung im Sinne einer Junckers-EU. Nationalstaaten sind keine starren Gebilde, davon können die Deutschen ein Lied singen, aber eine kulturelle Identität (auch als Diversität gefaßt) ist etwas Gewachsenes, auch über die Sprache und die Kultur, und eine neue (postnationale) Konstellation ist nicht einfach per ordre herstellbar, sondern dies sind allenfalls Prozesse, die in der Zeit und meist über einige Jahrzehnte laufen und bei der EU als ein Staatenverband wie die USA kaum vorstellbar.

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