Berlin, Berlin oder vom Geist eines Volkes (1)

„Unsere Städte haben enge stinkende Straßen – die Zimmer sind eng, dunkel getäfelt, mit dunklen Fenstern – große Säle niedrig und drücken, wenn man darin ist – um ja nichts Freies zu haben, wurden Säulen in der Mitte angebracht, so viel man konnte – es ist zutraulicher in einem kleinen Zimmer beisammen zu sitzen – hausväterlicher – ehemals zwar große Zimmer, gewöhnlich aber die ganze Haushaltung darin – Knechte und Mägde – man schlief, man speiste da – der ehemalige Geist der Deutschen, hauptsächlich in Hinsicht auf Kultur Hausväterlichkeit – ihre größte Ergötzlichkeit, z.B. schreckliches Saufen – überhaupt (wie auch in Treue und Glauben) Solidität – die Freude der Griechen lauter – fröhlicher – mäßiger – leichtsinniger – die Deutschen tranken nicht einen sokratischen sorgenfreien Becher – sondern Becher, bei denen man entweder bacchantisch lärmte – oder war er mäßiger, bei dem man sorgte – – Die gotische Bauart schauerlich – erhaben. Schon in der Bauart zeigt sich der verschiedene Genius der Griechen und Deutschen – jene wohnten frei, in weiten Straßen, in ihren Häusern waren offene, unbedeckte Höfe – in ihren Städten häufige große Plätze – ihre Tempel in einem schönen edeln Stil gebaut – einfach wie der Geist der Griechen – erhaben wie der Gott, dem sie geweiht waren. Die Bilder der Götter – die höchsten Ideale des Schönen – Die schönste menschliche Form, wie sie in der Morgenröte der Auferstehung hervorgehen mag – alles in der höchsten Kraft seines Daseins und Lebens dargestellt, keine Bilder der Verwesung – die scheußliche Larve des Todes war bei ihnen der sanfte Genius, der Bruder des Schlummers – Was bei dem Gottesdienst der Katholiken schön ist – ist entlehnt von den Griechen und Römern – der wohlduftende Weihrauch, und die schöne Madonna, aber die Tempel sind gotische Massen; die größten Werke der Kunst gewöhnlich in einem Winkel vergraben und überhaupt mit kindischen kleinlichen Zieraten, wie das Kind etwas Großes, etwas Erhabenes noch nicht fassen kann, dessen Seele noch nicht im Jünglings- oder Mannesalter des Geschmacks ist -“ (Hegel, Entwürfe zu: Fragment über Volksreligion und Christentum, in: GW I, S. 81)

Vielleicht dachte Hegel, als er jene EIngangssätze schrieb, an Berlin, darin er sich immerhin nach seiner Lehrzeit in Heidelberg von 1818 bis zu seinem Tode 1830 aufhielt. Zumindest nahm er einges davon, was heute im „Reichshauptstadtslum“ sich zuträgt, vorweg. Als ich dieses Zitat am Wochenende schon einmal für einen Blogbeitrag in spe einstellte, konnte ich noch nicht wissen, daß die Berliner Zeitung vom 30.7. über eine Forsa-Umfrage schrieb: Ein Drittel der Berliner mögen ihre Stadt nicht. In keiner anderen Stadt Deutschlands ist das Unbehagen am eigenen Wohnort derart hoch, in keiner anderen Stadt sind die Menschen unzufriedener mit der Situation. Verständlich freilich, wenn man sich genauer hier umsieht. Vom Nahverkehr angefangen, mit dem man nach 21 Uhr hier nicht mehr gerne unterwegs ist, bis hin zu jener zu Tode gesparten Feuerwehr. Man fragt sich, wie diese Stadt andere Projekte mit nationalpolitischer Dimension bewältigen will, wenn sie nicht einmal für ihre eigenen Belange Geld ausgibt. Treffend kommentiert diese desolate Lage Maritta Tkalec in der BLZ vom 31.7. Was vorgeblich als Toleranz postuliert wird, ist in Wahrheit die Verwahrlosung einer Stadt:

„Berlin ist nichts für zarte Gemüter. Wer es lange aushält in der Stadt, der hat ein dickes Fell. Ich komme aus Bitterfeld, einst als dreckigste und giftigste Stadt Europas bekannt – mich schreckt wenig. Bedeutet das Frieden mit vernachlässigten Schulen, verdreckten Spielplätzen, Parks voller Drogendealer, vermüllten Straßen? Nein! Ich hasse die Ratten auf meinem täglichen Arbeitsweg – am dichtesten liegen sie in allen Verwesungsgraden in einem der ärmsten Quartiere, am Moritzplatz.

Exemplarisch in Kreuzberg, aber nicht nur dort, befasst sich Kommunalpolitik obsessiv mit Gendersternchen, Unisexklos, duldet jahrelange Schulbesetzungen, lässt Menschen in subversiver politischer Absicht auf öffentlichen Plätzen campieren, akzeptiert rechtsfreie Räume und illegale Aktionen, statt am Gemeinwohl zu arbeiten, also an anstrengenden, langweiligen Dingen wie sauberen Straßen und Schülertoiletten.

Was da unter „Toleranz“ läuft, bedeutet Verwahrlosung. Kampfbereitschaft bricht erst aus, wenn das Monster Gentrifizierung sein Haupt erhebt – also Häuser saniert werden, qualifizierte Menschen mit gutem Einkommen bürgerliche Wünsche entwickeln: spritzenfreie Spielplätze, lernfreundliche Schulen, für gefahrenarm benutzbare Grünanlagen – oder gar Verwaltungen, die selbstverständlich Urkunden oder Pässe ausstellen, Hochzeitstermine vergeben oder Autos registrieren.“

Tu felix Bavaria. Wenn ich in süddeutsche Städte komme, selbst im häßlichen und ganz und gar unansprechenden Nürnberg, habe ich solche Verwahrlosung nicht erlebt. Im schönen Bamberg etwa geht einem das Herz auf, Menschen können auch freundliche Töne und bei der U-Bahn in München hatte ich nicht den Eindruck, ich säße live mitten in „The Walking Dead“. Ja, so und in dieser Weise, wie ich es in Bamberg, Bayreuth, Fürth oder München erlebe, stellt man sich menschliches Miteinander vor. Vielleicht ist es in der Tat so, daß der Mensch und die Gemeinschaft der Menschen nicht für Großstädte gemacht sind.

Sechs Wochen habe ich im Januar hier auf einen Amtstermin gewartet. Schulen sehen aus, als wäre man in einem Film, der gerade ein paar Jahre nach dem „Endsieg“ der Deutschen gedreht würde oder irgendwo in der 50er-Jahre-DDR in tiefer Provinz spielte. Wer durch Kreuzberg oder Neukölln geht, meint zuweilen auf einer Müllkippe zu spazieren. Hauswände, die wie Rotz aussehen. Brachen und Fassaden, als wäre vor wenigen Minuten Bomber Harris dagewesen oder es tobte eben noch ein Inferno. Dafür aber wird der eigenen Wählerschaft in Kreuzberg sexismusfreie Werbeflächen schmackhaft gemacht und eine dritte Klotür für ein drittes oder Xtes Geschlecht. Symbolpolitik der absonderlichen Art. Man kann all das gerne machen  und über die eigene Wählerklientel das Füllhorn ausschütten, nur gibt es für Stadt, Verwaltung sowie für die öffentliche Daseinsvorsorge Prioritäten. Wie viele Transgender-Menschen gibt es und vielviele Bürger, die einfach nur einen zeitnahen Termin bei einer Behörde benötigen? Man kann sich fragen, ob Straßenland, das vor sich hin rottet, ein angenehmer Anblick ist oder nicht eher schöne, attraktive Frauen auf Plakaten, die sich in Dessous präsentieren. Diese durch und durch hochkapitalistische Werbung ist – Ironie der Sache – die einzige Seinsform, die wenigstens den letzten Glanz in die verdorbene Hütte bringt. „Die Welt der Plakate“, und die Zeiten haben sich verdreht.

„Dagegen zog mich von jeher das Leben der Straße an, und den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es die Akkorde der Ewigkeit, das war eine Beschäftigung, bei der Genußsucht und Lernbegier auf ihre Kosten kamen. Und wahrlich, wem der dreimal gefährliche Idealismus eingeboren ist, die Schönheit an ihrem Widerspiel sich zu bestätigen, den kann ein Plakat zur Andacht stimmen!“ (Karl Kraus, Die Welt der Plakate)

Und so geht es auch mit der Berliner Straßenlandschaft. Wer meint „Wir schaffen das“, der sollte zunächst einmal Geld für die eigenen Belange und die eigene Infrastruktur ausgeben. Sonst nämlich nimmt man die sogenannten „Leute“, die ja auch sogenannte „Wähler“ sind, nicht mit. Man kann denken, das sei nicht wichtig. Wahlen aber werden in der Mitte de Gesellschaft entschieden.

Und was die Prioritäten in einer Großstadt betrifft, die zufälligerweise noch die Hauptstadt dieses Landes ist, da spreche ich nicht einmal vom Flughafen BER, sondern von Elementarem: Nämlich einen zeitnahen Termin zur Kfz-Anmeldung oder beim Bezirksamt zu bekommen, S-Bahnen, die auch im Winter fahren, Stadtviertel, die nicht wie eine Toilette in Kalkutta aussehen. Allerdings ist all dies ein verschlepptes Problem, gleichsam ahnungsvoll aus uralten Zeiten aufgestiegen und sich hingezogen. Nicht nur r2g-spezifisch. Und da meine Miete hier sowieso alle drei Jahre um 100 Euro ansteigt, kann ich genauso die FDP oder die CDU wählen. Es ist ganz gleich. Und diese Gleichgültigkeit, die sich hier aus ganz unterschiedliche Gründen bei vielen einstellt, ist das schleichende Gift. Nicht nur für eine Stadt, sondern überhaupt für ein Gemeinwesen. Was man früher noch irgendwie als laisser faire oder als Toleranz wahrnahm, entpuppt sich zunehmend als fatal. Das fängt bei dem Arabermann an, der vorgestern nachts zugedrogt in die S-Bahn einsteigt und seine Füße breitbeinig aufs gegenüberliegende Polster der Sitzbank legt. Es ist auf der ganzen Fahrt des abends niemand da, der einmal nur sagt: „Füße runter!“ Diese Dinge fangen im Kleinen an.

Barbara Weitzel hat in der Berliner Zeitung eine schöne Kolumne, immer am Montag. In  ihrem Beiträge vom 6.8. schrieb sie, was man erlebt, wenn man mit S- und U-Bahnen fährt. Unterschiedliche Menschen, die einem begegnen und oft Stoff für interessante Geschichten liefern. Mag sein, daß es tagsüber so ist. Abends verzichtet man besser aufs Fahren, es sei denn, man ist Polizeireporter und will möglichst schnell vor Ort sein. Als ich  vor einiger Zeit in einem U-Bahnhof die Polizei rief, weil ein junger Mann die Wände dort mit Graffiti zuschmierte, sagte mir der Beamte am Telefon, ich solle den Mann solange festhalten, bis die Streife käme – es könne aber etwas dauern. Natürlich tat ich es nicht und wartete auf die Polizei, um als Zeuge dazusein. Als nach zehn Minuten die Streife immer noch nicht vor Ort war und auch der Sprayer zum Verschwinden ansetzte, ging ich auch. Soviel zum Bürgersinn.

Andererseits hat Berlin durchaus sein Flair. Und es gibt immer noch schöne, wunderbare Tage an der Spree und am Landwehrkanal, am Wannsee, an der Havel oder im Schleusenkrug. Das Außen der Stadt sind gut bewohnbar. Und ich könnte hier ein paar schöne Geheimnisse nennen, die ich aber nicht verrate, sonst sind diese herrlichen, an den Rändern der Stadt verborgenen Plätze kein verlassener Ort mehr und nicht mehr schön. Einer vielleicht sei genannt: Das Weinfest am Rüdesheimer Platz. Das ist etwas, was ich mag. Und auch  in Mitte spazierte es sich einmal schön, vor 15 Jahren war hier vieles noch anders, und davor sowieso. Clärchens Ballhaus ist auch so ein Ding, das man nicht missen möchte. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Und weil die Hitze der Hundstage – der Hundsposttage, mit Jean Paul ergänzt – so unerbittlich auf uns drückt, möchte ich mich dabei doch gerne an Theodor Storms kleines Gedicht aus der Regentrude erinnern:

Dunst ist die Welle,
Staub ist die Quelle!
Stumm sind die Wälder,
Feuermann tanzet über die Felder!

Nimm dich in acht!
Eh‘ du erwacht,
Holt dich die Mutter
Heim in die Nacht!

weil also gewissermaßen etwas Griechisches, Flirrendes  über dem Land liegt, freilich ohne daß irgendwie Pans Stunden anbräche, müßten wir hier im Blog zur Hochzeit der Philosophie auflaufen oder zur Hochzeit mit der antik-schönen, freilich längst vergangenen Mittelmeerwelt aufrufen. Lesend. Das könnten wir zum Beispiel über Herder, Hegel, den Volksgeist und das Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit: allein, es drückt den Nordmenschen zu sehr die Wärme, nicht einmal der kühle Riesling aus dem schönen deutschen Elsaß oder der französischen Pfalz kühlt das Gemüt und dämpft die Phantasien.

 

 

15 Gedanken zu „Berlin, Berlin oder vom Geist eines Volkes (1)

  1. Wir haetten es kuerzer gefasst, aber die Hauptuebel sind gut beschrieben.
    Nur, den Baustil des Altertums eines Suedlandes mit dem juengeren Berlins zu vergleichen macht weniger Sinn.
    HG

  2. @ che: Natürlich hängt der Eindruck einer Stadt immer auch an den subjektiven Wahrnehmungen.

    alphachamber: Baustile zu vergleichen, ist in der Tat nur bedingt sinnvoll. Es ging mir aber auch mehr um die erhaltende Bausubstanz. Potsdam ist da wieder ganz anders, wobei es dort teils auch wüste Ecken gibt. Aber das Gesamtbild ist, auch von der Größe her, doch wieder anders.

  3. wie Sie das können, Kritik und die Bilder sind schön, da auch Müll ästhetisch im Bild sein kann.
    „oh Spreeathen, oh Spreeathen, oh wieviel Blut hast du gesehn“ ( aus einem Arbeiterlied des letzten Jahrhunderts

  4. Wann immer ich in Berlin eine längere Strecke U- oder S-Bahn fahre komme ich mit Leuten ins Gespräch, diesseits von Kairo kenne ich keine andere Stadt wo die Leute so kontaktfreudig sind. Na gut, und die Bullen rufen weil jemand sprayt, da stehe ich einfach auf der anderen Seite. Die Ratten und der Dreck gehen mir aber ebenfalls stark auf die Nerven.

  5. Dieses ganze Gendergaga kenne ich in meiner Welt nur als studentische Spielwiese, nicht als etwas das vollerwachsene Leute betreiben würden.

  6. >Dieses ganze Gendergaga kenne ich in meiner Welt nur als studentische Spielwiese, nicht als etwas das vollerwachsene Leute betreiben würden.

    Das Bundesgedönsministerium und diverse Landes- und Kommunalbehörden kommen in deiner Welt nicht vor? Dieser Unfug ist institutionalisiert.

  7. „oh Spreeathen, oh Spreeathen, oh wieviel Blut hast du gesehn“ He, he, der ist gut.

    @ che: Ich kenne mich in diesen Kontexten eher wenig aus. Aber es begegnet einem dieser Irrsinn immer häufiger. Vor allem im Wissenschaftsbetrieb – siehe meinen Text „Schnüffeln am Wörtersee“. Und das sind alles erwachsene Leute aus der Literaturwissenshaft. Aber dazu kommt hier im Blog noch was.

  8. Ein großer Eigensinniger und Eigenbrötler, einer der sich traute, in Sachen 3. Welt gegen den Strom zu schwimmen und gegen den Stachel zu löcken, der V. S. Naipaul, er ruhe in Frieden!

    Vor Jahren schon in Kreuzberg; ich laufe entlang und rufe l a u t aus: Wie d r e c k i g dieses Berlin sei, alle Autos – jedes einzelne vor meiner Nase: D r e c k i g ! – Dann Stille – plötzlich ein Türke auf der anderen Straßenseite, Naunynstraße oder wo, der mir über die Straße weg ziemlich kleinlaut zuruft: Ja stimmt, kann man nix machen!

    Das Foto vom beprayten Hänger: Zum Würgen hässlich. Man muss die stadt schon sehr mögen, um derlei optischen Dauerterror auszuhalten.

    @ Che 2001
    Graffitisprayer bitte ihre eischne Häusle besprayen. – Oder Berghütten, hehe!

  9. In meiner Welt sprüht man keine Graffity sondern politische Parolen. Ist allerdings verdammt lange her dass ich selber das tat – da gings um Volkszählungsboykott und RAF-Hungerstreik.

  10. Schade, daß ich hier „mein“ München nicht in Schutz nehmen kann! Müllversaut ist’s hier zwar nicht, aber vollgeschmiert („Narrenhände beschmieren Tisch und Wände“) ist im ansonsten sehr „gentrifizierten“ Stadtteil Haidhausen alles von der Friedhofsmauer bis zum denkmalgeschützten Arbeiterhäuschen des 19.Jhs. Die Stimmen, die für eine Vergroßstädterung Münchens – alternativ: Entprovinzialisierung – ertönten, sind inzwischen leiser geworden, weil ihnen der Moloch, den sie zuvor aus sicherer Entfernung beschworen, auf den eigenen Leib zu rücken droht.
    Allerdings zeigt die Fotostrecke, daß wir hier noch einiges aufzuholen haben, um endlich nicht mehr als „Millionendorf“ verschrien zu werden.

  11. Ich würde, nach meinen Eindrücken, auch sagen, daß München in bezug auf Berlin doch noch eine Schippe drauflegen muß, um in der 1. Liga Verwahrlosung mitspielen zu dürfen.

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