Im verhüllten Modus oder hinter den Fenstern – die Tonspur zum Montag

Samstagnacht auf dem Fahrrad mit Riesling im Blut, im trunkenen Fürsichsein, im reichen Westen Berlins, Grunewald, an den Villen vorbei auf menschenleeren Straßen heimwärts radeln, irgendwann im Monat Mai in einer dieser warmen Nächte, da man noch bis tief in die Mitternacht hinein im Garten sitzen kann, auf dieser Nachtfahrt mit imaginierter Musik im Ohr, und sie sind, trotz meines vehementen Vorbehalts gegen das Zwangsystem Pop, immer noch, seit über 20 Jahren, die besten aus England oder vielleicht eher eine der besten Bands, denn auf Neil Young lasse ich ebensowenig kommen: Oasis. Sage ich als Franzosenfreund. Doch dieser Sound blieb immer in mir kleben, haftete, wenngleich ich die Attitüde von Oasis ansonsten läppisch fand. Aber es bleibt diese Musik, die sich, wie sollte es auch anders sein, mit Erinnern koppelt. Hier, da, dort, Dresden,  eine Autofahrt nach Leipzig, ein Tag an der Elbe bei Wittenberg, an den Orten in Hamburg, das Café unter den Linden, die Ess-Bar in der Rentzelstraße. Daß Alkohol und Literatur das ästhetische Denken beflügelten und daß Philosophie auch etwas mit Intensität zu schaffen hat, Philosophie immer auch eine Variation auf Ästhetik ist, bei aller rationalen Konstruktion und bei aller logischen Schärfe, ging uns  in jenen Abenden in Hamburg auf. Mit deutschem Riesling im Blut, der aus dem Elsaß geht auch und ist durchaus lecker, aber anders in seinem Geschmack, dachte ich mir beim Treten in die Pedalen und während der Alkohol vom situativ-seltenen Sporteln zunehmend in den Kopf mir stieg, tönte es und ich dachte mir, wie man einen solchen Augenblick festhalten könnte: An einem jener klassischen Sommertage in einer Seitenstraße von Dahlem. Inzwischen Bezirkwechsel und meine Wohnung rückt in Reichweite. Ob dort im Kühlschrank noch ein Absackwein stünde? Es ist eben am Ende immer noch die Erde, die den Geschmack eines Weins bestimmt. Terroir, dachte ich, was lustig ist vom Französischen her und mich sogleich an deren Große Revolution und den terreur  erinnerte, wie dicht die Begriffe phonetisch beieianderliegen, und so kam mir in den Sinn, daß mir die Freigeistigkeit am Ende doch über alles und vor jegliches politische Systemn geht.

So radelte ich mit dieser Musik. Dachte an den Tag in Wittenberg, das Bett in Leipzig, das nach spanischem Weißwein immer wieder auseinanderrückte, dachte und dachte und fuhr in diese schöne Nacht, weit im Westen Berlins, da wo wenig Menschen sind und die Stadt tatsächlich noch schön ist. Dem folgt Gesang.

 

Die halb zugezogenen Jalousien – den Sinn vom Französischen genommen, was sprachlich auf die Eifersucht verweist – in solchen Wohnhäusern, vorm Fenster, irgendwo im Juni, im Fränkischen, in Bamberg, an jenen Junitagen, da der Sommer noch nicht ganz verstaubt ist, in einer deutschen Stadt, in den Gassen einer deutschen Kleinstadt, eher ein Schweigen. Diese Stille, diese halbweißen, silbernen Jalousien vorm Glas, die irgendjemand halb oder sogar ganz herunterzog, haben mich immer schon fasziniert. Mitten am Tag. Oder im Süden ein geschlossener Fensterladen, wie damals in Rom oder Paris. Jenes südländische Blickdichtmachen des Wohnraums, und jenes Aussperren des Blickes im Norden in der modernen, effizienten, metallischen Weise. Die Hitze, das Licht, die Wärme draußen zu halten. Auch im Süden sind die Fensterläden zum hohen Mittag meist geschlossen. Pans Mittag, nur ohne den schrillen Schrei der Flöte und ohne den Schrecken inzwischen, der in dieser stillen Stunde einst in die Glieder fuhr. Aber doch immer noch dieses Licht, darin sich sowas wie Mythos zeigt. Nicht anders als in Bamberg – „Wörtersüden“. Oft sind diese Läden aus schönem Holz. Jalousien sind aus Leichtmetal. Kälte von Lamellen. Ich mag diese Dichte. Mineralisch in ihrer Weise. Deutsch im schönen Sinn. In der Wohnung ist es kühl und Obst liegt in einer Schale oder eine Photographie von Rilke da an der Wand. In der dunstigen Abgestorbenheit Bambergs zum hohen Mittag.

4 Gedanken zu „Im verhüllten Modus oder hinter den Fenstern – die Tonspur zum Montag

  1. Hinter Lamellen, im Zwielicht, lässt es sich gut träumen. Fenster sind Augen-Tore, die Läden ihre Lider. Wenn diese herunter gelassen oder geschlossen sind, herrscht eine halbe Dunkelheit, und die Reise kann beginnen, vor allem im Süden, wo draußen, zumal am Mittag, die Hitze steht und drinnen der Schlaf lockt und mit ihm der Traum und die Begierde.

    Dies schreibe ich an einem lauen Abend am Schwäbischen Meer, das mir bestechend schöne An-Blicke schenkt, von denen ich dann während der Siesta hinter verschlossenen Jalousien träumen kann.

    Gruß vom Bodensee, Uwe

  2. Was dem einen sein Riesling, ist dem anderen sein Grauburgunder. Die Wirkung dürfte aber zuiemlich ähnlich sein.

    Danke übrigens für das Musikvideo – obwohl ich mit Oasis und dem ganzen Britpop-Phänomen nie viel anfangen konnte, hat mich „D’you know what I mean“ seinerzeit geradezu umgeblasen und seinen Platz in meinen ewigen Top 25 gesichert.

  3. Ja, Riesling ist ein wenig klarer noch und vor allem schätze ich dieses Mineralische. Aber es gibt ja auch gute Grauburgunder.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.