Schnüffeln am Wörthersee. Über eine bedenkliche Tendenz im Umgang mit Literatur

Um den ästhetischen Unwillen abklingen zu lassen, habe ich mich mit dem Schreiben einige Tage zurückgehalten – zumal ich die Woche über Besuch erwartete und insofern kaum Zeit bliebe, auf Blog-Kommentare zu reagieren. Nun also, etwas über eine Woche nach den Klagenfurter Lesetagen im Wettstreit um den Bachmannpreis, ein Text hier auf AISTHESIS zu einem Vorfall, der zugleich symptomatisch ist für den Ton in bestimmten Kunstdebatten und für den „Geist“ einer seltsamen Zeit, wenn man denn überhaupt in dieser Angelegenheit von Geist sprechen mag: Ästhetische Gebilde werden nicht mehr primär als Kunstwerke gesehen, sondern man mißt sie mit moralischen Kriterien. Nicht mehr die Maßgaben der Kunst sind zentrales Kriterium, sondern das Kunswerk muß politischen, moralischen oder gesellschaftlichen Geboten gehorchen. Was war passiert? In einem der Texte, die Anfang Juli in Klagenfurt gelesen wurden, benutzte ein Autor das Wort „Zigeuner“. Worauf es reflexmäßig-erwartbare Twitter-Empörung gab. In einem anderen Lese-Text kam der Name Lumumba und eine afrikanische Perspektive vor. Wie auf Knopfdruck standen Cultural Approbiation-Vorwürfe im Raum: Böser weißer Mann, der eine schwarze Perspektive einnimmt. Die übliche Twitter-Erregung einerseits, übliche Aufrege-Spielchen in einer Zeit, in der alle alles sagen und unmittelbar kundtun können – ohne jeglichen Reizschutz oder intellektuellen Abstand.

Man kann sowas als Petitesse abtun, aber doch zeigt sich in solchen Äußerungen eine problematische Tendenz: nämlich Kunst auf Reizwörter und auf moralische oder politische Verwerfungen hin abzuklopfen. Das Absurde an solchen Aktionen ist, daß beide Autoren sich vermutlich als links verstehen, und sie würden ihre Texte gerade als Kritik einer rassistischen Perspektive beschreiben.

Kriterium für diese Äußerungen des Mißfallens war dabei nicht etwa der Text selbst in seiner Struktur, geschweige, daß literaturkritische Gründe genannt werden konnten, weshalb die Konstruktion nicht funktioniert und ein Begriff wie „Zigeuner“ nicht verwendet werden dürfe, sondern wie bereits bei Eugen Gomringers Avenida-Gedicht wurde außerästhetisch nach einer Hermeneutik des Verdachts ein subjektives Gefühl dogmatisch als verbindliches Richtmaß genommen. Der erhobene Zeigefinger „Das darfst du nicht!“ oder „ein ungutes Bauchgefühl“ werden zum Maßstab für literarische Referenz, was geschrieben werden darf und was nicht.

Man könnte denken, solches Labeln von Prosa sei kunstkritisch nicht weiter relevant oder sei eine Satire auf den Betrieb, irgendwas zwischen den Romanen von Tom Wolfe, Martin Walser, Philip Roth oder Eckart Henscheid. Denn jeder wisse im Grunde um die Funktion autonomer Kunst und damit auch um den Unterschied zwischen realem Sprechen und Rollensprechen, zwischen fiktiven Texten und Sachtexten, wie etwa einem Zeitungsartikel. Darin wäre das Wort „Neger“, etwa in einer Zeitung, in der Tat unpassend und vermeidbar, sofern es sich nicht um ein Zitat handelt oder eine bestimmte Denkhaltung veranschaulicht werden soll – denn auch da ist der Gebrauch des Wortes geboten: Bildlichkeit macht anschaulich. Aber leider ist diese Haltung im Feld der Literatur bitterer Ernst – sogar von Leuten vorgebracht, die sich im Wissenschaftsbetrieb an Universitäten bewegen. Die Tabuisierung von Sprache. (Dazu auch das Culturmag, Ausgabe Juni 2018 zum Thema Tabu.) Wissenschaftler, die nach Wörtern fahnden, die ein literarischer Text nicht enthalten darf. Eine seltsame Methode der Literaturbetrachtung scheint sich zu etablieren. Der Unterschied zwischen eigentlichem und uneigentlichen Sprechen wird eingezogen. Prosa und Poesie werde unmittelbar genommen oder als Handlungsanweisung gelesen. Begriffe wie Ironie, literarische Brechung, Figurenrede sind nicht mehr auf dem Schirm oder werden zugunsten außerliterarischer Kriterien lax beseite geschoben. Die Buchstäblichkeit eines literarischen Textes bekommt einen fatalen neuen Sinn.

Auch 2016 schon in Klagenfurt zu beobachten – damals bei Astrid Sozios inzwischen als Roman erschienener Prosa Das einzige Paradies. Ein genauer und gelungener Text. Darin kommt mehrmals, wohl 20 Mal das Wort „Neger“ vor. Es ist Rollenprosa, die Protagonistin Frieda Troost, eine alte Frau, die sich in einem längst geschlossenen Hotel verbunkert hat, darin eine schwarze Frau „eindringt“ und Schutz sucht, muß genau so sprechen, wie sie spricht: sie sagt „Neger“, weil das ihre Sprache ist, weil das ihren Schrecken ausdrückt, weil das Wort „Neger“ ihr Befremden zeigt, weil das drastisch im Wort zeigt, wie Frieda Troost denkt und tickt und diese „Neger“-Iteration kann man zugleich als ein Stilmittel sehen. Eine sprachpolizeiliche Regelung nach einem willkürlichen Kanon von zu vermeidenden Reizwörtern oder moralin Ungenehmem hätte Sozios Text ästhetisch verdorben. Daß Kunst auch ein Schlag vor den Kopf sein kann: dieses Bewußtsein geht den meisten inzwischen verloren, wenngleich von vielen dieser seltsamen Leser ansonsten immer noch der Kafka-Satz von dem Buch, das eine Axt sein müsse für das gefrorene Meer in uns, beschworen wird. Was gab es nach Sozios Lesung für einen Twitterkleinsturm! Absurd waren diese Reaktionen vor allem deshalb, weil dieser Text genau die Fremdheitserfahrungen und das Aus-der-Welt-Gefallensein zweier ganz unterschiedlicher Personen beschreibt und weil diese Prosa explizit den impliziten Rassismus zum Thema machte.

Bei Rollenprosa geht das in dieser Art und nicht anders, weil solche wie Frieda Troost weder die perfekt gegenderte Sprache noch das politisch korrekte Sprechen gelernt haben. Motiviert sind solche Aussagen durch den literarischen Text, durch den Plot und die Figurenzeichnung. Daß diese simplen Voraussetzungen ästhetisch nicht mehr gewußt werden, auch bei Wissenschaftlern nicht, ist bedenklich. Daß eine alte Frau wie Frieda Troost von PoCs spricht, dürfte kaum vorstellbar sein und wäre wohl lächerlich. Ein guter Lektor striche ihr mit schwungvoller Hand und Rotstift diesen Ausdruck aus dem Text heraus – zumal Literatur nicht für das politisch korrekte Sprechen zuständig ist und auch nicht als moralische Erziehungsanstalt für Bürgersöhne und -töchter fungiert. Der Bitterfelder Weg als normatives Maß fürs Schreiben ging bereits in der DDR in die Hose. Gleiches gilt für die Vorgaben eines – angeblich – diskriminierungsfreien Schreibens. Literatur läßt sich nicht regeln, und selbst dort, wo ein Roman rassistische Stereotypen verbreitet, wie etwa Jean Raspails Das Heerlager der Heiligen ist ein Text immer noch mehr und übersteigt die Intention des Autors. Literarische Texte sind autonome Gebilde, sie ragen in ihren Tiefenschichten und in ihrer Bedeutung weit über den unmittelbar gemeinten Sinn hinaus.

Eine Kulturwissenschaftlerin schrieb in dieser Causa:

„Leute, die heute noch Essays darüber schreiben, weshalb man dieses oder jenes diskriminierende Wort (in der Literatur) verwenden darf, drücken damit aus, dass sie solche Themen und Fragen nur unter ihresgleichen besprechen möchten. Das bedeutet, dass Menschen, die durch diskriminierende Sprache ausgegrenzt und verletzt werden, Zaungäste in dieser Diskussion sind.“

Davon ab, daß sich mir die Logik einer solchen Aussage nicht erschließt, da es in öffentlichen Debatten jedem freisteht, sich zu diesem Thema äußern zu dürfen, ist es kaum ersichtlich, was solche Vorschrift sachlich motiviert. Was geschrieben werden darf und was nicht, bestimmt kaum eine einzelne Stimme oder ein moralines Kollektiv – zumal wenn es in Fragen der Ästhetik sich blind verhält. Es wird von jener Schreiberin ohne jede Begründung dogmatisch eine Hypothese in den Raum geworfen, es wird, so interpretiere ich solche Sätze, für die Gemeinde moralischer Druck aufgebaut. Mit solchem Verfahren hält eine gefährliche Tendenz Einzug, daß dogmatisch und ohne jegliches Begründen festgelegt wird, worüber debattiert werden darf und worüber nicht. Anstatt Gründe anzugeben, weshalb es problematisch ist, solche Fragen zur Diskussion zu stellen, wird per ordre du mufti vorab Sagbares und Unsagbares festgelegt. Gleiches gilt für Begriffe in literarischen Texten: Per ordre wird postuliert, was sein darf und was nicht.

All das sei Erregungsfeuerwerk und morgen wieder vergessen, so könnte man entschärfen. Aber leider haben solche „Meinungen“ im Betrieb durchaus normative Konsequenzen: Daß nämlich bestimmte Texte in Redaktionen oder Lektoraten nur noch bedingt akzeptiert werden. Tina Uebel wies in ihrem Zeit-Text „Der große Verlust. Wie die politische Korrektheit meine Arbeit als freie Schriftstellerin einschränkt“detailliert und mit Beispielen aus der Praxis auf diese Problematik hin. Uebel pointiert dieses Absurde:

„Ich hatte eine Romanidee, inspiriert von drei Menschen, die ich bewundere, einem Kameruner König mit hinreißender Chuzpe, einem äthiopischen König, den ich im dortigen Knast besuchte, und einem innigen Freund und atemberaubenden Künstler aus Kamerun. Mein Romanheld wäre schwarz gewesen, da lass ich mal besser die Finger von und schreibe stattdessen nunmehr Bücher, die von der Interaktion weißer neunundvierzigjähriger Schriftstellerinnen mit weißen neunundvierzigjährigen Schriftstellerinnen handeln. Sicher ist sicher. Die anderen Geschichten werden unerzählt bleiben.“

Uebel spitzt hier zwar zu, und ob es diesen Roman nicht dennoch geben könnte, bleibt an dieser Stelle offen. Denn soweit ist es im deutschen Verlagswesen zum Glück noch nicht, daß sich Verleger vorschreiben lassen, was sie veröffentlichen. Dennoch ist solche Sentenz bezeichnend: Denn vor allem ist mit solchen Forderungen an Literatur noch lange kein Ende in Sicht und prinzipiell sind solche Textsäuberungen einer moralischen Reinlichkeitserziehung unabschließbar. Es lassen sich immer neue Forderungen erheben, was ein Text enthalten darf und was nicht. Sind es heute Begriffe wie „Neger“ oder „Zigeuner“ oder schwarze Perspektiven, die von Weißen geschrieben werden, so läßt sich der Reigen des angeblich Unsagbaren, weil angeblich Diskriminierenden beliebig erweitert: Vom Zwerg bis zum Krüppel. Absurd wäre es, wenn nur noch Behinderte über Behinderungen schreiben dürften. Thomas Hettches wunderbarer Roman Pfaueninsel wäre kaum in dieser Art entstanden, wenn nur Kleinwüchsige über Kleinwüchsige schreiben dürften. Und irgendwann mag dann auch die Hausfrau, die intakte Familie mit Mann, Frau, Kind oder der Handwerker aus dem Roman vertrieben werden, weil sie die „heternormative maskuline Matrix“ spiegeln und gesellschaftlich Approbiertes festigen. Vielleicht darf man es aber auch schreiben, muß vorher freilich zur gesellschaftlichen Güte seine Privilegien checken. Man kann hier die absurdesten Beispiele wählen, wir lachen noch darüber, aber inzwischen hat sich eine Haltung breitgemacht, die solches Abklopfen von Texten gleichsam systematisiert. Solche „Textexegese“ nach verdächtigen Passagen ist prinzipiell unabschließbar.

Dies sind keine Petitessen und diese Dinge geschehen nicht einfach so. Inzwischen entsteht ein übles soziales Klima des vorauseilenden Verdachts. Sicher kann niemand mehr sein. Es wird bezichtig und auf absurde Weise im Text nach vermeintlich Verdächtigem gesucht – etwa bei jenem Autor in Klagenfurt, dem dann ein Facebook-Kommentator zudem Homophobie in den Text hineinlas. Dann wird das Gesuchte auf den Autor projiziert und wenn er nicht explizit rassistisch schreibt, so wird das Unterbewußte bemüht, indem, nicht anders als in der klassischen Ideologiekritik, der Entlarver vom Standpunkt des richtigen Bewußtseins aus das Gegenüber als fehlbar markiert. An Universitäten ist dieses Suchen nach rassistischen Stereotypen oder anderweitigen mißliebigen Äußerungen bereits angekommen. Ob das die Debatte um das Gomringer-Gedicht ist, einem Blog wie  Münkler-Watch, wo ein Hochschullehrer anonym überwacht wird, oder Diskussionen um Gemälde in Museen, wie Dana Schutz‘ Gemälde Open Casket, das denunziert und auf die Verbotsliste sollte.

Auch im klassischen Feuilleton finden wir diese Art von unseriösem Entstellen eines Textes schon länger: 1999 Thomas Assheuers unsachlicher Angriff auf Sloterdijk, oder 2012 Georg Diez‘ Denunziation von Christian Krachts Imperium als rassistisch: Kracht als Gatekeeper für das Völkische. Diese Art des außerliterarischen Wertens von Prosa hat inzwischen einige Methode. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern: auch im Diskurs des Politischen, wenn wir an die Anfeindungen und an die unsachliche Kritik denken, denen die Autoren des Sachbuches Mit Rechten reden ausgesetzt waren.

Dabei geht es in diesen Fragen nicht darum, Literatur gegen Kritik zu immunisieren. Ethische Fragen sind von der Literatur nicht per se ausgeschlossen. Jemandem Leid und Ausgrenzung zu ersparen, ist auf der subjektiven Ebene ein löbliches Anliegen. Nur: Literatur ist etwas anderes als Alltagspraktik, und literarisches Sprechen unterscheidet sich vom normalen Sprechen in wesentlichen Aspekten. Wer die Verstörungen nicht versteht, die die Literatur erzeugt, verfällt in die (häufig kleinbürgerliche) Haltung jener, die den Text an seinen Skandalisierungen und an Normübertretungen messen statt an seiner Sprache, seinem Gemachtsein, dem Stil, der ästhetischen Form mithin. Eine Haltung, wie sie im 19. und 20. Jahrhunderts üblich war, Kunst zunächst moralisch zu werten und bei entsprechendem Verstoß gegen geltende Konventionen zu skandalisieren. Und so gelangten Baudelaires Gedichte und Flauberts Madame Bovary auf den Index, weil sich darin Verwerfliches befand.

Freilich ist die ästhetische Autonomie ist kein Selbstzweck. Theoretiker wie Adorno wußten gut, daß sich im Kunstwerk immer beide Momente verschränken: das Werk ist fait social und autonom in einem, wie Adorno es in seiner Ästhetischen Theorie zeigt. Gesellschaftlich ist es aber gerade dadurch, indem es sich des unmittelbaren Engagement und des politischen Eingriff enthält – dazu mehr in einem möglichen zweiten Teil dieses Essays. Einen literarischen, also fiktiven Text jedoch unter der Maßgabe richtigen Sprachgebrauchs abzuklopfen, zeugt nicht vom Bewußtsein für den spezifischen Sinn der Literatur, sondern vielmehr dafür, daß Ebenen durcheinander rutschen oder wie Adorno es in anderem Zusammenhang, nämlich dem des identifikatorischen Lesens, nannte: jener „Schulfall von Banausie“. Aus persönlichen Befindlichkeiten oder moralischen Erwägungen lassen sich kaum ästhetische Kriterien ableiten – schon gar keine allgemein-verbindlichen. Der Beischlaf mit Kindern ist nicht nur verwerflich, sondern auch strafbar. Schreiben darüber, selbst in der verherrlichten Form innerhalb der Literatur bleibt aber aus guten Gründen straffrei und ist zudem per Gesetz von der Kunstfreiheit gedeckt. Ob einem Leser ein Roman wie Lolita moralisch oder vom Plot her gefällt, ist eine Sache der Präferenz. Es sagt dieses subjektive Gefallen jedoch nichts über die Qualität eines literarischen, fiktiven Textes aus.

Daß solche ästhetischen Selbstverständlichkeiten inzwischen nicht mehr selbstverständlich sind, deutet auf ein grundsätzliches Problem in der öffentlichen Rezeption von Kunst. Zunächst könnte man in einer eher unmittelbaren Lesart annehmen: Wo eine kulturalistisch-identitäre Linke politisch keine Siege einfährt und sich zu einer Minderheit qualifiziert, werden stattdessen Erfolge auf der Ebene des Symbolischen gefeiert. Der arme Neger in Afrika interessiert nur noch, als daß er Spielball für die Sprachspiele identitärer Diskurse im universitären Milieu ist, anstatt daß man nach den EU-Subventionen für die EU-Landwirte nachfragt, die das Billiggetreide exportieren, und zum Protest anspornt. Man kapriziert sich auf die symbolische Ebene, um vom Realen nicht reden zu müssen. Aber diese Anwürfe greifen andererseits viel zu kurz. Davon ab, daß sie als Argument nicht funktionieren: Von einer Sache schweigen, heißt nicht, sie zu goutieren. Das Problem in diesen Kontexten ist vielmehr, wenn Leser eindimensional auf Prosa sich fokussieren und sie moralisierend nach Reizworten abklopfen. Im Grunde nicht anders als jene Tugendwächter, die in Der Tod von Venedig schwule Verderbnis, in Anaïs Nins Tagebüchern Sexdreck und im Professor Unrat unzüchtige Disziplinlosigkeit wittern.

Wer sich solchen Texten und Ausdrücken nicht gewachsen zeigt, für den bleibt immer noch die Möglichkeit, Literatur als Religion zu nehmen und das heißt als beliebiges Glaubensbekenntnis zu setzen, in einer Zeit, wo – frei nach Bourdieu – die entsprechende Literatur den entsprechenden Lebensstil repräsentiert, oder einfach nur solche Bücher sich zu wählen, die ein Herz erwärmen, Prosa, die einem das spiegeln, was gesellschaftlich genehm ist. Man bringt sich dann zwar um die moralisch fragwürdigen Texte von Goethe, Jean Paul, Kleist, Büchner, Joyce, Kafka, Döblin, Jahnn, Malaparte, Breton, Baudelaire, Céline, de Sade oder Apollinaire, aber es muß nicht jeder alles lesen und für wen Literatur Herzensergetzung ist und Selbstbespiegeln, der kann das machen. Nur läßt sich daraus ästhetisch verbindlich nichts Normatives ableiten – davon ab, daß wir in der Kunst seit 250 Jahren die Regelpoetik verabschiedet haben. Das gilt auch für Negerwörter.

Wie man das auf der Ebene des subjektiven Befindens beurteilt, bleibt jedem selbst überlassen. Wer aber einen Autor öffentlich rügt, der sollte Gründe bringen. Ansonsten gerät dieses Unternehmen in heikles Fahrwasser und es grenzt solche Hermeneutik des Verdachts an Denunziation. Daß in einem Text ein rassistisch konnotierter Begriff vorkommt, spricht weder gegen den Text noch gegen den Autor, sondern sagt zunächst einmal etwas über die Befindlichkeiten des Lesers aus. Und damit sind wir mitten in der Rezeption und bei der Literatursoziologie, die sich über ein neues Klima verständigt und die zeigen kann, was im Verhältnis von Gesellschaft und Literatur sich verschoben hat. Die Freiheit der Kunst aber ist in einer demokratischen und liberalen Gesellschaft nicht verhandelbar. Weder von rechter noch von linker Seite.

146 Gedanken zu „Schnüffeln am Wörthersee. Über eine bedenkliche Tendenz im Umgang mit Literatur

  1. Eine bedenkliche Entwicklung, in der Tat.

    Immerhin lässt sich der Reigen des angeblich Unsagbaren nicht beliebig erweitern, sondern bleibt beschränkt auf höchstens 26 Begriffe wegen der Methode der Denunziantinnen, vom N-Wort und Z-Wort zu sprechen.

  2. Wir treten in ein neues Zeitalter ein. In das Zeitalter der automatischen Politik. Politiker werden demnächst durch Roboter ersetzt. Zwar ist die Forschung derzeit noch meilenweit davon entfernt, menschliche Intelligenz nachzubilden, die auch nur einfache Kommunikationsaufgaben bewätigen kann. Nun ist es aber so, daß wenn man ein Problem nicht auf bionische Weise lösen kann, man aber das Problem so verändern kann, daß man es lösen kann. Menschliche Kommunikation kann man schlecht durch Roboter erledigen lassen. Was man aber machen kann, ist, das Problem „Kommunikation“ so zu verändern, daß man es mit den gegebenen Mitteln lösen kann. So etwas ähnliches macht die Menschheit schon seit längerem mit dem Problem „Fortbewegung“. Maschinen zu bauen, die sich wie Menschen bewegen, ist eine schwierige Aufgabe. Also lösen wir lieber ein einfacheres Problem, und bauen Verkehrswege, Schienen und Straßen. Den Fortbewegungsmitteln bauen wir Räder statt Beine an, und legen den Schwerpunkt so, daß das Fortbewegungsmittel nicht umkippt. Genial! So ähnlich lösen wir jetzt das Problem „Kommunikation“. Wir bauen sogenannte soziale Netze und beschränken die gesamte Kommunikation auf sie, genau wie wir Fortbewegungsmittel auf selbstgebaute Verkehrswege beschränken. Dann bauen wir die Räder an, und beschränken die Komplexität menschlicher Intelligenz auf ein simples Reiz-Antwort-Schema nach Art Pawlowscher Reflexe. Wir lassen also Maschinen auf Reize wie „Zigeuner“, „Neger“, kyrillische Buchstaben, @realDonaldTrump regieren. und lösen dann automatisch Reaktionen aus: z.B. shitstorms, Blocklisten, automatische Anzeigen bei der Polizei u.dergl. Dabei führen wir die Kommunikation so, daß wir menschliche Sprache nicht interpretieren müssen, sondern zwingen den Benutzer, maschinenlesbare Daten zu hinterlassen, etwa indem er Follower, Freunde angibt. Maschinen können diese Informationen auslesen, und herausfinden, wem der Benutzer zuhört, was er hervorgehoben sehen möchte etc. Dementsprechend kann die Polizei eingreifen. Von Usern, die @SWagenknecht abonnieren kann man z.B. ausgehen, daß sie die betreffende Person nicht für ein rechtsradikales Uboot in der Linkspartei halten. @realDonaldTrump zeigt an, daß Urteile über eine einflußreiche Persönlichkeiten sich nicht von CNN vorgeben läßt. Die Polizei findet demnächst auch schneller Benutzer, die die arabische und russische Sprache verstehen, ausländische Zeitungen lesen usw.

  3. Das Buch „The Strange Death of Europe – Immigration, Identity, Islam“ von Douglas Murray ist aus meiner Sicht mit die beste Analyse der ganzen geistigen Situation Europas in unserer Zeit.
    Deutsche Übersetzung:

    Ich will daraus jetzt nicht groß zitieren, da ich nur den englischen Text vorliegen habe, aber seine Argumentation ist etwa die folgende:

    Das liberale Europa ist vollkommen davon überzeugt, dass die eigenen Wertvorstellungen von Gleichheit, Humanität, Menschenrechten und Feminismus so selbstevident sind, dass sie früher oder später eigentlich jeden Menschen überzeugen müssten. Deshalb ist man so offen und tolerant gegenüber allen anderen Kulturen, denn man geht davon aus, dass sie sich unseren Werten früher oder später einfach anschließen werden; deshalb auch die Befürwortung unbegrenzter Masseneinwanderung von Menschen aus Kulturen mit ganz anderen Wertvorstellungen:

    „Those who believed that the system of ‘rights’, including women’s rights, gay rights and the rights of religious and minorities were ‘self-evident’, suddenly saw ever-larger numbers of people who believed not only that there was nothing self-evident about them but that they were fundamentally wrong and misguided.“

    Das ist inzwischen unübersehbar in jeder europäischen Großstadt, z.B. in Paris, wo der WM-Sieg der französischen Mannschaft, als Sieg des Multikulturalismus über die monoethnischen Kroaten gefeiert wird, und anschließend der migrantische Mob brennend und plündernd durch die Straßen zieht.

    Auch in den Medien zeigen sich erste schüchterne Ansätze einer Meinungsumkehr, etwa in der Zeit:

    https://www.zeit.de/2018/29/seenotrettung-fluechtlinge-privat-mittelmeer-pro-contra/komplettansicht

    Nun erzeugt sowas bei den Vertretern des Multikulturalismus natürlich einen gewissen Leidensdruck. Murray sagt dazu: „A recognition of this must cause immense pain for those through whom it runs. And that itself could lead in various directions. It could result in a denial of these realities (for instance, through the claim that all societies are in fact at least equally ‘patriarchal’ and oppressive). Or it could result in the insistence ‘Fiat justitia ruat caelum’ (‘Let justice be done though the heavens fall’): a noble sentiment right up until the moment that the first debris descends. There are also those of course who so hate Europe – what they are and what they have been – that they are willing for literally anyone to come in and take over.“

    Genau in diesem Zusammenhang sind die hier beschriebenen Phänomene zu verstehen: Man nimmt wahr, dass die eigene moralische Diskurshoheit in Gefahr gerät und reagiert entsprechend. Man schnüffelt umso intensiver nach ungenehmen Worten, umso mehr die Realität auf der Straße der eigenen angemaßten Moral Hohn spricht.

  4. Na ja, El Mocho, das sind nun aber schon zwei verschiedene Themen, wenngleich es durchaus Berührungen gibt zwischen den Verfechtern eines solchen „Multikulturalismus“, der in Wahrheit vielfach nur Gleichgültigkeit meint, und jenen Wortfahndern. Auch ist der Buchtitel eine Stilisierung bzw. eine These, die zunächst mal unbewiesen ist. Denn noch steht Europa und stehen seine Nationen. Ein Problem ist allerdings in der Tat eine grenzenlose Toleranz, selbst gegen Intolerante. Integration in eine Gesellschaft kann nur dann funktionieren, wenn diese Gesellschaft für bestimmte Prinzipien und Ansätze steht und sozusagen eine eigene Haltung verkörpert: Sich seiner Traditionen und Kultur nicht zu schämen, sondern dafür einzustehen. Und klar zu zeigen, wo auf bestimmten Feldern die Grenzen des Zumutbaren und der Toleranz liegen. Frankreich ist in der Tat ein abschreckendes Beispiel, wie man es politisch und gesellschaftlich nicht macht. Und daran schließt sich eben die Frage an, in was für einem Europa die Menschen leben wollen. Da die Menschen unterschiedlich sind, wird es hier sicherlich keine einhelligen Antworten geben. (Und trennen muß man zudem in dieser Causa zwischen ethischen, rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Fragen bzw. Ebenen.) Zu verteidigen ist das Prinzip der Pluralität, und wer die Toleranz dieser Gesellschaft und des Grundgesetzes in Anspruch nimmt und sie zugleich mißbraucht, um den Rechtsstaat sowie seine Freiheitsprinzipien auszuhebeln (mögen diese realiter oft auch nur formaler Natur sein), muß klar mit Widerspruch rechnen. Das fängt damit an, daß man ihm seine logische Inkonsistenz aufzeigt und damit auch die Grenzen seines eigenen Sprechens: was eben einen konsequenten Rechtsstaat erfordert, der ggf. auch sanktioniert. Das gilt für Rechts- wie Linksextremisten und für religiöse und sonstigen Fanatiker aller Couleur.

    Zum Komplex Europa und dem politische Islam bzw. dem Islamismus sowie einer verdrehten Idee von Multikulturalismus, die sich in Wahrheit als Gleichgültigkeit tarnt: Carlo Strenger: Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit

  5. >so wird das Unterbewußte bemüht, indem, nicht anders als in der klassischen Ideologiekritik, der Entlarver vom Standpunkt des richtigen Bewußtseins aus das Gegenüber als fehlbar markiert.

    Ist das denn der Fall? Ideologiekritik ist mir doch eher als das Gegenteil eines Standpunktdenkens bekannt (wenn man mal von Freiburger Mystikern und anderen „antideutschen“ selbsternannten „Ideologiekritikern“ absieht).

  6. Also eben kein bloßer Abgleich mit einem eigenen Standpunkt, wobei Abweichung festgestellt wird und daraus der Fehler des anderen „bewiesen“ wird.

  7. Das kommt ganz auf die Form an und auf die Weise, wie diese Ideologiekritik geleistet wird. Insofern beschränkt sich solches nicht nur auf Antideutsche. Und weiterhin kommt es darauf an, wieweit sich im Zug der Argumente die eigene Position als die richtig begründete zu entwickeln vermag, sofern sie sich als besseres oder richtiges Bewußtsein gibt. (Das alte Lukács-Ding vom Proletariat als dem richtigen Klassenbewußtsein, das dann Adorno zu recht für die Moderne kritisiert). Hier in diesem Kontext der richtigen literarischen Schreibens – sozusagen als Fokus linker Identitätspoliitik – war im Sinne einer Analogisierung die vulgäre Form der Ideologiekritik gemeint, die ihr Gegenüber erst einmal grundsätzlich für verblendet oder mit falschem Bewußtsein geschlagen hält: Du kannst das Richtige gar nicht sehen und erkennen, weil Du ja verblendet bist, weil Du rassistische Sprache benutzt, weil du ein weißer privilegierter Mann bist, weil du eine weiße Frau bist, weil du irgendwas bist etc. pp beliebig ergänzbar. Im Fall solcher Kritik wird ein angeblich Richtiges dogmatisch (voraus)gesetzt. Aber eine solche Form müßte ja zunächst einmal zeigen, weshalb die eigene Perspektive überhaupt die richtige wäre und weshalb sie selbst zu den Nichtverblendeten gehört. Insofern ist bei solchem Verfahren des naiven Entlarvens immer gut der Spiegel umzukehren. Hier endet dann allerdings auch die Parallele zu den Spracheiferern; gemeinsam ist beiden jedoch ihr Dogmatismus – also von einer dogmatischen Setzung auszugehen und diese qua Behaupten bereits als gültig zu setzen. Argumente zumindest, weshalb die oben genannten Texte in irgendeiner Weise rassistisch wären, konnten nicht genannt werden. Außer eben in einer Hermeneutik des Verdachts, daß wer „Neger“ sagt eben auch ein Rassist sein müsse, wenn schon nicht explizit, denn eben implizit, weil der Begriff per se rassistisch ist. Sprachphilosophisch eine etwas seltsame Auffassung.

    Etwas anderes ist es, die immanten Widersprüche – etwa innerhalb der sich entfaltenden kapitalistischen bürgerlichen Gesellschaft – aufzuzeigen, etwa wie Marx es betreibt. Hier gibt es keine „bessere“ Position, sondern das, was analysiert wird, wird in seinem Dasein und in seiner Funktion zunächst mal als notwendig aufgezeigt und zugleich an sich selbst und seinem Begriff ‚gemessen‘. Der Kapitalist kann gar nicht anders als er kann. Dennoch hege ich inzwischen gegenüber einem Begriff wie Ideologiekritik erhebliche Vorbehalte, weil er in linken Kontexten schwer beschädigt und mißbraucht wurde. Das tangiert am Ende auch den Begriff selbst. Insofern spreche ich inzwischen lieber von der Kritik der Vernunft oder von Rationalitätskritik im Sinne eines (philosophischen) Logos.

  8. Ok, in dieser verschobenen Verwendung von Ideologiekritik ergibt das Sinn.
    Der Witz dabei ist ja, dass das „notwendig falsche Bewusstsein“ eben nicht hermetisch versiegelt ist, sondern man schon hinter die Oberfläche sehen kann, wenn man sich die Mühe macht.
    Aber der Marx war ja auch bloss so ein alter weißer Mann…was kann der schon wissen.

  9. In gewisser Weise ist die moralisierende Warte ja auch eine Selbstermächtigung, man gängelt den anderen, kürzt ab, und traut kaum mehr den für die Moderne typischen Differenzierungen (Ästhetik, Recht, usw.). Cultural Appropriation ist – wie ggf. political correctness – als Reflexionsangebot nicht übel, man fragt dann, wer und aus welchen Motiven heraus hier als „fremd“ markierte Dinge appropriiert werden; als Verbotsgeste wiederum ist es bestenfalls verständlicher (fehlgeleiteter) Frust jener, die sich „beraubt“ wähnen,
    Ich kann und will einem Mittelstandskiddie mit Gangster Rap Faszination diese nicht ausreden. Als Kritiker sollte ich aber eben darauf hinweisen, welche libidonösen und imaginär transgressiven Spielchen da zugrunde liegen (könnten). Ein wirklich spannender Text ist Eric Lotts „Love & Theft. Blackface Minstrelsy and the American Working-Class“, der schon im Titel die Ambivalenz der Hinwendung begreift. Nicht umsonst hat Bob Dylan hierauf Bezug genommen. Und darum könnte es gehen: selbstreflexiv mit dem Material umgehen, das einen fasziniert.

  10. Die Politisierung von Literatur kann man besonders gut in Klagenfurt feststellen. Das literarische tritt zu Gunsten der „richtigen“ politischen Situierung immer mehr in den Hintergrund. Notfalls ist dann auch Kitsch erlaubt, ja, wird sogar goutiert. Tauchen in anderen Texten dann noch Reizwörter wie Neger oder Zigeuner auf, ist das Urteil gefällt. Es ist übrigens so etwas wie ein Versuch, eine nicht empirische Wissenschaft durch Statistik zu bändigen. Man zählt Worte, reiht unpassende Formulierungen auf – alles ohne die literarische Kontextualisierung zu berücksichtigen. Danach kommen dann noch außerliterarische Kriterien zum Zuge. Meist die Biographie des Autors. Migrationshintergrund? Geschlecht; pardon: Gender? Hautfarbe? Alter? Man betreibt das Geschäft derer, die man vorgibt zu bekämpfen, wähnt sich aber auf der sicheren Seite. Es ist einfach lächerlich.

    Solche Tugendwächterei (man ist zeitweise an die 1950er Jahre erinnert) ist in Wirklichkeit Ausdruck einer extremen Verunsicherung: Man weiss nicht mehr, über was und vor allem wie Literatur aussehen soll.

  11. @Casi-O
    „Cultural Appropriation ist – wie ggf. political correctness – als Reflexionsangebot nicht übel, man fragt dann, wer und aus welchen Motiven heraus hier als „fremd“ markierte Dinge appropriiert werden; als Verbotsgeste wiederum ist es bestenfalls verständlicher (fehlgeleiteter) Frust jener, die sich „beraubt“ wähnen, …“

    Cultural Appropriation ist kein Reflexionsangebots, sondern eine hilflose Abgrenzung und Essentialisierung von Kultur, wie man sie höchstens noch aus der Ecke der extremen Rechten kennt, die auf die Reinhaltung ihrer „Kultur“ wiederum pocht. Wie man sieht: Es berühren sich die Extreme an den Rändern. Kultur aber ist per se und von ihrem Begriff her Austausch und Durchdringung. Wenn Teenager den Ghetto-Neger-Rapper imitieren, so ist dies weniger einer kulturellen Aneignung geschuldet, sondern dem grundsätzlichen Waren und Verwertungscharakter des Systems im Pop, das alles, was nicht niet- und nagelfest ist, in Wert und Ware verwandelt. Aber das ist nur die eine Seite: Selbst wenn man den Terminus Kulturelle Aneignung ernst nähme, so müßte man Bedingungen angeben können, die es erlauben, von einem spezifischen Wesen bsp. von Rasta-Zöpfen oder von dem Phänomen „schwarzer Musik“ zu sprechen. Die ja bereits in sich derart vielfältig ist, daß hier Essentialisierungen und krudes Ursprungsdenken unfreiwillig komisch wirken. Und da wird es dann schwierig, eine Essenz anzugeben, und es führt diese Suche in der Regel in einen unendlichen Regreß, weil der eine vom anderen borgte und der wiederum von diesem. Das ist in etwa wie mit der Frage, was exakt deutsch sei und was das deutsche Wesen. Deutschland in den Grenzen von 1848 oder in denen von 1871? Oder die von 1518? Oder doch eher 1918? Oder nur 1949? Nicht ganz einfach.

    Kultur heißt eben auch, das, was anders ist spielerisch auszuprobieren. Solche Dinge geschehen in der Regel organisch und wachsen sich, wenn es gut läuft zu neuen Bewegungen aus, so zum Beispiel die Moderne Kunst zum Beginn des 20. Jhds und der Einfluß anderer, besonders afrikanischer Kulturen auf diese. Was Carl Einstein dann in seinem Werk „Negerplastik“ untersuchte. Vom Einfluß des Arabischen auf die europäische Kultur ganz zu schweigen und vice versa: Die Bewahrung der antiken Schriften durch Araber. Entscheidend für Kultur ist vor allem ihre Vielfalt: das kann neben einer Kanaksprak in der Literatur oder migrantischen Tönen eben hin reichen bis zu Mosebach und Botho Strauß. Kultur bzw. Kunst macht die Vielfalt der Stimmen aus. (Was an dieser Stelle noch nichts über die immanente Qualität eines Werkes aussagt.) Insbesondere, wenn wir, wie Du in Deinem Kommentar, von den Ausdifferenzierungen der Moderne und damit auch der damit korrespondierenden Vielfalt der Moderne ausgehen. Andererseits läßt sich eben auch nicht alles in einen Topf werfen und es gibt ein Eigenes. Nur ist dieses in der Regel doch plural verfaßt und nicht ein monolithischer Block.

  12. @ Gregor Keuschnig
    Das viel erschreckendere noch ist, daß diese Züge inzwischen bis in die Wissenschaft hineinreichen und qua Twitter von mehreren Leuten, die im universitären Milieu, etwa der Germanistik, sich befinden, durchaus geteilt werden. Sprachsensibilität ist hier das Stichwort. Was wohl aus Joyce geworden wäre oder Henry Miller oder Hemingway oder Apollinaire oder de Sade, sofern sie sich nach dem Kriterienkatalog sprachsensiblen Schreibens gerichtet hätten? Für die Wissenschaften ist dies allerdings eine erschreckende Tendenz, wenn solche Köpfe auf Dozentenstellen gelangen sollten. Seminare gehen dann nicht mehr an die Methoden und Möglichkeiten der Interpretation, zielen auf Fragen des Stils, des besonderen ästhetischen Ausdrucks, sondern Reizwörter bilden den Lehrstoff oder Forschen nach heternormativer Matrix. Einzige Hoffnung: zu jeder Bewegung wird es Gegenbewegungen geben. Und zudem: Gute Kunst entsteht eher in Zeiten von Beschränkung, und wo Widerstände sind, da wächst auch die Literatur.

  13. Was vielen in diesen Fragen inzwischen fehlt, ist die Haltung und eine klare Kante. Gut an dieser Meldung zu erlesen: „Scarlett Johansson verzichtet nach einem Shitstorm darauf, einen Transmann darzustellen. Sie musste sich verteidigen, jemanden zu spielen, dessen Lebenserfahrung sie nicht teilt. Sie musste sich rechtfertigen, dass sie ihrem Beruf nachgehen wollte.“ („Welt“ v. 20.7.18)

    Es ist natürlich jedem selbst überlassen, wie er auf einen solchen inszenierten Shitstorm reagiert. Das aber, was vielen heute fehlt, ist eine Haltung. Stattdessen: Butterweich und wie Qualle wird beim kleinsten Shitstorm weggenickt. (Ähnlichkeiten zu eventuell noch lebenden Wochenzeitungen aus Hamburg sind zufälliger Natur)

    https://www.welt.de/kultur/kino/article179693264/Cis-Frau-Scarlett-Johansson-darf-keinen-transsexuellen-Mann-spielen-Absurd.html?

  14. Bertelsmann lehnt Sarrazins Koran-Buch ab, weil es „kontrovers“ ist… der Wirtschaftsverlag bríngt das Buch – er hat auch die deutsche Übersetzung von Douglas Murrays „The Strange Death of Europe“ gebracht, das ich, wie El_Mocho weiter oben, ebenfalls für sehr gehaltvoll ansehe. – – – Mit Carlo Strenger hat Murray aber nicht viel zu tun, weil: Murray ist konkret, das ist seine große Stärke, Strenger ist mehr ein Diskursstratege.

    Dass gute Kunst der Beschränkung entstamme – diese Denken zeugt von wenig Gottvertrauen (oder Vertrauen in: Das „uns Entgegenkommende“ (Bloch) – oder das Zuhandene – – –

    Den Generalbass zu all‘ unseren Irrungen und Wirrungen hat Enzensberger geschrieben: Sie haben die Therapie verstaatlicht (wahlweise vergesellschaftet, zur Leitdisziplin gemacht…) – diesen Gedanken gibt er in „Versuche über den Unfrieden“ Raum.

  15. Konkret heißt dann natürlich auch, daß man das dann anhand der Fakten überprüfen kann. Bei Sarrazin schwant mir dann mal wieder Schlimmes. Man siehet also: Es ist von beiden Seiten her, von rechts wie „links“, nicht einfach. Wenn ich mir den Titel des Buches von Murray nehme, wittere ich da weiterhin einen hohen Bullshit-Faktor. Es wird bereits im Titel – vielleicht aus Marketinggründen, um die geeignete Kundschaft zu erhalten – eine steile These gesetzt, die bisher durch Fakten nicht gedeckt ist. Denn noch gibt es Europa. Davon ab, was Europa eigentlich genau meint. Es ist dies ja kein statischer Begriff. Wie denken an die Antike und die Mittelmeerwelt: da existierte ein ganz anderes Europa. Theoretiker wie Agamben tendieren ja inzwischen zu einer solchen Grenzverschiebung. Die Frage ist also eher: Welches und was für ein Europa wollen wir? Ich denke, mit solchen Reißertiteln und solchen Zuspitzungen ist für den sachlichen Diskurs der Philosophie oder auch der Politik nicht viel gewonnen.

  16. Bersarin, Ihr Einwand stäche, wenn Murray nicht konkret würde – sehr konkret in Bezug auf die Verwüstungen, die die seiner Ansicht nach z u w e n i g regulierte Immigration in der Britischen Gesellschaft, aber nicht nur da, angerichtet hat.
    Der Titel seines Buches ist ein – sicher ein wenig – – melancholischer – – Reflex dieser basalen Tatsachen. Sarrazin p a u s c h a l Unsachlichkeit vorzuwerfen ist selbstwidersprüchlich. Ich fürchte, dass es mit allgemeinen Feststellungen nicht sein bewenden haben kann in diesen Dingen, und dass man auch um Quantifizierungen nicht herumkommt. Diese Disziplin aber beherrscht Sarrazin wie kein Zweiter.

    Heinz Buschkowsky hat kürzlich übrigens gesagt, dass sich einige bei Sarrazin wegen ihrer unsachlichen Verurteilung von dessen Migrationsthesen noch zu entschuldigen haben würden, seiner Ansicht nach.

  17. Bersarin, lies den Murray; der englische Text ist nicht allzu schwierig im Netz zu finden. Der Titel ist natürlich reißerisch, aber die Analyse ist höchst stringent und überzeugend. Er beschäftigt sich auch mit den geistesgeschichtlichen Ursachen der heutigen Situation und ihrem Ausdruck in der Kunst.

  18. Natürlich muß man ein Buch primär inhaltlich nehmen. Unterscheiden muß man zudem zwischen Sarrazins Prognosen und den darin enthaltenen Wertungen. Das ist wie bei Sieferle. Insofern ist es in der Regel besser, Titel und Thesen nicht derart reißerisch zu wählen, wenn eine sachliche Auseinandersetzung über pressierende Probleme gewünscht wird. In der „Welt“ war in bezug auf den Islam und dessen in Europa unbedingt nötige Reformation kürzlich ein Artikel. Und in diesem Sinne ist es sicherlich hilfreich, das Problem ohne jene ideologischen, polemischen oder widerlogischen Zuspitzungen anzugehen. Von rechts wie von links, von konservativ bis zu liberal.

    Was nun Sarrazin betrifft, so muß man die Nachweise natürlich im Detail an seinen Thesen führen. Pauschalverurteilungen und dieses ewige Rassimuslabeln und -schnüffeln sind dabei kontraproduktiv und da machen es sich einige in ihrer Selbstgefälligkeit sehr einfach. Zumal: Selbst, wenn Sarrazin angeblich an rassistische Diskurse andockt, so könnte er inhaltlich ja immer noch recht haben. Insofern: Besser inhaltlich vorgehen und das bequeme Etikettieren mal sein lassen.

  19. Sehr gutes (s e h r gutes) Interview heute in der WAMS mit Heinz Buschkowsky. Zwischen Buschkowsky, Sarrazin und- – – Steve Sailer (isteve.com) passt kein Blatt Papier.

    Hier ist eine andere Sozialdemokratin über – Migranten und die kulturelle Frage (Aydan Özoguz: „Es gibt (…) keine deutsche Kultur“.) Im Video taucht auch die von Robert Putnam und steve Sailer immer wieder aufgegriffenen Frage der verträglichen Zahl an Fremden in einem bestimmten Lebensumfeld auf.

  20. @ El Mocho:
    Na ja, nur in Kürze: Es stehen alle Religionen, insbesondere die drei monotheistischen unter dem Schutz des Grundgesetzes. Die Frage ist allerdings, wie sich das Christentum praktiziert. Wenn die Leute nicht mehr in die Kirche gehen, dann wird es schwierig. Und in einer säkularen Gesellschaft werden zugleich andere Ziele verfolgt. Ironisch im Sinne von Houellebecq könnte man freilich sagen, daß die Kirchen oder eben dann die Moscheen wieder gefüllt sein werden, wenn sich ein Szenario wie in „Unterwerfung“ einstellte. Aber das ist natürlich nur Literatur.

    Realistischerweise sollte man allerdings sehen, wie wir mit der zunehmenden Zahl an Flüchtlingen, insbesondere aus dem arabischen Großraum, umgehen wollen. Oder wie Urlich Greiner es in seinem lesenswerten Buch „Heimatlos“ schrieb: Zwei Millionen Flüchtlinge aus Island würden uns sicherlich auch vor bestimmte infrastrukturelle Probleme stellen, aber das wäre kulturell zumindest zu bewältigen. Zwei Millionen Orientalen, vom eingeschleppten Judenhaß vielfach (nicht überall) mal ganz zu schweigen, dürften eine andere Nummer sein.

    Das Experiment der offenen Grenzen wäre ja mal eine lustige Idee (wenn es nicht so fatale Folgen hätte): Es sähen dann die politische Linke, die solche Forderungen erhebt, sich plötzlich auch in der BRD und in Frankreich mit Regierungen konfrontiert, wie wir sie in Polen und Ungarn finden. Insofern würde ich in beide Richtungen sagen: Wehret den Anfängen! Und wenn dann noch eine heftige Wirtschaftskrise mit hinzukommt, dann wird das ganze keine Angelegenheit mehr für den Sofa-Sessel. Aber das sind zunächst mal Hypothesen und Spekulationen. Das Interview ist in vielen Aspekten interessant. Auch wenn ich darin einiges detaillierter und nuancierter darstellen würde. Aber es trifft – nach kursorischem Lesen – in vielen Aspekten eine richtige Tendenz, über die man sich um einer pluralen Gesellschaft willen Gedanken machen muß. Gerade weil die Zahlen der Zuwanderung bisher noch relativ niedrig liegen und doch schon solche Folgen zeitigen, daß Diskurse, Debatten und auch die Möglichkeiten zur Integration an ihre Grenzen zu geraten scheinen.

    Ein wichtiger Begriff in diesen Fragen ist übrigens auch der der Haltung. Siehe das Beispiel oben mit Scarlett Johansson: Für eine Position auch einmal einzustehen, auch wenn negative Konsequenzen drohen.

    @ Dieter Kief
    Ähnliches gibt es auch aus Berlin zu hören. Lehrer, die diese Probleme ansprechen und mal Roß und Reiter nennen, werden häufig als Nazis verunglimpft und ihnen wird rassistisches Denken untergejubelt. Manchen meinen anscheinend, daß man die Probleme am besten löst, indem man sie ignoriert. Hier auch Jahr im Dezember 2017 die Veranstaltung mit Don Alphonso, darin eine Lehrerin die Probleme an bestimmten Schulen insbesondere mit Migrantenkindern aus dem arabischen und türkischen Kulturkreis schildert. Die Schwierigkeit in dieser Causa ist es nun, einerseits die Klippe des kruden Rassismus zu umschiffen – gerade unter den Videokommentaren kann man ihn deutlich bemerkt – und trotzdem ein Bewußtsein für diese Probleme und die Notlage zu entwickeln. Es gibt hier in Berlin massive Probleme. Um diese zu bewältigen, reicht es nicht mehr nur aus, Geld in die Hand zu nehmen. Diese Probleme werden uns gehörig auf die Füße fallen – wie dies bei den meisten Problemen passiert, die man aus Bequemlichkeit und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, ignoriert.

    Was nun deutsche Kultur ist, ist nicht ganz einfach zu beantworten. Das Leugnen einer deutschen Kultur ist ebenso sinnfrei und unzureichend wie die einfache Festschreibung. Aber dazu muß ich demnächst wohl mal etwas schreiben. Inzwischen kann man Thea Dorns Buchessay lesen oder das Mammutbuch des Germanisten Dieter Borchmeyer „Was ist deutsch“. Oder Münklers „Die Deutschen und ihre Mythen“.

  21. Ergänzung noch: ich würde nicht von dem Islam als Kollektivsingular sprechen wollen, da es sehr verschiedene Ausprägungen gibt, aber doch besteht im Augenblick die Gefahr, daß ein reaktionärer, vormoderner Islam immer mehr in der deutschen Gesellschaft Fuß faßt, sofern hier nicht einiges getan wird.

    Dazu kürzlich auch ein Artikel in der „Welt“. Wichtig sind deshalb Leute wie Ahmad Mansour und Seyran Ates, die sich für Reformen einsetzen.

    https://www.welt.de/politik/deutschland/plus179555730/Ahmad-Mansour-Lady-Bitch-Ray-Co-Wie-der-Islam-reformiert-werden-kann.html

  22. @Bersarin
    „Gute Kunst entsteht eher in Zeiten von Beschränkung, und wo Widerstände sind, da wächst auch die Literatur.“
    Ja, das ist ein Trost, aber man fragt sich schon, wo dann diese Literatur verlegt wird.

    Das Johansson-Sache ist schwierig. „Haltung“ würde hier bedeuten, dass sie den Film womöglich selber finanzieren und produzieren müsste. Dann hätte sie mit dem Stigma „transphob“ zu leben, was den Studios nicht gefällt. Das alles erinnert an die McCarthy-Zeit; es ist nur subtiler.

    Ich kenne übrigens eine Menge Menschen, die nicht wissen, was eine „cis-Frau“ ist. Ich beneide sie zuweilen.

  23. Ja, das ist vermutlich richtig, denke aber dennoch, daß Scarlett Johansson immerhin noch die Publicity und die Möglichkeit hat, bei ihrem Standpunkt zu bleiben. Zumal es nun geradezu amusisch und bar jeglicher Realität des Theaters ist, daß man nur als Betroffener eine Rolle spielen können. Da wird es für die Shakespeareschen Königsdramen sehr schwierig. Am besten wird also der irrsinnige König dann am Ende von einem irrsinnigen König gespielt.

    Jene Unwissenden, die all dieses Gewäsch von Cis-Frauen oder -Männern nicht kennen: ich beneide sie auch. Aber ich habe den Vorteil, daß ich solches Zeugs auch schnell wieder vergesse. Und Haltung meint eben auch: Diese Sprachregelungen und das Gegendere ganz einfach nicht mitzumachen. (Allerdings, das weiß ich wohl und Sie sprachen es an, gibt es manchmal Haltungen, die man sich leisten können muß. Und da fangen dann eben doch die Probleme an. Wenn ich an die relativen freien 80er und 90er Jahre denke und sehe, wie das, was einst allenfalls im universitären Submilieu und auch nur in bestimmten Binnenstrukturen so viktorianisch-puriatisch wucherte – unter dem Adjektiv links auch noch, welch eine Ironie -, heute immer mehr Verbreitung erfährt, dann überkommt mich doch erhebliche Wehmut. Es waren das damals politisch und ästhetisch glückliche Tage.

    Immerhin gibt es den schwachen Trost, daß man mit seiner Sicht und seiner Haltung im Hinblick auf ästhetische und lebensweltliche Freheit nicht ganz alleine dasteht, Daß ich allerdings und inzwischen eher den Kolumnen von Jan Fleischhauer zustimme und selten bis gar nicht mit denen von Kreischkow… äh mit Stokowski, dann zeigt sich daran doch, daß sich im Politischen einiges verschoben hat. Irrsinnige Zeiten. Zur Belustigung: Schauen Sie sich mal die Debatte zwischen Svenja Flaßpöhler und Margarette Stokowski an, dann sehen Sie den Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindsmenschen. Lehrreich und spannend, wie weit die politische Linke inzwischen von der Lebenwelt entkoppelt ist.

  24. @“für den „Geist“ einer seltsamen Zeit, wenn man denn überhaupt in dieser Angelegenheit von Geist sprechen mag: Ästhetische Gebilde werden nicht mehr primär als Kunstwerke gesehen, sondern man mißt sie mit moralischen Kriterien. Nicht mehr die Maßgaben der Kunst sind zentrales Kriterium, sondern das Kunswerk muß politischen, moralischen oder gesellschaftlichen Geboten gehorchen. Was war passiert? In einem der Texte, die Anfang Juli in Klagenfurt gelesen wurden, benutzte ein Autor das Wort „Zigeuner“. Worauf es reflexmäßig-erwartbare Twitter-Empörung gab. In einem anderen Lese-Text kam der Name Lumumba und eine afrikanische Perspektive vor. Wie auf Knopfdruck standen Cultural Approbiation-Vorwürfe im Raum: Böser weißer Mann, der eine schwarze Perspektive einnimmt. Die übliche Twitter-Erregung einerseits, übliche Aufrege-Spielchen in einer Zeit, in der alle alles sagen und unmittelbar kundtun können – ohne jeglichen Reizschutz oder intellektuellen Abstand.“ —– Das Fatale liegt für mich darin dass alle diese Dinge in den 1990ern dermaßen was von dominant waren – in der linksradikalen Szene und nur dort, vertreten von Leuten im Alter U25. In meinem eigenen Umfeld hielten wir dieses Ineinssetzen von Politik, Moral und Ästhetik und die Verbindung dieser Ineinssetzung mit selbstrepressiver Humorlosigkeit für ein Adoleszenzphänomen von Leuten die noch kein reifes Erwachsenenich herausgebildet hatten. Leider sind diese Leute heute immer noch so drauf, heute über 40 und in Schlüsselpositionen des Kulturbetriebs. Insofern sind diese ganzen Blogdebatten für mich ein unaufhörliches Déja Vu.

    Für die damals verbreitete Haltung, die ich in uns bekannten Bloggerumfeldern wiederfinde ein possierliches Beispiel: Im Zusammenhang mit einer Hausbesetzung fand eine Demo gegen Grundstücksspekulantentum und Gentrifizierung statt. Diese Demo mit etwa 500 Leuten stoppe vor dem Büro eines Immobilienmaklers, und 4 Frauen skandierten: „Walter, wir kriegen Dich!“. Ich rief meinerseits: „Walter, pass bloß auf!“, da schrie mich reine der 4 mit überschnappender Stimme an: „Che, halts Maul, das ist eine Frauenaktion!“. Ich hatte gedacht mit Walter sei der Makler gemeint, aber nein, es handelte sich um einen Mann der zwei Stockwerke über dem Makler wohnte und der einen Nachbarin nachgestiegen war bzw. hinter ihr hergegangen und sie quasi mit den Blicken ausgezogen hatte. Abgesehen davon dass ich es für viel verlangt halte von mir zu erwarten dass ich diesen Zusammenhang quasi intuitiv aus der Situation heraus erfassen sollte hat das ja noch mehrere Haken. Erstens die Aktion überhaupt durchzuführen ohne zu wissen dass der Mann zu Hause ist und dann zu erwarten dass er aufgrund sehr allgemein gehaltener Drohungen überhaupt erkennt worum es geht und dann sein Verhalten gegenüber Frauen ändert ist schon gewagt. Dann im Sichsolidarisieren eines Mannes mit Frauenanliegen einen paternalistischen Übergriff zu sehen und gar nicht erst infragestellenzulassen dass das so ist ist mindestens so fragwürdig. Aber Fragen zu stellen wäre in solchen Situationen eher handgreiflich beantwortet worden.

    So ist es wieder oder immer noch.

  25. Das ist leider das schlimme oder auch traurige in den linken Bewegungen – Du hast wiederholt darauf hingewiesen -, daß sich die Geschichte immer und immer wiederholt, daß sich immer und immer wieder dieselben Szenen abspielen, von Generation zu Generation. Von einer politischen Phronesis weit weit entfernt. Und das macht, je älter man wird, ratlos.

    Ich denke auch: Wenn das 20jährige machen, in ihrer Politsozialisation, im inner circle, so mag das irgendwie noch angehen – man kann nur hoffen, daß irgendwer dann irgendwann diesen Leuten die Flausen aus den Kopf treibt – aber das solches inzwischen auch bei Erwachsenen (bei – sozusagen – ausgewachsenen Wissenschaftlern angekommen ist, erschreckt am Ende doch. Und ja, das ist ist eben nicht nur ein altes uns beiden irgendwie noch gut bekanntes Bloggerumfeld, sondern das ist inzwischen an den Universitäten angelangt.

  26. @ Islam als nicht als Kollektivsingular benutzen

    Warum das denn? Kollektivsingulare sind eine treffliche Eigenschaft unserer schönen deutschen Sprache, nedwahr, siehe auch den Ausdruck Reformislam. Man soll nur wissen, was man damit macht. Das gilt freilich fir elli erdenkliche wörtli, i jedere sprooch uf euserne welt, wür i segge.

    Zu Susanne Wiesingers Interview oben noch dies: Dass sie die erste (und bisher einzige…) aus der – – auch zahlenmässig – – bärenstarken Gruppe der Wiener SPÖ-/GO-Lehrerschaft ist, ist auch so eine Sache. Das heißt, doch, dass hunderte Leute über Zustände nach wie vor öffentlich schweigen, die, in meinen Augen zumindest, unhaltbar sind.

    Borchmeyer ist schon recht, auch die Frau Dorn und der sehr gesinnungsstrenge Herr Münkler.

    Eine erstrangige Deutschenquelle habe ich dieser Tage besucht und war sehr erstaunt über deren Qualität: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt. Oha. Franken ganz vorne mit dabei. Von Corinth über Spitzweg und Liebermann bis Feuerbach und Kügelgen, Kersting und Friedrich. Friedrich. Friedrich. Friedrich. Die haben da Hauptwerke. Sowie Menzel und Slevogt grad noch dazu. Alles mindestens so deutsch wie Brahms.

    Sehr schön auch die neu eingerichteten Neue Sachlichkeit-Räume in der Mannheimer Kunsthalle (der Neubau ist auch schön!, aber der Eingang des Altbaus ist ein nicht zu übertreffender Traum). Kühle Brise, höchst erfreulich – einschließlich des vortrefflichen Taglöhners Adolf Dietrich aus Berlingen am Untersee, nach Mannheim vom von Beckmann mit Mini-Tanne verewigten Kunsthändler – – Tannenbaum gebracht.

  27. Dieter Kief, Sie würden sich aber auch wehren, wenn man DIE Christen oder gar DIE Deutschen schriebe, wenn man auf den Faschismus sich bezieht. Natürlich ist das Kollektivsingular eine gute Sache, um eine Gruppe zu beschreiben. Aber bei unterschiedlichen Tendenzen und Ausprägungen und gerade heute in einer doch eher aufgeheizten Stimmung sollten wir, gerade wir Intellekuellen, in unseren Diskursen und Äußerungen auf Differenziertheit aussein. Es gibt nicht DEN Islam, sondern sehr verschiedene Strömungen. Daß wir in der Deutschland leider eine konservative Ausprägung des Islam haben, die dominant ist, steht dem nicht entgegen. Insofern: Ich bin in diesen Fragen für einen differenzierten Blick und daß man am besten immer Roß und Reiter sowie die Aspekte und Hinsichten nennt: spricht man von einer Neuköllner Hinterhofmoschee, spricht man von der konservativen und türkeinahen ditib?

    Das Problem bei diesen Problemen, die wir hier in Berlin und anderswo in der Tat habe und wie im Video gut geschildert, ist das Schweigen, das Wegducken. Und noch schlimmer: das Labeln von solchen, die Probleme ansprechen, als rechts. Auch das heißt ein Klima immer weiter auf. Auch das sollten sich die angeblich Wohlmeinenden mal gut überlegen.

    Slevogt und Menzel: Sehr schön. Und die Neue Sachlichkeit ja sowieso. Kühle Brise, ganz genau. „Leider ist Helmut Lethens Buch „Verhaltenslehre der Kälte“ bei Suhrkamp seit Monaten nicht mehr lieferbar.)

    PS: Da ich die nächsten Tage nur sporadisch am Rechner bin, kann es passieren, daß Sie nicht freigeschaltet werden. Ich habe immer noch keine Auflösung dafür, weshalb das bei Ihnen und auch bei Gregor Keuschnig so ist. Ich muß, anders als bei allen anderen, jedesmal händisch freischalten. Fragen Sie mich nicht, wieso.

  28. @“Es gibt nicht DEN Islam, sondern sehr verschiedene Strömungen. Daß wir in der Deutschland leider eine konservative Ausprägung des Islam haben, die dominant ist, steht dem nicht entgegen“ —- Das würde ich noch anders akzentuieren bzw. spezifizieren. Wir haben in Deutschland viele Richtungen des Islam, wobei die konservativen Strömungen öffentlichkeitswirksamer sind als als die liberalen. Schweinefleischessende liberale afghanistangeflüchtete Geschäftsleute fallen öffentlich nicht auf, sie beten auch zu Hause und nicht in Hinterhofmoscheen, (es gibt allein in Hamburg eine Gemeinschaft aus etwa 10.000 Exilafghanen mit sehr säkularen Lebensentwürfen) Ahmadiya werden nicht als Bestandteil des Islam in Deutschland wahrgenommen usw. Die Bilder vom Islam in Deutschland die im Zentrum des öffentlichen Diskurses stehen sind bereits das Resultat einer Komplexitätsreduktion mit der Stichsäge.

  29. Na ja, nicht nur. In Berlin leider auch eine sehr reale Ausprägung dieses dogmatischen Islams. Ich würde mir wünschen, daß mehr von diesen Afghanen, die eine liberale Haltung an den Tag legen, sichtbar werden. Hier in Berlin an den vielen Schulen (und leider auch an anderen, wie ich vermute), ist von dieser Pluralität nichts zu spüren. Insofern wäre es schön und wichtig, wenn jene Muslime endlich einmal mit aufstehen, so wie Seyran Ateş und Ahmad Mansour und auch der wunderbare Hamed Abdel-Samad. Immer wieder bewundernswert gelassen, lustig und den wilden Broder beruhigend in der sehenswerten Serie „Entweder Broder“. (Könnte Dir auch gefallen, che, trotz vieler Vorbehalte, die man gegenüber Broder haben kann.)

    Was ich hier gegenwärtig sehe, ist eine Zunahme des Kopftuchs und auch Burkaträgerinnen immer mehr.

  30. Nun ja, meine Welt ist durch die Städte Braunschweig, Bremen, Hamburg, Göttingen und Hannover geprägt, Berliner Verhältnisse kenne ich fast nur aus den Medien. Und Szenekneipen in SO36 sind sicher auch nicht repräsentativ.

  31. In den SO36-Szenekneipen werden sich diese Muslime auch kaum aufhalten.

    Und noch einmal pointiert: Das Problem ist, daß bei solchen vormodernen Ausprägungen des Islam viel zu lange weggesehen wurde. Bis das Faß überlief. Und dann wird es eben irgendwann holzschnittartig. Auch bringt es leider wenig, das eine nur abstrakt gegen das andere in Stellung zu bringen. Birgit Kelle hat es sehr gut formuliert: Die Frage ist nicht, ob der Islam zu Deutschland gehört, sondern ob er zu Deutschland gehören will. Diese Frage können nur die hier lebenden Muslime beantworten. Wer meint, diese schulischen und sozialen Regularien nicht einhalten zu wollen, muß sich Fragen gefallen lassen. Und ggf. eben auch Sanktionen.

  32. @ „Vormoderne Ausprägungen des Islam“

    Gerade der Scharia-Islam und der Islamische Staat sind m o d e r n e Ausprägungen des Islam. Weiß der Dr. Habermas. Recht hatta.

    Ich beziehe mich nochmal auf das Video mit der Wiener Lehrerin Susanne Wiesinger oben: Das sind islamische Migrantenkinder, die die angesprochenen Verhaltensweisen zeigen. Ich meine, an dieser Feststellung sei nichts falsch und es sei wenig hilfreich, die Frau Wiesinger beispielsweise zu zeihen, sie sei eine in den Fangstricken des Kollektivsingulars oder in den Vorurteilen über vermeintlich nicht-abendländische orientalische Mentalitäten gestrauchelte After-Denkerin usw., wie das ja leider landauf landab tagtäglich geschieht. Soviel ich höre, selbst in Bremen, Hannover, und Göttingen.

    Und nochmal: Auch der Ausdruck Reformislam ist ein Kollektivsingular.

    Und klar: Was ich sage spricht nicht die Bohne dagegen, hie un da die ganze soziale Landkarte auszufalten. Dann sieht man: Es sticht eine Religion heraus, wenn ich recht sehe, derzeit, aus deren Reihen die Reformkräfte durchgängig mit dem Tod bedroht werden (Abdel-Hakim Ourghi in Freiburg, Elham Manea in Zürich, Seyran Ates und Hamed Abdel Samad in Berlin…) – und diese Religion ist der – moderne – Islam. Das passt in der Tat nicht zu Deutschland – Birgit Kelle hat Recht.

  33. „Gerade der Scharia-Islam und der Islamische Staat sind m o d e r n e Ausprägungen des Islam.“ Das ist richtig und nicht richtig. Sie sind modern, weil sie in der Moderne stattfinden und auf Ausprägungen der Moderne reagieren. Sie sind vormodern, weil sie auf abgelebte Konventionen rekurrieren und diese mobilisieren. Ähnlich wie auch andere religiös-vormoderne Bewegungen wie etwa die Evangelikalen in den USA. Ähnlich auch wie die Nazis unter Hitler, die eine schon lange abgelebte Blut-und-Boden-Ideologie predigten und sich zugleich der besten und neuesten Technik bedienten. Es geht also, wie immer, dialektisch zu. Mit vormodern ist also genau dieses ideologische Gerüst und sind die Dogmatismen gemeint.

    Ja, auch der Reformislam ist ein Kollektivsingualar und zugleich gibt es auch dort divergente Bewegungen. Worum es mir aber prinzipiell geht: Bestimmte reaktionäre, arachaische, vormoderne Ausprägungen des Islam nicht zu pauschalisieren und so zu tun als wäre das hier der einzige Islam, den es gibt. Das ist leider etwas, das nicht nur bei Rechtspopulisten gerne getan wird, sondern auch im konservativen Lager. Insofern ist es semantisch ganz einfach quatsch, von DEM Islam zu sprechen. Was dahinter steht, ist eine Perspektiverengung, und in diesem Sinne die andere Seite der Medaille dessen, was in Teilen der Linken abgeht.

  34. Ist natürlich richtig, dass man liberale bzw. integrierte Muslime nicht als solche wahrnimmt, aber die anderen machen ja genug Probleme. Aus meiner Arbeit in der Schulverwaltung kann ich zahlreiche Fälle berichten; ein Mädchen, das mit einem Niqab (Vollschleier der nur die Augen freilässt) zur Schule kommt und sich weigert, ihn abzulegen. Das ganze wird ein Jahr lang von der Schule einfach hingenommen, dann bekommt eine Lokalzeitung Wind davon und berichtet. daraufhin wird die Schulbehörde eingeschaltet und die Eltern kontaktiert, aber die wollen nichts ändern. Man macht Druck, und die Schülerin ist dann längere Zeit krank. Inzwischen macht sie eine Ausbildung und man hat in der Berufsschule extra eine Klasse nur mit Mädchen eingerichtet, da nimmt sie den Schleier ab. Wir machen uns zum Affen, finde ich.

    Diese Jahr haben die muslimischen Verbände gefordert, während des Ramadan keine Klassenarbeiten zu schreiben, das würde muslimische Schüler benachteiligen. Vor einigen Jahren fiel der Beginn der Sommerferien auf den zweiten Tag des Ramadan, und es gab einen Erlass, der es muslimischen Schülern ermöglichte, zwei Tage früher in die Ferien zu gehen. Darauf glühten die Telefone durch erboste Deutsche, die auch gerne mehr Ferien für ihre Kinder haben wollten.

    Kurz: Konflikte an allen Ecken und Enden.

    Im übrigen bin ich mir bei den sog. liberalen Muslimen nicht sicher, wem sie im Zweifelsfall loyaler gegenüberstehen: dem deutschen Staat oder ihrer Glaubensgemeinschaft. Und durch die massive Zuwanderung von nicht von europäischer Kultur geprägten Muslimen die z.Z. stattfindet verschiebt sich auch das Verhältnis und sie geraten stärker unter Druck. Es wird ja nicht zuletzt aus Berlin berichtet von ganzen Stadtvierteln, in denen praktisch die muslimische Gemeinschaft mehr Macht ausübt, als der Staat, und man heute mehr Kopftücher sieht als vor 20 Jahren.

    Ich finde es führt keine Weg darum herum, denen mehr Druck zu machen.

  35. Der Islamische Staat hat so viel mit dem Islam zu tun wie der spanische Faschismus der Franco-Ära mit dem Christentum, nein, eigentlich noch deutlich weniger. Es handelt sich hier um ein Geheimdienst-Produkt, ersonnen von ehemaligen Sicherheitskräften Saddam Husseins um Rache zu über für die Vernichtung seines faschistischen Staates und für die Verwüstung des Irak, und unter den Gläubigen sind labile Charaktere eher die Regel als religiös gefestigte Muslime.

  36. Die von Dir genannten Fälle, El Mocho, sind in der Tat ein Problem und sie führen kaum dazu, daß das Zusammenleben gedeihlicher wird. Zumal ich der Meinung bin, daß ein solcher Fastenzwang wie der Ramadan nichts für Kinder zu sein hat. Eigentlich müßte man das bei unter 14jährigen kosequent als Kindswohlgefährdung ahnden. Die Sprache der klaren Kante wird meist ganz gut verstanden.

    Ganz so schlimm, wie Du es beschreibst, ist es in Berlin nun doch nicht. Der Rechtsstaat ist schon noch intakt, aber es haben sich in einigen Vierteln Parallelgesellschaften etabliert.

    @che: der IS mag an Produkt von Geheimdiensten sein – wie möglicherweise auch der NSU -, aber dennoch gibt es genügend Muslime, die daran anknüpfen und das für bare Münze nehmen. In der BRD sind diese Positionen allerdings weniger ein Problem – allenfalls für drohende Anschläge -, sondern vielmehr ein orthodoxer und konservativer Islam, etwa was den Ramadan betrifft. El Mochos Beispiel ist da sehr anschaulich.

  37. Wieviel Differenzierung angemessen sei – zu Bersarin, El_Mocho und Che2001

    Es ist eine zutiefst intellektuelle Neigung, zu differenzieren, aber – man kann sich auch ins Abseits differenzieren – und das kann durchaus aufgrund von Denkfehlern geschehen, die gerade im jeweiligen Differenzierungsvollzug begründet liegen.

    Ockham hat eine sehr folgenreiche Entdeckung gemacht, nämlich den Vorzug der intellektuellen Prägnanz und Kürze.
    Darin liegt auch eine Zumutung, das ist mir klar. aber obwohl Ockham unbequem ist: Ockham hat Recht.

    Man kann das u. a. Beispiel als Testfall nehmen und schauen, welcher Islam es nun ist, der die beschriebenen Grundschulkinder im Ruhrgebiet sozusagen bildungsresistent macht. Man kann aber mit Fug und Recht auch konstatieren, dass die Sache ich so verhält, wie unten beschrieben.
    (Der Text ist sehr nüchtern und gut geschrieben. Früher war sowas mal eine Spiegel Titelgeschichte oder ein große Spiegel-Reportage. Heute macht das ein Blogger. Auch das ist merkwürdig. Wer sich für diese Wahrnehmungsverweigerung interessiert, die die Linke erfasst hat, und englisch kann, kann hier das Gespräch zwischen Eric Weinstein, Jordan Peterson und Dave Rubin nachhören:

    Da werden ein par intellektuelle (!) Gründe für die linke Erschöpfung geliefert – wie heute auch von Dushan Wegner auf der Achse des Guten).

    Sehr konkret über das Scheitern der Integration anhand des Beispiels einer Ruhrgebietsschule, ist aber wie gesagt das da:

    https://de.richarddawkins.net/articles/ich-bin-im-ghetto-gelandet

  38. Zunächst einmal: Es geht nicht um Differenzierung im allgemeinen oder um die Form oder auf abstraktem Niveau die Art und Weise, wie zu differenzieren sei, sondern um einen konkreten Sachverhalt: hier nämlich der Islam in seinen unterschiedlichen Ausprägungen. Und Ockham hätte, sofern wir denn seine Gedanken lesen könnten, ganz sicher nicht für entdifferenzierende Begriffsbildung votiert – Philosophie ist nämlich das Gegenteil von vorurteilsbehaftetem Denken -, sondern mittels seines Rasiersmessers in bezug auf den Islam auf höchste Präzision bestanden. Insofern hat Ockham natürlich recht: Begriffe so exakt es geht zu benutzen und sie vor allem nicht ideologisch aufzuladen und unzulässig zu überdehnen, wie das bei der Debatte um DEN Islam unzulässigerweise geschieht, um eine ganze Religion zu verunglimpfen. Also, lange Rede kurzer Sinn: 1: Man sagt genau den Fall, auf den man sich bezieht. 2: Man unterläßt dogmatische Setzungen, aus denen dann unzulässige Verallgemeinerungen abgeleitet werden. 3: Man ist so präzise wie es geht und enthält sich solcher Sätzen, die sich nicht belegen lassen. So wie es nicht das Christentum gibt oder den Deutschen. Götz Kubitschek oder der Simplizifierer Sarrazin sind nicht paradigmatisch für DEN Deutsche, ebensowenig wie es Jakob Augstein oder Claudia Roth sind. Weswegen dann auch solche Zuschreibungen wie Kartoffeln oder Alemans demselben Schema folgen, wie die Wörter von Rassisten, wenn sie von Kanacken und Kümmeltürken sprechen. Wer, wie solche Leute, mit solchem Vokabular des Vereinfachers in Debatten einsteigt – egal ob von rechts oder links -, hat sich vom Boden des Arguments her bereits für eine Diskussion disqualifiziert.

    Insofern ist es sinnvoller, von bestimmten Ausprägungen des Islam zu sprechen. Davon gibt es in dieser Gesellschaft, wie etwa die Berichte zur Situation in den Schulen zeigen, einige. Darüber muß man sprechen und hier müssen Roß und Reiter sowie die daraus resultierenden Probleme genannt werden.

  39. Bersarin, Sie wenden das nicht an auf die konkreten Fälle – weder auf den Fall der Wiener Lehrerin Susanne Wiesinger weiter oben, noch auf den Bericht des Referendars, den ich in Sachen Schul-Kollaps im Ruhrgebiet um 9:27 zitiert habe. Ich meine, es sei nicht richtig, der Frau Wiesinger und dem Referendar vorzuhalten, sie seien undifferenziert in Sachen Islam, obwohl sie nicht weiter diffrenzieren und einfach von islamisch-gläubigen Kindern sprechen.

    PS
    Mit meiner gmx-Adresse scheint das Kommentar-System keine Probleme zu haben.

  40. Herr Kief, drehen Sie bitte den Spieß nicht um. Wir schrieben von konkreten Fällen und Sie kommen mit DEM Islam. So schaute es aus. Das ist im Verfahren genau diese ungute und zudem durchschaubare Strategie auch von Sarrazin. Und durch dieses argumentativ unseriöse Verfahren – Stichwort Kopftuchmädchen – schüttet er das Kind mit dem Bade aus und verhindert geradezu eine sinnvolle Debatte. Wenn man böse wollte, könnte man also auch sagen, daß nicht nur sogenannte „Gutmenschen“ schuld daran sind, daß wir Probleme nicht angehen, sondern ebenfalls ein Herr Sarrazin.

    Aus diesen geschilderten Fällen läßt sich nichts zum Islam im allgemeinen ableiten, sondern nur zu bestimmten Ausprägungen, die in der Tat verhängnisvoll sind. Und um diese Ausprägungen ging es. Daraus All-Sätze zu folgern oder von DEM Islam zu sprechen, ist logisch nicht nur ein Fehlschluß, sondern macht die Debatte unseriös.Zudem ist der, der solche Verallgemeinerungen vornimmt, eben in der Bringschuld, seine Behauptungen zu belegen.

  41. Und wenn man Probleme lösen will, dann ist es sinnvoll, sie im Detail anzugehen und ganz konkret. Das kann auch soweit gehen, daß eine Gesellschaft sich fragen muß, was in bestimmten Moscheen gepredigt wird und inwiefern sich da Probleme auftun. Auch dieses Moscheewesen muß man dann angehen und am besten hier die Imame ausbilden: Daß sie einen Kontakt zu deutschen Lebenswirklichkeit haben. Allerdings soll es ja inzwischen auch bei den Katholen Usus sein, sich die Prediger bzw. Pfarrer aus dem Ausland und von weit hergereist zu holen. Mangels Nachwuchs.

    Andererseits sind konservative Lebensweisen, wie sie auch von vielen Muslimen gepflegt werden, in einem säkularen Staat eben Privatsache. Wichtig ist nur, daß der Staat in der Schule bestimmte Regeln durchzusetzen hat – auch gegen die Befindlichkeiten von Eltern.

  42. Man kennt das ja aus mulimischer Argumentation: Gegenüber Kritk wird darauf verweisen, dass es „den Islam“ nicht gibt und man wird zur Differenzierung aufgefordert. Anders herum wenn Forderungen gestellt werden, gibt es „den Islam“ sehr wohl; es ist immer der, den der grade Fordernde vertritt. Die Lehrerin, die klagt, um im Unterricht ihr Kopftuch tragen zu können, argumentiert damit, dass es sich um eine fundamentale Vorschrift ihrer Religion handelt; wer es ihr verbietet, fordert von ihr, sich nackt zu zeigen.

    Dass es weder eine konkrete Kopftuchvorschrift im Koran gibt, noch alle Musliminnen es befürworten (die Königin von Jordanien hat vor Jahren einen Text gegen das Kopftuch geschrieben und wurde von Religionsgelehrten mit Kritk überschüttet), spielt dann keine Rolle mehr; es soll bitte nicht differenziert werden.

    Und unsere gerichte entscheiden häufig genug in diesem Sinne. Der deutsche Staat dürfte so nicht agieren; er dürfte sich nicht mit Reaktionären wie der DITIB an einen Tisch setzen, sondern er sollte sich Gesprächspartner aussuchen, die uns gehehm sind, nicht den selbsternannten Vertretern der Muslime.

    Dem steht aber das geistige Klima unserer Zeit entgegen; wer solche Forderungen erhebt, wird schnell als Rassist oder als islamophob denunziert.

  43. „Die Lehrerin, die klagt, um im Unterricht ihr Kopftuch tragen zu können, argumentiert damit, dass es sich um eine fundamentale Vorschrift ihrer Religion handelt; wer es ihr verbietet, fordert von ihr, sich nackt zu zeigen.“

    Das alles kann die Lehrerin gerne fordern. Nur muß eben dieser Forderung niemand nachkommen. Und daß es eine fundamentale Vorschrift ihrer Religion sei, ist eben eine Sache der Interpretation. Nämlich ihrer eigenen und der eines hoch-konservativen Islam. Und natürlich haben sich westliche Gesellschaften nicht seit über 200 Jahren aus den Zwängen der Kirche befreit, um sich nun wieder religiösen Zwängen zu beugen. Wer im Staatsdienst arbeitet hat sich der Ordnung zu fügen, daß politische oder deutlich sichtbare religiöse Bekenntnisse zu unterbleiben haben.

    Richtig, ist, daß auch Muslime DEN Islam für sich instrumentalisieren. Und das muß genauso kritisiert werden. Und man muß ihnen klarmachen, daß dieses Kopftuch nirgends im Koran explizit gefordert ist. Wenn sie es privat tragen möchte, so kann sie das gerne tun. Nicht aber an Schulen, sofern sie dort unterrichtet. Und ich denke, das läßt sich auch juristisch begründen. Denn einzig darum geht es in diesen Fragen am Ende.

    „Dem steht aber das geistige Klima unserer Zeit entgegen; wer solche Forderungen erhebt, wird schnell als Rassist oder als islamophob denunziert.“

    Das ist leider in vielen Debatten inzwischen der Ton, von allen Seiten her: Nicht mehr Argumente zu bringen, sondern das Gegenüber zu labeln. Sich kritisch mit bestimmten Formen des Islam bzw. überhaupt mit fundamentalistischer Religion auseinanderzusetzen sollte sowieso Aufgabe sein. Früher, als die Linke noch links war, nannte man das Kritik.

  44. Tja, eigentlich wäre noch an diejenige Linke, die sich sogenannte Diversity wünscht, eine donnernde Predigt fällig, weil nämlich mit diesen hier im Threat geschilderten Ausprägungen des Islam es dann ganz schnell mit solcher Diversity vorbei sein kann – wobei eben auch Homophobie genauso ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt. Mein Vorschlag übrigens für die neuen Homo- und Lesbenampelmännchen und -frauchen, die in Frankfurt/Main teils angebracht werden: Macht das am besten auch in muslimisch geprägten Vierteln, wie Duisburg-Marxloh, Berlin-Neukölln. DAS wäre mal ein interessanter Toleranztest.

  45. Bersarin, Sie sind hartnäckig, aber kucken Sie mal bitte meine beiden Verweise an, wo es um konkrete Fälle geht, das ist ja richtig, aber beide von mir zitierten Protagonisten sprechen einfach von dem Islam und von islamischen Kindern usw. Schon in konkreten Zusammenhängen, aber nicht im Hinblick darauf, welcher Art nun der Glaube der Eltern der Familien ist, aus denen die Kinder kommen. D a s meinte ich, wenn ich sagte: Es sei g e n u g , die Verhaltensweisen so zu benennen, wie es die Frau Wiesinger und der Ruhrpott-Referendar machten. Ich halte, was die beiden sagen, für differenziert genug, um die Dinge vorzubringen und zu begründen, die sie nun mal vorbringen. Mehr Differenzierung ist möglich, aber n i c h t z w i n g e n d für die getätigten Aussagen. Das war mein Punkt.
    Gerade spielt ein sich im Halbschlaf befindliches Kind in der Nachbarschaft (ok – ein deutsches Kind) bei offenem Fenster, auf dem Elektroklavier nach Tönen suchend, die deutsche Nationalhymne, wieder und wieder. Die Perseiden können vorbeizischen, meine Ohrenschützer sind gut, ich bin bereit.

  46. Ich bin hartnäckig nur dann, wenn es um Genauigkeit geht. Was jene Lehrerin erzählt, ist insofern kein Problem, da sie daraus nichts Prinzipielles ableitet. Und genau darum ging es mir. Es gibt diese Verhaltensweisen. Sie sind schlimm, aber sie repräsentieren eben nicht DEN Islam, sondern Menschen, die mir einer Religion als Ideologie leben und denen man bereist sehr viel früher eine klare Ansage machen müssen.

    Wir werden hier allerdings dann nur eine Veränderung in diesen Dingen bekommen, wenn wir den Gang mit den Muslimen gehen, die willens sind. Dazu ist manchmal auch etwas pädagogischer Eros nötig, um die zu überzeugen, die zweifeln oder sich zurückgesetzt fühlen. Denn es ist ja leider beides der Fall: es gibt antimuslimische Ressentiments und es gibt Muslime, die hier im Grunde völlig falsch aufgehoben sind, weil sie Ansprüche oder vermeintlich religiöse Vorstellungen hegen, die hier nie verwirklicht werden dürfen.

    Diese Form von bürgerlicher Freiheit erodiert hier, von allen Seiten, von rechts wie links, wie auch von einer kleinen islamistischen Community, die eine Parallelwelt auszubilden versucht, zunehmend. Und da fällt mir dann wieder das Böckenförde-Diktum ein. Ich fürchte allerdings, daß in zehn Jahren diese bürgerliche Gesellschaft der BRD, bei allem Makel, bei so vielen Mängel, zerstört ist. Als Adornitischer Linker, als Nichtidentitärer ist man inzwischen fast gehalten, der spätbürgerlichen Gesellschaft in ihrem Sturz die Treue zu halten. Denn Besseres kommt danach, so steht zu vermuten, nicht.

  47. @“ Der deutsche Staat dürfte so nicht agieren; er dürfte sich nicht mit Reaktionären wie der DITIB an einen Tisch setzen, sondern er sollte sich Gesprächspartner aussuchen, die uns gehehm sind, nicht den selbsternannten Vertretern der Muslime.“ —- DITIB usw. sind nicht selbsternannte, sondern von einflussreichen Mächten, im Falle von DITIB vom türkischen Staat ernannte Vertreter der Muslime. Es geht auch nicht darum, Gesprächspartner auszusuchen, die „uns“ genehm sind (wer ist hier „wir“? Bestimmt haben El Mocho und ich da keine gemeinsame Basis), sondern solche, die basisdemokratisch gewählt die nicht von religiösen Großverbänden kontrollierten in Deutschland lebenden Muslime repräsentieren. Die Basis dafür muss erst einmal geschaffen werden.

  48. DITIB ist jedenfalls keine legitime Vertretung deutscher Muslime, höchstens einer Minderheit von ihnen. Und „wir“ sind der demokratisch legitimierte deutsche Staat; weiß ja nicht, ob du gewählt hast.

    Eine basisdemokratisch gewählte Vertretung der Muslime ist sicher wenig realistisch, da niemand die Auffassungen der Andersdenkenden als legitim anerkennt. Schiiten und Sunniten wählen einen gemeinsamen Vertreter? Never

  49. Na ja, das Kollektivsingular „wir“ ist der deutsche Staat, ist diese Gesellschaft mit bestimmten Regeln und Gesetzen. Und natürlich geht es hier auch nach gesellschaftlichen Regeln und Gesetzen. Kinderehen und Mehrfachvereiratungen sind hier nicht zugelassen. Insofern sind dies „unsere Regeln“: und das meinte ich auch mit Haltung zeigen und damit, daß man in Schulen, Ämtern etc. bestimmte Regeln klar und deutlich kommuniziert. Wer die nicht will, wird nicht gezwungen, in dieser Gesellschaft zu leben.

    Wie die Muslime ihre Anliegen organisieren, ist deren eigene Angelegenheit. Ich vermute allerdings, daß es da zwischen den unterschiedlichen Ausprägungen kein Zusammengehen geben wird. Relativ säkulare und nicht-dogmatische Aleviten werden nicht mit Scharia-Islamisten zusammengehen wollen, insofern wird dieser Zusammenschluß eher Heterogenes vereinen. Und in diesem Sinne stimme ich auch dem Satz von Birgit Kelle zu: Es ist nicht die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, sondern ob er zu Deutschland gehören will. Dafür bedarf es dann allerdings von beiden Seiten einer gewissen Offenheit. Und in diesem Sinne sind Leute wie Seyran Ates wichtig und vor allem eine innerreligiöse Aufklärung wie sie auch im 18. und 19. Jhd. in Europa stattfand. Das werden lange Prozesse sein, die sich nicht von heute auf morgen lösen lassen. Und in diesem Sinne sollte man sich bei einem neu zu schaffenden Einwandererrecht gut überlegen, wen man sich nach Deutschland holt.

  50. Diese Idee der Basisdemokratie, Che2001 – ich fürchte, die ist voraussetzungsreicher als Du denkst.
    Dass die Susanne Wiesinger keine allgemeinen Folgerungen ableitet aus ihrer Rede sehe ich nicht, Bersarin. Die Folgerung ist doch klar: Ihre islamischen Schülerinnen unterminieren, so wie es derzeit läuft, das Schulsystem. Janosch Jung berichtet vom Ruhrpott das Nämliche.

    https://de.richarddawkins.net/articles/ich-bin-im-ghetto-gelandet

    Beim verlinkten Artikel von Joschua Jung fallen Sätze, die eigentlich das ganze Land – und die Linke, als Befürworter der weitgehend ungesteuerten Zuwanderung vorneweg, in Helle Aufregung, wenn nicht gar in Panik versetzen sollte: Der Referendar Jung bekommt gesagt, dass man derzeit bereits nur noch mit einem kleinen Teil der Schülerinnen Unterricht im Sinn von Wissensvermittlung macht. Die Mehrheit lässt man einfach gewähren und beschäftigt sie.
    Die „Wissensgesellschaft“ (Jürgen Mittelstraß) erodiert.

    Janosch Jung (was für ein Name…) bringt die Botschaft, Susanne Wiesinger bringt sie.

    Und, nur um das nochmal zu betonen: Natürlich bin auch ich für die Islamreformer. Mit der Einschränkug, dass das eine Sache von Jahrzehnten sein wird. Unterdessen setzt sich aber der ungeregelte Zuzug fort (das können diesjahr wieder 500 000+ werden) und zerstört Strukturen, ohne die zumindest die bürgerliche Welt wie wir sie kennen und schätzen, nicht existieren kann.

  51. „Dass die Susanne Wiesinger keine allgemeinen Folgerungen ableitet aus ihrer Rede sehe ich nicht, Bersarin.“ Sie nennt Probleme, aber sie sagt nicht: das ist typisch für den Islam und sie unternimmt auch keine Generalisierungen, erzeugt keinen Generalverdacht, wie das etwa die AfD und Pegida machen, die aus solchen Verhältnissen eine billige politische Beute schlagen und gleich eine ganze Religion mit ihren so unterschiedlichen Ausprägungen abqualifizieren. Insofern bin ich in diesen Fragen in der Tat für größtmögliche Exaktheit und für Differenzierung. Und ich dränge darauf, daß man sehr genau und pointiert, die Bereiche nennt, über die man spricht, und auch die entsprechenden Hinsichten spezifiziert.

    Joschua Jung nennt Probleme und diese muß man irgendwie angehen. Das wird man nicht erreichen, indem sich wegduckt und das schließt auch ein, wie wir uns mit der Zuwanderung auseinandersetzen. Allerdings ist es so, daß die Zahlen für 2018 stark rückläufig sind und wir nicht mehr die Situation einer geöffneten Grenze samt unkontrolliertem Zustrom haben, wie 2015.

    Zu den Flüchtlingszahlen siehe, Morgenpost. Die Zahl 500.000 ist aus der Luft gegriffen:

    „Bis Mitte Juni 2018 hat Deutschland 18.349 Asylbewerber aufgenommen, die schon in einem anderen EU-Land registriert waren. Das geht aus Zahlen des Bundesinnenministeriums hervor, über die zunächst die „Passauer Neue Presse“ berichtete.
    Insgesamt stellten demnach in den ersten fünf Monaten 2018 rund 78.000 Menschen in Deutschland einen Asylantrag. Im ersten Halbjahr 2017 waren es 90.389.“

    Die Zahlen sind immer noch hoch, aber sie liegen bei weitem unter dem Jahr 2015. Für Sprengstoff werden sie immer noch sorgen, wenn man die Sache sich selbst überläßt und kein Geld in die Hand nimmt. An den Schulen, die sowieso in vielen Städten marode sind, wird sich das dramatisch auswirken.

    https://www.morgenpost.de/politik/article214753039/Wovon-reden-wir-eigentlich-Wichtige-Zahlen-zu-Fluechtlingen.html

  52. Also, wir sind uns einig, Schülerinnen musilmischer Herkunft machen in Wien und im Ruhrpott überdurchschnittlich viele Probleme. – Das gilt übrigens auch für KN, wo ich mich ein wenig auskenne – und für den Rhein-Neckar-Kreis, wo ich vertrauenswürdige Insider kenne. Es gibt dort zumindest eine Schule, wo die von Jung geschilderten zustände nun schon ajhreland vorherrschen – die Grüne Landesregierung sieht diesen Dingen genauso hilfos zu wie Frau Karft und nun Herr Laschet in NRW. Was kommt, wenn solche heiße Kartoffeln vom linken Mainstream überhaupt thmatisiert werden, sind Argumente, die auf die Fehler in der Vergangenheit verweisen… Dazu muss man sagen, dass wir in Mannheim und Umgebung bereits von durchaus imposanten Zeiträumen reden, denn die Muslime, die noch immer fremdsprachig erstozialisiert werden, leben hier zu nicht unerheblichen Teilen in der dritten (!) Generation.

    Zuzüger.

    Alfred Haas, der frühere Vorsitzende der Freiburger CDU und ich haben uns unabhängig voneinander informiert und kamen übereinstimmend zu dem Schluss, dass Thomas Jürgen Muhs im TUMULT/Sommer 2018 vielleicht ein wenig zu hoch liegt (Muhs rechnet mit 630 000 Zuzügern), dass aber die 500 000 leider wahrscheinlich sind. Darin enthalten der Familiennachzug und die Immigration aus Drittländern in die Illegalität (die Muhs mit 1890 000 beziffert).

    Eine Bemerkung zu der Info-Lage und zur Berichterstattung über diese Dinge.
    Es befremdet mich sehr, dass der Stuttgarter Privatier (!) Thomas-Jürgen Muhs einer der ganz wenigen ist, die sich kontinuierlich mit diesem Thema beschäftigen. Also dass die großen Medien hier fast alle ihre Arbeit nicht machen.
    Die Morgenpost ist ohnedies unterbesetzt, was so komplexe Themen angeht, und ich fürchte, was die macht, ist reiner Verlautbarungsjournalismus = reine regierungsamtliche Schönwettermeldungen.
    Ich wäre interessiert, wenn jemand noch eine andere Quelle für solche Infos hätte, außer Muhs im TUMULT. Mehr Augen sehen mehr als wenig Augen, vielleicht auch schärfer. Muhs macht das jetzt übrigens schon eine ganze Zeit – ich habe mindestens drei seiner Artikel gelesen – es sind jeweils kleine Reports.

    Im Übrigen sind wir uns einig, dass selbst die Morgenpost-Zahlen kein Grund zur Freude sind.

  53. Ohh – es ist heiß: 190 000 sagt Muhs, sei seine diesjährige Prognose für die Immigration in die Illegalität aus Drittländern.

  54. Na ja, was nun beim Zuzug von Migranten wahrscheinlich ist, spielt keine Rolle, sondern wie objektiv die Zahlen aussehen. Und bisher sieht es nicht so aus, daß es bei auf 500.000 Flüchtlinge hinausläuft. Man sollte in diesen Dingen deshalb genau sein, weil es hier darum geht, nicht die Narrative der AfD einfach und als Stereotype zu reproduzieren und ebenfalls soll das Problem, das mit der Migration verbunden ist, nicht kleingeredet werden.

    Die Zahlen hat sich übrigens die Morgenpost nicht ausgedacht, sie sind nachprüfbar. Insofern ist es sinnlos und absurd, hier irgendwelche Vermutungen zu äußern. Laut Statistik belaufen sich die Zahlen bis April 2018 auf rund 45.000. Da müßten, um die 500.000er Marke zu knacken, wohl einiges noch geschehen. (Davon ab, daß das Recht auf Asyl sowieso vom Grundgesetz gedeckt ist, egal wieviele Menschen kommen.)

    https://de.statista.com/statistik/daten/studie/663689/umfrage/monatlich-neu-registrierte-fluechtlinge-in-deutschland/

    https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/flucht/218788/zahlen-zu-asyl-in-deutschland#Registrierungen

    Egal wie aber: Es steht Europa vor einer seiner vermutlich größten Herausforderungen. Sehr viel drastischer und schlimmer geht es allerdings in Italien zu, wie man der heutigen FAZ auf der Seite 3 über eine illegale Wohnsiedlung im Süden Italiens entnehmen kann. Auch das ist für Europa eine Schande. Wer also bei irgendwelchen dubiosen Auslandseinsätzen mal wieder die sogenannten „europäischen Werte“ als Leerformel im Munde führt, sollte besser mit dem Kehren vor der eigenen Haustür und im eigenen Hause anfangen. Dieses Problem Massenmigration sowie die Fluchtursachen bedürfen einer umfassenden Bekämpfung. Und in diesem Sinne müßte eigentlich ein europäischer Sondergipfel und ebenso eine weltweite Konferenz gestartet werden. (Von den Klimaflüchtlingen und den neuen Klimakriegen noch gar nicht geschrieben. Man kann sich also mal wieder nach Karl Kraus und seinen letzten Tagen der Menschheit umsehen.)

    Was die Schulen betrifft, so hängt das natürlich einerseits mit mangelnder Integration und der Abkoppelung dieser Schichten von der Gesellschaft zusammen. Andererseits gibt es in Berlin z.B. genauso mit Rußlanddeutschen Probleme und ebenso auch mit Einheimischen, nur sind die aufgrund der Zahlen nicht derart gravierend.Und bei den Einheimischen kommen eben nicht irgendwelche religiösen Vorschriften und ein noch viel rigideres und ansozialisiertes Bild über Frauen, als es schon bei deutschen Jungs teils herrrscht, zum Tragen.

  55. Die Zahlen der Russlanddeutschen kenne ich – alles unauffällig (also im hiesigen Durchschnitt) mit einer Ausnahme – und die ist nicht schwer zu erraten.*** Und dann erst die Zahlen der anderen Immigraten! – Ichab kürzlich ein Jahrgangsabschlussfoto der Julliard School of Music gesehen – – – jaw dropping – – – (jetzt mal vorstellen, wer da drauf war und ja: Sehr viele Frauen darunter… f a s t alles M i g r a n t e n , übrigens…).

    Thomas-Jürgen Muhs Zahlen im TUMULT sind von Bockelmann verantwortet – ich halte es für zu kurz gesprungen, die beiden einfach abzuservieren mit dem Hinweis auf die AfD (ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, ob das überhaupt stimmt, dass die AfDler sind).

    Es scheint mir unzweifelhaft klar, dass die MoPo einfach verlautbart, und dass die Regierung ein Interesse hat, die offiziellen Zahlen schön zu machen. Je schöner, desto besser.

    Die Einheimischen leiden in der Tat da, wo Unterschichtler mit solchen Schulen wie von Janosch Jung beschrieben konfrontiert sind. Die einheimischen Unterschichtler, die da nicht wegkönnen und dann in solchen Schulen zu lernen gezwungen sind, lernen im Durchschnitt erheblich schlechter als solche Unterschichtler, die in eine ordentliche Schule gehen. Das ist in der Bildungsforschung rauf und runter beschrieben: Zu den Opfern solcher Schieflagen zählen die einheimischen Vertreter jener Schichten, die in direkten Kontakt mit dem schulischen Zerfall aufgrund von Problemüberlast geraten. Die Linken und Grünen haben ihre Kids auf Problemschulkinderfreien Waldorfschulen usw. …

    Der große Schadensfall ist die Problem ü b e r l a s t . Das Schulsystem leidet darunter erheblich.

    Ihre Idee mit der großen Konferenz las sich für mich frisch, obwohl das eigentlich überhaupt nicht meine Frequenz ist. Daraus folgt leider: Ich würde nicht ein Jotalein Hoffnung in so eine Veranstaltung setzen können. Aber wie gesagt, diese Ebene liegt mir persönlich nicht und ich weiß schon, das das kein Argument ist…

    Die FAZ S. 3 Reportage über die Lager in Italien liefert nach,was die Blogger Don Alphonso und – im letzten Sommer in wirklich sehr guter Reportagemanier auch der Hardy Prothmann auf dem Rhein-Neckar-Blog, ein alter Favorit übrigens von mark 793, seit Jahr und Tag beschreiben. Jetzt kann es in der FAZ gebracht werden, weil man in Salvini einen „Schuldigen“ ausfindig gemacht hat. Und in Bepe Grillo, Gott hab‘ ihn selig, gleich mit: Seht euch diese Populisten an, was die da anrichten, das ist der Tenor. Der hat freilich ein klein wenig einen Beigeschmack von Ruchlosigkeit, weil die Zustände wie gesagt schon l a n g e so sind wie sie heute – nun endlich!! – auf der S. drei in der FAZ beschrieben werden. Und weil der Stern und der Spiegel die Arbeit verweigern, und die Öffis sowieso…aus lauter Angst, diese offene Zustrom-Idee könnte leiden, die mittlerweile zur Richtschnur allen Handelns aufgestiegen zu sein scheint.

    Eine der schwersten Übungen ist es, Fehler zuzugeben.

    *** Aufenthalte in Rehakliniken…auch das ist nicht schwer zu erraten, um welche Art von Kur es sich da handelt. – Uralte russische Traditionen, die hier frisch weiterwirken…

  56. Zahlen müssen stimmen und da gibt es keine gefühlten Wahrheiten. Ansonsten liegt eben der Verdacht nahe, daß sie zu politischen Zwecken vernutzt werden. Bisher nach einem halben Jahr kommen wir nicht einmal annäherend auf 250.000. Wir liegen nicht einmal bei 100.000.

    Don Alphonso schrieb in der Tat bereits darüber, wenn auch nicht detailliert und konkret über ein solches Lager.

    „Seht euch diese Populisten an, was die da anrichten, das ist der Tenor. Der hat freilich ein klein wenig einen Beigeschmack von Ruchlosigkeit, weil die Zustände wie gesagt schon l a n g e so sind wie sie heute – nun endlich!! – auf der S. drei in der FAZ beschrieben werden.“

    Der Bericht in der FAZ ist so gehalten, daß da keine politischen Verantwortungen gesetzt werden, und daß solche „Kleinstädte“ nicht erst seit der neuen Regierung da sind, dürfte evident sein. Zumal der FAZ-Bericht nirgends die derzeitige Regierung verantwortlich für diese illegalen Städte machte. Das sind nämlich solche Dimensionen und Strukturen, die brauchen Zeit zum Wachsen. (Ähnliches hatten wir bei dem Lager in Callais.) Davon ab, daß es schwierig sein dürfte, der FAZ ein Motiv nachzuweisen. Insofern sehe ich den Beigeschmack nicht. Dafür müßten Sie nämlich in den Kopf des Redakteurs, der die Geschichte ins Blatt brachte, hineinsehen können, um zu wissen, weshalb er das so und genau heute brachte. Genauso sind andere Szenarien denkbar, weshalb der Bericht erst jetzt erschien: Weil der Reporter lange recherchierte, weil erst seit einigen Monaten die Frage nach Italien und der Seenotrettung virulent ist, weil Sommerloch ist. Verborgene Intentionen zu erhaschen, ist nicht wirklich zielführend, da verhält man sich im Grunde nicht anders als jene Rassismusschnüffler, die beim Gebrauch von bestimmten Szenarien und Wörtern auf eine bestimmte Einstellung beim Autor schließen. Und wie gesagt: Dieser Bericht ist rein deskriptiv, er berichtet aus dem Lagerleben und das auch nur aus der Adlerperspektive, ohne Verantwortliche für dieses Desaster zu nennen.

    Das Schulproblem ist in der Tat auch ein Klassenproblen. Ein schwerer Brocken Arbeit.

  57. Don Alphonso hat immer wieder Reportageelemente eingestreut und die Sache ziemlich plastisch beschrieben. Die große Reportage über diese Dinge hat er merkwürdiger Weise nur (ebenfalls merkwürdiger Weise sogar wiederholt) in Aussicht gestellt – und dann nicht gemacht.

    Die Zustände in Italien sind so schon lange. Hardy Prothmann vom Rhein-Neckar-Blog hat das letztes Jahr im Urlaub mitbekommen und zack-zack – ein besessener Schreiber – eine dolle Reportage zustande bekommen (ist glaubich noch online) – während der Rest der Medien aus aus meiner Sicht durchsichtigen Motiven n i c h t s brachte. Die Lücke habe ich zu erklären versucht. Die jahrelang anhaltende Diskrepanz zwischen offenbaren Zuständen und einer Berichterstattung, die die nicht zur Kenntnis bringt.

    Die offenbaren Faschismus-Anspielungen in David Klauberts FAZ-Reportage von gestern stehen am Beginn seines Textes. Dann kommt, weiter hinten, Bersarin, explizit und so sicher wie das Amen in der Kirche, Matteo Salvini.

    Es ist ja richtig, was Sie sagen: Die Zahlen müssen stimmen. Es langt nur nicht zu sagen: Das und das sind die offiziellen Zahlen, wie es die MoPo tut. Das an sich ist auch noch nicht das Problem, und erstmal legitim, das Problem ist, zu glauben, dass es dabei sein bewenden haben könne, und dass Kritiker dieser Sicht erledigt seien, wenn man sie rechts verortet. Muhs ist zumindest redlich. Er kann mit Zahlen umgehen und er ist fleißig und bleibt nun schon im zweiten Jahr an seinem selbstgesetzten Thema dran. Er hat gegebenenfalls qualifizierten Widerspruch verdient, wie ich finde, aber keine summarische Abfertigung.

    Alfred Haas, den ich oben nannte, und der als ehemaliger Kommunal- und Landespolitiker ein erfahrener Mann ist (manche sagen, er sei ein Fuchs), ist ein überaus besonnener südbadischer liberaler CDUler. Und er macht sich keine Freunde in seiner Partei, wenn er öffentlich sagt, er meine, es sei diesjahr mit 500 000 Zuzügern zu rechnen.

  58. Zum FAZ-Artikel: Die Nazi-Verweise am Anfang des Textes haben nichts mit der Regierung zu tun, sondern sie handeln von Hakenkreuzschmierereien, also von den in Italien üblichen Neofaschisten, die solche Lager zuweilen aufsuchen.

    „Dass Italien nun einen Innenminister hat, Matteo Salvini, der die Hetze gegen Zuwanderer und Außenseiter pflegt, habe sie natürlich auch auf der Piste mitbekommen. Das Gerücht macht die Runde, dass er noch in diesem Sommer herkommen könnte, dass er das Getto räumen lassen will.“

    All das legt nahe, daß es dieses Lager schon sehr viel länger gibt, nicht erst seit der neuen Regierung.

    Was nun Matteo Salvini betrifft: Ein Misthaufen ist nun einmal kein wohlduftendes Rosenbeet, um eine Analogie in der Benennung von Sachverhalten zu wählen. Wer mit einem Vokabular wie Matteo Salvini oder eben wie Höcke und Gauland und Storch aggiert, der muß sich dieses zurechnen lassen und braucht hinterhier nicht zu klagen, wenn ihm dieses dann vorgehalten wird. Es ist diese ewige Opferpose bzw. -posse der Neurechten, die lächerlich ist. Erst etwas Provokantes behaupten und sich hinterher beschweren, daß man darauf reagiert und es widerlegt. (Darin Teilen ihren linken Gegner nicht einmal unähnlich.) Allerdings sind die moralischen Erregungen über Leute wie Gauland, Höcke, Strolch, Salvini etc pp. eher sinnlos: Man kriegt sie am besten mit Fakten und Zahlen und kann sie so iher Lüge bzw. bei Nicht-besser-Wissen ihrer Unwahrheit überführen. Die Rufe: „DAS ist ja widerlich und das sind Nazis!“ sind kontraproduktiv, weil man damit nämlich ihr Spiel genau mitspielt, und so sind die im Gerede und haben das erreicht, was sie bezweckten, können sich in einer Täter-Opfer-Umkehr nun auch noch als Opfer inszenieren, die als Nazis beschimpft werden. Hetze allerdings muß man halt auch Hetze nennen, nachdem man dann die Fakten gebracht hat. Also geht die Reihenfolge derart: Erst die Deskription und dem Publikum das Sprachspiel der Rechten vorführen und dann kann man es ggf. bewerten. Und na ja: Wer „Ausländer raus!“ ruft, denn kann man schon mal einen Hetzer nennen.

    Was die Zahlen betrifft: Wer damit Schindlunder treibt und falsche Zahlen ins Spiel bringt, kann nicht nur widerlegt werden, sondern es wird dann auch über die Motive spekuliert, die dahinterstehen. Entweder man weiß es nicht besser, das ist dann intellektuell traurig, oder man will es nicht besser wissen. Um der Sache willen und um einer kritischen und inhaltlichen Auseinandersetzung mit einem Problem, das wir oder zumindest viele Leute hier in der Gesellschaft haben, ist eine sachliche und fundierte Auseinandersetzung wichtig. Leute wie Gauland oder Salvini sind dafür leider nicht die richtigen Gewährsmänner. Sie kippen Benzin ins Feuer.

  59. Insofern noch einmal auf den Punkt: Dieser ganze FAZ-Text ist keine Abrechnung mit der gegenwärtigen Regierung oder mit dre davor und der davor und der von Merkel, die sich bis 2015 für Italien einen Dreck interessierte, solange die Flüchtlinge nicht nach Deutschland kommen, sondern es geht darin um die seltsamen Zustände in solchen Gettos. Allerdings bleibt der Bericht zugleich seltsam an der Oberfläche. Insofern hätte ich da gerne eine gute Recherche von Don Alphonso gehabt, wie es in solchen Lagern zugeht. ABer dort hineinzugelangen, dürfte schwierig sein und auch die lokale Mafia wie auch die dort im Lager werden einiges an solchen Berichten auszusetzen haben.

  60. Bersarin, was mich betrifft, rennen sie jetzt mit großem Schwung offene Türen ein – um dann auch noch eine scharfe Kehrtwende hinzulegen und zu sagen, man solle Gauland und Salvini nicht als Faschisten anprangern. Ganz meine Rede.
    Nochmal: Die Sache springt einen ja geradezu an: Wieso kommt dieser Bericht jetzt, wieso kam er vorher in dieser Art nur von Außenseitern? Was tut eigentlich der Stern – oder der Spiegel und die Öffis in dieser Hinsicht?
    Meine Antwort: Sie ignorieren diese Themen. Und was noch irrer ist: Obwohl diese Themen das Publikum brennend interessieren, werden sie (viel zu häufig!) ignoriert. Salvini und Gauland ignorieren diese Themen nicht, eben weil sie gemerkt haben, dass sie das Publikum brennend interessieren. Das ist, wie mir scheint, die Lage, und die ist schlecht.

    Ich finde ein Fehlschluss aus dieser Lage wäre es freilich, zu sagen: Weil Salvini und Gauland diese Dinge ansprechen, – verdammen wir diese Themen.

    Dies ist der Weg in eine Problemspirale, aus der sich nicht zuletzt der Machtwechsel in Italien ergab. Und das ist eine erhebliche soziale Tatsache, die übrigens nicht allein Salvini betrifft, sondern weite Teile der italienischen Linken ebenfalls, die ja nun offen mit der Lega paktieren.

    Ich weiß noch, wie das war, als Don Alphonso Salvini zitiert hat, so vor ca. zwei Jahren, als noch keiner ahnte, wohin das einmal führen würde mit den Fünf Sternen und Salvini. Ich hab‘ damals alle Zitate überprüft und den (langen) Text, den Don Alphonso schrieb, zweimal durchgelesen, weil ich plötzlich d e m nicht mehr getraut habe (ich las ihn aber auch erst kurze Zeit). Sein Text war, wie sich herausstellte, zwar sehr lässig heruntergeschrieben, aber inhaltlich volllkommen ok. D a s – deshalb weiß ich die ganze Chose wahrscheinlich noch – hab ich dann auch praktisch mit den gleichen Worten, die ich hier verwende, Don Alphonso geschrieben und danach auch andernorts in Kommentaren mit Hinweis auf Don Alphonsos Pioniertat veröffentlicht.

    D A lag sehr richtig mit seiner Salvini-Einschätzung – also, dass da was im Busch wäre, was erhebliche Konsequenzen haben könnte, als das wirklich noch keiner wahrhaben wollte. Jetzt ist es wahr. Es ist das gleiche wie beim Brexit.

    Nebenbei gesagt: Die italienischen Intellektuellen sind sehr ruhig. Auch der Austausch mit denen in hiesigen Medien ist sehr sehr verhalten. Don Alphonso macht immer wieder Andeutungen, dass seine linken italienischen Freunde andauernd Dinge sagen, die hier nicht willkommen sind. – Ich geb zu: Ich finde, die sollten dennoch verhandelt werden. Im Moment sprechen erst mal die sozialen Fakten: Ein Regierungswechsel ist ein soziales Faktum.

    Ach: Muhs Quelle ist u. a. ein Bericht des BND, der von 15 000 Menschen pro Monat spricht, die unerkannt über die Balkanroute „einsickern“. – Derlei sollte unbedingt öffentlich erörtert werden, wird es aber vorwiegend in Nischen wie dem TUMULT. Ich finde, das ist nicht richtig.

  61. „Wieso kommt dieser Bericht jetzt, wieso kam er vorher in dieser Art nur von Außenseitern?“

    Das sind Fragen, über die kann man lange spekulieren. Daraus jedoch Motive abzuleiten, ist müßig, da zu jedem angenommenen Motiv ein anderes Motiv gegengesetzt werden kann. Zumal die außerrechtlichen Zustände in solchen Lager-Ghettos bereits seit Calais in den Medien immer wieder Thema sind und in der taz und in linken Medien sowieso und auch FAZ, Zeit, Spiegel berichteten immer einmal wieder über Italien und Griechenland, sogar über Spanien und über die afrikanischen Sklaven auf den Gemüseplantagen. Auch im Blick auf Griechenland las ich kürzlich in einer der Zeitungen über die entsetzliche Not in diesen Lagern – besonders für Frauen. Das Lager als Nomos der Erde, wie es Agamben einmal schrieb. Eine für Europa und für Ländern, die sich vorgeblich auf „westliche Werte“ beziehen, ja sogar auf Menschenrechte sich berufen, eine beschämende, zumindest aber traurige Situation: weist dies doch – bereits auf der Ebene der Reflexion und des Nachdenkens darüber – auf einen logischen performativen Widerspruch: Menschenrechte sind nichts Partikulares. Und sie fangen im Grunde bereits bei Handelsbeziehungen an. In diesem Sinne stimmt es: Wir bräuchten in den Medien noch sehr viel mehr von solchen Berichten, die uns ein Bild der Lage machen. Von ganz verschiedenen Perspektiven aus.

    Die Aktualität dieses Themas und weshalb die FAZ etwas brachte, könnte darin liegen, daß der rassistische Ton sich unter der gegenwärtigen Regierung verschärft hat und daß eine Räumung solcher Lager bevorsteht. Auch das wäre ein Motiv. Vielleicht aber war der Autor auch einfach nur in Italien. Denn solche Berichte „passen“ seit bald 20 Jahren vermutlich.

    „Weil Salvini und Gauland diese Dinge ansprechen, – verdammen wir diese Themen.“

    Die Frage ist allerdings, wie und in welcher Art und in welcher expliziten Absicht sie dieses Thema ansprechen, und vor allem: Mit welcher Rheorik. Mit belegbaren Zahlen oder mit getricksten Zahlen? All das spielt für die Analyse eine wichtige Rolle. Das ist dann schon ein Unterschied ums ganze. Diesen Leuten geht es in der Regel nicht um die Lösung eines Problems, sondern ums politische Ausschlachten für ihre Agenda. (Dies freilich nicht anders als jene, die allen ernstes von offenen Grenzen sprechen, ohne eine Antwort darauf zu liefern, wie dies ein Nationalstaat, der demokratisch und sozial intakt bleiben will, dies bewältigen kann.) das einzig Produktive, was man darin allenfalls erkennen kann, ist, daß über dieses Thema Zuwanderung und über die Probleme und den Sprengstoff, den es birgt, nun öffentlich vermehrt geredet wird.

    Die Probleme in Italien sind komplex. Was sich schon an solchen Lagern zeigt, die in dieser Form nicht existieren, wenngleich wir in einigen der Mega-Flüchtlingsunterkünfte nach Aussagen aus Polizeikreisen bereits eine ähnliche Situation zumindest im Mikrokosmos haben. Das muß man untersuchen. Darüber, wie es in solchen Flüchtlingsunterkünften aussieht, wäre mal eine Reportage fällig.

    „Nebenbei gesagt: Die italienischen Intellektuellen sind sehr ruhig. Auch der Austausch mit denen in hiesigen Medien ist sehr sehr verhalten. Don Alphonso macht immer wieder Andeutungen, dass seine linken italienischen Freunde andauernd Dinge sagen, die hier nicht willkommen sind. – Ich geb zu: Ich finde, die sollten dennoch verhandelt werden. Im Moment sprechen erst mal die sozialen Fakten: Ein Regierungswechsel ist ein soziales Faktum.“

    Das ist ganz richtig. Und in diesem Sinne ist mir, aber das wird man aus meinen Kommentaren vermutlich auch herauslesen können, ein Denken wichtig, daß sich nicht in abgezirkelten politischen Denkbahnen aufhält: und daß auf der Linken Dinge mal aus- und angesprochen werden, über die es zu reden lohnt. Und zwar ohne diese üblichen larmoyanten Rassismusnarrative. (Natürlich haben wir in Deutschland Rassismus, wie übrigens überall auf der Welt, von Kolumbien bis Botswana, aber diesen Begriff auf alles und jedes, noch auf die harmloseste Frage an einen ausländisch anmutenden Menschen „Woher kommst du?“ auszudehnen: Dieses Auswalzen führt am Ende nur noch zu einer Entropie des Begriffes. Er benennt nun alles und nichts. Man sollte diesen Begriff aber schon für konkrete Situationen benutzen.)

    „Muhs Quelle ist u. a. ein Bericht des BND, der von 15 000 Menschen pro Monat spricht, die unerkannt über die Balkanroute „einsickern“. – Derlei sollte unbedingt öffentlich erörtert werden, wird es aber vorwiegend in Nischen wie dem TUMULT. Ich finde, das ist nicht richtig.“

    Selbst wenn man diese 15000 Menschen nimmt und vielleicht noch einmal 15000 übers Mittelmeer und andere Routen hinzunimmt, sind wir immer noch nicht bei 500.000 Flüchtlingen pro Jahr. Und wie gesagt: Die Zahlen der von mir verlinkten Statistik sagen etwas anderes und um die reelen Zahlen kann es nur gehen. Und die Glaskugeln des BND – na ja, da wären dann schon mal belastbare Quellen gefragt. Es würde ja auch niemand unbesehen glauben, wenn ich schreibe: Der Nachrichtendiest Bersarin sagt, daß es pro Monat nur noch 7000 Flüchtlingen sind. Man würde wohl und zurecht um Belege bitten. Und die muß dann auch der BND und damit auch Muhs liefern. Richtig ist allerdings, daß wir über dieses Thema sprechen und offen kommunizieren müssen, damit es dieser Gesellschaft nicht demnächst um die Ohren fliegt und nicht alles im Brüllton von Links- oder Rechtspopulisten untergeht.

  62. Douglas Murray kontert die Behauptung, das schlimmste sei vorbei und es kämen immer weniger Flüchtlinge mit dem Hinweis, dass der Grund dafür nicht ist, dass weniger Menschen fliehen wollen, sondern das es schwieriger ist, nach Mitteleuropa zu gelangen, weil die Türkei und Mazedonien die Grenzen geschlossen haben. Kommt Frau Merkel sehr entgegen, dann braucht sie es nicht mehr zu machen und kann weiter von Humanität und europäischen Werten faseln.

    Ich war übrigens letztes Jahr in Rom. Das ganze Zentrum ist voller Flüchtlinge, und die suchen keine Arbeit, lernen kein Italienisch, sie versuchen irgendwie, den Touristen Geld aus der Tasche zu ziehen, sie verkaufen Sonnenbrillen oder Wasserflaschen; die paar Worte, die sie dafür brauchen, beherrschen sie in mehreren Sprachen.

    Ich habe dann den Fehler begangen, auf Frage hin zu sagen, dass ich aus Deutschland komme, worauf hin ich sofort eine Gruppe Afrikanern um mich herum hatte, die mich angingen, ihnen irgendwie zu helfen, nach Deutschland zu kommen. „Die Deutschen sind keine Rassisten“,hieß es. Hatte einige Schwierigkeiten, mich aus der Affäre zu ziehen. Unübersehbar, dass alle nur darauf warten, nach Deutschland gehen zu können.

    Ich habe vollstes Verständnis für die Italiener, an deren Stelle würde ich alle durchwinken nach Deutschland. Frau Merkel interessiert Italien (und auch Spanien mit 50% Jugendarbeitslosigkeit) einen Dreck, und die Italiener haben es gemerkt und handeln entsprechend. „Italien wird nicht länger der Fußabtreter Europas sein“ hat Salvini gesagt, und er hat recht. Wenn wir einen solchen Minister in Deutschland hätten, könnte der bei der nächsten Wahl Kanzler werden, keine Frage.

  63. „Douglas Murray kontert die Behauptung, das schlimmste sei vorbei und es kämen immer weniger Flüchtlinge mit dem Hinweis, dass der Grund dafür nicht ist, dass weniger Menschen fliehen wollen, sondern das es schwieriger ist, nach Mitteleuropa zu gelangen, …“

    Das mag sein. Die Ursachen für die sinkenden Zahlen können ganz unterschiedlich sein, das kann genauso an besser bewachten Grenzen liegen. Ganz sicher aber wird es nicht unbedingt daran liegen, daß es den Menschen in Afrika besser geht. (Und das wird man in kurzfristiger Zeit vermutlich auch nicht erreichen.)

    Italien ist in dieser Flüchtlingsfrage ziemlich gebeutet. Insobesonder auch die Leute von der Küstenwache, die täglich mit Leichen umgehen müssen. Zu Wasser und an den Strand gespühlt. Allerdings muß man dazu sagen, daß Italien von der EU eben auch einiges an Geld für die außergewöhnliche Belastung einer EU-Außengrenze bereitgestellt bekommt – meines Wissen. Einfache Lösungen zumindest gibt es für diese Dinge nicht und angesichts der erschreckenden Zahlen an Toten im Mittelmeer und auch in der Sahara wäre schon lange ein europäischer Gipfel fällig gewesen.

    Zu Merkel: Was in ihr vorgeht, können wir nicht wissen. Die Fakten bisher und vor allem ihr Handeln vor 2015 legt allerdings nahe, daß sie sich für die Probleme von Italien, Griechenland, Spanien nicht besonders interessierte. Man kann sich fragen, ob Helmut Kohl ein solch kapitaler Fehler je passiert wäre. Insofern sind diese Phrasen zur EU und zu den sogenannten europäischen Werten nichts weiter als ein Lippenbekenntnis.

  64. @“Na ja, das Kollektivsingular „wir“ ist der deutsche Staat, ist diese Gesellschaft mit bestimmten Regeln und Gesetzen.“ Na eben, das ist für mich das Kollektivsingular „Die“ oder „der Klassenfeind“. Zum Staat BRD und muslimischen Flüchtlingen herrscht für mich Äkquidistanz.

    @“Schiiten und Sunniten wählen einen gemeinsamen Vertreter? Never“ —- Das habe ich auch gar nicht gesagt. Es erwartet auch niemand dass Katholiken und Protestanten oder Gewerkschaften und Arbeitgeber einen gemeinsamen Vertreter wählen.

  65. @ che2001

    Protestanten und Katholiken und Arbeitgeber und Arbeitnehmer kooperieren in einer Weise, die gedeihlich ist, während Muslime – nicht die NPD, nicht sonst einer, keine Reichsbürger, thank god! …während, so sage ich, Muslime Todesdrohungen (!) aussprechen gegen ausnahmeslos alle mir bekannten Leute, die sich hier (oder in Suizera) daran machen, den Islam zu reformieren.

  66. Diese Todesdrohungen sprechen nicht Muslime als solche aus, sondern Islamisten. Der Islamismus ist eine religiös begründete Sonderform des Faschismus, im Falle von Daesh=IS nicht einmal das, und verhält sich zum Islam als Religion wie der spanische Francismo zum Katholizismus oder der Evangelikalismus in der speziellen „Schlagt die Schwulen alle tot!“ Variante zum Protestantismus. Ich habe noch nie davon gehört oder gelesen dass etwa der Großscheich der Al Azhar – Universität Morddrohungen gegen Reformmuslime ausgesprochen hätte, das tun doch eher die Hassprediger von Hinterhofmoscheen in Duisburg oder Ludwigshafen.

  67. che: Zum Staat, zum Rechtsstaat (in Hegelschen Sinne) bzw. einer demokratischen Gesellschaft: Sie bietet eben auch Platz für ihre Gegner, insofern gibt es in diesem Kollektivsingular Pluralität. Allerdings schützt sich ein Rechtsstaat ebenso gegen solche, die ihn abzuschaffen trachten. Insofern sehe ich diese Dinge von einer systemtheoretischen Perspektive: Opposition, auch radikale, sofern sie hinreichende Resonanz erzeugen kann, trägt ebenfalls zu einer Reform und Weiterentwicklung der Gesellschaft bei. Das beste Beispiel hierfür sind die Grünen der 80er Jahre. Was damals als Umweltirrsinn von Utopisten galt, findet sich heute selbst im Parteiprogramm der CDU wieder. Es sind also diese evolutionären Prozesse nicht zu unterschätzen. Ein gelungener Rechtsstaat kann Kritik also absorbieren und systemintern in den Ausformungen fruchtbar machen. Das war am Ende ja sogar eine Hoffnung, in die die Kritische Theorie Adornos einiges setze.

  68. @ Bersarin und Che_2001

    Staat und Gesellschaft sind gefragt, wenn das mit dem Reformislam klappen soll. Auch die liberalen oder verfassungstreuen Muslime, nota bene, auch deren Zivilcourage wird notwendig sein; daran hatt es in Winterthur entschieden gemangelt. Geschlossen hat die dortige Salfisten-Moschee Al’Nur letztlich ein einsamer Mann der Winterthurer Stadtpolizei – ein Akt zwischen Amtsanmassung, Kompetenzüberschreitung und Zivilcourage. So diffus kann der Rechtsstaat sein. Mit den höheren z. T. explizit grün-linken Chargen in Justiz und Verwaltung allein war selbst in der Schweiz kein Staat zu machen! -cf „Der Biedermann und die Brandstifter“… z. zt. in einer schönen Freiluft-Inszenierung am Seeufer in Konstanz‘ Nachbarstadt Kreuzlingen. Empfehlenswert!

    Da gibt es leider Parallelen über Parallelen zu unserem lieben Vaterland. Dort sagt z. B. der Verfassungsschutz, er habe leider die Leute und schon gar die Spezialisten nicht, um den Gebetsbetrieb z. B. auch nur stichprobenartig zu kontrollieren. Auf massenhafte fremdsprachige Mündlichkeit ist unser System „einfach nicht eingestellt“ so wird gerne formuliert…
    Dito in GB, wo man von 40 000 beknnten Gefährdern spricht und kalkuliert, man brauche, um e i n e n davon lückenlos zu überwachen, roundabout 20 officers…

    https://www.nzz.ch/zuerich/sechs-fakten-zur-an-nur-moschee-ld.126119

  69. Was ich wirklich nicht verstehe ist die Tatsache, dass in meiner Studienzeit die Veranstaltung einer kritischen Diskussion zur Gentechnik wg. „anschlagsrelevantes Thema“ ausreichte um ein 129a Verfahren auszulösen während heute islamistische Gefährder erstmal unbehelligt bleiben. Als seinerzeit, wenn auch nur leicht, strafverfolgter angeblicher RAF-Sympathisant fühle ich mich da regelrecht beleidigt.

  70. Die übergroße Toleranz unserer Behörden gegenüber Islamisten finde ich auch erstaunlich. Wobei es davon inzwischen wesentlich mehr geben dürfte, als die RAF + Unterstützer jemals auf die Beine bekommen hätte.

  71. @ El_Mocho und che2001 wg. Verhalten der Behörden

    Da schnappt man statt islamischer Gefährder lieber nicht vorbestrafte weiße junge Frauen – das ist „effizienter“ (die hat man s c h n e l l ) und sicherer (es gibt keine Probleme mit dem Mob und evtl. Anschlägen – ein echter Vorteil!) – wie im Fall der kanadischen Aktivistin Lauren Southern, die in GB wegen Rassismus dran kam, weil sie „Allah is a gay God“ Flyer in der schläfrigen aber sehr islamisch geprägten Stadt Luton verteilt hat – the official UK was absolutely not amused!

    Southern =“racist“, also“UK terrorism act“ = lebenslange Einreisesperre wg. „Allah is gay“. – Im „metro“-Artikel heißt es: „Lauren Southern said the UK Home Office permanently banned her because she had been ‘caught distributing racist leaflets in Luton town centre’.

    Lauren Southern gibt eine Erklärung vor rechten EU Parlamentarierinnen und der Presse in ickjloobe Brüssel in Sachen Einreiseverbot GB

    Lauren Southern im Gespräch mit dem amerikanischen Comedian Dave Rubin (Dave Rubin ist Mitglied von Eric Weinsteins Intellectual Dark Web cf. Bari Weiss‘ Artikel in der NYT)

  72. @che: Was teils vom Staat für ein RAF-Brimborium betriebenen wurde, das ist schon erschreckend gewesen und zeigt, wie wenig gefestigt damals der Staat eigentlich war. Klar, es galten solche Maßnahmen auch als taktisches Manöver, um anzuzeigen, wo der Hammer hängt und wo die Grenzen der Systemkritik gezogen werden. Und wer alles zu den RAF-Sympathisanten gezählt wurde: Na, da finden wir dann schon einen Teil der intellektuellen Elite der BRD versammelt.

    @ Dieter Kief: Ein Einreiseverbot wegen eines solchen T-Shirts: Das ist, wenn das so zutrifft und nichts anderes als dies vorliegt, schon absurd. Hoffen wir mal, daß es dann demnächst in der BRD nicht für die Dummköpfe von der Titanic (früher war das mal eine brillante Zeitschrift, heute ist sie nicht eimal mehr der Schatten ihrer selbst) ein Ausreisegebot gibt bei christenfeindlichen Karikaturen.

    Morddrohungen von radikalen Muslimen gegen einen Teilnehmer des CSD gab es auch in Berlin, nämlich gegen Amed Sherwan, der hier auf dem CSD ein ähnliches T-Shirt trug: Allah is a gay. Daß das nicht jedem schmeckt, wie auch das Bild mit dem Papst in der vollgepißten Soutane oder dem Christus am Kreuz als Frosch oder der Unterschrift „Ich war eine Wellblechdose“, mag irgendwie verständlich sein. Aber es ist nun einmal so: Entweder ist der Spott über Religion generell verboten oder, wenn erlaubt, muß sich jede Religion durch Satire verspotten lassen. Wie geistreich das nun von Fall zu Fall ist, darüber mögen die Debatten entscheiden.

    https://www.morgenpost.de/berlin/article214948721/Morddrohungen-und-Polizeischutz-wegen-Allah-is-gay-Shirt.html

  73. Stimmt alles.

    Titanic – zerfällt innerlich, sozusagen. Der letzte Kracher war, dass man Mariam Lau vo dött herre (ich fahr‘ gleich in die Schweiz, Toggenburg – schön kühl!) dass da einer Mariam Lau wg. ihrer Kritik an den Mittelmeer-„Rettern“ brühenden Kaffee ins Gesicht wünschte.

    Titanic ist wirklich ein interessanter Fall – auch das Umfeld. Dazu zähle ich Gerhard Henschel, der hie und da leise Absetzbewegungen gemacht hat von den linken Üblichkeiten, dazu zähle ich auch Max Goldt, der zum ersten Mal seit Jahrzehnten nichts mehr schreibt, dazu zähle ich auch Eckhart Henscheidt, über den ich grad gestern nachgedacht hab‘. Er hat es gewagt, in Sachen Reich-Ranicki anderer Meinung zu sein, er hat der Jungen Freiheit Interviews gegeben, er hat Walser unterstützt, er hat sich mit Schirrmacher angelegt. Schade, schade, schade, dass Henscheid irgendwie den Anschluss verpasst, bzw. das Interesse verloren hat.

    Was macht eigentlich der dicke Wiglaf Droste?

    Dann belieben noch zwei Titanic-Leute: Welke mit seiner heute-show. Kuck ich nicht, und was ich höre, hat das gute Gründe. Und Martin Sonneborn mit der PARTEI, die ich für ziemlich dusslig halte.

    Aber dass Titanic nicht mehr richtig lustig ist, ist klar. Und das ist interessant, wie ich finde.

    Der Amed Sherwan ist in der taz aufgetreten und hat folgenden Stunt hingelegt, lt. Perlentaucher: Er hat sich dagegen verwahrt, von Rechts vereinnahmt zu werden mit seiner Aktion.
    Die leise Pointe, dass Sherwan selber in den Spuren der rechten Aktivistin Lauren Southern wandelte, machte dem Perlentaucher freilich nicht zu schaffen, und dem Rest der deutschen Öffentltichkeit, soweit sie auf den Fall reagierte, auch nicht.

    Fazit der Sherwan-Geschichte im europäischen Medien-Mainstream: Wenn ein Linker sagt, Allah is Gay, ist das ok und zeugt von kritischem Geist, wenn’s eine Rechte tut, impliziert das Rassenhass. Same same, but diffrent!

  74. Leute wie Wiglaf Droste und Henscheid fehlen. Max Goldt war ja eher fürs feinsinnig Humorige zuständig. Aber auch gut, oh ja! Und Droste eben deshalb, weil er sich einen Dreck um die Befindlichkeiten des linken Juste Milieu scherte. Muff-Milieu vielerorts.

    In der Tat wäre eine Analyse anhand der traurigen Titanic an der Zeit und interessant zu wissen, weshalb es innerhalb der Linken derart gravierende Verschiebungen gab. Eine Titelzeile wie „Ausländer raus, aber bitte mit Humor“ könnte man heute nicht mehr machen. Oder einen subtil-derben Negerwitz zur Bekämpfung des Welthungers, schöne Zeichnung: „Hungerproblem gelöst: Einfach mehr spachteln!“ (Ich habe diese Ausgabe noch, irgendwo auf dem Dachboden, dauert aber zu lange, das zu suchen und zu scannen.) Erst kürzlich sah ich diese Zeichnung wieder mal im Netz kursieren und es passierte das Erwarbare: die Aufregung des linken Muff-Milieus. Das sei diskriminierend. Aha, aha machte es da bei mir. Zum Glück ist wenigstens der Hunger nicht diskriminierend. Hungernde sind alle gleich.

    Sonneborn und DIE PARTEI waren mal gut. Heute, wo es wohl die Märzgefallenen mit dem mehrstelligen Mitgliednummern gibt, ist es lauer Aufguß. Sonneborn zumindest ist mir da immer noch lieber als die humorbefreite Furztrompete Leo Fischer. Ungefähr so stelle ich mir die Wohlfahrtsausschüsse mit Guillotine vor.

    In der heute-show und in der Anstalt kann man allerdings oft die besseren Nachrichten sehen. Besser als das, was uns manche Magazine oder die Tagethemen liefern, weil da Dinge gebracht werden, die man sonst nirgends sieht. Etwa die Verstrickung von „Journalisten“ wie Joffe oder Kleber oder Bittner in transatlantische Organisationen. (Jetzt auch wieder sehr gut, Jan Fleischhauer im letzten Spiegel über den Kanzerljournalisten Bernd Ulrich von der „Zeit“. Aber die „Zeit“ ist eh seit Jahren eigentlich nicht mehr gut lesbar. Eines der größten Übel dieser Welt, nach Atomraketen und Welthunger sind Journalisten, die helfen, eine politische Agenda zu verbreiten: der schwarz-grüne Ulrich, im Kanzlerjet bei der USA-Reise zu Trump just und neben Frau Merkel. Kritische Distanz geht anders.)

    Auch da eine seltsame Verschiebung im politischen Journalismus: man ist inzwischen froh, daß es Leute wie Jan Fleischhauer gibt, die ich früher für die Pest hielt.

    Was Lauren Southern betrifft, so ist es natürlich zweimal dersebel Slogan. Aber wenn zwei das gleiche tun, ist es nicht immer das gleiche, weil in der Regel auch die Kontexte und die politischen Hintergründe mitgedacht werden. Trüge Martin Lechzmist ein solches T-Shirt wäre ich ebenfalls nicht angetan. Nicht wegen des Shirts, sondern wegen der Person. Allerdings: Auch bei Lichtmesz würde ich mich für die Freiheit der Meinung einsetzen, ebenso wie bei Lauren Southern. Insofern war auch Heinscheids Protest damals in der Buchmesse Leipzig gegen den Ausschluß der Jungen Freiheit sehr richtig, wichtig und gut. (Gleiches würde ich übrigens schreiben, wenn es hier um Analyse und Kritik ginge oder wenn die Junge Welt ausgeschlossen würde. Meinungsfreiheit (im Rahmen der Gesetze) gilt für alle gleichermaßen. Wer da Unterschiede macht, muß schon ein sehr gutes Kriterium angeben können, weshalb man die einen vom Diskurs ausschließt und die anderen nicht.

  75. Oliver Welke ist eigentlich nicht originäres Besatzungsmitglied der Titanic, sondern im ffn-Frühstyxradio beheimatet, letzteres damals ebenso wie aktuell die Heute-Show für micht Pflichtprogramm. Die frühere Größe der Titanic allerdings bemisst sich an Beiträgen wie „Immer Ärger mit Karry“. Das war geradezu tollkühne Satire!

  76. Es war diese Kombination aus ganz Unterschiedlichem. Von Dr. Mentz‘ Humorkritik über Sondermann, Bernd Pfarr, Traxler, Waechter. Clodwig Poth, der sprachböse Henscheid (wobei ich da in seinen Literatureinschätzungen in bezug auf Beckett etwa, nicht alles teile), Marie Marcks und vor allem der wunderbare feine Robert Gernhard und F.C. Bernstein, der hier in Berlin bei mir um die Ecke lebt – 2017 erst ein Band wieder von ihm erschienen: „Frische Gedichte“. Diese Kombination in den 80er begeisterte mich. Mein erstes Titanicheft im September 1980 zu FJS: Wenn sie dieses Heft nicht kaufen, wählen wir diesen Mann. Dazu ein Photo vom feisten Strauß. Und ich kaufte.

  77. Nicht zu vergessen die großartige Simone Borowiak aka Hannone Boroppert aka Sonate Bachstelz. Ach, und die Literaturwelt rund um die Redaktion, etwa das Hausbuch der literarischen Hochkomik….

    Kaum bekannt ist, dass die Titanic-Crew die meisten Otto-Drehbücher geschrieben hat.

  78. Da hier gerade jede Menge durcheinandergebracht wird, plaudere ich mal ein bisschen aus dem Nähkästchen des ehemaligen Bockenheimers. Welke ist nicht nur kein originäres Besatzungsmitglied, sondern hat mit dem Schiff überhaupt nichts zu tun. Er kennt Sonneborn, wohl schon aus Schulzeiten, hat aber niemals für die Titanic gearbeitet. Sonneborn seinerseits ist abgehalftert. Diese Ansicht wird von der kompletten Redaktion geteilt. Leonhard Fischer ist sogar noch abgehalfterter. Diese Ansicht wird erstaunlicherweise nur von Teilen der Redaktion geteilt. Bersarins Bezeichnung „Furztrompete“ ist zwar eher schmeichelhaft, trifft Fischer aber ganz gut. Im Übrigen wird diesen in absehbarer Zeit der Alkohol dahinraffen. Was Henscheid betrifft: Er veröffentlicht hin und wieder noch im Blatt. Auch im aktuellen Heft ist er vertreten.

    Etwas arg albern, meine Herren, sind Ihre Ausführungen über Max Goldt. Der trägt nämlich nach wie vor, und zwar seit vielen, vielen Jahren ohne Unterbrechung, jeden Monat zur Titanic bei, zusammen mit seinem Partner Stefan Katz. Weswegen man auch die These vom Qualitätsverlust etwas relativieren muss. Früher war nicht alles an/in der Titanic brillant, heute ist nicht alles an/in der Titanic miserabel. Dass sie gerade in den letzten Jahren schlechter geworden ist, lässt sich jedoch ebensowenig leugnen wie die Tatsache, dass ihr die – auch körperlich – engen Kontakte zum Muffmilieu schaden.

    Über eine gründlichere Analyse von Seiten Bersarins wäre ich erfreut.

  79. @che: Richtig, Gernhard, Eilert, Knorr schrieben für Otto. Auch ein Thema zur Komik und dem Einzug des sinnbefreiten Humors, der implizit dennoch politisch war.

    @Ex-Bockenheimer: Ich würde es gerne tun. Zu schauen, was sich in diesen Jahren in Ton und Stil der Titanic veränderte: Allein, das wäre eine Monatsarbeit, die ich für einen Gotteslohn machen müßte. Selbst als Zeitungsprojekt, wenn ich das dem Freitag anböte oder anderswo, lohnt es sich kaum. Der Arbeitseinsatz stünde in keinem Verhältnis zu anderen Texten, die ebenfalls anliegen. Danke ansonsten für den Hinweis auf Oliver Welke, den ich nicht gut kenne, auf Max Goldt und auf Henscheid. Ich habe Titanic lange nicht mehr gelesen. Also wäre auch dort noch einiges nachzuarbeiten. Meine Titanic-Sammlung geht, mit ein paar Lücken, von September 1980 bis ca. 1988. Dannach las ich nur noch sporadisch und zuletzt gar nicht mehr.

  80. @“Und Droste eben deshalb, weil er sich einen Dreck um die Befindlichkeiten des linken Juste Milieu scherte. “ —- Das ist aber ein Spezialfall. Der hat immerhin einem Mann der ihn wegen seiner Beiträge zur Mißbrauch-mit-dem-Mißbrauch-Kampagne kritisierte angedroht ihn mit seinem angeblichen 30cm-Schwanz arschzuficken. Und die Sturzkampftrinken-Erfahrungen die eine Bekannte mit ihm hatte sprechen auch nicht gerade für ihn.

  81. Dazu muß man immer die Kontexte kennen. Ich bin bei solchen Behauptungen mittlerweile äußerst skeptisch, weil es in der linken Szene mir zu häufig vorkam, das politisch mißliebige Gegenüber einfach mit einer Lüge kaltzustellen. Und die Frage ist ja zudem, wie die Kritik jenes Mannes ausfiel. War sie sachlich und inhaltlich begründet? War sie polemisch? Egal wie: Droste gehört zu denen, die sich über die Befindlichkeiten eines bestimmten Milieus amüsieren. Und man muß eben die Bücher manchmal vom Menschen trennen, sofern an solchen Vorwürfen denn etwas dran ist.

  82. >“Dazu muß man immer die Kontexte kennen.“

    Kontext ist seine damalige Polemik gegen die jene Schwundstufe „linker“ Grüppchen von Betschwestern (damals vornehmlich noch als „FrauenLesben“ daherkommend, heutzutage sich in einen LGBTQ-Buchstabensalat ergießenden Dachschadenbesitzer_Innen).

    https://www.meinfreundderbaum.de/wildwasser-marsch/

    Unlustig, wie che hier diesen lächerlichen Dreck ventiliert (er muss doch wissen, wie solche Vorwürfe durch verfälschende Zitate, absichtliches Mißverstehen und schlichte Lügen zustandegekommen sind).

    Vor allem, da die WiedergängerInnen dieser Moralinpest ja durchaus bei ihm auf Kritik stoßen…

  83. @che: Ja manches ist besser vertraulich und gehört nicht unbedingt in die Öffentlichkeit. Vieles heute wäre besser, wenn dieser Grundsatz vermehrt so gehandhabt würde.

    Ansonsten @ meh: Danke für diesen guten Link. Ich unterschiede sowieso zwischen den Texten und dem Privaten, das mich bei mir persönlich unbekannten Menschen eh nur bedingt interessiert. Der empirische Charakter mag in einem derangiertem Zustand sich befinden, der idealische Charakter als Autor ragt dennoch heraus. In der Philosophie kann man das für Heidegger setzen. Und auch Marx soll im Umgang mit anderen nicht gerade leicht gewesen sein und trotzdem ein wunderbarer Vater seiner Kinder, wenn ich der Neffe-Biographie folge, und seine Schriften sind sowieso von analytischer Schärfe und werden davon nicht im mindesten tangiert.

  84. Köstlicher Droste: Auf den Punkt gebracht und deshalb liebe ich ihn, weil er die Idiotie des eigenen Milieus auf freundliche Art zu beschreiben versteht. Genau so stelle ich mir linke Kritik am Dogmatismus vor. Danke für den Link. Das Teil kommt in meinen Berlintext, der hier bald folgt.

  85. Goldt macht Katz und Goldt – ok. Aber er schreibt seine schönen kleinen Miszellen nicht mehr weiter. Schade.
    Und Henscheid – dazu zweierlei: Er scheint ausgeschrieben. Er hat kaum noch Leser, dafür gibt’s eine Wirtschaft in Ff./M, die Henscheid heißt. Nun ja.
    Beides: Leider, leider.
    Mit Welke war es wohl so, dass er nicht für die Redaktion arbeitete, sondern sich – wie früher Otto, – beim Heft bediente. Sorum ist’s richtig. Ok?
    Mir fällt noch der traurige Fall des ex-Mitarbeiters (und at times ganz witzischn Schreibers) ein, der sich unlängst entleibte. Und Oliver Maria Schmitt lese ich ab und zu mit Reisefeuilletons in der FAZ oder wo, in der Zeit unlängst – naja. Und ein Roman, naja.

    Irgendjemanad hat vor einem halben Jahr den Dekonstrktivismus in der Humorkritik glaub‘ ich sauber auseinandergenommen. Das war zwar die geschätzt fünfhundertste Demontage des Dekonstruktivismus, aber sie zeichnete sich durch Witz und Lakonie aus, in der Tat – sehr schön, wirklich! – Wer war das, ex-Bockenheimer?

    Fazit: Diese kollektive Geistesgegenwart, die die Titanic mal darstellte, ihr blendender Witz, ihr Charme – Tempi passati, weitgehend. Stattdesen linke Irrlichtereien zuhauf. Aggressive auch noch, Blauäugigkeit.

    Wenn ich grad dabei bein: Gottfried Gabriel, „Ästhetischer „Witz“ und logischer „Scharfsinn“‚ – Jenaer Universitätsreden – da, aus diesem kleinen aber sehr feinen Buch, könnte auch Hans Mentz noch jede Menge Förderliches ziehen. Ü b e r r a g e n d!

  86. Ohje, der entleiber war zuzeiten mein‘ ich nun gar Redacteur en Chef?!
    Gegen sein Ende hin hat er’s mit einer Gartenkolumne probiert, die vor Unglück triefte.

  87. Sehen Sie, Herr Kief, wenn man sich ein bisschen bemüht, dann klappt’s auch mit der Genauigkeit! Welke scheint in der Tat gern bei der Titanic zu klauen. Darüber hinaus gibt es wohl mindestens einen früheren Titanic-Redakteur, der heute manchmal Gags für ihn schreibt. Von anderen Titanic-Leuten weiß ich aber, dass sie Welke hassen! Die Humorkritik, die Sie meinen, gefiel mir auch ganz gut. Ich kann Ihnen leider nicht sagen, von wem sie stammt, würde jedoch auf einen der vielen unbekannten Autoren des Blatts tippen. Von der Furztrompete oder dem Kaffeekoch ist sie auf keinen Fall!

  88. @ ex-Bockenheimer

    Danke für die Infos! Oliver Welke interessiert mich kaum, ich hab’s oben schon geschrieben, und ich hab‘ nun nachgeschaut: Die Titanic-Redaktion war mächtig stolz, von dem beklaut (und dann wohl auch bezahlt?) zu werden – daher mein Erinnerungsfehler.

    Mir fällt noch ein – der von mir angesprochene traurige Fall war auch der mit dem größten aller jemals von einem Titanic-Kaptain verursachten publizistischen Wellen, sozusagen, indem er bei Wetten Dass? seine getürkte Buntstiftwette gewann – „wenn ma’s rescht is!“***.

    ** nordbadisch für – so meine ich mich richtig zu erinnern

    PS

    Ich bin einer der wohl sehr wenigen Erdenbürger, die die letzten fünf Henscheid Bücher zumindest angelesen haben (insgesamt sicher 70+% gelesen von all‘ diesen Texten). Er wird immer esoterischer.
    Seine Autobiographie hat leider hie und da Züge von Größenwahn. Er schreibt u. a., er sei so ca. in einer Liga mit Goethe. Goethe ist aber ein Weltwunder, Henscheid ist ein fast alle seiner Zeitgenossen überragender Schriftsteller. Das ist Zweierlei.

    Dass Henscheid sich diese Blöße gibt, so deutlich zu zeigen, dass er nicht ganz kapiert, was Goethe alles erreicht und verstanden hat, spricht natürlich wieder für Henscheid. Dessen Autobiographie ist von solchen peinlichen Schlenkern abgesehen (von denen ich hier nicht alle genannt habe), ein durchaus interessantes und lesenswertes Buch.

    Und dass er die „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ geschrieben hat, war eine wirklich bemerkenswerte und seine Leserschaft auch in Zukunft noch erleuchtende Tat, das steht fest.

    Die Gestalten des Geistes führen ihr Eigenleben, ihre Träger sind in vielen Fällen sozusagen Wirtstiere, das ist ein gemeiner Sachverhalt. Seel hat mal was Interessantes dazu geschrieben: Er hat geschrieben, dass er Hermann Kinder (Der Mensch, ich Arsch, Der Schleiftrog) ewig dankbar sei, weil der ihm sozusagen vorgelebt habe, was die Romanschreiberei für existentielle Kosten zeitigt – so circa ging Seels Gedanken in der 60. Geburtstags-Schrift für Kinder – „wenn ma’s (=mir es) recht is“.

    Achja: Seel fuhr dann (so ca. …) so fort: Kinders Vorbild habe ihm geholfen, von der Anstrengung abzulassen, selber fiktionale Texte zu schreiben. Und auch dafür sei er sehr dankbar.

    Das war bei mir irgendwie auch so.

    Henscheid hat mal wen ganz massiv persönlich angegangen, für den Fall, dass der überlege, einen Roman zu schreiben (ob das der, wie derjenige dann erzählte, reichlich verdatterte Max Goldt gewesen ist? – Kann sein). – Cum grano salis wegen dieser enormen biographischen Folgen, die die Romanschreiberei für ihn hatte, so Henscheid. Fällt mir Piwitt ein: Piwitt sagte mal en passant, dass die Romanschreiberei eine Sache auf Leben und Tod sei. Sei sie das nicht, so tauge sie nicht viel. – Übrigens: auch bei Piwitt, den Henscheid immerhin lobte (wie umgekehrt auch), hie und da („Die Umsegelung von Kap Hoorn durch das Vollschiff ‚Susanne‘, 1909 in 52 Tagen“ hat Henscheid ausdrücklich gelobt), spielt der Alkohol eine nicht zu unterschätzende Rolle.

    Ceterum censeo: Gottfried Gabriel, „Ästhetischer ‚Witz‘ und logischer ‚Scharfsinn“’‚ – Jenaer Universitätsreden – da, aus diesem kleinen aber sehr, sehr feinen Buch, könnte auch Hans Mentz noch jede Menge Förderliches ziehen. Ü b e r r a g e n d! – Wer immer an den theoretischen Fragen interessiert ist, die den Witz und den Scharfsinn mit dem Humor und der Ironie verbinden, lese dieses kleine Buch. Der weithin unterschätzte Gottfried Gabriel hat viele interessante und wichtige Bücher geschrieben, aber dieses kleine da ist ein wirklicher Wurf!

  89. So, dann noch mal meine subjektive Sichweise des Droste-Missbrauch-mit-dem Missbrauch-Komplexes, wobei ich nicht die leiseste Spur einer vagen Ahnung habe wie Droste dies heute sieht.

    Ich möchte nicht bis auf Jäckel, Wolff und Rutschky zurückgehen, sondern nur das schildern was ich von der Debatte erlebt habe. Im Mittelpunkt stand in meiner Wahrnehmung die Auseinandersetzung um Missbrauchsvorwürfe gegen einen Erzieher in einem Montessori-Kinderhort in Coesfeld bzw. zeitweise in Borken (Ein Kinderhort von der Größe eines durchschnittlichen Gymnasiums), die sich letztlich als unbegründet erwiesen, ihn aber seine berufliche Existenz und seine sozialen Kontakte kosteten, und mehrere vergleichbare Fälle, die ich aber nicht mehr auf dem Schirm habe. Mitarbeiterinnen von Zartbitter Coesfeld, die keine ausgebildeten Psychologinnen oder Pädagoginnen waren, hatten anhand eines Handbuchs zur Feststellung von Mißbrauchssysmptomen von Professor Tilman Fürnis Kinder suggestiv befragt und dabei haufenweise Mißbrauchsfälle „festgestellt“. Darauf basierten die Vorwürfe gegen den Erzieher. Die publizistische Mißbrauch-mit-dem-Mißbrauch- Kampagne skandalisierte in der Folge – zu Recht – die betriebene Hexenjagd gegen vermeintliche Kinderschänder und m.E. zu Unrecht die Tatsache, dass Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen das Thema sexueller Mißbrauch von Kindern in der Öffentlichkeit pushten um PR für zusätzliche Jobs in den Beratungsstellen zu betreiben. Droste sprach in dem Zusammenhang vom Mißbrauch als Modesujet in der linken und feministischen Szene. Wer die Stellensituation in den Beratungsstellen kennt wird kaum jemandem einen Vorwurf daraus machen dass diese Thematik halt auch mit Forderungen nach mehr Stellen verbunden wurde; für jeden Dreck wird Marketing gemacht, was ist so verwerflich daran wenn das auch im Bereich Sozialpädagogik geschieht? Der Skandal bestand eigentlich darin dass psychologische Laien sich angemasst hatten Diagnostik zu betreiben und dadurch Unschuldige bedroht wurden, nicht in der tatsächlichen Virulenz des Themas sexueller Mißbrauch. Die Mißbrauch-mit-dem-Mißbrauch- Kampagne lief hingegen darauf hinaus diesen zu verharmlosen, auf diesen Zug sprangen auch sofort Pädophile und Maskulinisten auf. Es war von Anfang an keine Sachdebatte sondern ein sich Verhaken verfeindeter Lager.

    Meine Wahrnehmung des Ganzen war auch keine literarische oder feuilletonistische sondern eine aus der Perspektive von Sozialpädagogen, vor allem geprägt durch die eng befreundete Leiterin eines sozialpädagogischen Kinderhorts in einem sozialen Brennpunkt in Bremen. Für sie und für eine befreundete Psychologin war die Mißbrauch-mit-dem-Mißbrauch- Kampagne ein Versuch, ihnen die ohnehin steinige Arbeit weiter künstlich zu erschweren, mit definitiv antifeministischer Stoßrichtung inklusiver solcher Komponenten auch Vergewaltigung zu verharmlosen. In diesem Kontext fand eine Lesereise von Wiglaf Droste und Fanny van Dannen statt, die von Vereinen wie Zartbitter und Wildwasser sowie autonomen FrauenLesben-Zusammenhängen begleitet wurde. Bevor es zu Störversuchen kam wollte man eigentlich zunächst nur mit Droste diskutieren und ihm den eigenen Standpunkt klarmachen, aber das ließ der nicht zu. Bei einer dieser Gelegenheiten sagte er zu einem Mann, der würde sich für dieses Thema doch nur starkmachen weil er sonst keine Frau mehr ins Bett bekäme und bot ihm an ihn mit seinem 30cm-Schwanz notzuzüchtigen. Erst nach diesem Ereignis nahmen die Besuche von Feministinnen und Autonomen bei Droste-Lesungen den Charakter von Störaktionen bzw. Mahnwachen an. Wie paranoid auf der Gegenseite die Stimmung war bemerkte ich, als wir bei einer Lesung Flugblätter verteilten die unsere Sicht des Themas verdeutlichten und zugleich Fotos von der Lesung machten (für eine Zeitung) und die Besucher annahmen, wir nähmen jetzt von ihnen Fahndungsfotos für eine Sexisten- und Pädophilenkartei auf.

    Eine weitere gute Freundin wollte Droste zu seiner Sicht der Dinge interviewen, da floh er vor ihr von einer Kneipe in die nächste, obwohl er ursprünglich einem Interview zugestimmt hatte. Als sie endlich doch an einem Tisch saßen bestellte er eine Flasche Tequila und trank sie auf ex, bis er nicht mehr sprechen konnte. So unfähig erwies er sich mit Kritik umzugehen.

    Na ja und seither ist Droste für mich nicht satisfaktionsfähig.

  90. Wie gesagt: Das eine ist das Private, das andere sind die Texte von Droste. Dies sollte man schon noch trennen. Der Schokoladenonkel ist gut. Er führt uns mitten ins Absurdistan einer in sich verkapselten Linken.

    „und zugleich Fotos von der Lesung machten (für eine Zeitung) und die Besucher annahmen, wir nähmen jetzt von ihnen Fahndungsfotos für eine Sexisten- und Pädophilenkartei auf.“

    Wie würdest Du es auffassen, che, wenn auf einem linken Plenum irgendwo in Göttingen Leute mit Photoapparat auftauchen, die keiner kennt und die vorgeben, Photos für eine Zeitung zu machen?

    Eine andere Sache hier ist nochmal der Umgang mit Katharina Rutschky in bestimmten Kreisen der sogenannten „linken“ Szene. Wer andere mit körperlicher Gewalt am Sprechen hindert: da ist es schon seltsam, wenn dieselben Leute sich die Emanzipation der Gesellschaft oder sonstwelche Slogans aufs T-Shirt schreiben.

  91. In sich verkapselte Linke würde ich sooo nicht sagen – Träger der Antidrosteproteste war eher so ein Sozialpädagogen- und Selbsthilfegruppenmilieu, Autonome und andere Radikallinke waren nur punktuell dabei als es bis zu organisierten Störaktionen eskaliert war (wobei wir weiterhin den Dialog pflegen wollten). @“Wie würdest Du es auffassen, che, wenn auf einem linken Plenum irgendwo in Göttingen Leute mit Photoapparat auftauchen, die keiner kennt und die vorgeben, Photos für eine Zeitung zu machen? “ —- Da gab es dann im Zweifelsfall den Sprechchor „Kameramann, Arschloch!“, von dem ich mich wenn ich als Pressefotograf unterwegs war allerdings auch nicht beeindrucken ließ. Übrigens kannst Du das Göttingen da raus lassen und vielleicht besser durch Norddeutschland ersetzen, so GÖ-spezifisch ist mein damaliger Handlungshorizont nicht. Was Katharina Rutschky angeht, wie eingangs schon erwähnt, zu der kann ich nichts sagen, ich kannte damals nicht mal ihren Namen.

  92. Man hätte auch Hafenstraße oder in Berlin etwas nehmen können. Es ging hier eher um ein Prinzip. Ich habe mich natürlich ebensowenig von solchen Chören abhalten lassen.

    Ja, Dialog ist eine wichtige Sache. Sehe ich ebenso.

  93. >“Wer die Stellensituation in den Beratungsstellen kennt wird kaum jemandem einen Vorwurf daraus machen dass diese Thematik halt auch mit Forderungen nach mehr Stellen verbunden wurde; für jeden Dreck wird Marketing gemacht, was ist so verwerflich daran wenn das auch im Bereich Sozialpädagogik geschieht? Der Skandal bestand eigentlich darin dass psychologische Laien sich angemasst hatten Diagnostik zu betreiben und dadurch Unschuldige bedroht wurden,[…]“

    Eben. Es gilt, diesen Leuten und Organisationen das Handwerk zu legen; egal was die gerade so treiben.

    In letzter Zeit machen die z.B. in Sachen „Rape-Culture“, mit den gewohnten Methoden und falschen „Studien“, halt immer am Puls der Zeit:
    https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-12/sexualstrafrecht-sexismus-debatte-zahlen

    >“Als sie endlich doch an einem Tisch saßen bestellte er eine Flasche Tequila und trank sie auf ex, bis er nicht mehr sprechen konnte.“

    Finde ich eher witzig, dass er sich in dieser Weise durch Selbstzerstörung aus einer lästigen Situation herauszieht und einfach mal die Entscheidung für/gegen Interview auf kreative Weise verweigert.

  94. Danke für diesen Link und Deine Hinweise. Ja, es geht in solchen Debatten in der Tat um Gründlichkeit und um Analyse, um das Spezifizieren von Sachverhalten und nicht darum, etwas ideologisch zu benutzen und alles über einen Leisten zu schlagen. Vor allem schüttet man damit das Kind mit dem Bade aus und macht ein sinnvolles Anliegen lächerlich.

    Die Idee der Selbstzerstörung hat allerdings etwas. Pfiffig ist es immerhin. Aber ich bin nicht dabeigewesen und bin sowieso bei diesen privaten Dingen sehr vorsichtig. Texte und Fakten kann ich beurteilen und kann Kontexte eruieren. Bei solchen Dingen bleibt es Legende. Die einen sagen so, die anderen werden anderes sagen. Ich selbst zumindest war bisher immer froh, daß es Satikriker wie Droste gibt, die die eigene Szene und ihre teils schlecht durchlüfteten Oberstübchen provozieren und mal ein wenig die Fenster aufmachen. Und Kritik tut manchmal halt weh, und zudringliche Linke würde ich, denke ich, ab einem bestimmten Punkt ähnlich provozieren. Zumindest dann, wenn ich merke, daß Diskussion sinnlos wird. Aber wie geschrieben: ich kenne diesen speziellen Fall nicht, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Und wie bei allen solchen Geschichten höre ich mir gerne verschiedene Seiten an.

  95. >“In diesem Kontext fand eine Lesereise von Wiglaf Droste und Fanny van Dannen statt, die von Vereinen wie Zartbitter und Wildwasser sowie autonomen FrauenLesben-Zusammenhängen begleitet wurde. Bevor es zu Störversuchen kam wollte man eigentlich zunächst nur mit Droste diskutieren und ihm den eigenen Standpunkt klarmachen, aber das ließ der nicht zu.“

    Wer weiss, wie solche „Begleitung“ und „Diskussionen“ aka Interventionen aussehen, der wird dafür jedes Verständnis haben, dass er *seine* Lesung nicht als Bühne für das dumme Gekreische dieser Schabracken missbrauchen lassen wollte.

  96. @Meh: „Es gilt, diesen Leuten und Organisationen das Handwerk zu legen; egal was die gerade so treiben.“ —— In dieser Zuspitzung könnte man genauso sagen, dass es gilt, amnesty international, Greenpeace und Brot für die Welt das Handwerk zu legen, egal was die gerade so treiben. Wildwasser und Zartbitter sind zunächst einmal Trägervereine für Beratungsstellen für Gewalt- und Mißbrauchsopfer. Wenn Du die grundsätzlich als Feinde betrachtest so sind auch wir Feinde.

    „Wer weiss, wie solche „Begleitung“ und „Diskussionen“ aka Interventionen aussehen,“ —- Bis zu dem Zeitpunkt als Droste einem Mann zumindest verbal die Vergewaltigung androhte sollte tatsächlich mit Droste und seinem Publikum nur über die Sinnhaftigkeit der Kampagne diskutiert werden, mit dem Focus dass diese den Jugendhilfeprojekten gerade den Kampf um neue Stellen gewaltigt erschwerte. Das kippte erst nach Drostes Reaktion um. Und wir sind zum Beispiel nicht in die Lesung hineingegangen um zu stören, sondern haben vor der Lesung an die Teilnehmenden Flugblätter verteilt mit denen wir unseren Standpunkt erläutert haben. Alles schön gesittet.

  97. ches Unterscheidungen halte ich schon für wichtig. Allerdings muß man eben auch kritisch sehen, wieweit eine Organisation wie „Wildwasser“ oder „Zartbitter“ (lassen wir die Namensgebung mal außen vor, die ich für problematisch halte) solches künstliches Fahnden nach vermeindlichem Mißbrauch auch unterstützten. Das muß man dann, wie geschrieben, am Detail klären. Und da sollten diese Organisationen dann eben auch hinreichend selbstkritisch sein: Und zwar um der Sache willen, daß Kinder nicht als Sexobjekte mißbraucht werden. Dazu muß man natürlich auch Wechsel im Denken und Wahrnehmen in Anschlag bringen. Waren in den 60ern und 70er Photos von nackten Kindern in Photoalben noch eine eher normale Sache, so ist dies heute in einer doch deutlich prüder werdenden Gesellschaft, mit einem Tabu belegt. Und wenn bei solchen Details und Alben bereits eine Hermeneutik des Verdachts einsetzt, von Leuten, die sich gerne ins Gespräch bringen und ihr Thema in Szene setzen, dann ist in der Tat Vorsicht geboten. Insofern kann man in diesen Fragen nur an die Sensibilität der Beteiligten appellieren. Ich fürchte jedoch, daß das bei dem derzeitigen Stand des Bewußtseins und Wahnsinns oft nichts helfen wird. Zumal die Bereitschaft zur Selbstkorrektur vielfach gering ausgeprägt ist.

  98. >Wildwasser und Zartbitter sind zunächst einmal Trägervereine für Beratungsstellen für Gewalt- und Mißbrauchsopfer.

    Tja, diese hätten wohl bessere Fürsprecher verdient, als diese moral panic Manufakturen.

    >In dieser Zuspitzung könnte man genauso sagen, dass es gilt, amnesty international, Greenpeace und Brot für die Welt das Handwerk zu legen, egal was die gerade so treiben.

    Ja, aber sicher doch. Attac nicht zu vergessen. An die Laterne, wer „konsumkritische Stadrundgänge“ und ähnliche Peinlichkeiten veranstaltet.

    > Bis zu dem Zeitpunkt als Droste einem Mann zumindest verbal die Vergewaltigung androhte

    Die Überzeichnung („30cm“) sollte jedem ermöglichen, diese Äußerung nicht als ernstgemeinte Drohung wahrzunehmen. Aber wie ich schon schrieb, absichtliches Missverstehen um dann um so schöner rumopfern zu können, ist ein Merkmal dieser Kreise.

  99. Es gibt manchmal Mißverständnisse.

    (Aber ich finde nun 30 cm gar nicht so enorm. Vergessen wir nicht: In den Niederlanden gibt es den Horse Club – da kommt nicht jeder rein.)

    Anonsten sage ich es mit dem legendären Funny van Dannen: Schade, scheiße

  100. >Es gibt manchmal Mißverständnisse.

    Und es gibt nachträgliche Rechtfertigungen für die eigene Eskalation, da wird dann gerne alles genommen, was irgendwie hingebogen werden kann; das dumme Publikum im eignen Camp schluckt diesen Unsinn bereitwillig und verbreitet den weiter.
    So wird dann der arme Droste zum „Täter“ wg. „verbaler Vergewaltigungsdrohung“, wo er sich bloß über das FrauenLesben-Männchen lustig gemacht hatte.

  101. Erstaunlicherweise habe ich den Herrn Droste bis zum heutigen Tag nie persönlich kennengelernt. Aber aufgrund eigener Beobachtungen und der Schilderungen zahlreicher gemeinsamer Bekannter kann ich ihn bis zu einem gewissen Grad einschätzen und hier erneut korrigierend eingreifen.
    Wiglaf D. verfügt, erstens, keineswegs über einen Riesenpenis und hat, zweitens, auch niemals einem „Genossen“ von Che ernsthaft mit Vergewaltigung gedroht. Drittens ist die Tequila-Ankedote sehr hübsch. Sie gehört aber klarerweise in den Bereich der urbanen Legenden. Ums Trinken im Allgemeinen und um das Trinkverhalten von Droste im Besonderen ranken sich ja ohnehin zahlreiche Gerüchte. Viertens und abschließend kann man zugeben – selbstkritischer als die Gegenseite sollten wir schon sein -, dass Wiglaf D. nicht gerade ein Virtuose der Deeskalation war. Manche der infantilen Störer hätte er seinerzeit aus taktischen Gründen vielleicht doch besser nur auslachen sollen.

    Anderes Thema:
    Ihre Werbung, werter Herr Kief, hat sich ausgezahlt. Auf meinem Häufchen zu lesender Bücher liegen gerade zwei anregende Werke von Gottfried Gabriel. Vielen Dank für Ihre hartnäckigen Hinweise.

  102. @ ex-Bockenheimer – wg. Gottfried Gabriel – lassen Sie es nur auch die Welt wissen, wenn Sie nach der Lektüre ähnlich empfinden!
    (Ich kenne keinen anderen Schreiber, der so gut und zugleich so wenig gelesen wäre).

    PS
    ((Hartnäckigkeit wird gerne unterschätzt oder falsch einsortiert – cf. the big five character traits (aber die nun als p o s i t i v e s Beispiel))).

    @ meh

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8732053.html

    Das war einer von hunderten (!) vergleichbar gelagerter Fälle (=Falschbeschuldigungen /Fehlurteile) in der westlichen Hemisphäre in Sachen Kindesmissbrauch. Neben Gisela Friedrichsen war Katharina Rutschky eine der ersten, die gemerkt und öffentlich gesagt haben, dass da etwas entschieden schief läuft.

    (Ich habe mich gefragt, ob in den Pizzagate-Phantasien nun rechts ganz ähnliches Material an die Oberfläche drängt wie ehedem links – cf. Jonathan Franzen – – Purity (=Unschuld).

  103. @Ex-Bockenheimer
    >dass Wiglaf D. nicht gerade ein Virtuose der Deeskalation war. Manche der infantilen Störer hätte er seinerzeit aus taktischen Gründen vielleicht doch besser nur auslachen sollen.

    „Die andere Wange jesusmässig hinhalten ist Quatsch mit Sosse
    In seine Feinde soll man Löcher machen, und zwar grosse.“
    https://www.treibhaus.at/kuenstler/280/wiglaf-droste?c=W

    Ich bin geneigt, ihm da zuzustimmen.

    @Dieter Kief:
    Umso gemeiner, da diese Mode, wie auch so manche andere Dummheit, mit einiger zeitlicher Verzögerung in Deutschland ankam, nachdem der Mist (mitsamt den zweifelhaften Methoden der suggestiven Befragungen & „Believe the victiim1!!1) in den USA der 80er schon zu Opfern geführt hatte & aufgedeckt worden war:
    https://en.wikipedia.org/wiki/McMartin_preschool_trial
    https://en.wikipedia.org/wiki/Satanic_ritual_abuse

    Trotz dieser Erkenntnisse haben diese „Beratungsstellen“ damit hier einfach weitergemacht; die hatten ihren „Hexenhammer“ und in ihrer Weltsicht bestand die Umwelt nur aus Nägeln (der Bestie „Mann“).

    Hier ein weiterer historischer Datenpunkt zum Elend jener autonomer Morallinken:
    http://www.infopartisan.net/archive/bok/bokn17.html#q01

  104. So schließt sich der Kreis. Die Ereignisse in Tübingen, die ich vom Hörensagen kannte, schwebten mir vor, als ich schrieb, dass Droste nicht unbedingt ein Virtuose der Deeskalation war.

  105. @“Drittens ist die Tequila-Ankedote sehr hübsch. Sie gehört aber klarerweise in den Bereich der urbanen Legenden. “ Nix da. Das hat eine Kollegin und sehr gute Freundin so erlebt und mir direkt am Tag danach in einem Telefongespräch berichtet. Dass der Mann, demgegenüber Droste „Du Schleimer, du schleimst dich bei Frauen ein, weil du sonst keinen Stich kriegst“ brachte (Für den Spruch würde sich übrigens in jedem Umfeld in dem ich mich so bewege jeder dauerhaft zur persona non grata machen) ein Genosse von mir gewesen sei habe ich nicht gesagt, ich kannte den gar nicht. Von dem Ereignis hatte ich nur aus einem Reader erfahren.Dass die Ereignisse in Tübingen sich so tumultuös abgespielt haben war mir ebenfalls neu.

  106. Lassen Sie sich von Ches Leichtgläubigkeit nicht verwirren: Man schafft es gar nicht, die Flasche zu exen. Weder Sie noch ich, noch Wiglaf Droste.

  107. Abgesehen davon, dass ich schon einen Kollegen erlebt habe der an einem Abend eine komplette Flasche Glenfiddich leergetrunken hat und am nächsten Morgen Kundengespräche geführt hat bleibt es sich gleich, ob Droste eine Flasche Tequila auf Ex getrunken oder viele Gläser Tequila geleert hatte, Fakt bleibt, dass er sich bewusst Incommunicado gesoffen hat um nicht mehr interviewbar zu sein, kein Zeichen von Charakterstärke.

  108. > „[…] jedem Umfeld in dem ich mich so bewege jeder dauerhaft zur persona non grata machen“

    Das klingt wie „Auschluss aus allen Zusammenhängen“; der postautonome Dachschaden schein nach Jahrzehnten noch nicht abgeklungen. Solche Typen soll’s aber tatsächlich geben, siehe „allies“ bzw. „whiteknights“ heutzutage bzw. damals in diversen „Männergruppen“.

    Sind eigentlich Morgenlatten immer noch verpönt in diesen Umfeldern?

  109. Kenne keine Umfelder in denen Morgenlatten verpönt sind, mein eigenes ist eher lustmolchig. Wer „Du Schleimer, du schleimst dich bei Frauen ein, weil du sonst keinen Stich kriegst“ noch dazu verbunden mit Tätlichkeiten etewa gegen einen Kollegen bringt würde wenn er ein Angestellter wäre in jeder Firma die ich kenne mindestens eine Abmahung wenn nicht die fristlose bekommen und wenn er ein HGBler wäre Büroverbot. Das hat jetzt gar nichts mit autonomen Zusammenhängen zu tun, in denen reichte die Reaktion dann vom endlos diskutierenden Plenum bis hin zu auffe Fresse.

  110. Ich stimme mit Dir, Meh übrigens vollkommen darin überein dass das verfluchte Moralspackentum wesentlich für den Niedergang der linken Szene und die Abkehr vom Klassenkampf mitverantwortlich ist, wer mich kennt weiß dass ich diesen Moralrigorismus mal erbittert mal humoristisch seit Jahrzehnten bekämpfe, aber Droste ist dafür einfach ein schlechter Gewährsmann. Seine Positionen in der Missbrauch-mit-dem-Missbrauch-Auseinandersetzung stehen ja nicht für sich allein. Als er den Auftrag hatte einen Artikel über seinen Kollegen Max Goldt zu schreiben, der eigentlich als Hommage angedacht war, begab er sich zu dessen Wohnung, traf ihn nicht an, fischte daraufhin Briefe aus Goldts Briefkasten (oder brach ihn auf, das weiß ich nicht mehr so genau), öffnete und las sie und schrieb dann einen Artikel, in dem er genau diesen Vorgang schilderte, aus den persönlichen Briefen an Goldt zitierte und das ganze „A la recherche de Schwulibert Geilhuber“ betitelte. Wie ich ihn wahrnehme ist Droste ein über die in der Gesellschaft Schwachen bzw. irgendwie Marginalisierten zynisch ablästernder Mehrheitsgesellschaftler, der in linken Umfeldern wildert.

  111. „Du Schleimer, du schleimst dich bei Frauen ein, weil du sonst keinen Stich kriegst“. Manchmal muß man es drastisch machen, um sich bestimmte Leute vom Hals zu halten.

    Aber das alles, che, ändert nichts an den gelungenen Texten, Drostes. Schokoladenonkel führt genau den moralischen Durchfall einer dauererregten Linken vor. Wo der gesamtgesellschaftliche Kampf nicht mehr gelingen kann, kapriziert sich diese Linke eben aufs Symbolische. Heute haben wir das in Münkler-Watch und irgendwelchen absurd-dadaistischen cultural-approbiation-Sachen. (Schuld daran sind übrigens nicht nur die, die das so machen,sondern genauso die, die das als Reaktion mitmachen und darauf in Debatten noch reagieren, anstatt einfach das große Auslachen zu beginnen.)

    Ansonsten: Empirischer und idealisch-künstlerischer Charakter müssen nicht identisch sein. Mich interessiert Droste nicht die Bohne als Mensch, sondern seine Texte sind anregend und gute Satire auf eine Linke, die lange schon abgedankt hat. Auch aufgrund des Dauergebrauchs von Vokabeln wie Mehrheitsgesellschaft und Marginalisierte.

    Sofern das mit Max Goldt so stimmte, ist das übrigens ein Anlaß Strafanzeige zu stellen. Hat er das getan?

  112. @ @ che2001 u. Bersarin

    Onkel Max stellt keine Strafanzeigen wegen sowas (ich muss sagen, ich staune – wie erscheint hier dieser Herr Droste hier? Wer druckt solche Artikel von dem? Hat das so stattgefunden, oder hat Herr Wiglaf das einfach erfunden, um wizisch zu sein – w a r er auf diese Weise wizisch,und che hat es nicht gemerkt? – Fragen über Fragen).
    Aber es ist klar, dass bereits die Tatsache, dass man über solche Geschichten hier spricht – und die kommt nicht von ungefähr, wie es aussieht, das ansehen von Herrn Droste beschädigt – for the better or worse. Herr Droste schein ein periodischer Selbstzerstörer zu sein.
    Ich denke gerade an Wiglaf Droste und Akif Pirincci. Ein wichtiger Unterschied ist wohl, dass Akif Pirincci ein sehr friedlicher Mensch ist.

  113. Wenn Max Gold keine Strafanzeige stellte, dann ist doch alles in Ordnung und ich sehe das Problem nicht. Der Unterschied zwischen Wiglaf Droste und Akif Pirincci sollte eigentlich klar auf der Hand liegen, was das Politische betrifft. Droste gehört natürlich zur Linken, wie auch die Antideutschen oder die von Che so verachteten Freiburger vom Ca ira-Verlag dazugehören. Politische Gruppierungen sind in der Regel heterogen angelegt und es gibt sehr unterschiedliche Richtungen, von DKP, über linke Sozialdemokraten, Autonome und unddogmatische Spontis und in neuerer Zeit eben die sehr Israelfreundliche Bewegung, was ja wegen des Kibbuz-Modells nicht allzu verwunderlich ist. Ähnliches gilt auch für alle anderen politischen Gruppierungen: Sie sind vielfältig. Und Droste ist eben ein Teil dieser Linken. Und zwar in meinen Augen noch der bessere Teil, der mit Witz das Absurde aufspießt. Insofern wundere ich mich auch wegen Deines Verve gegen Droste. Denn eigentlich, so wie ich Dich kenne, ist das doch auch Deine Art von Humor, mit Absurdistan umzugehen.

    Wer allerdings als Linker irgend etwas im größeren Rahmen bewegen will, sollte dann doch die Mehrheitsgesellschaft irgendwie ansprechen. Ansonsten macht man eben Projekt 0,18 Prozent, wie jetzt die Gendergagaisten oder Leute wie Sow oder Hängefett Yoghurtbäh, und muß sich nicht über die eigene Wirkungslosigkeit beklagen.

    Prozesse des Überzeugens können freilich dauern. Gut hat man das an den Grünen gesehen. Sie traten einen Marsch durch die Institutionen an und sind nun mitten darin gelandet. Bei Leuten wie Habeck und Katharina Schulze, die ich nicht einmal uninteressant finde, kann man das gut sehen.

  114. @ Bersarin
    „Wenn Max Gold keine Strafanzeige stellte, dann ist doch alles in Ordnung und ich sehe das Problem nicht.“

    Das ist nicht richtig. Also die Prämisse ist nicht richtig.

  115. Na ja, dann wird diese Angelegenheit wohl nicht so schlimm gewesen sein, sofern sie denn überhaupt in dieser Weise stattfand, wenn keine Anzeige erfolgte. Ob bei Goldt alles in Ordnung ist oder nicht, kann man natürlich nicht wissen. Und es interessiert mich auch nicht. Und da die Sache nur über Gerüchte und Erzählungen existiert und nicht aktenkundig ist, sollte man sie dann halt auch zu selbigen legen.

  116. Was heißt hier Gerüchte, Erzählungen und nicht aktenkundig? A la recherche de Schwulibert Geilhuber ist ebenso einer von Drostes veröffentlichten Texten wie Der Schokoladenonkel bei der Arbeit, auch seine Auftritte bei öffentlichen Lesungen sind Teil seins Werks und nicht etwa davon abzutrennende private Aspekte seiner Persönlichkeit., wenn diese nämlich im Kontext der Rezeption seiner Texte stattfinden.

  117. @“und in neuerer Zeit eben die sehr Israelfreundliche Bewegung, was ja wegen des Kibbuz-Modells nicht allzu verwunderlich ist.“ Das Eine hat nichts mit dem Anderen zu tun. Die Kibbuzzim sind längst nicht mehr die Kommunen der Pionierzeit sondern hochkommerzielle Agrarbetriebe, und der Proisraelismus der Antideutschen, von denen sich einige als „Die Abrissbirne der linken Szene“ betrachten hat mit dem realen Staat Israel gar nichts zu tun, sondern ist ein Israelwegendershoahgutfindeschlechtgewisslertum verbunden mit einem Freund-Fein-Schematismus, der sich aus der Tatsache ergibt dass die klassisch antiimperialistische Linke propalästinensich ausgerichtet ist. Das hat alles nichts mit einer empirischen Ausrichtung an aktuellen politischen Problemen oder Klassenkämpfen zu tun (dann müssten sie sich mit den israelischen Streik- und Occupy-Bewegungen solidarisieren) sondern ist eine säkularisierte Religion mit Israel als Utopie und einer Kitschfassung der Kritischen Theorie als Gebetbuch.

  118. Das mag alles so sein. Mir ging es auch gar nicht so sehr um die inhaltliche Gewichtung dieser Thesen, und Leute, die annehmen, daß das Nichtidentische nun in Israel verwirklicht sei, haben von Adorno nicht viel begriffen, wenn sie eine komplexe Philosophie derart unmittelbar reifizieren.

    Worum es mit ging: Daß die Linke ein plurales Gebilde ist, mit sehr unterschiedlichen Leuten.

  119. Etwas ganz Anderes stach mir hinsichtlich dieser unseligen Mißbrauchsdebatte und der Reaktionen darauf schon immer ins Auge: Während zunächst Droste und Rutschky von SozialpädagogInnen, Lehramtsstudierenden usw. angegriffen wurden, mithin Leuten, die beruflich mit dem Missbrauchsthema zu tun hatten stürzten sich darauf auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung Autonome und Feministinnen, die sich sonst mit Antifa, Castor-Blockaden oder Alltagssexismus beschäftigten, aber nicht mit dem speziellen Thema Missbrauch von Kindern. Und da entstand bei mir und meinen GenossInnen der böse Verdacht, dass dies damit zusammenhängt dass vergewaltigte Kleinkinder die idealen, völlig unmündigen Opfer sind, anhand derer sich für diese einsetzende AktivistInnen toll narzisstisch-heldenmäßig inszenieren können, Objekte in doppeltem Sinn. Tatsächlich und in diesem Zusammenhang konsequent ging es nach der Erledigung der Missbrauchskampagne mit Tierrechten weiter: Noch idealere Objekte.

  120. Genau da liegt auch für mich das Erschreckende, daß gerade bei ausgebildeten oder halb ausgebildeten Leuten jegliches Bewußtsein für Differenzierung fehlt. Klar, Rutschky ist qua intellektueller Ausbildung in diesen Dingen weiter und hat einen struktuierteren Blick für Inhalte. Insofern konnte sie eben auch ganz klar das Kampagnenhafte dieser Mißbrauchsgeschichten erkennen und es prägte sich da ein wichtiger Titel, der den politischen Unfug gut benannte: Mißbrauch mit dem Mißbrauch. (Unabhängig jetzt mal von Drostes wilden Aktionen, die solcher sachlichen Auseinandersetzung sicherlich nicht förderlich sind.) Und da liegt eben bei Teile der Linken das Problem: Es bleibt bei Kampagnenpolitik und bei großen Worten: Das persönliche Aufspielen und der Gebrauch des Wortes Patriarchat oder anderer Slogans ersetzt den politischen Diskurs. Wer jemals in den 80er Jahren in einer Studentenvollversammlung, bei einem Asta-Plenum oder bei sonstigen Aktionen von sogenannten Studentenvertretern saß, wird ungefähr wissen, was ich meine.

    Ein weiterer Aspekt ist der der politischen Relevanz. Diese ist für soziale Bewegungen eine kostbare und wichtige Ressource. Was nun die Besetzung dieses Themas betrifft, würde ich auch sagen, daß es zunächst diesen Leuten darum geht, politische Markierungen zu setzen und sich mal wieder für eine Sache ins Spiel zu bringen. Da die Gesamtrettung der Menschheit ausfiel und auch die große proletarische Revolution mangels westeuropäischem Proletariat auf unabsehbare Zeit vertagt wurde, wird sich eben für die 90er auf Partialobjekte kapriziert. Post-Apo-Blues. Diese Spiele der politischen Aufmerksamkeitsgenerierung unter Absehen von allem Inhaltlichen wiederholt sich heute ja bei Themen wie critical whiteness. Heute hat man den Neger als paternalistisches Objekt der Sozialfürsorge entdeckt. Und noch eindeutik hellheutige Charaktere, wie etwa die irrsinnige Sibil Schick hält sich für eine PoC bzw. eine WoC .

    Dazu kommt, daß sich für solche sozialen Studiengängen häufig Schneeflocken interessieren, die in einer Dauersensiblisierung eben für solche weichen Themen eher empfänglich sind. Küzrlich auch wieder bei den Sozialpädagogok-Studenten der Alice Salomon Hochschule zu erleben, die jenes Gomringer-Gedicht übertünchen lassen wollten.

    Allerding: Tiere und Kinder gehen immer gut. Wer ist schon dafür, daß man Kinder mißbraucht? Und dann braucht man auch nciht mehr inhaltlich zu sehen, sondern mittels einer Hermeneutik des Verdachts werden die Gegner gejagt. Treffen kann es jeden.

  121. >“Und da entstand bei mir und meinen GenossInnen der böse Verdacht, dass dies damit zusammenhängt dass vergewaltigte Kleinkinder die idealen, völlig unmündigen Opfer sind, anhand derer sich für diese einsetzende AktivistInnen toll narzisstisch-heldenmäßig inszenieren können, […]“

    Ja, das ist einleuchtend.
    Wo da allerdings der Unterschied zu denen bestehen soll, die „was mit Menschen machen“ (da sollte es jeden schaudern, der Nerven hat) als sogar als Beruf & Karriere ergreifen, ist nicht klar.

    Sowas hat immer auch schon miese Charactere angezogen, die an dieser Stelle (mit der Macht und dem Geld des Staates im Rücken) die Möglichkeit bekamen, ihre Schützlinge zu schurigeln, natürlich immer mit dem besten Gewissen im Interesse der so Betreuten.

  122. Der Unterschied besteht darin dass die Einen sich ein Thema aussuchten dass nur kurzfristiges Kampagnenthema war aber mit einer identitär aufgeladenen Inbrunst vertreten wurde die ihresgleichen suchten während die Anderen zum großen Teil von einem ehrlichen Interesse getrieben wurden ihre Schützlinge zu schützen. Von miesen Charakteren würde ich bei denen die mir begegneten nicht sprechen sondern eher von besonders verantwortungsvoll denkenden und handelnden Menschen.

  123. Che, in diesen Dingen hat sich ein Teil der Linken herheblich diskreditiert. Das Gutgemeinte ist eben in den seltensten Fälle das Gute. Und man kann da immer wieder nur Katharina Rutschky zitieren: Den Mißbrauch mit dem Mißbrauch anzuprangern und ein Geschäftsmodell wie das von Zartbitter etwa kritisch zu hinterfragen. Private Hexenjagd führt dann eben genau dazu, daß nun genauer hingeschaut wird. Daß es bei jenen, die Kinder vor Mißbrauch schützen wollen, natürlich ehrliche und ehrenwerte Menschen gibt, steht außer Frage. Und gerade weil es Mißbrauch gibt, sollte man die Prüfung solcher Dinge nicht wildgewordenen Kollektiven überlassen, die sich da ihr linkes Mütchen kühlen wollen oder aus sonstwas für dubiosen Motiven handeln.

    Ansonsten systematisch für diesen Mißbrauch mit dem Mißbrauch auch die Wormser Prozesse

    https://de.wikipedia.org/wiki/Wormser_Prozesse

    Zum Montesorri-Prozeß in Münster:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Montessori-Prozess

    Erschreckend, wie selbsternanne Tugendwächter ganze Familien und Schicksale zerstören. Es zeigt dies aber, daß jene Dinge, die im Mittelalter unter dem Titel „Hexenverfolgung“ geschahen, eben auch heute noch in anderer Form aktuell sind. Vielleicht auch eine anthropologische Konstante, was da Schlechtes im Menschen wirkt. Dem Furor entgegenstellen kann man sich eben nur durch Aufklärung. Der Mensch ist eben aus krummem Holz, wie Kant wußte und deshalb auch meine große Skepsis gegen diese volkspädagogischen Konzepte von links.

    Solche Vereine wie Zartbitter sind hochproblematisch, sofern sie Ermittlungsaufgaben übernehmen. Ihre einzige Aufgabe sollte darin bestehen, Betroffenen zu helfen, ihnen Anlaufstellen zu nennen und psychologische Hilfe zu verschaffen.

  124. @“Solche Vereine wie Zartbitter sind hochproblematisch, sofern sie Ermittlungsaufgaben übernehmen. Ihre einzige Aufgabe sollte darin bestehen, Betroffenen zu helfen, ihnen Anlaufstellen zu nennen und psychologische Hilfe zu verschaffen.“ ——– Das machen Sie zum größten Teil. Das was da passiert ist war eine Entgleisung einer einzelnen Fraktion eines ansonsten honorigen bundesweiten Netzwerks. Und bei solchen Aktionen sollte man nicht die Sogwirkung der Gruppendynamik verkennen. Die kenne ich aus eigenem Erleben zur Genüge.

  125. Solche Sogwirkung mag ja, wenn da die Judäische Volksfront gegen die Volksfront von Judäa streitet, noch eine gewisse Komik für Außenstehende haben. Wo aber konkret Menschen von Vorwürfen betroffen sind, muß man Rationalität und ein hohes Maß an Verantwortung erwarten – dazu kommt, daß es sich hier um schwerwiegende Vorwürfe handelt und nicht einfach um falsche Mülltrennung, die für Linke sicherlich auch ein Thema ist, oder daß da in der Plenumsgrppe ein Mann einer Frau auf die Titten starrte. Wenn es schon bei derart kleinen Dingen nicht klappt, möchte ich eigentlich nicht erleben, wie es dann bei größeren Sachen wie zum Beispiel einer Weltrevolution läuft. Aus genau solchen Gründen sehe ich diese kollektiven Prozesse skeptisch. Und aus diesem Grunde, wegen solcher Leute hielt ich mich von (linken) Gruppenbildungen fern. Nichts gegen Streit in Kollektiven, der tut oft not. Aber die Dogmatik, mit der er ausgefochten wird, ist schon erschreckend. (Ist aber wohl in politischen Parteien vermutlich nicht anders.)

  126. Da gibt es ja auch genug Grauzonen und Übergänge. Ich kenne da Geschichten wie die vom CDU-Abgeordneten der Verschlusssachen aus dem Innenausschuss in die autonome Szene schleuste weil er hoffte auf diese Weise einen Skandal provozieren und auf dem Ticket es zum Innenminister bringen zu können. Blöd nur dass wir ihn über seine Kinderfickereien leider in der Hand hatten….

  127. @“Der erhobene Zeigefinger „Das darfst du nicht!“ oder „ein ungutes Bauchgefühl“ werden zum Maßstab für literarische Referenz, was geschrieben werden darf und was nicht.
    Man könnte denken, solches Labeln von Prosa sei kunstkritisch nicht weiter relevant oder sei eine Satire auf den Betrieb, irgendwas zwischen den Romanen von Tom Wolfe, Martin Walser, Philip Roth oder Eckart Henscheid. Denn jeder wisse im Grunde um die Funktion autonomer Kunst und damit auch um den Unterschied zwischen realem Sprechen und Rollensprechen, zwischen fiktiven Texten und Sachtexten, wie etwa einem Zeitungsartikel.“ ——- Das hat eine Wirkungsgeschichte die schon 1988 mit Alice Schwarzers Anti-Porno-Kampagne anfing die vom feministischen Fußvolk und Teilen der linken Szene dahingehend missverstanden wurde ein Zensurrecht ausüben zu wollen was dann in Forderungen mündete die Werke de Sades und Bukowskis oder Filme wie Pasolinis 120 Tage von Sodom zu verbieten. Was damals randständige gesellschaftliche Szenen prägte ist heute fast Mainstream.

  128. „Was damals randständige gesellschaftliche Szenen prägte ist heute fast Mainstream.“

    Ja, das ist heute leider zunehmend der Fall. Zumindest sind solche Haltungen bis weit in die Mitte von Studenten vorgedrungen. Allerdings stehen in diesen Kreisen bei den oben im Text genannten Texten noch keine Verbotsforderungen im Raum. Etwas anderes ist die Sache mit dem Gomringer-Gedicht.

  129. Ja aber die Transmissionsprozesse sind bezeichnend: Schwarzer forderte ein Recht für Frauen sich gegen als besonders erniedrigend wahrgenommene Pornographie durch eine Art Schmerzensgeld verteidigen zu können in der Erwartung dass die Pornoproduktion (dabei war vor allem an Snuff-Vergewaltigungs- und Hardcore-SM-Pornographie gedacht) dann insgesamt zurückgehen würde, die Unilinke die gar nicht weiß was Pornos sind (die in Folie eingeschweißte Ware frei ab 18) übersetzt das als Zensurforderung und wendet die begeistert an gegen Literatur die sie kennt. Fazit: Erst die Landkarte mit dem Territorium verwechseln und dann auch noch sich aussichtslos verlaufen. So war es damals, so ist es heute.

  130. Das ist leider eine dieser weitverbreiteten Verwechslungen und daheraus resultiert am Ende viel des Verlaufens und mehr noch des haltlosen Herumirrens und der symbolischen Ersatzhandlungen.

    Zur Frage der Pornographie: das ist in der Tat eine komplexe Diskussion. Zumal es ja auch feminstische Pornographie gibt und Feministinnen, die diese explizit verteidigen. Man muß also sehr genau sehen, welche Formen da gemeint sind.

  131. Pingback: Hanno Rauterberg: Wie frei ist die Kunst? | Begleitschreiben

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