Paris – Mythen des Alltags

„Der Traum eröffnet nicht mehr eine blaue Ferne. Er ist grau geworden. Die graue Staubschicht auf den Dingen ist sein bestes Teil. Die Träume sind nun Richtweg ins Banale. Auf Nimmerwiedersehen kassiert die Technik das Außenbild der Dinge wie Banknoten, die ihre Gültigkeit verlieren sollen.“ (Benjamin, Traumkitsch)

Obwohl ich Rom lieber mochte als Paris, weil ich das Antike und Alte mit der Hand geradezu greifen und berühren konnte, während es in Paris dicht hinter Plexiglas verschlossen und in Vitrinen verborgen lag, und obwohl ich Lissabon immer noch für die schönste Stadt Europas halte, weil die Traurig-Schöne an einem großen Fluß ragt und schon den Geist des Meeres atmet, oder mit andren Worten: weil ich dort das Meer bemerke – unbedingt lesenswert übrigens von Alban Nikolai Herbst zum Meer sein Roman „Traumschiff“ – und als Hamburger liebt man nun einmal breite Flüsse und die Meere, war ich doch immer in Paris verschossen. Aber es ist eine andere Zuneigung als zu Rom oder zu Lissabon, eine andere Form der Schönheit. Was für eine Schönheit zeichnet Paris aus und was ist es, das so viele an einer Stadt wie Paris lieben? Sie ist laut. Sie ist hektisch. Sie ist voll von Menschen, die sich auf die Füße treten und durch die Stadt hetzen. Es gibt kaum Grün, allenfalls die vielen kleinen Parks sind eine Oase mitten im Lärm der Stadt. Wer mit dem Flugzeug anreist oder von Südwesten mit dem Auto von der Anhöhe auf die Stadt sieht, die in diesiger Ferne daliegt, blickt auf einen grauen Moloch aus Stein und auf Dächer aus Zink. Dennoch schlägt manchem das Herz höher und bis zum Hals, wenn es dann nach Paris hinein geht. Place d’Italie, Boulevard de Blanqui. Oder wenn der Flieger in Orly aufsetzt und französischen Boden berührt.

Aber was macht den Zauber einer Stadt aus, wie wird sie zum Mythos, wie schreibt sich eine Legende? Dieser Frage geht im Literaturmuseum Marbach die Ausstellung „Die Erfindung von Paris“ nach, Deutschlandradio Kultur brachte es in einem Bericht:

„In vier Räumen des Marbacher Literaturmuseums erzählen Anekdoten und Schwarz-Weiß-Fotografien Geschichten aus einer unvergleichlichen Stadt. Der Ausstellungsflyer gleicht einem stilisierten Stadtplan mit Theatern, Cafés und Sehenswürdigkeiten. Die Besucher werden zu Flaneuren und stoßen wie beiläufig auf die Spuren von 17 ausgewählten, deutschsprachigen Autorinnen und Autoren. Sie alle haben unsere Vorstellung von Paris geprägt.

‚Paris hat sehr viele Erfinder gehabt‘, sagt der Direktor des Deutschen Literaturarchivs, Ulrich Raulff:

‚Das waren französische Autoren, aber das haben im 20. Jahrhundert ganz wesentlich auch deutsche Autoren getan. Und die Franzosen haben das in Anführungsstrichen mit sich machen lassen, die haben das anerkannt. Also, die wissen, dass der Mythos von Paris ganz Wesentliches Rainer Maria Rilke und Walter Benjamin verdankt.‘“

Und diese Frage bleibt im Kopf hängen: Was macht den Reiz? Sie ist nicht einfach zu beantworten, genausowenig wie die Frage „Was ist deutsch?“ Es läßt sich nicht definieren, was deutsch oder was Paris ist, sie beantwortet und erschöpft sich nicht in der Aufzählung von Merkmalen. Um es ein wenig zu wittgensteinisieren oder auch mit Adorno anzugehen: Es handelt sich, wie bei dem Begriff des Spiels, um eine Praktik. Wir begreifen sie, indem wir Klavier spielen, indem wir zusammen mit Kindern spielen, Fußball spielen, Schach oder Skat. Bloß die Regeln von Skat, Räuber-und-Gendarm, Super-Mario oder Fußball zu kennen, zeigt noch nicht, was Spielen ist. Man muß dasein, dabeisein: eine Lebensform wird durch die lange Teilnahme verinnerlicht. Wer einmal durch die Straßen von Paris spaziert, ohne jedes Wissen von der Stadt, mag vielleicht etwas ahnen, aber diese Ahnung bleibt vage.

Paris ist das, was Walter Benjamin so treffend den Traumkitsch nannte. Es mischen sich beim Klang des Namens die Szenen, teils vom kollektiven Unterstrom besetzte Bilder – sei es das kulturindustriell gefertigt Motiv Moulin-Rouge-Mythos, Can-Can-schwingende Weibsbeine, das Viertel im Montmartre, Kackre Coeur wie meine damalige Frau zu sagen pflegte – sie mochte Paris und die arroganten Bewohner nicht. Ich erzählte ihr lieber nicht, daß im Jahre 2004 das Verhalten der Eingeborenen aus Lutetia sich im Vergleich zu den 80er Jahren erheblich besserte. Den Mythos bekräftigen ebenfalls solche wunderbaren Paris-Filme wie Hôtel du Nord, À Bout de Souffl, Midnight in Paris oder der kitschig-schöne Film Le Fabuleux Destin d’Amélie Poulain, tragen dazu bei. Wir sehen mit dem imaginären Auge immer noch die alten Citroens, Renaults und Peugeots in der Avenue Matignon, auf dem Boulevard Raspail, in der Rue Rodier, denn beim Klang von Paris haben wir ebenso die 30er, 40er und die 50er Jahre im Kopf und manche auch die Zeit, als die Deutschen an der Seine herrschten. Wir denken an die Chansons von Piaf oder Jacques Dutronc, an die bildenden Künstler, an Picasso oder die Surrealisten. An Wein, ans gutes Baguette mit Käse und Wurst, ans Centre Pompidou, an den Friedhof Père Lachaise, an die Bücher, die wir lasen und die uns, wie die Filme, in eine Atmosphäre eintauchten. Paris ist ein Effekt der Bilder.

Daß dieser Mythos bis heute wirkt, zeigen Bücher wie das von Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein & Aprikosencocktails. Philosophie wird hier gleichsam konsumierbar gemacht und auf ein Lebensgefühl hinuntergeschrieben. Dennoch: Das Buch ist nicht schlecht, wenn man die Ebenen trennscharft sieht. Das eine sind die Texte von Sartre und Camus, das andere das, was wir lesend – und das heißt in äußerster Intensität studierend – mit ihnen machen und was wir auf einer gleichsam privaten Ebene aus ihnen machen, in welcher Weise wir diese Texte mit Assoziationen aufladen.

Seltsam freilich, daß selbst im völlig durchrationalisierten Paris des ausgehenden 20. und des 21. Jahrhunderts ein Wunschbild erhalten ist, von dem wir zehren. Sogar noch im eigentlich längst ab- und ausgelebten Saint-Germain-des-Prés, wo schon seit langer Zeit nichts mehr von dem ist, was früher einmal war und wovon Paris zehrt: die Cafés der Existenzialisten wie das Café Flore gibt es noch immer, und sie sehen so aus, wie sie früher aussahen. Aber die wilden Szenen, wo Boris Vian trompetete, wo Camus, Queneau, Sartre und Beauvoir mit Wein und Zigaretten an Tischen hockten, schrieben oder Hofstaat hielten  und der Existenzialismus Mode wurde, sind passé. Wer heute mit schwarzem Rollkragenpullover und Das Sein und das Nichts gut sichtbar unterm Arme eines dieser Cafés betrifft, macht sich eher verdächtig oder lächerlich als  daß er den Geist dieser Zeit erfaßte. Allenfalls als Happeningform, als kulturelles Anschmiegen im Sinne schauspielerischer Mimesis mag das durchgehen. Oder der Umswitch auf Lacan, Derrida und Foucault, die Surrealisten, die Photographien von Brassai oder von Doisneu, die ebenfalls zu einem bestimmten Bild beitrugen, das als eine Art Film immer noch im Kopf mitläuft. Ach, alte Zeit. Und doch ist alles das heute anders. Und doch ist alles wie ehedem. Es halten sich Mythos und Legende dieser faszinierenden Stadt am Leben, irgendwas ist da, schwebt da, webt da in den Gassen, trotzdem in Saint-Germain-des-Prés inzwischen lediglich teure Galerien, Antiquitätenhändler und Modegeschäfte eröffneten, kaum noch finden sich dort die kleine Cafés oder günstige Restaurants, wo man für wenig Geld mal mehr, mal weniger guten Wein trank – selbst der schlechteste Wein damals in den 1980er Jahren war immer noch besser als ein guter Wein aus der Hansestadt.

Allerdings – schön verborgen findet sich in Saint-Germain-des-Prés doch das Wohnhaus des Malers Eugène Delacroix. Man muß ein wenig suchen, bis man dahin gelangt. Ganz und gar traurig-gerührt war ich, als ich im Jahr 2004 sah, daß mein Restaurant in der Rue Bonaparte, wo ich Mitte bis Ende der 1980er Jahre oft aß, weil es günstig war und weil dort zudem viele Kunsthochschülerinnen speisten, denn das Restaurant lag vis-à-vis zur École des Beaux-Arts, bis wenige Tag vor meiner Ankunft noch geöffnet hatte. Ich wollte eigentlich an diesen Ort alter Zeiten gar nicht vorbeigehen, wenngleich die Rue Bonaparte doch unvermeidlich ist, wenn man vom Place Saint-Germain-des-Prés zur Pont des Artes oder zum Pont du Carrousel schlendert, dachte aber: Geh mal an Deinem alten Restaurant vorbei. Und da hing dann ein Zettel: Wie haben seit dem 11. August 2004 geschlossen. Einen Tag nach meiner Ankunft in Paris. Ich hätte es also zu einem Abschiedsmahl noch geschafft, wenn ich einen Tag früher gekommen wäre.

Seltsam aber, daß ich von diesem Restaurant nicht einmal mehr den Namen weiß. Ich habe es nicht einmal photographiert, wie ich sonst so vieles im Photo abbilde, weil dieser Ort mir so derart selbstverständlich war, daß ich gar nicht daran dachte, er könnte irgendwann einmal verschwunden und für immer fort sein. Paris, das ist auch ein Rausch von Namen, die Erinnerungen freisetzen. Allein die Namen der Metrostationen: Porte Dauphine, Oberkampf, Blanche, Monceau, Varenne, Ségur, Duroc, Vaneau, Sèvres-Babylone, Mabillon, Odéon, Place Monge, Port de Lila – es ist wie ein Lautgedicht und Stationsnamen, mit denen ich Geschichten verbinde. Peter Handke brachte das in ein lakonisch-feines Metro-Gedicht:

Métro Balard-Charenton

Bei Sonnenuntergang stieg ich ein
an Motte-Piquet-Grenelle
An Bonne Nouvelle hörte ich auf
das pariscope zu durchblättern
An der Station Filles du Calvaire
war der Flüssigkeitsautomat leer
An Daumesnil waren in einer Vitrine Schuhe ausgestellt
Vor der Porte Dorée sah ich noch Licht
durch einen Schacht kommen
In Charenton-Ecoles
– Mündung der Marne in die Seine –
war es schon Nacht
Im hellen Westen irgendwo
spielte Young Mr. Lincoln

Dazu freilich gesellt sich die Lektüre von Walter Benjamin, von Franz Hessel, von Henry Miller und Raymond Queneaus wunderbare Rotzgöre „Zazie in der Metro, die kongeniale Verfilmugn des Buches durch Louis Malle, sich in einen Truffaut-Film versetzen oder mit Godard Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola nachspielen. Es ist so eine Art Lebensgefühl, und genau das meint der Begriff von französischer Kultur – die es genauso gibt wie deutsche KulturDazu die französische Philosophie von Sartre, über Foucault bis Derrida, die für mich nicht nur ein intellektuelles, sondern zugleich auch ein ästhetisches Moment besaßen: alles das, samt dem Spazieren in den Straßen hier machen den Reiz der Stadt aus.  Man könne den Inhalt von Büchern auch durch Handauflegen erspüren, orakelte einmal Jacob Taubes.

In Paris freilich endeten auch manche deutsche Träume, und zwar nicht immer so, wie Heinrich Heine es zum Ende der deutschen Nachtgedanken dichtete:

Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heit’res Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Für Paul Celan, Shoah-Überlebender, dessen gesamte Familie dank deutscher Gründlichkeit in Auschwitz zu Seife und zum Rauch wurde, war das nicht mehr möglich, ja, er erkannte in schrecklichen Phasen sein Weib nicht einmal mehr, weil Medikamente den Blick verstellten. Paul Celan sprang dort in Paris von der Pont Mirabeau in die Seine.

Lassen wir diese Seligkeit von Paris in dem schön-traurigen Gedicht von Guillaume Apollinaire aus dem Band mit dem vielsagenden Titel „Alcools“münden:

LE PONT MIRABEAU

Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine dahin
Unsre Liebe auch
Ist Erinnern Gewinn
Aus traurigem Sinn wird fröhlicher Sinn

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehen ich verweile

Aug in Aug laß uns bleiben und Hand in Hand
Ach unter der Brücke
Der Hände schwand
Die Welle von ewigen Blicken verbrannt

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehn ich verweile

Die Liebe vergeht wie der Strom der wogt
die Liebe vergeht –
Wie das Leben stockt
Wie heftig die Hoffnung uns hinreißt und lockt

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehn ich verweile

Die Tage gehn hin und die Wochen gehn hin
Vorbei ist die Liebe
Nun Zeit verinn
Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine dahin

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehn ich verweile

 

 

13 Gedanken zu „Paris – Mythen des Alltags

  1. Was für ein bildschöner Post!
    Und ich bin gerade ganz gerührt, „Die Erfindung des Paris Mythos im 20. Jahrhundert“ hatte ich mal als Promotions-Thema eingereicht.
    (Das Leben spielt dann ja doch immer anders) – Aber schön zu sehen, dass die Idee nicht hirnrissig war :)

    Und danke fürs Fernweh oben drauf!

  2. Georg Stefan Troller wäre noch zu nennen, der in seinem Text „Paris als Kunstwerk“ (1983)schreibt: „Paris wollte immer eine sinnliche Stadt sein, eine, in der für sämtliche Aspirationen des Menschen gesorgt ist, seine praktischen, seelischen, leiblichen, ohne dass eine davon einen exklusiven Anspruch erheben dürfte. Sie wollte historisch wirken, ohne ins Museale zu versinken, mächtig, ohne das Politische oder Militärische allzu deutlich herauszustreichen, groß ohne Gigantismus, vornehm ohne aufgesetzte Fassade, liebenswert ohne falsche Lieblichkeit … Denn diese Stadt wollte immer den ganzen Menschen ansprechen: Sollte sein Bedürfnis nach Ruhm befriedigen, nach Religiosität, nach guter Verwaltung, auch nach Geld und Geschäft, seine Lust am Geselligen, am Theatralischen, am Sich-zur-Schau-Stellen, am Tändeln, am Verführen, bis hin zu den geheimeren Sehnsüchten nach allzumenschlichem Durcheinander, nach Schmutz und Ausschweifung. Und nichts von alledem sollte im Verborgenen blühen, sondern alles gleichwertig nebeneinanderstehen und den Pariser als kompletten Menschen proklamieren … Der Pariser hat sich, wenigstens bis in die jüngste Zeit, mit seiner Stadt identifiziert und seinen eigenen Stellenwert in ihr gefunden. Sie ist aus ihm entstanden, aus seinem Charakter, seiner Lust, sich in möglichst viele Richtungen auszuleben. Sie ist sein Geschöpf, sein Kunstwerk, nicht er ihres. Sie ist für ihn da, nicht er für sie.“ (Zitiert nach dem wunderbaren Buch mit Paris-Fotografien Trollers aus den Jahren 1953-1956: Georg Stefan Troller, Ein Traum von Paris, Wiesbaden 2017, S. 17-21)

    „Stilecht“ hast Du dann ja auch zur Bebilderung das klassische Schwarzweiß gewählt, so als ob für diese Stadt nur Grauwerte und Kontraste aussagekräftig seien und jede Farbe vielzuviel dieseitiges Colorit in ihr Imago brächte.

    Nach solchen „Seligpreisungen“ hilft verhilft vielleicht ein wenig Ironie und Witz aus der Feder von Robert Gernhardt zu mehr „Bodenhaftung“:

    Paris Ojaja

    Oja! Auch ich war in Parih
    Oja! Ich sah den Luver
    Oja! Ich hörte an der Sehn
    die Wifdegohle-Rufer

    Oja! Ich kenn‘ die Tüllerien
    Oja! Das Schöhdepohme
    Oja! Ich ging von Notterdam
    a pjeh zum Plahs Wangdohme

    Oja! Ich war in Sackerköhr
    Oja! Auf dem Mongmatter
    Oja! Ich traf am Mongpahnass
    den Dichter Schang Poll Satter

    Oja! Ich kenne mein Parih.
    Mäh wih!

    Gruß, Uwe

  3. Emily J: Ja, Fernweh und Fernensehnsucht sollte dieser Artikel auch machen, freut mich, daß es bei Dir gelang. „Die Erfindung des Paris Mythos im 20. Jahrhundert“ ist ein sehr schönes Promotionsthema, schade, daß Du darüber nicht schriebst.

  4. @ Uwe
    Troller wäre auf alle Fälle mitzunennen, wie so viele andere. Paris, ein unerschöpfliches Thema, dazu noch die beiden Paris-Bücher von Stierle und Bohrer in seiner Autobiographie „Jetzt“. Und auf alle Fälle lockert das Gernhard-Gedicht die Sache auf. Ebenso Queneaus „Zazie in de Metro“ – diese lustige Szene, wo der Onkel in der Taxe bei der Parisrundfahrt lauter falsche Sehenswürdigkeiten „erklärt“. Insofern ist, mit dem großen Spötter Heine, der ja in Paris begraben liegt, auch die heitere Ironie ein Thema dazu.

  5. Die analogen Bilder sind interessant, schwarz weiß/ analog „spricht eine eigene Sprache“. Ich höre die gerne.
    Vergrösserungen sind gschlampert, hoffentlich nicht die Negative.

  6. Nur ein schlecht eingestellter Negativscanner. Wobei solche Bild-Fehler ja heute in der Photographie als Zufallsschaden durchaus ästhetisches Prinzip sind.

  7. Pingback: Artikelhinweise & 6. Blogschau – Sören Heim – Lyrik und Prosa

  8. Das Kommentieren fällt schwer, da die Photos des Photogenies Bersarin mehr als das Sagbare sagen. Wenn er photographiert, möchte ich fast zum Platoniker werden: Er photographiert nicht das Ding, sondern die dahinter verborgene Idee des Dings.

    Daher nur ergänzend: Ausgehend von Benjamins Paris als der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, ein pfiffiger Gedanke, Hauptstädte nicht als Landes- sondern als Zeitenhauptstädte zu fassen, ist Karthago die Hauptstadt des 4. vuZ-Jahrhunderts. Zuvor waren es die Großen Indiens, Babyloniens, Ägyptens und des Hethiterreichs. Es folgten Athen, Rom (parallel hierzu die auf höchstem technologischen Niveau organisierten Metropolen Südamerikas und Asiens; Afrika ist ein Sonderfall, weil die gesellschaftliche Synthesis geographiebedingt nicht auf einer Zentralverwaltung beruhte), Venedig, Florenz, Speyer und Augsburg. Speyer und Augsburg, hä? Yes! – Salier und Fugger.
    Die Hauptstadt des 18. Jahrhunderts war London, nachdem die spanischen und portugiesischen Zuvorhauptstädte ausgebootet waren. Dann Paris, wie Benjamin entdeckt. Die Hauptstadt des 20. Jahrhunderts war Berlin bis deutsche Vollspacken meinten, WK1 wäre eine gute Idee. Nach WK1 kam Berlin wieder stark auf (The Roaring Twenties, nicht die „goldenen“ Zwanziger), aber da war bereits New York vorn und der österreichische Aquarellmaler gab Berlin den Rest.

    Erinnern wir uns an des Paris des 19. Jahrhunderts, so wird die Jahrtausendwucht von Musik, Malerei und Literatur bedeutsam, die hier noch keine Erwähnung fand. Gustave Flaubert reiste nach Afrika zum Zweck der Karthago-Recherche seines historischen outstanding Megakracher-Romans „Salamabo“. Wer das nicht gelesen hat, hat nicht gelebt!

  9. Ich ruf‘ sowieso immer: Speyer! Feuerbach! Das Hans-Purrmann Haus! Jawoll, die Salier und der Dom am Rhein! Das historische Museum! Das Technik-Museum! Das Judenbad! (Martin Seel! – etwas weniger Thomas Lehr…))

  10. @ Nörgler: „Er photographiert nicht das Ding, sondern die dahinter verborgene Idee des Dings.“

    Insofern fand ich diese Unschärfen, diese Unfertige, das dadurch entstand, daß s/w-Negative mit einem mäßig arbeitenden Scanner digitalisert wurden, interessant. Auch daß ich die Negative vorher nicht reinigte und Staub oder leichte Kratzer nicht entfernte, trugen dazu beim daß alles wie unter einem Schleier liegt: Schein und Höhlenlicht Oder Höllenlicht. Eine Stadt im Traum, so zeigt es sich, und da sind wir genau bei Walter Benjamin und auch bei André Breton. (Schade, daß die Pont Mirabeau in dieser Serie fehlt.)

    Die Idee der Zeitenhauptstädte gefällt mir ausnehmend gut und bringt auf den Punkt, was auch ich von Städten denke. Und da ist Wien für mich die Hauptstadt des Übergangs vom 19. ins 20. Jahrhundert: Eben die „Versuchsstation des Weltuntergangs“, wie der von uns beiden geschätzte Karl Kraus schrieb.

    Flaubert – absolut so ist es. Eine Zeit, in Prosa gefaßt, in allen Ausfaltungen und Aspekten und Themen: Madame Bovary (Bürgerliche Moral und Subjetintrospektion), Erziehung des Herzens (Bildungsroman ad absurdum), Salambo (Geschichte und Mythos als Gegenwart: Heute würde er von Cultural Approbiation-Menschen wohl wegen Orientalismus verboten werden), Bouvard und Pécuchet (Lob und Irrsinn des rückzüglerischen Eigensinns). Von den vielen kleinen Romanen und Erzählungen zu schweigen: November, die Versuchung des heiligen Antonius, Wörterbuch der Gemeinplätze, Jules und Henry, die erste und kürzere Version von L’Éducation sentimentale

  11. @ Dieter Kief: Weshalb weniger Lehr? „Die Erhörung“ ist grandios gut. Und auch sein neuer Roman „Schlafende Sonne“, den ich kürzlich anfing, scheint mir vielversprechend.

  12. Es lohnt sich, mal nebeneinander zu halten, was um das Jahr 800 die wichtigsten Metropolen der Alten Welt waren: Aachen, Hauptsitz Karls des Großen mit 2500 Einwohnern, Konstantinopel mit 250 000, Cordoba mit 500 000 und Bagdad sowie Changan, der Sitz des Gelben Kaisers mit jeweils 2 Millionen.

  13. Tja, Geschichte ist in diesem Sinne für mich auch als ästhetisches Phänomen bedeutsam: Wie es sich wandelt und wie Großes einst groß und nun klein.

    Brecht schrieb es in seinem schönen Lied von der Moldau, in diesem Sinne ist Prag nicht zu vergessen, auch vom Judentum her und vom Rabbi Löw:

    „Am Grunde der Moldau wandern die Steine
    Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
    Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
    Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

    Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
    Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
    Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
    Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

    Am Grunde der Moldau wandern die Steine
    Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
    Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
    Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“

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