Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ im TV

Heute Abend gibt es die Verfilmung von Michel Houellebecqs Unterwerfung. Dazu schrieb Necla Kelek einen kleinen Essay im „Perlentaucher, daraus ich insbesondere die letzten Sätze hervorheben möchte, weil sie einige Wahrheit haben. Besonders, was die Verkitschung durch Kunst betrifft.

„Houellebecq führt in seinem Roman in Frankreich spielerisch einen Islam ein, wie er in 55 islamischen Staaten Realität ist. Eine islamische Diktatur, in der Frauen genau diese Rolle spielen, wie sie im Roman dargestellt wird, und nicht die, die sich angeblich nur im Hirn eines verlorenen weißen Literaturprofessors abspielt. Die Frauen sind in vielen dieser Länder sogar rechtlich die Sklavin des Mannes. In fast allen dieser Länder werden Mädchen früh verheiratet und können nur verschleiert die Männerdomäne, uns bekannt als  Öffentlichkeit, betreten. Diese real-existierende Welt in der über eine Milliarde Menschen leben, viele bereits auch in Europa, auf eine Fantasie eines kaputten Mannes zu reduzieren, ist dekadent. Oder ist es bereits die Angst vor dem Islam? Die Macher haben sich entweder nicht getraut, das Buch so zu inszenieren, wie der Autor es gemeint hat, als erschreckende Vision. Oder es erschien ihnen wohl als zu gefährlich.“

(…)

Die Themen, die der Islam in unserer Gesellschaft aufwirft, finden eh kaum Zugang auf den Bühnen dieses Landes. 2006 wurde eine „Idomeneo“-Inszenierung vom Spielplan der Deutschen Oper Berlin abgesetzt, weil man befürchtete, dass die Szene in der Jesus, Buddha und Mohammed der Kopf abgeschlagen wird, muslimische Gewalttäter provozieren könnte. Lessings „Nathan der Weise“, als einziges klassisches Repertoire-Stück zum Thema Religion, wird meist als Toleranz-Kitsch und nicht als Auseinandersetzung mit der Glaubens-Orthodoxie inszeniert. Voltaires „Mahomet“ ist unaufführbar. Soweit, so einseitig.

Und wenn man sich im Theater mit Fragen wie Islam oder Integration auseinandersetzt, überlässt man das  – wie in der Politik die Integration den Migrantenverbänden und Moscheevereinen –  dem Migrantenstadel. Als solcher hat sich das mithilfe einer Raubtiernummer zum „Theater des Jahres“ hochgejazzte Gorki-Theater in Berlin-Mitte  etabliert. Im Ton moralischer Korrektheit und Hypermoralität – weit entfernt vom Theater als Ort der Reflexion – inszenieren sich dort seit ein paar Jahren Migrantendarsteller als Opfer der bösen Deutschen. Wenn sie wenigstens die orientalischen Traditionen des Geschichtenerzählens beherrschten, wäre man ja schon dankbar. Statt dessen inszenieren sie „Schenkelklopfen für Kumpelclubs“ (Berliner Zeitung). Die Bühne als Ort der Realitätsverweigerung oder wie bei Edgar Selge des Verrats durch Nicht-Identifikation mit dem Thema führt zur Entpolitisierung von Politik.

Das Theater als Spiegel – ein Ort der Unterwerfung.“

Der komplette Text ist auf der Online-Plattform „Perlentaucher“ nachzulesen. Vermutlich wird diese Verfilmung mit dem ansonsten als Schauspieler sehr geschätzten Edgar Selge kontrovers diskutiert werden. Kann man Literatur überhaupt adäquat verfilmen? Schwierig, denn Film und Fernsehen sind völlig andere Medien. Eine Übersetzung im Modus eins-zu-eins ist naturgemäß nicht möglich. Der Film arbeitet mit anderen ästhetischen Mitteln als die Literatur. Fernsehen insbesondere muß Konzessionen an den allgemeinen Geschmack machen. Obwohl das in dieser Form nicht stimmt, Fernsehen muß nicht, macht es aber. Genauso wäre eine TV-Version denkbar, die jene düstere Dystopie zeichnet, die auch Houellebecq vorschwebte, der mit seinem Roman das Ohr am Puls der Zeit hatte.

Ich vermute – zumindest nach diesem Artikel -, man hätte besser eine Übertragung des Theaterstücks aus dem „Deutschen Schauspielhaus“ zu Hamburg gezeigt, da dieses Stück, folge ich den Kritiken, die Problematik des Romans anschaulich machte und mit den Mitteln des Theaters zudem eine drastische Reduktion möglich ist  – in der Tendenz zumindest, wenn es nicht gerade das Gorki Theater ist. Man wird heute Abend sehen. Die FAZ zumindest lobte in ihrer Besprechung den Film als Spiel mit den Ebenen zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

An dem Tag übrigens, als in Frankreich Houellebecqs Unterwerfung erschien, stürmten islamistische Terroristen die Redaktion von Charlie Hebdo und ermordeten zwölf Menschen.

 

 

3 Gedanken zu „Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ im TV

  1. Necla Kelec trifft im Perlentaucher vermutlich erneut haargenau ins Schwarze.

    Aber nur die Ruh, sagt Münkler: Der Dreissigjährige Krieg war um Vieles schlimmer. Was sind die paar Toten bei Charlie Hébdo, gehalten ans Grauen im weltgeschichtlichen Maßstab – nix. Alles easy Alter.

  2. Nachtrag zum Fernsehfilm:
    Er hat mit der Kombination von Theaterszenen und Spielfilmbilddern wider erwarten funktioniert und verschränkte auf interessante Weise die Ebenen, indem er, auch über die Gewalt von Linksextremisten in Hamburg, ganz allgemein den Aspekt der Gewalt thematisierte und wie schnell schleichend oder auch eruptiv eine Demokratie ausgehöhlt werden kann. Manches am Roman wurde ausgedünnt, etwa der Aspekt der Ästhetisierung über den Huysmans-Strang, aber solche Reduktion von Romaninhalten ist immer das Problem eines Films, der in der Regel die 90 Minuten nicht übersteigt.

    Und eine Verfilmung soll einen Roman eben nicht reproduzieren, sondern ihm einen eigenen Ton hinzufügen. Das tat der Film. Auch durch die Kombination von Theater- und Filmbildern.

  3. Pingback: aus der alten welt | AUGENZUPPLER ... reloaded

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