Es war viel Weibsvolk anwesend – die AfD-Demo und ihre Gegenkundgebung

Ein Fahnenmeer vorm Hauptbahnhof und Hitzewellen in stickiger S-Bahn. Bereitschaftspolizei in Kampfmontur, darin es wie im Glutoffen sich anfühlen mußte. Sprechchöre dann draußen an den Absperrungen: „Ganz Berlin haßt die AfD!“. Wo anfangen? Ein heißer Tag in Berlin, an einem Sonntag im Mai. Ein Großkampftag für alle, eine Demo der AfD, eine Großdemo gegen die AfD, die vom Hauptbahnhof bis zum Platz des 18. März zog und sogar auf dem Spree-Rinnsal schipperten kleine Boote, Nußschalen und Kähne. Die Polizei konnte mit massiver Präsenz das Demonstrationsrecht durchsetzen, das genauso für die AfD gilt – auch wenn viele, die von Pluralität reden, es hier mit der Vielfalt nicht so genau nehmen und gerne die Demoroute der AfD blockiert hätten. Das Demonstrationsrecht gilt aber auch für die Feinde der Vielfalt, selbst für Islam-Nazis am 9. Juni zum Al Quds-Tag. Ebenso wie es Leuten freigestellt ist, in entsprechender Entfernung eine Gegenkundgebung abzuhalten. Mehrere davon gab es. Protestler säumten die Strecke auf der anderen Seite der Spree gegenüber dem AfD-Zug und auch vorm Hauptbahnhof standen die meist jungen Leute in der Hitze, riefen Sprüche und hielten ihre Transparente in luftige Höhe, so daß es die AfDler gegenüber sehen und vor allem hören konnten. Beim Paul-Löbe-Haus entdeckte ich Christian Ströbele am Stock und trotz Gebrechen war er dabei. Tanzen und raven auf der „AfD wegbassen“-Demo wird er wohl nicht mehr, dachte ich, aber unermüdlich ist dieser Mann.

Mindestens 10 Gegenkundgebungen, was organisatorisch ein Problem bedeutet. Für mich. Denn egal wie ich es bei solch einem Großevent anstelle: ich bekomme nicht alles in den Blick, zudem gesundheitlich angeschlagen, die Sonnenglut tut ein übriges. Rennen, ein mögliches sich retten, Schnappschuß-Jagd war nicht möglich. Eher ruhiges Flanieren, schauen, sichten. Der kranke Körper rebelliert. Flaue Photoausbeute am Ende. Das kommt, wenn der Photograph nicht gestimmt ist. Zur AfD hin war bereits alles abgesperrt und auch auf gutes Zureden ließ mich der Polizist nicht passieren. Schade, denn ich hätte gerne gesehen, was dort vor sich geht und hätte gerne Gauland gehört, den ich nicht uninteressant finde. Die Dummheiten der Linken kenne ich, nun wollte ich einmal auch die der Rechten in Erfahrung bringen, und es funktionierte nicht. Kein Durchkommen. Zu spät gekommen. „Wären Sie früher dagewesen, wäre es ok.“ Ich mag die Antworten von jungen Polizistinnen und wenn die charmant lächeln. Ich lächelte zurück und zog weiter.

So eilte ich zunächst zum Großen Stern, wo verschiedene Clubbetreiber eine Kundgebung starteten: AdD wegbassen. Eine Art Liebesparade gegen die AfD. Und so geschah es: wummernde Beats und Bässe. Partyvolk, das tanzte, verschwitze Körper, die im Takt der Musik schwangen oder freundlich schunkelten. Viele junge Menschen, junge Männer, junge Frauen, junge Nicht-Mann-nicht-Frau-Halbwesen, junge als Mann gelesene Frauen – oh, ich merke, ich wollte nicht spotten. Nette Menschen waren es. Viel trivial und trallala. Ich schaute mich um, schaute auf junge Pobacken, die aus Shorts hervortraten. Anblick und Wohlgefallen. Als dann der Sprecher auf dem Hauptwagen seine Demo-Durchsage damit beendete, daß hier gerade ein weißer cis-Mann gesprochen habe und also die herrschende Macht dieser Gesellschaft und von ab jetzt nur noch Frauen, andersfarbige, queer-, trans- und intersexuelle Menschen ans Mikro dürften, machte ich mich ob solchen Gesinnungsquatschs und Quotenpolitik vom Acker und versuchte an die Orte der Konfrontation zu gelangen. Vielleich werden sie irgendwann auch den Spielfiguren von Playmobil ein Rederecht erteilen. Ach, wenn wenigstens Alf gesprochen hätte – ich hätte lachen können. Das aber geschah nicht. Man kann heute nicht mehr links sein ohne gutes Gewissen.

Viel war nicht zu holen – photomäßig. Alles gut abgesichert. Müde Knochen in mir. Ins Gebüsch in den Tiergarten hinein, und dort standen die Menschen vor den Absperrungen hin zum Platz des 18. März, es riefen die Menschen ihre Parolen, hielten Plakate, brachten ihre Slogans. Manche mit Witz, andere mit dem Haß, den sie bei der AfD beklagten. Junge Männer in schwarzen North Face-Jacken, Kapuzen, Sonnenbrillen, Rücksäcke, aus denen plötzlich Feuerwerk geholt wurde, im Gebüsch des Tiergartens vorm abgesperrten Platz, und einer warf einen dieser Böller durch die Lücke zwischen den Sträuchern auf die Polizeiketten. Sinnfrei, ohne Grund, ohne daß irgendwer provoziert hätte. Allein aus Lust an der Gewalt und niemand aus der Gruppe derer, die vorgeblich gegen den Haß waren, protestierte oder hielt den jungen Mann zurück: „So nicht, mein Junge! Wir wollen keinen Haß schüren“. Im Gegenteil. Als ich mich ereiferte, wurde ich böse angeschaut. Ich konnte diese Szenen nicht im Bild festhalten, weil es zu schnell ging und ich nicht nahe genug dran war im Getümmel. Ich hätte sie gerne abgelichtet und war zum ersten Mal derart wütend, daß ich am liebsten diese nichtvorhanden Dokumente an die BFE geliefert hätte. Einzig eine mittelalte Frau protestierte vehement und lautstark, sie wurde aber sogleich angegangen, und eine junge Frau, die mit zu der Gruppe der Gewalttäter gehörte, wollte an ihr zerren. Aber da ging dann doch einer von den Begleitern dazwischen. Immerhin. Aber das Partyvolk hatte Spaß am Tanzen. Und auf den Straßen ging es beschwingt zu. Ein seltsamer politischer Protesttag.

Die Antifa im übrigen (oder ein Teil derselben)  tat im Vorfeld genau das, was die AfD von ihr erwartete:

„Vor AfD-Aufmarsch die „Bibliothek des Konservatismus“ eingefärbt“,

„AfDler im Wedding markiert. Letzte Nacht wurden im Berliner Stadtteil Wedding Wohnung und Arztpraxis zweier AfDler farblich markiert.“

„Glasbruch bei Wild“

„Friedrichshainer AfDler besucht“

So heißt es in dem linksextremistischen Portal Indymedia. Gut dokumentierte Straftaten sozusagen. Der Hinweis, Opfer linker Übergriffe zu sein funktioniert also. Und das rückt dann leider auch die Opfer rechter Übergriffe in den Schatten, weil hier das üblich-üble Spiel der Aufrechnungen einstetzt.  Rechts- und Linksextremisten berühren sich an den Rändern. Und „farbliche Markierungen“ bei Andersdenkenden erinnern mich nicht an Widerstand, sondern lediglich an ungute Zeiten. Umso erfreulicher aber, daß die Gegenkundgebungen ansonsten weitgehend friedlich verliefen.

64 Gedanken zu „Es war viel Weibsvolk anwesend – die AfD-Demo und ihre Gegenkundgebung

  1. Deine Bilder zeigen auf jeden Fall, dass solche Demos auch Bühnen sind für Selbstdarsteller, die sich auf der richtigen Seite glauben, und für In-Group-Rituale, die der Selbstermutigung und Selbstvergewisserung, mithin der Ab- und Ausgrenzung dienen.

    Und auf einigen Bildern mit dem „Partyvolk“ könnte man fast glauben, es handele sich eher um den „Karneval der Kulturen“, Stichwort: Buntheit!

    Die Fotos aus dem Tiergarten (?!) muten etwas seltsam an. Es könnte sich bei diesen Menschenschlangen auch um die Prozession der letzten Aufrechten handeln, die unter Begleitschutz durchs grüne Dickicht streifen, wobei ihr Ziel ungewiss bleibt.

    Was genau stimmt Dich unzufrieden mit Deiner Ausbeute?

    Gruß, Uwe

  2. Was für ein Potpourrie! Wobei es den Wahn mit den Marginalisierungspunkten immer schon gab, zumindest seit etwa 1990, als das seinen Anfang nahm. Da marschierte hinter dem Schwarzen Block der Frauen/Lesben/Behinderten/und Migrantinnenblock, der gänzlich unbehindert und rein deutsch war. Was hat der Soldat auf seinem Komissbrot? Einen Anspruch.

    Das Ganze war nur nicht so bekannt weil es kein Internet gab. Die Bloggosphäre hat dazu geführt dass die früher aus guten Gründen in geschlossenen Räumen geführten In-Gruppen-Diskussionen mit handverlesenen TeilnehmerInnen mit Kommentarfunktion in eine anonyme Massenöffentlichkeit gestellt werden.

  3. @Uwe: Mir kommen die Bilder langweilig vor, weil eine Dramatik fehlt – insofern ein eher subjektives Gefühl, was ich gar nicht genau erklären kann. Ich war auch beim Knipsen (so nenne ich es in diesem Falle) nicht bei der Sache, vielleicht hängt es auch damit zusammen. Prozessionen ist eine schönes Wort und ein interessanter Gedanke.

    @che: Richtig, ich kenne diese Debatten im Grunde auch schon aus den späten 80er und den 90er und habe mich da immer ganz schnell verabschiedet. Blogosphäre und Intenet sind für alle diese Sachen ziemliche Verstärker. Selbst die kleineste Mücke wird zum Elephanten, das, wo man früher nur den Kopf geschüttelt hätte, wird heute zum Thema. Eine Art Dauererregungsfeuer in den sozialen Medien. Aber wie es so ist. Wenn die Leute bei Twitter wütend sind, sind sie es vielleicht im Leben nicht mehr so. Andererseits liefern diese sozialen Medien zugleich auch wieder die Möglichkeit zu interessanten Debatten und man kommt mit Menschen ins Gespräch oder in den Kontakt, mit denen man sonst keinerlei Berührungen hätte. Ich denke, wir beiden hätten uns ohne das Internet vermutlich nicht kennengelernt, weil unsere Lebenswelten sich in doch sehr unterschiedlichen Räumen bewegen.

  4. Zur AfD hin war bereits alles abgesperrt und auch auf gutes Zureden ließ mich der Polizist nicht passieren. Schade, denn ich hätte gerne gesehen, was dort vor sich geht und hätte gerne Gauland gehört, den ich nicht uninteressant finde. Die Dummheiten der Linken kenne ich, nun wollte ich einmal auch die der Rechten in Erfahrung bringen, und es funktionierte nicht. Kein Durchkommen. Zu spät gekommen. „Wären Sie früher dagewesen, wäre es ok.“ Ich mag die Antworten von jungen Polizistinnen und wenn die charmant lächeln. Ich lächelte zurück und zog weiter.

    Aha! Das erklärt, warum nur 2000, 3000, 5000, 8000, 10000 oder 12000 Teilnehmer an der AfD-Demo teilgenommen haben.

    https://dvwelt.wordpress.com/2018/05/28/logikfrage/

    Da freuen sich die Gegendemonstranten. Es waren nur 2000, 3000, 5000, 8000, 10000 oder 12000 auf der AfD-Demo! So viel AfD-Ranz gäbe es in Deutschland also gar nicht. Wieviele einfach zu spät zur Demo erschienen sind, das bedenkt der Linke nicht, und zählt sie nicht. Lieber faselt er von Twitterbots, die den Anhang der AfD größer erscheinen ließen, als er in Wirklichkeit ist.

  5. Das Foto mit den Ecsatsy-Tierchen rosa und jrün sticht heraus; gefällt mir ausnehmend gut. Thomas Höpkers Grundregel: Ein gutes Foto / Tag is kein schlechter Schnitt. Überhupt gar nich‘.)
    Die Damen in shorts sind allesamt frisch. Bunt geht’s rund. Let’s party!

    Sehr stammesmäßig, die ganze Anmutung! WIR gut, de annern schlecht! Lebendige Eindrücke.
    Die Raver, die ihre Pillen-induzierten-Glücksgefühle als verallgemeinerungsfähig ansehen. – – Tja. (Komisch ist, wie manche von denen dann die Woche über funktionieren, als ob nix gewesen wäre. Es macht natürlich auch verletzlich, sich so innerlich freizumachen – insofern verkörperte Hunter S. Thompson eigentlich die entscheidende Wegmarke: Wer sich innerlich völlig aufreisst, wird äusserlich extrem verdachtsorientiert. Dann erscheinen die AfDler notwendigerweise als Verkörperungen des Bösen/ Bedrohlichen/ usw. -also letztlich als Hitler im Club-Licht/ warum denn nicht…

    Dem Fotografen gute Besserung!

    PS – Schreiben und Fotos aus einer Hand geht normal übrigens sowieso nicht. Ick wees, wovon ick rede, wa. Im Ernst: Das sind zwei sich gegenseitig blockierende Formen der Wahrnehmung: Die des Schreibers (und Fragers! – cf. Tom Wolfe: Wenn Du etwas erfahren willst, musst du die Leute freundlich fragen – – und dann reden lassen – nur anschauen?! Is nich!! – – – Nich‘ rischtisch zumal.))

    Diese „Hausbesuche“ sind indiskutabel. Auch die Sache mit dem Kracher.

    Es lebe Gandhi.

  6. Hausbesuche bei militanten Neonazis, also solchen die selber Gefährder (und zumeist gleichzeitig auch Angstbeißer) sind halte ich für gut und haben sich z.T. auch bewährt. Hausbesuche bei Leuten, die einfach nur gesinnungsmäßige politische Gegner sind verbieten sich von selbst.

  7. Ja, das Plastik-Einhorn auf dem Dach eines Bullis, im dekontextualisierenden Anschnitt wiedergegeben: auch mich hat das Bild überzeugt.

    Das von Dir angemahnte fehlende Drama ist wohl ein grundsätzliches Handicap der Reportage-Fotografie, wie es Susan Meiselas einmal formuliert hat:
    „Ich weiß, dass etwas passiert, aber ich kann es nicht sehen.“ Oder auch: „Die Spannung ist spürbar, aber schwer zu fotografieren.“

    Aber beim Titel Deines Textes warst Du voll auf der Höhe des Ereignisses: Das Leben des Brian und die satirische Spitze gegen Dogmatismus jedweder Art. Herrlich!

    Gruß Uwe

  8. @ che: Das sehe ich ähnlich. Dort, wo Nazis andere Menschen bedrohen und der Staat nichts tun kann oder nichts tun will – ich lasse es mal offen, weil beides denkbar ist, denn zum Handeln gegen bestimmte Leute ist es eben erforderlich, daß es nach rechtsstaatlichem Prozedere zugeht – müssen andere Methoden her. In den auf Indymedia genannten Fällen sehe ich das aber nicht gegeben.

    @Uwe: Mir gefielen ja immer noch am besten die Photos mit den jungen Menschen in den Schutzanzügen.

  9. Auf der Demo waren allerdings wenige Linksradikale. Zumindest sah ich da, wo ich war, nur ein kleines Grüppchen.

  10. LowClassMag ist linksradikales mind set. Offenbar gibt es unter Linksradikalen Pluralismus, so wie es innerhalb der AfD Pluralismus gibt. Von entscheidender Bedeutung ist hierbei wohl die Frage: «It’s ok to punch a natsee?» Es gibt ja welche, die schlagen ihre Kinder halbtot und sind der Meinung, sie hätten sie mit Liebe überschüttet. Und dann gibt es andere wie LowClassMag, die finden zwar blutende Nasen an Nazis prinzipiell gut, mögen aber nicht andere, die dasselbe gut finden, von vornherein. LowClassMag ist sich wohl bewußt, daß hier irgendein massenpsychologisches Phänomen wirkt. Freud oder die Mitscherlichs hätten die Demonstranten in Berlin wohl fachgerechter verarztet, als ich es könnte. Bei den 14 Demonstrationen liegt wohl so eine Art Projektion vor. Irgendeine Autorität erklärte Bewußtseinsinhalte für unanständig, und das autoritär vergesellschaftete Individuum muß jetzt das Unanständige und im Unterbewußtsein immer noch Vorhandene bekämpfen, um Mitglied der Gesellschaft bleiben zu können, auf die das Individuum angewiesen ist. Zu diesem Zweck sucht man sich irgendetwas, dem man in die Fresse schlagen kann. So konstruieren autoritär geführte Gesellschaften Außenseiter, denen man nicht nur nach Laune in die Fresse hauen kann, sondern sogar muß. Sonst ginge angeblich die Gesellschaft zugrunde. Diese bösen Buben von der AfD sind jetzt genau die Außenseiter, die der Linksradikale, die Feministin, der Trumphasser, der taz-Leser und alle anderen Anständigen und Bigotten brauchen, damit sie sich wohl fühlen, damit ihre Existenz Sinn ergibt. Diese 14 Demonstrationen treten an, um diese autoritäre Gesellschaft vor ihren eingebildeten Feinden zu schützen. Das aber ist nicht LowClassMag’s Sache.

    DISCLAIMER: Natürlich ist die AfD eine Kackpartei. JungleWorld hingegen sind Hardcore-Moslemfresser. Die kämpfen gegen Rassismus. Das ist ungefähr dasselbe, was sie an der AfD kacke finden. Journalisten bei JungleWorld sind liberal, lieb und machen bei Projekten mit, die Moslems fressen. Bei der AfD nennt sich dasselbe FakeNews und HateSpeech. Enno Park und all die anderen: Was soll das?

  11. @ Neumondschein
    Die Sache, die sie oben unter Freud und Mitscherlich ansprechen, dreht sich auch darum: Es gibt nicht nur ein zuviel an Hass, es gibt auch ein kollektives zuviel an Liebe. Das ist schon allein deswegen schlecht, weil Liebe und Hass so eng benachbart sind.

    Ich meine, das sei der Grund, weshalb man zwischen Clubbing und Politisieren (= zwischen high and low// = zwischen Diesseits und Jenseits// Zwischen Geschichte und Heilsgeschichte// trennen soll. Die verschiedenen Sphären an sich sind nicht schlecht, schlecht ist aber, wenn man deren wesentliche Verschiedenheit ignoriert.

  12. @ neumnodschein, – du gehst exemplarisch der Srategie von Identitären, Junge Alternative und anderen neuen rechten exemplarisch auf den Leim, was sogar soweit geht, dass du ebensolche Strategeme dir bewusst oder unbewusst aneignest. Ich meine die Strategie, Aktionesformen zu übernehmen, die als typisch für die 68 ff Vertreter angesehen werden/ wurden. Das geht los mit der Namensgebung d. Identitären. (typisch für jene Generation und die bis 68´ geborene Linke, dass immer irgenein Schlagwort ausreicht, um das Feindbild unmittelbar klarzuhaben, – schade, so ging ein gigantischer Berg an kritischem Bewusstsein den Bach runter, versank in einer Flut von Phrasendrescherei.) Die Botschaft soll zunächst nur sein, dass eben jene Generation mitsamt ihren politischen besonderen Aktivitätsformen ausgedient habe, mittlerweile selber zum Establishment gehöre, eine Autorität innehabe, die ihnen nicht zustehe. Das geht los mit der Mode, der Art, sich zu kleiden bis zu Happening-Artigen-Aktionsformen. Allns nix Neues; das wurde mehrfach beschrieben – aber nirgens analysiert.

    Da wird konstatiert, dass das, z.B. die Namensgebung „d. Identitären“, „geschickt gemacht“ sei. Womit dann zugleich transporiert worden ist, dass 68´ nichts als ein leeres Feld hinterlassen habe, das nun von den geknechteten Normalos „von unten“ wieder besetzt werde(n) (müsse).

    Es handelt sich dabei um die sog. „subversive Affirmation“ – gerade weil es so 68er-mäßig, fast altbacken klingt, lasse ich mir sowas immer auf der Zunge zergehen, allein „Affirirmation“! Aber weiter: Wesentlich bei der subversiven Affirmation ist, dass absichtlich keine Inhalte transportiert werden, gar nicht werden sollen. In Einzelaktionen soll das Establishment provoziert/ verwirrt werden, indem seine Ideologie affimiert wird. Dadurch soll die Hohlheit der Ideologie offengelegt werden, weil erwartet wird, dass Vertreter derselben auf solche Affrimation ihrer eigenen unterdrückerischen Ideologie verwirrt reagieren und offensichtlichen Unsinn von sich geben – ggf. sogar Beifall spenden. Was nun? Die vermeintlichen, unten zu haltenden Gegner wehren sich nicht, präsentieren nichts, was sie dagegen halten könnten ? Dieses Strategem wurde in den 20er Jahren des 20. Jh. gegen das stalisistische Regime entwickelt, solange solche Dinge unter Stalin noch möglich waren. Es ist eine Strategie, die bewusst von den 68ern übernommen wurde – als Kunstform, eher dem Happening zuzurechnen als politischer Aktivität.

    Nicht nötig also zu sagen, dass solche Aktionen auch dazu dienen sollen, die eigene Unbedarftheit, das kulturelle Vakuum bei solchen Leuten wie AFD und Junge Alterntive zu verdecken. Witzigerweise bestätigt die affirmative Subversion ihre These des Abgewirtschaftet habens von „68“ und widerlegt sich zugleich. Denn niemand bemerkt, dass man hier die subversive Affiramtion für sich arbeiten zu lassen versucht (wesensmäßig muss sie verdeckt angewendet werden), aber gerade jenes „linke Establishment“ erkennt ihr ureigenstes Strategem nicht! Das ist schon einigermaßen erschreckend. Dieser Mangel an Urteilsfähigkeit ist natürlich auch eine Folge solcher Appropriation linker Aktionsformen von Rechts und mitintendiert. Die allmächtige Linke erkennt ihre eigenen Aktionsformen nicht? Die Stoßrichtung solcher Aneignung geht damit verloren.

    Den Vogel schoß Thea Dorn ab, die, um den Heimatbegriff zu verteidigen, in etwa sagte,“natürlich gibt es Heimat, Heimat ist Bild-Zeitung lesen im Strandkorb am Timmerdorfer Strand“, noch ein paar andere lächerliche Beispiele anfügend. Die Tragik ist, dass sie das ernst meinte. Dabei sind Äußerungen diese Typs einmal als strategische Affirmation zu verstehen gewesen, um die prinzipielle Leere des Heimatbegriffs, bei denen, die ihn hochhalten, und seine gänzliche Unbrauchbarkeit für eine vernünftige Diskussion offenzulegen.

    Bei dir sind es jetzt Freund und Mitscherlich, einst gesicherter Betand kultzrellem Kapitals der 68er-ff.-Geneartion(nen), die du engagierst, indem du ein paar pschoanalytische Phrasen einflichst. Das soll als Einstieg/ Aufhhänger dienen; AFD und Co. haben dafür gesorgt, dass dies bereits ausreicht, damit zugehört wird, solange es nur gegen das angebliche „linke Establishment“ geht. Alsdann wird der größtmögiche Unsinn behauptet, – eben nur behauptet, immer unter de Prämisse, es gebe – auch noch internalisierte – allgegenwärtige, linke Autorotäten. Was daherkommt als eine schlichte Beschreibung psychischer Mechanismen, dient nur dazu, diese Prämisse immer wieder unterzujubeln. Nicht nur das, teilweise offen geäußerte „Bewusstseinsinhalte“ sind nicht mehr rechtsradikal, sie sind „unanständig“ (der Beweis, das Mitscherlic & Freud hier gar nichts zu suchen haben).

    Es sind ja gerade Leute, die es unsäglich genießen, sich als Außenseiter zu insszenieren (zu sagen, was „alle denken“) suchen, mit heimlicher, sadomasochistischer Lust sich in ihrer Unanständigkeit – was eine Beschönigung ist – suhlen, die Naziherrschaft hochjubeln, gerade den berechtigten Ekel vor ihnen genießen, ihn provozieren wollen. Natürlich ist es masochistischer Selbstekel, Selbstbetrafung, weil die bestrafende Autorität ja gerade abhanden gekomen ist. Der Mechanismus des Ressentiments greift, die Sache gerät zum Feed-Back, viel hilft viel. Und der so generierte Hass muss sich irgendwann nach außen richten.

    Wenn der Souverän in einer Ausnahmesituation als Souverän entscheidet und Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland holt, dann drehen alle jene Autoritätskrüppel durch, für die der Souverän eine böse, strafende, reaktionäre Autorität sein muss. Dann wagen sie sich alle vor, kommen heraus, diese Duckmäuser, nach Strafe gierend, und verbreiten Hass.

    Dass infolge von 68´ tatsächlich autoritäre Strukturen abgebaut worden sind, die Gesellschaft egalitäter wurde, darf natürlich unter keinen Umständen hingenoommen werden; darum muss umso vehementer das Gegenteil behauptet werden. Eher haben wir es mit Verlust an Autoritäten zu tun. Gerade acuh diejenigen, die sich dem Zeitgeist von 68´ unterwarfen, und jetzt, wo er zu verblassen beginnt, ohne mitschwimmend etwas damit erreicht haben, fallen immer öfter darauf herein, mucken auf gegen die angebliche kulturelle Leere, die 68´ hinterlassen haben soll, die aber, autoritätsgläubig, die eigene ist.

    Ich vermute, auch deshalb hat diese Form eines Narrativs so großen Erfolg: Irgendein 68er-Topos aufgreifen, hier das Psychologisieren des Gegners, um dann irgendwelchen größtmöglichen Unsinn zu behaupten, was ja als Persiflage jener Unart des Psychologisierens ganz gut durchgehen mag. Dann aber die dreiste Lüge:

    „Diese 14 Demonstrationen treten an, um diese autoritäre Gesellschaft vor ihren eingebildeten Feinden zu schützen.“ – Dass es sich um eine autoritäre Gesellschaft im von dir vorgetragenen Sinne handelt, ist lediglich behauptet bzw. vorausgestzt worden. Und welche Psychischen Mechanismen auch immer zu welchen Handlungen auch immer führen, wer sich als vorgeblich bürgerliche Partei unter der Hand (JA) rechtsradikalen Kreisen öffnet, arbeitet gegen den Staat.

  13. „du gehst exemplarisch der Srategie von Identitären, Junge Alternative und anderen neuen rechten exemplarisch auf den Leim, …“

    Ich würde Dich zunächst mal bitten, nicht mit Unterstellungen und Strohmännern zu arbeiten. Das kommt zum Auftakt nicht besonders seriös. Und Unterstellungen ersetzen keine Argumente. Beziehe Dich bitte, wenn Du hier weiter mitdiskutieren willst, auf das, was gesagt wurde, und nicht auf das, was Du meinst, daß andere gesagt haben könnten. Am besten macht man das mit Zitaten, so wie ich es hier tue, Satz für Satz. Und auch die sich an diesen Satz anschließenden Sätze sind lediglich eine Aneinanderreihung von Behauptungen, die Du bitte konkret belegen mußt.

    In bezug auf die Identitären schreibst Du:

    „Allns nix Neues; das wurde mehrfach beschrieben – aber nirgens analysiert.“

    Das ist nicht ganz richtig, ziggev, Thomas Wagner hat das in seinem Buch „Die Angstmacher“ beschrieben und auch analysiert. Er zeigte, wie die Identitären an den Protest- und Aktionsformen der 68er sich orientieren, unter anderem auch an der Subversiven Aktion. (Zwei ihrer Protagonisten, Rabehl und Böckelmann, sind inzwischen im Lager der Rechtskonservativen gelandet.)

    „Da wird konstatiert, dass das, z.B. die Namensgebung „d. Identitären“, „geschickt gemacht“ sei. Womit dann zugleich transporiert worden ist, dass 68´ nichts als ein leeres Feld hinterlassen habe, das nun von den geknechteten Normalos „von unten“ wieder besetzt werde(n) (müsse).“

    Das ist Deine persönliche Assoziation ziggev. Ansonsten ziggev: Bitte verwechsele nicht „etwas beschreiben“ mit „etwas affirmieren“. Das sind zweierlei Sachen.

    „Wesentlich bei der subversiven Affirmation ist, dass absichtlich keine Inhalte transportiert werden, gar nicht werden sollen. In Einzelaktionen soll das Establishment provoziert/ verwirrt werden, …“

    Das ist ein Verfahren, das Links- und Rechtsextremisten eint, bei allem Unterschied in den Inhalten. Es wird auf einer Demo provoziert, es werden Böller geworfen und wenn nach einer halben Stunde die Polizei sich Täter herausgreift, hat man genau die Bullenprovokation, die man wollte. Ein Prinzip, das man auch bei Rechten antreffen kann. Insbesondere bei deren provokanten Reden (Stichwort Höcke), wo durch Signalwörter und Provokationen genau der gewünschte Effekt erreicht wird: man ist im Gespräch und man kann sich hinterher noch als Opfer darstellen, weil man ja nichts mehr sagen dürfe. Was so natürlich nicht stimmt, weil diese Leute es ja gerade eben noch sagen durften. Das wiederum wissen diese Leute insgeheim sehr genau. Und sie wissen auch: Spiel gewonnen, alle reden über uns. Insofern ist es hier sinnvoll bei solchen Provokationen einfach mal das Spiel der Rechten (und auch der Linken) zu entlarven und den rhetorischen Trick vorzuführen. Und das ist eine Variante des „Mit Rechten reden“, was in gleichnamigem Buch von Leo, Steinbeis, Zorn gut vorgeführt wird.

    „Den Vogel schoß Thea Dorn ab, die, um den Heimatbegriff zu verteidigen, in etwa sagte,“natürlich gibt es Heimat, Heimat ist Bild-Zeitung lesen im Strandkorb am Timmerdorfer Strand“, noch ein paar andere lächerliche Beispiele anfügend.“

    Heimat ist in der Tat etwas, das sehr unterschiedlich aufgefaßt werden kann. Dazu kann für einige auch die Bild-Zeitung oder der Strandkorb gehören. (Darf ich noch um einen kurzen Beleg bitten, wo Thea Dorn genau dies so sagte?) Ich sehe also Dein Problem nicht ganz ziggev. Für andere sind die Vögel im Wald, die Landschaft, die Sprache, die Kultur der Region, die Mentalität der Leute Heimat. Für wieder andere die politische Offenheit des Landes im Vergleich zu vielen anderen Ländern. Es gibt also viele unterschiedliche Aspekte, unter denen man den Begriff der Heimat fassen kann. Und dazu gehört auch das, was Thea Dorn nennt. Du legst hier nicht dogmatisch fest, was Heimat bedeuten kann, ziggev. Da liegt das Problem. So wie es anderen ebenso freigesellt ist, sich um Heimat nicht weiter kümmern zu wollen.

    „Die Tragik ist, dass sie das ernst meinte.“

    Ja, das sollte man bei einer These, die man vertritt annehmen. Auch Du meinst ja wohl das, was Du hier schreibst ernst. Wer übrigens ansonsten für Toleranz eintritt, sollte diese Toleranz auch bei liberalen und demokratischen Positionen wie Thea Dorn ansetzen. Ansonsten wird es unglaubwürdig und gerät zum performativen Widerspruch. Auch halte ich es für ein wenig sprunghaft, Thea Dorn hier im Zusammenhang mit der AfD und den Identitären zu nennen. Wenn Du Ihr Buch gelesen hättest, würdest Du gleich auf den ersten Seiten einen Hinweis dazu finden.

    „Dabei sind Äußerungen diese Typs einmal als strategische Affirmation zu verstehen gewesen, um die prinzipielle Leere des Heimatbegriffs, bei denen, die ihn hochhalten, und seine gänzliche Unbrauchbarkeit für eine vernünftige Diskussion offenzulegen.“

    Noch einmal: Nicht Du legst fest, was in einer Diskussion brauchbar oder unbrauchbar ist. Das ist eine aggressive und anmaßende Haltung, mit der Du hier auftrittst. Damit bist Du in der Struktur den Identitären, die Heimat nicht plural begreifen wollen oder können, übrigens sehr ähnlich. Eine liberale Haltung jedoch sieht anders aus. Weiterhin: der Heimatbegriff ist nicht prinzipell leer, sondern vielfältig. Du solltest also von der Vielfalt nicht auf die Leere schließen.

    Zu Deinen weiteren Ausführungen und vor allem deren Länge: Statt in einer Tour These und Unterstellungen abzufeuern, die Deinen Text zusätzlich in die Länge ziehen, bitte ich Dich, daß Du Dich konkret auf das beziehst, was Dein Gegenüber geschrieben hat und hier keine Referate hältst, um Deine eigenen Thesen unters Volk zu bringen.

    Sowas zum Beispiel:

    „Dass infolge von 68´ tatsächlich autoritäre Strukturen abgebaut worden sind, die Gesellschaft egalitäter wurde, darf natürlich unter keinen Umständen hingenoommen werden; darum muss umso vehementer das Gegenteil behauptet werden.“

    Das sind Pauschalisierungen, die durch die Realität nicht gedeckt sind. 68 wird von verschiedenen Leuten sehr unterschiedlich bewertet. Wenn Du solche Sätze schreibst, sage bitte konkret, wen Du meinst und in welchem Kontext.

    In Deinem letzten Absatz dann machst Du es immerhin. Und genau so soll es aussehen, daß Du konkrete Bezüge bringst, und am besten Widerlegungen und Anmerkungen schreibst, ohne Pauschalisierungen zu verbreiten. Solche Pauschalurteile führt in der Regel zu nichts.

  14. Um ’68 ging es mir nicht. Darüber kann ich auch wenig beitragen. Erstens weil ich zu jung bin, und für mich diese Geschichte Geschichte ist, zweitens, weil ich Zoni bin, und sich die Angelegenheit für mich quasi im Ausland zugetragen hat, und drittens, weil ’68 eine pluralistische Bewegung darstellt. Diese Liberalität, die ’68 angeblich brachte, war wohl geistig mehr oder weniger längst vorbereitet gewesen, und danach hat sich die Praxis der Menschen entsprechend verändert. Es ist auch nicht alles liberal, was ’68er gut fanden. Zum Beispiel die sogenannte Reformpädagogik. Die ist zum großen Teil ziemlich autoritär strukturiert. Das sehen die Leute im Prinzip heute noch nicht ein. Die Leute denken, alle, die päderastischen Auswüchse an der Odenwaldschule seien bedauerliche Einzelfälle gewesen, und nicht systemisch angelegter Machtmißbrauch von Erziehern. Dito das ganze Sekten-, K-Gruppen-Unwesen, die RAF eingeschlossen, das sich damals herumtrieb. Jede Sorte von falschen Fuffziger fand ja gerade unter den ’68ern geeignete Schafe, denen man jeden Blödsinn aufschwatzen konnte. Und es macht ja stutzig, daß ein halbes Jahrhundert die Anführer der ’68er heute der extremen Rechten zugeordnet werden müssen. Gibt es dafür irgendeine Erklärung? Aber natürlich wurden traditionelle Familienmodelle in Frage gestellt, den Frauen mehr Rechte zugestanden, den Lesben und Schwulen die ihnen entsprechende Lebensgestaltung zugestanden. Das alles sind natürlich Fortschritte. Die RAF, die K-Gruppen sind auch schon verschwunden. Ist besser geworden?

    Wie sieht es denn heute aus? Die DDR wurde abgeschafft, Die Menschen wollten Freiheit, und bekamen letzlich ein Regime aus Angst und Unfreiheit, für das man die DDR nicht abschaffen mußte. Da denke ich an Hartz 4, und an Errungenschaften, die DDR-Bürger vermissen, besonders alleinerziehende Mütter, Frauen etc. Und wirklich migrantenfreundlich ist unsere Republik nun wirklich nicht. Es ist nur so, daß Unternehmen billige Arbeitskräfte benötigen, möglichst ohne Rechte. Da entwickeln sich in der Republik soziale Brennpunkte, weil diese Republik nicht die Verantwortung für die Menschen und ihre Zukunft übernehmen möchte, die in unserer Republik leben. Und dazu wächst auch in Europa die Kriegsgefahr wieder. Das schlägt sich in Form verschärfter Zensur nieder. All dieses #Russiagate, #Hatespeech, #FakeNews-Gejaule der Presse ist nichts als Zensur. Kann sich noch jemand daran erinnern, daß im Westen linksradikale, von der DDR unterstützte Gruppen zwar widerwillig und mit Repressionen geduldet wurden, und niemand auch nur auf den Gedanken gekommen wäre, das DDR-Fernsehen zu stören? Also: So autoritär wie heute war die westliche Gesellschaft schon lange nicht mehr. Und jetzt kommen ein paar böse Buben daher und die halbe Republik demonstriert für die Einheit von Volk und Staat, Raver, Feministinnen, taz-Leser, … Das ist nicht subversive Affirmation sondern ernst gemeinte Affirmation. Das, wozu Parteisekretäre in der Zone zu besonderen Anlässen noch die Bürger übezeugen mußten. Kampf gegen den Klassenfeind, für Frieden und Sozialismus, gegen Faschismus und Krieg!

  15. Achja, eines hab ich noch vergessen: Egalitärer ist unsere Gesellschaft bestimmt nicht geworden. Von relativer Egalität konnte man in Westdeutschland 1968 vielleicht sprechen, zumindestens träumen. Aber heute? Heute droht Altersarmut, suchen Rentner Flaschen in Mülltonnen, finden Massen von jungen Leuten, Migranten unter ihnen in besonderer Weise, keinen Anschluß an die Gesellschaft, wegen Hartz4, Vernachlässigung und Privatisierung der sozialen Infrastruktur, etc. etc.

  16. @ Neumondschein
    Gleichheit beim Ergebnis/ Einkommen / Lebensstandard ist unsinnig/ zerstörerisch, weil die Menschen nicht gleich s i n d . Auch nicht gleich leistungsfähig usw.

    Gleich sind die Menschen allerdings als Menschen – ein hohes I d e a l . Nota bene.

  17. Es gebe ein kollektives zuviel an Liebe, meint Dieter Kief blahfaselnd, und dass Gleichheit zerstörerisch sei. Was immer der Mann raucht, er sollte besser die Finger davon lassen. Denn es vernebelt ihm den Blick auf die Realität, die neumondschein eben erst dargestellt hat. In dem Zustand wird es Dieter Kief nicht möglich sein zu erkennen, dass Menschen bereits zerstört *sind*, wenn sie in den Mülltonnen nach Pfandflaschen suchen müssen. Wenn Massen von jungen Leuten wegen Hartz4 keinen Anschluss an die Gesellschaft finden, sind auch diese bereits zerstört, noch bevor etwas aus ihnen werden konnte. Wenn dieser Zustand – und dies ist unbestreitbar der Fall – zulange andauert, hat die Gesellschaft als Ganzes irreparabel Schaden genommen.

    Für Leute wie Dieter Kief indes ist das unbedeutend, selbst wenn sie’s erkannten. Denn solange sie die Macht des Geldes über die Ungleichen unterhalb ihres eigenen eingebildeten Niveaus zelebrieren können, ist alles in bester Ordnung und schließlich von der Natur so vorgesehen, nicht wahr.

    Leuten wie Dieter Kief ist abzufordern, dass sie ihre Haltung unter Verwendung des Begriffs „Gleichwertigkeit“ argumentieren und rechtfertigen. Ich verwette meine linke – ach was, meine gesamte – Sitzfläche, dass sie daran kläglichst scheitern würden.

  18. Na ja, h.z., ich würde es vielleicht etwas freundlicher formulieren und auch nicht per se böse Absicht unterstellen. Ich habe auch nicht herausgelesen, daß Gleichheit zerstörerisch sei. Dieter Kief hat einen Aspekt von Gleichheit problematisiert, wo dieser zur Ideologie wird.

    Zwar sind in der Tat nicht alle Menschen gleich, was ihre Fähigkeiten und ihre Qualifikationen betrifft. Nicht jeder ist zum Astrophysiker gemacht und nicht jeder zum Zimmermann, dennoch sollten und müssen die Menschen auf der rechtlichen Ebene und als Menschenwesen gleich sein. Ich möchte denjenigen sehen, der mich auf dem Bau einstellt: das gäbe ein schönes Durcheinander und auch beim Fußball tat ich mich nie besonders hervor. Nicht alle Menschen über einen Leisten zu schlagen, gebietet die Freiheit und die Würde des Menschen. Aber es gibt zugleich eine Ungleichheit der Menschen, die einem von Geburt an durch die Umstände, unter denen man geboren wird, in die Wiege gelegt wird. Auch hier gibt es die Freiheit sich diesen Los zu entwinden und herauszukommen. Manche Eltern tun alles, um ihrem Kind den sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Dennoch ist es– da bin ich ganz Willy Brandt-Sozialdemokrat der SPD der 60er, 70er Jahre – die Aufgabe eines Staates, dazu die Möglichkeiten bereitzustellen. Ebenso es nicht zuzulassen, daß Menschen ihre Arbeitskraft weit unter Wert zu verkaufen gezwungen sind. (Wir werden in Europa in den nächsten 50 Jahren keine sozialen Revolutionen von links erleben, insofern geht solche Sozialpolitik nur über die Interventionen des Staates.)

    Gleiches gilt für die Armut und für Hartz IV. Zwar würde ich hier nicht die Unfreiheit und den Zwang des DDR-Regimes, von den Jugendwerkhöfen, wo von der Zwangsnorm abweichende Kinder und Jugendliche mißhandelt wurden, bis hin zu Bautzen und Hohenschönhausen mit der BRD vergleichen. Das führt nicht besonders weit. Außer daß ich bemerke, wie gut es hier doch um die Freiheit des Wortes und des Denkens bestellt ist – immerhin auch ein Effekt, den schon Adorno zu schätzen wußte. Aber es zeigt die Unzufriedenheit vieler eben auch, daß soziale Sicherheit den Menschen wichtig ist. Und eine reiche Gesellschaft, in der Menschen in den Abfalleimern wühlen müssen, ist eine Schande. Inzwischen sind wir, und das sollte auch der Effekt von Hartz IV sein, eine Abstiegsgesellschaft – siehe Oliver Nachtweys gleichnamiges Buch. Ein Effekt von Hartz IV: die Angst vorm sozialen Abstieg, und da nimmt man dann gerne auch mal Arbeitsverträge an, die – nun ja – eher suboptimal sind. Diese Tendenz muß man in den Blick bekommen. Und hier wie auch bei anderen Feldern, etwa dem Wohnen, ist die Ungleichheit und die Angst der Menschen angestiegen.

    Andererseits gibt es auch eine Freiheit und ein Recht aufs Scheitern. Wer partout nicht mehr will, will nicht. Die Balance hier ist schwierig.

    Was das kollektive Zuviel an Liebe betrifft, so kann man diese Verfallsform von Nähe auch auf der Demo gut beobachten, sie entlud sich im Kitsch der guten Gesinnung. Wir sind die Guten und wir sonnen uns darin, daß wir die Guten sind und so wenig hassen, während im nächsten Atemzug von einigen die Haßparolen hin zur AfD gerufen werden. Und auch die Gesichter mancher sahen mir nicht danach aus, daß gleich die universale Liebe einzöge. Zudem: Es müssen im Sinne universaler Liebe nicht alle einer Meinung sein. Was wir benötigen, ist eine fruchtbare Streitkultur. Die schafft man nicht durch Emotionalisierungen und „Haut ab“-Rufe. Die AfD ist nicht verboten, sie ist eine demokratisch gewählte Partei. Egal von welcher Seite, sei es der Gauland-Blödsinn, wie vor ein paar Tagen oder dieses Niederbrüllen anderer Meinungen von rechts wie links. Nicht erst seit heute, sondern seit Unitagen und ein unguter Effekt der Studentenbewegung auf der Seite der Linken, einen Gegner (bsp. Peter Singer) nicht zu Wort kommen zu lassen. Zu kritisieren zumindest ist solcher Liebesbegriff, wenn er zur Ideologie wird und dazu dient Widersprüche zu kaschieren. Es sind die Menschen nicht einer Meinung. Und das muß als Disput ausgetragen werden. Das gilt für die AfD wie auch für solche wie Jutta Ditfurth. Auch mit dem Extremen müssen wir uns auseinandersetzen und ggf auch leben lernen. Den Rahmen dafür zu schaffen, ist die Aufgabe eines liberalen Rechtsstaates.

  19. @Und es macht ja stutzig, daß ein halbes Jahrhundert die Anführer der ’68er heute der extremen Rechten zugeordnet werden müssen. —– Nicht DIE Anführer, sondern ein paar Einzelpersonen von denen, wie die Genannten oder Horst Mahler. Andere Anführer, wie Ströbele oder Cohn-Bendit knüpfen mehr oder weniger kontinuierlich, meinetwegen anderen Zeitumständen angepasst an ihre Vergangenheit an, wieder andere wie Langhans sind gänzlich entpolitisiert oder wie Schily mitlerweile zum Establishment übergetreten. Das ist eine unübersichtliche Gemengelage. Und das erste Buch das sich damit befasste „Was wir wollten was wir wurden“ auch schon 30 Jahre alt.

  20. So ist es che. Aus einer komplexen Sache läßt sich nicht DIE Linke, DIE Rechte, DIE 68er destillieren. Solche Tendenzen sollten nicht in Singularitäten umgedeutet werden – was in Debatten leider regelmäßig passiert. Man meint „einige“ und verallgemeinert auf „alle“. Das, was unter der Chiffre 68 zusammengefaßt wird, ist ein komplexes geschichtliches Phänomen. Zu den drei Anwälten Schily, Ströbele, Mahler gibt es einen Dokumentarfilm, der deren Entwicklung und die unterschiedlichen Wege nachzeichnet.

  21. Ebenso sind die Berliner Verhältnisse sehr spezielle. Dass gegen die AFD 14 verschiedene Kundgebungen von ebensovielen Veranstaltern stattfinden wäre anderswo undenkbar. In Hannover, Braunschweig, Göttingen und Bremen wäre das eine einzige Demo gewesen, wobei es z.T. in diesen Städten Dauerbündnisse gibt die von Kirchengemeinden und DGB bis zu den Autonomen reichen und seit den Achtzigern kontinuierlich existieren.

  22. Dass Sie, werter Bersarin, freundlicher formulieren würden, ist für mich nicht weiter verwunderlich, pflegt Dieter Kief doch einen völlig anderen Umgang mit Ihnen. Meine Nachsicht mit ihm hat er bereits vollständig konsumiert, Nachschlag ist nicht mehr. Und „just for the records“: Ich unterstelle ihm nicht per se böse Absicht, Göttin bewahre. Ich attestiere ihm haarsträubende Ignoranz.

    Ihren Einwand, es sei nicht herauszulesen, dass Gleichheit zerstörerisch sei, akzeptiere ich bei isolierter Betrachtung der betreffenden Aussage. Im Kontext belassen, müssten Sie bei der Kritik an meiner Feststellung allerdings fundiert nachlegen, um Ihrem Einwand Geltung zu verschaffen. Der Kontext ergibt sich klar erkennbar aus meinem unmittelbar auf die Feststellung folgenden Bezug auf neumondscheins Darstellung.

    Lassen Sie es mich anhand Dieter Kiefs Formulierung sehr deutlich machen. Ausmultipliziert unter Beachtung logischer Rechenvorschriften ergeben sich zwei mal drei Aussagen:

    1) Gleichheit beim Ergebnis ist unsinnig,
    2) Gleichheit beim Einkommen ist unsinnig,
    3) Gleichheit beim Lebensstandard ist unsinnig,
    4) Gleichheit beim Ergebnis ist zerstörerisch,
    5) Gleichheit beim Einkommen ist zerstörerisch,
    6) Gleichheit beim Lebensstandard ist zerstörerisch,
    weil die Menschen nicht gleich s i n d.

    Dass ich mich mit meiner Polemik auf Aussage #6 bezogen hatte, ist ohne weiteres einsichtig.

    Am Rande angemerkt: Gleichheit beim Einkommen in gerechtfertigter Weise als zerstörerisch zu bezeichnen, setzte voraus, dass keine Gleichheit bei bezahlten Tätigkeiten existiert. Das ist offenkundig nicht der Fall – und auf den notorischen Einkommensunterschied zwischen Frau und Mann bei gleicher Tätigkeit weise ich ohne weitere Ausführungen bloß hin. Die Gleichheit beim Ergebnis als zerstörerisch zu bezeichnen, erweist sich spätestens dann als unhaltbar, wenn die Aussage aus der Perspektive eines Bestellers (Auftraggeber, Arbeitgeber, Kunde, usw.) überprüft wird.

    Dass Dieter Kief einen Aspekt von Gleichheit problematisiert habe, wo dieser zur Ideologie wird, ist Ihre höchstpersönliche Interpretation, die anzugreifen ich nicht beabsichtige. Allerdings lege ich nahe, Dieter Kief in der Gesamtheit seiner hier über die Zeit getätigten Äußerungen aufzufassen und zu verstehen. Er hatte unter anderem ausgiebig auf Jordan B. Peterson und dessen krude IQ-Theorien rekurriert, die Ungleichheit in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit qua Vererbung festschreiben wollen. Er bediente sich auch der amerikanischen Universitätsprofessorin Amy Wax, die wegen rassistischer Äußerungen hinsichtlich der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit der „black students“ zurecht von Pflichtlehrveranstaltungen abgezogen wurde. Dieter Kiefs Konzept von Ungleichheit ist ein anderes, als das Ihre, Bersarin. In Ihrer Sicht auf soziale Ungleichheit („[…] durch die Umstände, unter denen man geboren wird, in die Wiege gelegt wird.“) und die verdammte Pflicht der Allgemeinheit (=Staat), durch Bereitstellung von entsprechenden Möglichkeiten Abhilfe zu schaffen, sehen Sie mich an Ihrer Seite. Ich erlaube mir dennoch anzumerken, dass Sie die Anwendung des Begriffs „Gleichwertigkeit“ vermieden haben. Dies mag vor dem Hintergrund Ihrer Darlegungen entbehrlich erscheinen, doch birgt der Begriff die erforderliche Trennschärfe betreffend vertretbare und unvertretbare Thesen in sozialen Belangen.

    Ihre Einschätzung hingegen, dass wir in Europa in den nächsten 50 Jahren keine sozialen Revolutionen von links erleben werden, teile ich ganz und gar nicht. Was sich gerade in Europa zusammenbraut anlässlich der schon als verzweifelt zu bezeichnenden Bemühungen in Italien, dem wirtschaftlichen Siechtum zu entkommen, wird die Griechenland-Angelegenheit als „flatus alaudae arvensis minoris“ erscheinen lassen (oder, wie Ihnen als Wien-Kenner sicher geläufig ist: a Lercherlschaas). Die Folge von plausiblen und auch naheliegenden Entwicklungen wird sein, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland (aber nicht nur dort, sondern auch hierzulande) auf 25% der erwerbsfähigen Bevölkerung hochschnellt. Die erwerbsfähige Bevölkerung in D umfasst derzeit, erschießen Sie mich, rd. 42 Mio. Personen. Das lass‘ ich mir vorführen, wie solches ohne soziale Revolution von links über die Bühne zu bringen wäre. Griechenland lässt doch wohl schon erahnen, was in großem Stile in Deutschland sich ereignen kann.

    Um es kurz zu machen: von den dargelegten Abweichungen abgesehen, teile ich Ihre Analyse. Was Sie zur universalen Liebe sagen, findet ebenfalls überwiegend meine Zustimmung. Lassen Sie mich aber zwei Ihrer Sätze herausheben: „Was wir benötigen, ist eine fruchtbare Streitkultur. Die schafft man nicht durch Emotionalisierungen und „Haut ab“-Rufe.“ So ist es. Fruchtbare Streitkultur setzt valide Argumentation voraus, sowie die Anerkennung logischer Denkgesetze und die Beachtung grundlegender Diskursverhaltensregeln. Ein Mindestmaß an intellektueller Redlichkeit schadet dem Prozess in keiner Weise. Davon sind wir im gesellschaftlichen Maßstab jedoch weit entfernt. Umso erholsamer und befriedigend erscheint es, wenn im bescheidenen Rahmen, wie hier beispielsweise, die Kunst des geordneten – und vor allem: erkenntnisorientierten – Diskurses sich zu entfalten vermag. Frustrierend, wenn dies nicht gelingt. Dieter Kief hat für Frustrationen meinerseits schon allzu oft Anlass gegeben.

  23. Da schließe ich mich vollumfänglich H.Z. an. Als ich seinerzeit schrub dass das System noch nicht gekippt sei es aber irgendwann dazu kommen würde und dafür von H.Z: kritisiert wurde hatte ich nicht die Verwerfungen im Sinn die sich schon ereignet habe sondern die bevorstehende Intransigenz des Großen Ganzen . Ansonsten zitiere ich mich mal selber, da ist m.E. nämlich eine deutliche Kontinuitätslinie sichtbar.

    https://che2001.blogger.de/STORIES/1395217/#1395734

  24. @“ Es ist auch nicht alles liberal, was ’68er gut fanden. Zum Beispiel die sogenannte Reformpädagogik. Die ist zum großen Teil ziemlich autoritär strukturiert. Das sehen die Leute im Prinzip heute noch nicht ein. Die Leute denken, alle, die päderastischen Auswüchse an der Odenwaldschule seien bedauerliche Einzelfälle gewesen, und nicht systemisch angelegter Machtmißbrauch von Erziehern“ —— Na, das ist ein groß kalibrierter Schnellschuss aus der Hüfte. Die antiautoritäre Experimentalpädagogik linksradikaler Kommunen und Kinderläden ist etwas anderes als die Reformpädagogik im Schulwesen, die, dem damaligen SPD-Konzept „Aufstieg durch Bildung“ folgend, die bisherige schwarze Pädagogik mit dem Rohrstock als Erziehungsmittel ablöste. Diese neue Schulpädagogik blieb für Jahrzehnte prägend, während die antiautoritäre Pädagogik nur einige Jahre auf dem beschränkten Feld der Studenten-Kitas eine Rolle spielte.

  25. Was die soziale Revolution betrifft, so bleiben das in meinen Augen eher soziale Eruptionen. Nicht einmal zu einer Revolte reicht es im Grunde, denn bereits diese bedeutet, die Systemfrage nicht nur zu stellen – das macht die Linke ununterbrochen –, sondern sie auch zu entscheiden. Die gegenwärtige Linke der BRD ist am Scheitern, sie ist gespalten und weit davon entfernt Mehrheiten bilden zu können. Und selbst diese Eruptionen sind noch etwas Wünschenswertes, denn ich vermute vielmehr, daß diese Dinge in Italien und anderen Ländern hart nach rechtsaußen kippen werden. Die Gemengelage ist explosiv. Aber weit entfernt von kollektiven und internationalistischen Aktionen, auch wenn Länder wie Schweden, Portugal, (inzwischen auch Spanien) und Griechenland sozialdemokratisch-sozialistische Regierungen haben.

    „Die Folge von plausiblen und auch naheliegenden Entwicklungen wird sein, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland (aber nicht nur dort, sondern auch hierzulande) auf 25% der erwerbsfähigen Bevölkerung hochschnellt.“

    Wenn dies passiert, dann haben wir eine AfD mit 30 % und eine erste Koalition zwischen CDU und AfD. Mit etwas Glück können konservative Kräfte hier noch ein wenig den Rechtsaußen-Nationalisten die Hörner abschleifen und man kann auf die stabilisierende Kraft der Parteiendemokratie hoffen, wo auch die Grünen schon abgeschliffen wurden. Aber das geht eigentlich auch nur, wennn sich solche Parteien im einstelligen Prozentbereich bewegen-

    Von einem Systemwechsel nach links sind wir in Europa meilenweit entfernt. Und wenn der kommt, fürchte ich, daß der nicht im Sinne derer ausfällt die auf die soziale Revolution wetten. Konservative Linke sind inzwischen Bewahrer geworden, weil sie das Neue noch mehr fürchten als das Bestehende.

  26. @ Bersarin @ che2001

    Wie links ist die aktuelle Regierung in Italien?

    Wagenknecht und Lafontaine probieren es nochmal mit einer linken Sammlungsbewegung, aber sie sprechen davon, das sei nun mal alles, was ihnen derzeit möglich sei (Menschen, die von ihrem Erfolg überzeugt sind, sprechen anders).

    Habermas hat Macrons Wahlsieg bejubelt, und jetzt? – Gibt er in El Pais zu, dass er nicht weiß, was Macron überhaupt anvisiert, politisch. Das klingt sehr nach Kater.

    Eine Antifa, die sich für Merkel prügelt, z. T. aus Steuergeldern alimentiert, das sieht wirklich nicht verheißungsvoll aus. Daher u. a. auch meine Furcht vor dem neuen Menschen, geboren aus der PC-Gleichheitsfixierung. Das ist ein Irrweg, wie ich fürchte.

    Ich hab grad‘ Jonas Lüschers Roman „Kraft“ gelesen, über Stanford, Tübingen, das Freiburg der Freiburger Thesen, die Unterstützung des aus Versehen in Westberlin vergessenen (!) Sockenwäschers (!) der ungarischen Schach-Nationalmannschaft für Reagans Forderung, die Mauer müsse weg, usw. Sehr interessantes Buch. Gut geschrieben.
    Wie es der Zufall will, ist darin auch von einer Theorie der Ungleichheit die Rede, nämlich der Pareto-Theorie. Ebenfalls sehr interessant. Immer daran denken: Marx war ebenfalls der sehr robust von ihm vorgetragenen Ansicht, dass die Menschen nicht gleich seien.
    Und nochmal: Es hat einen Sinn zu unterscheiden zwischen der gleichen Achtung, die allen zukommen soll und der Gleichheit vor dem Gesetz hie und eben der Idee, jeder könne das gleiche leisten da. Der Unterschied zwischen diesen beiden Dingen ist klar und hat einen guten Sinn. Man soll ihn achten.

    Die Odenwaldschule war ein Elitenprojekt und kam aus dem Großbürgertum (Pecht, von Weizsäcker, von Hentig, der George-Kreis, Schirrmacher), also nicht aus der SPD. Das war die Bielefelder Laborschule und die Hannoveraner Schule Oskar Negts und Ivo Glasers und solcher Leute.
    An den Schulen knickt man auch flächendeckend ein und bewerkstelligt gleiche Ergebnisse (super Abiturdurchschnitte) – unter Absehung von Beherrschung des Stoffs. Schätzfragen (!) im Berliner Mathe-Abi.

  27. Habermas und Macron: geschenkt und egal. Wagenknecht und Lafontaine wollen etwas Löbliches: allein es wird nicht funktionieren. Die Klientel der alten Linkspartei und der SPD ist im Augenblick ohne Orientierung. Man weiß nicht, was das wird und ich denke auch nicht, daß Wagenknecht und Lafontaine die Leute sind, an die che denkt. Ich schon eher, weil eine Politik der offenen Grenzen nicht nur eine Illusion, sondern unter gegenwärtigen Bedingungen nicht im Ansatz durchführbar ist, sondern vielmehr ein neoliberales Projekt für billige Arbeitskräfte. Wagenknecht ist auf der Seite der Linken eine der wenigen, die dieses Problem durchschaut und zum Thema macht. (Ironischerweise könnte man bei der „No border, no nation“-Fraktion von einer neuen Querfront zwischen Linkspartei à la Kipping/Rixinger und dem neuen Unternehmertum sprechen) Eine Sammelbewegung wird das, was Wagenknecht vorhat, nimmer, sondern eher führt dies zu einer weiteren Spaltung der Linken.

    „Eine Antifa, die sich für Merkel prügelt, …“ Ich glaube eher nicht, daß sich die Böller werfenden Junglinken extra für Merkel prügeln. Aber immerhin hat die AfD ihren Leuten ein kleines Geldgeschenk in Aussicht gestellt, wenn ihre Mitglieder nach Berlin reisen. Es schien aber, wenn ich mir die Teilnehmerzahl besehe, zu wenig Geld gewesen zu sein, sonst wären mehr AfDler gekommen. Wie man sieht, geht es den AfD-Menschen immer noch zu gut.

    Lüschers „Kraft“ ist ein gelungener Roman, auch das eher Essayistische, teils Thesenhafte und das Schematische der Figuren, auf das die Kunst des Erzählens bei Lüscher eingedampft wurde, funktionierte hier, und es ist diese Form der Prosa für die literarische Moderne genauso ein Strang des Poetisierens – man denke an Musil.

    Was die Ungleichheit betrifft, hat nun allerdings h.z. einige doch gewichtige Einwände und Hinweise gebracht, auf die Sie eingehen sollten. Aus dem Umstand, daß nicht alle Menschen gleich begabt sind oder gleiches können, lassen sich eben keine normativen Schlüsse ziehen. Und das Leistungsprinzip ist nicht, nur weil es Wirtschaftsliberale andauernd im Munde führen, deshalb schon gültig, weil es als Mantra in Medien und in Polit-Diskursen hergebetet wird. Die Würde des Menschen bemißt sich nicht nach dessen Leistung. Und um das zu begründen, kann man zwar auch auf die Theologie rekurrieren, aber man muß das nicht. Im Grunde reichen hier Giovanni Pico della Mirandola, Baruch de Spinoza, Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus. Und da die meisten demokratischen Gesellschaften relativ plural sind, haben diese Gesellschaften auch die Mittel, jeden nach seinen Bedürfnissen sein zu lassen.

    „An den Schulen knickt man auch flächendeckend ein und bewerkstelligt gleiche Ergebnisse (super Abiturdurchschnitte) – unter Absehung von Beherrschung des Stoffs. Schätzfragen (!) im Berliner Mathe-Abi.“

    Die Schwundformen einer auf der SPD-Politik beruhenden Schule bzw. Reformpädagogik ist noch keine gut begründete Anklage gegen diese Schulpolitik im ganzen. Diese Reformpädagogik beförderte den sozialen Aufstieg von Leuten aus unteren und mittleren Schichte und das war für eine funktional differenzierte Gesellschaft, die aber bis tief in die 60er noch stratifikatorischer Bildungspolitik nachhing, unerläßlich. Zumal im alten CDU-Schulsystem genug Luschen einfach mitgeschleppt wurden. Und sie wurden Arzt und Richter, weil es auch der Vater schon war. Aber Kriterium sollte eigentlich das Können sein. Zumal auch in dieser reformpädagogischen Schulformen immer noch Lehrer vorhanden sind und vorhanden waren, die auf Lerninhalte drängten und auch auf Qualität des Unterrichts abzielten. Bayerischer Drill ist in der heutigen Zeit kaum angemessen, was eben im Umkehrschluß nicht heißen muß, auf Wissen zu verzichten. Dieses zu vermitteln, ist eine Frage der Methode. Das Kapitulieren vor Problemen freilich, wie wir es teils in Berlin erleben, insbesondere in Schulen mit hohem Migrantenanteil bzw. ganz allgemein mit Kindern aus schwachen sozialen Verhältnisse mit Schulen ohne Durchmischung, kann kaum die Lösung sein. Ich bin auch in diesen Fragen ein Buschkowsky-Fan: Probleme angehen und nicht einfach alles durchwinken, weil es bequem ist. Da, wo Probleme sind, muß man sie benennen, ohne unzulässig zu verallgemeinern. Aber das ist eigentlich eines der ganz großen Projekte, die der BRD ins Haus stehen: eine Schulreform.

  28. @ Bersarin

    Wenn Sie die Güte hätten: Das da ist auch meine Rede – kucken Sie bitte noch mal oben nach:
    „Die Würde des Menschen bemißt sich nicht nach dessen Leistung.“

    Die in Red stehende Formel lautet: Ein gerechter Lohn ist n i c h t u n b e d i n g t ein gleicher Lohn. Die Formel, gegen die sich das zuallererst richtet, ist: Equality of outcome. Also die Idee: Wenn Chancengleichheit herrsche, würden auch alle das Gleiche leisten (wollen/ können). Das funktioniert wohl nicht hundertprozentig, wie ich meine.

    Dass die Bayern in der Schule drillten ist sicher so gewesen und ebenso sicher wird das nicht mehr gemacht. Außer man setzt Drillen mit Üben gleich.
    Ich will mal so sagen: Üben ist notwendig. Und nicht per se gleichzusetzen mit Drillen.

    Habermas sagt ja noch mehr – mit der Folge einer (plötzlichen!) kompletten Resonanzlosigkeit, das ist doch bemerkenswert: Er sagt, dass selbst Berufspolitiker in Sachen EU nicht mehr zu erklären vermöchten, was überhaupt wie funktioniert.

    (Ähnlich verhält es sich mit den rechtlichen Begleitumständen der Asylpolitik – wehe, man kuckt mal die Argumente an. Da wird die Luft aber dünn).

    Buschkowsky ruht auf auf – ich mach mal eine kleine Liste: Koopmans, Collier, Putnam.

    Schirrmacher ist hier noch wichtig, weil er diese enorme Welle ausgelöst hat mit seinen Vergreisungsthesen. Zetsche applaudierte ihm; ich meine nicht, weil er ein (neoliberaler) Zyniker sei, sondern weil er aus seinen Erfahrungen mit Daimler-Fabriken in aller Welt falsche Schlüsse zog im Hinblick auf den ungeregelten Zuzug und dessen – – nun ja: Nutzen.

    Diese Zuzugs-Sache und das (vermeintliche) Eigeninteresse wg. Vergreisung mit dem Asyl kurzzuschließen mündete in dem unbefriedigenden Zuzugszustand, in dem wir uns befinden.

  29. Ja, ein gerechter Lohn muß kein gleicher Lohn sein. Daß eine Putzfrau im Krankenhaus nicht das gleiche verdient, wie eine Ärztin, scheint zunächst nachvollziehbar. Daß aber eine Putzfrau, die 38 Stunden arbeitet, von diesem Geld lebenkönnen muß, sollte evident sein. Ernst Tugendhat machte einmal den Vorschlag, die Arbeiten nach Lust zu entlohnen, und das hieße: Ein Professor bekommt wenig Gehalt, weil in seiner Arbeit eine Erfüllung liegt und quasi das Hobby zum Beruf gemacht wurde. Kann man drüber streiten und wird sich auch nicht durchsetzen, ist aber als eine Art von Korrektiv ein guter Vorschlag.

    Und natürlich leisten auch bei Chancengleichheit nicht alle das gleiche. Es gibt solche, die wollen, und solche, die nicht wollen, selbst unter den besten Bedingungen. Bei nichtexistierendem Privateigentum an Produktionsmitteln im Ostblock hätten eigentlich alle wie Bolle ranklotzen müssen. Taten aber nicht alle. Den Charakter der Menschen kann man nicht gleich machen. Man kann sich nur die Bedingungen ansehen, unter denen Menschen arbeiten. Und selbst unter den besten Bedingungen wird es solche geben, die in die Ladenkasse greifen. Der Mensch ist aus krummem Holz, wie Kant wußte. Und damit müssen wir rechnen und darauf hoffen, daß die vielen Willigen die wenigen Unwilligen irgendwie ausgleichen. Na ja, mal wieder Platons „Der Staat“ lesen.

  30. Zurück zu Aristoteles‘ Ökonomie und zu Pestalozzi und Gottfried Keller (Die Leute von Seldwyla) auch – und vor zu Putnam, auch Walzer, Koopmans, Ayan Hirsi Ali, Collier.

    Lüscher hat übrigens zu meinem großen Erstaunen auch Isaiah Berlin, den einstens einsamen Rufer in der Wüste für den Nationalstaat*** gwürdigt. – Hier nähern sich offenbar auch Sloterdijk, Safranski und – nicht zu glauben: tatsächlich Jürgen Habermas an (El Pais Interview von letzter Woche).

    ***
    Lüscher ist als gescheiterter Akademiker auch interessant******. Es ist auch interessant, wie die Schweiz mit so einem wie Lüscher umgeht.

    Las grade, dass führende Schweizer Intellektuelle es als Fehler ansehen, dass man Gabriele Ganser aus dem System herauskomplimentiert hat. Das Argument ist: Man hätte ihn noch strenger an die Kandare nehmen sollen wg. Ursache/Wirkung und ihn i m System halten, wo er immer wieder gezwungen hätte werden können, zu argumentieren. Das ist jetzt weitgehend vorbei – jetzt ist er Volksredner mit Fans, die ihm zu Füßen liegen… Außerdem Kleinunternehmer…

    ******
    Habermas beklagt auch, dass die drei Kant’schen drei Fragen nicht mehr beackert würden… Es ist total verrückt: Er will, dass die Philosophie sich wieder verstärkt diesen klaren Fragen widmet – und betrachtet ihre Spezialisierung als Irrweg. – Da wird der Aff‘ im Wald verrückt, in a way. Und lustig wird er auch, Habermas, if you think about it (think of Heine here: Romantische Schule und Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland) – Heine, weil der im Z w e i f e l immer einen Witz machte… Aber er sah bereits klar voraus, dass es zum linken Tugendterror nicht weit ist – es ist der ewige Streit zwischen der freudigen Fraktion der Luftgeister und Dichter und liebenden hie – und den Liebeskranken und den (ehe) Pedanten in Christo (=Nazarenern) da. – Heine war ja klar der Überzeugung, derlei Grundspannungen ließen sich niemals auflösen. Wenn man Freud folgt an diesem Punkt, ist das die Erbsünde: Zivilisation bereitet Unbehagen… – und das ist bereits die Spannung zwischen den beiden Freud-Vorläufern Nietzsche und Schopenhauer… (etc – usw. ad infinitum – Hegels „Entzweiung“).

    – h. z. da gebe ich Ihnen schon recht: Auch zu Argumentieren beinhaltet diese Grundspannung und stellt einen wechselseitige Zumutung dar… Ich bin freilich im Z w e i f e l immer auf Jean Pauls und Heinrich Heines und Tucholskys und so (Michael Rutschkys, Wilhelm Raabes, Schillers) Seite, und nicht auf der Nietzsches und Kraus‘ und Benjamins (und nein, diese Präferenzen muss k e i n e r mögen).

  31. „Bildung für alle“ ist nicht Reformpädagogik. Das war ein Erfordernis der Zeit, da der Bedarf der akademischen Berufe in der Industrie stieg. Konsequent umgesetzt hätte das die Demokratisierung und Liberalisierung des Bildungswesens herbeiführen können. Daraus wurde letzlich nichts daraus. Reformpädagogik sind Kerschensteiner, Freinet, Waldorf, Montessori. Das, was die armen Lehramtsaspiranten ewig lange an der Hochschule studieren müssen, ehe sie auf Schulklassen losgelassen werden, ist Reformpädagogik light, d.h. handlungsorientierter Unterricht, darunter ein Haufen Esoterik.

  32. Zunächst einmal, neumondschein, ist die Schule Ländersache, und in Bremen sieht es anders aus als in Sachsen oder Bayern und eine 2 in Bremen ist manches Mal eine 4 in Bayern. Allerdings wäre in der Schulpolitik ein Zentralabitur angeraten.

    Was mit Reformpädagogik gemeint ist, muß man sich schon genau angucken. Hartmut von Hentig, Waldorfschulen, aber auch das, was ins normale Bildungssystem seit den 60er Jahren einzog. Da gibt es Schnittstellen. Insofern ist es sinnvoll hier genau auf die Verwendung des Begriffes zu sehen.

    Was die Universitäten betrifft, so würde ich hier nicht alles über einen Leisten schlagen, neumondschein. Es gibt solche und solche Professoren. Leider brachten schon zu meinen Studienzeiten viele Studenten nicht die Voraussetzungen mit, die eigentlich für ein Studium erforderlich wären. Und was die Schule versäumte, kann die Uni nicht nachholen. Schuld sind teils auch Universitäts-Dozenten, die Studenten einfach durchwinken und mit guten Noten belohnen. In den Geisteswissenschaften ist ein Magister mit 1 nicht per se etwas Wert, sondern leider oft ein Geschenk, um den Notenschnitt nach oben zu bekommen. Aber auch das ist eine Sache, die man nicht pauschal sagen kann. Hängt sehr von den Dozenten ab. Es gibt durchaus strenge. Ebenso in der Pädagogik.

  33. @ Dieter Kief: Karl Kraus ist immer gut, allein weil darin im Werk Witz, Sprach- und Kulturkritik konvergieren.

    Ja, die Linke hat im Augenblick ein großes Problem. Die SPD ist schon lange nicht mehr Herr der Lage, sondern eine Getriebene. Und eine open-border-Linke wird in diesem Land und auch anderswo keine Mehrheiten finden. Ich zumindest werde eine solche Partei ganz sicher nicht wählen. Allerdings solle man bei den Namen, die Sie nennen, auch die Inhalte Differenzieren. Collier ist nicht Koopmann und der nicht Ayan Hirsi Ali, die ja wohl immer noch unter Polizeischutz leben muß. Was wir brauchen, ist eine Euro-Islam, und in diesem Sinne handelt die Regierung hier sträflich, sich mit totalitären und hochkonservativen Organisationen an einen Tisch zu setzen. Hier wäre es auch für die Linke dringend geraten die Probleme, wie wir haben, anzusprechen, statt ständig abzuwiegeln, die Rassismuskarte zu zücken oder sich einfach wegzuducken und so zu tun als ginge uns das nichts an.

    Der Nationalstaat ist eine Projekt, das sich durchaus mit der EU oder mit einem einigen Europa verzahnen läßt. In diesem Sinne liege ich eher auf Habermas‘ Seite, nur mit einem kleinen Schuß mehr Safranski und Sloterdijk. Der Nationalstaat als Rechtsstaat ist der Kern Europas. Eine Einheit wie in den USA vor rund 240 Jahren scheint mir schwierig, weil Europa ein kulturell ganz anders gewachsenes Gebilde ist. Aber das sind nun einmal komplexe Themen. Und solange die EU schlicht als Wirtschaftslobbyverband wahrgenommen wird, wird das Projekt Europa bei den wenigsten einen Reiz entfalten. Hier stehen wir, auch im Blick auf Länder wie Polen und Ungarn, vor einer unheilvollen Gemengelage. Zum Jubeln oder zur Euphorie sehe ich im wesentlichen keinen Anlaß. Schauen wir mal, was in Italien demnächst geschieht, das dürfte ein guter Seismograph sein.

  34. @“Hartmut von Hentig, Waldorfschulen, aber auch das, was ins normale Bildungssystem seit den 60er Jahren einzog. “ Eben da muss genau differenziert werden, und das was ins normale Bildungssystem einzog (und die Rohrstockpädagogik ablöste) ist dabei sehr viel relevanter als Waldorfschulen (eigentlich im mystisch-gnostischen Weltbild Rudolf Steiners verwurzelt) oder die Marai-Montessori-Kindergärten (überhaupt nichts Linkes, sondern ursprünglich Pädagogik des italienischen Faschismus). Der Blick muss da wirklich sehr differenziert werden, was dabei herauskommt ist ein Panoptikum.

  35. Waldorfschulen, Montessori, Reformpädagogik: auch hier gilt das schöne Bibelwort: „Prüft aber alles und das Gute behaltet.“ Zumal in einer Zeit, in der die alten Ideologien inzwischen sich verwässert haben. Die Montessori-Schulen sind eine interessante Form des Lernens. Produktiver als die herkömmliche Erziehung, aber solche Schulform setzt bereits Kinder voraus, die aus einem bestimmten Milieu kommen, wo basale Umgangsformen gelernt wurden sind. Auch Selbständigkeit und Kreativität sind kein Selbstzweck, sondern auf entgegenkommende Lebensformen in der Familie angewiesen. Aber das sind vermutlich Detailfragen, wo die Experten, die Lehrer, die Pädagogen Besseres zu sagen haben.

  36. ad wechelseitige Zumutung des Argumentierens: Wer solches behauptet, hat sein Interesse an Erkenntnisgewinn zur ewigen Ruhe gebettet und Kant gleich mit dazu. Im selben Atemzug Lüscher als gescheiterten Akademiker, Ganser als Volksredner und dessen Publikum als ihm zu Füßen liegende Fans zu bezeichnen, ergibt sich als logische Konsequenz daraus und kann als grotesk verzerrte Projektion ohne jeglichen Fluchtpunkt analogisiert werden. Das Bauchgefühl ist eben kein geeigneter Ersatz dafür, um daran verhandelbare intellektuelle Konstrukte zu entwickeln. Sich lediglich dem Bauchgefühl folgend anderen Meinungen anzuschließen, betrachte ich als Kapitulation vor der Herausforderung des kritischen Denkens. Dieses bedauerliche Verhalten ist wohl in ausnahmslos allen politischen Sektoren anzutreffen. Es zeichnet sich durch Attraktion aus, welche das unkritische Individuum im Orbit eines auserkorenen emotionalen Impulsgebers hält. Eine Form von Genügsamkeit, die mich quälend verdursten ließe.

    Die Annahmeverweigerung der argumentativen Herausforderung mündet nicht zwingend in der Aufgabe des moralischen Grundkonsenses. Sie ist bereits die Folge davon.

  37. Who the fuck are Lüscher and Collier? Ich kenne nur die Collier Trophy, einen Luft- und Raumfahrtpreis. Und die Stadtplanerin Regula Lüscher, die hier aber bestimmt nicht gemeint ist.

  38. Ganser hingegen halte ich für einen durchaus ernst zu nehmenden Theoretiker und Analytiker. Wer sich einmal mit Thematiken wie Gladio und den geheimen Kriegen der CIA beschäftigt hat wird es durchaus für sinnvoll halten, wenn das was vulgo „Verschwörungstheorie“ genannt wird zumindest als Denkfigur mit politischer Theorie verbunden wird.

  39. Die Bemerkung über Lüscher als gescheiterten Akademiker ist auch ironisch zu verstehen – und so hat Lüscher sie auch selbst gemeint (vielleicht mit einem Seufzer noch dazu). – Denn nirgendwo steht geschrieben, dass einer eine Dissertation zuende führen muss. Meine Pointe ist denn auch die gewesen: Was macht Suizza mit solchen Leuten? Das ist faszinierend. Es regnet Beziehungen, Tipps, Fördergelder, Anregungen, sogar Anerkennung, und zum Schluss steht da ein anregender, interessanter, gar noch gut lesbarer Roman.

    Die durchschnittliche geisteswissenschaftliche Arbeit hat sechs Leser. Lüscher hat wohl ein paar Tausend. – Das sage ich, obwohl ich nicht glaube, dass man derlei Gegenstände mit großem Gewinnst quantifizieren würde. Aber ganz ohne Quantum geht’s ja auch nicht.

  40. DAS, Dieter Kief, ist ja auch der Vorteil beim Internet und beim Bloggen von Theorie-Texten: Selbst die haben in der Regel mehr Leser als eine durchschnittliche Dissertation, die rein fachspezifisch ist. Und ja: Lüschers „Kraft“ ist ein gelungener Roman. In Wahnsinn und Wahnwitz erzählt, besonders das Furor zum Schluß, die Erdbebenszene, wo San Franzisko in Schutt versinkt bzw. am Ende, wie sich herausstellt, nur in der Phantasie versinkt. Ein Buch, das ich noch einmal lesen muß, um dann hier im Blog darüber zu schreiben.

    PS: Jeder ihrer Kommentare muß leider immer separat freigeschaltet werden. Bei anderen ist das nicht so – ich weiß nicht, woran das liegen mag, im Spamfilter zumindest sind Sie und Ihre IP oder ihre Mail nicht drin. Seltsam.

  41. Wg. Disqus-Aussetzern: Seufz – derlei erlebe ich öfter. – Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

    Wg. der Leserzahlen: Auch das ist interessant. Auch im Hinblick auf die Resonanz. Eine Weile fand‘ ich die Uni spannend, auch wegen der Resonanzen. Dann wurde klar, und zwar immer klarer, dass die institutionellen Zwänge (Bestätigungs- und /oder Zitierkartelle usw.) soviel Rauschen produzieren, dass die Resonanz empfindlich gestört und damit konturlos / informationsarm /uninteressant wird.

    Ganz krass zu beobachten im Falle von Sieferle. Aber bereits auch im Falle von Enzensberger so ab der Großen Wanderung. Ähnlich bei Henscheid. Das sind alle drei – ich wiederhole mich gern – sehr interessante Fälle. Es besteht folgender Zusammenhang: Produktive Gedanken/ Ästhetiken sind Störfaktoren (per se). Das ist eine objektive Schranke, wie es aussieht.

    Ganz interessante Frage am Rande: Praktisch alles, was Lüscher an handfesten Refexionen im Buch hat, ist weit überdurchschnittlich, jetzt mal einfach qualitativ gesehen. Also die Frage: Was hat ihn davon abgehalten, das als Dissertation aufzuschreiben? – Vielleicht fehlte ihm da der Kontext – das Leben drumherum, und das hemmte ihn? – Wie gesagt nur so eine Frage, die zu folgendem Schluss führt: Dass der Roman (bei bestimmten Seelenlagen) eine eigene Erkenntnis generiert (cf. Rutschkys „Lebensroman“).

  42. Man könnte natürlich anhand von Lüschers Buch überdenken, was wie als Dissertation angenommen werden könnte. Aber im Sinne der Gattungsgrenzen und der Regularien wissenschaftlichen Arbeits sind solche Texte wohl schlechterdings nicht als akademische Qualifizierungsarbeit denkbar. Und im Grunde ist dieser Text in Romanform und als Roman bestens aufgehoben. Na ja, die Korrespondenz von Form und Inhalt eben.

    Im Falle Sieferles ist auch der Junius Verlag interessant. Dort erschien 2011 oder 2012, also nicht sehr lange her, in der Reihe Einführungen eine Marx-Monographie. Die wurde aus dem Programm genommen und durch die Einführung eines anderen Autors ersetzt. Nach sechs oder sieben Jahren kann eine Marx-Einführung eigentlich nicht veraltet sein und es wird sich in diesen Jahren der Forschungsstand nicht so wesentlich geändert haben. Schnädelbachs Hegel-Monographie ist in der 6. unveränderte Auflage immer noch im Programm. Seit 1999. Im Falle Sieferles würden mich doch sehr die Hintergründe interessieren.

  43. Nein, klar, Lüscher sagt es ja selber: Vorarbeiten sind in den Roman eingeflossen. Dass das zwei Genres sind, ist unbestritten, und soll auch von mir keineswegs umgeworfen werden. Genau das führte ja zu meiner Frage – in der Arno Widmann exemplarisch strauchelte in der FR diese Woche, beim Versuch, Salman Rushdie irgendwie gerecht zu werden.

    Sieferle war Glotz und Groh immer gut genug. Sieferles Marx-Einführung ist sicher dem Zeitgeist zum Opfer gefallen, ebenso sicher war sie einem auch deformatorischen Ehrgeiz entfllossen. Sieferle schrieb sie, als er noch unbedingt was werden wollte. Er hat sich zu dieser Zeit Leseschlachten (=Rezeptionsschlachten) (!) mit einem anderen Heidelberger, nämlich Hans-Peter Dürr, geliefert. Ich war zu ca. dieser Zeit auch in HD, aber eher mit Rolf Schwendter unterwegs und immer auf den Spuren des Neuen Forums von Günter Nenning – Otto Gross, Jung, Koal Moax, Freud, Fromm auch (!), de Sade und was nicht alles: Ein Mann namens Dvorschak schrieb schon mal einen Zehntausendwörterer über Mdme. Blavatzky und den Satanismus als Vorboten der Orgon-Energie Reich’schen Angedenkens. „Solchane Sachen, oh mei, Moppel!“ (Alfred Leopold, „Geht in Ordnung – sowieso – – genau – – – „). Schade dass Glotz nicht mehr lebt, er hätte sicher gedonnert, als Sieferle unter die Räder kam – so wie von Dohnanyi im Falle Sarrazins.

  44. Die Marx-Einführung Sieferles täte mich interessieren. Leider hat mich das Antiquariat Lombarde in Hannover beim Kauf beschissen. Falsches Buch geschickt, ich: Buch zurück. Aber das Geld wurde nie erstattet und ein neues Buch kam ebensowenig.

    Was nun Sieferle und Sarrazin betrifft, so sollte allerdings unterschieden werden zwischen berechtigter inhaltlicher Kritik, die nichts damit zu tun hat, daß ein Autor unter die Räder kommt und dem (leider ebensohäufig anzutreffenden) Labeln von Autoren als dies oder als das. Davon halte ich gar nichts, zumal dieses Rassismus-Labeln eben genau dazu dann führen kann, daß jene Autoren sich als Opfer sehen können.

  45. Ichab übrigens ein wenig von Sieferle über Marx gelesen, und fand das ist nicht sehr substantiell. Er war zu jung, als er sich da durchbiss.

    Sich als Opfer fühlen ist ein sehr merkwürdiges Vergnügen, – ähnlich dem, wenn ich Jürgen Theobaldy (Blaue Flecken, Zweiter Klasse / ein Mannheimer Autor aus der Kleinbürgerschicht – wie Genazino und ich glaub‘ auch Dürr) noch korrekt zusammenbringe, in einer neuen Badehose, „Typ superleicht“, im Ozean zu schwimmen, weil das Schiff gesunken ist.

  46. Noch Sieferle u Marx: Er könnte etwas sehr Wichtiges aus seiner Beschäftigung mit Marx mitgenommen haben, was über die üblichen Standard-Punkte hinausgeht, und zwar: Die Bedeutung des Nationaleinkommens. Ich hab‘ das freilich auch nicht selbst entdeckt, aber von Sinn gerne angenommen, dass das für Marx durchaus eine Rolle spielt, ja, dass der sogar Pionierdienste leistete auf diesem Gebiet.

    Heutzutage kam das beim späten Sieferle wieder vor im „Migrationsproblem“ (wirklich gutes Buch). Der Gedanke da, den übrigens auch Klonovsky und Sarrazin ziemlich ernst nehmen (yep, das weiß ich) geht so: Was National geleistet wird ist – und nun kommt die „Bodenwelle“ (Horst Thomayer, selig): – was national wirtschaftlich geleistet wird, ist, sagte ich, umso wertvoller, desto weniger einer besitzt. Wenn also die nationale Leistungsfähigkeit beschädigt wird, schadet das den Ärmeren zuerst – Lafontaine weiß das übrigens auch, glaub‘ ich.

    Die begütigende Formel die Kauder hier als Knappe Merkels ins Feld führt, lautet: Es werde durch den ungeregelten Zuzug keinem etwas weggenommen. Diese Formel hat auch Durs Grünbein in Dresden nachgesprochen.

    Hier breche ich ab; aber ich hoffe, mein Punkt ist klar geworden.

  47. „Es werde durch den ungeregelten Zuzug keinem etwas weggenommen.“ Das ist freilich eine durch nichts belegte und zudem populistische Formel von Kauder. Zumal hier wegen schwarzer Null, Bankenrettungen etc. pp. jahrelang Schulen und Universitäten, Kindergärten und andere Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge am Limit gefahren wurden. Das ist alles kaum die Schuld der Flüchtlinge. Wohl aber die einer verfehlten Politik. Zudem wird kein Land, das irgendwie seine Stabilität und sein Parteienspektrum behalten will, eine derartige Zuwanderung wie sie 2015 stattfand, auf Dauer verkraften können. Insofern ist auch Wagenknechts Äußerung völlig richtig: offene Grenzen sind eine Illusion. Zudem: Wer dieser Illusion anhängt, sollte angeben können, wie diese unmittelbar zu bewerkstelligen ist, ansonsten ist diese Forderung nämlich bloßer Populismus für die eigene Gemeinde. Diese Art von Kipping- und Riexinger-Linke buggsiert sich im übrigen tief ins Abseits.

    Ich verweise hier auch noch einmal auf den FAZ-Text von Richard Schröder: „Was wir Migranten schulden – und was nicht“

    Ein Standardtext, der in jeder Debatte die Grundlage bilden muß. Und vor allem frei von Sentimentalitäten.

    http://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/fluechtlingskrise-was-wir-migranten-schulden-und-was-nicht-14387586.html?

  48. „Sich als Opfer fühlen ist ein sehr merkwürdiges Vergnügen“, Na ja, den Unterschied, sich als Opfer zu fühlen und tatsächlich Opfer zu sein, sollte man schon machen. Sarrazin ist nirgends Opfer gewesen. Er wurde in Talkshows geladen, er wurde lange Zeit von vielen Medien hofiert. Er steht in der Gesellschaft nicht unten, sondern ziemlich weit oben und bisher hatte er immer eine Plattform, wo er seine Meinung kundtun durfte. Zudem: Wer inhaltlich kritisiert wird, ist kein Opfer. Was freilich nicht geht: die Nazikeule und all dieser Schmarrn, denn genau das führt absurderweise dazu, daß Sarrazin dann tatsächlich als Opfer sich inszenieren kann. Insofern ist es sinnvoll seine und auch Sieferles Thesen zu kritisieren. und nicht ad personam zu gehen.

    Sieferle zerstört viel von seiner Wirkung und von den Inhalten des Buches durch seine heftige Redeweise. Das macht ihn angreifbar und in der Absicht wirkt es zudem durchschaubar. Wesentlich klüger und wirkungsvoller wäre es gewesen, Sieferle hätte seine Zahlen und Fakten ohne seinen Jargon und seine Ressentiments gegenüber Fremden einfließen lassen.

    Wie man es auch machen kann, ohne ins Rechtsaußen-Horn zu stoßen, zeigt eben dier Standardtext von Richard Schröder auf gelungene Weise.

  49. Schröder ist gut. Ganz d’accord. Aber sowohl Sarrazin als auch Sieferle und Vosgerau gehen inhaltlich über ihn hinaus. Auch Douglas Murray – Der Selbstmord Europas ist ein gutes Buch.

    Das offenbar stark wirkende Argument, es werde niemand etwas weggenommen, wird übrigens auch von Michael Walzer bereits thematisiert und ist zentral bei der ungeregelten Migrations-Kritik von Steve Sailer.

    Natürlich soll man jeden kritisieren – auch die Wortwahl jeweilen genau ansehen.

    Fundstück von einem Kommentar bei Tichy’s von grade eben über Weise:

    „Was andere für historisch halten, ist für Weise vor allem eine Chance. Seine Rechnung sieht so aus: Von voraussichtlich 800 000 Flüchtlingen werde knapp die Hälfte bleiben dürfen. 70 Prozent dieser Menschen seien jung, erwerbsfähig und somit „in ihrer Vielfalt eine gute Bereicherung unserer Arbeitswelt und der Gesellschaft“. Schließlich, sagt Frank-Jürgen Weise, könne doch niemand eine Gesellschaft wollen, wo nur noch „ältere graue Herren durch die Gegend laufen und langsam mit dem Auto auf der Autobahn herumfahren“.

    So war das damals – 2015! (Ich höre da immer Schirrmacher durch (und Grass – Die Deutschen sterben aus. Aber es ist egal: So, so vollkommen falsch und blauäugig, wurden diese Dinge angegangen.)).

  50. Wenn ich einen Namen wie Frank-Jürgen Weise höre und an Hartz IV und an Niedriglohnsektor denke, dann ahne ich böse, aus welcher Richtung in dieser Sache hier der Wind weht.

    Sieferle und Sarrazin disqualifizieren sich durch ihren Ton und die Art des Stils. Von Kopftuchmädchen zu sprechen, ist nicht wirklich hilfreich und auch Sieferle benutzt in seinem Buch zur Migrationsproblematik begriffe, die der Sache nicht gerecht werden. Und aus diesem Grunde halte ich Schröders Text für den gelungenen: er ist konservativ, so wie ich es in diesen Fragen der Migration und der gesicherten Staatsgrenzen auch bin, ohne dabei irgendwelche seltsamen Narrative von Kopftuchmädchen oder Migrantengaunern zu bedienen.

    A propos Schirrmacher: Morgen kommt meine Rezension von Angeles Buch hier auf dem Blog.

  51. Öhh – Kopftuchmädchen – ein rein deskriptiver Ausdruck: Was soll da sein?

    Dass aber Sarrazin und Sieferle in der Zuzüger-Cuasa ausdrücklich für die Habenichtse argumentieren, ist in meinen Augen ein bedeutendes Pfund. Macht sonst (fast, naja) keiner.

    Vielleicht wollen Sie (oder haben Sie bereits) bei Ihrer Angele-Kritik mitbedacht, was Frau Klüssendorf aus nächster Nähe über Schirrmacher in der taz gesagt hat. Steht vielleicht noch online. Außerdem ist Henscheids Erzählung 10:9 für Stroh aussagekräftig.

  52. Also Kopftuchmädchen lese ich nicht deskriptiv. Sowenig wie Kartoffeljungs, wenn damit deutsche Jugendliche bezeichnet werden. Und wenn Mädchen für Frauen über 16 als Bezeichnung dient, dann hat das ebenfalls etwas Despektierliches. Genauso hätte Sarrazin schreiben können „orthodoxe Muslimas“. Aber das wollte er ersichtlich nicht. Sarrazin wie Sieferle spielen Arme gegeneinander aus. Davon ab, daß ich Sarrazin sein Engagement für die da untern nicht abkaufe.

    Klüssendorfs Text ist leider noch nicht online. Taz lese ich nicht.

  53. @Bersarin: Nicht nur Sie lesen Kopftuchmädchen nicht deskriptiv, ebensowenig den Ausdruck Habenichtse. Für eine Geisteshaltung, wie exemplarisch demonstriert, hege ich keine Sympathie, um mich gelindester Ausrucksweise zu befleißigen. Sie decouvriert eine Parallelgesellschaft, der wesentlich mehr Aufmerksamkeit entgegen gebracht werden muss.

  54. 14 Demonstrationen, von der Zivilgesellschaft organisiert, bekämpfen eine f¨hnfzehnte, ebenso von der Zivilgesellschaft veranstaltete. Diese böse AfD geht nämlich aus der sogenannten Zivilgesellschaft hervor genau wie alle anderen, die im Namen eben derselben Zivilgesellschaft die 15. bekämpfen.

    Glaubt ihr nicht?

    Kommen wir also auf die 15 Demonstrationen zurück! Das merkt eine weitere linksradikale Postille an:

    https://revoltmag.org/articles/klare-kante-statt-opportunismus/

    In diesem Aufsatz kommen vor: Jutta Ditfurth, Matthias Küntzel, Thomas Maul, Justus Wertmüller und viele weitere. Thomas Maul hat sich daneben benommen, so wie manchmal auch Gauland und Höcke sich daneben benehmen. Er findet nämlich, daß es sich bei der AfD um die enzige Stimme der Restvernunft im Bundestag handelt. O mein Gott, was machen wir jetzt! Eine linke Stimme, die einen stinkenden Haufen Faschisten vernünftiger findet als anderen wirklich demokratischen Parteien! Das geht doch nicht!

    Geht doch! Lest selbst!

    Jutta Ditfurth und Katja Kipping kommen nicht so leicht davon! Die AfD denkt genau das, was ihr für gut und richtig haltet, nur konsequenter…

    Diesem Kampf der 14 gegen die 15. Demonstration liegt also die Abspaltung zugrunde. Das Böse kommt grundsätzlich bei den 14 Demonstrationen immer von außen. Am sogenannten Rechtsruck ist immer jemand anderer schuld: Putin, Trump, die deplorables, die old white males, die Maskus, die Piratenpartei. Dieses Außen, das tatsächlich seinen Ursprung im Inneren hat, wird leidenschaftlich bekämpft. Da müssen harte Gesetze her: gegen Hate Speech, Fake News, Sexismus. Und natürlich ist es ok, jemanden die Fresse zu polieren. &gaquo:It’s ok to punch a nazi?» Ehrenwert ist es doch, sich als unerschrockener Anwalt der Zivilgesellschaft aufzuspielen. Das meinte ich weiter oben mit Projektion und den Bezug zu Freud und den Mitscherlichs.

  55. @ Neumondschein
    Interessant, was sie da verlinken:
    “ Label eine Legitimation im linken Diskurs für neurechte Positionen und unterhöhlen damit einen revolutionär-linken, antistaatlichen Konsens. Beispiele in der Jungle World sind in vergangenen Jahren, wie im Jahr 2018 Thomas Maul (auch unter Pseudonym), Jan Gerber, Magnus Klaue, Tjark Kunstreich usw. Das ist wenig überraschend, wenn man sich zugleich vergegenwärtigt, dass nicht nur die Bahamas, sondern zahlreiche AutorInnen der angeblich „linksantideutschen“ Jungle World inzwischen schon lange rechtskonservativ angekommen sind. Beispiele sind da Ivo Bozic, (Achse des Guten), Matthias Küntzel (Middle East Freedom Forum/ Die Welt) Thomas von der Osten-Sacken (Die Welt), Alexander Feuerherdt, (Achse des Guten) sowie Deniz Yücel (Die Welt/ TAZ), Martin Niewendick, (Die Welt) usw. Die Mischszenen ziehen dabei immer größere Kreise, wie es die langjährigen Zusammenarbeit der Jungle World mit Stephan Grigat (Uni Wien/ Stop The Bomb), Sebastian Voigt (Bahamas/ BAK Shalom) und AfD-Fan Henryk M. Broder (Achse des Guten) zeigt. Daran schließen sich Verlage wie der „Ça-ira”, oder die ehemals internationalistische „iz3w“ nahtlos an. “

    Springer und ex-linke – Thomas Schmidt (Frankfurter Linksradikaler Revoluzzer, dann Wagenbach/ dann Springer – Welt-Chef; dazu Broder (Konkret/ St. Pauli Nachrichten), Aust (Konkret/ St. pauli Nachrichten), Rainer Meyer/Don Alphonso (ex? Trotzkist), manchmal Cora Stephan (Pflasterstrand), na usw.

    Die Parias sind nach wie vor Thilo Sarrazin und Rolf-Peter Sieferle, denen in der „Welt“ kein Bleibens ist – die intellektuell von den genannten aber mit Abstand, wie ich finde, Interessantesten.

    Ihre Mitscherlich-Freud-Referenz verharrt immer noch im Halbdunkel. Find ich aber nich‘ schlimm, jetzte.

    Aust hat am Sonntag übrigens den Satz geschrieben, den er letzte Woche (ziemlich ungeschickt, wenn Sie mich fragen) zerst Kerner ins Mikrofon gesagt hat, ein Satz, den Sarrazin seit 2015 schreibt: Dass die Kanzlerin darauf verpflichtet ist, Schaden vom Deutschen Volk abzuwenden. Und dass es ihre Pflicht wäre, die Grenzen zu schützen.

  56. Don Alphonso ist kein Trotzkist, auch kein Ex, sondern bezeichnete Marx mal als „durchgeknallt“ und vertritt im Prinzip sozialdemokratische Positionen, allerdings die der SPD der 1980er Jahre.

  57. Er hat sich selber so bezeichnet – aber gut. Im Zweifel sagte er wohl, Don Alphonso sei „sowieso“ eine Kunstfigur. Was stimmt.

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