„Der Diebstahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichtum beruht, …“ – Karl Marx zum 200. Geburtstag (1)

Was gilt es zu feiern? Man kann es mit Kant sagen und hat darin die Marxsche Sache in nuce:

„Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muß. Religion durch ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch ihre Majestät wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht wider sich und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können.“

Prägnant formulierte es Kant in seiner Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft. Es sind „die dornichten Pfade der Kritik“, die es zu beschreiten gilt und Marx beschritt sie – mutig, denn es kostete ihn seine bürgerliche Existenz. Mit seiner Flucht aus Preußen war Marx ein Staatenloser und starb im englischen Exil. Er focht für die Pressefreiheit, er schrieb gegen die preußische Zensur, und die Freiheit der Gesellschaft war ihm nichts ohne die Freiheit des Individuums – was bei Marx gerne unterschlagen wird.

Mit der Aufklärung traten wir ins kritische Zeitalter und unter diesem Denken trat auch Marx an: „Der kritische Weg ist allein noch offen“. Das hätte genauso gut ein Satz von Marx sein können, stammt aber vom Ende der Kritik der reinen Vernunft. Marx steht in dieser kantischen Tradition. Er formulierte diesen Umstand eines offenen und zu beschreitendenWeges jedoch anders und trug die Erkenntniskritik mitten in die Gesellschaft hinein:

„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie)

Was mit Marx nicht zu haben war: die Atomisierung des Subjekts. Gesellschaftlich losgelöst.  Das nur bei sich und noch nicht einmal für sich seiende Individuum als fensterlose Mondade ist eine Illusion. Aufs triviale Niveau der popular music heruntergedimmt, könnte man es mit Ton Steine Scherben singen: „Allein machen sie dich ein“. (Auch darum ging es Marx: Nur gemeinsam in großer Zahl kann eine Revolution funktionieren, die mehr als eine Revolte sein will. Politische Streiks wirken nur als Generalstreik.) Über diese Atomisierung, die sich als (bürgerliche) Robinsonade verkleidet, spottete Marx bereits im ersten Abschnitt des Kapitals, wo es um die Ware ging, mit dessen Analyse das Kapital einsetzt:

„Da die politische Ökonomie Robinsonaden liebt, erscheine zuerst Robinson auf seiner Insel. Bescheiden, wie er von Haus aus ist, hat er doch verschiedenartige Bedürfnisse zu befriedigen und muß daher nützliche Arbeiten verschiedner Art verrichten, Werkzeuge machen, Möbel fabrizieren, Lama zähmen, fischen, jagen usw. Vom Beten u. dgl. sprechen wir hier nicht, da unser Robinson daran sein Vergnügen findet und derartige Tätigkeit als Erholung betrachtet. Trotz der Verschiedenheit seiner produktiven Funktionen weiß er, daß sie nur verschiedne Betätigungsformen desselben Robinson, also nur verschiedne Weisen menschlicher Arbeit sind. Die Not selbst zwingt ihn, seine Zeit genau zwischen seinen verschiednen Funktionen zu verteilen. Ob die eine mehr, die andre weniger Raum in seiner Gesamttätigkeit einnimmt, hängt ab von der größeren oder geringeren Schwierigkeit, die zur Erzielung des bezweckten Nutzeffekts zu überwinden ist. Die Erfahrung lehrt ihn das, und unser Robinson, der Uhr, Hauptbuch, Tinte und Feder aus dem Schiffbruch gerettet, beginnt als guter Engländer bald Buch über sich selbst zu führen.“ (Karl Marx: Das Kapital Bd. I, 1. Abschn. 1. Kap.)

Buch über sich selbst zu führen, ist eine schöne Wendung, an der auch Foucault seine Freude gehabt hätte. Eine Art solitäre Beichte des homo oeconomicus in diesem Falle, die das Subjekt in seinem Handeln bestimmt. In der Tat: die Ökonomie läßt sich nach dem Modell Robinsons denken, aber anders als es sich die Wirtschaftsliberalen und die heutigen Neoliberalen vorstellen, die in Naivität oder aber in bewußter Täuschung insinuieren, es gäbe keine Gesellschaft, sondern nur Individuen und den freien Markt:

„Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben. Alle Bestimmungen von Robinsons Arbeit wiederholen sich hier, nur gesellschaftlich statt individuell. Alle Produkte Robinsons waren sein ausschließlich persönliches Produkt und daher unmittelbar Gebrauchsgegenstände für ihn. Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich.“ (Karl Marx: Das Kapital Bd. I)

Das ist die eine der Zentralstellen marxschen Denkens. Unsere Verhältnisse sind gesellschaftliche. Sie sind nicht zufällig, sie hängen nicht festgeklebt am Himmel oder autochon ruht es in Gaias Schoß. Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewußtsein, wie Marx es zu Beginn der Deutschen Ideologie formulierte. Unabhängig von allen politischen Folgerungen, die man aus dem Text von Marx in die eine wie die andere Richtung ziehen kann, ist dies ein Scharnier marxscher Dialektik. Daß es von Menschen gemachte Verhältnisse sind, die sich im Extremfall verselbständigen und über den Menschen hinauswachsen, so daß sie uns als unveränderliche Naturformen erscheinen. Das aber sind sie nicht, und dieses Verhältnis gilt es in die Reflexion wieder einzuholen. Denn nur so zeigen sie sich als veränderbar. In diesem Sinne nämlich ist Marx‘ Philosophie Kritik im besten aufklärerischen Sinne: die Gesellschaft über sich selbst aufzuklären. denn in den Erscheinungen zeigt sich nicht immer das Wesen. Kompakt und komplex nachzulesen in jenem Fetischismuskapitel aus dem Kapital und ebenso in Vorrede der Deutschen Ideologie und in dem ersten Kapitel über Feuerbach. Zwar erschöpft sich Marx nicht in diesen Texten, aber als Einstieg in sein Denken eignen sie sich, zusammen mit dem Manifest der kommunistischen Partei gut.

Was es, im Sinne eines doktrinären Marxismus, ganz sicher nicht zu würdigen gilt, sind die zahlreichen marxschen Epigonen – von evangelischen Akademien bis hin zu dubiosen K-Gruppen im dogmatischen Schlummer, vor allem, was im angeblichen Namen von Marx an Systemen errichtet wurde. Mit Marx ist eine ausgepinselte sozialistische Utopie nicht zu haben:

„Ist die Konstruktion der Zukunft und das Fertigwerden für alle Zeiten nicht unsere Sache, so ist desto gewisser, was wir gegenwärtig zu vollbringen haben, ich meine die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden, rücksichtslos sowohl in dem Sinne, daß die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebensowenig vor dem Konflikte mit den vorhandenen Mächten.“ (Marx, Briefe aus den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“)

Und noch viel weniger ist mit Marx ein diktatorisches Regime zu rechtfertigen. Marx analysierte die Funktionsweise des Kapitalismus – nicht mehr, nicht weniger. Jener Marxsche Satz „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin“ gilt hier und auch für das, was sich zu Marxens Zeiten zutrug. Er sagte diesen Satz als er Bekanntschaft mit dubiosen Leuten machte, die sich Marxisten nannten. Jene, die sich auf ihn beriefen, können sich nur bedingt auf Marx berufen. Zur klassenlosen Gesellschaft und wie die in concreto auszusehen habe, gibt es bei Marx nur wenige Passagen. Allenfalls in den Frühschriften wie den Ökonomisch-philosophischen Manuskripte von 1844 finden sich essentialistische Bestimmungen eines arbeitenden Wesens Mensch. Aber auch hier ist der Begriff der Arbeit zunächst so zu verstehen, daß der Mensch grundsätzlich in einem „Stoffwechsel mit der Natur“ steht oder wie es später dann in Marx‘ Kapital heißt:

„Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.“

Diese Art der Arbeit als Auseinandersetzung mit der eigenen Umwelt gilt für alle Menschen und Gesellschaften gleichermaßen. Ein sich in sich zurückziehender Mensch, der sitzend wartet, ist die Kulturleistung fürs Theater oder Stoff für einen Roman, aber selten wird ein solches Wesen Mensch eine Woche in der unbehauenen Natur überleben. Wir brauchen zweite Natur und wir müssen sie bearbeiten – allein um das fehlende Fell und die dünne Haut des Menschen durch schützende Kleidung zu ersetzen. Das geht hin bis zur Spinning Jenny zu Marx‘ Zeiten, im Zeitalter der Baumwolle. (Dazu das ungemein anregende und interessante Buch von Sven Becker: King Cotton. Eine Globalgeschichte des Kapitalismus)

Den Menschen vom Kopf auf die Füße zu stellen, dies kann man ebenfalls als Aufgabe der marxschen Philosophie sehen. Aufklärung ist dies allemal. Über Georg Büchners Kunstfigur Lenz, die nach dem gleichnamigen sozialkritischen Schriftsteller geformt wurde, heißt es in Büchners gleichnamiger Erzählung: „Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte.“ Celan kommentierte diesen Satz in seiner „Meridian“-Büchnerpreis-Rede als eine katastrophale Wendung oder zumindest als eine solche, die den Sturz in den Malstrom fürchten läßt: „Wer auf dem Kopf geht, (…) der hat den Himmel als Abgrund unter sich.“ Diese Kritik des verkehrten Wesens beginnt bei Marx mit der Kritik der Religion, um von dort her auf die gesellschaftliche Wirklichkeit zu stoßen:

„Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.“ (Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung)

Das Programm der Marxschen Aufklärungsphilosophie ist in dieser frühen Schrift aus den Jahren 1843/44 bereits im Kern enthalten und dieses Wesen, das zur Erscheinung kommen muß, wird Marx rund 20 Jahre später dann im Kapital als Kapital entfalten und in die Darstellung bringen: Analyse und Kritik in einem. Jene Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie ist noch eine Kampfschrift, trägt einiges an Hoffnung in sich und eine dialektische Volte eben: Mit jenem schönen religiösen Pathos verkündet Marx am Ende dieser so literarisch formulierten Prosa:

„Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.“

Diese Hoffnungen zerschlugen sich nach der gescheiterten Revolution von 1848. Marx bleib immer Realist, und als in Paris 1848 die deutschen Handwerksgesellen und Exilanten in Deutschland bewaffnet losschlagen wollten, riet er davon dringend ab, nicht nur weil die „Waffe der Kritik (…) allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen“ kann, sondern weil für diese Kategorie des praktischen Ereignisses die Zeit reif sein muß. Ansonsten kann es nicht gelingen. Wenn die Revolutionen die Lokomotiven der Weltgeschichte sind, dann muß man sehr genau die Konstruktion der Lok und die Zugfahrpläne kennen. Marx lieferte dazu das nötige Werkzeug. Was das praktisch bedeutet, steht im Offenen. Von der historischen Gegenwart Walter Benjamins her nimmt sich dieses revolutionäre Ereignis freilich um einiges skeptischer aus:

„Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“
(Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

Abbildung: Gemeinfrei, Wikipedia

57 Gedanken zu „„Der Diebstahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichtum beruht, …“ – Karl Marx zum 200. Geburtstag (1)

  1. @ Bersarin
    Instruktiv!
    Das da auch: Insbesondere weil Scheu zeigt, wieviel von dem, was (u. a.) Marx forderte, an Reformen unserer Wirtschaftsweise in der Schweiz z. B. bereits umgesetzt ist – erstaunlich viel!

    https://www.nzz.ch/meinung/ein-lob-auf-marx-ld.1382823

    „Die Wahrheit des Diesseits“, die Sie oben von Marx zitieren, hat Habermas freilich vernichtet! – Er ist einer der großen Drachentöter gegen die totalisierenden Tendenzen Marx‘, die es ja gab – und die ja weiß Gott Furore gemacht haben – cf. Archipel Gulag.

    Es gibt im praktischen Kontext nach Habermas, um das aufzulösen, nicht mehr d i e Wahrheit des Diesseits, sondern nur noch zu unser aller Nutz‘ und Frommen konkurrierende Reformvorschläge/-Praktiken, die sich alle i n p r a x i bewähren müssen.

    Noch eine kleine Bemerkung: Es gibt den Menschen als gesellschaftliches Wesen, aber sozusagen nicht nur – das „nur“ in Marxens von Ihnen oben zitierten Formulierung ist irreführend. Daher der unausrottbare Erfolg der Kritiker des Kollektivismus, des Herdenmenschen, des „man“ usw.

    Ich will nur darauf hinaus zu sagen: Man soll sich auch von Marx in dieser Sache nicht schwindlig reden lassen: Gesellschaft ist gut – und der individualisierende „Waldgang“ ist natürlich auch gut – wie auch das Dao De Jing. – Das sind allesamt Paarungen, kulturgeschichtlich gesehen. Und auch Marx, wenn er sich gegen die „Eseleien“ der Parteiungen wendet, verkörpert diese Dynamik, die in der Spannung zwischen dem Menschen als Gemeinschaftswesen hie und Individuum da besteht. – Das sind Spuren (Bloch) – – von Hegels (notwendigen) „Entzweiungen“…im Busen des modernen Menschen.

  2. Es geht ja Marx gerade um die dialektische Vermittlung von Individuum und Gesellschaft. Und die Crux ist: Der Individualismus des Waldgängers, des Ästhetikers oder des Bewohners im Grandhotel Abgrund ist eine gesellschaftliche Sache. Es muß eine Gesellschaft geben, in der sich ein Individuum diese Haltung überhaupt erst leisten kann.

    Habermas‘ Kritik macht eben am Ende doch vor der bürgerlichen Gesellschaft halt, geht in diesem Sinne nicht an die Substanz des Rechtsstaates. Aber das kann man ihr natürlich nur von externem Standpunkt ‚vorwerfen‘. Richtig ist sicherlich, daß im Westen (aber auch nur dort!) Europas die Arbeiter sogut wie alles erreicht haben, was zu erreichen ist. Sie wollten wie die Bürger leben und deren Leben imitieren. Nun haben sie es.

  3. @ Bersarin
    Die Frage nach der Substanz (= dem Wesen….) des Rechtsstaates ist – – sehr hegelisch (= dialektisch aufgespannt zwischen Gott und der Welt, Diesseits und Jenseits (= Schiller: Ideal und Wirklichkeit)…). Auch zwischen Weltgeschichte und Heilsgeschichte. Klar. (Auch Marx war das sehr klar, wenn wohl auch nicht klar genug, sozusagen…).

    Lässt man diese Dinge weg, und verkürzt (= trivialisiert…) gleichwohl die Debatte nicht, landet man bei den praktischen Vorzügen der Reformidee und den Fortschritten in der Ausgestaltung des Zusammenlebens, die der liberale (und später demkratische) Rechtsstaat darstellt und insofern – schon wieder Hegel, wenn auch nun durch die Posaune von Francis Fukuyama – : Beim „Ende der Geschichte“.
    (Fukuyamas trickreiches Manöver ist das „insofern“ oben).

    Nicht natürlich beim Ende der Debatte, oder aller Debatten. Ganz im gegenteil.

    Hier ist eine der interessanteren Debatten heutzutage (eine, in der es um viel geht. Das hat übrigens auch Angela Merkel klar, die diese Woche genau an der unten aufgeführten Debatte anschloss, und etwas sagte, was in diesem Kontext ebenfalls sehr folgenreich ist: Dass nämlich der Klageweg allen Asylsuchenden unbedingt freizustehen habe. Die Konsequenz unter den Bedngungen von Dublin III sind diese: Es gibt in Deutschland de facto weiterhin weniger als zehn Prozent Abschiebungen aus der Gruppe derer, deren Asylbegehren a b g e le h n t wurde.
    (Außerdem ist die sehr einflussreiche Gruppe der Juristen in Deutschland befriedet im Asylkonflikt, weil die Juristen mit der Verfahrensflut in Sachen Asyl (über 300 000 Verfahren) Milliarden Euro an Steuergeldern erhalten – als Anwälte, Richter, Gutachter – und klar auch als Professoren, s. u. der Junioprofessor Dvid Thym in Konstanz, der auf der Achse des Guten schreibt – und dem Thilo Sarrazin antwortet (in den hundert Kommentaren, die die Achse des Guten zu diesen beiden Artikeln freigeschaltet hat, befinden sich meiner Schätzung nach noch keine drei von Juristen (meine Begründung dafür habe ich oben schon angedeutet…).
    Hier sind die Artikel von Thym und Sarrazin auf der Achse des Guten

    http://www.achgut.com/artikel/der_rechtsbruch_mythos_und_wie_man_ihn_widerlegt

  4. „Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.“

    Da liegt aus meiner Sicht der größte Schwachpunkt des Marxschen Denkens; als wäre der Mensch etwas außerhalb der Natur stehendes. Wahrscheinlich klingt da noch die Hegelsche Naturphilosophie nach, für die die Natur ja bekanntlich „das Andere des Geistes“ war, also nichts an sich selber.

    Die Konsequenz beschreibt Kolakowski:

    „Das bezeichnende Ergebnis des Marxschen Prometheismus ist die Abneigung, die natürlichen Bedingungen der menschlichen Existenz zur Kenntnis zu nehmen, ist die faktische Abwesenheit der menschlichen Physis in seinem Menschenbild. In diesem Weltbild ist der Mensch gänzlich durch sein gesellschaftliches Sein bestimmt; die leiblichen Grenzen seines Daseins sind nahezu unkenntlich. Im Marxismus fehlen fast gänzlich solche Aspekte des Lebens wie die Tatsache, daß die Menschen geboren werden und sterben, daß es junge und alte Menschen gibt, daß sie männlich oder weiblich, gesund oder krank sind, daß sie in genetischer Hinsicht ungleich sind und daß alle diese Gliederungen Einfluß auf ihre gesellschaftliche Entwicklung nehmen können, unabhängig von den Klassengliederungen, und das sie den menschlichen Projekten zur Vervollkommnung der Welt Schranken setzen.“

  5. @ Dieter Kief:
    Na ja, das „Ende der Geschichte“ ist ein Mythos, der die Transformationsprozesse unterschlägt. Und mit dieser rhetorischen Figur bekommt man den Umschlag von Quantität in eine neue Qualität nicht mit in den Blick – und deshalb scheitert sie und ist in der Analyse von Geschichte unterkomplex. Mit Hegel selbst ist diese Endstufen-Figur nicht zu haben. Was Hegel lediglich sagt, ist auf Hegels Zeitalter bezogen. Medium der Reflexion sind nicht mehr Kunst oder Religion, sondern die Philosophie. Das kann man zwar in bezug auf die Kunst in dieser Apodiktik, wie Hegel es in zum Ende der Enzyklopädie konzipierte, nicht mehr schreiben, dennoch ging eine Großteil der Deutungsmacht an die Philosophie bzw. für die Gegenwart an die einzelnen Wissenschaften über: Politik, Ökonomie, Soziologie.

    Was das Recht betrifft, so existieren unterschiedliche Auslegungen und Hinsichten. Das muß man berücksichtigen und beachten. Weder Sarrazins noch Thyms Ausführungen überzeugen mich wirklich. Papier und Di Fabio schon eher. Was die Klagewege betrifft, so ist es eben eine formale Sache des Rechts. Man kann Recht nicht mal so und dann wieder anders drehen, wie es politisch paßt. Diese Angelegenheit ist teuer. Ja. Und ein Rechtsstaat wird sich dieses Geld leisten müssen. Allerdings sollte dann, wenn die Abschiebung rechtsgültig ist, eben auch konsequent abgeschoben werden. Und es ist Aufgabe einer Regierung, Dublin III konsequent umzusetzen. Entsprechender Druck kann ja auch innerhalb der Regierungspartei CDU auf die Kanzlerin ausgeübt werden.

    Im Hinblick aufs Asylrecht interessieren sich Juristen nur bedingt für die politische Folgeabwägung – was auch gut und richtig ist –, sondern zunächst für den Wortlaut und den Inhalt des Gesetzes, der auszulegen ist. Natürlich muß oder sollte andererseits auch eine pragmatische, die Folgen abwägende Seite mit einfließen. Diese Abwägungen aber zwischen einem allgemeinen Rechtsempfinden und dem, was ein Gesetz gebietet, müssen Gegenstand der Debatte sein. Ganz Hegelianisch gedacht: Hier die Abwägungen zwischen Recht, Moralität und Sittlichkeit, zwischen dem Willen der Mehrheit und den Rechten von Minderheiten zu finden, dürfte nicht ganz einfach sein. Und das sind Diskurse, die nicht nur rechtlich gelöst werden können. Das Gute an der Verrechtlichung solcher Aspekte ist, daß nicht mehr die bloße Moralisierung von Problemen die Folge ist.

  6. El Mocho. daß der Mensch auch einen Anteil Natur enthält und auch Natur ist, stellt für Marx‘ überhaupt kein Problem dar. Nur: Das ist eben nicht der Aspekt von Marx Theorie. Der Kapitalismus wird nicht durch menschliche Gene angetrieben, sondern durch gesellschaftliche Prozesse, für die die Natur des Menschen höchstens akzidentiell ist. Ob ein Unternehmer mehr oder weniger egoistisch ist, mag auch mit den Genen zu tun haben, ist aber für die Entwicklung des Kapitalismus nicht weiter relevant.

    Kolakowski ist leider in dieser Sache Marx kein guter Gewährsmann. Zunächst einmal geraten bei ihm die Ebenen durcheinander. Geht es in den ersten beiden Sätzen noch um Marx selbst, so switcht er im dritten Satz zum Marxismus. Daß Marx und Marxismus etwas sehr verschiedenes sind, sollte Kolakowski eigentlich bewußt sein. Insofern wäre es gut, wenn er in seiner vermeintlichen Argumentation die Bezüge trennte und uns zunächst einmal korrekt sagt, über welchen Gegenstandsbereich er sprechen will.

    „Das bezeichnende Ergebnis des Marxschen Prometheismus ist die Abneigung, die natürlichen Bedingungen der menschlichen Existenz zur Kenntnis zu nehmen, ist die faktische Abwesenheit der menschlichen Physis in seinem Menschenbild. In diesem Weltbild ist der Mensch gänzlich durch sein gesellschaftliches Sein bestimmt; die leiblichen Grenzen seines Daseins sind nahezu unkenntlich.“

    Zunächst einmal gibt es bei Marx keine Abneigung gegen die natürlichen Bedingungen, es sei denn Kolakowski könnte uns dies in einem Zitat zeigen. Ansonsten muß ich nämlich annehmen, daß er sich hier einen Marx bastelt, der viel mit ihm selbst, aber wenig mit Marx zu tun hat. Weiterhin müßte er zeigen, was diese vorgeblich natürlichen Bedingungen seiner menschlichen Existenz sind und was K. darunter versteht. Daß der Mensch pißt und scheißt und zeugt? Gut, auch darüber kann man philosophieren und selbst dort wird schnell klar, daß diese natürlichen Vorrichtungen kulturellen Mustern unterliegen. Die Scheißkultur der Germanen und die der Orientalen und der Griechen um 400 v. Chr dürften sehr unterschiedliche ausgefallen sein. Mich erinnert diese Frage zur Natur an den Doppelsinn des Geschlechtsorgans bei Hegel, eine der zahlreichen lustigen Stellen aus seiner „Phänomenologie des Geistes“: „Das Tiefe, das der Geist von innen heraus, aber nur bis in sein vorstellendes Bewußtsein treibt und es in diesem stehenläßt, – und die Unwissenheit dieses Bewußtseins, was das ist, was es sagt, ist dieselbe Verknüpfung des Hohen und Niedrigen, welche an dem Lebendigen die Natur in der Verknüpfung des Organs seiner höchsten Vollendung, des Organs der Zeugung, und des Organs des Pissens naiv ausdrückt. – Das unendliche Urteil als unendliches wäre die Vollendung des sich selbst erfassenden Lebens; das in der Vorstellung bleibende Bewußtsein desselben aber verhält sich als Pissen.“

    Weiterhin: Marx geht es, anders als anscheinend K., nicht um ein Weltbild, sondern darum, das menschliche Dasein und seine Verhältnisse zu verstehen. Das hat nichts mit einem Weltbild zu tun, sondern Marx untersucht Gesellschaft unter einem bestimmten Aspekt und in einer bestimmten Hinsicht, nämlich den wirtschaftlichen und philosophischen Kontexten. Und in diesem Sinne ist auch das Leibliche natürlich durch das gesellschaftliche Sein bestimmt. Was bereits die unterschiedlichen Ausprägungen von Toilettenkultur, wie auch der Sexualkultur uns zeigen. Zeugen ist nicht gleich Zeugen und Pissen nicht gleich Pissen. Deshalb eben ist die leibliche Funktion sekundär. Darum kümmert sich jedoch einen andere Wissenschaft: die Biologie, die uns zeigt, wie trotz unterschiedlicher Kulturleistungen die Prozesse im menschlichen Körper sich abspielen. Da Marx den Naturwissenschaften nicht abgeneigt war, zumindest finde ich bei ihm keine Stellen des Obskurantismus oder der irrationalen Verdammung der Wissenschaften, können wir davon ausgehen, daß Marx auch die sich zu seiner Zeit stark entwickelnde Biologie mit Interesse verfolgte. Nur eben: Für die Theorie des „Kapitals“ etwa ist der menschliche Körper nur insofern interessant, als sich durch ihn die Arbeitskraft in der produzierten Ware manifestiert. Die physiologischen Leistungen spielen für eine solche Theorie keinerlei Rolle und sie müssen es auch nicht, weil es hier um die Funktionsweise eines Wirtschaftssystems geht. Und selbst in seinen philosophischen Frühschriften, wo Marx sich mit dem Gattungswesen Mensch auseinandersetzt, sind biologische Faktoren oder die Natur des Menschen nicht das Primäre. Zur Natur des Menschen gehört es allerdings, sich mit seiner eigenen und der ihn umgebenden Natur sich auseinanderzusetzen. Insofern eben mein Verweis darauf, daß der Mensch ein arbeitendes Wesen ist.

    „Im Marxismus fehlen fast gänzlich solche Aspekte des Lebens wie die Tatsache, daß die Menschen geboren werden und sterben, daß es junge und alte Menschen gibt, daß sie männlich oder weiblich, gesund oder krank sind, daß sie in genetischer Hinsicht ungleich sind und daß alle diese Gliederungen Einfluß auf ihre gesellschaftliche Entwicklung nehmen können, unabhängig von den Klassengliederungen, und das sie den menschlichen Projekten zur Vervollkommnung der Welt Schranken setzen.“

    Ja, diese Dinge fehlen. Aber eben nicht im Marxismus, denn der produzierte von Inkontinenzunterwäsche bis hin zu Klopapier und Verhütungsmitteln alle möglichen Dinge für den menschlichen Körper, sondern in der Theorie bei Marx fehlt das. Und zwar aus dem einfachen Grunde heraus, weil das nicht Gegenstand seiner Theorie ist. So wie in der aufkommenden Chemie zu Marxens Zeiten auch die kulturellen Aspekte fehlen. Das liegt nicht am Mangel innerhalb der Theorie, sondern an der Referenzebene.

  7. „Das liegt nicht am Mangel innerhalb der Theorie, sondern an der Referenzebene.“

    El_Mocho trifft etwas, denn Marx erweckt an sehr sehr vielen stellen in seiner Theorie zumindest den eindruck, es geh ihm auch um den Menschen selber. Da fehlt etwas – das man heute z. B. Soziologie nennt oder Sozialpsychologie usw.

    wg. weiter oben: Zwischen Papier und di Fabio passt nun noch weniger Widerspruch, als noch vor zwei Wochen, als nämlich Sarrazin entgegen di Fabios Einschätzung davon sprach, dass in Sachen unregulierter Einreise ein Rechtsbruch vorliege. Jetzt sagt er auf der Achse – wie Vosgerau und Papier und Schachtschneider, es sei Unrecht geschehen. – Dagegen, nota bene, redet auch Thym nicht Thym full frontal an.
    Das sind aber Nuancen der Debatte, die weitgehend unbeachtet bleiben, die aber Thym, nicht faul, sehr zu seinen Gunsten flottzumachen weiß.

    Ihr Hinweis, dass in diesem Kontext weniger zu moralisieren sei, ist natürlich richtig.
    Thym moralisiert innerhalb des Rechtsdiskurses freilich schon – wenn man sich seine en Passant gemachten Qualifikationen seiner Diskurs-Kontrahenten anschaut, und auch Sarrazin ist kein Heiliger, was diese Dinge betrift. Ulrich Vosgerau spricht ziemlich nüchtern, allerdings überreißt er – zumindest für mein Gefühl – was die Frage angeht, ob ein Regierungsputsch vorliege. Wie gesagt: Nur so ein Gefühl von mir, weil: natürlich, rechtssystematisch gesehen, kommt einer Grundgesetzverletzung durch die Regierung wenig gleich, und wenn man diese Aussage macht, kann man auch weitergehende Überlegungen anstellen. Das ist nicht unredlich, aber – in meinen Augen, eher unklug.
    Vosgeraus Cicero-Artikel, in dem er diese Überlegungen bereits Ende 2015 (!) anstellte, ist übrigens immer noch online – und hat ihn wohl einen sicher zugesagte Professur gekostet – – –
    cf. sein wirklich interessantes Buch „Die Herrschaft des Unrechts – Die Asylkrise, die Krise des Verfasungstaates und die Rolle der Massenmedien“, Books on Demand 2018, 9 Euro.

    Es ist übrigens scheint’s nicht richtig, in Sachen Dublin III von EU-Recht zu sprechen, denn es handelt sich dabei lediglich um eine Verordnung.

  8. Es kommt auch verfassungsrechtlich offenbar Bewegung in diese Sache:

    http://www.achgut.com/artikel/verfassungsgericht_entscheidet_ueber_grenzoeffnung

    PS – die AfD hat ihre Klage Mitte April per Video (!) bekannt gemacht, und lediglich Dirk Maxeiner von der Achse hat diese Bekanntmachung veranlasst, beim BVG nachzufragen, ob eine Klage eingegangen sei. – Puhhhh. Was für ein Coup für die Achse – und was für ein schlechtes Zeugnis für den Rest der professionellen Öffentlichkeit hierzulande!

    (Mal sehen, wer die Klageschrift verfasst hat – eine Idee hab‘ ich freilich.)

  9. „Der Kapitalismus wird nicht durch menschliche Gene angetrieben, sondern durch gesellschaftliche Prozesse, für die die Natur des Menschen höchstens akzidentiell ist.“

    Ich denke nicht, dass sie akzidentell für gesellschaftliche Prozesse ist. Gesellschaften bestehen aus handelnden Menschen, und menschliches Handeln beruht auf der biologischen verankerten menschlichen Natur; das meiste Sozialverhalten dient der Befriedigung physischer Bedürfnisse. Marx weist ja selber darauf hin. Gesellschaftliche Veränderungen verändern die menschliche Natur nicht, sie verändert sich nur in evolutionären Zeiträumen von vielen Jahrtausenden. Die Geschichte der Versuche, Marxens Lehren in die Tat umzusetzen macht das recht deutlich, finde ich. Sie sind regelmäßig daran gescheitert, dass es eben nicht gelingt, einen neuen Menschen zu schaffen, dass die Menschen z.B. weiter ihre Kinder bevorzugen gegenüber dem Proletariat anderer Länder, egal wie die gesellschaftlichen Verhältnisse oder die offizielle Ideologie aussehen. Oder dass das menschliche Wissen nicht ausreicht (und nicht ausreichen kann), hochkomplizierte Gebilde wie moderne Ökonomien zentral zu steuern und zu verwalten. Ist ja vielleicht kein Zufall, dass Marx diese Frage nicht näher behandelt und überhaupt nur höchst vage über die neue Gesellschaft spricht, die den Kapitalismus ersetzen soll.

    „Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben.“

    Klingt ja toll, aber er sagt leider nichts darüber, wie man denn einen solchen Verein herstellen kann, was „gemeinschaftliche Produktionsmittel“ sind, und wie sich gesellschaftliche Arbeitskraft von individueller Arbeitskraft unterscheidet. Arbeiten tun ja letzten Endes nur Individuen.
    Also ich bleibe bei meiner Kritik. Wenn Marx sagt „Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (Thesen über Feuerbach), dann übersieht er, dass das menschliche „Wesen“ (menschliche Natur scheint mir ein besserer Begriff) eben kein Abstraktum sondern ein Konkretum ist, das Menschen Produkt der Evolution sind und als solche in die Natur eingebettet bleiben, auch wenn sie als einzige Gattung sprechen und abstrakt Denken können.
    Wenn Marx ferner sagt, „Übrigens ist diese der menschlichen Geschichte vorhergehende Natur ja nicht die Natur, in der Feuerbach lebt, nicht die Natur, die heutzutage, ausgenommen etwa auf einzelnen australischen Koralleninseln neueren Ursprungs, nirgends mehr existiert, also auch für Feuerbach nicht existiert“ (Deutsche Ideologie), dann ist das eben falsch, denn das Verhalten von Menschen ist auch heute noch von evolutionär erworbenen Eigenschaften geprägt, z.B. gerne Süßes zu essen, weil Zucker ein guter Energielieferant ist und man bis vor einigen hundert Jahren nur selten Honig oder süße Früchte bekam. Dass das heute zu Übergewicht als Volkskrankheit führt, ist eben ein Ergebnis dieses in der Evolution erworbenen Verhaltens.

    Wenn man nun, wie die Leute, die Marx in die Tat umzusetzen versuchten (was er ja ausdrücklich empfohlen hatte, ohne genauere Hinweise zu geben, wie das zu machen sei), davon ausgeht, dass mit der Revolution und dem Umsturz der Verhältnisse alle diese alten, erworbenen Verhaltensweisen verschwinden würden, dann kann man auch auf Projekte wie den Dawydow-Plan kommen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Dawydow-Plan

  10. @ El_Mocho: „Klingt ja toll, aber er sagt leider nichts darüber, wie man denn einen solchen Verein herstellen kann, was „gemeinschaftliche Produktionsmittel“ sind…“

    Marx und Engels empfehlen in dieser Lage bekanntlich die „Diktatur des Proletariats“.

    (Die Hinweise auf Marx‘ falsche krypto-Anthropologie finde ich übrigens gut & richtig.)

    ((PS – Ich hab‘ vielleicht fünfzig Artikel wg. Geburtstag gelesen – die meisten sind nicht auf dem Niveau hier. Heute wieder in der FAZ z. B. ein ziemlich blasser und leider ganz unergiebiger Kongressbericht.))

  11. @“Oder dass das menschliche Wissen nicht ausreicht (und nicht ausreichen kann), hochkomplizierte Gebilde wie moderne Ökonomien zentral zu steuern und zu verwalten. “ —– Ist bei Marx gar nicht angelegt. Von zentraler Steuerung der Ökonomie ist dort nirgendwo die Rede. Das ist erst Lenin, der Kasernenhofkommunismus wie Hartmann ihn nennt, dessen Organisationsmodell an der deutschen Reichspost orientiert ist. Hat mit Marx so viel zu tun wie Lamarck mit Darwin oder Madonna mit Farah Diba.

  12. Mit der Diktatur des Proletariats hat es auch so seine Mucken. Marx und Engels betrachteten die Pariser Commune

    https://de.wikipedia.org/wiki/Pariser_Kommune

    als Diktatur des Proletariats, also eine durchaus demokratisch zustandegekommene Verwaltung, die eine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft versuchte. Was wir heute unter Diktatur verstehen ist geprägt durch die Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Zu Marxens Zeiten war noch der antike Diktaturbegriff gängig – die Diktatur war in der Verfassung der Römischen Republik ein für besondere Notlagen vorgesehener Ausnahmezustand – was wir heute Diktatur nennen hieß hingegen Tyrannis. Mit dem Staatsverständnis Lenins wäre Marx sicher nicht einverstanden gewesen.

  13. „Ich denke nicht, dass sie akzidentell für gesellschaftliche Prozesse ist. Gesellschaften bestehen aus handelnden Menschen, und menschliches Handeln beruht auf der biologischen verankerten menschlichen Natur …“

    Wie schon so häufig und wieder: Ein logischer Kategorienfehler, Du wirfst ständig die Bezüge durcheinander. Weil Menschen aus Armen, Beinen und Haaren bestehen, machen weder Arme, noch Beine, noch Haare die menschliche Gesellschaft. Nicht viel anders ist es mit den Genen. Wenn Handeln auf der „biologisch verankerten Natur“ (was immer die auch sein mag) beruht, dann gäbe es keine unterschiedlichen Gesellschaften. Die biologische Natur der Menschen ist nämlich relativ ähnlich. Die unterschiedlichen Ausprägungen von Gesellschaft lassen sich insofern nicht durch die Gene oder durch die menschliche „Natur“ erklären, sondern hierfür sind andere Faktoren erforderlich: menschliches Handeln, vorgefundene Bedingungen, in die wir hineingeboren werden,geographische und klimatische Bedingungen, woraus sich wiederum wirtschaftliche und politische Bezüge ableiten lassen. Bereits in Deinem Biologismus setzt Du schon Kultur voraus, die Du aus der Biologie abzuleiten vorgibst. Eine petitio principii also.Ähnlich ist es mit der Sprache. Sie beruht nicht auf genetischen Dispositionen, sondern auf Kulturleistungen. Auch hier nimmst Du eine Kulturleistung in Anspruch, um Biologie zu erklären. Die Biologie ist für den Körper verantwortlich, sie steuert ihn, sie ist auch nötig, um Laute von sich zu geben. Wie aber diese Laut- und Zeichensysteme nach Regeln artikuliert und entäußert werden, da hat die Biologie nichts Wesentliches mehr beizutragen. Ähnlich bei der Interpretation von Kulturleistungen. Ob das nun Gesellschaft oder ein Roman von Daniel Kehlmann ist. Was hier die Biologie oder die „Natur“ beisteuern könnte, ist wohl eher trivial zu nennen, um zu erklären, wie Kehlmanns „Tyll“ konstruiert und gefertigt ist. Im Falle der Biologie ist es eben wichtig, zwischen notwendiger und hinreichender Bedingung zu unterscheiden. Der menschliche Körper ist notwendig, um Gesellschaft hervorzubringen. Mehr aber auch nicht. Und danach wird es in bezug auf die Biologie trivial. Weiterhin ist der Schluß, den Du in diesem Satz ziehst logisch nicht haltbar: Richtig ist, daß Gesellschaft auf handelnden Menschen und menschlichem Handeln beruht. Nicht richtig ist, daß dafür allein die biologisch verankerte Natur „verantwortlich“ ist.

    Die Absurdität Deines Schlusses wird deutlich, wenn man ihn inhaltlich ein wenig verändert, dabei aber die logische Form des Schlusses wahrt:

    Prämisse 1: Aktienhandel beruht auf handelnden Menschen
    Prämisse 2: Menschliches Handeln beruht auf der biologischen verankerten menschlichen Natur.
    Konklusion: Ergo beruht Aktienhandel auf der biologischen verankerten menschlichen Natur

    Weiterhin: Es geht bei Marx nicht darum, einen Menschen neu zu schaffen, auch wenn Marx Darwin schätzte, war er kein Theoretiker der Reproduktionsmedizin, sondern es ging ihm darum, Gesellschaft zu analysieren. Und was den Sturz des Kapitalismus betrifft, so hatte zumindest im 19. Jhd einzig der Arbeiter ein Interesse daran. Der Kapitalist kaum. Daß die eigenen Verwandten einem näher sind als Fremde muß sich nicht mit Marxens These beißen. Ganz im Gegenteil hängen menschliche Verhaltensweisen von konkreten Umständen ab. Da wo es unmittelbar geboten ist, solidarisch zu sein, können Menschen sich durchaus solidarisch verhalten. Das sieht man besonders in Zeiten der Not. Insofern sollte man bei Marx nicht dessen Analysen mit einem vagen utopischem Konzept verwechseln, das bei Marx nicht vorkommt. Marx schreibt dies kurz, deutlich und prägnant im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals:

    „“,… ich beschränke mich auf bloß kritische Zergliederung des Gegebenen, statt Rezepte (comtistische?) für die Garküche der Zukunft zu verschreiben.“

    Das Zuckerbeispiel, El Mocho, ist nun besonders grotesk. Deutlicher kann man eigentlich nicht zeigen, wie Gesellschaft den Konsum einer Sache anheizt.

    Ansonsten eben beschreibst Du Natur ständig in Sprache. Du sprichst also, und genau das stellte Marx in seinem Feuerbachtext fest, nicht von DER Natur, sondern von einer bestimmten Interpretation von Natur, also das, was wir die zweite Natur nennen.

  14. @ Dieter Kief: Was die „Diktatur des Proletariats“ betrifft, so muß man dazu allerdings immer den Kontext der Zeit mitdenken, in dem dieser Begriff im 19. Jhd stand. Problematisch wird es, wenn man sozusagen ex post facto sogleich den Stalin und den Mao dort mitliest. Marx selbst war bekanntlich einer der schärfsten Kritiker seiner eigenen „Genossen“. Und er wußte wohl, daß nach der gescheiterten 48er Revolution (oder doch nur eine Revolte?) die Situation eine andere war. Eine historische Chance ward vertan. Insofern kann es in diesem Kontext auch interessant sein, Marxens Text über die Pariser Commune von 1871 zu lesen.

    Zum Begriff der Diktatur unbedingt mitzulesen das von Koselleck mitherausgegebene Lexikon „Geschichtliche Grundbegriffe“, hier Band 1, S. 916 f. mitzulesen. Diese „Diktatur“ von der Marx spricht, zudem noch von einem Kollektivksubjekt ausgeübt, ist ein transitorischer Begriffe, ist als ein Übergangsbegriff zu sehen – gesetzt gegen die „Diktatur des Bürgertums“. Ches Hinweis auf die Pariser Commune ist da eben ganz richtig.

    Marxens Anthropologie ist nicht krypto, sondern klipp und klar und im Grunde sogar einfach: Der Mensch ist ein arbeitendes Wesen, das sich mit seiner Umwelt auseinandersetzt. In diesem Sinne kann man Luhmann dann fast schon als einen Marxisten bezeichnen. Auch bei ihm kommen kaum einzelne handelnde Subjekte vor. Oder wie Marx es im 18. Brumaire schreibt: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“

  15. @ Dieter Kief: Danke natürlich auch noch für Ihr freundliches Lob, über das ich mich sehr gefreut habe.

  16. Der Brunner-Conze-Koselleck (Lexikon der politisch-sozialen Sprache in Deutschland) sollte überhaupt von einigen der hier und bei mir Kommentierenden mal gelesen werden, um erst einmal die Voraussetzungen einer gemeinsamen Diskussionsbasis zu schaffen. Ich denke da besonders an Willy.

  17. Weltrevolution, Diktatur des Proletariats, Avantgarde-Partei, die unumschränkt (!) herrscht, eine unzulängliche Anthropologie, die u. a. die unterschiedlichen Geschlechterverhältnisse zum ideologischen Schein erklärt (PC-Nachtigall, ick hör‘ dir trapsen). Das sind keine Kleinigkeiten. Und wenn ich schonmal dabei bin: Engels‘ Teufelei der Naturdialektik muss auch in diesen Sündenkatalog, aus dem Koselleck nicht raushilft – eher schon die sitzungsprotokolle des ZKs der SED usw.

    Die Werttheorie ist nur noch museal zu gebrauchen – und das war vermutlich auch früher schon so.

    Auf der Habenseite: Verständnis für die Dynamik der Industrialisierung. Verständnis für den anfallenden Zorn (cf. Peter Sloterdijk, „Zeit und Zorn“). Verständnis für volkswirtschaftliche und damit nationale (!) Fragestellungen – die Konkurrenz der Nationen, die unterschiedlichen Stufen der Produktivität, aber auch des jeweiligen regionalen/nationalen Ingeniums (cf.: die deutschen technischen Universitäten, und auch der – – Ingenieur…

    Was Marx versemmelt hat: Er missversteht das Recht als reines Unterdrückungsinstrument. Er versteht (das hängt mit dem Rechtsmissverständnis direkt zusammen) die Bedeutung von Verwaltungen für moderne Staaten nicht. Er hätte Nachhilfe bei Bloch nehmen sollen, wg. Utopie und Wirklichkeit…

    Heine hat das Marxsche Dilemma schon sehr erfasst – viel weiter braucht man nicht zu gehen, wie Heine in seiner Kritik des Kommunismus gegangen ist. Und in Sachen Ästhetik ja sowieso nicht. Heine ist der Bringer!

    Der Streit zwischen den Nazarenern (= den (innerweltlichen (M. Weber) Asketen und den (frivolen, aber sympathischen) Epikureern bleibt auf ewig unentschieden. Deswegen sind ja auch Heine und Freud so sehr verwandt (cf. „Das Unbehagen in der Kultur“).

    Vorschlag zur Güte: Irgendeine schreibt halt mal die längst fällige Abhandlung über Weber, Marx und Heine.

    Und Irgendeine schreibt dann noch eine über Luhmann, Marx und und – Trier? – – ja fast: China, ne. Im Anhang dieser Abhandlung bitte das Video der Gruppe von chinesischen Bahnarbeitern, die die chinesischen Superschnellzüge warten in Zeiten der Hyper-Zugfrequenzen wegen Feiertagsverkehr: Das Video ist von einem chinesischen Staatsdienst gedreht und changiert (keine Ahnung, ob zufällig, oder vielleicht sogar bewusst – zwischen Charlie Chaplins „Moderne Zeiten“ und Schlemmers Mechanischem Ballett – sowie erinnert’s noch an Les Mans – nächtliche Boxenstopps mit hoher, ja mit höchster Präzision in einem Affenzahn…

  18. Während Du Marx mit Stalinisten gleichsetzt, was etwa so ist wie Jesus für die Kreuzzüge und die Inquisition oder Darwin für die Gaskammern verantwortlich zu machen hältst Du es selber mit bräunelnden COINTELPRO-Kryptofaschisten wie Murray und Herrnstein.

  19. @Che: „Ist bei Marx gar nicht angelegt. Von zentraler Steuerung der Ökonomie ist dort nirgendwo die Rede.“

    Eben, er sagt nie konkret wie die Gesellschaft der Zukunft nun eigentlch herbeigeführt werden soll bzw. kann, lässt also weiten Spielraum für Interpretationen. Und die Interpretation Lenins ist eine mögliche, wenn auch nicht die einzigmögliche. „Einen Verein freier Menschen, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben“ kann man durchaus so verstehen, dass die Produktionsmittel sich alle in einer Hand (des Staates) befinden und die Arbeiter ihre Arbeitskraft unter einem Oberbefehl (nicht mehr als Individuen sondern „gesellschaftlich“) arbeiten.

    Ich halte deshalb den Marxismus auch für eine schlechte Grundlage für praktische Politik.

  20. @Bersarin: „Bereits in Deinem Biologismus setzt Du schon Kultur voraus, die Du aus der Biologie abzuleiten vorgibst.“

    Biologie existierte definitiv vor jeder Kultur, ist also ganz klar, was sich woraus ableiten lässt. Du bist da wieder bei Hegel, nach dem sich Natur und Geist gegenüberstehen. Wenn man nun sagt, Kultur ließe sich grundsätzlich nicht aus Biologie ableiten, müsste man zumindest eine alternative Ableitung geben, und ich sehe nicht, welche das sein könnte. Denkende und ausgedehnte Substanz gegenüber zu stellen funktioniert bekanntlich nicht, weil niemand erklären kann, wie beide zusammenhängen bzw. aufeinander einwirken, und das müsste man schon erklären können, wenn man eine einheitliche Idee der Welt haben will.

    Hast du nie was von Daniel Dennett gelesen? Der versucht praktisch seit 50 Jahren, das Bewusstsein materialistisch zu erklären, und hat da hervorragendes geleistet. Sein neustes Buch kann ich wärmstens empfehlen: https://www.amazon.de/Von-den-Bakterien-Bach-Evolution/dp/3518587161/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1525940527&sr=1-1&refinements=p_27%3ADaniel+C.+Dennett&dpID=51KW2V9lujL&preST=_SY264_BO1,204,203,200_QL40_&dpSrc=srch

    Das liegt natürlich völlig abseits von deiner geisteswissenschaftlich/ästhetischen Denkweise, aber es ist immer gut, mal über den Tellerrand hinaus zu schauen.

    „Ähnlich ist es mit der Sprache. Sie beruht nicht auf genetischen Dispositionen, sondern auf Kulturleistungen.“

    Sprache beruht vor allem auf einer Mutation, die es unseren Vorfahren ermglichte, den physischen Sprachapparat zu entwickeln, im Gegensatz zu den Schimpansen, die z.B. in der Lage sind die Gebärdensprache der Taubstummen zu erlernen. Aber für das Sprechen fehlt ihnen der Sprachapparat, und damit auch die Fähigkeit, ihr Handeln mehr als rudimentär zu koordinieren, Informationen zu speichern usw.

    Der Linguist Ray Jackendoff hat untersucht, wie sehr die menschliche Sprache (und auch das Denken) auf Vererbung beruht: https://de.wikipedia.org/wiki/Ray_Jackendoff

    Dass Kinder bis ungefähr zum zehnten Lebensjahr Sprachen praktisch spielend und ohne Unterrich erlernen und danach plötzlich nicht mehr, deutet natürlich in Richtung einer genetischen Disposition.

    Ich bin übrigens ab morgen ein paar Tage weg und werde erst am Montag wieder antworten können.

  21. Übrigens Che, könntest du mal erklären, wie der Zusammenhang zwischen Darwin und den Gaskammern aussehen soll?

    Anders als Marx verstand sich Darwin nicht als politischer Theoretiker und hat keinerlei Handlungsanweisungen gegeben. Eine Aussage wie die von Marx über Ferdinand Lasalle wirst du bei Darwin vergebens suchen:

    »Es ist mir jetzt völlig klar, daß er, wie auch seine Kopfbildung und sein Haarwuchs beweist, – von den Negern abstammt, die sich dem Zug des Moses aus Ägypten anschlössen (wenn nicht seine Mutter oder Großmutter von väterlicher Seite sich mit einem nigger kreuzten). Nun, diese Verbindung von Judentum und Germanentum mit der negerhaften Grundsubstanz müssen ein sonderbares Produkt her vorbringen. Die Zudringlichkeit des Burschen ist auch niggerhaft.«

    http://www.dearchiv.de/php/dok.php?archiv=mew&brett=MEW030&fn=257-259.30&menu=mewinh

  22. An Himmelfahrt – – @che 2001 und @ El_Mocho (u. a. wegen Lasalle – – – und – – Lafargue (seinen Schwiegersohn))

    Ich setze nicht (=nicht) Marx mit den Stalinisten gleich. Ich hab‘ oben geschrieben (und gemeint), dass Marx das Parteienwesen ab 70 ca. verachtete. Ein paar Zitate, in denen sich Marx‘ & Engels‘ Distanz zu Vetretern der Parteipolitik spiegelt.

    Paar Zitate: Karl Kautsky: „Unendliche Bandwürmer, kapitale Dummheit
    Paul Lafarge: Abkömmling eines Gorillas. Üble Narbe von einem Negerstamm.
    Inkurabler Narr.
    Wilhelm Liebknecht: Vogelscheuche. Dummheiten übersteigen alles.
    Alexander Herzen: Gänzlich im Arsch. Phantasielügen.
    Johann Philipp Becker (1. Internationale): Konfuses Wischiwaschi, Konfuionsrat,
    altes Vieh

    Muray Herrnstein hatten wir schon.

    Hier das oben angesprochene Video über den technischen Zugservice in China

    Dazu das da:

    Soviel zur Theorie der unausweichlichen Unterentwicklung wegen imperialistischer kapitalistischer Dominanz der Weltwirtschaft an einem Beispiel. (Ahh – für Theoretiker: cf. Hegel, List der Vernunft, sowie Dialektik von Herr (Siemens, der Westen) und Knecht (China, chinesische Eisenbahnen, die nun die Siemens Bahnsparte weit in den Schatten stellen – haargenau wie Hegel das in der Dialektik von Herr und Knecht beschrieb).
    cf. Shanghai, Korea, Japan…Taiwan…

    cf dazu: Heiner Rindermann, Cognitive Capitalism, Cambridge University Press 2018
    (= IQ and the wealth of nations)

    (eine der Achillesfersen der chinesischen Entwicklung ist der Anarch, der politisch wache Panzerstoppr auf dem Tien-an-Men Platz, ist vielleicht Ai Weiwei, der sich mit Herta Müller eins weiß und Liu Xiabo – das erinnert mich an diese Pelentaucher-Notiz von letzer woche:

    „Tatsächlich geht es Liu Xiaschlecht, sie leidet offenbar an schwerer Depression. Die Enttäuschung über die erneut nicht genehmigte Ausreise scheint die Lage noch schlimmer zu machen. ‚Wenn ich nicht weg kann, dann sterbe ich in meiner Wohnung‘, sagte sie dem Schriftsteller Liao Yiwuin einem Telefonat am 30. April. ‚Xiaobo ist nicht mehr da, und in dieser Welt ist nichts mehr für mich. Sterben ist jetzt einfacher als am Leben zu bleiben.'“ Im Interview mit Spon rät der Menschenrechtsaktivist Hu Jia Diplomaten, sich lautstark für Liu Xia einzusetzen: „Unterwerft euch nicht der Logik der chinesischen Regierung. Macht so viel Lärm wie möglich – wann immer ihr das könnt.“

    Deshalb plädiere ich nicht dafür, das Marx-Denkmal in Trier abzureissen, sondern ich plädiere für eine Gegengabe: Dass Trier isch mit einem Denkmal Nikolaus von Kues‘ in china bedankt für da Marx-Geschenk. Vorschlag zur güte: Es wird in Peking am alten Kaiserpalast aufgestellt.

    Wieso der alte nikolaus – nun: deswegen – wegen dieser zweier wörtlein, die fürglich im denkmalsockel einzugravieren wären, bzw. auf eine Fahne zu ätzen, die der gute nikolaus in den Wind*** hält: Gegensätze gehen ineinander über – Coincidentia oppositorum.

    *** auch Dylan („The Answer, my Friend, Is Blowin‘ in the Wind) war auf dem Platz des Himmlischen Friedens präsent – nicht metaphorisch – sondern mit seinen Liedern, tatsächlich.

  23. Zunächst einmal, Dieter Kief, müssen Sie, wenn Sie etwa behaupten, daß die Werttheorie bei Marx nur museal zu gebrauchen sei, schon auch darlegen und vor allem: begründen können, weshalb das so ist.

    Was Marx zu den Geschlechterverhältnissen schreibt, ist doch eigentlich eine ganz und gar in der Empirie zu beobachtende Sache: Sie sind gesellschaftlich gemacht. Und das hat nun rein gar nichts mit dem Gendergagaismus der heutigen Zeit zu tun. Die Rolle der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert war ja selbst dort schon ganz unterschiedlich. Während die Proletenfrau sozial gezwungen war, auch in der Fabrik Arbeit zu verrichten, ohne daß es den freundlichen Fabrikherrn irgendwie interessierte, konnte sich die Bürgersfrau ganz anderen Tätigkeiten hingeben. Also ein Rollenverhalten, das sozial angelernt war. Der Einzug der biologischen Differenz werden Sie beim Marx kaum finden. Es sei denn, Sie könnten es irgendwo an einem Zitat zeigen. Gleiches gilt für die Rolle der Familie. Natürlich ist die Konstellation Mann, Frau Kind(er) einerseits eine natürliche, qua Biologie und Zeugung einerseits, andererseits aber auch sozial konditioniert. Allein der Unterschied in der Kinderzahl hängt rein am Gesellschaftlichen. In Westeuropa mit seinen Sozialsystemen und der geringen Sterblichkeitsrate bei Kindern dienen Kinder nicht mehr dazu, den Eltern das Alter zu sichern. All das hat nichts mit Genderheulsusenopferfrauen zu tun. Die übrigens genauso gesellschaftlich produziert sind. Mit der Emanzipation waren wir schon mal weiter als zu Kreischkowskis oder Wizoreks Zeiten.

    Die „Anthropologie“ bei Marx ist eine denkbar basale Sache. Komplex genug, um den Menschen in seinem Daein zu charakterisieren, und argumentativ so wasserdicht gebaut, daß darin keine überzogenen und nicht beweisbaren essentialistischen Ansprüche aufgefahren werden. Etwa Sätze wie: Der Mensch ist von Natur aus böse. Eine Essentialisierung, die sich, außer durch abstrakte, dogmatische Setzung durch nichts begründen läßt. Allein deshalb hinfällig, weil die Natur des Menschen eben dies ist: Vielfältig. Zu diesem „Wesen“ zählen Böses wie Gutes.

    Insofern ist mit solchen anthropologischen Bestimmungen gar nichts gewonnen und Marx hat sie klugerweise in diesem Sinne auch nie vorgenommen. Und später dann auch vermieden. Lediglich in seiner frühen Phase, also in den Pariser Manuskripten etwa finden sich hier Untersuchungen über das (Gattungs)Wesen Mensch und eine Theorie für nichtentfremdete Arbeit. Aber egal ob man von der entfremdeten oder der nichtentfremdetenArbeit ausgeht: Anthropologisch ist diese Arbeit als Auseinandersetzung mit der Umwelt des Menschen zentral. Insofern ist diese Anthropologie auch nicht unzulänglich, sondern weist auf einen zentralen Aspekt unseres Daseins: „Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizism[us] veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis.“ Diesem Aspekt übrigens kommt Martin Heidegger ebenfalls in „Sein und Zeit“ sehr nahe. Und in seinem Humanismusbrief lobt er die Entdeckungen von Marx in bezug auf die entfremdete Existenz auch ganz explizit. Wir bewegen uns in der Welt zunächst mal als handelnde Wesen. Wir hämmern, werken, arbeiten oder jagen und bauen an, um zu essen. Das vielleicht ist die einzige Essentialismus, der sich beim Menschen ausmachen läßt. Alles andere ist abgeleitet und eine partikulare Sache. Philosophisch interessant wäre hier die Frage, wie sich dieser Aspekt der Praxis mit der dem Menschen innewohnenden Menschenwürde koppeln läßt.

  24. Die Biologie ist ein Aspekt von Kultur. Mehr nicht. Alles andere ist Sprache und Interpretation.

    Das Bewußtsein ist in der Tat materialistisch zu erklären. Nur eben nicht im dumpfen Dennet-Biologismus. Das sind bereits wieder idealistische Naturalisierungen. Der Mensch haust aber schon lange nicht mehr auf Bäumen. Wo er übrigens keine Biologie kannte, eine ziemlich moderne Wissenschaft, sondern nur eine Umwelt, eine Umgebung, die es zu bearbeiten und zu bewältigen galt, weil sie meist feindlich war. Eine der größten Kulturleistunge. Und dazu tat die Biologie nichts bei. Es sind ja auch nicht die Werkzeuge Axt, Säge und Hobel, die den Stuhl schreinern, sondern es ist der Mensch, der sies leistet. Die menschliche Natur, qua Körperfunktion ist dazu lediglich eine notwendige Bedingung, aber keine hinreichende. Diesen Unterschied solltest Du realiseren, anstatt immer wieder die gleichen Plattitüden zu wiederholen. Ohne Kultur könntest Du nicht eine Deiner Thesen hier formulieren. Siehe dazu oben meine Ausführungen zur Sprache.

  25. Ansonsten: Der Mensch wird in eine Sprachform hineingeboren und erlernt diese samt den mit der Sprache korrespondierenden kulturellen Praktiken: Nichts, aber auch nichts ist an diesen Lernprozessen Biologie und genetisch, außer eben, daß zur Geburt und zum Sprechen bestimmte funktionale Faktoren gegeben sein müssen. Genau das kann die Biologie erklären: Wie der Sprachapparat funktioniert, wie Geburten entstehen. Mehr aber auch nicht. Bereits die Vielzahl an Sprachen und Kulturen kann keine Biologie der Welt zulänglich erklären. Bereits bei den Praktiken, wie und wo geboren und gestorben wird, kann die Biologie nichts mehr beisteuern. Außer eben die biologischen Funktionen. Um die es bei den Kulturleistungen aber nicht geht. Also auch hier: Verwechslung der Ebenen. Das alles spricht nicht gegen die Biologie, sondern mehr gegen solche, die aus der Biologie eine theologische Vergötzung machen.

    Oder denkst Du, daß ein Kind, das von einer Schwarzen und einem Weißen gezeugt wurde, plötzlich Swahili und Deutsch ein einem spricht, weil das vom Genmaterial irgendwie antrainiert wäre? Wohl kaum. Du verwechselst in diesem Feld nicht nur die logischen Kategorien, sondern auch notwendige und hinreichende Bedingungen. Zur Ausdifferenzierung von unterschiedlichen Sprachen, zur Interpretation von Kulturleistungen kann die Biologie in etwa soviel beitragen wie die Germanistik zur Untersuchung von Genen. Die Verständlichkeit von Wirklichkeit sowie deren sprachliche Erschlossenheit ist keine Leistung von Genen. Das ist ein derart irriger Irrationalismus und vor allem ein antiaufklärerischer Aberglauben: dagegen sind die Religionen dann fast schon wieder Aufklärung pur, weil sie sich in ihrer Konstitution selbstkritisch zu sich selbst verhalten können und die Existenz Gottes in ihrem Sprachspiel zumindest problematisieren können – etwa in der Frage zur Theodizee. Die Biologie hingegen, von ihrem Leistung- und Funktionsumfang vermag es nicht, auf sich selbst sich zu besinnen. In diesem Sinne kann dann Heidegger auch ganz zu recht sagen: Die Wissenschaft denkt nicht.

    „Sprache beruht vor allem auf einer Mutation, die es unseren Vorfahren ermglichte, den physischen Sprachapparat zu entwickeln, im Gegensatz zu den Schimpansen, die z.B. in der Lage sind die Gebärdensprache der Taubstummen zu erlernen. Aber für das Sprechen fehlt ihnen der Sprachapparat, und damit auch die Fähigkeit, ihr Handeln mehr als rudimentär zu koordinieren, Informationen zu speichern usw.“

    Ja, genau darauf beruht Sprache. Mehr aber auch nicht und bis dahin reicht die Biologie, aber eben nicht weiter. Du vertauscht hier ansonsten Ursache und Wirkung. Der Bau eines Stuhls beruht auch darauf, daß der Mensch Säge und Hobel benutzt. Aber Säge und Hobel sind nicht die Ursache für den Stuhl, sondern nur notwendige Werkzeuge. In diesem Feld alles auf die Biologie zu schieben, ist nicht nur Faulheit im Denken, sondern zudem eine unterkomplexe Denkweise, die keinerlei Erklärung für die Unterschiede in den Sprachen und in den damit verbundenen kulturellen Mustern hat. Oder werden Afrikaner mit einem anderen Sprachapparat geboren als Europäer?

    Zu diesem Komplex von Körper und Geist aus der Ecke der eher auf Realismus getrimmten Philosophie, also nichts mit Dekonstruktion: Thomas Nagel: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. Erschienen bei Suhrkamp.

    http://www.suhrkamp.de/buecher/geist_und_kosmos-thomas_nagel_58601.html

  26. Bei Darwin und den Gaskammern siehst Du den Unsinn des Bezuges immerhin ein, El Mocho. Um mehr ging es che nicht, als das zu zeigen. Und dann wird es Dir doch sicherlich nicht schwerfallen auch den Unsinn von Marx zu Stalin zu begreifen. Es sei denn, Du könntest hier zeigen, daß Marx für Stalin die Pamphlete schrieb und umsetzte oder daß Geschichte irgendwie deterministisch verläuft und auf verborgenen Kanälen das Denken von Marx bei Stalin einsickerte. Vielleicht durch die Weitergabe von Genmaterial?

  27. Stimmt, den Unsinn mit den Gaskammern schrieb ich um zu zeigen wie völlig absurd es ist Stalin aus Marx abzuleiten oder Marx und das Wertgesetz in Bezug zur Ineffizienz sich marxistisch begründeter Kasernenhofstaatswirtschaften zu setzen, weil es da gar keinen Zusammenhang gibt. – Übrigens ist das vieleicht linkeste Regime dieses Planeten der indische Unionsstaat Kerala, wo seit Jahrzehnten demokratisch gewählt die Trotzkisten regieren, und das scheint zu funktionieren. Redet nur niemand von. Die Marxsche Theorie ist Grundlage der heutigen empirischen Sozialwissenschaft und der modernen Geschichtsforschung die ohne sie gar nicht denkbar werden.

    Da man hier Marx also total Unrecht tut und nicht Äpfel mit Birnen, sondern Orangen mit Holzkohle vergleicht, aber sich dabei doch immer noch im gleichen Kontext bewegt habe ich das Darwin-Beispiel mit Bedacht so gewählt, dass es genau äquivalent zu den falschen Marx-Vergleichen ist, und Du, El Mocho/Willy hast mir da jetzt eine Steilvorlage sondergleichen geliefert.

    @“Anders als Marx verstand sich Darwin nicht als politischer Theoretiker und hat keinerlei Handlungsanweisungen gegeben. Eine Aussage wie die von Marx über Ferdinand Lasalle wirst du bei Darwin vergebens suchen: “ etc. pp.

    Marx war wie Darwin ein Kind seiner Zeit und nicht ohne Ressentiments, aber man muss den intelligiblen vom empirischen M;arx trennen, das heißt den Theoretiker und seine Theorie vom Alltagsmenschen und seinen Marotten. Da macht auch Darwin keine Ausnahme, und seimne Theorie hatte mindestens ebenso starke politische Auswirkungenwie die von Marx.

    „So neigen also die leichtsinnigsten, heruntergekommenen und lasterhaften Glieder der Menschheit dazu, sich schneller zu vermehren als die gewissenhaften, pflichtbewussten Menschen.
    Oder, wie Greg den Fall darstellt, der sorglose, schmutzige, genügsame Irländer vermehrt sich wie ein Kaninchen; der mäßige, vorsichtige, sich selbst achtende Schotte in seiner ernsten Sittlichkeit, seinem durchgeistigten Glauben, seiner scharfsinnigen, selbstbewußten Intelligenz verbringt seine besten Jahre in Kampf und Ehelosigkeit, heiratet spät und hinterläßt wenig Kinder. Gesetzt den Fall, ein Land sei ursprünglich von Tausend Sachsen und Tausend Kelten bewohnt, so würden nach einem Dutzend Menschenaltern fünf Sechstel der Bevölkerung Kelten sein, aber fünf Sechstel alles Besitztums, aller Macht und Intelligenz würde sich in den Händen des einen Sechstels Sachsen befinden. Im ewigen Kampf ums Dasein würde die untergeordnete, weniger begünstigte Rasse gesiegt haben, und zwar nicht kraft ihrer guten Eigenschaften, sondern kraft ihrer Fehler.“
    – Charles Darwin, Die Abstammung des Menschen, Stuttgart 1966, S. 171

    Und nu?

    Auf solche Argumentationen stützte sich die Kolonialpolitik, die Todesstrafe wurde von Darwins einflussreichstem deutschen Interpreten Ernst Haeckel mit den „Geborenen Verbrechern“ mit schlechten Erbanlagen begründet und die Hinrichtungen als „heilsames Ausjäten des Volkskörpers“ begriffen usw. Die damalige Biologie wandte die Evolutionstheorie dergestalt auf die Menschheit an dass indogermanische Sprachen sprechende Weiße („Arier“) als höhere Evolutionsstufe als etwa Schwarze angesehen wurden und Inuit, Buschmenschen oder Papua als „Niedere Rassen“ in der Nähe von Tieren angesiedelt wurden.
    Im 19. Jahrhundert war das alles noch sehr offensichtlich. Da behaupteten darwinistische Biologen, dass Bourgeoisie und Proletariat Abkömmlinge unterschiedlicher „Rassen“ seien und die sozialen Unterschiede Ergebnis ererbter unterschiedlicher Intelligenz. Nicht umsonst hieß ein Schlüsselwerk dieser Zeit „Die Biologie gegen die sozialdemokratische Theorie“ von Heinrich Ernst Ziegler. Unzählige Schädel wurden vermessen um diese Hypothese zu erhärten. Ich spare mir jetzt die detaillierte weitere Erörterung der Diskursgeschichte, für die ich etwa 450 Seiten gebraucht hatte und das kürzer heute auch nicht hinbekommen würde. Nur so viel: In Gestalt der „Siebungshypothese“ ist die Vorstellung einer Ungleichverteilung von Intelligenz aufgrund ererbter Anlagen noch immer im Schwange und von Einfluss auf bildungspolitische Debatten. Und wenn man sieht, wer die Siebungshypothese in den Humanwissenschaften in Deutschland vorangetrieben hat landet man unweigerlich bei der NS-Täterin Ilse Schwidetzky, einer der in der Nachkriegszeit wichtigsten Personen in der deutschen Anthropologie. Deren Schüler Rainer Knußmann schrieb noch 1980 in „Vergleichende Biologie des Menschen“, bis in die 1990er ein Standardwerk für das Biologiestudium durch Siebung bedingte Intelligenzunterschiede bei unterschiedlichen sozialen Gruppen seien nachgewiesen, die vergleichende Zwillingsforschung liefere den Nachweis für die Vererbbarkeit der Intelligenz, die Kinder skandinavischer Eltern erzielten bei der Raumorientierung höhere Leistungen als solche jüdischer Herkunft, die dafür aber besser rechnen konnten usw. Die Conclusio zu Murray ist hier offensichtlich. Wie gesagt, das war noch nach 1990 Standardlehrstoff im Humanbiologiestudium. Ich bin den Quellen, auf die Knußmann sich bezog und den Lehrer-Schüler-Kontinuitäten, die sich da zurückverfolgen ließen nachgegangen und in wirklich jedem Fall entweder bei der NS-Rassenhygiene oder offenkundigen Fälschungen gelandet, bzw. über diesen Zeithorizont weiter zurück bei ollen Sozialdarwinisten im Kaiserreich. Modernisiert wurde nur das Vokabular. Man sagt nicht mehr „nordische Rasse“, sondern „skandinavische Abstammung“, nicht mehr „Watutsi“ oder „Neonegrid“, sondern „Äthiopider Habitus“. Uralter Wein in schicken neuen Schläuchen.

    —— Die Rezeption im frühen 20. Jahrhundert war noch eine andere: Die damals als „progessivste“ angesehene Richtung der Humanbiologie bzw. Anthropologie war in Deutschland die Rassenhygiene, die eine Höherzüchtung der deutschen Bevölkerung anstrebte, was nach den Verlusten des Ersten Weltkriegs von der Mehrheit der damaligen Mediziner als notwendig angesehen wurde. Das heißt, die angeblichen genetischen Verluste im „Volkskörper“ (es waren ja hauptsächlich gesunde junge Männer gefallen und Krankheiten wie Grippe und Diphterie in der Folgezeit weit verbreitet) sollten durch genetische „Aufnordung“ (bevorzugte Vermehrung körperlich starker blonder Blauäugiger) und Ausmerzung von „Keimvergiftungen“ (Tötung oder Kastration von Psychiatrieinsassen und erblich Behinderten, Ausschaltung von „Asozialen“, d.h. Drogensüchtigen, Alkoholikern, Wiederholungsverbrechern, Sinti und Roma, Schwulen und Lesben, und in einem weiteren Schritt schließlich auch Juden) im „Volkskörper“ ausgeglichen werden. Das war damals Stand der wissenschaftlichen Fachdiskussion im Reich, zusammengefasst in Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene, München 1922 von Erwin Baur, Eugen Fischer, und Fritz Lenz, dem Baur/Fischer/Lenz den Hitler in der Festungshaft in Landsberg am Lech las und aus dem er zentrale Vorstellungen in „Mein Kampf“ ableitete, sowie schon 1920 „Die Freigabe der Tötung lebensunwerten Lebens, ihr Maß und ihre Form“ von Karl Binding und Alfred Hoche. Am 29. Juli 1933 bezeichnete Eugen Fischer in seiner Antrittsrede als Rektor der Berliner Universität die NS-Machtübernahme als wissenschaftlich notwendige Erb- und Rassenpflege des Staates, Fritz Lenz sich wenig später als eigentlichen Begründer der NS-Weltanschauung.

    Diese Verknüpfung sich auf Darwin berufender Diskurse mit politischer Mordpraxis kann durchaus mit der Verbindung eines Vulgärmarxismus mit der Herrschaftspraxis in der Sowjetunion oder China verglichen werden, nur hat das Eine mit der Evolutionstheorie und das Andere mit dem Kapital und den Grundrissen nichts mehr zu tun.

  28. Respekt, Che!

    Es bringt halt nix, sich bei Marx auf die Marxrezeption des Diamat bzw. von Kolakowski, eines polnischen Katholiken, der den Marxismus wie den Katechismus verstanden und dann durch den Katechismus verworfen hat zu stützen oder Darwin aus der Sicht von Dawkins oder Dennett zu begreifen, die in den USA in einem ganz anderen Begründungszusammenhang stehen – Evolution gegen Schöpfungsgeschichte, ein Konflikt, den es in Europa gar nicht gibt und der eher die Aufklärungsferne der US-Gesellschaft wiedergibt als irgendetwas, was uns in der theoretischen Auseinandersetzung hierzulande weiterbringt, da ist die gebetsmühlenhafte Wiederkäung dieser hier irrelevanten Standpunkte sinnlos, ich erinnere mich noch voll Grausen an die Debatten zwischen der exlinken Radikalkatholikin Cassandra und dem PC-Moral-CW-Fanatiker Momo. Che, Du hast das eigentliche Thema toll auf den Punkt gebracht und sitzt jetzt auf dem Thron des Nörglers.

  29. @Eisenbahnvideo
    „Das Video ist von einem chinesischen Staatsdienst gedreht und changiert (keine Ahnung, ob zufällig, oder vielleicht sogar bewusst – zwischen Charlie Chaplins „Moderne Zeiten“ und Schlemmers Mechanischem Ballett“ — Die Antwort ist im Video als erläuternder Untertitel nachzulesen: „This mechanic, Zhang Pei, is preparing for a skills competition in Hefei“. Was soll das? Einen Sonderfall zu generalisieren und daraus allgemein anwendbare Schlüsse ziehen zu wollen, eilt zielstrebig in Richtung Verrücktheit. Punktuell irrational ist’s allemal.

    @Schimpansen
    „Sprache beruht vor allem auf einer Mutation, die es unseren Vorfahren ermglichte, den physischen Sprachapparat zu entwickeln, im Gegensatz zu den Schimpansen, die z.B. in der Lage sind die Gebärdensprache der Taubstummen zu erlernen. Aber für das Sprechen fehlt ihnen der Sprachapparat, und damit auch die Fähigkeit, ihr Handeln mehr als rudimentär zu koordinieren, Informationen zu speichern usw.“ — Schimpansen wird also die Fähigkeit attestiert, Sprache zu erlernen. Das bedeutet zwingend, ihnen Merkfähigkeit zuzugestehen. Im unmittelbar anschließenden Satz wird ihnen jedoch die Fähigkeit abgesprochen, Informationen zu speichern. Verzeihung, wie bitte?

    Mir ist inzwischen ein wenig unheimlich, mit welch unerschütterlicher Selbstsicherheit offensichtlicher Unfug wiederholt in die Welt gesetzt wird. Beeindruckend auch die Schamlosigkeit, die damit einhergeht.

  30. @ netbitch
    Oh – so lange geht das schon? Hm. Interessant. Dawkins und Dennet sehe ich auch nicht als so spannend an, schon gar nicht, auch da bin ich d’accord, hier bei uns.

    @ Bersarin
    Die Idee, dass Arbeit und Wert direkt zusammenhängen, hat ihren polemischen (polemischen!= von mir aus auch: Diskursstrategischen Sinn – zumindest gehabt). Aber haltbar ist das nicht, darüber belehrt bereits ein Gang zum modernen Antiquariat – wo man oft Kapital-Bände für paar Fennje haben kann – egal wieviel Arbeit nun da reingeflossen ist… (Diese Beispiele lassen sich beliebig vermehren).

    China anybody? (Kerala ca. wie China?)

    @ Che2001 sozusagen gegenbeweislich: Ja, auch Darwin war nicht so harmlos, wie er oft dargestellt wird, stimme zu (eindrückliche Zitate!) Und Malthus erst…

    @ Bersarin, che2001, El_Mocho
    Ahh noch wegen Rindermanns neuem Buch „IQ and the Wealth of Nations“: Am 16. 6. wird in london in der o2-Arena etwas stattfinden, was in Rindermanns Richtung geht (vielleicht wird sein neues Buch da auch erwähnt, es liegt jedenfalls systematisch genau auf der Linie von wenigstens zwei der drei Diskutanten: Nämlich Sam Harris und Jordan B. Peterson. Der dritte im Bunde ist Douglas Murray (The Strange Death of Europe – sehr (!) informatives und gesittetes Buch.

    Noch wegen Biologie und Zivilisation: Das sind natürlich interdependente Kräfte – gerade unter marxistischen Denkvoraussetzungen, nebenbei gesagt.

    Wenn man dieses Thema sehr kühl abhandeln will, wird man darauf schauen, wie die Interdependenzen jeweils (!) aussehn. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Di Biologie aus der Gleichung herauszurechnen, wie es die Kuturmarxisten in der Anglosphäre tun, it unsinnig, da sind wir uns vielleicht einig, aber ebenso unsinnig verhalten sich viele Neusoscience-Denker wie Roth oder Nisbet usw., die behaupten es sei sozusagen alles Biologie. Im großen ganzen meine ich, gelte die Formel von Habermas und sei sehr richtig: Man soll sich mit dem Gedanken an einen „schwachen Naturalismus“ vertraut machen (cf. „Wahrheit und Rechtfertigung“ – aber auch ein so ein schönes Buch wie Axel Meyers „Adams Rippe und Evas Erbe“).

  31. „Die Idee, dass Arbeit und Wert direkt zusammenhängen, hat ihren polemischen (polemischen!= von mir aus auch: Diskursstrategischen Sinn – zumindest gehabt). Aber haltbar ist das nicht, darüber belehrt bereits ein Gang zum modernen Antiquariat – wo man oft Kapital-Bände für paar Fennje haben kann – egal wieviel Arbeit nun da reingeflossen ist… (Diese Beispiele lassen sich beliebig vermehren).“ — Auch das: blanker Unfug. Wert mit Preis gleichzusetzen, zeugt von wirklich fundamentalem Unverständnis.

    (ach du meine Güte, heute ist wohl mein großer Sündentag)

  32. @ Dieter Kief: Zunächst einmal muß man festhalten, daß es bei Marx nicht einfach die Arbeit ist, die den Wert schafft, sondern die Arbeitskraft. Und da diese Waren durch Arbeitskraft produziert werden, ist es naheliegend, Arbeit, Wert und Ware in einen Bezug zu bringen. Daß dabei auch die Arbeitskraft von Maschinen zunehmend eine Rolle spielt, wußte auch Marx schon – man denke an sein Maschinenfragment in den „Grundrissen“. Was Marx auszeichnet ist, daß er die Frage des Warums stellt und die Bedeutung des Wertes ins Zentrum setzt und danach fragt, was dies in all seinen Auswirkungen für eine Gesellschaft bedeutet. An dem Faktum, daß Arbeitskraft den Warenwert schafft, hat sich bis heute und bis zu dem Punkt, wo Geld als Zahlungsmittel dient, nicht viel geändert. Daß benutzte Dinge oder veraltete Dinge unter ihrem Wert verkauft werden, ändert nichts an der Marx‘ Werttheorie, die er ja explizit in der Produktionssphäre und nicht in der Zirkulationssphäre ansiedelt. Wer das bei Marx wiederlegen will, muß es im Detail tun und zeigen, wo es nicht funktionier. Das Antiquariatsbeispiel funktioniert nicht, weil es den Produktionsprozeß unterschlägt. Beim Verkauf gebrauchter alter Waren vertauschen Sie somit Ursache und Wirkung: Es wird eine Ware ja nicht erst antiquarisch und dann regulär verkauft. Dieses Beispiel wiederlegt also zunächst einmal gar nichts, sondern zeigt nur, daß sich der Preis einer Ware gewandelt hat.

    Was die Biologie betrifft, sind wir uns in der Tat weitgehend einig, was Marx und deren Stellung in bezug auf Gesellschaft betrifft. Marx wußte sie zu schätzen. Er kannte Darwins Werk und er wußte ebenso um die Unterschiede zwischen biologischen und philosophischen Erklärungen. Das logische Problem bzw. die logische Unstimmigkeit der Biologisten liegt darin gegründet, daß diese einen Teilaspekt fürs Ganze nehmen. Sie dehnen ihre Annahme über alle Maßen aus, so daß nichtssagende „Begründungen“ herauskommen, die das Phänomen nicht erklären können, sondern es reduzieren. Sie übersehen dabei, jedoch die unterschiedlichen Gegenstandsbereiche: Biologische Funktionen ermöglichen den Menschen X oder Y zu tun. Aber sie erklären nicht, weshalb Menschen und Gesellschaften X statt Y tun.

  33. @ Bersarin wg. Marx‘ Werttheorie – vielleicht wollen Sie das da anschauen:

    Die Behauptung, dass sich die relativen Güterpreise in der Marktwirtschaft grundsätzlich nach der in den Waren steckenden Arbeitszeit richten, ist schlichtweg falsch, denn erstens sind die Löhne nur eine von vielen Kostenkomponenten einer Firma und zweitens sind Preise grundsätzlich Knappheitspreise, die ihren Wert auch von den Präferenzen und der gegenseitigen Konkurrenz der Nachfrager herleiten. Was hat beispielsweise der Preis eines Gemäldes von Rembrandt mit dem Lohn des Meisters zu tun? Was hat der Preis des Erdöls mit dem Lohn der Arbeiter am Bohrloch zu tun? Nichts, oder so gut wie nichts. Wegen der Arbeitswerttheorie und wegen der offenkundigen Fehlleistung Marx‘ im Bereich der Verteilungstheorie und der damit auf das Engste zusammenhängenden mikroökonomischen Preistheorie, der Königsdisziplin der Volkswirtschaftslehre, wird Marx von den meisten angelsächsischen Ökonomen nicht als jemand wahrgenommen, der Wesentliches zur Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen beigetragen hat.

    Sagt ausnahmsweise nicht Schreiber dieses, sondern einer seiner Gewährsmänner, der auf den Namen Sinn hört.

    Dieser wie gesagt treffliche Mann hat eine Webseite, sodass man vieles was er sagt gratis nachlesen kann, ggf.

    Ah, danke für den Hinweis, h. z., ich stimme zu, das ist ein spezielles web-Video von der Chinesischen Bahn. Es ging mir um die Arbeitsmentalität, die darin zum Ausdruck komme, und sie kommt ja tatsächlich zum Ausdruck, auch wenn es das video eines Arbeitswettbewerbstrainings ist. Auch darin zeigt isch ja die schaffige Grundeinstellung der Chinesen, wie ich finde.

  34. Da ist das Wertgesetz aber einmal völlig falsch erfasst worden. Nachsitzen! Was ist der Gebrauchswert, was der Tauschwert, was der Mehrwert, was der tendenzielle Fall der Profitrate? Wieso kann der Fabrikant nach der Lohnzahlung von den Produkten profitieren, warum verändern sich im Weltmaßstab die Preise, wieso senkt Massenproduktion den Weltmarktpreis, warum gibt es Absatzkrisen, Haussen und Baissen? Das ist ohne Marx nicht erklärbar.

  35. Lieber Dieter Kief, wenn Sie sich auf Sinn stützen, versinken Sie im Morast. Der gute Mann nutzt ganz bewusst manipulative Kategoriefehler auf professionelle Weise, um Leuten wie z.B. Ihnen ein Gefühl der Zustimmung abzuringen. Der Essay, dem Sie das Zitat entnommen haben, findet sich übrigens dort: http://www.bpb.de/apuz/247635/was-uns-marx-heute-noch-zu-sagen-hat?p=all (es wäre mE eine Sache des Anstandes, die Quelle gleich anzuführen). Sinn treibt in diesem Essay einigen Unfug.

    Beschränkt auf Ihr zitiertes Bruchstück erlaube ich mir, Ihnen Sinns Unsinn vorzuführen.
    Zunächst einmal erweckt Sinn den Eindruck, die Arbeitswerttheorie (AWT) sei von Marx ersonnen worden – erster Unsinn. An dieser Stelle könnte die Untersuchung bereits enden, mit der trivialen Lösung will ich mich aber nicht zufrieden geben.

    Dann unterschlägt er nonchalant den Begriff Realpreis, einen tragenden Bestandteil der AWT Smiths – zweiter Unsinn. Smith hatte den Realpreis nämlich gerade deshalb herausgearbeitet, um von den Marktpreisschwankungen (Nominalpreis) unabhängig zu werden.
    .
    Die Behauptung, dass sich die relativen Güterpreise in der Marktwirtschaft grundsätzlich nach der in den Waren steckenden Arbeitszeit richten, wurde weder von Smith, noch von Marx geäußert – dritter Unsinn. Eine nicht aufgestellte Behauptung als falsch zu bezeichnen, darf als überflüssiger Aufwand bezeichnet werden.

    Löhne seien nur eine von vielen Kostenkomponenten, meint er dann, benennt die anderen Komponenten aber nicht – vierter Unsinn. Ausgangsmaterial, Betriebs- und Verbrauchsstoffe, Maschinen/Anlagen, Gebäude usw. – in alldem stecken ebenfalls Löhne. Der Prozess lässt sich für jede einzelne Komponente rekursiv bis zum Vorliegen der natürlichen Rohstoffe betreiben.

    Ein Gustostückerl der besonderen Art ist der Wert von Knappheitspreisen – fünfter Unsinn. Eine Ware hat einen [Tausch]Wert, das ist in Ordnung. Eine Ware hat einen [Markt]Preis. Das ist ebenfalls in Ordnung. Ein [Tausch]Wert kann aber keinen [Markt]Preis haben. Dies ist so sinnvoll, wie die Länge eines Meters bestimmen zu wollen.

    Die Behauptung Sinns, zu Marx‘ größten wissenschaftlichen Fehlleistungen gehöre die Arbeitswerttheorie, steht also unverändert unbegründet da. Was sagen uns nun sein Rembrandt-Beispiel und das Bohrloch? Mit dem Rembrandt bringt der Sinn unvermittelt den Gebrauchswert ins Spiel – sechster Unsinn. Gebrauchswert und Tauschwert sind voneinander grundverschieden.

    Der Preis des Erdöls dagegen richtet sich nach Börsenkursen – wie allgemein bekannt – spekulativer Wertpapiere; Wetten also und gemeinhin als Finanzkapitalismus bekannt. So hat das zu funktionieren, wenn es nach Hans-Werner Sinn geht. Was also hat eine Wette mit dem Arbeitswert eines Bohrlochs zu tun? Allein Fragestellung muss schon als menschenverachtend oder wenigstens frivol bezeichnet werden – siebter Unsinn.

    Das Marx’sche G-W-G‘, in dessen „W“ die Arbeitskraft als Ware enthalten ist, vermag Sinn mit seinem Essay nicht im geringsten zu erschüttern. Anders ausgedrückt: G‘ – G >> 0, ansonsten der Kapitalist das Unternehmen einstellen würde. Umgeformt ergibt sich G‘ – G = Ausmaß der Ausbeutung. Sinn bringt im zitierten Ausschnitt dagegen stichhaltig nichts vor, häuft aber viel Unsinn darin an.

    Worauf die Sache bei Sinn et.al. hinausläuft, ist die Überzeugung, dass sich der Arbeitswert nach dem erzielbaren Preis richtet (Produktivitätsargument). Das erzähle man einer ausgebrannten Altenpflegerin, höre sich ihre Gegenrede an und stelle beschämt fest, in welch tiefen moralischen Morast man sich begeben hat.

    (so, Ende des langen Sündentages)

  36. @ Diete Kief: Zunächst einmal ist der Hinweis zentral, daß die Arbeitswerttheorie eben nicht von Marx ersonnen wurde. Sondern Marx griff eine Theorie seiner Zeit auf und transformierte bzw. erweiterte sie. Marx studierte in London rund zehn Jahre lang intensiv die Schriften der führenden und auch der weniger bekannten Ökonomen. Dem Herrn Sinn hätte man wenigstens die Lektüre der zentralen Schriften von Marx gewünscht.

    Ein weiter Fehler besteht darin: Sie verwechseln Preis und Wert. Da liegt das Problem und da liegt auch das Problem vieler Marxkritiker. Wenn man ein völlig anderes Referenzmaß anlegt, kommt natürlich auch etwas völlig anderes heraus. Die Marxsche Wertlehre ist leider etwas komplexer, als Sie es hier darstellen. Und vor allem ist es kein einfaches Ableitungsverhältnis: da ein bißchen Arbeit und hups kommt da der Wert heraus wie Kay aus der Kiste. Die Schwierigkeiten, die die meisten mit Marx und der Wertlehre haben, so auch Sinn, liegen in den Vereinfachungen, die in der eigenen Darstellung „geleistet“ werden. Man hält das selbst Referierte für den Text von Marx, und hält die Widerlegung für die Widerlegung von Marx. In Wahrheit aber wurde nur der eigene Pappkamerad mithin das selbst Referierte widerlegt.

    Marx geht es primär darum, den gesellschaftlichen Charakter von Wert, Ware, Arbeit, Preis und Profit zu zeigen. „Die Behauptung, dass sich die relativen Güterpreise in der Marktwirtschaft grundsätzlich nach der in den Waren steckenden Arbeitszeit richten, ist schlichtweg falsch, …“ So ist es und das sagt in seinen unterschiedlichen Ausführungen auch Marx genau so, insofern bauen Sie da einen Pappkameraden auf.

    Zu den Rohstoffen: Auch hier beim Erdöl tritt einerseits die Arbeitskraft eben mit hinzu. Es kommt nicht allein aus der Erde. Aber der Preis läuftebenso über ein komplexes Börsengeschäft. Genau Dinge und Aspekte, mit denen sich Marx im Kapital auseinandersetze, Der Witz des „Kapitals“ ist doch gerade, daß es einen Vorblick auf ungeheure Spekulationsabenteuer bietet, von denen Marx eigentlich noch gar nichts ahnte. Sehr wohl aber waren ihm die Spekulationsblasen und die Wirtschaftskrisen zu seiner Zeit bekannt.

    Ein schöner Satz auch hier:

    „Nur durch die Schwankungen der Konkurrenz und damit der Warenpreise setzt sich das Wertgesetz der Warenproduktion durch, wird die Bestimmung des Warenwerts durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit eine Wirklichkeit. Daß dabei die Erscheinungsform des Werts, der Preis, in der Regel etwas anders aussieht als der Wert, den er zur Erscheinung bringt, dies Schicksal teilt der Wert mit den meisten gesellschaftlichen Verhältnissen. Der König sieht meist auch ganz anders aus als die Monarchie, die er vorstellt.“ (Marx: Das Elend der Philosophie.)

    Was den Rembrandt betrifft: In welcher Fabrik oder welcher Produktionsstätte wurde denn das Rembrandt-Bild hergestellt? Ich vermute, daß es sich eher um ein Einzelwerk handelt und nicht um eine serienmäßig hergestellte Ware. Insofern liegt hier ein Unterschied zu anderen Waren vor. Auch wenn sie als Waren gehandelt werden: Kunstwerke sind singuläre Produkte, und das zeigt sich auch in ihrem Wert. Daß sich der Preis eines Kunstwerkes anders bemißt als der Preis einer Ware dürfte Ihnen und uns und dürfte Marx sowieso klar sein. Das ist doch überhaupt nicht das Problem. Auch bei Marx nicht und in diesem Beispiel spricht nichts gegen Marx‘ Werttheorie.

    „wird Marx von den meisten angelsächsischen Ökonomen nicht als jemand wahrgenommen, der Wesentliches zur Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen beigetragen hat.“

    Natürlich nicht. Weil es Marx um die Analyse und Kritik des Systems Kapitalismus ging und nicht um dessen bloße Beschreibung. Marx zeige einen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang, keineswegs lieferte er bloß Analysen, die die beste aller Welten beschreiben sollen und das duplizieren, was sowieso der Fall ist.

  37. „Dies ist so sinnvoll, wie die Länge eines Meters bestimmen zu wollen.“ — muss heißen: „… wie die Länge eines Kilos bestimmen zu wollen“.

  38. „Dies ist so sinnvoll, wie die Länge eines Meters bestimmen zu wollen.“ — muss heißen: „… wie die Länge eines Kilos bestimmen zu wollen“.

    Es gibt natürlich beliebig viele Kilos, h. z., die ein Meter sind, aber ich verstehe sozusagen dennoch Ihren Punkt.

  39. @Dietere Kief, Kerala irgendwie mit China zu vergleichen geht völlig in die Hose. Es ist dank der starken, trotzkistisch ausgerichteten sozialistischen Partei und der sehr starken Gewerkschaften, der indische Unionsstaat mit der höchsten Alphabetisierung und dem geringsten Armutsproblem. Alles in demokratischem Rahmen.

  40. @Dieter Kief: „Es gibt natürlich beliebig viele Kilos, die ein Meter sind“ — Ich steh‘ gerade auf dem Schlauch. Erläutern Sie bitte.

  41. Dieter Kief, ich möchte Sie nochmals um eine Erläuterung bitten.

  42. Dieter Kief, meine Nachsicht mit ihm ist erschöpft.
    (danke, che)

  43. @Bersarin: „Genau das kann die Biologie erklären: Wie der Sprachapparat funktioniert, wie Geburten entstehen. Mehr aber auch nicht. Bereits die Vielzahl an Sprachen und Kulturen kann keine Biologie der Welt zulänglich erklären.“

    Gut, vielleicht nicht Biologie alleine, man muss auch noch Geographie hinzunehmen. Aber auch das ist eine empirische Wissenschaft, die nach den gleichen Prinzipien funktioniert. Irgendeine Unterscheidung zwischen Natur und Gesellschaft oder Biologie und Geist ist dazu nicht notwendig.
    Dass es aber zahlreiche anthropologische Konstanten in allen Kulturen der Welt gibt ist wohl auch nicht zu bestreiten.

    Der Ethnologe Christoph Antweiler hat dazu sehr interessante Bücher geschrieben. Er sagt z.B.:

    „ZEIT Wissen: In Ihrem Buch »Heimat Mensch« listen Sie 73 Gemeinsamkeiten der Kulturen auf, vom Abstillen über Begräbnisrituale, Hygiene, Kochen bis zu Zahlen. Da kann man doch gleich sagen: Der Mensch hat zwei Beine und kann sprechen.

    Antweiler: Es geht nicht um triviale Ähnlichkeiten! Es ist doch frappierend, wenn fast alle Kulturen etwas auf eine Art machen, obwohl es anders möglich wäre. Dass Frauen Kinder kriegen, ist selbstverständlich. Dass Frauen die Kinder aufziehen, ist dagegen biologisch nicht notwendig und trotzdem in fast allen Kulturen der Welt der Fall. Das ist ein kulturübergreifendes Muster. Die Liste mit den 73 Universalien stammt übrigens von 1945, aus den Anfängen der Universalienforschung. Heute kennen wir je nach Definition 100 bis 200 Universalien.

    ZEIT Wissen: Können Sie noch ein paar Beispiele nennen?

    Antweiler: Gastfreundschaft. Vetternwirtschaft. Inzestverbot: Man darf nicht Menschen heiraten, die mit einem verwandt sind. Das ist universal, auch wenn Verwandtschaft unterschiedlich interpretiert wird. Oder sexuelle Beschränkungen: Wir kennen keine Kultur, die ohne sexuelle Normen auskommt, obwohl ein Leben in Freizügigkeit immer wieder erträumt wird. Schließlich Gesten: Verneinung beispielsweise wird auf der ganzen Welt durch ein Abwenden des Kopfes ausgedrückt.“

    https://www.zeit.de/zeit-wissen/2009/06/Interview-Antweiler/komplettansicht

    Und natürlich spielt Biologie da eine wichtige Rolle. Grade der Ausdruck von Gefühlen im Gesicht z.B. ist universal uns wird automatisch von allen Menschen verstanden.

    Antweiler weiter im Interview:

    „Ein überzogener Relativismus ist heute leider der Mainstream in den Kulturwissenschaften.
    ZEIT Wissen: Was ist daran so falsch?

    Antweiler: Ich bin ein ziemlich unpolitischer Mensch, und daher finde ich auch die Grundmaxime des Kulturrelativismus richtig: Wir sollten nicht werten, denn alle Kulturen sind grundsätzlich gleichwertig und in sich stimmig. Ich warne aber vor übertriebenem Kulturrelativismus, der schnell in Kulturrassismus umschlägt. Der alte Rassismus hat gesagt: Wir leben in einer Welt, aber wir sind verschiedene Menschen, die gelben, die schwarzen, die roten und so weiter. Der Ultrarelativismus sagt: Wir sind alle Menschen, aber leben in völlig verschiedenen Welten, sprich Kulturen. Im Extremfall wird dann behauptet, die Kulturen seien inkompatibel und könnten sich nicht verständigen. Das ist wissenschaftlich nicht fundiert und politisch gefährlich. … die Vielfalt ist begrenzt, und es gibt Muster in der Vielfalt, und diese Strukturen haben mit dem zu tun, was wir gemein haben.“

    Antweilers Liste von kulturellen Universalien (in Auswahl):

    „1. Aggressivität
    2. Arbeitsteilung
    3. Beschränkungen der Sexualität (z.B. Inzesttabu)
    4. Bestrafung
    5. Dekorative Kunst
    6. Eigentumsrechte
    7. Essenszeiten
    8. Feste, Festtage
    9. Flüche aus dem sakralen und sexuellen Bereich
    10. Gastlichkeit
    11. Geschlechtstypische Rollen
    12. Gesten, Mimik
    13. Heirat
    14. Hygiene
    15. Körperschmuck
    16. Kosmologie
    17. Liebeswerben
    18. Medizin
    19. Musik, Tanz
    20. Nahrungstabus
    21. Normen und Gesetze
    22. Pubertätsriten
    23. Ranghierarchien
    24. Regierung
    25. Religion
    26. Scham in Bezug auf Körperausscheidungen
    27. Seelenkonzept
    28. Spiele
    29. Trauerriten
    30. Erbschaftsregeln
    31. Werkzeugherstellung
    32. Witz
    33. Zählen“

    S. auch hier: http://zeus.zeit.de/zeit-wissen/2009/06/universalienlisten.pdf

  44. „Oder denkst Du, daß ein Kind, das von einer Schwarzen und einem Weißen gezeugt wurde, plötzlich Swahili und Deutsch ein einem spricht, weil das vom Genmaterial irgendwie antrainiert wäre?“

    Vielleicht solltest du doch mal mehr außerhalb von Philosophie und Geisteswissenschaften lesen, z.B. Pinkers Buch über den Sprachinstinkt, wo er grade anhand von Creol-Sprachen, die entstehen, wenn Kinder unterschiedlicher Muttersprachen zusammenleben und keine einheitlichen Sprachunterricht erhalten, zeigt, wie sich eine identische Grammatische Struktur an ganz verschiedenen Orten, auf Hawaii oder in der Karibik etwa, ausbildet, und so die genetisch verankerte grammatische Grundstruktur aller Sprachen nachweist.

    Die Belege für die genetische Grundlage der menschlichen Sprache sind schon überwältigend. Aber ich kann halt niemanden zwingen, die entsprechenden Bücher zu lesen, wenn man bei Philosophen und Diskurstheoretikern alles viel besser lernt, auch ohne empirische Überprüfung.
    Im übrigen argumentierst du nach wie vor strikt negativ, indem du versuchst, zu zeigen, was Biologie und empirische Forschung nicht können. Ich warte immer noch auf alternative, bessere Erklärungen etwa der Geschlechterverhältnisse, die angeblich „gesellschaftlich gemacht“ sind. Ich würde gerne mehr darüber wissen, wie da der konkrete Prozess erklärt werden kann ohne Bezug auf Biologie. Ähnliches gilt für Sprache; Sexualität wie Sprache sind in ihrer Existenz an physische Körper gebunden.

    Und, mein Gott, was sind denn Gesellschaften und wie sind sie entstanden? Doch wohl indem sich Menschen zu Gruppen zusammenschlossen, weil Gruppen eher überleben als Einzelfamilien. Es ging also zuerst ums Überleben und um das Überleben der eigenen Kinder, also reine Biologie. Und die erwähnte Mutation des Sprachapparates verschaffte den von ihr Betroffenen einen erheblich Vorteil gegenüber den Nichtbetroffenen und ermögliche erst die weitere Entwicklung.
    So erkläre ich mir das zumindest, und alternative Erklärungen ohne Bezug auf Biologie möchte ich gerne sehen.

    Morgen oder übermorgen mehr von mir zu den anderen Themen.

  45. El Mocho, die Sache mit dem Kind war auch eher ein Scherz, um Dir Deinen Kategorienfehler vorzuführen. Du greifst einen kleinen Teil, nämlich die Biologie heraus, und projizierst ihn als Erklärungsmuster aufs Ganze. Weil Bioglogie für einige Erkärungen, etwa physiologische, nötig ist, ist sie deshalb nicht für alle Erklärungen notwendig, schon gar nicht für soziale Faktoren. Und nicht nur das: sie kann dies auch gar nicht von ihrer Konstitution her leisten, insofern sollte man eine Theorie damit nicht überfordern. Kultur kann nicht aus Biologie erklärt werden, weil für die Ausdifferenzierung kulturellener Merkmale keine biologischen Erklärungen mehr ausreichen. Daß Gene verantwortlich seien ist eine doch irgendwie nichtssagende Erläuterung, genauso könnte man behaupten, es sei Gott verantwortlich. Das erklärt in etwa gleichviel. Biologie beschäftigt sich nicht und kann sich auch nicht mit sozialen Körpern wie Gesellschaften beschäftigen. Diese Überdehnung kann nicht funktionieren, eben weil hier eine Ebenenverwechslung stattfindet. So wie Du mit Methoden der Geometrie keine Algebra machen kannst: Metábasis eis állo génos. Und damit tust Du auch der Biologie keinen Gefallen.

    Was Du zur Sprache schreibst, ist genau solch ein Quatsch, die Unterschiedlichkeit der Sprachen und ihrer Grammatik lassen sich nicht mittels Genen erklären. Außer daß es die Gene sind, kann die Biologie nichts anderes als genau das als Mantra wiederholen, sie kann keine exakten Gründe angeben, weshalb Sprachen unterschiedlich ausfallen und sich völlig unterschiedlich ausdifferenzieren und Aspekte ausdrücken können, wie andere Sprachen in einer ganz anderen Weise ausdrücken. Die Genetik und die Biologie können nicht erklären, wie der Mensch spricht, sondern nur warum er spricht und welche Bedingungen dafür physiolgisch nötig sind. Und darüber hinaus reicht es nicht. Zur sozialen Funktion von Sprache kann die Biologie gar nichts beitragen, ebensowenig zu den grammatischen Unterschieden. Die Vielfalt der Sprachen ist aus der Genetik nicht im mindesten ableitbar. Und daß wir zum Sprechen ein Gehirn brauchen, nennt lediglich eine notwendige Bedingung – mehr aber auch nicht. Bereits, der Satz, der diese Erkenntnis auspricht, bedarf dazu sehr viel mehr als nur eines Gehirns und der Gene. Eine Erklärung liefert Biologie nicht, wie genau dieser Satz zustande kommt, weshalb wir ihn überhaupt aussprechen können und weshalb er in anderen Kulturen auf völliges Unverständnis stüßt, Zu all dem trägt Biologie nichts bei und sie erklärt nicht, wieso in dieser oder in jener Form gesprochen wird. Genauso wenig wie die Germanistik genetische Prozesse erklären kann. Sie kann lediglich sagen, wie Genetiker und in welcher Form sie über ein Phänomen sprechen.

    „Und, mein Gott, was sind denn Gesellschaften und wie sind sie entstanden? Doch wohl indem sich Menschen zu Gruppen zusammenschlossen, weil Gruppen eher überleben als Einzelfamilien.“ Auch hier lustig: Du nennst Biologie, nutzt aber soziologische Erklärungsmuster. Irgendwie widersinnig, nicht wahr? Du benutzt eine hochausdifferenzierte Kulturleistung wie die deutsche Sprache und berufst Dich auf Biologie.

    Bisher hast Du hier mit Biologie rein gar nichts erklärt. Was Du betreibst, ist pseudonaturwissenschaftlicher Dogmatismus, ähnlich wie ihn die Kreationisten fabrizieren. und damit bist Du näher am Aberglauben dran als Dir lieb ist. Du verhältst Dich spiegelbildlich zu Leuten wie Butler, die jede materialistische Grundlage eingezogen haben. Den Kapitalismus oder die ein mittelalterliches Lehnswesen aus der Evolution oder aus den Genen zu erklären, hat in etwa dieselbe Beweiskraft wie zu behapten, der liebe Gott habe die Welt und die Tiere und Menschen in sieben Tagen aus dem Nichts geschaffen.

  46. Dein Kommentar von heute um 16:20 Uhr, also der erste, war im Spam gelandet. Ich habe ihn erst jetzt dort entdeckt.

    „Dass es aber zahlreiche anthropologische Konstanten in allen Kulturen der Welt gibt ist wohl auch nicht zu bestreiten.“

    Doch, das ist zu bestreiten. Und die anthropologischen Konstanten, die es gibt, die sind relativ trivial. Der Mensch hat einen Kopf, er hat Zeugungsorgane, Mann und Frau sind biologische Geschlechter. Wie sich aber das soziale Verhältnis von Mann und Frau regelt, dazu hat die Biologie bisher nichts Wesentliches beigetragen. Und auch nicht die Geographie. Und das ist auch für seriöse Biologen nie ein Problem gewesen. So wie der Klempner eben keine einen Automotor repariert.

    Insofern ist auch Antweilers Hinweis auf 300 Konstanten eher simpler Natur,und es wäre zu klären, was er unter Konstanten genau versteht und ob die Konstanten nicht vielmehr Variablen wären. Ich vermute zudem, daß uns jemand, der in Ethnologie besser bewandert ist, Kulturen zeigt, wo in der Tat die Männer die Kinder aufziehen und wo die Frauen eine bedeutsamere Rolle spielen als Männer. Ja, Menschen kochen und scheißen und sie tun auch sonst viele Dinge ähnlich. Sie gebrauchen Werkzeuge, sie bearbeiten ihre Umwelt, sie haben meist zwei Beine, zwei Arme usw. All dies sind notwendige Abstraktionen. Wie jedoch erklärt Antweiler uns die ganz unterschiedlichen Ausprägungen der Essens- wie auch der Scheiß- und Hygiene-Kultur? Das wäre interessant. Von Biologie lese ich übrigens in Antweilers Ausführungen sehr wenig. Sondern hier werden ethnologische Begrifflichkeiten in Anschlag gebracht. Und die sind in ihrer Systematik ganz anders als biologische Kriterien. Also auch an dieser Stelle hinkt es in Deiner „Beweisführung“, El Mocho.

    „Und natürlich spielt Biologie da eine wichtige Rolle.“ DAS genau ist der Punkt. Sie spielt in den Frühkulturen EINE Rolle. Mehr aber auch nicht. Vor allem kann sie kulturelle Phänomene nicht hinreichend und vor allem nnicht nicht-trivial erklären.

    Übrigens: Die vermeintlichen Universalien sind keine Universalien, sondern Merkmale, die in unterschiedlichen Kulturen sehr unterschiedlich ausfallen. An solchen einfachen Regelsystemen ist bereits die strukturale Ethnologie gescheitert. Und solche Listen aufzustellen, ist bereits wieder eine kulturelle Leistung, für die Biologie keinerlei Erklärungen liefern kann. Sondern nur eine Analyse von Denksystemen und Gesellschaftsstrukturen sowie die Ethnologie kann uns hier weiterführen. Und auf einer abstrakteren Ebene die Soziologie, die Philosophie. Welche Bedingungen sind im Denken und Handeln erforderlich, welche Möglichkeiten, um solche Regularien zu entwerfen, die anderen Ethnien völlig fremd sind und ihnen vielleicht sogar absurd erscheinen. Dazu ist eine bestimmte Form von Rationalität erforderlich. Und dazu können Max Weber, Adorno, Marx, Blumenberg, Luhmann, George Herbert Mead oder die Ethnomethodologie vermutlich sehr viel mehr sagen als die Erfinder der DNA. Was kein Vorwurf gegen die Erfinder der DNA ist, sondern nur die Reichweite und die Möglichkeiten dieser oder eben jener Wissenschaft uns zeigt.

  47. @Che: „Und nu?“

    Ähm.., es dürfte dir doch nicht entgangen sein, dass da nicht Darwin spricht, sondern „Greg“ („wie Greg den Fall darstellt“). Dabei handelt es sich um William Rathbone Greg, einen Kritiker Darwins (https://de.wikipedia.org/wiki/William_Rathbone_Greg), der damit versucht, Darwins Theorie zu wiederlegen. Wenn die Evolutionstheorie wahr wäre, so Greg, dann eben würden die Iren („sorglos, schmutzig, genügsam“) , die früher heiraten und mehr Kinder haben als die Schotten („scharsinnig, selbstbewusst“, die tendenziell später heiraten und weniger Kinder haben) sich durchsetzen und so zum Niedergang der Menschheit führen.

    Wenn man die Stelle im Zusammenhang bei Darwin nachliest, sieht man, wie Darwin eben diese Auffassung zu wiederlegen bemüht ist, wozu er auf die höhere Kindersterblichkeit unter Armen hinweist, dass dies soziale und keine biologischen Bedingungen sind (“Corporeal structure, except so far as vigour of body leads to vigour of mind, appears to have little influence”).

    Ist wirklich sinnvoll, das mal im Original nachzulesen: http://darwin-online.org.uk/content/frameset?itemID=F937.1&viewtype=text&pageseq=1

    Darwin selber war jedenfalls ganz entschieden kein Rassist, wie sich an zahlreichen Äußerungen darlegen lässt, etwa:

    „I was told before leaving England, that after living in Slave countries: all my opinions would be altered; the only alteration I am aware of is forming a much higher estimate of the Negros character. — it is impossible to see a negro & not feel kindly towards him; such cheerful, open honest expressions & such fine muscular bodies; I never saw any of the diminutive Portuguese with their murderous countenances, without almost wishing for Brazil to follow the example of Hayti.“

    https://evolution-institute.org/top-10-anti-slavery-quotes-from-charles-darwin/

    Über „Nigger“ wirst du bei Darwin jedenfalls nichts finden.

    Es ist aus meiner Sicht vielmehr so, dass sich Rassismus konsequent eigentlich nur aus darwinistischer Perspektive bekämpfen lässt. Darwin weist eben nach, dass alle Menschen miteinander verwandt sind und die Rassenunterschiede nur aus der Anpassung an verschiedene Umwelten resultieren, woraus folgt, dass eben nicht alle Menschen gleich sind, was aber nicht aus inhärenten Wesenseigenschaften folgt, sondern aus der Umwelt, die sich verändern lässt.
    Deine ganzen historischen Beispiele seien unbestritten, sie gehen aber fehl, da sie sich aus Darwins Theorie eben nicht folgern lassen.

    Das ist eben auch der Unterschied zwischen Marx und Darwin bzw. dem Verhältnis von Marx zum Leninismus/Stalinismus und dem von Darwin zum sogenannten Sozialdarwinismus. Darwin beschreibt, was in der Natur vorgeht und bewertet es nicht. Vor allem folgert er aus der Beschreibung des Vorgangs (Selektion) nicht, dass man ihn sich zu eigen machen und ihn bewusst unterstützen sollte. Das tun allerdings die Sozialdarwinisten unter Berufung auf ihn, wobei sie aber einen logisch nicht zulässigen Schluss vom Deskriptiven auf Normatives anwenden.
    Marx hingegen beansprucht a) die Geschichte zu beschreiben, leitet b) daraus eine Voraussage über ihren weiteren Verlauf und ihr Ende ab, und fordert c) dazu auf, diesen Vorgang aktiv zu unterstützen. In sofern ist hier eine Verbindung durchaus gegeben, obwohl auch hier ein Fehlschluss vom deskriptiven aufs Normative vorliegt.

  48. @Bersarin: Du ergehst dich nach wie vor in Erklärungen, was Biologie alles nicht kann, aber deutest nicht mal an, wie man die betreffenden Phänomene denn besser erklären sollte.

  49. Diese Erklärung muß ich zum einen nicht liefern, sondern vielmehr mußt Du Deine These belegen können und bist dafür beweispflichtig. Das ist der übrliche Gang, wenn man eine Behauptung aufstellt. Diese Beweise, weshalb die Biologie in Fragen der Gesellschaftstheorie und der Geschichte besonders kompetent sein soll, habe ich bisher nicht gesehen.

    Ansonsten finden sich aber einige HInweise zur Genese der bürgerlichen Gesellschaft in meinem Marx-Text und in den Marx-Zitaten.

  50. „Marx hingegen beansprucht a) die Geschichte zu beschreiben, leitet b) daraus eine Voraussage über ihren weiteren Verlauf und ihr Ende ab, und fordert c) dazu auf, diesen Vorgang aktiv zu unterstützen. In sofern ist hier eine Verbindung durchaus gegeben, obwohl auch hier ein Fehlschluss vom deskriptiven aufs Normative vorliegt.“

    Marx beansprucht Geschichte und Gesellschaft zu beschreiben, in der Tat – nicht anders als Darwin beansprucht, die Natur zu beschreiben. Nur reicht für die Soziologie bzw. für die Kritik der politischen Ökonomie eben die Methode des Beobachtens allein nicht aus, sondern es müssen Abstraktionen hinzutreten. Das Kapital als Wirkstoff läßt sich nicht aus der Fabrik oder aus den Arbeitern „herauslesen“. Insofern ist es sinnlos, es dort beobachten zu wollen. So wie sich die moderne Astrophysik nicht mehr allein aus der Beobachtung des Himmels bewerkstelligen läßt. Weiterhin: Marx leitet aus seinen Analysen keine Vorhersage ab, das ist schlicht Blödsinn. Im „Kapital“ wirst Du keine Stelle finden, wo irgendwie ein weiterer Verlauf konkret ausgepinselt wird. Was Marx allerdings macht: Er beschreibt Phänomene und er spricht von der zyklisch wiederkehrenden Krisenhaftigkeit des Kapitalismus. Er nennt Bedingungen, unter denen eine andere Form der Arbeit möglich ist. Wenn nämlich die Trennung von Kapital und Arbeit aufgehoben ist. Und er nennt das einzig mögliche historische Subjekt, das an dieser Aufhebung ein Interesse haben kann.

    Den Fehlschluß von Deskriptiven aufs Normative kann es bei Marx aus genau diesem Grunde nicht geben. Zumindest nicht in seinem theoretischen Hauptwerken und in den „Grundrissen“. Marx argumentiert im „Kapital“ nicht moralisch, sondern logisch. Und schon gar nicht ist dies ein Werk des Klassenkampfes, sondern es ist der kalte Blick eines klaren Analytikers auf eine Struktur.

  51. Es ist ganz eindeutig dass Darwin in dem zitierten Text positiv, affirmativ auf Greg Bezug nimmt. In der historischen bzw. wissenschaftlichen Literatur wird dieser Text Darwins als einer der Ausgangstexte der Eugenik angesehen, deren Begründer Galton und Herbert Spencer wurden. So lässt sich Darwin sehr wohl als allererster Sozialdarwinist beschreiben auch wenn er mit den menschenverachtenden Rassenlehren und dem Klassismus späterer Sozialdarwinisten nichts zu tun hat.

    Btw dass sich die Rassenlehren aus der Biologie wiederlegen lassen ist allerdings richtig. Nicht umsonst fusst das UNO-Statement on race auf den Texten von Evolutionsbiologen wie Huxley, Haldane und Montagu. Im Dritten Reich hatte der Anthropologe Karl Saller Berufsverbot bekommen weil er die „Rassentrennung“ für biologisch unerwünscht erklärt hatte da sie auf Inzucht hinauslaufe, Vitalität aber durch Mischung zustandekäme und weil er nachgewiesen hatte dass die „nordische Rasse“ nicht existierte.

  52. An che2001
    Neueres zur Rassenfrage: David Reiich, Harvard. cf. Obama und seine häufige Verwendung dieses Wortes. cf. Axel Meyers Zweispalter in der Wissenschaftsfaz über reich und Marcus Schärers NZZ Artikel über Reich.
    Ohne Rasse keine Massnahmen gegen Rassendiskriminierung – das sind in den USA große Programme pro Schwarz.

    Nochmal wg. Arbeitswerttheorie

    Der Sinn – naja – er hat unterrichtete, d. h. er hat diese Dinge schon x-mal vorgetragen, und daher das gut ausgesuchte Rembrandt-Beispiel: Auf den Einwand mit dem Künstler hat er im Seminar oder während einer kleinen Fragerunde in der Vorlesung gewartet, und dann hat er kunstgeschichtliche Bildung zum Besten gegeben: Rembrandt hat in der Tat nicht alles selbst gemalt, bei weitem nicht!, sondern so eine Art Manufaktur (= eine kleine Kunst-Fabrik) gehabt, mit etwelchen Mitarbeitern.

    Das Bohrloch-Beispiel ist aber der Kern seines Arguments, und, Bersarin, Ihr Einwand gegen Sinn, dass da u. a. die Börsen zum Zuge kommen, ist kein Einwand, weil es Börsen nunmal als Teil der marktwirtschaftlichen Wirtschaftsweise (und damit auch: Als Teil der Preisgestaltung) gibt. Die Unterscheidung zwischen wesentlichen und unwesentlichen Faktoren führt an dieser Stelle ins theoretische Nirgendwo: Nämlich zu einem Kapitalismus (oder einem sozialen marktwirtschaftlichen Verfassungsstaat, wie in unserem Fall) ohne Börse, den es aber einfach nicht gibt.

    Ein anderer Großwasserverdränger hat deshalb die Marxsche Wertthorie einstens so abgehandelt: Sie habe sich erledigt. Ich neige dieser, zugegeben etwas radikalen Ansicht ebenfalls zu.

    Das Buch und das Zitat – ich hab’s heute Mittag, zur Stunde des Pan exakt, eingezwängt im Konstanzer Industriegebiet zwischen der Oldtimer-Reparaturwerkstatt von Andreas Beholz (spezialisiert auf 190er Benz Sportwägen) und dem Wertstoffhof der Stadt KN, wiedergefunden: In der heutigen Zeit würden, sagt da der Denker Habermas, „Technik und Wissenschaft zur ersten Produktivkraft, womit die Anwendungbedingungen für Marxens „Arbeitswerttheorie“ entfallen.“ Denn, so der gelahrte Dokter weiter, heutzutage würde „die Arbeitskraft der unmittelbaren Produzenten“ (…) „immer weniger ins Gewicht fallen“, weil „der wissenschaftlich-technische Fortschritt zu einer unabhängigen Mehrwertquelle geworden ist.“
    (Steht in „Technik und Wissenschaft als Ideologie“, S. 79/80. – ichab’s mir mit einem sehr schönen, halbdurchsichtigen gelb-schwarzen „Dunlop“-Kugelschreiber angestrichen, der irgendwie heute für mich abgefallen ist – bei der letzten Lektüre hab‘ ich mir die Stelle dummerweise nicht angestrichen, sodass nun eine lustige Suche die Folge war.

    Aber ich meine wie oben schon: Es gäb‘ noch mehr Einwände. Ein gar nicht so obsoleter Einwand kommt in sehr sehr vielen Variationen in einem meiner Lieblingsromane zum Tragen: Nämlich „Zen und die Kunst ein Motorrad“ zu warten. Darin: Qualität lässt sich letztlich nicht quantifizieren, aber Tatsache ist: Wir schätzen Qualität sehr – und sie hängt nur bedingt von der Menge Arbeit ab, die man in etwas hineinsteckt. Aber viele Leute sind gleichwohl bereit, Qualität zu honorieren.

    Auch mein modernes Antiquariat-Beispiel ist nicht wirklich entkräftet, Bersarin, wenn Sie auf gebrauchte Ware darin rekurrieren, um es zu widerlegen; denn, wie wir beide wissen, werden im modernen Antiquariat gerne auch nietenagelneue Bücher verkauft.

    Und auch das Gebrauchtbuchbeispiel hat es in sich, denn: Weshalb spielt da in manchen Fällen plötzlich die hineingesteckte Arbeitskraft fast überhaupt, und manchmal sogar: Gar keine Rolle mehr? Preise enthalten viel Irrationales. Dass die Preisgestaltung dennoch so oft klappt, ist nichts weniger als ein alltägliches Wunder des Marktes.

  53. Rembrandt Bilder fallen unter den Gebrauchswert. Und dort wo sie in Masse produziert wurden, steckt in ihnen natürlich auch geronnene Arbeit. Inwiefern dieses Beispiel gegen Marxens Werttheorie spricht, konnten Sie aber bisher nicht zeigen. Das Rembrandt-Beispiel ist eine Sonderform, wie Wert und Preis sich gestalten, und zwar in diesem Falle auf dek Kunstmarkt. Wobei man hier eben auch nochmal im Hinblick auf die Produktion und die Distribution die Zeit Rembrandts und die Jetztzeit eines Spekulationsmarktes aufzeigen muß, den Marx ebenfalls im Kapital schon kommen sah. Und als Mantra zu wiederholen, die Werttheorie habe sich erledigt, überzeugt nicht wirklich. Und noch einmal: Das Rembrandtbeispiel ist ein Spezialfall. Ebenso wie Desginmögel oder Lange-Uhren, wo durch besondere Arbeit ein besonderer Wert und dann auch ein besonderer Preis entsteht. Spricht alles eher für als gegen Marx.

    Was den Habermas betrifft: Selbst wo Waren durch einen 3 d Drucker produziert werden, ist Arbeitskraft erforderlich. Keine Ware entsteht ex nihilo. Und um genau diesen Aspekt ging es Marx. Daß sich Produktionsbedingungen wandeln und daß die Technik neue Formen gebiert, war natürlich auch Marx klar, Marx war kein statischer Denker. Das genau, dieses Primat und Prinzip der Technik beschrieb er ja im Kapital. Man denke nur an die Spinning Jenny.

    „Qualität lässt sich letztlich nicht quantifizieren, aber Tatsache ist: Wir schätzen Qualität sehr – und sie hängt nur bedingt von der Menge Arbeit ab, die man in etwas hineinsteckt. Aber viele Leute sind gleichwohl bereit, Qualität zu honorieren.“

    Was spricht darin gegen Marx? Das genau sagt Marx, wenn er vom Gebrauchswert spricht. Das Problem hier ist mal wieder dies: Es wird ein Strohmann aufgebaut, dem man unterschiebt, dies oder das habe Marx gesagt. Doch die Widerlegung dessen, was Marx dann angeblich gesagt hat, ist lediglich die Widerlegung des eigenen Denkens und der eigenen Fehler, die man als die von Marx ausgegeben hat. Richtig wäre folgendes Vorgehen: man müßte zunächst mal prüfen, ob Marx dieses oder jenes überhaupt in dieser Weise gesagt hat, in der es dargestellt wird. Verinfachungen von Marx sind eben nicht Marx, sondern Verinfachungen der Theorie. Wenn man die falschen Kategorien anwendet, kommt Falsches heraus.

    „Auch mein modernes Antiquariat-Beispiel ist nicht wirklich entkräftet, Bersarin, wenn Sie auf gebrauchte Ware darin rekurrieren, um es zu widerlegen; denn, wie wir beide wissen, werden im modernen Antiquariat gerne auch nietenagelneue Bücher verkauft.“

    Und was sagt das? Nicht, außer daß ein solches Geschäft eben neue und alte Waren gleichermaßen verkauft. Was das gegen Marx Arbeitswerttheorie sprechen soll, mag der Himmel wissen. Denn die neuen Bücher werden ja sicherlich nicht alle vom Antiquar selbst geschrieben und gemacht worden sein. Und selbst dann steckt in ihrer Produktion gesellschaftliche Arbeit.

    „Und auch das Gebrauchtbuchbeispiel hat es in sich, denn: Weshalb spielt da in manchen Fällen plötzlich die hineingesteckte Arbeitskraft fast überhaupt, und manchmal sogar: Gar keine Rolle mehr? Preise enthalten viel Irrationales. Dass die Preisgestaltung dennoch so oft klappt, ist nichts weniger als ein alltägliches Wunder des Marktes.“

    Wunder des Marktes ist sehr gut. Meinen Sie nicht, daß das gebrauchte Auto irgendwann einmal auch in einer Fabrik von Maschinen und Arbeitern produziert wurde? Vom Himmel fiel es nicht. In dieser Hinsicht halte ich die Marxsche Theorie für einiges exakter. Sie liefert nämlich statt Metaphysik und Obskurantismus eine schlüssige Theorie, wie in der Sphäre der Produktion dun dann auch in der der Zirkulation die Dinge bis hin zum Wert und Preis und Geld vorsichgehen. Und diese Theorie beruft sich nicht auf „Wunder des Marktes“. Das ist in etwa so das, was uns die Neoliberalen einhämmern wollen: die Segnungen des Marktes. Dieser ist aber kein Fetisch, der unabhängig von uns als unsichtbare Hand Gottes agiert, sondern ganz im Gegenteil hat Marx gezeigt, daß das, was sich über unsere Köpfe hinwegsetzt und was sich als fremde Macht gegen uns kehrt und eben, wie Sie es dann nebulös nennen, als Wunder erscheint, nämlich von Subjekten gemacht ist. Marx zeigt, wie sich dieses Gemachte hinter dem Rücken der Subjekte gegen die Subjekte kehrt und ihnen als Anderes oder als naturwüchsige Form erscheint. Aber nur weil es als solche naturwüchsige Form erscheint, ist sie es ihrem Wesen nach nicht. Und dieses Verhältnis von Schein, Erscheinung und Wesen brachte Marx auf den Begriff. Ein promethisches Moment, gemischt mit Dr. Frankenstein. Eben dieses Phänomen erklärt zu haben, ist die große Leistung von Marxens Theorie.

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