1. Mai – Marxjahr

„Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheimnis seines eignen Daseins aus, denn es ist die faktische Auflösung dieser Weltordnung. Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesellschaft zu seinem Prinzip erhoben hat, was in ihm als negatives Resultat der Gesellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert ist. Der Proletarier befindet sich dann in bezug auf die werdende Welt in demselben Recht, in welchem der deutsche König in bezug auf die gewordene Welt sich befindet, wenn er das Volk sein Volk wie das Pferd sein Pferd nennt. Der König, indem er das Volk für sein Privateigentum erklärt, spricht es nur aus, daß der Privateigentümer König ist.

Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehn.

Resümieren wir das Resultat:

Die einzig praktisch mögliche Befreiung Deutschlands ist die Befreiung auf dem Standpunkt der Theorie, welche den Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt. In Deutschland ist die Emanzipation von dem Mittelalter nur möglich als die Emanzipation zugleich von den teilweisen Überwindungen des Mittelalters. In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen. Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren. Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipation des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat. Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie.

Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.“
(Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung)

Wieweit man hier aus diesen Passagen des frühen Marx wiederum die sehr viel prägnanter formulierte 11. Feuerbachthese schon herauslesen kann – zeitlich liegen beide Text dicht beieinander – und inwiefern diese These wieder revoziert werden muß zugunsten einer Theorie der Gesellschaft, ist eine Frage, die für die westeuropäischen Gesellschaften relevant sein mag. Adorno formulierte nicht nur zum Beginn seiner „Negativen Dialektik“ jene Arbeit der Theorie, die nötig ist, da eine Philosophie, die nach Marx einmal überholt schien, sich am Leben erhält, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Sondern auch in seiner „Vorlesung über negative Dialektik“ aus dem Semester 1965/66 gibt es jene Überlegungen zur Feuerbachthese:

„Dieses Zurückgeworfensein auf die Philosophie hat nun in der Situation selbst auch sein reales Äquivalent. Wir befinden uns in einer Art geschichtlicher Atempause. Wir sind in einer Lage, in der im Ernst nachzudenken uns den materiellen Voraussetzungen und auch einer gewissen Friedlichkeit der Zustände nach, jedenfalls soweit es sich um die Bundesrepublik handelt, wieder möglich ist. Und die Versuche, einen darin irre zu machen und unterbrochen: Wolf, Wolf! zu rufen, sind wohl im Augenblick gerade deshalb eine Ideologie, weil auf Grund einer gesellschaftlichen Analyse à la longue nicht damit zu rechnen ist, daß dieser Zustand, in dem man überhaupt nachdenken kann, sich erhält, – so daß man diesen Zustand nicht versäumen darf.“ (Adorno, Vorlesungen Negative Dialektik)

Nicht nur ein Satz gegen den Alarmismus bestimmter Kreise. Aber: Für solche Gesellschaften jedoch, in denen Armutsverhältnisse herrschen wie im Deutschland des 19. Jahrhundert, für Länder, wo Menschen in Slums, gebaut aus Scheiße, wohnen ist diese Frage zur Revolution immer noch virulent. Während hohe Herren im Palast und im Prunk hausen. Haben hier in der BRD die Arbeiter alles erreicht? Ja. Und nein zugleich. Ich müßte nochmal bei Wolfgang Pohrt nachlesen, wo gerade in der Edition Tiamat eine Ausgabe seiner Werke erscheint, im Design schön wie die gute, alte feine MEW-Ausgabe gehalten. Ein Schatz. „Kapitalismus forever“ und „Das allerletzte Gefecht“. Aber eine proletarische Revolution hier in der BRD ist weiter entfernt denn je. Ein letztes Flackern mochte es 1968 während des Pariser Mai gegeben haben und allenfalls in der italienischen Arbeiterbewegung im Operaismus, dessen Geschichte uns nahegebracht werden sollte. Denn nur mit den entsprechenden Narrativen, kann man Theorie und kann man Waffen machen.

(Photographien von Bersarin: Maidemo Berlin, 2014)

8 Gedanken zu „1. Mai – Marxjahr

  1. Sehr gutes Posting. Wobei ich die Dinge etwas weniger skeptisch doch nicht ganz grundsätzlich anders sehe; nicht umsonst fusst meine eigene theoretische Position auf einer Verbindung aus italienischem Operaismus und französischem Poststrukturalismus.

  2. Huch- ein Gespenst Bersarin!

    1) „Aber eine proletarische Revolution hier in der BRD ist weiter entfernt denn je.“

    Das hat sich bis Amerika rumgesprochen:

    Freilich findet Michael Moore das (auch?) nicht schlecht. Er findet sogar Sachen, die sich mit Marx in Verbindung bringen lassen, und die sehr gut gelungen sind hierzulande: Die florierende Mittelschicht, die Betriebsräte, das Bildungs- und Sozialversicherungssystem – und das sind ja alles keine Kleinigkeiten, und im Weltmaßstab schon überaus unwahrscheinliche Errungenschaften. Man könnte auch die Ökologie und das Niveau der Güterproduktion und vielleicht sogar des öffentlichen Lebens einchließlich der blühenden Künste und des öffentlichen Künste allüberall wo nicht sogar des pressewesens und des öffentlichen Rundfunks und – warum denn nicht – des Bloggerwesen grad auch noch anführen.

    2) „Adorno formulierte nicht nur zum Beginn seiner „Negativen Dialektik“ jene Arbeit der Theorie, die nötig ist, da eine Philosophie, die nach Marx einmal überholt schien, sich am Leben erhält, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.“

    Gute Güte – die Altvorderen haben es falsch gemacht – aber auch er selber, Adorno, focht’s nicht besser aus – sein Leben währte nicht lang, und sozusagen zudem – : – nicht lang genug.

    Das führt in Summa zu der ewigen Prokrastination, als deren Wesenskern Odo Marquard einst das revolutionäre Projekt bestimmt hat (in dieser Feststellung verbirgt sich eine im Sinne Lévy-Strauss‘ gedachte strukturelle Wahrheit, denn die Revolution als Revelation des ganz „Anderen“ (die Böhme Brüder Gernot und Hartmut in den Spuren Marcuses) – kann sozusagen per se nicht gelingen, weil ihre Realisation i m m e r hiesig, und eben nicht jenseitig ist.

    Bedenkt man derlei, wird klar, wieviel Marx der religiösen Tradition und deren Zwei-Reiche-Lehre verdankt – was ja auch bei den Zitaten des jungen Marx oben aus praktisch jeder Zeile quillt.

    Dann ist da noch die Tatsache, dass natürlich Adorno nicht verallgemeinerungsfähig ist, aber bereits auch Marx und Engels das gar nicht sein wollten: Wie haben sie nächtelang geschimpft über die „Narren“ und „Esel“ und was nicht alles – über den „blutigen Auswurf“, will mir nun erscheinen, und noch mehr grausiges Zeug, das aber diente zur Beschreibung: Der Parteien – „und der Parteien Gunst und Hader“ – damit wollten Marx und Engels, wenn sie in medias res (=über die bennschen „Bestände“) gingen gar nix mehr zu tun haben. – Alles allesamt furchtbar und unerträglich wie „übertriebenes Blutscheißen“ (Marx). Tschüss politisch Esel & Narren!

    @ che2001

    wg. der italienischen Hoffnungen: Sie scheinen mir ebenfalls nicht in die italienische Wirklichkeit von heute zu passen (auch nicht in die von übermorgen, soviel ich sehe…). – Immer das Beispiel der römischen Busbetriebe vor Augen. Unreformierbar. Über zehn Gewerkschaften, alle mit eigenen Büros, eigenen Vorsitzenden, eigenen „Versorgungsstrukturen“. Cinque Stelle so machtlos wie ehedem die Christdemokraten oder wer auch immer. Ein Gutteil der Busse, für die Ersatzteile usw. abgerechnet werden, gar nicht vorhanden. Aber kann man nix machen. Fahren halt die Busse auf manchen Linien, und auf manchen fahren sie nicht. Kann man auch nix machen!
    Für eine handvoll Verwaltungsstellen im Süden soviele Bewerberinnen, dass Turnhallen angemietet werden müssen für die Prüfungen. Das ist nicht romantisch, nicht sehr hoffnungsvoll und nicht schön!
    Ciao Karl Marx – willkommen Max Weber – und Niklas Luhmann, mit denen man natürlich nach der Funktionalität von gesellschaftlichen Teilsystemen und deren Interdependenz mit der in Teilen vormodernen, clan- und bandenartigen Mentalität der Gesamtgesellschaft suchen muss – ein langer, steiniger, keinesfalls revolutionärer Weg, wie mir scheint.
    Dennoch ist Italy sehr sehr schön und fast alle Italienerinnen, die ich kenne, lieben ihr Land – seufz…seufz…A

    (Am Ende würde ich einfach darauf bestehen zu sagen: Dennoch ist Italy… anstatt: Deswegen ist Italy…, denn das schiene mir dann doch z u anarchistisch…).

  3. Es geht hier nicht um die italienische Wirklichkeit, sondern um die Bereitschaft der italienischen Arbeiter und Studenten in der Zeit 1968-1975 tabula rasa zu machen. Nirgendwo anders hielt die Kampfphase so lange an – und wurde ja auch blutig niedergeschlagen, z.B. mit den sog. Staatsmassakern, Bombenattentate auf die Zivilbevölkerung, die von Rechtsradikalen in Zusammenarbeit mit Geheimdiensten nur begangen wurden, um sie den Linken in die Schuhe schieben zu können – und nirgendwo war der Ansatz so radikal: Arbeitskämpfe nicht als Lohnkämpfe, sondern als Kämpfe gegen die entfremdete Wahrheit an sich. Das ist sozusagen das Alleinstellungsmerkmal des Operaismus.

  4. @ Dieter Kief: Natürlich geht es nicht ums reine Jenseits, das wußte auch Adorno. Ansonsten wäre er Theologe geworden. Aber daß etwas im Diesseits Schwierigkeiten bereitet und ein Zustand von Versöhnung, wie es bei Adorno heißt, zunächst mal vertagt ist, bedeutet nicht, daß er im Jenseits liegt. Die römische Civitas hätte es sich ebenfalls nicht träumen lassen, daß es irgendwann eine bürgerliche Gesellschaft gibt. Was Adorno konzipiert ist eben, das ist ja die Crux seines Denkens, in der humanitas bereits angelegt. Insofern ist in diesem Kontext des Versöhungs- und Utopiedenkens der Begriff der Menschenwürde interessant. Auch wenn Adorno ihn nicht gebraucht, weil ihm darin vielleicht zu sehr ein Essentialismus und auch ein großes Stück bürgerliche Ideologie mitschwingt.

  5. @ Bersarin

    Dass Adorno den Begriff Menschenwürde nicht verwendet ist interessant. Ihre Begründung ist plausibel.

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