Über Pop-Musik – mit einem Abschweif zum Echo

Jugendkultur samt Pop sind ein ganz  spezielles Ding. Mit der herkömmlichen Moralisierung und der Kritik der Lage, was geht und was nicht geht, kommt man bei ihren Ausdrucksformen nur bedingt weiter. (Ähnliches gilt übrigens auch für die Satire: Früher, in den 1980ern hat die Titanic sehr viel derbere Dinge sich geleistet als heute die eher harmlos-frivole Sonneborn-Rede in Brüssel, wo er sich über die Frau von Marcon belustigte und dem Grafen Lambsdorff einen Fallschirmeinsatz über Syrien anriet. Was ja nicht einmal verkehrt ist, denn wer, nach dem Motto „Hannemann, geh du voran!“ vom Krieg trötet, sollte mit gutem Beispiel Schule machen und selber hingehen, aber nicht andere hinschicken. Manche ereiferten sich über diese doch eher humorvolle Rede, die übrigens vor vielleicht einmal 10 Abgeordneten, stattfand, was ich, nebenbei, skandalöser finde als Sonneborns Rede. Aber das mag Ansichtssache sein. Ja, auch so eine Provokation. Bei den alten Titanic-Beiträgen würde heute mancher vermutlich in Ohnmacht fallen, insbesondere ehemalige Titanicjakobiner wie Leo Fischer.)

Provokant ist mittlerweile vieles und in einer Gesellschaft der Animositäten sind die Gemüter gegenwärtig gereizter als je zuvor. Beim Pop hingegen ist die Provo-Pose endemisch und gehört dazu, es ist eines der Prinzipien von Pop-Musik: um bei den 1950ern anzufangen, von Chuck Berry über Elvis the Pelvis, hin zu Doors, The Stooges, kulminierend im Punk und andernorts in Rap und Hip-Hop. Ich schreibe das nicht wertend, sondern als Beschreibung eines Phänomens der Jugendkultur. Das man sicherlich in vielfacher Hinsicht, auch mit Adornos Hinweis zur Kulturindustrie, kritisieren kann. Pop-Musik ist nur bedingt subversiv. Die kalkuliert eingesetzte Provokation wird in der Regel sehr schnell vom Warensystem absorbiert.

Wir haben uns damals in den frühen und mittleren 80er mit den wildesten Dingen geschmückt: vom Tampon bis hin zu NS-Parteiabzeichen für Kraft durch Freude. Die Erregung gab es auch damals schon. Aber wie sonst konnte man seine linksliberalen Lehrer, die von 68 her den Marsch durch die Institutionen wirkungsvoll angetreten und nun im gut bezahlten, verbeamteten Establishment angekommen sind, denn noch provozieren als mit solchen Symbolen? Die klügeren der Lehrer lächelten und verstanden solche Gesten, denn sie wußten noch um den Geist der Opposition, und ob jemand echter Nazi war oder nicht, erkannte man recht schnell. Im Gegensatz jedoch zu posierenden Rappern wie Kollegah, Farid Bang oder Bushido war es bei uns keine auf Profit kalkulierte Show, um die eigene Community bei der Stange zu halten. Ebensowenig bei den „Sex Pistols“, wenn sie  „Belsen was a gas“ sangen:

„Belsen was a gas I heard the other day
In the open graves where the jews all lay
Life is fun and I wish you were here
They wrote on postcards to those held dear“

Womit wir beim Echo-Musikpreis sind. Lustiger Nebenfakt: der Musikjournalist Jens Balzer, der einmal ein guter und böse-witziger Schreiber war, inzwischen aber immer häufiger reichlich verschnarchtes Moralin verschreibt, saß mit in der Echo-Jury. Die politisch-korrekte Erregung fiel ihm erst hinterher ein, als sich dann andere erregten. Protest, der nichts kostet, denn in einer Jury wäre es deutlich wirkungsvoller gewesen, seinen Unwillen kundzutun. Und statt in einem „Zeit“-Interview mit Sven Regener zu plaudern und gleiche Ansichten sich gegenseitig zu bestätigen, hätte Jens Balzer gut getan, investigativ über die Interna in einer Pop-Jury zu schreiben. Aber Protest ist immer nur dann gut und bequem zu haben, sofern er nichts kostet. Nett vom sicheren Sessel aus. Nicht anders als im Falle Weinsteins, wo seit Jahrzehnten arrivierte Schauspielerinnen erst dann ihren Mund aufbekommen, wenn der Wind sich dreht und es opportun ist.

Insofern wäre beim neuen Echo-Skandal die Frage viel interessanter, warum überhaupt und aus was für Motiven soetwas wie von Kollegah oder Farid Bang in dieser Weise gesungen oder in Bildern kommuniziert wird. Wenn man denn schon analysiert. Ich fürchte mit dem moralischen und fuchtelnden Zeigefinger kommt man da nicht viel weiter. Wir haben über genau diese Leute damals zu den Punk-Zeiten Anfang, Mitte der 80er herzlich gelacht und wußten: Wirkung erreicht, sofern die Aufregung sich einstellte. Eigentlich müßte man im Sinne einer paradoxen Intervention auf diese Zeilen der beiden Rapper reagieren. Das könnte vielleicht effektiver sein. Dieser Echo-Diskurs, im wahrsten Sinne des Wortes, hat freilich nur zur Verstärkung dieser Angelegenheit geführt. Hätte man die Sache einfach auslaufen lassen, wäre das morgen bereits vergessen. Was allemal besser wäre.

Ja, auch ich denke, es gibt Grenzen der Inszenierung und dieser Satz zum Auschwitzinsassen ist nicht nur bloß genzdebil. Aber: Man muß solche provokanten Sätze und Gesten vor dem Hintergrund dieser Musik nehmen. Klar kann man diesen sogenannten Gangsterrap arrivierter Kleinbürger soziologisch und politisch kritisieren. Das tat man bereits in den 1990er Jahren, wenn es z.B. um den Sexismus ging, wenn da auf MTV die wackelnden Weiberärsche, die prallen Brüste und die Bling-Bling-Goldketten samt fetten Autos zu sehen waren, mit denen sich die männlichen Helden umgaben. Aber diese Attribute sind zugleich auch Zeichen des Pop und das sagt etwas Gesellschaftliches. Diese Ketten, die trainierten Oberarme, die Autos, Ärsche und Titten stehen für etwas, sie symbolisieren. Das ist der eine – gesellschaftliche – Aspekt. Der zweite hängt mit dem Verkauf solcher Zeichen zusammen, um Gewinn zu generieren. Das Wort Musikindustrie trifft es da ganz gut. Was sich als vermeintliche Subversion aus dem Ghetto gibt, ist lange schon von der Industrie eingekauft, teils auch vom Reißbrett designt, um des Effektes willen, und die Bands wissen das und affirmieren das auch: denn es ist der Fetisch Geld, um den der ganze Tanz sich dreht. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden in der Tat zum Tanzen gebracht: aus dem Geist der Pop-Musik heraus spielt man ihnen ihre eigene Melodie vor. Aber es ist die der narkotisierenden Wiederholung, die sich als Emotion geriert. Ähnliches gilt auch für die sich politisch gebende Pop-Musik. No One Here Gets Out Alive!

Doch ist das, was solche wie Farid Bang oder Kollegah machen, nur die Spitze des Eisberges, denn viel interessanter ist das, was auf der Straße abgeht, in der tatsächlichen Szene, die eigentlich nur noch den Spezialisten, den hartgesottenen Fans bekannt ist. Nicht anders als bei jeder anderen Jugendkulturen auch, etwa beim Punk. Damals Anfang der 80er gehörten mit ZK und dann schon etwas populärer mit der Opelgang-Platte solche wie die Toten Hosen dazu. Irgendwann dann sind sie oben angekommen und der Protest wurde zur Pose und zur Posse. Von Text und Musik her unterscheiden sich die Toten Hosen in nichts von Frei.Wild – zumindest wenn man es formal nimmt.

Aber genauso gibt es heute noch kleine, so gut wie unbekannte Bands, die aus dem Geist der Rebellion oder einfach aus Freude an Musik und einer Subkultur ihre Sache machen. Von wenigen gehört nur, die Sache spielt sich auf lokaler Ebene ab. Von solchen subtilen, aber auch von den arrivierten Szenarien der populären Musik, die uns als Ausdruck von Jugendkultur spätestens nach dem Ende des zweiten Weltkriegs begleitet, schreibt Diedrich Diederichsen in seinem lesenswerten Buch „Über Pop-Musik“. Auf eine kluge und dialektische Weise vertieft er sich in diese Phänomene. Ich rate unbedingt zu Diederichsens Buch. Nach der Lektüre sieht man manches vielleicht unter einer anderen Optik. Und es sichtet dieses Buch, obwohl Diederichsen ein Freund des der populären Musik ist, durchaus kritisch dieses Phänomen Pop. Adornos Ausführungen zur Kulturindustrie werden einerseits ernst genommen und nicht in der üblichen undialektischen und simplen Art als Kulturpessimismus der alten Onkels denunziert, aber doch erkennt Diederichsen auch den ästhetischen Eigenwert von Pop an: Von dem rebellischen Geist bis hin zum Ausdrucksmedium einer Jugend, die viel Zeit hat, sich mit sich selbst und mit der Welt zu beschäftigen. Was nicht selbstverständlich ist, zum ersten Mal eigentlich in der Geschichte der Menschheit.

Der Geist der Rebellion aus dem Kinderzimmer, wie Diedrichsen schreibt, und eine Industrie, die weiß, daß dieser Geist, in Flaschen gefüllt, sich gut verkauft. Und Jugendliche, die dem entrinnen wollen, indem sie weiter auf ihre Abschottung setzen. Tocotronic widmen diesem Protestregress mit ihrem Roten Album vor zwei Jahren eine ganze Schallplatte.

Provokation also als ein Mittel, um die Ressource Aufmerksamkeit, die den nötigen Abverkauf generiert. In dieser Weise kreist die Spirale. Und darin sind auch solche wie Kollegah, Bushido, Farin Bang zu verorten. Deren Antisemitismus ist nur der Ausdruck eines sowieso in der Gesellschaft gestreuten Vorbehalts gegen Juden. In der arabischen Communitiy insbesondere. Aber eben nicht nur dort. Man sagt, es hätten auch die Deutschen in der Vergangenheit erhebliche Problem mit dem Juden gehabt.

Was den politischen Protest im Pop betrifft, sein gesellschaftliches Moment und das Auslaufen des Pop als Subversionsmodell, da kann man ergänzend noch von Georg Seeßlen das gerade erschienene Buch Is this the End? Pop zwischen Befreiung und Unterdrückung lesen. Hier trifft sich, wie auch bei Diedrichsen, Popkritik mit Kunst- und Gesellschaftskritik. Während jededoch Diedrichsen das System Pop immanent analysiert, streift Seeßlen eher die politische Zone. Aber davon mehr ein andermal.

20 Gedanken zu „Über Pop-Musik – mit einem Abschweif zum Echo

  1. Wow! Was für ein genialer Artikel, den ich sicher noch mehrfach lesen werde.
    Ich nehme an – Teilen auf FB ist okay?

    Liebe Grüße
    Sylvia

  2. @“Von Text und Musik her unterscheiden sich die Toten Hosen in nichts von Frei.Wild – zumindest wenn man es formal nimmt.

    Aber genauso gibt es heute noch kleine, so gut wie unbekannte Bands, die aus dem Geist der Rebellion oder einfach aus Freude an Musik und einer Subkultur ihre Sache machen. Von wenigen gehört nur, die Sache spielt sich auf lokaler Ebene ab. “ —— Nun ja, die Ärzte sind arriviert und ihre Musik unterscheidet sich vom Niveau her deutlich von den Ärzten, deren epochemachendes Werk, Horrorshow, erschienen war als sie schon etabliert waren. Interessant ist dass deutscher Rap mal klar links konnotierte Migrantenkidmusik war und das definitiv nicht mehr ist.

  3. Ich bin ja generell bei diesen politischen Inhalten von Pop skeptisch. Andererseits hängt Pop eben auch eng mit mit einem Habitus, mit einer Haltung zusammen – die sowohl rechts wie links, wie auch hedonistisch, modebewußt, antimodern, antimodisch, wie auch neutral, unpolitisch und dazu in sämtlichen Mischformen vorkommen kann. Insofern ist zwar die Qualität der Musik bei Frei.Wild und bei den Toten Hosen in etwa ähnlich. Nicht jedoch die qua Songtext kommunizierte (politische) Haltung. Denn Pop hat etwas mit einem Statement zu tun. Das Allgemeine schmückt beim Jugendlichen und später auch beim erwachsenen Hörer von Pop das Individuelle, es konstituiert sich überhaupt erst durch dieses Allgemeine, durch das sich der Jugendliche zugleich aber individuell von anderen deutlich und über Dresscodes abgrenzt. Auch innerhalb der eigenen Gruppe. Punks etwa sehen ja nicht alle gleich aus. Obwohl man die meisten Punks schnell erkennt, bestimmen intern unterschiedliche Stile und Moden den Punk.

    Bei Migranten ist es so lala. Das große Politding findet da sicher nicht statt – aber das kommt vermutlich ganz auf die Szene an und wo man beobachtet. In türkischen und kurdischen Politaktivistenkreisen sieht das sicherlich anders aus als bei normalen Straßenkids. In den knallharten Streetgangs geht es wohl eher um was anderes als um Sozialrebellentum. Und leider sind hier in Berlin eben auch viele graue Wölfe anzutreffen, was man auf unterschiedlichen Demos immer wieder merkt, wenn der Wolfsgruß gezeigt wird. Allenfalls der Kampf gegen Nazi-Skins und nationale Autonome mag da eine Verbindung schaffen. Hier in Neukölln konnte ich 2009 bei der versuchten Besetzung des Tempelhofer Feldes zwischen nichtmigrantischer Protestjugend und türkischen Jungs einige Differenzen beobachten, die auch handgreiflich wurden.

  4. Bei kurdischen Jugendlichen, auch Streetgangs, sind linke Haltungen sehr weit verbreitet, ebenso bei Iranern. Türkische Streetfighter sind fast immer rechtsradikal, allerdings gibt es Türkengangs und -Cliquen 8und gerade auch rappende oder rapgeprägte), die zwar emotional-türkisch-nationalistisch auftreten, aber mit konkreter Politik wenig zu tun haben, andererseits sich aber als massiv antirassistisch verstehen und sehr häufig Parallelen zu sich und Schwarzen in USA ziehen, daher der oben von mir angeführte Satz aus einem Bremer Raptitel „Ja ich komme aus Gröpelingen und ihr wisst das ist ein Ghetto“. Die entsprechende Szene identifizierte sich in der Vergangenheit stark mit Ice-T, Public Enemy und dem Aufstand in South Central Los Angeles. Die ersten deutschen Rapbands waren Anfang der 90er in diesem Kontext entstanden.

  5. Ich denke man sollte Machogehabe oder die islamische Herrenrassen-Attitüde nicht mit einer Gesellschaftskritischen Haltung verwechseln, wenn sie auch manchmal ähnlich aussehen mögen.

    Was natürlich nicht bedeuten muss, dass Musik nicht einen befreienden Effekt haben kann, aber nicht über Texte oder politische Statements der Musiker, sondern durch ihre Ästhetik, wenn man das so sagen kann, oder die Emotion, die sie dem Hörer vermittelt.

    Camille Paglia schreibt in ihrem Buch über Kunstgeschichte („Sexual Personae“), dass dionysische Kunst heute nicht mehr existiert im Bereich der Hochkultur, sondern nur noch in zwei Bereichen: Pornographie und Rockmusik. Ich denke das ist nicht ganz falsch.

    Rock, in Form von Heavy-Metal, ist ein weltweites Phänomen, nicht nur in Europa oder Amerika, sondern auch in Japan und Brasilien. Ich habe sogar mal einen bericht über eine Metal-Band im Iran gesehen. Anders als viele Kulturbezogene Musikstile, wie etwa Salsa, die in der spanischsprachigen Welt sehr beliebt ist aber darüber hinaus wenig Fans hat, oder auch die orientalische Musik, die westlichen Ohren i.d.R. nicht besonders gefällt.

    Also diese Musik gibt Menschen etwas, und sie hat durchaus eine Attitüde von Agression und Virilität, aber keine eigentlich politische Botschaft.

  6. Der Hinweis auf das Dionysische ist sehr gut und richtig – allenfalls vermittelt im Rausch des Betrachtens oder in der Ekstase der Kunstproduktion oder des Nachsinnens über Kunst mag solch ein Rest von Dionysischem noch seinen Ort haben. Als Rauschhaftes aber, im zelebrierenden Akt ist es sicherlich, zumindest auf der unmittelbaren Ebene, insbesondere bei den Konzerten und Live-Aufführungen des Pop präsent. Ein letztes Mal haben das vermutlich Wilde wie der Wiener Aktionismus, künstlerischer Punk und dessen Ästhetik oder Jonathan Meese versucht. In diesem Sinne weise ich auch nochmal auf Diedrichsens wirklich lesenswertes Buch hin. Der oben genannte Jens Balzer schrieb kürzlich auch ein Buch zum Pop, das ich aber nciht kenne. Wobei in bezug aufs Dionysische die Frage ist, ob nicht eine Symphonie von Mahler oder eine Wagner-Oper immer noch für solchen dionysischen Gehalt der Kunst als Rausch stehen. Und wenn man Thomas Mann in einigen seiner Erzählungen oder im „Zauberberg“ und im Doktor Faustus“ liest, kommt einem solches ebenfalls in den Sinn. Ebenso Hanno Buddenbrooks‘ Klavierspiel. Aber das ist eben ein bereits durch die Kunst vermitteltes Dionysisches. Hier jedoch den Vergleich zum Pop aufzuziehen, ist sicherlich interessant.

    Und für che ist sicherlich der Seeßlen interessant, weil das Buch den Pop politisch und vor allem von links her betrachtet: „Is this the End? Pop zwischen Befreiung und Unterdrückung“. Dürfte Dir also gefallen, che.

  7. El_Mocho – ich stimme zu:

    „Camille Paglia schreibt in ihrem Buch über Kunstgeschichte („Sexual Personae“), dass dionysische Kunst heute nicht mehr existiert im Bereich der Hochkultur, sondern nur noch in zwei Bereichen: Pornographie und Rockmusik. Ich denke das ist nicht ganz falsch.“

    Ja. Rock’n’Roll – ne!!

    Enzensberger, der einen zumindest ganz achtbaren erotischen (=pornographische= expliziten) Roman immerhin geschrieben hat, macht in „Überlebenskünstler“ Henry Miller nieder: einen Konkurrenten…
    (Was ich Enzensberger lassen will: Miller habe ich immer abgerochen: Langweilig. Enzensberger habe ich zuende gelesen.

    Auch Bukowski hie und da. Am besten klar die Gedichte.

    Ebenfalls eine der nach Paglia raren Ausnahmen im Feld der Hochkultur: Das Schelling-Projekt, der erotische Roman Sloterdijks.

    Jaja, man soll die Jungen nicht zu eng führen, sonst büchsen sie aus.

    Neinnein: Man braucht deshalb nicht alles gut finden, was die Jugend so macht, – : – Wo Diederichsen d a s sagt, würde ich ihm nicht widersprechen.

    Ggf. ästhetische Vorbehalte anzumelden scheint mir am besten zu sein im Gespräch mit der Jugend. Das heißt auch: Widerspruch einlegen. „Körper besser definiert als.. .“: Kann kein selbstaffirmatives Satement sein, wie es aber gemeint ist.
    Kann kein selbstaffirmatives Statement sein, weil es bei den Auschwitzgefangenen den freien Willen voraussetzt, also die Freiheit zu tun und zu lassen, was man will – u. U. auch zu trainieren.
    Das war nicht gegeben – also ist die Aussage unfair – hämisch eventuell auch, infam – in diese Richtung würde ich jederzeit sprechen.
    Leute, die sich in unfairer Weise brüsten gegenüber Auschwitzgefangenen sollen meiner Ansicht nach keine Preise kriegen. Bereits die Idee, ein Werk zu preisen, setzt eine gewisse Lauterkeit voraus, die hier nicht gegeben ist. Man will keine Dumpfmeier als Vorbilder.

  8. Fest steht dass der Rap sich weit von seinen Wurzeln entfernt hat und dass die heute dominierende Macho-Attitüde nicht zu diesen Wurzeln gehörte, sondern ursprünglich eher eine Sozialprotesthaltung im Black-Power-Umfeld beinhaltete, worauf Public Enemy, Ice-T und Paris sich noch bezogen. Die Wurzeln des Rap sind kulturell uralt und gehen bis auf die Yoruba zurück, konkret musikalisch hingegen auf ein Verfremden von Ska- oder Reggaemusik durch bewusstes Zuschnellspielen der – damals noch – Vinylplatten, endloses Wiederholen der selben Loops und Scratching, da wurde dann der Spürechgesang drübergelegt. Das war Standupmusik in Openairdiscos im Ghetto. Damit hat heutiger HipHop nichts mehr zu tun.

    http://www.fluter.de/wie-entstand-eigentlich-der-rap

  9. Das Foto vom Poll Tax Riot hing in meiner alten WG über dem Küchentisch, so ähnlich kann man sich Netbitch in jenen Jahren vorstellen.

  10. Darf man Hitler-Witze machen?

    Dürfen die zynisch sein?

    Klar! Bist halt dann Antisemit!

    Hat Kollegah Auschwitz geleugnet? Hat Kollegah Gewalttätigkeiten gegen Juden befördert? Nein! War nur zynisch und doof, was der zusammrappt! Ist halt Antisemit, der Kollegah!

    Dabei war von Juden nicht einmal die Rede. Nur von Auschwitz. Da wurden zwar ein Haufen Juden umgebracht, aber auch Schwule und Zigeuner. Witze über die Operation Barbarossa würden nach dieser Logik ebenfalls nur von Antisemiten weitererzählt werden. Denn auch bei dieser Gelegenheit wurden viele Juden umgebracht.

    Diese Darstellung enthält natürlich keine Logik. Das ist ja auch Moral. Von Moral verlangt niemand Konsistenz und Folgerichtigkeit. Denn das wäre Vernunft. Und die muß man mit Moral bekämpfen.

  11. @ Neumondschein

    Ist viel Wahres dran, an dem was Sie sagen – aber auch an dem, was ich oben sagte: Denn egal ob es sich um Juden oder sonstwen handelt – die Idee sich gegenüber Auschiwtzinsassen hervorzuttun mit seiner Fitness zeugt von schlechtem Geschmack, und ist nicht preiswürdig.

    Schlechter Geschmack ist nicht preiswürdig – so ca. seit Oscar Wilde und Henry Heine; die Echo-Jury war schlecht beraten und hat zurecht auf die Mütze bekommen.

    Kollegah deshalb zur Persona non grata zu befördern, ist ebenfalls unsinnig. Künstler sollen sich riskant verhalten, es soll nicht unbedingt alles moralisch richtig sein, was sie von sich geben. Wie groß (seine z. B.) ästhetische Verfehlungen letzten Endes sind, wüsste heute sowieso keiner zu sagen. Denn dazu müsste man einen Standpunkt außerhalb der zeitlichen und räumlichen Beschränkungen einnehmen können, die alle unsere zeitgenössischen ästhetischen Urteile notwendig beschränken – und ganz gewiss zu vorläufigen machen.

  12. Beim Echo geht es um verkaufte Platten. und dem Verkauf sind die Inhalte fungibel. Merkmal sind Zahlen. Ob diese Leute Antisemiten sind, ist da zweitrangig. Eines der Videos von einem der beiden Schwachköpfen spricht im Hinblick auf den Antisemitismus und die Judenklischees Bände.

  13. @neumondschein: Man kann durchaus Hitlerwitze machen. Es gibt viele. Auch solche, die gut sind. Ich würde sogar sagen, daß es nachgerade geboten ist, über Hitler Witze zu machen. Auch wenn das die historische und soziale Dimension sicher nicht ausschöpft.

  14. Die besten Witze sind in Auschwitz entstanden. Es kommt aber darauf an, wer sie wann und warum erzählt. Übrigens sollte auch zwischen den Personen Farid Bang und Kollegah unterschieden werden, das wäre sonst ein Unterschleif.

  15. @ che2001
    Unterschleif ist gut!
    @ Bersarin
    Wg. verkaufter Platten – die Verkaufsabsicht erklärt so manches – aber halt nicht alles (es hat keinen Sinn, einerseits zu sagen, da sei ein Fehler gemacht worden und andererseits zu sagen, die sind so korrupt, dass der Fehler schon gar keine Rolle mehr spielt. – Sind sie nicht. Immerhin haben sie es der „rruhmreischen Soffjettnion“ nachgemacht und sich selber abgeschafft. Tätige Reue: Das ist wenigstens teilweise nicht-zynische Vernunft, wie ich für einmal optimistisch enden will.

  16. Na ja, „tätige Reue“ – was diese beiden Rapper und auch andere machen, gehört zum System Pop. Nicht wirklich schön, diese Sätze, aber man muß sie im Kontext sehen.

  17. Mit tätige Reue war oben die Abschaffung des Echo-Preises als Reaktin auf das Preis-Fiasko gemeint.

    Berlins Oberstaatsanwalt Ralph Knispel hat zu unserem Thema in einem Interview in Tichy’s Einblick, das sowieso nicht heiter stimmt und der muslimischen berlinischen usw. Kriminalität gewidmet ist, das da zu bieten:

    „Die Staatsanwaltschaft beobachtet mit außerordentlicher Sorge die insbeson­dere in den Kreisen junger, aber auch durchaus bürgerlicher Menschen ge­wachsene Akzeptanz von strafrecht­lich relevanten Verhaltensweisen be­stimmter Personenkreise gerade aus dem künstlerischen Bereich. Neben der justiziellen Unnachgiebigkeit bei Straf­taten bedarf es auch der gesellschaft­lichen Ächtung nicht hinnehmbaren gesetzeswidrigen Verhaltens.“

    Damit sind indirekt selbstredend ooch die Reppa angesprochen. Das deckt sich mit den Beobachtungen des Provinz-Pädagogen, den ich noch weiter oben mal erwähnte, und der resumierte: Heavy Metal Parties laufen in geordneten Bahnen, Rap Parties dagegen nicht.
    (Und nein: ich will damit nicht sagen, der RAP oder der Heavy-Metal sei jeweils die einzige Ursache. Eh kloa. E i n e Ursache für “ diverse Desolaridäde“ (Udo=Niedecken) aber schon).

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