Residenz in Ruinen – Esther Kinskys „Hain“

Müde bin ich angelangt,
In diese Bergeinsamkeit,
Umstarrt von nahen und fernen Felsen,
Vor mir die dunkle kleine Stadt,
Drüben am zackigen Gipfel
Hängend die Burg.
(Ludwig Tieck, Olevano)

Der Hain war im Altertum ein Ort, der dem Gotte geweiht war. Die Menschen brachten dort ihre Opfer dar, sie beteten, sie hielten inne. Geheiligter Wald, ein Ort der Stille. Solche Haine begleiten auch den neuen Roman Kinskys: mal als Bild fürs Gedenken, mal ganz real als Olivenhaine und solche von Steineichen, zunächst in Olevano, östlich von Rom gelegen, wo die Erzählerin einige Monate verweilt, um den Tod ihres Lebensgefährten M. irgendwie faßbar zu machen. Der Hain dient in diesem Falle nicht nur als Titel dieses Erinnerungsbuches, sondern er ist beim Spazieren auch ein Ort des Andenkens. Aber nicht nur die Olivenhaine prägen das Spazieren, sondern überhaupt Landschaften, Gelände im weitesten Sinne. Wie schon in ihrem Roman Am Fluß beobachtet und erwandert sich die Protagonistin ihr Terrain – diesmal in Italien, Abschreiten der Erinnerung, die Ort, wo sie mit M einmal war. Das Buch hat drei Teile, der erste spielt in Olevano, der zweite setzt zurück in die Kindheit, der dritte beschreibt eine Reise in die Po-Ebene, in die Lagunenlandschaft am Po-Delta: verlassene Welt aus Wasser und Vögeln. Ein Reisebuch auch, drei Skizzen – ausgeformt freilich in einer beobachteten Sprache. Die Beobachtung ist das Prinzip, nach dem Kinsky komponiert und das Gesehene dann ordnet und in der Schrift registriert.

Und genauso ist Hain ein Buch nicht nur des Erinnerns, sondern auch des stillen Schreitens durch reales Gelände, wie durch Erinnerungslandschaften, allerdings fokussierter als in ihrem ersten Roman: Hain ist ein Totenbuch, die Erzählerin gedenkt während eines Winteraufenthaltes in Olevano des toten Gefährten, immer wieder sucht sie den Friedhof des Ortes auf, wo allerdings nicht der Gefährte begraben liegt, sondern Menschen, die sie nicht kennt, die Erzählerin besucht das Grab einer Unbekannten, erkundigt sich nach ihr, sinniert über die Photographien auf den Grabsteinen. Im zweiten Teil schreibt dann vom Tod ihres Vaters. Skizzen aus einem Leben, das nun vorüber ist. Sätze als eine Wucht, wie der Tod plötzlich ins Leben dringt:

„Als wir meiner Großmutter die Nachricht vom Tod unseres Vaters brachten, stand sie am Fenster, als hätte sie nach uns Ausschau gehalten. Ich weiß ja doch, dass er tot ist, sagte sie, als wir eintraten, ich hatte einen Traum, in dem ich Schlittschuh lief, ich war ein junges Mädchen und sang, doch dann sah ich unter dem Eis sein Gesicht.“

Was für eine Prosa und welch ein Bild für diese schreckliche Botschaft an die Mutter: der Tod ihres Kindes, ihres erwachsenen, abgelebten Kindes. So richtet sich im zweiten Teil der Blick zurück auf den Vater und damit auch auf die Kindheit der Erzählerin: Das Leben  am Niederrhein, als das Kind mit den Eltern nach Italien reiste, ans Meer, nach Rom, seltsame Reisen, oft an unwirtliche Orte, die nicht wirklich schön zu nennen sind, oft ist der Vater abwesend, spaziert endlos, trinkt roten Wein oder schwimmt beim Badeurlaub in die Weite des Meeres hinaus, so daß Kinder, Mutter und Badegäste den Vater bereits für ertrunken halten. Angstszenen.

Der Vater forscht auf diesen Italienreisen nebenbei als Laienarchäologe, wandelt auf den Spuren der rätselhaft verschwundenen Etrusker, die zahlreiche Nekropolen hinterließen – auch hier wieder das Friedhofsmotiv. Oft ist der Vater verschlossen und still, manchmal aber erzählt er den Kindern phantastische Geschichten, etwa von der Malerei, dem Blau Fra Angelicos und vom kostbaren Lapislazuli-Stein. Was für ein Schicksal mag dieser Mann in sich tragen? Der Roman deutet allenfalls darauf, spricht aber nichts aus. Macht dabei aber ebensowenig einen Rummel ums Geheimnisvolle, sondern das Geheimnis des seltsamen Vaters erfahren wir Leser in einer ähnlichen Art und Weise, wie es dem Kind, als es noch ein Kind war, geheimnisumwoben erscheinen mußte, was da verborgen im Hintergrund wirkte. Der unaufdringliche Ton ist neben der poetisch-beschreibenden Sprache eine der Stärke des Buches. Nichts Lautes, kein Haschen nach Effekten.

Aber auch diese Reisegeschichten muten teils seltsam an: Die Szenen mit dem Vater lassen stellenweise den Eindruck entstehen, die Protagonistin sei lediglich mit ihrem Vater verreist – Mutter und Geschwister tauchen nur am Rande auf, sind in der Erzählung nur selten präsent im Strom der Assoziationen und Rückblenden in diese Kindheit, Ende der fünfziger, Mitte der sechziger Jahre. Aber es ist dieser Roman keineswegs ein Vater-Tochter-Buch. Die Erzählerin arbeitet nichts auf, sie beschreibt lediglich die Szenen, schildert, wie es mit jenem Menschen war und wie das Kind, das diese Erzählerin einmal gewesen ist, diese Urlaube in Italien erlebte.

So schweift das Buch in den Landschaften Italiens, deutscher Sehnsuchtsort, auch das spielt implizit in dieser Prosa eine Rolle. Im zweiten Teil gibt es einen Abstecher hin zum Niederrhein, dem Zuhause der Erzählerin. Auch diesen Ort der Kindheit fanden wir bereits in ihrem ersten Roman und so kann man annehmen, daß mit Hain und  Am Fluß doch eine neue Form des autobiographischen Schreibens gefunden werden soll. Aber ohne jeden aufdringlichen Zug des Authifizierens um jeden Preis: Das Wahrschreiben der eignen Vita wird nicht explizit thematisiert, sondern Kinsky dichtet und findet teils poetische Bilder fürs Sosein von (möglicherweise realen) Augenblicken, die mit Erinnerungen verwoben werden.  Gerade die lyrische Dichtung ist jene Kunst, die den Augenblick bannt. Insofern ist Kinksky Prosa zwar vom Stil dicht an der Lyrik ohne freilich ins Lyrische sich zu versteigen. Sie sucht in schöner, aber dezenter Sprache die Unorte auf, die keineswegs bloße Nicht-Orte sind, wie etwa im Sinne des Ethnologen Marc Augé, sondern oft das Brachland, an dem wir vorbeisehen, weil in ihm nichts Schönes ist. Kinksy schreibt Prosa-Miniaturen für einzelne Szenen, die doch in der Abfolge, mithin von der Struktur und der Kunstgattung her einen Roman bilden.

„Die Straßenkreuzungen mit den von Trampelpfaden durchzogenen Grünflächen, die Tankstellen, Geschäfte und Wohnhäuser an dem Geflecht von Ausfallstraßen, das in der Ferne sichtbare Ziegelgelände am Rande des Bahnhofsgeländes, das sicher einmal Frachtbahnhof gewesen war, erinnerte mich mit ihrer lässigen Geschäftigkeit, der flatternden Wäsche auf Balkonen, den lungernden jungen Männern an den Straßenecken und zwei untätigen Polizisten, die in die Ferne blickten, plötzlich an Italien in meiner Kindheit, an meine Kindheit überhaupt, an eine ungefähre, mit dem Licht, mit der Weite, mit der Ungewissheit der Richtung unbekannter Ausfallstraßen hinaus ins Land verbundene Hoffnung, die hier an die kleinen, sich in schmalen Zwischenräumen auftuenden Ausschnitte des Horizonts der Bassa Padana vor der Stadt geheftet war. Mitteleuropa ist voll von solchen Fracht- und Güterbahnhöfen, zerbröckelnden Malen vergangener Zeiten …“

Zwischen Gewerbegebiet, zerbröselndem Bahnhof, keine Landschaft mehr mit Naturschönem, sondern ein Gelände. Jeder, der in Städten eine längere Zeit spaziert, kennt solche ruinösen Orte, wo mit einem Mal wie Zeichen und Symbole Erinnerungen an eine Kindheit und eine vergangene Zeit aufblitzen. Landkarten, die bereist werden, eine Prosa der Korrespondenzen:

„Tagelang war ich in Ferrara den Wegen auf einer Landkarte der Fiktion gefolgt, hatte Fäden zwischen Ortsnamen, Himmelsrichtungen, Zitaten zu spinnen versucht, und erst jetzt, bei der Einsicht in die Vermischung des gelesenen Horchens auf die rangierten Züge mit meinen eigenen Erinnerungen, verstand ich nach all dem Wandern auf dem Stadtwall und durch die vom Corso Ercole I dʼEste abgehenden Straßen, dem Abschreiten der Via Arianuova und den im Kopf vorgenommenen Verortungsversuchen, dass der Ort in der Geschichte ein Gedenkort war, dessen Wege und Blickrichtungen anderen Regeln folgten als denen, die ich, als Fremde und Jahrzehnte später, verfolgen konnte. Es war ein Ort, der nur durch die Empfindung der Abwesenheit und das Gedenken an das Verlorene aufgesucht werden konnte und darin seine allen anderen betretbaren und betastbaren Orten Ferraras überlegene Wirklichkeit hatte.“

Geländeroman, so lautet die ungewöhnliche Bezeichnung des Buches im Untertitel. Und in der Tat wählte Kinsky diesen Titel gut. Denn vielfach sind die von ihr beschrittenen Gegenden keine Landschaften, sondern zersiedelte Unorte, die abgeschritten, beobachtet und dann beschrieben werden, was eben bedeutet Topographien zu liefern. Gelände, Räume, Bauten, Menschen als Einsprengsel, dazwischen bei Kinsky immer wieder die schwarzen Flüchtlinge mit ihren Habseligkeiten oder sie versuchen armselige Produkte zu verkaufen. Sie kommen, sie tauchen auf, sie verschwinden im Stadtraum. Städte, anonyme Menschen und Landschaften: Eine Mischung aus Gewerbe, die an den Randzonen der Stadt auslaufenden Häuser, Natur, oder solche Brachen, wo sich die Natur immer ein Stück mehr Raum greift. Gelände eben, auch in der Vorstadt Roms:

„Ein Stufenritual der Annäherung an die Stadt. Ringsum graues Niemandsland zwischen Autobahnzubringen und Industriebauten. Ausblicke in leere Gegend, die nicht Land noch Stadt war, unbevölkert, nur befahren und nicht besiedelt, zu geglättet und geebnet, um Boden für Mögliches zu werden, schon engen Zwecken zugewiesen, an denen jede versuchte Beschreibung verdorrte. Ein Land der Ausmerzung, eine neue Art der Entfremdung von Gegend, anders als das von Neubauten versehrte Außenseiterland bei Pasolini, noch enger, unkenntlicher, allen Namen enteignet.“

Bei Pasolini sind es die Borgate. Kinsky schreibt auf eine zarte Art Rückblicke, in denen eine Geschichte eingeholt werden soll.

„Ein Gelände, das in mir seine Spuren hinterließ, ohne dass von mir eine lesbare Spur blieb. Etwas an dem Verhältnis zwischen Sehen und Gesehenem, zwischen der Bedeutung des Sehens und der des Gesehenseins oder Gesehenwerdens als tröstlicher Bestätigung der Existenz erschien mir plötzlich als ein brennendes Rätsel, das sich jedem Namen entzog.“

Spazieren auch um zu vergessen und abzutauchen. Aber es ist in all dem, was Kinsky beschreibt, kein melancholischer Rilke-Ton von Abschied, der, heute geschrieben, nur noch kunstgewerblich wirken würde. Fast möchte ich diese Prosa als eine Art von dichterischer Phänomenologie bezeichnen. Die Protagonistin ist eine Sammlerin, sie hält fest und insofern ist es konsequent, daß sie auch Photographin ist. Photographien lassen uns die Augenblicke der Vergangenheit entziffern. Wir enträtseln. Oder eben auch nicht.

„Aufbrüche hatte ich gelernt. Beseitigen von Spuren, Verstauen von An- und Eingesammeltem, Anlegen eines nie zum Druck gelangenden Bildes von Innenräumen im Gedächtnis. Was sich schließlich in der Erinnerung behauptet, weiß man nie im Voraus, es entzieht sich jeder Absicht. Würde ich einmal hierher zurückkommen, würde alles anders sein als im Gedächtnis aufbewahrt, auch anders als von den entwickelten abgezogenen Fotografien abgelesen. Keine Fotografie ist ein Abbild. Ist der Rahmen einmal gewählt, bestimmt er die Grenzen einer Welt, die das Auge beim Betrachten des fertigen Bildes immer wieder neu deutet und deren Fortsetzung jenseits des Rahmens es immer wieder mit neuen Vorstellungen füllt.“

Esther Kinsky schreibt eine großartige, unprätentiöse Prosa, die der Leser zunächst auf sich wirken lassen muß. Eine Suche nach Sinn und nach Bedeutung. Das dem Roman vorangesellte Wittgenstein-Zitat weist da die Richtung. Aber genauso finden wir ein Erzählen als Gegenwart. Die Wörter müssen im Kopf sinken, sie tauchen, sie reifen, sie lagern sich dort ab, sie kehren wieder, und ich lese mir nach einiger Zeit diese Zeilen laut wieder vor. Wie Gedichte. Eine so stille und so eindringliche Prosa, die in wenigen Worten ein Bild assoziiert.

Nach all dem Tod und seinen Motiven, die das Buch umkreist, endet es auch mit solchen Szenen von Abschied. Einmal ganz real gehalten mit der Abreise der Erzählerin aus Italien: während der Bahnfahrt, als der Zug in Mailand hielt, kontrolliert die Grenzpolizei eine junge schwarze Migrantin und führt sie ab. Mit der Reise aus Italien heraus, in die Schweiz oder nach Deutschland wird es nichts, eine gescheiterte Hoffnung mehr. „…ein Kind, das die Augen schließt, um nicht gesehen zu werden. (…) Kein Weg aus Italien für sie, und kein Weg nach Hause.“ Und die letzte Szene mit dem Titel „Lamentatio“, in kursiver Schrift vom Rest des Romans abgesetzt, handelt von der Grablegung des Heiligen Franz von Assisi – von Fra Angelico, auf Pappelholz gemalt. Wir lesen eine Bildbeschreibung, eine Bilderkundung, wie Kinsky ansonsten auch die Gelände abschreitet. Und wieder ist da im Fra Angelico-Himmel dieses phantastische Blau, das den Bildbetrachter in sich hineinsaugt.

Esther Kinsky: Hain. Geländeroman, Suhrkamp 2018, 287 Seiten, ISBN 978-3-518-42789-7, EUR 24,00

4 Gedanken zu „Residenz in Ruinen – Esther Kinskys „Hain“

  1. Hier eine Miniatur, die erzählt, wie ich letzthin in den Besitz dieses Werkes kam:

    Angeregt von einer Besprechung machte ich mich auf, um ein Buch zu besorgen. Da ich Lust auf Bewegung hatte, schlug ich einen Umweg ein, der mich nach einer guten Stunde zur Bücherstube führte. Dort ging ich sogleich zum Tisch mit den Neuerscheinungen, nahm die bunten Umschläge in Augenschein, sah Namenszüge und Titel, die mir bekannt vorkamen, doch das gesuchte Buch war nicht zu finden. Ich fragte nach und der Buchhändler verschwand in einem Hinterzimmer. Wenig später kehrte er zurück und gab mir das Gewünschte mit der Bemerkung: „Ich schenke es Ihnen. Das ist nichts für mich, dazu bin ich zu ungeduldig. Kein Plot, nur Beschreibungen und Beobachtungen über Verlust, Tod und Trauer.“ Ich war beschämt und wollte es bezahlen. Er jedoch bestand darauf, es mir zu schenken, da es ohnehin ein Leseexemplar des Verlages sei. Bisher gäbe es keinerlei Nachfragen, trotz des erst kürzlich verliehenen prominenten Literaturpreises für die Autorin. Ich ließ ihn wissen, dass ich die Literatin schätze, gerade wegen ihrer luziden Sprache und der Vorliebe für melancholisch grundierte Natur- und Landschaftschilderungen, worauf der Buchhändler nochmals beteuerte: „Aber dann ist es doch gut so. Ich schenke es Ihnen, es bereitet Ihnen Freude und das wiederum macht mir Freude. Ohnehin hatte ich heute Morgen nach dem dritten gescheiterten Versuch, darin zu lesen, entschieden, es dem ersten Kunden, der danach fragt, zu überlassen. Und das sind Sie.“ Ich war erstaunt und sagte: „Das spricht ja nicht gerade für dieses Viertel“, worauf er antwortete: „Aber Sie, Sie halten doch die Fahne hoch, und das ist ein Anfang.“ Mit einem Lächeln bedankte ich mich, steckte das Geschenk ein und verließ den Laden. Bei einer Bank setzte ich mich, schlug das Buch auf, begann zu lesen, und von Zeile zu Zeile füllte mich ein Glücksgefühl aus, das es mir jetzt, hier beim Schreiben, leicht macht zu behaupten: Es gibt ihn, den Gott des günstigen Augenblicks, dessen Haarlocke ich bei diesem Gang ergriff, um passgenau an diesem und keinem anderen Ort zu landen.

    Demnächst komme ich dazu, es ganz zu lesen. Vielleicht ergibt sich dann ja noch die Gelegenheit, ein paar Gedanken zu formulieren. Die ersten Seiten jedenfalls, die ich noch auf jener Bank las, sind vielversprechend, und es haben sich schon die ersten Worte in mir eingehakt: Eintritt der Hinterbliebenenschaft, Birkenirrgäste, Blick durchs Stifter’sche Unterholz.
    So viel, so wenig fürs Erste.

    Gruß, Uwe

  2. Eine schöne Beobachtung und Skizze, die gut mit Esther Kinskys stillem Buch korrespondiert und ein freundlicher Buchhändler zudem. (Und in diesem Sinne ist es auch gut, daß Kinksy den Leipziger Buchpreis erhielt. Ein Statement für eine Literatur, die nicht nur pubertär-aufgeregt daherkommt und auf den Effekt schielt.) Ich bin gespannt darauf, was Du von dem Buch hältst und wie Du es einschätzt.

  3. Verspätet und eventuell zur Unzeit, da Du hier auf dem Blog ja gerade mal wieder eine Mehrfronten-Debatte zu führen hast (von der ich aber glaube, dass Du sowas magst, läufst Du doch dabei bisweilen zur Höchsform der polemischen und parodistischen Zuspitzung auf), verspätet also und vor allem, weil Deine so sensible Besprechung des Buches nicht ohne „Echo“ bleiben soll, hier ein paar lose Gedanken zu meiner Lektüre:

    – Zunächst einmal besticht die Sprache in ihrer unvergleichlichen Mischung aus Präzision und Geheimnis, Genauigkeit und Offenheit. Es ist, als ob man beim Lesen der Autorin dabei zusehen kann, wie durch das kalkulierte Anneinanderreihen von Worten Sinn entsteht, der das Dargestellte jedoch nicht festschreibt, sondern offen lässt für Anschlüsse. Die akribischen Beschreibungen der Gegenden, ob nun erinnerungsgesättigt oder rein aus dem Be-Gehen und Be-Sehen heraus, schafft Momentaufnahmen eines Gefühls, einer Atmosphäre, einer Stimmung, aber auch einer gegenwärtigen Situation oder eines erinnerten Ereignisses, die die zentralen Themen Verlust und Abwesenheit (Tod und Hinterbliebenenschaft) variieren.

    – Das führt mich zu der ungeheuren Dichte, mit der hier diese Themen motivisch ausgebreitet werden. Es ist eine Lust, zu bemerken, wie noch in der unverfänglichsten Beschreibung eines Gangs duch einen Ort die genannten Themen in jeder Zeile sozusagen „mitschwingen“. Überhaupt hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, wie musikalisch diese Prosa mit ihren Rhythmen, Motivverarbeitungen und Reprisen organisiert ist. Man könnte das ganze Buch als Thema mit Variationen beschreiben, wobei die kursiv gesetzten Kapitel am Anfang und Ende gleichsam als Pro- und Epilog das Thema vorgeben, nämlich das Schweben zwischen den Lebenden und den Toten, und die Abschnitte I und III dieses Thema dann anhand der zwei Italienreisen der Erzählerin duchführen. Der Abschnitt II fungiert innerhalb dieser Struktur als retardierendes Moment, in welchem das Thema anhand der Kindheitserinnerungen durchgespielt wird.

    – Wie Du verstehe die Kunst Kinskys vor allem in der „phänomenologischen Prosa“, mit der versucht wird, die eigene Geschichte in exemplarischen Augenblicken zu vergegenwärtigen. Hierbei wird das Gehen und Sehen, sozusagen das fortlaufende Leben und das festhaltende Schreiben zentral. Was mir dabei auffiel ist, wie das zögerliche und langsame Beschreiben von Rand- oder Zwischenzonen, aus dem sich dann Bedeutung und Sinnstiftung ergeben, doch auch dem Arbeitsprozess der analogen Fotografie ähnelt: Ist es dort das durch Worte behutsam hergestellte und mit Erinnerungen und Wissen angereichterte Sprachbild, so ist es hier das in mehreren Schritten langsam sich entwickelnde Foto. In beiden Fällen findet eine Bestätigung von vergangener Präsenz statt, ein Be-Zeugen dessen, was vorgefallen ist: der Versuch, etwas les- oder sichtbar zu machen und im Modus der Literatur les- und sichtbar zu (er-)halten, immer jedoch im Bewusstsein des Scheiterns, denn das Stück „Damals“ bleibt unwiderruflich verloren, weshalb das Buch ja auch aus kunstvoll arrangierten Prosa-Miniaturen besteht, ja letztlich eine Komposition aus Fragmenten mit einem eher offenen Ende ist.

    – Interessant in diesem Zusammenhang ist für mich, dass Kinsky in diesem Buch zwar ausgiebig über Fotografie und Fotos reflektiert, jedoch keines von den auf den Reisen gemachten Bilder reproduziert, ein Verfahren, was sie ja noch in „Am Fluss“ praktizierte. Warum also kommt die Fotografie sozusagen nur theoretisch reflektiert in diesem Buch vor, in dem es ja thematisch um nichts anderes als um Abwesenheit und Verlust geht? Sie schreibt über die „unsägliche Ferne“ der Grabbilder, ihrem „Ruf“ nach Erinnerung, über die „Zeugenschaft“ der Fotos, sie entziffert alte Familienfotos, liest den darin fastgehaltenen vergangenen Augenblick, bildet angesichts wiedergefundener Negative ganze Erinnerungsschleifen an das Abgebildete aus – aber keines der Fotos, die sie z. B. im italienischen Gelände durchaus machte, ist in dem Buch reproduziert: warum? Eine Frage, die mich umtreibt, obgleich sie müßig ist. Sie hat sich eben dagegen entschieden. Vielleicht, und das ist meine Mutmaßung, weil nur so der Versuch einer neuerlichen Selbstvergewisserung, die das Buch darstellt, als fluider Prozess wechselnder Zu- und Überschreibungen erhalten bleibt, denn nur unentwickelt bewahren Filmrollen ihr „zerbrechlichesw Geheimnis“, wie es an einer Steller heißt. Fotos hätten vielleicht ein Zuviel an Konkretion bedeutet, ein Zuviel an Verortung. Die Spur der Fäden, die die Erzählerin anhand von Bildern, Erinnerungen, Orten und Namen zieht, vergegenwärtigt sie im Medium der Sprache, um so die Möglichkeit der Deutung und des Entzifferns offener zu halten. Dies ist meine Spekulation.

    – Ansonsten bleibt mir unvergessen, wie alleingelassen Hinterbliebene sind, wie eingesperrt in einem Stillstand aller Bedeutung, und wie es die Erzählerin allmählich schafft, durch Gehen und Sehen, Erinnern und Lesen sich die „Möglichkeit einer Weite“ zu erschreiben, so dass sie schlussendlich wieder mehr unter Lebenden als unter Toten weilt: das „Bleiherz“ birst. Diese Entwicklung hat mich an Joan Didions „Das Jahr magischen Denkens“ erinnert, das in Stil und Inhalt ganz anders, aber im Resümee vergleichbar ist: „Man musste mit der Veränderung gehen.“

    – Und das Staunenswerteste war: wieviel Welthaltigkeit in einem Buch steckt, dass keinen ereignis- und figurenreichen Plot aufweist, sondern allein aus thematisch gebundenen Beschreibungen, Beobachtungen, Erinnerungen besteht.

    Liebe Grüße und nochmals Dank für die Initialzündung, die Deine Besprechung für mich darstellte,
    Uwe

  4. Danke für Deinen interessanten Lektüreeindruck. In der Tat merkt man an ihrer Sprache, daß Kinsky von der Lyrik herkommt und daß sie Übersetzerin ist. Präzise einerseits, anderseits umkreisend, suchend. Deinen Hinweis zur Musik finde ich interessant. Dieser Bezug ist mir so nicht aufgefallen, was vermutlich daran liegt, daß ich nicht von der Musik her komme. Die Frage, weshalb sie diesmal keine konkreten Photographien ins Buch einbaut, wie sie es in „Am Fluß“ tat und ebenso in dem Gedichtband „Naturschutzgebiet“, habe auch ich mir gestellt. Aber ich denke, in diesem Falle stand die Prosa fest für sich. Obwohl Photographien den Rätselcharakter oder genauer: das Changieren zwischen verschiedenen Ebenen vielleicht noch erhöht hätten. Gerade Photographie als ein Festhalten des Vergangen und der Verlust desselben hätten es angeboten, hier mit Bildern zu arbeiten. Andererseits steht in diesem Roman eben die Kraft dieser mal schreitend-suchenden, dann wieder phänomenologisch exakten Sprache im Vordergrund. Aber wie es so ist: Bücher sollen ja nicht alle Rätsel lösen, sondern sie stellen zugleich neue.

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