„Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“

„Von Christus selbst konnte man keine Reliquien haben, denn er war auferstanden: das Schweißtuch Christi, das Kreuz Christi, endlich das Grab Christi wurden die höchsten Reliquien. Aber im Grabe liegt wahrhaft der eigentliche Punkt der Umkehrung, im Grabe ist es, wo alle Eitelkeit des Sinnlichen untergeht. Am Heiligen Grabe vergeht alle Eitelkeit der Meinung, da wird es Ernst überhaupt. Im Negativen des Dieses, des Sinnlichen ist es, daß die Umkehrung geschieht und sich die Worte bewähren: ‚Du lässest nicht zu, daß Dein Heiliger verwese‘. Im Grabe sollte die Christenheit das Letzte ihrer Wahrheit nicht finden. An diesem Grabe ist der Christenheit [der Kreuzfahrer, Hinweis N.B.] noch einmal geantwortet worden, was den Jüngern, als sie dort den Leib des Herrn suchten: ‚Was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden‘. Das Prinzip eurer Religion habt ihr nicht im Sinnlichen, im Grabe bei den Toten zu suchen, sondern im lebendigen Geist bei euch selbst. Die ungeheure Idee der Verknüpfung des Endlichen und Unendlichen haben wir zum Geistlosen werden sehen, daß das Unendliche als Dieses in einem ganz vereinzelten äußerlichen Dinge gesucht worden ist.“ (Hegel, Philosophie der Geschichte)

Cranachaltar der Herderkirche in Weimar, Rückseite, Quelle: Wikipedia

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“

  1. Dieter Kief schreibt:

    „Das Prinzip eurer Religion habt ihr nicht im Sinnlichen, im Grabe bei den Toten zu suchen, sondern im lebendigen Geist bei euch selbst.“

    cf. ders. „Phänomenologie des Geistes“. Hegel ist das Christentum solange recht, wie er es sich zurechtlegen (=anverwandeln) darf. Und er durfte!

    Sehr schön auch die Passage in Ihrem Zitat, wo von der Nichtigkeit des Grabes die Rede ist.

    Auch sehr schön in diesem Zusammenhang: Das irgendwie begriffsstutzige und: – – Gleichwie liberal vernagelte Gespräch, das eine Interviewerin vom Deutschlandfunk oder von SWR – weiß nicht mehr genau, – letzte Woche mit dem absolut souveränen Martin Mosebach über sein IS-Video Buch „Die 21 / Reise ins Land der Koptischen Märtyrer“ führt.

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, auf dieses Mosebach-Buch bin auch ich sehr, sehr gespannt. Die Interviewerin ist in der Tat nicht so dolle. Aber wie es bei einem klugen Gast so ist: die Antworten gleichen die Fragen aus.

  3. che2001 schreibt:

    Das ist nun wirklich mal ein würdevolles Wort zum Osterfest, danke dafür und Chapeau!

  4. Bersarin schreibt:

    So ist es, che. Und diese Dinge sollte man bitte jenseits all der idiotischen (also privativen, authistischen) Phrasen von Traditionshasen, Tanzverboten etc. pp. angehen. Da genau, in dem was Hegel in schöner Sprache umschrieb, liegt die Stärke und damit eben auch das revolutionäre Moment des Christentums. (Dazu müßte man jetzt noch ein wenig Blochlektüre packen. „Thomas Münzer“und „Atheismus im Christentum“.

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