Esther Kinskys Grenzgänge – Ein Rezensionsessay mit Blick aufs Photographieren (1)

Esther Kinsky erhielt den Preis der Leipziger Buchmesse, was eine erfreuliche Nachricht ist, erfreulicher allemal als all der Alarmismus oder rechtsaußengängerische Landnehmer. Ich hatte vor einigen Jahren etwas über ihr Buch Am Fluß geschrieben und stelle diese Kritik nochmal hier ein – erheblich umgearbeitet allerdings. Es ist Am Fluß ein Buch übers Wahrnehmen, übers Photographieren und ein Dokument der persönlichen Geschichte. Autobiographisches Schreiben also, aber in einem Modus, der ein Ich erzeugt, daß dann doch wieder zur Literatur wird – trotz gegenfugiger Bestrebungen. Das Wahrschreiben ist das, was die Literatur (meist) bewegte und doch maskiert das Ich sich in dieser Form des Schreibens – selbst noch in der äußersten Wahrhaftigkeit.

Literatur stellt die alte Frage, wie man in der Wahrheit lügen kann. Aber Lügen ist eigentlich der falsche Begriff und einer Art (falsch verstandenem) Platonismus geschuldet, denn solche Kontexte setzen voraus, daß Literatur etwas nachahmt, statt eine Welt eigener Art zu schaffen. Dennoch tut Literatur so, als erzähle sie das, was ist. Nein, das ist ungenau gesagt: sie schreibt das, was war. Eine Geschichte, die lange oder noch nicht so ganz lang her ist, manchmal mit

„historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Vergangenheit vorzutragen.“ „[D]enn Geschichten müssen vergangen sein und je vergangener, könnte man sagen, desto besser für sie in ihrer Eigenschaft als Geschichten und für den Erzähler.“ (Thomas Mann, Der Zauberberg)

Jener raunende Beschwörer des Imperfekts, wie es Thomas Mann schrieb, der das in anderen und sehr viel finstereren Zeiten politisch dachte. Eine Zug hin aufs Subjekt, ein exemplarischer Fall, ein Bildungsroman ex negativo, in der herrschenden Form des bürgerlichen Bildungsromans vorgetragen. Aber immer wieder, seit 300 Jahren fast, bricht die Literatur mit dieser allgemeinen Tendenz, im Subjektiven exemplarisch das Allgemeine zum Vorschein zu bringen – bis in die Gegenwart hin. Wir können das an Curzio Malaparte biographischer Fiktion Die Haut oder noch radikaler in Kaputt wie in Max Frischs „Montauk“ nachlesen, einem Höhepunkt innerhalb der Literatur der Neuen Subjektivität der 70er Jahre. Literatur nicht als Exempel, sondern als Instanz der Wahrheit, ein Dokument, das sich seiner Fiktionalität entkleiden möchte.

„…, dieses Wochenende zu erzählen: autobiographisch, ja autobiographisch. Ohne Personnagenzu erfinden; ohne Ereignisse zu erfinden, die exemplarischer sind als seine Wirklichkeit; ohne auszuweichen in Erfindungen. Ohne seine Schriftstellerei zu rechtfertigen durch Verantwortung gegenüber der Gesellschaft; ohne Botschaft. Er hat keine und lebt trotzdem. Er möchte bloß erzählen (nicht ohne alle Rücksicht auf die Menschen, die er beim Namen nennt): sein Leben.“

„DIES IST EIN AUFRICHTIGES BUCH, LESER
und was verschweigt es und warum?“
(Max Frisch, Montauk)

Tücke des Wahrschreibens und des Erzählens und im Reigen all der Subjektbekenntnisse der eher belanglosen Art im Kontext von Literatur, zusammen mit Peter Handke, die spannende Form: Ganz von sich her zu schreiben. Nachmittag eines Schriftstellers und vom geglückten Augenblick. Davon freilich wird Esther Kinsky nur bedingt schreiben. Es ist, was sich bei ihr in der Literatur zeigt, eine andere Form des Glücks und des Glückens überhaupt. Das Glück des Beobachters nämlich, der sich und etwas ganz anderes noch dazu (er)findet.

Wir bräuchten einen Roman, der die Geschichten dieser gegenwärtigen spannenden Zeiten in Bildern ordnet. Ob dies von der Konstruktion her in der Weise geschehen kann, wie Kinsky das mit ihrer Vita von der ästhetischen Form aus löst, bleibt abzuwarten. Diese Einsprengsel von Geschichte können ja in ganz unterschiedlicher Art konstruiert werden.

***

Jeder Fluß ist eine Grenze, das war eine der Lehren der Kindheit.
Er bildet den Blick auf das Andere, zwingt zum Stehenbleiben,
zum In-Augenschein-Nehmen der gegenüberliegenden Seite.“
(Esther Kinsky, Am Fluß)

Ein Mann im Dämmer des Abends. Der spricht mit den Raben und kennt ihre Sprache. Um seinen Kopf schlingen sich seltsame Tücher. Parkgänge am Flußlauf, östlich von London. Wir wissen nicht viel von jenem erzählenden Ich, das da spaziert und betrachtet und den Rabenmann sich besieht – es ist vermutlich eine Frau, doch selbst das scheint anfangs nicht sicher, und am Ende des Buches sind wir, was das Leben dieser seltsamen Erzählerin anbelangt, nicht viel klüger als vordem – allenfalls Details und einzelne Szenen schälen sich heraus.

Was für eine Art von Erzählung ist das? Ein Buch für Spaziergänger, eine Art Selbstbefragung eine Phänomenologie der Ortschaften? Ein Bildungsroman im klassischen Sinne ist das Buch zumindest nicht, wenngleich es in der Zeitabfolge des Geschehens, von Herbst bis Ostern bzw. genauer bis zum Pessachfest, durchaus eine Entwicklung der Protagonistin gibt, doch ist das keine Story in Kontinuität, sondern eine Abfolge an Bildern. Darin schichtet sich Leben, sedimentieren sich Spuren, Zeichen, Reflexionsfetzen und Treibgut des Lebens. Es durchdringen sich die erwanderten Passagen am Flußlauf bei London – das Spazieren durch die Wohnviertel, oft heruntergekommen, und das Wandern durchs Gelände – zu Bildern, die einen spezifischen Bezug zu den beobachteten Dingen und damit wiederum in einer Rückkoppelung zur Erzählerin erzeugen.Über jenen River Lea heißt es:

„Der Fluß war Bewegung, Unordnung und Unberechenbarkeit in einer Welt, die nach Ordnung strebte. Auf seinem Rücken trug er ein fahrendes unvorstellbares Leben in Gestalt der Frachtkähne, die wir nie vor Anker gehen sahen, die pendelten zwischen weither und weithin. Kähne mit schwarzer Kohle, dumpfrotem Basalt, hellgrauem Schotter, bewegliche Hügel, die vorüberzogen. Die jährlichen Hochwasser unterspülten jede Ordnung.“

Und vom heimatlichen Rhein:

„Der Rhein zeigte sich als unheimlicher Kerl. (…)
Der Rhein war die erste und stets gegenwärtige Grenze, die ich erlebte. Er lehrte das Hier und Jetzt.“

„Gegen die unstete Eigenständigkeit des Flusses gab es die dünne Landschaft von Regelmäßigkeit und scheinbarer Lesbarkeit, an der ich mich als Kind übte, ohne sie zu verstehen. Da waren die königlich durchnumerierten Namen der schaukelnden Boote und ruhenden Fähren an den unsicheren Stegen, Roswitha, Monika, Michael I, II, III, Fahrpläne und Streckendiagramme, die neben der Fahrrinne in den Flußboden gerammten Schilder mit Symbolen, denen sich beliebiger Sinn zuschreiben ließ, die Wimpel und Fahnen am Heck der Kähne und Schiffe, die Zahlen- und Buchstabenkombinationen auf den Bootswänden, die gar nichts oder alles heißen konnten, die riesigen Stromkilometer, schwarz auf weißgestrichener Fläche, oder weiß auf schwarzem Gestein, die so taten, als könnte man fließendes Wasser der Länge nach messen und eine Ordnung der Dinge festlegen, der sich in Wirklichkeit doch alles entzog. Das Üben und Lernen an diesen Zahlen und Zeichen war ein Spiel, das vorüber war, als ich anfing, den Zusammenhang zwischen den Worten und Zeichen zu suchen. Als ich keine Geschichte zwischen ihnen fand, wurde ich ihrer müde und drehte dem Rhein den Rücken zu.“

Es streifen die Gedanken und Assoziationen in der Perspektive dieses erzählenden Ichs durch die Außenräume der Stadt- und Flußlandschaften, aber diese Landschaftsbilder stellen zugleich Innenräume dar, zumindest aber korrespondieren diese Landschaften mit den Innenwelten des Erzähler-Ichs. Dazwischen, in den Strom der Wahrnehmungen eingewoben, stehen als Einschübe Skizzen und Momente einer Biographie in Fragment-Skizzen, die das bisheriger Leben der Erzählerin prägten. Eine bis zum Zerreißen gespannte Konstellation, denn trotz des ruhigen und eher mäandernden Erzähltones scheint die Geschichte Explosives zu bergen. Aber im Erzählen, in den Rückblenden liegt all das, was war, wie wattiert da.

Jene Frau, wie sich im Kontext immer mehr herausschält, lebt für eine Zeit lang im Osten Londons in einem armen, von Migranten geprägten Viertel. Abseits. Sie hatte sich, wie es heißt, nach Jahren aus dem Leben, das sie in den Städten, an verschiedenen Orten führte,

„herausgeschnitten wie einen Schnipsel aus einem Landschafts- und Gruppenfoto. Betreten über den angerichteten Schaden an dem Bild, das ich hinterlassen hatte, und ungewiß, wohin es diesen herausgeschnittenen Teil verschlagen sollte, lebte ich provisorisch.“

In einem Quartier, wo die Erzählerin in der Nachbarschaft niemanden kannte. Das alles schmeckt nach Abschied und gewollter Ortlosigkeit: ihr Wohnen am ungastlichen Nicht-Ort, der für eine bestimmte Spanne Zeit freilich eine Quasi-Heimat abgibt. Wandern in den Landschaften zwischen Brache, Parks, Fluß und Stadt sind die Beschäftigung des Ichs. Diese Wege am Fluß sind teils heruntergekommen, das Treibgut des Flusses, Plastik und Dreck, hängen im Gestrüpp. Aber durch die unwirtlichen Landschaften zwischen Autobahnbrücken, Schnellstraßen, Zugtrassen und verwahrlosten Wegen zieht es das Ich auf seinen Spazierwegen magisch durch den Osten der Stadt – meist am Fluß entlang, dem River Lea, der das Zentrum des Buches bildet. Aber auch andere Flüsse und Flußlandschaften spielen dem Titel des Buches gemäß, eine Rolle – etwa der Niederrhein, die Heimat der Erzählerin, allesamt Erinnerungsorte, begehbar im Rückblick und in der Prosa.

„Meine Spaziergänge am River Lea waren langsam und planlos. Ich schaute und horchte und suchte Erinnerungen. Ich machte Bilder und blätterte Schicht um Schicht von Erinnerung auf. Zuoberst lagen die ältesten Erinnerungen. Ich sah mich selbst durch London gehen, in den ersten Monaten meiner Zeit hier, als ich auf das neue Land lauschte. Es summte und dröhnte ringsum, über den spitzen Schornsteinhüten zogen morgens und abends bläuliche Vögel einen einzigen immer gleichen Kreis und verschwanden wieder. Die Nacht kratzte an den dünnen sirrenden Fensterscheiben, Stimmen fielen durch den schmalen Schlot in den Aschenkorb des Kamins, und zwischen zwei dunklen Mauerklötzen fuhren am Abend erleuchtete Züge quer über den Himmel.“

Am Fluß ist eine Prozession der (Selbst)Findung und in diesem Sinne auch eine Form des Confessio. Das Spazieren dient dem Erinnern, und das Wohnen wirkt wie eine Bußübung. In diese Einsamkeit des fast monadisch verschlossenen und doch aufmerksam registrierenden Ichs bricht sich immer wieder die Dingwelt Bahn und Kinsky vermag diesen Zustand in ganz unspektakulären Bildern einzufangen. In deren Leichtigkeit zugleich eine große Trauer liegt und so etwas wie Unwiederbringlichkeit. Denn alles ist flüchtig und fließt – das zumindest ist eine der Botschaften dieses Buches. Das Provisorium als eine Form von Flucht. Nichts bleibt, und auch die Grenzen verschieben sich.

(Teil 2 hier)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Buchkritik abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s