Der Spaziergänger von der Kastanienallee – Daydream Nation

Aus dem alten Plattenspieler drang hart die Musik, ich dachte, diesen hämmernden Rhythmus des Synthesizers kennst du. Von früher, von irgendwoher, von damals. Auf der Tanzfläche oder in der Bar. Passend, DAF, Verschwende deine Jugend. Die ist vorbei. Es wurde gelebt. Es ist Flohmarkt auf dem schönen Arkonaplatz, der Name Kap Arkona erinnert an die Ferne, weit, weit hinaus aus der alten DDR, von der Küste Rügens abstoßen. Über die Ostsee führe das Schiff, aber nicht hinüber nach Schweden glitte es, sondern weiter in südliche Gefilde, ins Mittelmeer segelte das Boot – nach Syracrus. Als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal die Kastanienallee im Prenzlauer Berg entlangging, war dies eine andere Welt. Ich erinnere mich kaum noch, ich habe damals auch nicht mehr photographiert, hatte jede Lust am Photographieren verloren. Die ersten Digitalkameras kamen Ende der 90er auf den Markt, aber sie taugten in der Regel nichts, die Bilder hatten kaum Tiefe, von der Auflösung ganz zu schweigen. Also blieb ich bei der analogen schwarz/weiß-Photographie und bei meiner Nikon F3, die einzige Alternative wäre eine D1 gewesen. Aber zu dem Zeitpunkt noch viel zu teuer und nicht ausgereift. Und wie es bei Elektroprodukten ist: Es kommt nach ein paar Jahren meist besseres. Also blieb ich bei der Nikon F3 und bei schwarz/weiß. Doch zum Entwickeln hatte ich kaum mehr Zeit, all die Filme, und die Bilder in der dunklen Kammer abzuziehen. Was ich damals sah, war das alte Ostberlin noch, zumindest der letzte Hauch, die letzten Ausläufer davon. Es gibt an der Kastanienallee inzwischen vitaminreiche vietnamesische Kost, es gibt indisches Essen mit Currysoßen, wie man sie vermutlich in Indien niemals essen würde.

Im Mauerpark kontrollieren sie einen Schwarzen, der wehrt sich, die Beamten ruckeln an seinem knallroten Fahrrad, der Mann wehrt sich heftiger, er wird verhaften, es kommen weitere Polizeiwagen heran. Aus der Nähe dringt der Rhythmus eines Synthesizers und eine Männerstimme singt dazu, während ein anderer Mann Schlagzeug spielt. Auf dem Hang zum Stadion sitzen junge Frauen und Männer mit Kaltgetränken oder einem tragbaren Kaffeebecher. Sie schauen, so wie ich schaue. Manche schlendern, andere stehen, plaudern, ein Mann zieht seine Kinder beiseite: „Kommt schaut da nicht hin, das ist nicht schön!“

In der Kastanienalle ein großes Treiben, Frühstückszeit. Heute kommen mir auf den Straßen junge Frauen entgegen, alle in ihrer Art der Typ Ronja von Rönne, elegant, aber nicht zu teuer gekleidet, ausgeprägte wuschige Augenbrauen, ich schaue bei Frauen immer auf die Augenbrauchen, viele der Frauen riechen nach Parfum. Ihr Parfum duftet gut. Sie sehen wie Modelle aus. Ich stelle mir vor, daß sie dieses Parfum auch auf ihren intimen Stellen aufgetragen haben. Meine Jugend kann ich nicht mehr verschwenden. Ich bin ein Beobachter, der das mit interesselosem Wohlgefallen oder Mißgefallen – je nachdem – sich betrachtet. Ich spaziere, ich schaue den Frauen ins Gesicht, manchmal drehe ich mich um, gehe interessanten Frauen nach, um zu sehen, wohin es die beiden Freundinnen treibt, oder ein Mann und eine Frau, Arm in Arm, noch nicht die leichte Sommerkleidung, heute, aber auch nicht mehr der dicke Winterflausch. Ich betrachte sie mir von hinten, schaue auf ihre Formen, blicke auf die Häuserfassaden der Oderberger Straße. Der Prenzlauer Berg ist pastellfarben geworden.

3 Gedanken zu „Der Spaziergänger von der Kastanienallee – Daydream Nation

  1. Mehr Saum als Seume, und doch:
    die Auswahl nach eigenem „Gutdünken“ hast Du mit dem großen Spazierer gemein, die Freiheit, zu entscheiden, was des Sehens würdig ist, inklusive des Mutes zur Lücke.
    Und was gibst Du uns zu sehen? Vor allem: Botschaften, eine Fassaden-Welt voller Slogans aus Nötigungen, Versprechungen, Befehlen, Werbungen, eine Überfülle an Markierungen und Überschreibungen, die sich wechselseitig aufheben oder widersprechen oder ergänzen, aber auf jeden Fall: überbieten wollen. Wer das alles ernsthaft lesen würde, überstünde diesen Clash der Appelle wohl nicht mit heilem Verstand, zumindest würde deren Gleich-Gültigkeit jedewede Sinnproduktion lähmen. Kaum eine Fläche, die nicht mit Zeichen oder Bildern uns auffordert: Schaut her! Ein Kampf um Aufmerksamkeit, um Anerkennung, um Reviere, um Deutungshoheit. Eine in ihrer schieren Menge absurd anmutende symbolische Annexion urbaner Oberflächen, die mir wie eine Art Tätowierung vorkommt, die auch Besitzansprüche sichtbar werden lässt. Ein weites Feld für Forschungen, so wie es etwa Jean Baudrillard in seinem „Kool Killer“ für die Graffiti-Szene in den 70er Jahren unternommen hat.

    Gruß, Uwe

  2. Die Fotos dokumentieren die Uniformität der Großstädte. Ich fahre zur nächst gelegenen, das reicht, muss nicht nach Berlin.

  3. Lieber Uwe, der Verweis auf Baudrillards Aufsatz ist sehr schön und das müßte man nochmal mit dem Medium Photographie zusammenlesen. Deine Beobachtungen bringen es auf den Punkt.

    In der Tat habe ich bei diesem Spaziergang eher frei und assoziativ reagiert, weniger dokumentierend. Bzw.: Rein subjektiv dokumentierend, ablichtend das, was mir in die Augen stach.

    Bei diesem Hauseingang zu den Hinterhöfen in der Kastanienallee wußte ich eigentlich gar nicht mehr, ob ich in einem Museum bn, einer Art Disney Land vom alten Berlin der frühen 90er oder ob das noch ein letztes Residuum in dieser Straße ist. Die Veränderungen dort waren in der Tat massiv.

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