Von einem unheimlichen und sehnsüchtigen Gefühl: Heimat

„So sind mir die langen und fernen Fichtelgebirge lieber als die nahen Tyrolerberge bei München; nur jene lassen meine Phantasie über die Berge und hinter die Berge ziehen und in der Nebelwelt auf ihrem Nebelrücken eine neue Morgenwelt aufbauen.“ (Jean Paul)

Manche möchten den Begriff Heimat gerne per Proklamation aus den Diskursen streichen. Eine seltsame Gefahr scheint von dem Wort auszugehen. So letztens wieder einmal Daniel Schreiber in einem Artikel bei Zeit-Online. Davon ab, daß solches Tilgen per ordre du journalista kaum funktioniert, weil sich ohne Angabe von guten Gründen niemand gerne vorschreiben läßt, wie er oder sie zu sprechen habe, werden auch aus tiefer sitzenden Zonen heraus die meisten Bewohner einer Region sich das Wort Heimat kaum nehmen lassen und auf solche merkwürdigen Forderungen wie sie Daniel Schreiber und andere hegen, eher mit Argwohn reagieren:

„Wir sollten das Wort dem rechten Rand überlassen.“

Das könnte in der Tat passieren. Aber ein wenig anders, als Daniel Schreiber dies sich vorstellt – und ich fürchte, das Resultat wird nicht in seinem Sinne ausfallen. Insofern wäre es besser, dieses Wort gerade nicht jenen Unverbesserlichen zu überlassen. Dialektiker wie Adorno und Bloch wußten das. Ebenso Brecht.

Ein gehöriger Teil der Probleme, die manche Linken haben, die Leute zu mobilisieren, beruht genau darauf, daß sie diesen Begriff Heimat nie hinreichend in der Reflexion durchdrungen und ihn den rechtsnationalen Kräften nicht entrissen haben. Proletarischer Internationalismus, wie er einst gehegt wurde, und die Liebe zum Eigenen schließen sich nicht kategorisch aus.(An den freien Gebrauch des Eigenen bei Hölderin sei ebenfalls erinnert.) Ein Funke davon, was Heimat sein könnte, keimte anfangs bei Teilen der Grünen bzw. bei den ersten Umweltbewegungen auf, die aus ökologischen Gründen ihre Region zu schützen gedachten. Daß dies gerade nicht in einem völkischen Sinne geschehen müßte, wie beim ökologischen Urgestein Baldur Springmann, zeigte die sozialen Proteste seit den 70er Jahren im Badischen, im Kaiserstuhl und im Elsaß, als über nationale Grenzen hinweg gegen das AKW Whyll und Fessenheim sowie gegen das Chemiewerk in Marckolsheim demonstriert wurde: die angeblichen Erbfeinde Franzosen und Deutsche vereint und über den alten deutschen Vater Rheine hinweg gemeinsam, um ihrer Heimat, um ihrer Region willen. Wer je vom guten Kaiserstuhlwein oder vom Elsäßer Riesling trank, selbst wenn er, wie ich ein arges Nordlicht ist, mag ahnen, weshalb viele Menschen derart heftig protestierten.

Ja, Heimat hat in diesem Falle auch etwas mit Gefühlen zu tun – mit dem Bewahren einer Region, vielleicht auch mit dem Beschwören derselben. Wer aus dem Norden ist, wird bei der Lektüre von Theodor Storms „Schimmelreiter“, von der „Regentrude“ oder bei Lenzens „Deutschstunde“ schnell in inneren Bildern diese wunderbare Region Nordfrieslands vor Augen haben, wird sich auch an Eiderstedt und Dithmarschen erinnern und es reicht diese innere Reise bis nach Hamburg und in den Kreis Storman: Wälder, Felder, Knicks. Jean Paul schrieb es für seine Region auf – das war das Fichtelgebirge. „Siebenkäs“ ist nicht nur ein Buch über eine Ehe, über Doppelgänger, über Armut und Liebe, über Literatur und das Schreiben von Geschichten, sondern genauso preist es die Schönheit des Fichtelgebirges. Heimat eben. Und wer es mag, eignet sich diese literarischen Landschaften an. Es gibt neben der realen Heimat, die mit der Herkunft zu tun hat, ebenso eine imaginierte. Der Heimatbegriff ist vielfältig und diese Vielfalt gilt es entgegen dem linken Ressentiment herauszuschlagen.

Solche Vermittlung versuchte Adorno und gab dem Begriff Heimat einen philosophischen wie ästhetischen Drive, um ihn aus der nationalen Mottenkiste zu befreien, gleichsam eine dialektische Rettung dessen zu betreiben, was Heimat genauso bedeutet – jenseits des nationalen Narrativs. In diesem Adornoschen Kontext ist Heimat als ein Reich der Imaginationen zu verstehen, die unweigerlich damit verbunden sind. Denn was wäre eine Welt ohne Phantasien? Die Frage ist eben nur, wie wir sie aufgeladen und ob sie regressiven Ursprungs sind oder ob sie die Einbildungskraft beflügeln und so erst Naturschönes, Landschaft, Architektur und regionale Eigenart fürs Subjekt anschaulich wird. Insbesondere in seinem Exil in den USA konnte Adorno überleben und es aushalten, weil da die Imago eines Zustandes vorherrschte, der für Adorno Glücksversprechen bedeutete. Kindheit, Ferien in Amorbach im Odenwald, der nahe Taunus. „In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden“, notierte Adorno in den „Minima Moralia“. Heimat ist ein Gefühl, aber eben nicht nur. Über den Geist der Zeit jener 50er Jahre schrieb Adorno:

„Die anspruchsvollste Verteidigung von Kulturindustrie heute feiert ihren Geist, den man getrost Ideologie nennen darf, als Ordnungsfaktor. Sie gebe den Menschen in einer angeblich chaotischen Welt etwas wie Maßstäbe zur Orientierung, und das allein schon sei billigenswert. Was sie jedoch von der Kulturindustrie bewahrt wähnen, wird von ihr desto gründlicher zerstört. Das gemütliche alte Wirtshaus demoliert der Farbfilm mehr, als Bomben es vermochten: er rottet noch seine imago aus. Keine Heimat überlebt ihre Aufbereitung in den Filmen, die sie feiern, und alles Unverwechselbare, wovon sie zehren, zum Verwechseln gleichmachen.“ (Th. W. Adorno, Résumé  über Kulturindustrie)

Nicht nur nennt Adorno die Mechanismen von Kulturindustrie, die spezifische Differenz einzuebnen oder sie allenfalls in seriell produzierte Seltsamkeit des Trachtenkostüms als Relikt erscheinen zu lassen. Das gilt ebenso wie bei den Banausen der AfD oder der NPD mit ihrem sentimentalen Kitsch. Der Begriff „Heimat“ ist semantisch offen und komplex, dies zeigen eine Reihe Texte von Adorno – auch der „Über Tradition“. Wenn man freilich nur das Nationale hineindefiniert, schaut eben nur das Nationale heraus: Bei Rechten nicht anders als bei manchen kulturalistischen Linken. Keineswegs ist „Heimat“ auf den Nationalismus festgelegt ist. Ernst Bloch, des Rechtsradikalismus vermutlich unverdächtig, ließ sein „Prinzip Hoffnung“ wie folgt enden:

„…, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

In bezug auf Homers Odyssee schrieb Adorno:

„Daß der Begriff der Heimat dem Mythos entgegensteht, den die Faschisten zur Heimat umlügen möchten, darin ist die innerste Paradoxie der Epopöe beschlossen. Es schlägt sich darin die Erinnerung an Geschichte nieder, welche Seßhaftigkeit, die Voraussetzung aller Heimat, aufs nomadische Zeitalter folgen ließ.“ (Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung)

Und in der Odyssee heißt es:

„Denn nichts ist doch süßer als unsere Heimat und Eltern.“

Nun kann Literatur zwar viel behaupten, aber Herkunft und damit auch Heimat haben in der Tat auch etwas mit der Geschichte zu tun, mit der eigenen Geschichte. Unabhängig wie in den individuellen Erfahrungen jene Kindheit und jene Zonen, in denen wir aufwuchsen, aufgeladen sind. Das kann in schrecklichsten Bildern geschehen sein oder in solchen eher romantisierenden, glücklichen Szenen, wie sie Adorno berichtete – Glück als Freiheit und im Reich von Phantasie:

„Zwischen Ottorfszell und Ernsttal verlief die bayerische und badische Grenze. Sie war an der Landstraße durch Pfähle markiert, die stattliche Wappen trugen und in den Landesfarben spiralig bemalt waren, weiß- blau der eine, der andere, wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, rot-gelb. Reichlicher Zwischenraum zwischen beiden. Darin hielt ich mit Vorliebe mich auf, unter dem Vorwand, an den ich keineswegs glaubte, jener Raum gehöre keinem der beiden Staaten, sei frei, und ich könne dort nach Belieben die eigene Herrschaft errichten. Mit der war es mir nicht ernst, mein Vergnügen darum aber nicht geringer. In Wahrheit galt es wohl den bunten Landesfarben, deren Beschränkendem ich zugleich mich entronnen fühlte. Ähnlich empfand ich auf Ausstellungen wie der ‚Ila‘ im Anblick der zahllosen Wimpel, die da einverstanden nebeneinander flatterten. Das Gefühl der Internationale lag mir von Haus aus nahe, auch durch den Gästekreis meiner Eltern, mit Namen wie Firino und Sidney Clifton Hall. Jene Internationale war kein Einheitsstaat. Ihr Friede versprach sich durch das festliche Ensemble von Verschiedenem, farbig gleich den Flaggen und den unschuldigen Grenzpfählen, die, wie ich staunend entdeckte, so gar keinen Wechsel der Landschaft bewirkten. Das Land aber, das sie umschlossen und das ich, spielend mit mir selbst, okkupierte, war ein Niemandsland. Später, im Krieg, tauchte das Wort auf für den verwüsteten Raum vor den beiden Fronten. Es ist aber die getreue Übersetzung des griechischen – Aristophanischen -, das ich damals desto besser verstand, je weniger ich es kannte, Utopie.“ (Th. W. Adorno, Amorbach, in: Ohne Leitbild. Parva Aesthetica)

Bezeichnend auch, daß der Text in einem Band mit dem Titel „Ohne Leitbild“ erschien. Man kann Heimat beschwören, ohne ins Nationale und nach Rechtsaußen  zu driften und man muß dazu ebensowenig auf ein Rittergut in Schnellroda ziehen – freilich: Wer will, kann eben auch das machen.

Der Begriff „Zuhause“ den Daniel Schreiber als Alternative zur Heimat vorschlägt, ist fauler Budenzauber. Nicht nur, daß er den Beiklang von Ikea-Werbung trägt, sondern diese Umpolung ist durchschaubar. Denken läßt sich nicht ändern, wenn man im Neusprech andere Begriffe bildet, sondern es kommt drauf an, was unter einem Begriff befaßt wird. Kaum jemand wird mitvollziehen, weshalb er statt Heimat Zuhause sagen sollte – vom Klang des Wortes Heimat und seinen Bedeutungen, die sich so oder ganz anders poetisch aufladen lassen, ganz zu schweigen. Denn Zuhause ist genau da, wo meine Wohnung ist: die ist aber mitnichten meine Heimat – sofern einer auszog und sich örtlich veränderte. Wer also sagt, „Hier ist mein Zuhause“, sagt, daß er hier wohnt; wer sagt, Hamburg ist meine Heimat, der sagt etwas ganz anderes, was sich nicht in anderen Worten als diesen sagen läßt. Dies sollte man sich trotz NPD-Plakaten nicht verbiegen lassen. Und die meisten tun es zum Glück nicht.

Ansonsten hätte in solchem Neusprech übrigens ein so schönes Wort wie „Heimweh“ keinen Sinn mehr. Heimweh meint mehr als nur nationalen Pathos, es meint sicherlich nicht nur den Ort der eigenen Herkunft, sondern kann zugleich eine literarische oder eine innere Landschaft benennent. Und doch hat es auch etwas mit unserer Imagination zu tun, wie wir auf jene Orte denken, von denen her wir stammen, und uns an sie erinnern. Bloch wußte dies und baute sein „Prinzip Hoffnung“ auf diesem Topos. Heimat und U-topie sind verschwistert oder zumindest stehen sie in einem Kontext. Man mag ihn dialektisch nennen und womöglich ist er mit Figur der Aufhebung verknüpft.

Nationen können keine Heimat sein (oder sie sind es nur bedingt), sondern lediglich Regionen mit ihrer besonderen Sprache, mit ihrem Dialekt, der Landschaft, den Menschen und der Architektur. Selbst dort, wo diese veränderlich sind. Manchen mag es von der Heimat forttreiben, weil sie enttäuschte, weil es arg war oder weil sie langweilte. Mancher andere lernt später die Langeweile des Heimatortes wieder zu schätzen. Das alles sind subjektive Konstellationen, die teils zufällig scheinen. Manchmal sucht man sich eine neue Heimat, entdeckt im Anderen altes oder im Neuen fesselnderes. In diesem Sinne ist der Heimatbegriff eine offene Sache. Oft aber kann und mag man von dem Ort, wo man herstammmt, nicht lassen. So wie der wunderbare Jean Paul es vielfach beschrieb und wie er seine Region rühmte.

Gerade weil Heimat immer auch etwas mit Gefühlen und mit unserer Phantasie zu tun hat, läßt sich dieser Begriff nicht per Dekret oder per ordre du journalista einfach austreiben. Leute, die heute in Paris, morgen in London und übermorgen in Tokio und Madrid ihre Zeit verbringen, mögen per Jetlag oder aus anderen Gründen Schwierigkeiten mit diesem Begriff haben – Heimat ist semantisch ein offener Begriff. Dabei jedoch wird leicht vergessen, daß eben die wenigsten Menschen in dieser Weise in dieser Welt leben. Das mag kein Maßstab sein, prägt aber doch den Inhalt von Begriffen. Das Heikle, das auch in solchen Begriffen liegen mag, ist immer mitzudenken, aber es läßt sich doch deren Gehalt nicht einfach eskamotieren. Diesen dialektischen Zusammenhang wußte Adorno.

„Real verlorene Tradition ist nicht ästhetisch zu surrogieren. Eben das tut die bürgerliche Gesellschaft. Auch die Gründe dafür sind real. Je weniger ihr Prinzip duldet, was ihm nicht gleicht, desto eifriger beruft es sich auf Tradition und zitiert, was dann, von außen, als »Wert« erscheint. Dazu ist die bürgerliche Gesellschaft gezwungen.“ (Th. W. Adorno, Über Tradition, in: Ohne Leitbild)