Im Dickicht junger Männerblüte – Simon Strauß „Sieben Nächte“

Nicht aus Nichtachtsamkeit, nicht aus Gleichgültigkeit, nicht aus nicht-dionysischem Interesse oder Antitaumel heraus habe ich Simons Strauß‘ Buch Sieben Nächte nicht gelesen, als es letztes Jahr im Sommer erschien, sondern schlicht wegen der Flut von Literatur. Nun also, alles auf Anfang und zu Anfang des Jahres doch gegriffen, weil es im deutschen Debattenwald dräut und brodelt – das reicht hin bis zu aberwitzigen Unterstellungen in Form von Ustascha-Journalismus bei Belehrungstaz. Ich wiederhole das nicht, weil es ja das Ziel solcher Schreiber ist, daß sich der Virus verbreitet und das Klima durchseucht. Der rhetorische Trick, mit dem hier gearbeitet wird, ist, daß sie auf die Wiederholung setzen. Und irgendwas wird schon hängenbleiben.

Die nicht mehr ganz so junge Jugend, kurz vor der 30, bittere, wie schöne und hungrige Zeit mit Selbstzweifel, Hybris, Pathos sowie Hin-und-Her. Christiane Rösinger (ehemals Lassie Singerin) sang es in ihrem Lied Joy of Ageing: „Ist das nur ʼne Stimmungsschwankung oder die alte Grunderkrankung?“ Und so kann man auch die Problemlage eines jungen Mannes beschreiben, der an einer Grenze hockt: Nämlich der zwischen den letzten Zuckungen des süßen Vogels Jugend, jene „wunderbaren Jahre“ (Capote, Kunze, Strauß) der Studienzeit, das wilde Leben, ungebremst, und dem Weg in die Existenz des Angestellten, der wehmütig an seine Lektüre- und Lebenszeit zurückdenkt, als er mit kritischem Gestus sich auf all die Texte kaprizierte. Vielleicht sogar halbironisch Kracauers Studie Die Angestellten las. Doch mit der Ironie und deren uneigentlichem Leben der unendlichen Distanznahme soll es nun vorbei sein – das zumindest legt Simon Strauß‘ Sieben Nächte – scheinbar – nahe. Beim zweiten Blick sieht es anders aus, und es fragt sich der Rezensent, ob nicht der Ironieverzicht hier die höchste Form der Ironie ist, gleichsam ein Verhältnis von Anspruch und Abbruch, von Darstellung und deren immanenter Karikatur des Dargestellen. Dazu später mehr.

Neu ist das Jugend-Ding nicht, jede Generation trägt es auf ihre Weise aus, vom Leid des jungen Werther bis Salingers Holden Caulfield, zu Plenzdorfs Edgar Wibeau oder Michael Chabons Art Bechstein in seinem Debüt Die Geheimnisse von Pittsburgh: ein junger Mann, der die Stadt auf den Kopf stellen will, bevor er ein verantwortungsbewußter Erwachsener wird. Oder eben Krachts Faserland-Reisender.

Der namenlose Protagonist in Sieben Nächte steht auf dieser Grenze und er schließt mit einem Unbekannten, der so gut Teufel wie Verleger oder Lektor sein kann, einen Pakt ab:

„Denn ich habe ein Angebot bekommen. Einer, den ich kaum kannte, dem ich vor kurzem begegnet bin, hat mit mir einen Pakt geschlossen. (…) Immer um sieben Uhr abends würde er sich melden und mich auf einen Streifzug schicken durch die Stadt. Immer würde ich einer Sünde begegnen, einer der sieben Todsünden. (…) Eine Nacht lang hätte ich Zeit nach dem Sturm zu suchen, ihn selbst zu entfachen. Aber wenn der Morgen graute, müsste ich geschrieben haben.“

Soweit das Setting – freilich eines, bei dem man nicht genau weiß, welchem Genre dieser Text angehört. Ein wesentlicher Aspekt ist das: Über die Gattung dieses Textes nämlich sollte man nachdenken, weil das auch für die Form des Schreibens, wie auch im ästhetischen Urteil über den Stil des Buches entscheidend ist. Handelt es sich um eine Erzählung, eine Novelle, einen Essay oder ist der Text gar ein Manifest, von dem das Buch selbst dann auch an einer Stelle spricht? Ein literarisch aufgeladenes Manifest? Das bleibt offen. Poetisiert da einer oder schildert er in der mal kalter, mal heißer Prosa des Essays? Vom Schreibauftrag her erinnert das Buch an eine neue Art des Jetzt-Schreibens, wie wir es bei Tillmann Rammstedts Roman Morgen mehr finden, nur daß hier dieser Prozeß halbironisch aufgegriffen wird.

Von der Tonlage und vom Stil her finden wir in diesem Manifest ein Aufbegehren, den Zorn gegen Zeit und Gegenwart, ein hohes Maß an thymotischer Energie. Wut ist eine Kraft – selig denken wir an Thomas Bernhard, Werner Schwab und den frühen Goetz:

„Deshalb diese Nacht, deshalb dieses Schreiben. Der einzige Kampf, der jetzt noch lohnt, ist der ums Gefühl. Die einzige Sehnsucht, die trägt, ist die nach dem schlagenden Herzen. Zu viel Gelände ist verloren gegangen an den Zynismus, der seine kalten Finger um alles legt. Der noch die letzte Kerze ausbläst, die letzte Fluchttür verriegelt, den letzten Vorhang herunterreißt.“

„In den staubigen Archiven der Vernunft haben wir zu oft vergeblich nach Antworten gesucht auf Fragen, die nur auf offenem Deck, unter freiem Himmel gelöst werden können. Dass es auch ein Versteck gibt, in dem ein Geheimnis wohnt …“

Dieses Begehren, die Sehnsucht nach Versteck und Geheimnis ist das Recht der Jugend, wobei die Rebellion, von der der Protagonist dieser Szenen schreibt, bereits im Akt dieser Konstruktionen eine Simulation ist. Das weiß der Autor, damit spielt der Autor. „… das Gefühl zu spät gekommen zu sein …“ „etwas herauszuschlagen aus dieser Stimmung“. Als der Tag mit einer Schußwunde begann, so wird der wilde Dandy-Hippie Wondratschek anzitiert: Strauß rekurriert bewußt auf die Rebellion der 68er, ohne ihren Gestus der Provokation eins zu eins nachzufahren. It’s another journey now. Unsere Jugend ist Pop, Pop der Post-Ära, und in genau diesem Ton ist das Buch abgefaßt, den Pop einerseits aufgreifend – manche Zeile in dem Buch klingt wie ein Tocotronic-Stück –, andererseits karikierend. Das ist eine neue Form von Kulturkritik, nicht der Ton mehr der alten kritischen Theorie – wir erinnern uns an Paare Passanten: „Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer; aber es muß sein: ohne sie!“ Kritik darf und muß mal Neues wagen. (Ob es ohne Dialektik geht, wird sich zeigen: Beide Bücher sind ja im Grunde die Fortsetzung der Dialektik mit anderen Mitteln.)

Ich bin kein Fan von Sippenhaft, wie einige im deutschen Feuilleton, in unguter deutscher Traditionslinie übrigens, aber da auch in Simon Strauß‘ Buch vom jungen Mann die Rede ist und auch kurz in Absatzbewegung eine Vaterfigur genannt wird, verweise ich, nur als lose Assoziation, auf Botho Straußʼ Roman von 1984: Der junge Mann, ein Buch, das wir damals in unserer Jugend heiß debattieren, und für spätere Literaturwissenschaftler könnte es interessant sein, hier Referenzen aufzumachen. Bei Botho Strauß heißt es:

„Manchmal wurde die Langeweile schier unerträglich. Es nützte dann wenig, wenn ich mich auf der Terrasse unserer kleinen Pension in einen Liegestuhl warf und mir ausmalte, ich kampiere im zentralamerikanischen Regenwald und müßte die Geduld eines Forschungsreisenden aus dem vorigen Jahrhundert aufbringen, der vielleicht monatelang untätig auf die erste Begegnung mit einem wilden Indianerstamm wartete.“

Auch bei Simon Strauß finden wir diese Furcht vor der Langeweile, die Flucht aus dem Ennui. Und ebenfalls ist dieses Motiv bei dem Theoretiker der Plötzlichkeit und des Augenblicks nachzulesen: Karl Heinz Bohrer, der in seinen beiden Autobiographien Granatsplitter und Jetzt vom Entsetzen schreibt, das ihn überkam, als er auf die Existenz des Angestellten blickte. Purer Ästhetizismus zwar und Weltflucht, aber im Sinne eines hegelschen An-sichs zeigt sich hier bereits die richtige Regung, wie nicht zu leben sei.

Die Gefühle in ihrer Benennung mögen in beiden Zeiten ähnlich sein, aber die Register werden anders bespielt. Und das eben, diese Distanz in der Zeit bei gleichbleibender Phänomenlage, ist das interessante an der Chose Jugend, wie sie beide Autoren bearbeiten. Ob Ähnliches wirklich Gleiches meint, bezweifle ich. Simon Strauß schreibt unter anders-modernen Bedingungen. Und da greift der Begriff des Ennui besser, weitergeführt in die Spätmoderne. Insofern dürfte auch die Anspielung auf den Bettler in Sieben Nächte nicht frei vom Zufall sein, wenn man an Baudelaires Prosaminiatur „Assomons les pauvres“ denkt. „Ich trat den Bettlern ihren Becher weg, …“ (Strauß) Klar, deutlich und direkt.

Zudem tauchen jene Todsünden auch in Baudelaires Blumen des Bösen als Schlüsselwörter auf. Solche Referenzen machen ein Buch nicht besser oder per se literarisch gelungen, sondern es stellt sich im Lektürekontext die Frage, ob sie funktionieren. Ja, das tun sie, denn in beiden Fällen, bei Baudelaire wie bei Strauß ist die Folie fürs Beschreiben eine durchkapitalisierte Gesellschaft, sozusagen das Stahlgehäuse der kalten Rationalität, gegen das beide in ihre Weise opponieren. Strauß sehr viel verspielter (oder fohlenhafter) als Baudelaire. Aber dies ist das Privileg der nicht mehr ganz so jungen Jugend – freilich: mit 30 steht man auf der Grenze und die Furcht erwachsen zu werden, kippt irgendwann ins Lächerliche, wenn es in die Daueradoleszenz gleitet. Auch dies bedenkt das Buch von Strauß.

Ebenso wird in mancher Kritik am Buch die Romantik genannt. Wenn ich mir Sieben Nächte besehe, dann findet sich darin allerdings viel weniger eine Nähe zu sogenannten romantischen Denkfiguren – allenfalls kann man, wie Jan Drees dies im Titel seiner Buchkritik herausstellte, was das Schwelgerische betrifft, eine Nähe zu Tiecks/Wackenroders „Herzensergießungen“ finden, aber auch das halte ich für eine eher lose Assoziation.

Vielmehr fügt sich Strauß‘ Text in jene ästhetische Figuration, die in Martin Seels Buch Die Kunst der Entzweiung als Entzugsästhetik benannt wird, und das steht in einer Tradition, die von Nietzsche, über Paul Valéry bis hin zu Karl Heinz Bohrer und seiner Ästhetik der Plötzlichkeit reicht, nämlich eine Intensität zu schaffen. Man kann darüber streiten, ob Strauß‘ Text in dieser Hinsicht ästhetisch gelungen ist, ob die Pathosformeln funktionieren, doch mit Nazi, AfD und Neurechts hat all das soviel zu tun wie die surrealistischen Manifeste mit einem Pamphlet für Amokläufer. Man kann das, woran Strauß anknüpft, eine Ästhetik des Augenblicks nennen, an dem einer verweilt. Das wird bei Strauß durch die sieben Todsünden konfiguriert, die im Lauf dieser Geschichte solche Augenblicke abstecken. Augenblicke der Lust, des Gefühls, der Leidenschaften vor allem, wo Ratio nur eine geringe Rolle spielt. Die Brechung wird dabei in der Kritik häufig überlesen. Wie schon bei Krachts Faserland oder in Imperium.

Auf solches Denken des Augenblicks weist auch die Konstruktion des Buches, wenn zu Beginn eine Teufelsfigur auftritt und die Geschichte als ein faustischer Reigen konzipiert ist, nur daß es hier nicht mehr um die umfassende Erkenntnis geht. Sie ist unter spätmodernen Bedingungen nicht mehr zu haben, eine Erkenntnis im Geist der Goethezeit, die aufs Ganze greift, wo Geist, Vernunft und Gefühl, Verstand, Sentiment, Sinnlichkeit und Sittlichkeit in trauter Runde (oder am Ende von Hegels Phänomenologie) im bacchantischen Taumel aufgehoben scheinen. Vielmehr werden uns bei Strauß diese Augenblicke, bei denen man nur noch bedingt sagen kann, „Verweile doch, du bist so schön“, ereignishaft und eruptiv vorgeführt. Die Momente sind iterativ, meist schal und leer, wenngleich die Sprache oft rauschaft und mit Metaphern und Bildern gesättigt ist. Die Schönheit des Augenblicks immer wieder fassen wollen und doch entgleitet es, schlechte Unendlichkeit sozusagen, unter der Bedingung von Jetztzeit, Sehnsucht als Selbstzweck:

„Auch in fremden Wohnungen war ich lange nicht mehr. Wie großartig das Gefühl, zum ersten Mal mit einem Mädchen die knarrende Treppen hochzusteigen. Ohne ihren Namen zu kennen, nur in Begleitung ihrer Schritte zu sein. Ich habe das immer am meisten genossen, viel mehr als das, was danach kam – dieser Moment, in dem man noch nichts voneinander wusste, sich alles noch ausmalen konnte.“

Jene Stunde der Imagination, Strauß findet dafür in den unterschiedlichen Sündenszenen teils schöne Bilder – nicht alles immer ganz gelungen, aber die Tendenz stimmt. Bei der Luxuria etwa, während des Maskenballs, wo der Erzähler seine Gedanken sammelt und selbstreflexiv aufs Geschehen kapriziert, heißt es nicht untreffend, aufs Ganze denkend:

„Zwischen Schönheit und Verzweiflung liegt nur ein Wort: Wollust. Man kann sie nicht provozieren, es nützt nichts, den Badewannenrand mit Teelichtern zu schmücken und Lavendelblüten herabrieseln zu lassen. Auch das Nacktsein ruft sie nicht hervor. Schöne Brüste können kalt sein. Und starke Arme sich dumpf anfühlen. Wer mit Absicht Wollust sucht, wird sie nicht finden. Der wird sich höchstens mit ein bisschen Gier zufriedengeben müssen.“

Jugendliches Drängen, manchmal ein Stürmen finden wir in den Bildern:

„Ich werde Akademien gründen, an denen Gefühle erforscht werden, nicht Theorien“.

Solches muß man zugleich ernst und ironisch lesen. Nicht anders als Krachts Faserland, mit dem das Buch gerne verglichen wird. Pathos, das einzig der Jugend vorbehalten ist und dort schön ist, weil es, wie der Kleistsche Jüngling im Marionetten-Theater anmutig es selbst ist. Aufbegehren. Aber Strauß bricht diese Momente, die in der Frühmoderne noch funktionierten, mittels des Texttones.

„Es würde eine Akademie sein, an der die Sinnlichkeit großgeschrieben wird, wo man in den Übungen Rotwein trinken und als Abschlussarbeit Manifeste schreiben darf. Ein Ort, an dem man lernt, Feuer zu machen, nicht nur die Löschdecke zusammenzufalten.“

Wenn es denn so wäre, wäre es schön. Man soll sich die Zeit, als das Wünschen noch half, lange bewahren. Freilich ist dies nur in Gedankenspielen, denn zu den Akademien, schon gar nicht die von Platon und Aristoteles, wird es am Ende nicht reichen, zumal dies Träumen unter der Rubrik Superbia, also dem Hochmut angesiedelt ist. Diese enttäuschende Erkenntnis vom Scheitern trägt am Ende auch der junge Held in sich und wird abgeklärt aus der Prüfung steigen.

Dieser Wunsch nach Intensität, wie ihn der Strauß einerseits beschwört und zugleich im Schreibgestus doch wieder bannt und eben – selbstreflexiv und damit in ein postmodernes Spiel eintretend, auch beschreibt – aber es gibt kein richtiges Leben im falschen –, einmal noch, bevor die Tretmühle und die Routine ansetzt, gelebt zu haben – das ist ein verständliches Begehren, das jede Jugend als Stimmungsschwankung durchmacht und intensiviert. Zeitlich verzögertes Coming-of-Age-Ding. Weshalb nicht? Dieser Wunsch nach später Rebellion oder eben nach einer letzten ästhetischen Intensität aber sagt zugleich viel über unser genormtes und standardisiertes Leben aus.

„Aber bald, sehr bald werde ich mich festlegen müssen. Auf ein Leben, eine Arbeit, eine Frau. (…) Ordnung wird herrschen und ich ein Untergebener meines Ehrgeizes.“

Man kann diese Haltung post-pubertär nennen, das Spiel verwöhnter Jünglinge. Dabei übersieht man aber die Struktur des Textes und welchen Stellenwert solche Statements als zugleich kritische haben. Nämlich Kritik einer Haltung, Kritik auf der Metaebene, so wie sie der Protagonist an den Ironikern und ihrem unverbindlichen Spiel übt, kritisiert der Autor seine eigene Figur und führt sie oder führt sich selbst vor. In Strauß‘ Prosa kommt keiner besser weg: Weder der Ironiker, noch der thymotische Pathosfanatiker. Kein Ort, nirgends. Man kann an dieser Prosa manches kritisieren, etwa den (scheinbar) affirmativen Gestus:

„Aber eine Gesellschaft, in der sich niemand mehr zum Ganzen bekennt, ist auf Dauer nicht überlebensfähig“

Doch sollte der Kritiker dabei nicht vergessen, daß es sich um Rollenprosa handelt, um ein nicht eigentliches Sprechen, hier erzählt einer, der über die Todsünde Hochmut schreibt. Daß an dieser Stelle einer im Größenwahn spricht und also das, was wir lesen, keine sachliche Rede ist, egal, wie wir nun das Genre dieses Buches einschätzen, zeigt sich an jener kurz darauf folgenden Passage: „Wenn ich erst einmal an der Macht bin, …“

Solcher ereignishafte Widerstand, der eruptiv sein will und ausbrechen möchte, unterliegt einem tückischen Spiel: daß alle Taten schon tausendmal getan wurden und noch die provokante Geste der Verstoßes bereits einkalkuliert ist. So wirkt dann eine Prosa zwangsläufig bekenntnishaft, was mache an Strauß kritisierten.

Goethe bemerkte gegenüber Eckermann angesichts der „neuesten französischen Dichter“:

„Das Klassische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke. Und da sind die Nibelungen klassisch wie der Homer, denn beide sind gesund und tüchtig. Das meiste Neuere ist nicht romantisch, weil es neu, sondern weil es schwach, kränklich und krank ist, und das Alte ist nicht klassisch, weil es alt, sondern weil es stark, frisch, froh und gesund ist.“

Wir sehen – das Phänomen der Décadence ist keine neue Sache. Nicht Houellebecq, nicht Thomas Manns (vermittelter) Gegensatz von gesund-pausbackig und krank-künstlerisch, nicht Rilkes Malte Laurids Brigges grübelndes Treiben durch die Stadt. In diesem Sinne steht Simon Strauß‘ Buch in der schönen Reihe der Décadence-Texte, die einerseits das Liderliche preisen und doch an der Welt leiden und als Kraftmenschen darüber hinaus wachsen wollen. Die „Verzückungsspitzen des Daseins“ (Nietzsche) auskostend. Doch ist dieses ganze Treiben bei Strauß ironisch gebrochen. Wir Alten schauen dabei nur noch zu, denn sowohl das Pathos, wie auch die Ironie der Distanz sind Privileg der Jugend. Manche blicken mit Zorn (Todsünde), manche in Trägheit (Todsünde), manche voll Neid (ebenfalls) oder eben mit Anerkennung. Es ist ein schönes Buch geworden. Nicht in jedem Satz, in jedem Bild, in jeder Metapher stimmig, da hätte ein wenig mehr Arbeit vielleicht gutgetan. Wir Älteren mögen es eben gerne gut abgehangen. Oder wie es Renate von den Wikingern in jenem Torfrocksong sagt: Wer lang hat, läßt lang hängen.

Aber so witzig ist die Sache des Alterns nicht, obwohl man die Heinrich-Heine-Ironie und seinen Humor niemals verlernen sollte. Für uns Ältere bleibt das, was Eva Strittmatter als Bilanz bedichtete:

„Wir alle haben viel verloren.
Täusche dich nicht: auch ich und du.
Weltoffen wurden wir geboren.
Jetzt halten wir die Türen zu.

Wir fragen kalt, die wir einst kannten:
Was machst denn du, und was macht der?
Und wie wir in der Jugend brannten…
Jetzt glühn wir anders. So nie mehr.“

Die Jungen wissen davon noch nichts.

Simon Strauß: „Sieben Nächte“, Blumenbar 2017, 144 Seiten, 16,00 EUR, ISBN 978-3-351-05041-2

2 Gedanken zu „Im Dickicht junger Männerblüte – Simon Strauß „Sieben Nächte“

  1. Die Brechung wird dabei in der Kritik häufig überlesen. Wie schon bei Krachts Faserland oder in Imperium.

    Das ist natürlich ein Punkt.

    Und die Szene mit der Treppe – auch plausibel, sehr sogar.

    Und diese alte Kleist Frage, in welche Richtung man – später, nach der Kindheit und Jugend gehen müsse, wenn man das Paradies suche – oh, naja: Dahin zielt ja Strauß. Ok. Ist ok.

    Alles das ist ok – – – aber Neuland ist es grade nicht.

    Naja: Und wenn man dann sagt, die AfD kritisiert als einzige Partei in entschiedener Weise den von der Kanzlerin installierten ungeregelten Zuzug, dann kommt bereits: System overload – cancel, delete…Und das ist unangemessen.

    (Ihre Rezension ist das beste, was ich bisher zu Strauß gelesen habe).

  2. Vielen Dank für ihr Lob. Ich denke auch, was Strauß macht, ist kein Neuland, aber wir entdecken eben den Nordpol nicht immer wieder neu. Solche Sachen sind Ereignis und selten. Zumindest hat mich das Buch zum Nachdenken, zum Ästhetisieren und Imaginieren gebracht. Besonders der Frauenbesuch und die Szene, wo der Protagonist beschreibt, wie er hinterher am Fenster steht und so gerne hinausschaut.

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