Jene Hamburger Jahre. Zum Tod Uwe Kopfs

Heute vor einem Jahr verstarb der Kolumnist, Musikkritiker und Romanautor Uwe Kopf. Wer in den 80er Jahren in Hamburg lebte, sich für Musik interessierte und das einschlägig bekannte Stadt-Magazin „Szene Hamburg“ las, wird ihn kennen. „Tempo“-Leser vermutlich ebenfalls. Alle anderen haben im Leben etwas versäumt. Knapp nach Kopfs Tod erschien sein erster und letzter Roman mit dem schönen und rätselhaften Titel „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“. Kopf konnte ihn gerade noch vollenden und das vollständige Rohmanuskript abgeben. So kamen wir in den Genuß eines herrlichen Buches. Doch dazu später mehr, in einer separaten Kritik nächste Woche, zunächst ein paar persönliche Worte zu Uwe Kopf.

Als ich in den 80er Jahren Popmusik-Kritiken zu lesen begann, eher widerwillig, stieß ich schnell auf den Namen Kopf. Ihn oder genauer seine Texte zeichnete ein klarer und böse-bissiger Ton aus, treffend in mehrfachem Sinne. Ironisch, wortwitzig. Er konnte vernichten und spotten, doch er konnte genauso loben und den Sinn einer Platte herausstellen. Und manchmal eben auch den Unsinn solcher Musik. Nicht bloß aus einem vagen Gefühl heraus geschahen Verriß oder Preisung, sondern sprachlich versiert sezierte Kopf eine Platte oder ein Konzert.

Selbst wenn ich als Leser Kopfs Urteil nicht teilte, goutierte ich doch seinen Ton und den Witz seines Arguments. Allein um des Schreibtons willen las ich diese herrlichen Glossen. Kopf schrieb für das Stadtmagazin Szene-Hamburg, das wir alle damals kauften. „Szene“ war deutlich pfiffiger als das etwas zu betulich-alternative „Oxmox“, das eher für den Jahrgang einer älteren Schwester oder jung gebliebener Eltern gemacht war und qualitativ deutlich besser als das viel zu grelle und popperhafte „Prinz“, das zudem von Ahnungs- und Witzlosen beschrieben wurde.

Später im Studium entdeckte ich diese Art des Kopf-Schreibens auch bei Karl Kraus, freilich um einige Drehungen subtiler. Aber hier, beim Pop und bei Kopf paßte es, Oberfläche und Tiefe waren gut austariert. Sätze wie „Lieber Aids haben, als so auszusehen wie Jimmy Somerville“ (Sänger von Bronski Beat) trafen damals meinen Geist von Zeit und bösem Witz – zumal ich diese Band nicht mochte. Und auch, daß Kopf gerne Weiberärschen nachsah, befriedigte und stieß auf Wohlwollen. Warum verschweigen, was in den meisten Köpfen von Menschen vorgeht? Keiner ahnte damals, daß ein neues viktorianisches Zeitalter bevorstand. Diesmal im Zeichen einer tugendterroristischen Gender-Linken, linke Ideale von Liberalität und Freiheit verratend.

Kopfs Verrisse waren legendär und böse. Manchmal auch liebevoll-böse, wenn er über Wolfgang Broschs Krachscheibe „Sic Transit Gloria Mundi“ immer vom Bröschchen sprach. Wer Wolfgang Brosch kannte, wie er cool im Plattenladen „Michele“ hinter der Kasse hockte, mit langen Haaren und hartem Blick, wird erdenken können, daß Kopf hier teils treffend, teils aber auch mit liebevollem Ton die Sache gut auf den Begriff brachte: Das Szene-In-Gebrummel vom Brosch und von vielen anderen – das, was heute vermutlich als toxische Männlichkeit gelabelt würde – war eine Form von Versteckspiel und gehörte zum guten Ton in der Hamburger Düsterszene (und nicht nur dort) mit dazu.

Während des Studiums im Sommer, die DDR gab es noch, aber die 80er näherten sich ihrem Ende, was sich auch musikalisch bemerkbar machte, ein neuer Klang hielt Einzug, hockten die ultrahübsche dunkelhaarige, schwarzkittelige Catrin und der brave Bersarin oft auf dem Campus am Rasenrand, nach einer Vorlesung zur Französischen Philosophie im 20 Jahrhundert etwa. Während wir von den Kopf-Kritiken schwärmten und über den bösen Ton lachten, während sie manchmal etwas zu freizügig dasaß und ich meinen Blick der jungen Jahre versuchte, möglichst unschuldig und unverfänglich in der Gegend schweifen zu lassen statt auf Schambehaarung und ihr zartes, weißes Fleisch der Oberschenkel oder die schönen herausflupschenden Brüste zu sehen, denn immerhin nannte C. mich, meist leicht spöttisch, „Herr Geist“, während ich dies mit einem koketten „Frau Körper“ erwiderte: so mußte ich beim verstohlenen Schauen schließlich meinem Ruf als Geist und als Ästhetiker zugleich gerecht werden.

Das war nicht ganz einfach, wenn man einerseits über Sartre und die Metaphysik sprach und andererseits auf eine sehr erotische und knappe Unterhose schaute, während manche Frau in der Kunstgeschichte noch Frotteehöschen trug, was heute wiederum cool wäre. Soviel nur: es war eine wunderbare Zeit der Freiheit. Es wurde geraucht, getrunken, böse gewitzelt, geglotzt und gesehnt und wohl auch viel  gevögelt und gefummelt vor allem. Also ganz anders als die Prüderie der heute so korrekten Studenten, die sogar, wie vom System gefordert, richtig gendern und brav, wie es sein soll, in der abgezirkelten Raucherzone rauchen und die dafür plädieren, alles, was die zarten Schneeflöckchen nur leicht verstören könnte, von Wand und Tafel zu entfernen – und sei es bloß ein Gedicht.

Soviel nur als kleines Vorspiel zu Uwe Kopf. Irgendwann verlor ich seine Kolumnen aus den Augen, ich glaube, er schrieb nicht mehr für die „Szene“, und ich beschäftigte mich, was die Ästhetik betraf, nicht so sehr mit Musik, sondern mit anderen Medien. Und auch „Tempo“ interessierte mich als altklugjungen Adorniten und Hegelianer nicht sonders. Doch gedacht habe ich immer wieder an diese Art von Schreibe, diesen Stil, vor allem wollte da einer nicht auf Jungderrrida machen oder Plattenkritik à la Lacan fabrizieren, sondern Kopf erzählte uns von der Musik. Ich vermißte Kopf und ich vermisse diesen Stil Kopfs bei den meisten Kritikern des etablierten Feuilletons. Ich vermißte ihn eigentlich immerzu.

Ein wenig fand ich diesen gewitzten Ton und den Spott beim frühen Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“, vor 12 Jahren, aber dort wurde es irgendwann abgestanden und schal und auch das politisch Korrekte, die Sauberkeitserziehung dieser Generation der Überangepaßten war meine Sache nicht. Also das Gegenteil von all dem, wofür Uwe Kopfs Schreiben stand. Sowieso war Kopf in seiner Bosheit noch viel böser, in seiner Schärfe schärfer, in seiner Apodiktik apodiktischer und es kam bei ihm immer auch dieser Ton von Schwermut mit hinzu – ein vielleicht nicht ganz und gar treffendes Wort, aber ich finde kein anderes.

Nein, ich kannte Uwe Kopf nicht persönlich und wäre auch nicht auf die Idee gekommen, ihn irgendwo anzusprechen oder anzuschreiben. Irgendwann, es gibt diese Zeit, wo man bemerkt älter zu werden und das zeigt sich daran, daß der Modus des Erinnerns zunehmend aktiviert wird, statt des Modus Leben: das Leben also einfach als Leben zu nehmen, so wie damals auf dem Campus mit C. oder mit anderen schönen Menschen, irgendwann also googelte ich Uwe Kopf, sah daß er eine Kolumne für die B.Z. schrieb. Erst 2016 stieß ich bei meinem Facebookfreund Sven Heuchert (Dunkels Gesetz, Rezension von mir hier bei AISTHESIS.) auf einen gewissen Uwe Kopf und dachte mir, vom Textton  und auch von dem seltsamen Bild her, obwohl sich Uwe Kopf mit Bildern bedeckt hielt, in der „Szene“ fand ich damals nie (oder nur ein einziges Mal) eines von ihm, daß dies doch wohl jener Kopf aus meiner Hamburger Zeit sein müsse.

Er war es dann auch, wie ich bemerkte und was man unschwer an seiner Art zu kommentieren und zu schreiben herauslesen konnte. Artig bedankte ich mich bei ihm auf Svens Profil – auch mit einer Anekdote: Denn meine Kopftextversessenheit war damals so groß, daß ich Ende der achtziger Jahre ein Buch mir in der Auslage griff, worauf der Titel stand „Von der Nutzlosigkeit erwachsen zu werden“ von Uwe Kopf und zudem von einem Georg Heinzen, den ich nicht kannte. Ein eigentlich hellsichtiges Buch, vom Titel her, das ein Zeitgeistphänomen, welches im Grunde erst Mitte der 90er bis weit in die 00er Jahre zu einer Marotte von Männern und auch von Frauen sich auswuchs, hier bereits in den endenden 80er zart andeutete. Als ich das Buch dann, von der Heinrich Heine Buchhandlung zu Hause angekommen, aufschlug und mir nochmal das Cover betrachtete, stand da aber als Autorenname nur Uwe Koch. Das Buch war trotzdem gut. Blindheit aus Einsicht.

Was fehlt mir? Ein Buch mit Kopfs besten Kritiken und Artikeln. Manchmal läßt sich gerade aus solch flüchtigen Phänomenen wie Popmusik samt ihrer Kritik so etwas wie der Geist einer bestimmten Epoche ablesen. Jene schweren und zugleich so unendlich leichten 80er Jahre, wo manche dachten, die Welt ginge wegen Atomkraft, Waldsterben, Atomraketen unter. Sie tat es nicht, sie machte weiter. Trotz Tschernobyl. Ich denke mittlerweile, die Welt steht als Mittelpunkt immer gleich nah zum Untergang. Egal von welcher Position aus man schaut. Allerdings hat das Atom einen Umschlag der Quantität in eine neue Qualität bewirkt. Günter Anders erkannte dies in seinem Buch „Die Antiquiertheit des Menschen“ früh und sprach von der promethischen Scham. Vielleicht aber deutete jener Buchtitel „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera, der dann 1988 auch verfilmt wurde, jene Zeit der 80er Jahre gut an und liefert vom Titel her eine passenden Slogan, um diese Zeit in einer Redewendung zu zeichnen.

Kopfs Kritiken und Texte gehörten für mich zu diesen wunderbaren, wilden, schönen und manchmal auch liebestraurigen Jahren. Womit ich im nächsten Zug bei Uwe Kopfs zartem, schönen, frechen und melancholischen Hamburg-Roman angelangt bin: „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“. Uwe Kopf hätte, als strenger Redakteur aus den beiden letzten Sätzen alle acht Adjektive gestrichen und auch sonst manches hier im Text gestrichen, verbessert, kritisiert. Nun lebt er aber nicht mehr, ich schalte und walte also relativ frei, und so gebe ich in schöner Erinnerung an Uwe Kopf noch einmal jenes „Regelwerk“ mit auf den Weg, das Kopf als Textredakteur seinen Tempo-Schreibern ans Herz zwang.

Bildquelle: B.Z., Photo: Friederike John
https://www.bz-berlin.de/kultur/fernsehen/zum-tod-von-b-z-kolumnist-uwe-kopf

11 Gedanken zu „Jene Hamburger Jahre. Zum Tod Uwe Kopfs

  1. Muss gestehen, den Sager über Jimmy Sommerville und Aids finde ich ziemlich panne, obschon ich auch nicht ausschließen kann, dass ich den Spruch vor 30 Jahren vielleicht lustig gefunden hätte. Aus jenen „Tempo“-Zeiten erinnere ich lediglich die „100 Zeilen Hass“-Kolumne von Maxim Biller. Uwe Kopf ist mir nicht im Gedächtnis geblieben, aber seine Richtlinien zum Redigieren könnte man auch heute noch so unterschreiben (nur dass ich Punkt 8 nicht so streng handhaben würde).

  2. Klar war das damals ein wenig dem Geist der Zeit geschuldet. Heute würde man für solche Sätze vom Tugendwächterrat gesteinigt. Das ist sicherlich ein Schreibsound, der eher den jungen Jahren vorbehalten ist, wenn es stürmt und drängt.

  3. Für mich erscheint immer merkwürdig, unter welchen Gesichtspunkten Tempo und Umfeld, Biller und so heute gesehen werden. Für uns waren das Yuppieh-Spacken, die Totengräber linker Publizistik, die Art von Szene denen wir, wenn sie uns nachts über den Weg liefen, schon mal mit „Eat-eat-eat-the-rich!“ Beine machten. Wir waren selbst Stürmer und Dränger und jung und wild, und in unserer Wahrnehmungswelt waren die Zeitgeistpopper ebenso Feinde wie die Naziskins, ja es gab welche die meinten die Faschos hätten wenigstens proletarische Wurzeln und seien keine solchen Schnösel.

  4. Ach che, wir hatten die Debatte um die Zeitgeistmagazine ja schon mehrfach andernorts. Auf alle Fälle stürmten und drängten „Tempo“ & Co. aus so mancher eingestaubten Schublade, wild war das manchmal auch, aber auf eine andere Art als es sich linken Krawallos erschlossen hätte. ;-)

  5. Tempo hat mich damals nie interessiert. Ebensowenig wie die politische Linke dieser Zeit. Allerdings besaß das Gros der linken Publizistik (und nicht nur die) einen ganz anderen Totengräber: nämlich sich selbst. Sieht man einmal von Wolfgang Pohrt ab. Solche Köpfe gibt es viel zu wenige. Bei der Edition Tiamat erscheint bald eine Werksausgabe.

    Ansonsten sollte man zwischen Biller und Kopf aber doch differenzieren und auch Tempo sollte man differenziert und nach Artikel und Autor betrachten. Alles über einen Leisten zu schlagen, ist da wenig hilfreich. Übrigens konnte man politisch durchaus links sein und dennoch Tempo gut und witzig und interessant finden. Was die Moderne angeht, so lebten Teile diese Linke in der Tat nicht nur auf, sondern glatt hinterm Mond. Tempo brachte da einen frischen Wind hinein. Ebenso Autoren wie Rainald Goetz. Man muß das nicht alles gut finden, was Tempo tat, aber es öffnete doch andere Tore und Perspektiven als das ewige Hoch-die-Internationale-Rufen, was ich damals schon als abgestanden empfand. Was daran liegen mag, daß mir Kundgebungskollektivismus und Menschmassen zuwider sind.

  6. Kopf beziehe ich hier ja gar nicht ein, finde noch nicht einmal Maxim Biller selber schlecht, nur die heutige, posthume Wahrnehmung von Tempo als radikal anderem Medium (nicht durch Dich, sondern den heutigen Popdiskurs von Poschardt bis Don Alphonso) stößt mir auf. Denn damals gab es bei Tempo diesen Ansatz amerikanischen New Journalism in der Tradition Hunter S.Thompsons auf Deutsch zu bringen, der wurde aber nicht wirklich eingelöst und zudem vermischt mit dem Anspruch Trendsetter-Magazin zu sein (ganz unkritisch und unpolitisch, so im Sinne von Vorgeber neuer Moden und Musikhörgewohnheiten, bei Lichte eher so etwas wie Bravo für Erwachsene) und gleichzeitig feierte das Yuppieh-Popper-Publikum Tempo und Wiener als ihre Presse. Eine sehr krasse Mischung, die m.E. nicht der retrospektiven Sicht auf diese Zeitschrift entspricht, die eher verklärend ist.

  7. Na ja, Don Alphonso sehe ich deutlich freundlicher, die meisten seiner Positionen teile ich und der Don ist integer, was die Medienpolitik betrifft. (Zumindest so wie ich es wahrnehme.) Bei Poschardt ist es anders. Das ist ein furchbares Geschwätz, Springer-Type, der Frau und Mutter an sonstwen verkaufen würde, wenn es der Auflage dient. Na ja, ein Geschäftsmann eben, zumindest weiß er, wie man Auflage generiert.

    Die rückblickende Verklärung von Tempo ist sicherlich falsch, mich hat diese Zeitung damals nicht interessiert. Aber historisch genommen, um zu sehen, wie die Jetzzeit wurde, wie sie ist, scheint mir der Blick auf solche Magazine zumindest in der Analyse interessant.

  8. An der Integrität des Don ist nicht zu rütteln, aber er ist der extremste Tempo-Fan den ich je kennengelernt habe, nur deshalb erwähnte ich ihn in diesem Zusammenhang. Fest steht dass heute ein Kult um Tempo gemacht wird den ich angesichts der damaligen Wirkung der Zeitschrift nicht nachvollziehen kann.

  9. „Lieber Aids haben, als so auszusehen wie Jimmy Somerville“ war aus dem Aids-Tagebuch von O. D. Marx, nicht von Uwe Kopf.

  10. Danke für den Hinweis. Ich hatte aus dem Gedächtnis zitiert und schrieb diesen Satz damals Uwe Kopf zu. So kann man sich täuschen. Allerdings könnte er von der Bosheit her durchaus von Kopf sein.

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